Aljoscha versuchte auch nie mehr ein Bild zu beginnen. Wenn ihm der

Vater nicht befahl, einen Nimbus zu vergolden, war er meistens draußen

in der Steppe, kein Mensch wußte wo. Niemand hielt ihn zu Hause. Die

Mutter wunderte sich über ihn und hatte eine Scheu, mit ihm zu reden,

als ob er ein Fremder wäre oder ein Beamter. Die Schwester hatte ihn

geschlagen, solang er ein Kind war, und jetzt, seit Aljoscha erwachsen

war, begann sie ihn zu verachten, dafür, daß er sie nicht schlug. Aber

auch im Dorfe war niemand, der sich um den Burschen kümmerte. Mariana,

die Kosakentochter, hatte ihn ausgelacht, als er ihr erklärte, er wolle

sie heiraten, und die anderen Mädchen hatte Aljoscha nicht danach

gefragt, ob sie ihn als Bräutigam annehmen möchten. In die Ssetsch, zu

den Zaporogern, hatte ihn keiner mitnehmen wollen, weil er allen zu

schwächlich schien und vielleicht auch noch etwas zu jung. Einmal war er

schon davongelaufen bis zum nächsten Kloster, aber die Mönche nahmen ihn

nicht auf -- und so blieb nur die Heide für ihn, die weite, wogende

Heide. Ein Jäger hatte ihm einmal ein altes Gewehr geschenkt, das weiß

Gott womit geladen war. Das schleppte Aljoscha immer mit, schoß es aber

niemals ab, erstens, weil er den Schuß sparen wollte, und dann, weil er

nicht wußte wofür. An einem lauen, stillen Abend, zu Anfang des Sommers,

saßen alle beisammen an dem groben Tisch, auf welchem eine Schüssel mit

Grütze stand. Peter aß, und die anderen schauten ihm zu und warteten auf

das, was er übriglassen würde. Plötzlich ließ der Alte den Löffel in der

Luft stehen und streckte den breiten welken Kopf in den Lichtstreifen,

der von der Tür kam und quer über den Tisch in die Dämmerung lief. Alle

horchten. Es war außen an den Wänden der Hütte ein Geräusch, wie wenn

ein Nachtvogel mit seinen Flügeln sachte die Balken streifte; aber die

Sonne war kaum untergegangen, und die nächtlichen Vögel kamen ja

überhaupt selten bis ins Dorf. Und da war es wieder, als tappe irgendein

anderes großes Tier ums Haus und als wäre von allen Wänden zugleich sein

suchender Schritt vernehmbar. Aljoscha erhob sich leise von seiner Bank,

in demselben Augenblick verdunkelte sich die Tür von etwas Hohem,

Schwarzem; es verdrängte den ganzen Abend, brachte Nacht in die Hütte

und bewegte sich in seiner Größe nur unsicher vorwärts. 'Der Ostap!'

sagte die Häßliche mit ihrer bösen Stimme. Und jetzt erkannten ihn alle.

Es war einer von den blinden Kobzars, ein Greis, der mit einer

zwölfsaitigen Bandura durch die Dörfer ging und von dem großen Ruhm der

Kosaken, von ihrer Tapferkeit und Treue, von ihren Hetmans Kirdjaga,

Kukubenko, Bulba und anderen Helden sang, so daß alle es gerne hörten.

Ostap verneigte sich dreimal tief in der Richtung, in der er das

Heiligenbild vermutete (und es war die Znamenskaja, zu der er sich so,

unbewußt, wandte), setzte sich dann an den Ofen und fragte mit leiser

Stimme: 'Bei wem bin ich eigentlich?' 'Bei uns, Väterchen, bei Peter

Akimowitsch, dem Schuster,' erwiderte Peter freundlich. Er war ein

Freund des Gesanges und freute sich dieses unerwarteten Besuches. 'Ah,

bei Peter Akimowitsch, dem, der die Bilder malt,' sagte der Blinde, um

auch eine Freundlichkeit zu erweisen. Dann wurde es still. In den langen

sechs Saiten der Bandura begann ein Klang, wuchs und kam kurz und

gleichsam erschöpft von den sechs kurzen Saiten zurück, und diese

Wirkung wiederholte sich in immer rascheren Takten, so daß man endlich

die Augen schließen mußte, in Angst, den Ton von der in rasendem Lauf

erstiegenen Melodie irgendwo hinabstürzen zu sehen; da brach das Lied ab

und gab der schönen, schweren Stimme des Kobzars Raum, welche bald das

ganze Haus erfüllte und auch aus den benachbarten Hütten die Leute rief,

die sich vor der Türe und unter den Fenstern versammelten. Aber nicht

von Helden ging diesmal das Lied. Schon ganz sicher schien Bulbas und

Ostranitzas und Naliwaikos Ruhm. Für alle Zeiten fest schien die Treue

der Kosaken. Nicht von ihren Taten ging heute das Lied. Tiefer zu

schlafen schien in allen, welche es vernahmen, der Tanz; denn keiner

rührte die Beine oder hob die Hände empor. Wie Ostaps Kopf, so waren

auch die anderen Köpfe gesenkt und wurden schwer von dem traurigen Lied:

»Es ist keine Gerechtigkeit mehr in der Welt. Die Gerechtigkeit, wer

kann sie finden? Es ist keine Gerechtigkeit mehr in der Welt; denn alle

Gerechtigkeit ist den Gesetzen der Ungerechtigkeit unterstellt.

»Heut ist die Gerechtigkeit elend in Fesseln. Und das Unrecht lacht über

sie, wir sahns, und sitzt mit den Pans in den goldenen Sesseln und sitzt

in dem goldenen Saal mit den Pans.

»Die Gerechtigkeit liegt an der Schwelle und fleht; bei den Pans ist das

Unrecht, das Schlechte, zu Gast, und sie laden es lachend in ihren

Palast, und sie schenken dem Unrecht den Becher voll Met.

»O, Gerechtigkeit, Mütterchen, Mütterchen mein, mit dem Fittich, der

jenem des Adlers gleicht, es kommt vielleicht noch ein Mann, der

gerecht, der gerecht sein will, dann helfe ihm Gott, Er vermag es

allein, und macht dem Gerechten die Tage leicht.«

Und die Köpfe hoben sich nur mühsam, und auf allen Stirnen stand

Schweigsamkeit; das erkannten auch die, welche reden wollten. Und nach

einer kleinen, ernsten Stille begann wieder das Spiel auf der Bandura,

diesmal schon besser verstanden von der immer wachsenden Menge. Dreimal

sang Ostap sein Lied von der Gerechtigkeit. Und es war jedesmal ein

anderes. War es zum erstenmal Klage, so erschien es bei der Wiederholung

Vorwurf, und endlich, da der Kobzar es zum drittenmal mit hocherhobener

Stirne wie eine Kette kurzer Befehle rief, da brach ein wilder Zorn aus

den zitternden Worten und erfaßte alle und riß sie hin in eine breite

und zugleich bange Begeisterung.

'Wo sammeln sich die Männer?' fragte ein junger Bauer, als der Sänger

sich erhob. Der Alte, der von allen Bewegungen der Kosaken unterrichtet

war, nannte einen nahen Ort. Schnell zerstreuten sich die Männer, man

hörte kurze Rufe, Waffen rührten sich, und vor den Türen weinten die

Weiber. Eine Stunde später zog ein Trupp Bauern, bewaffnet, aus dem

Dorfe gegen Tschernigof zu. Peter hatte dem Kobzar ein Glas Most

angeboten in der Hoffnung, mehr von ihm zu erfahren. Der Alte saß,

trank, gab aber nur kurze Antworten auf die vielen Fragen des Schusters.

Dann dankte er und ging. Aljoscha führte den Blinden über die Schwelle.

Als sie draußen waren in der Nacht und allein, bat Aljoscha: 'Und dürfen

alle mitgehen in den Krieg?' 'Alle,' sagte der Alte und verschwand

rascher ausschreitend, als ob er sehend würde in der Nacht.

Als alle schliefen, erhob sich Aljoscha vom Ofen, wo er in den Kleidern

gelegen hatte, nahm sein Gewehr und ging hinaus. Draußen fühlte er sich

mit einem Male umarmt und sanft aufs Haar geküßt. Gleich darauf erkannte

er im Mondlicht Akulina, die eilig und trippelnd auf das Haus zulief.

'Mutter?!' staunte er, und es wurde ihm ganz eigentümlich zumut. Er

zögerte eine Weile. Eine Tür ging irgendwo, und ein Hund heulte in der

Nähe. Da warf Aljoscha sein Gewehr über die Schulter und schritt stark

aus, denn er gedachte die Männer noch vor Morgen einzuholen. Im Hause

aber taten alle, als ob sie Aljoschas Fehlen nicht bemerkten. Nur als

sie sich wieder zu Tische setzten und Peter den leeren Platz gewahrte,

stand er noch einmal auf, ging in die Ecke und zündete eine Kerze an vor

der Znamenskaja. Eine ganz dünne Kerze. Die Häßliche zuckte mit den

Achseln.

Indessen ging Ostap, der blinde Greis, schon durch das nächste Dorf und

begann traurig und mit sanfter klagender Stimme den Gesang von der

Gerechtigkeit.«

Der Lahme wartete noch eine Weile. Dann sah er mich erstaunt an: »Nun,

weshalb schließen Sie nicht? Es ist doch wie in der Geschichte vom

Verrat. Dieser Alte war Gott.«

»O, und ich habe es nicht gewußt,« sagte ich erschauernd.

EINE SZENE AUS DEM GHETTO VON VENEDIG

Herr Baum, Hausbesitzer, Bezirksobmann, Ehrenoberster der freiwilligen

Feuerwehr und noch verschiedenes andere, aber, um es kurz zu sagen: Herr

Baum muß eines meiner Gespräche mit Ewald belauscht haben. Es ist kein

Wunder; ihm gehört das Haus, darin mein Freund zu ebener Erde wohnt.

Herr Baum und ich, wir kennen uns längst vom Sehen. Neulich aber bleibt

der Bezirksobmann stehen, hebt ein wenig den Hut, so daß ein kleiner

Vogel hätte ausfliegen können, im Falle einer drunter gefangen gewesen

wäre. Er lächelt höflich und eröffnet unsere Bekanntschaft: »Sie reisen

manchmal?« »O ja --,« erwiderte ich, etwas zerstreut, »das kann wohl

sein.« Nun fuhr er vertraulich fort: »Ich glaube, wir sind die beiden

einzigen hier, die in Italien waren.« »So --,« ich bemühte mich etwas

aufmerksamer zu sein --, »ja, dann ist es allerdings dringend notwendig,

daß wir miteinander reden.«

Herr Baum lachte. »Ja, Italien -- das ist doch noch etwas. Ich erzähle

immer meinen Kindern -- zum Beispiel nehmen Sie Venedig!« Ich blieb

stehen: »Sie erinnern sich noch Venedigs?« »Aber, ich bitte Sie,«

stöhnte er, denn er war etwas zu dick, um sich mühelos zu entrüsten, --

»wie sollte ich nicht -- wer das einmal gesehen hat -- diese Piazzetta

-- nicht wahr?« »Ja,« entgegnete ich, »ich erinnere mich besonders gern

der Fahrt durch den Kanal, dieses leisen lautlosen Hingleitens am Rande

von Vergangenheiten.« »Der Palazzo Franchetti,« fiel ihm ein. »Die Cà

Doro,« -- gab ich zurück. »Der Fischmarkt --« »Der Palazzo Vendramin --«

»Wo Richard Wagner« -- fügte er rasch, als ein gebildeter Deutscher

hinzu. Ich nickte: »Den Ponte, wissen Sie?« Er lächelte mit

Orientierung: »Selbstverständlich, und das Museum, die Akademie nicht zu

vergessen, wo ein Tizian ...«

So hat sich Herr Baum einer Art Prüfung unterzogen, die etwas

anstrengend war. Ich nahm mir vor, ihn durch eine Geschichte zu

entschädigen. Und begann ohne weiteres:

»Wenn man unter dem Ponte di Rialto hindurchfährt, an dem Fondaco de'

Turchi und an dem Fischmarkt vorbei, und dem Gondolier sagt: 'Rechts!'

so sieht er etwas erstaunt aus und fragt wohl gar 'Dove?' Aber man

besteht darauf, nach rechts zu fahren, und steigt in einem der kleinen

schmutzigen Kanäle aus, handelt mit ihm, schimpft und geht durch

gedrängte Gassen und schwarze verqualmte Torgänge auf einen leeren

freien Platz hinaus. Alles das einfach aus dem Grunde, weil dort meine

Geschichte handelt.« Herr Baum berührte mich sanft am Arm: »Verzeihen

Sie, welche Geschichte?« Seine kleinen Augen gingen etwas beängstigt hin

und her.

Ich beruhigte ihn: »Irgendeine, verehrter Herr, keine irgendwie

nennenswerte. Ich kann Ihnen auch nicht sagen, wann sie geschah.

Vielleicht unter dem Dogen Alvise Moncenigo IV., aber es kann auch etwas

früher oder später gewesen sein. Die Bilder von Carpaccio, wenn Sie

solche gesehen haben sollten, sind wie auf purpurnem Samt gemalt,

überall bricht etwas Warmes, gleichsam Waldiges durch, und um die

gedämpften Lichter darin drängen sich horchende Schatten. Giorgione hat

auf mattem, alterndem Gold, Tizian auf schwarzem Atlas gemalt, aber in

der Zeit, von der ich rede, liebte man lichte Bilder, auf einen Grund

von weißer Seide gesetzt, und der Name, mit dem man spielte, den schöne

Lippen in die Sonne warfen und den reizende Ohren auffingen, wenn er

zitternd niederfiel, dieser Name ist Gian Battista Tiepolo.

Aber das alles kommt in meiner Geschichte nicht vor. Es geht nur das

wirkliche Venedig an, die Stadt der Paläste, der Abenteuer, der Masken

und der blassen Lagunennächte, die wie keine anderen Nächte sonst den

Ton von heimlichen Romanzen tragen. -- In dem Stück Venedig, von dem ich

erzähle, sind nur arme tägliche Geräusche, die Tage gehen gleichförmig

darüber hin, als ob es nur ein einziger wäre, und die Gesänge, die man

dort vernimmt, sind wachsende Klagen, die nicht aufsteigen und wie ein

wallender Qualm über den Gassen lagern. Sobald es dämmert, treibt sich

viel scheues Gesindel dort herum, unzählige Kinder haben ihre Heimat auf

den Plätzen und in den engen kalten Haustüren und spielen mit Scherben

und Abfällen von buntem Glasfluß, demselben, aus dem die Meister die

ernsten Mosaiken von San Marco fügten. Ein Adeliger kommt selten in das

Ghetto. Höchstens zur Zeit, wenn die Judenmädchen zum Brunnen kommen,

kann man manchmal eine Gestalt, schwarz, im Mantel und mit Maske

bemerken. Gewisse Leute wissen aus Erfahrung, daß diese Gestalt einen

Dolch in den Falten verborgen trägt. Jemand will einmal im Mondlicht das

Gesicht des Jünglings gesehen haben, und es wird seither behauptet,

dieser schwarze schlanke Gast sei Marcantonio Priuli, Sohn des

Proveditore Nicolò Priuli und der schönen Catharina Minelli. Man weiß,

er wartet unter dem Torweg des Hauses von Isaak Rosso, geht dann, wenn

es einsam wird, quer über den Platz und tritt bei dem alten Melchisedech

ein, dem reichen Goldschmied, der viele Söhne und sieben Töchter und von

den Söhnen und Töchtern viele Enkel hat. Die jüngste Enkelin, Esther,

erwartet ihn, an den greisen Großvater geschmiegt, in einem niederen,

dunklen Gemach, in welchem vieles glänzt und glüht, und Seide und Samt

hängt sanft über den Gefäßen, wie um ihre vollen, goldenen Flammen zu

stillen. Hier sitzt Marcantonio auf einem silbergestickten Kissen, dem

greisen Juden zu Füßen und erzählt von Venedig, wie von einem Märchen,

das es nirgendwo jemals ganz so gegeben hat. Er erzählt von den

Schauspielen, von den Schlachten des venezianischen Heeres, von fremden

Gästen, von Bildern und Bildsäulen, von der »Sensa« am Himmelfahrtstage,

von dem Karneval und von der Schönheit seiner Mutter Catharina Minelli.

Alles das ist für ihn von ähnlichem Sinn, verschiedene Ausdrücke für

Macht und Liebe und Leben. Den beiden Zuhörern ist alles fremd; denn die

Juden sind streng ausgeschlossen von jedem Verkehr, und auch der reiche

Melchisedech betritt niemals das Gebiet des Großen Rates, obwohl er als

Goldschmied und weil er allgemeine Achtung genoß, es hätte wagen dürfen.

In seinem langen Leben hat der Alte seinen Glaubensgenossen, die ihn

alle wie einen Vater fühlten, manche Vergünstigung vom Rate verschafft,

aber er hatte auch immer wieder den Rückschlag erlebt. Sooft ein Unheil

über den Staat hereinbrach, rächte man sich an den Juden; die Venezianer

selbst waren von viel zu verwandtem Geiste, als daß sie, wie andere

Völker, die Juden für den Handel gebraucht hätten, sie quälten sie mit

Abgaben, beraubten sie ihrer Güter und beschränkten immer mehr das

Gebiet des Ghetto, so daß die Familien, die sich mitten in aller Not

fruchtbar vermehrten, gezwungen waren, ihre Häuser aufwärts, eines auf

das Dach des anderen zu bauen. Und ihre Stadt, die nicht am Meere lag,

wuchs so langsam in den Himmel hinaus, wie in ein anderes Meer, und um

den Platz mit dem Brunnen erhoben sich auf allen Seiten die steilen

Gebäude wie die Wände irgendeines Riesenturms.

Der reiche Melchisedech, in der Wunderlichkeit des hohen Alters, hatte

seinen Mitbürgern, Söhnen und Enkeln einen befremdlichen Vorschlag

gemacht. Er wollte immer das jeweilig höchste dieser winzigen Häuser,

die sich in zahllosen Stockwerken übereinanderschoben, bewohnen. Man

erfüllte ihm diesen seltsamen Wunsch gerne, denn man traute ohnehin

nicht mehr der Tragkraft der unteren Mauern und setzte oben so leichte

Steine auf, daß der Wind die Wände gar nicht zu bemerken schien. So

siedelte der Greis zwei- bis dreimal im Jahre um und Esther, die ihn

nicht verlassen wollte, immer mit ihm. Schließlich waren sie so hoch,

daß, wenn sie aus der Enge ihres Gemachs auf das flache Dach traten, in

der Höhe ihrer Stirnen schon ein anderes Land begann, von dessen

Gebräuchen der Alte in dunklen Worten, halb psalmend, sprach. Es war

jetzt sehr weit zu ihnen hinauf; durch viele fremde Leben hindurch, über

steile und glitschige Stufen, an scheltenden Weibern vorüber und über

die Überfälle hungernder Kinder hinaus ging der Weg, und seine vielen

Hindernisse beschränkten jeden Verkehr. Auch Marcantonio kam nicht mehr

zu Besuch, und Esther vermißte ihn kaum. Sie hatte ihn in den Stunden,

da sie mit ihm allein gewesen war, so groß und lange angeschaut, daß ihr

schien, er wäre damals tief in ihre dunklen Augen gestürzt und

gestorben, und jetzt begönne in ihr selbst sein neues, ewiges Leben, an

das er als Christ doch geglaubt hatte. Mit diesem neuen Gefühl in ihrem

jungen Leib stand sie tagelang auf dem Dache und suchte das Meer. Aber

so hoch die Behausung auch war, man erkannte zuerst nur den Giebel des

Palazzo Foscari, irgendeinen Turm, die Kuppel einer Kirche, eine fernere

Kuppel, wie frierend im Licht, und dann ein Gitter von Masten, Balken,

Stangen vor dem Rand des feuchten, zitternden Himmels.

Gegen Ende dieses Sommers zog der Alte, obwohl ihm das Steigen schon

schwer fiel, allen Widerreden zum Trotz, dennoch um; denn man hatte eine

neue Hütte, hoch über allen, gebaut. Als er nach so langer Zeit wieder

über den Platz ging, von Esther gestützt, da drängten sich viele um ihn

und neigten sich über seine tastenden Hände und baten ihn um seinen Rat

in vielen Dingen; denn er war ihnen wie ein Toter, der aus seinem Grabe

steigt, weil irgendeine Zeit sich erfüllt hat. Und so schien es auch.

Die Männer erzählten ihm, daß in Venedig ein Aufstand sei, der Adel sei

in Gefahr, und über ein kurzes würden die Grenzen des Ghetto fallen, und

alle würden sich der gleichen Freiheit erfreuen. Der Alte antwortete

nichts und nickte nur, als sei ihm dieses alles längst bekannt und noch

vieles mehr. Er trat in das Haus des Isaak Rosso, auf dessen Gipfel

seine neue Wohnung lag, und stieg, einen halben Tag lang, hinauf. Oben

bekam Esther ein blondes, zartes Kind. Nachdem sie sich erholt hatte,

trug sie es auf den Armen hinaus auf das Dach und legte zum erstenmal

den ganzen goldenen Himmel in seine offenen Augen. Es war ein

Herbstmorgen von unbeschreiblicher Klarheit. Die Dinge dunkelten, fast

ohne Glanz, nur einzelne fliegende Lichter ließen sich, wie auf große

Blumen, auf sie nieder, ruhten eine Weile und schwebten dann über die

goldlinigen Konturen hinaus in den Himmel. Und dort, wo sie

verschwanden, erblickte man von dieser höchsten Stelle, was noch keiner

vom Ghetto aus je gesehen hatte --, ein stilles, silbernes Licht: das

Meer. Und erst jetzt, da Esthers Augen sich an die Herrlichkeit gewöhnt

hatten, bemerkte sie am Rande des Daches, ganz vorn, Melchisedech. Er

erhob sich mit ausgebreiteten Armen und zwang seine matten Augen, in den

Tag zu schauen, der sich langsam entfaltete. Seine Arme blieben hoch,

seine Stirne trug einen strahlenden Gedanken; es war, als ob er opferte.

Dann ließ er sich immer wieder vornüberfallen und preßte den alten Kopf

an die schlechten kantigen Steine. Das Volk aber stand unten auf dem

Platze versammelt und blickte herauf. Einzelne Gebärden und Worte

erhoben sich aus der Menge, aber sie reichten nicht bis zu dem einsam

betenden Greise. Und das Volk sah den Ältesten und den Jüngsten wie in

den Wolken. Der Alte aber fuhr fort, sich stolz zu erheben und aufs neue

in Demut zusammenzubrechen, eine ganze Zeit. Und die Menge unten wuchs

und ließ ihn nicht aus den Augen: Hat er das Meer gesehen oder Gott, den

Ewigen, in seiner Glorie?«

Herr Baum bemühte sich, recht schnell etwas zu bemerken. Es gelang ihm

nicht gleich. »Das Meer wahrscheinlich,« -- sagte er dann trocken, »es

ist ja auch ein Eindruck« -- wodurch er sich besonders aufgeklärt und

verständig erwies.

Ich verabschiedete mich eilig, aber ich konnte mich doch nicht

enthalten, ihm nachzurufen: »Vergessen Sie nicht, die Begebenheit Ihren

Kindern zu erzählen.« Er besann sich: »Den Kindern? Wissen Sie, da ist

dieser junge Adlige, dieser Antonio, oder wie er heißt, ein ganz und gar

nicht schöner Charakter und dann: das Kind, dieses Kind! Das dürfte doch

-- für Kinder --« »O,« beruhigte ich ihn, »Sie haben vergessen,

verehrter Herr, daß die Kinder von Gott kommen! Wie sollten die Kinder

zweifeln, daß Esther eines bekam, da sie doch so nahe am Himmel wohnt!«

Auch diese Geschichte haben die Kinder vernommen, und wenn man sie

fragt, wie sie darüber denken, was der alte Jude Melchisedech wohl

erblickt haben mag in seiner Verzückung, so sagen sie ohne nachzusinnen:

»O, das Meer auch.«

VON EINEM, DER DIE STEINE BELAUSCHT

Ich bin schon wieder bei meinem lahmen Freunde. Er lächelt in seiner

eigentümlichen Art: »Und von Italien haben Sie mir noch nie erzählt.«

»Das soll heißen, ich möge es so bald als möglich nachholen?«

Ewald nickt und schließt schon die Augen, um zuzuhören. Ich fange also

an. »Was wir Frühling fühlen, sieht Gott als ein flüchtiges, kleines

Lächeln über die Erde gehen. Sie scheint sich an etwas zu erinnern, im

Sommer erzählt sie allen davon, bis sie weiser wird in der großen,

herbstlichen Schweigsamkeit, mit welcher sie sich Einsamen vertraut.

Alle Frühlinge, welche Sie und ich erlebt haben, zusammengenommen,

reichen noch nicht aus, eine Sekunde Gottes zu füllen. Der Frühling, den

Gott bemerken soll, darf nicht in Bäumen und auf Wiesen bleiben, er muß

irgendwie in den Menschen mächtig werden, denn dann geht er sozusagen

nicht in der Zeit, vielmehr in der Ewigkeit vor sich und in Gegenwart

Gottes.

Als dieses einmal geschah, mußten Gottes Blicke in ihren dunkeln

Schwingen über Italien hängen. Das Land unten war hell, die Zeit glänzte

wie Gold, aber quer darüber, wie ein dunkler Weg, lag der Schatten eines

breiten Mannes, schwer und schwarz, und weit davor der Schatten seiner

schaffenden Hände, unruhig, zuckend, bald über Pisa, bald über Neapel,

bald zerfließend auf der ungewissen Bewegung des Meeres. Gott konnte

seine Augen nicht abwenden von diesen Händen, die ihm zuerst gefaltet

schienen, wie betende, -- aber das Gebet, welches ihnen entquoll,

drängte sie weit auseinander. Es wurde eine Stille in den Himmeln. Alle

Heiligen folgten den Blicken Gottes und betrachteten wie er den

Schatten, der halb Italien verhüllte, und die Hymnen der Engel blieben

auf ihren Gesichtern stehen, und die Sterne zitterten, denn sie

fürchteten, irgend etwas verschuldet zu haben, und warteten demütig auf

Gottes zorniges Wort. Aber nichts dergleichen geschah. Die Himmel hatten

sich in ihrer ganzen Breite über Italien aufgetan, so daß Raffael in Rom

auf den Knien lag, und der selige Fra Angelico von Fiesole stand in

einer Wolke und freute sich über ihn. Viele Gebete waren zu dieser

Stunde von der Erde unterwegs. Gott aber erkannte nur eines: die Kraft

Michelangelos stieg wie Duft von Weinbergen zu ihm empor. Und er

duldete, daß sie seine Gedanken erfüllte. Er neigte sich tiefer, fand

den schaffenden Mann, sah über seine Schultern fort auf die am Steine

horchenden Hände und erschrak: sollten in den Steinen auch Seelen sein?

Warum belauschte dieser Mann die Steine? Und nun erwachten ihm die Hände

und wühlten den Stein auf wie ein Grab, darin eine schwache, sterbende

Stimme flackert: 'Michelangelo,' rief Gott in Bangigkeit, 'wer ist im

Stein?' Michelangelo horchte auf; seine Hände zitterten. Dann antwortete

er dumpf: 'Du, mein Gott, wer denn sonst. Aber ich kann nicht zu dir.'

Und da fühlte Gott, daß er auch im Steine sei, und es wurde ihm

ängstlich und enge. Der ganze Himmel war nur ein Stein, und er war

mitten drin eingeschlossen und hoffte auf die Hände Michelangelos, die

ihn befreien würden, und er hörte sie kommen, aber noch weit. Der

Meister aber war wieder über dem Werke. Er dachte beständig: du bist nur

ein kleiner Block, und ein anderer könnte in dir kaum einen Menschen

finden. Ich aber fühle hier eine Schulter: es ist die des Josef von

Arimathäa, hier neigt sich Maria, ich spüre ihre zitternden Hände,

welche Jesum, unseren Herrn, halten, der eben am Kreuze verstarb. Wenn

in diesem kleinen Marmor diese drei Raum haben, wie sollte ich nicht

einmal ein schlafendes Geschlecht aus einem Felsen heben? Und mit

breiten Hieben machte er die drei Gestalten der Pietà frei, aber er

löste nicht ganz die steinernen Schleier von ihren Gesichtern, als

fürchtete er, ihre tiefe Traurigkeit könnte sich lähmend über seine

Hände legen. So flüchtete er zu einem anderen Steine. Aber jedesmal

verzagte er, einer Stirne ihre volle Klarheit, einer Schulter ihre

reinste Rundung zu geben, und wenn er ein Weib bildete, so legte er

nicht das letzte Lächeln um ihren Mund, damit ihre Schönheit nicht ganz

verraten sei.

Zu dieser Zeit entwarf er das Grabdenkmal für Julius della Rovere. Einen

Berg wollte er bauen über den eisernen Papst und ein Geschlecht dazu,

welches diesen Berg bevölkerte. Von vielen dunkeln Plänen erfüllt, ging

er hinaus nach seinen Marmorbrüchen. Über einem armen Dorf erhob sich

steil der Hang. Umrahmt von Oliven und welkem Gestein, erschienen die

frisch gebrochenen Flächen wie ein großes blasses Gesicht unter

alterndem Haar. Lange stand Michelangelo vor seiner verhüllten Stirne.

Plötzlich bemerkte er darunter zwei riesige Augen aus Stein, welche ihn

betrachteten. Und Michelangelo fühlte seine Gestalt wachsen unter dem

Einfluß dieses Blickes. Jetzt ragte auch er über dem Land, und es war

ihm, als ob er von Ewigkeit her diesem Berg brüderlich gegenüberstände.

Das Tal wich unter ihm zurück wie unter einem Steigenden, die Hütten

drängten sich wie Herden aneinander, und näher und verwandter zeigte

sich das Felsengesicht unter seinen weißen steinernen Schleiern. Es

hatte einen wartenden Ausdruck, reglos und doch am Rande der Bewegung.

Michelangelo dachte nach: 'Man kann dich nicht zerschlagen, du bist ja

nur Eines,' und dann hob er seine Stimme: 'Dich will ich vollenden, du

bist mein Werk.' Und er wandte sich nach Florenz zurück. Er sah einen

Stern und den Turm vom Dom. Und um seine Füße war Abend.

Mit einem Mal, an der Porta Romana, zögerte er. Die beiden Häuserreihen

streckten sich wie Arme nach ihm aus, und schon hatten sie ihn ergriffen

und zogen ihn hinein in die Stadt. Und immer enger und dämmernder wurden

die Gassen, und als er sein Haus betrat, da wußte er sich in dunkeln

Händen, denen er nicht entgehen konnte. Er flüchtete in den Saal und von

da in die niedere, kaum zwei Schritte lange Kammer, darin er zu

schreiben pflegte. Ihre Wände legten sich an ihn, und es war, als

kämpften sie mit seinen Übermaßen und zwängten ihn zurück in die alte,

enge Gestalt. Und er duldete es. Er drückte sich in die Knie und ließ

sich formen von ihnen. Er fühlte eine nie gekannte Demut in sich und

hatte selbst den Wunsch, irgendwie klein zu sein. Und eine Stimme kam:

'Michelangelo, wer ist in dir?' Und der Mann in der schmalen Kammer

legte die Stirn schwer in die Hände und sagte leise: 'Du, mein Gott, wer

denn sonst.'

Geschichten vom lieben Gott · 第 3 / 7 段