Und da wurde es weit um Gott, und er hob sein Gesicht, welches über

Italien war, frei empor und schaute um sich: in Mänteln und Mitren

standen die Heiligen da, und die Engel gingen mit ihren Gesängen wie mit

Krügen voll glänzenden Quells unter den dürstenden Sternen umher, und es

war der Himmel kein Ende.«

Mein lahmer Freund hob seine Blicke und duldete, daß die Abendwolken sie

mitzogen über den Himmel hin: »Ist Gott denn _dort_?« fragte er. Ich

schwieg. Dann neigte ich mich zu ihm: »Ewald, sind wir denn _hier_?« Und

wir hielten uns herzlich die Hände.

WIE DER FINGERHUT DAZU KAM, DER LIEBE GOTT ZU SEIN

Als ich vom Fenster forttrat, waren die Abendwolken immer noch da. Sie

schienen zu warten. Soll ich ihnen auch eine Geschichte erzählen? Ich

schlug es ihnen vor. Aber sie hörten mich gar nicht. Um mich

verständlich zu machen und die Entfernung zwischen uns zu beschränken,

rief ich: »Ich bin auch eine Abendwolke.« Sie blieben stehen, offenbar

betrachteten sie mich. Dann streckten sie mir ihre feinen,

durchscheinenden rötlichen Flügel entgegen. Das ist die Art, wie

Abendwolken sich begrüßen. Sie hatten mich erkannt.

»Wir sind über der Erde,« -- erklärten sie -- »genauer über Europa, und

du?« Ich zögerte: »Es ist da ein Land --« »Wie sieht es aus?«

erkundigten sie sich. »Nun,« entgegnete ich -- »Dämmerung mit Dingen --«

»Das ist Europa auch,« lachte eine junge Wolke. »Möglich,« sagte ich,

»aber ich habe immer gehört: die Dinge in Europa sind tot.« »Ja,

allerdings,« bemerkte eine andere verächtlich. »Was wäre das für ein

Unsinn: lebende Dinge?« »Nun,« beharrte ich, »meine leben. Das ist also

der Unterschied. Sie können verschiedenes werden, und ein Ding, welches

als Bleistift oder als Ofen zur Welt kommt, muß deshalb noch nicht an

seinem Fortkommen verzweifeln. Ein Bleistift kann mal ein Stock, wenn es

gut geht, ein Mastbaum, ein Ofen aber mindestens ein Stadttor werden.«

»Du scheinst mir eine recht einfältige Abendwolke zu sein,« sagte die

junge Wolke, welche sich schon früher so wenig zurückhaltend ausgedrückt

hatte. Ein alter Wolkerich fürchtete, sie könnte mich beleidigt haben.

»Es gibt ganz verschiedene Länder,« begütigte er, »ich war einmal über

ein kleines deutsches Fürstentum geraten, und ich glaube bis heute

nicht, daß das zu Europa gehörte.« Ich dankte ihm und sagte: »Wir werden

uns schwer einigen können, sehe ich. Erlauben Sie, ich werde Ihnen

einfach das erzählen, was ich in der letzten Zeit unter mir erblickte,

das wird wohl das beste sein.« »Bitte,« gestattete der weise Wolkerich

im Auftrage aller. Ich begann: »Menschen sind in einer Stube. Ich bin

ziemlich hoch, müßt ihr wissen, und so kommt es: sie sehen für mich wie

Kinder aus; deshalb will ich auch einfach sagen: Kinder. Also: Kinder

sind in einer Stube. Zwei, fünf, sechs, sieben Kinder. Es würde zu lange

dauern, sie um ihre Namen zu fragen. Übrigens scheinen die Kinder eifrig

etwas zu besprechen; bei dieser Gelegenheit wird sich ja der eine oder

der andere Name verraten. Sie stehen wohl schon eine ganze Weile so

beisammen, denn der älteste (ich vernehme, daß er Hans gerufen wird)

bemerkt gleichsam abschließend: 'Nein, so kann es entschieden nicht

bleiben. Ich habe gehört, früher haben die Eltern den Kindern am Abend

immer, oder wenigstens an braven Abenden -- Geschichten erzählt bis zum

Einschlafen. Kommt so etwas heute vor?' Eine kleine Pause, dann

antwortet Hans selbst: 'Es kommt nicht vor, nirgends. Ich für meinen

Teil, auch weil ich schon groß bin gewissermaßen, schenke ihnen ja gern

diese paar elenden Drachen, mit denen sie sich quälen würden, aber

immerhin, es gehört sich, daß sie uns sagen, es gibt Nixen, Zwerge,

Prinzen und Ungeheuer.' 'Ich habe eine Tante,' bemerkte eine Kleine,

'die erzählt mir manchmal --' 'Ach was,' schneidet Hans kurz ab, 'Tanten

gelten nicht, die lügen.' Die ganze Gesellschaft war sehr

eingeschüchtert angesichts dieser kühnen, aber unwiderlegten Behauptung.

Hans fährt fort: 'Auch handelt es sich hier vor allem um die Eltern,

weil diese gewissermaßen die Verpflichtung haben, uns in dieser Weise zu

unterrichten: bei den anderen ist es mehr Güte. Verlangen kann man es

nicht von ihnen. Aber gebt nur mal acht: was tun unsere Eltern? Sie

gehen mit bösen gekränkten Gesichtern umher, nichts ist ihnen recht, sie

schreien und schelten, aber dabei sind sie doch so gleichgültig, und

wenn die Welt unterginge, sie würden es kaum bemerken. Sie haben etwas,

was sie »Ideale« nennen. Vielleicht ist das auch so eine Art kleine

Kinder, die nicht allein bleiben dürfen und sehr viel Mühe machen; aber

dann hätten sie eben uns nicht haben dürfen. Nun, ich denke so, Kinder:

daß die Eltern uns vernachlässigen, ist traurig, gewiß. Aber wir würden

das dennoch ertragen, wenn es nicht ein Beweis wäre dafür, daß die

Großen überhaupt dumm werden, zurückgehen, wenn man so sagen darf. Wir

können ihren Verfall nicht aufhalten; denn wir können den ganzen Tag

keinen Einfluß auf sie ausüben, und kommen wir spät aus der Schule nach

Haus, wird kein Mensch verlangen, daß wir uns hinsetzen und versuchen,

sie für etwas Vernünftiges zu interessieren. Es tut einem auch recht

weh, wenn man so unter der Lampe sitzt und sitzt, und die Mutter

begreift nicht einmal den pythagoreischen Lehrsatz. Nun, es ist einmal

nicht anders. So werden die Großen immer dümmer werden ... es schadet

nichts: was kann uns dabei verloren gehen? die Bildung? Sie ziehen den

Hut voreinander, und wenn eine Glatze dabei zum Vorschein kommt, so

lachen sie. Überhaupt: sie lachen beständig. Wenn wir nicht dann und

wann so vernünftig wären, zu weinen, es gäbe durchaus kein Gleichgewicht

auch in diesen Angelegenheiten. Dabei sind sie von einem Hochmut: sie

behaupten sogar, der Kaiser sei ein Erwachsener. Ich habe in den

Zeitungen gelesen, der König von Spanien sei ein Kind, so ist es mit

allen Königen und Kaisern, -- laßt euch nur nichts einreden! Aber neben

allem Überflüssigen haben die Großen doch etwas, was uns durchaus nicht

gleichgültig sein kann: den lieben Gott. Ich habe ihn zwar noch bei

keinem von ihnen gesehen, -- aber gerade das ist verdächtig. Es ist mir

eingefallen, sie könnten ihn in ihrer Zerstreutheit, Geschäftigkeit und

Hast irgendwo verloren haben. Nun ist er aber etwas durchaus

Notwendiges. Verschiedenes kann ohne ihn nicht geschehen, die Sonne kann

nicht aufgehen, keine Kinder können kommen, aber auch das Brot wird

aufhören. Wenn es auch beim Bäcker herauskommt, der liebe Gott sitzt und

dreht die großen Mühlen. Es lassen sich leicht viele Gründe finden,

weshalb der liebe Gott etwas Unentbehrliches ist. Aber so viel steht

fest, die Großen kümmern sich nicht um ihn, also müssen wir Kinder es

tun. Hört, was ich mir ausgedacht habe. Wir sind genau sieben Kinder.

Jedes muß den lieben Gott einen Tag tragen, dann ist er die ganze Woche

bei uns, und man weiß immer, wo er sich gerade befindet.'

Hier entstand eine große Verlegenheit. Wie sollte das geschehen? Konnte

man denn den lieben Gott in die Hand nehmen oder in die Tasche stecken?

Dazu erzählte ein Kleiner: 'Ich war allein im Zimmer. Eine kleine Lampe

brannte nahe bei mir, und ich saß im Bett und sagte mein Abendgebet --

sehr laut. Es rührte sich etwas in meinen gefalteten Händen. Es war

weich und warm und wie ein kleines Vögelchen. Ich konnte die Hände nicht

auftun, denn das Gebet war noch nicht aus. Aber ich war sehr neugierig

und betete furchtbar schnell. Dann beim Amen machte ich so (der Kleine

streckte die Hände aus und spreizte die Finger), aber es war nichts da.'

Das konnten sich alle vorstellen. Auch Hans wußte keinen Rat. Alle

schauten ihn an. Und auf einmal sagte er: 'Das ist ja dumm. Ein jedes

Ding kann der liebe Gott sein. Man muß es ihm nur sagen.' Er wandte sich

an den ihm zunächst stehenden, rothaarigen Knaben. 'Ein Tier kann das

nicht. Es läuft davon. Aber ein Ding, siehst du, es steht, du kommst in

die Stube, bei Tag, bei Nacht, es ist immer da, es kann wohl der liebe

Gott sein.' Allmählich überzeugten sich die anderen davon. 'Aber wir

brauchen einen kleinen Gegenstand, den man überall mittragen kann, sonst

hat es ja keinen Sinn. Leert einmal alle eure Taschen aus.' Da zeigten

sich nun sehr seltsame Dinge: Papierschnitzel, Federmesser, Radiergummi,

Federn, Bindfaden, kleine Steine, Schrauben, Pfeifen, Holzspänchen und

vieles andere, was sich aus der Ferne gar nicht erkennen läßt, oder

wofür der Name mir fehlt. Und alle diese Dinge lagen in den seichten

Händen der Kinder, wie erschrocken über die plötzliche Möglichkeit, der

liebe Gott zu werden, und welches von ihnen ein bißchen glänzen konnte,

glänzte, um dem Hans zu gefallen. Lange schwankte die Wahl. Endlich fand

sich bei der kleinen Resi ein Fingerhut, den sie ihrer Mutter einmal

weggenommen hatte. Er war licht wie aus Silber, und um seiner Schönheit

willen wurde er der liebe Gott. Hans selbst steckte ihn ein, denn er

begann die Reihe, und alle Kinder gingen den ganzen Tag hinter ihm her

und waren stolz auf ihn. Nur schwer einigte man sich, wer ihn morgen

haben sollte, und Hans stellte in seiner Umsicht dann das Programm

gleich für die ganze Woche fest, damit kein Streit ausbräche.

Diese Einrichtung erwies sich im ganzen als überaus zweckmäßig. Wer den

lieben Gott gerade hatte, konnte man auf den ersten Blick erkennen. Denn

der Betreffende ging etwas steifer und feierlicher und machte ein

Gesicht wie am Sonntag. Die ersten drei Tage sprachen die Kinder von

nichts anderem. Jeden Augenblick verlangte eines den lieben Gott zu

sehen, und wenn sich der Fingerhut unter dem Einfluß seiner großen Würde

auch gar nicht verändert hatte, das Fingerhutliche an ihm erschien jetzt

nur als ein bescheidenes Kleid um seine wirkliche Gestalt. Alles ging

nach der Ordnung vor sich. Am Mittwoch hatte ihn Paul, am Donnerstag die

kleine Anna. Der Samstag kam. Die Kinder spielten Fangen und tollten

atemlos durcheinander, als Hans plötzlich rief: 'Wer hat denn den lieben

Gott?' Alle standen. Jedes sah das andere an. Keines erinnerte sich, ihn

seit zwei Tagen gesehen zu haben. Hans zählte ab, wer an der Reihe sei;

es kam heraus: die kleine Marie. Und nun verlangte man ohne weiteres von

der kleinen Marie den lieben Gott. Was war da zu tun? Die Kleine kratzte

in ihren Taschen herum. Jetzt fiel ihr erst ein, daß sie ihn am Morgen

erhalten hatte; aber jetzt war er fort, wahrscheinlich hatte sie ihn

hier beim Spielen verloren.

Und als alle Kinder nach Hause gingen, blieb die Kleine auf der Wiese

zurück und suchte. Das Gras war ziemlich hoch. Zweimal kamen Leute

vorüber und fragten, ob sie etwas verloren hätte. Jedesmal antwortete

das Kind: 'Einen Fingerhut' -- und suchte. Die Leute taten eine Weile

mit, wurden aber bald des Bückens müde, und einer riet im Fortgehen:

'Geh lieber nach Haus, man kann ja einen neuen kaufen.' Dennoch suchte

Mariechen weiter. Die Wiese wurde immer fremder in der Dämmerung, und

das Gras begann naß zu werden. Da kam wieder ein Mann. Er beugte sich

über das Kind: 'Was suchst du?' Jetzt antwortete Mariechen, nicht weit

vom Weinen, aber tapfer und trotzig: 'Den lieben Gott.' Der Fremde

lächelte, nahm sie einfach bei der Hand, und sie ließ sich führen, als

ob jetzt alles gut wäre. Unterwegs sagte der fremde Mann: 'Und sieh mal,

was ich heute für einen schönen Fingerhut gefunden habe.' --«

Die Abendwolken waren schon längst ungeduldig. Jetzt wandte sich der

weise Wolkerich, welcher indessen dick geworden war, zu mir: »Verzeihen

Sie, dürfte ich nicht den Namen des Landes -- über welchem Sie --« Aber

die anderen Wolken liefen lachend in den Himmel hinein und zogen den

Alten mit.

EIN MÄRCHEN VOM TOD UND EINE FREMDE NACHSCHRIFT DAZU

Ich schaute noch immer hinauf in den langsam verlöschenden Abendhimmel,

als jemand sagte: »Sie scheinen sich ja für das Land da oben sehr zu

interessieren?«

Mein Blick fiel schnell, wie heruntergeschossen, und ich erkannte: ich

war an die niedere Mauer unseres kleinen Kirchhofs geraten, und vor mir,

jenseits derselben, stand der Mann mit dem Spaten und lächelte ernst.

»Ich interessiere mich wieder für dieses Land hier,« ergänzte er und

wies nach der schwarzen, feuchten Erde, welche an manchen Stellen

hervorsah aus den vielen welken Blättern, die sich rauschend rührten,

während ich nicht wußte, daß ein Wind begonnen hatte. Plötzlich sagte

ich, von heftigem Abscheu erfaßt: »Warum tun Sie das da?« Der

Totengräber lächelte immer noch: »Es ernährt einen auch -- und dann, ich

bitte Sie, tun nicht die meisten Menschen das gleiche? Sie begraben Gott

dort, wie ich die Menschen hier.« Er zeigte nach dem Himmel und erklärte

mir: »Ja, das ist auch ein großes Grab, im Sommer stehen wilde

Vergißmeinnicht drauf --« Ich unterbrach ihn: »Es gab eine Zeit, wo die

Menschen Gott im Himmel begruben, das ist wahr --« »Ist das anders

geworden?« fragte er seltsam traurig. Ich fuhr fort: »Einmal warf jeder

eine Hand Himmel über ihn, ich weiß. Aber da war er eigentlich schon

nicht mehr dort, oder doch --« Ich zögerte.

»Wissen Sie,« begann ich dann von neuem, »in alten Zeiten beteten die

Menschen so.« Ich breitete die Arme aus und fühlte unwillkürlich meine

Brust groß werden dabei. »Damals warf sich Gott in alle diese Abgründe

voll Demut und Dunkelheit, und nur ungern kehrte er in seine Himmel

zurück, die er, unvermerkt, immer näher über die Erde zog. Aber ein

neuer Glaube begann. Da dieser den Menschen nicht verständlich machen

konnte, worin sein neuer Gott sich von jenem alten unterscheide (sobald

er ihn nämlich zu preisen begann, erkannten die Menschen sofort den

einen alten Gott auch hier), so veränderte der Verkünder des neuen

Gebotes die Art zu beten. Er lehrte das Händefalten und entschied:

'Seht, unser Gott will so gebeten sein, also ist er ein anderer als der,

den ihr bisher in euren Armen glaubtet zu empfangen.' Die Menschen sahen

das ein, und die Gebärde der offenen Arme wurde eine verächtliche und

schreckliche, und später heftete man sie ans Kreuz, um sie allen als ein

Symbol der Not und des Todes zu zeigen.

Als Gott aber das nächste Mal wieder auf die Erde niederblickte,

erschrak er. Neben den vielen gefalteten Händen hatte man viele gotische

Kirchen gebaut, und so streckten sich ihm die Hände und die Dächer,

gleich steil und scharf, wie feindliche Waffen entgegen. Bei Gott ist

eine andere Tapferkeit. Er kehrte in seine Himmel zurück, und als er

merkte, daß die Türme und die neuen Gebete hinter ihm her wuchsen, da

ging er auf der anderen Seite aus seinen Himmeln hinaus und entzog sich

so der Verfolgung. Er war selbst überrascht, jenseits von seiner

strahlenden Heimat ein beginnendes Dunkel zu finden, das ihn schweigend

empfing, und er ging mit einem seltsamen Gefühl immer weiter in dieser

Dämmerung, welche ihn an die Herzen der Menschen erinnerte. Da fiel es

ihm zuerst ein, daß die Köpfe der Menschen licht, ihre Herzen aber voll

eines ähnlichen Dunkels sind, und eine Sehnsucht überkam ihn, in den

Herzen der Menschen zu wohnen und nicht mehr durch das klare, kalte

Wachsein ihrer Gedanken zu gehen. Nun, Gott hat seinen Weg fortgesetzt.

Immer dichter wird um ihn die Dunkelheit, und die Nacht, durch die er

sich drängt, hat etwas von der duftenden Wärme fruchtbarer Schollen. Und

nicht lange mehr, so strecken sich ihm die Wurzeln entgegen mit der

alten schönen Gebärde des breiten Gebetes. Es gibt nichts Weiseres als

den Kreis. Der Gott, der uns in den Himmeln entfloh, aus der Erde wird

er uns wiederkommen. Und, wer weiß, vielleicht graben gerade Sie einmal

das Tor ...« Der Mann mit dem Spaten sagte: »Aber das ist ein Märchen.«

»In unserer Stimme,« erwiderte ich leise, »wird alles Märchen, denn es

kann sich ja in ihr nie begeben haben.« Der Mann schaute eine Weile vor

sich hin. Dann zog er mit heftigen Bewegungen den Rock an und fragte:

»Wir können ja wohl zusammen gehen?« Ich nickte: »Ich gehe nach Hause.

Es wird wohl derselbe Weg sein. Aber wohnen Sie nicht hier?« Er trat aus

der kleinen Gittertür, legte sie sanft in ihre klagenden Angeln zurück

und entgegnete: »Nein.«

Nach ein paar Schritten wurde er vertraulicher: »Sie haben ganz recht

gehabt vorhin. Es ist seltsam, daß sich niemand findet, der das tun mag,

das da draußen. Ich habe früher nie daran gedacht. Aber jetzt, seit ich

älter werde, kommen mir manchmal Gedanken, eigentümliche Gedanken, wie

der mit dem Himmel, und noch andere. Der Tod. Was weiß man davon?

Scheinbar alles und vielleicht nichts. Oft stehen die Kinder (ich weiß

nicht, wem sie gehören) um mich, wenn ich arbeite. Und mir fällt gerade

so etwas ein. Dann grabe ich wie ein Tier, um alle meine Kraft aus dem

Kopfe fortzuziehen und sie in den Armen zu verbrauchen. Das Grab wird

viel tiefer, als die Vorschrift verlangt, und ein Berg Erde wächst

daneben auf. Die Kinder aber laufen davon, da sie meine wilden

Bewegungen sehen. Sie glauben, daß ich irgendwie zornig bin.« Er dachte

nach. »Und es ist ja auch eine Art Zorn. Man wird abgestumpft, man

glaubt es überwunden zu haben, und plötzlich ... Es hilft nichts, der

Tod ist etwas Unbegreifliches, Schreckliches.«

Wir gingen eine lange Straße unter schon ganz blätterlosen Obstbäumen,

und der Wald begann, uns zur Linken, wie eine Nacht, die jeden

Augenblick auch über uns hereinbrechen kann. »Ich will Ihnen eine kleine

Geschichte berichten,« versuchte ich, »sie reicht gerade bis an den

Ort.« Der Mann nickte und zündete sich seine kurze, alte Pfeife an. Ich

erzählte:

»Es waren zwei Menschen, ein Mann und ein Weib, und sie hatten einander

lieb. Liebhaben, das heißt nichts annehmen, von nirgends, alles

vergessen und von _einem_ Menschen alles empfangen wollen, das was man

schon besaß und alles andere. So wünschten es die beiden Menschen

gegenseitig. Aber in der Zeit, im Tage, unter den vielen, was alles

kommt und geht, oft ehe man eine wirkliche Beziehung dazu gewinnt, läßt

sich ein solches Liebhaben gar nicht durchführen, die Ereignisse kommen

von allen Seiten, und der Zufall öffnet ihnen jede Tür.

Deshalb beschlossen die beiden Menschen aus der Zeit in die Einsamkeit

zu gehen, weit fort vom Uhrenschlagen und von den Geräuschen der Stadt.

Und dort erbauten sie sich in einem Garten ein Haus. Und das Haus hatte

zwei Tore, eines an seiner rechten, eines an seiner linken Seite. Und

das rechte Tor war des Mannes Tor, und alles Seine sollte durch dasselbe

in das Haus einziehen. Das linke aber war das Tor des Weibes; und was

ihres Sinnes war, sollte durch seinen Bogen eintreten. So geschah es.

Wer zuerst erwachte am Morgen, stieg hinab und tat sein Tor auf. Und da

kam dann bis spät in die Nacht gar manches herein, wenn auch das Haus

nicht am Rande des Weges lag. Zu denen, die zu empfangen verstehen,

kommt die Landschaft ins Haus und das Licht und ein Wind mit einem Duft

auf den Schultern und viel anderes mehr. Aber auch Vergangenheiten,

Gestalten, Schicksale traten durch die beiden Tore ein, und allen wurde

die gleiche, schlichte Gastlichkeit zuteil, so daß sie meinten, seit

immer in dem Heidehaus gewohnt zu haben. So ging es eine lange Zeit

fort, und die beiden Menschen waren sehr glücklich dabei. Das linke Tor

war etwas häufiger geöffnet, aber durch das rechte traten buntere Gäste

ein. Vor diesem wartete auch eines Morgens -- der Tod. Der Mann schlug

seine Tür eilends zu, als er ihn bemerkte, und hielt sie den ganzen Tag

über fest verschlossen. Nach einiger Zeit tauchte der Tod vor dem linken

Eingang auf. Zitternd warf das Weib das Tor zu und schob den breiten

Riegel vor. Sie sprachen nicht miteinander über dieses Ereignis, aber

sie öffneten seltener die beiden Tore und suchten mit dem auszukommen,

was im Hause war. Da lebten sie nun freilich viel ärmlicher als vorher.

Ihre Vorräte wurden knapp, und es stellten sich Sorgen ein. Sie begannen

beide, schlecht zu schlafen, und in einer solchen wachen, langen Nacht

vernahmen sie plötzlich zugleich ein seltsames, schlürfendes und

pochendes Geräusch. Es war hinter der Wand des Hauses, gleich weit

entfernt von den beiden Toren, und klang, als ob jemand begänne, Steine

auszubrechen, um ein neues Tor mitten in die Mauer zu bauen. Die beiden

Menschen taten in ihrem Schrecken dennoch, als ob sie nichts Besonderes

vernähmen. Sie begannen zu sprechen, lachten unnatürlich laut, und als

sie müde wurden, war das Wühlen in der Wand verstummt. Seither bleiben

die beiden Tore ganz geschlossen. Die Menschen leben wie Gefangene.

Beide sind kränklich geworden und haben seltsame Einbildungen. Das

Geräusch wiederholt sich von Zeit zu Zeit. Dann lachen sie mit ihren

Lippen, während ihre Herzen fast sterben vor Angst. Und sie wissen

beide, daß das Graben immer lauter und deutlicher wird, und müssen immer

lauter sprechen und lachen mit ihren immer matteren Stimmen.«

Ich schwieg. »Ja, ja --,« sagte der Mann neben mir, »so ist es, das ist

eine wahre Geschichte.«

»Diese habe ich in einem alten Buche gelesen,« fügte ich hinzu, »und da

ereignete sich etwas sehr Merkwürdiges dabei. Hinter der Zeile, darin

erzählt wird, wie der Tod auch vor dem Tore des Weibes erschien, war mit

alter, verwelkter Tinte ein kleines Sternchen gezeichnet. Es sah aus den

Worten wie aus Wolken hervor, und ich dachte einen Augenblick, wenn die

Zeilen sich verzögen, so könnte offenbar werden, daß hinter ihnen lauter

Sterne stehen, wie es ja wohl manchmal geschieht, wenn der

Frühlingshimmel sich spät am Abend klärt. Dann vergaß ich des

unbedeutenden Umstandes ganz, bis ich hinten im Einband des Buches

dasselbe Sternchen, wie gespiegelt in einem See, in dem glatten

Glanzpapier wiederfand, und nah unter demselben begannen zarte Zeilen,

die wie Wellen in der blassen spiegelnden Fläche verliefen. Die Schrift

war an vielen Stellen undeutlich geworden, aber es gelang mir doch, sie

fast ganz zu entziffern. Da stand etwa:

Geschichten vom lieben Gott · 第 4 / 7 段