die Sie mir neulich erzählt haben?« bat er endlich. »Aus einem Buch?«
»Ja« -- entgegnete ich traurig, »die Gelehrten haben sie darin begraben,
seit sie tot ist; das ist gar nicht lange her. Noch vor hundert Jahren
lebte sie, gewiß sehr sorglos, auf vielen Lippen. Aber die Worte, welche
die Menschen jetzt gebrauchen, diese schweren, nicht sangbaren Worte,
waren ihr feind und nahmen ihr einen Mund nach dem anderen weg, so daß
sie zuletzt, nur sehr eingezogen und ärmlich, auf ein paar trockenen
Lippen, wie auf einem schlechten Witwengut, lebte. Dort verstarb sie
auch, ohne Nachkommen zu hinterlassen, und wurde, wie schon erwähnt, mit
allen Ehren in einem Buche bestattet, wo schon andere aus ihrem
Geschlechte lagen.« »Und sie war sehr alt, als sie starb?« fragte mein
Freund, in meinen Ton eingehend. »400 bis 500 Jahre,« berichtete ich der
Wahrheit gemäß, »verschiedene von ihren Verwandten haben noch ein
ungleich höheres Alter erreicht.« »Wie, ohne jemals in einem Buche zu
ruhen?« staunte Ewald. Ich erklärte: »Soviel ich weiß, waren sie die
ganze Zeit von Lippe zu Lippe unterwegs.« »Und haben nie geschlafen?«
»Doch, von dem Munde des Sängers steigend, blieben sie wohl dann und
wann in einem Herzen, darin es warm und dunkel war.« »Waren denn die
Menschen so still, daß Lieder schlafen konnten in ihren Herzen?« Ewald
schien mir recht ungläubig. »Es muß wohl so gewesen sein. Man behauptet,
sie sprachen weniger, tanzten langsam anwachsende Tänze, die etwas
Wiegendes hatten, und vor allem: sie lachten nicht laut, wie man es
heute trotz der allgemeinen hohen Kultur nicht selten vernehmen kann.«
Ewald schickte sich an, noch etwas zu fragen, aber er unterdrückte es
und lächelte: »Ich frage und frage, -- aber Sie haben vielleicht eine
Geschichte vor?« Er sah mich erwartungsvoll an.
»Eine Geschichte? Ich weiß nicht. Ich wollte nur sagen: diese Gesänge
waren das Erbgut in gewissen Familien. Man hatte es übernommen, und man
gab es weiter, nicht ganz unbenützt, mit den Spuren eines täglichen
Gebrauchs, aber doch unbeschädigt, wie etwa eine alte Bibel von Vätern
zu Enkeln geht. Der Enterbte unterschied sich von den in ihre Rechte
eingesetzten Geschwistern dadurch, daß er nicht singen konnte, oder er
wußte wenigstens nur einen kleinen Teil der Lieder seines Vaters und
Großvaters und verlor mit den übrigen Gesängen das große Stück Erleben,
das alle diese Bylinen und Skaski dem Volke bedeuten. So hatte z. B.
Jegor Timofejewitsch gegen den Willen seines Vaters, des alten Timofei,
ein junges, schönes Weib geheiratet und war mit ihr nach Kiew gegangen,
in die heilige Stadt, bei welcher sich die Gräber der größten Märtyrer
der heiligen, rechtgläubigen Kirche versammelt haben. Der Vater Timofei,
der als der kundigste Sänger auf zehn Tagereisen im Umkreis galt,
verfluchte seinen Sohn und erzählte seinen Nachbarn, daß er oft
überzeugt sei, niemals einen solchen gehabt zu haben. Dennoch verstummte
er in Gram und Traurigkeit. Und er wies alle die jungen Leute zurück,
die sich in seine Hütte drängten, um die Erben der vielen Gesänge zu
werden, welche in dem Alten eingeschlossen waren, wie in einer
verstaubten Geige. 'Vater, du unser Väterchen, gib uns nur eines oder
das andere Lied. Siehst du, wir wollen es in die Dörfer tragen, und du
sollst es hören aus allen Höfen, sobald der Abend kommt und das Vieh in
den Ställen ruhig geworden ist.' Der Alte, der beständig auf dem Ofen
saß, schüttelte den ganzen Tag den Kopf. Er hörte nicht mehr gut, und da
er nicht wußte, ob nicht einer von den Burschen, die jetzt fortwährend
sein Haus umhorchten, eben wieder gefragt hatte, machte er mit seinem
weißen Kopf zitternd: Nein, nein, nein, bis er einschlief und auch dann
noch eine Weile -- im Schlaf. Er hätte den Burschen gerne ihren Willen
getan; es war ihm selber leid, daß sein stummer, verstorbener Staub über
diesen Liedern liegen sollte, vielleicht schon ganz bald. Aber hätte er
versucht, einen von ihnen etwas zu lehren, gewiß hätte er sich dabei
seines Jegoruschka erinnern müssen und dann -- wer weiß -- was dann
geschehen wäre. Denn nur, weil er überhaupt schwieg, hatte ihn niemand
weinen sehen. Hinter jedem Wort stand es ihm, das Schluchzen, und er
mußte immer sehr schnell und vorsichtig den Mund schließen, sonst wäre
es einmal doch mitgekommen.
Der alte Timofei hatte seinen einzigen Sohn Jegor von ganz früh an
einzelne Lieder gelehrt, und als fünfzehnjähriger Knabe wußte dieser
schon mehr und richtiger zu singen als alle erwachsenen Burschen im
Dorfe und in der Nachbarschaft. Gleichwohl pflegte der Alte meistens am
Feiertag, wenn er etwas trunken war, dem Burschen zu sagen:
'Jegoruschka, mein Täubchen, ich habe dich schon viele Lieder singen
gelehrt, viele Bylinen und auch die Legenden von Heiligen, fast für
jeden Tag eine. Aber ich bin, wie du weißt, der Kundigste im ganzen
Gouvernement, und mein Vater kannte sozusagen alle Lieder von ganz
Rußland und auch noch tatarische Geschichten dazu. Du bist noch sehr
jung, und deshalb habe ich dir die schönsten Bylinen, darin die Worte
wie Ikone sind und gar nicht zu vergleichen mit den gewöhnlichen Worten,
noch nicht erzählt, und du hast noch nicht gelernt, jene Weisen zu
singen, die noch keiner, er mochte ein Kosak sein oder ein Bauer, hat
anhören können, ohne zu weinen.' Dieses wiederholte Timofei seinem Sohne
an jedem Sonntag und an allen vielen Feiertagen des russischen Jahres,
also ziemlich oft. Bis dieser nach einem heftigen Auftritt mit dem
Alten, zugleich mit der schönen Ustjënka, der Tochter eines armen
Bauern, verschwunden war.
Im dritten Jahre nach diesem Vorfall erkrankte Timofei, zur selben Zeit,
als einer jener vielen Pilgerzüge, die aus allen Teilen des weiten
Reiches beständig nach Kiew ziehen, aufbrechen wollte. Da trat Ossip,
der Nachbar, bei dem Kranken ein: 'Ich gehe mit den Pilgern, Timofei
Iwanitsch, erlaube mir, dich noch einmal zu umarmen.' Ossip war nicht
befreundet mit dem Alten, aber nun, da er diese weite Reise begann, fand
er es für notwendig, von ihm wie von einem Vater Abschied zu nehmen.
'Ich habe dich manchmal gekränkt,' schluchzte er, 'verzeih mir, mein
Herzchen, es ist im Trunke geschehen, und da kann man nichts dafür, wie
du weißt. Nun, ich will für dich beten und eine Kerze anstecken für
dich; leb wohl, Timofei Iwanitsch, mein Väterchen, vielleicht wirst du
wieder gesund, wenn Gott es will, dann singst du uns wieder etwas. Ja,
ja, das ist lange her, seit du gesungen hast. Was waren das für Lieder.
Das von Djuk Stepanowitsch zum Beispiel, glaubst du, ich habe das
vergessen? Wie dumm du bist! Ich weiß es noch ganz genau. Freilich, so
wie du, -- du hast es eben gekonnt, das muß man sagen. Gott hat dir das
gegeben, einem anderen gibt er etwas anderes. Mir zum Beispiel --'
Der Alte, der auf dem Ofen lag, drehte sich ächzend um und machte eine
Bewegung, als ob er etwas sagen wollte. Es war, als hörte man ganz leise
den Namen Jegors. Vielleicht wollte er ihm eine Nachricht schicken. Aber
als der Nachbar, von der Türe her, fragte: 'Sagst du etwas, Timofei
Iwanitsch?' lag er schon wieder ganz ruhig da und schüttelte nur leise
seinen weißen Kopf. Trotzdem, weiß Gott wie es geschah, kaum ein Jahr,
nachdem Ossip fortgegangen war, kehrte Jegor ganz unvermutet zurück. Der
Alte erkannte ihn nicht gleich, denn es war dunkel in der Hütte, und die
greisen Augen nahmen nur ungern eine neue fremde Gestalt auf. Aber als
Timofei die Stimme des Fremden gehört hatte, erschrak er und sprang vom
Ofen herab auf seine alten, schwankenden Beine. Jegor fing ihn auf, und
sie hielten sich in den Armen. Timofei weinte. Der junge Mensch fragte
in einem fort: 'Bist du schon lange krank, Vater?' Als sich der Alte ein
wenig beruhigt hatte, kroch er auf seinen Ofen zurück und erkundigte
sich in einem anderen strengen Ton: 'Und dein Weib?' Pause. Jegor
spuckte aus: 'Ich hab sie fortgejagt, weißt du, mit dem Kind.' Er
schwieg eine Weile. 'Da kommt einmal der Ossip zu mir; 'Ossip
Nikiphorowitsch?' sag ich. 'Ja,' antwortet er, 'ich bins. Dein Vater ist
krank, Jegor. Er kann nicht mehr singen. Es ist jetzt ganz still im
Dorfe, als ob es keine Seele mehr hätte, unser Dorf. Nichts klopft,
nichts rührt sich, es weint niemand mehr, und auch zum Lachen ist kein
rechter Grund.' Ich denke nach. Was ist da zu machen? Ich rufe also mein
Weib. 'Ustjënka' -- sag ich --, 'ich muß nach Hause, es singt sonst
keiner mehr dort, die Reihe ist an mir. Der Vater ist krank.' 'Gut,'
sagt Ustjënka. 'Aber ich kann dich nicht mitnehmen' -- so erklär ich
ihr, 'der Vater, weißt du, will dich nicht. Und auch zurückkommen werd
ich wahrscheinlich nicht zu dir, wenn ich erst einmal wieder dort bin
und singe.' Ustjënka versteht mich: 'Nun, Gott mit dir! Es sind jetzt
viele Pilger hier, da gibt es viel Almosen. Gott wird schon helfen,
Jegor.' Und so geh ich also fort. Und nun, Vater, sag mir alle deine
Lieder.'
Es verbreitete sich das Gerücht, daß Jegor zurückgekehrt sei und daß der
alte Timofei wieder singe. Aber in diesem Herbst ging der Wind so heftig
durch das Dorf, daß niemand von den Vorübergehenden mit Sicherheit
ermitteln konnte, ob in Timofeis Hause wirklich gesungen werde oder
nicht. Und die Tür wurde keinem Pochenden geöffnet. Die beiden wollten
allein sein. Jegor saß am Rande des Ofens, auf welchem der Vater lag,
und kam mit dem Ohr bisweilen dem Munde des Alten entgegen; denn dieser
sang in der Tat. Seine alte Stimme trug, etwas gebückt und zitternd,
alle die schönsten Lieder zu Jegor hin, und dieser wiegte manchmal den
Kopf oder bewegte die herabhängenden Beine, ganz, als ob er schon selber
sänge. Das ging so viele Tage lang fort. Timofei fand immer noch ein
schöneres Lied in seiner Erinnerung; oft, nachts, weckte er den Sohn,
und indem er mit den welken, zuckenden Händen ungewisse Bewegungen
machte, sang er ein kleines Lied und noch eines und noch eines -- bis
der träge Morgen sich zu rühren begann. Bald nach dem schönsten starb
er. Er hatte sich in den letzten Tagen oft arg beklagt, daß er noch eine
Unmenge Lieder in sich trüge und nicht mehr Zeit habe, sie seinem Sohne
mitzuteilen. Er lag da mit gefurchter Stirne, in angestrengtem,
ängstlichem Nachdenken, und seine Lippen zitterten vor Erwartung. Von
Zeit zu Zeit setzte er sich auf, wiegte eine Weile den Kopf, bewegte den
Mund, und endlich kam irgendein leises Lied hinzu; aber jetzt sang er
meistens immer dieselben Strophen von Djuk Stepanowitsch, die er
besonders liebte, und sein Sohn mußte erstaunt sein und tun, als
vernähme er sie zum erstenmal, um ihn nicht zu erzürnen.
Als der alte Timofei Iwanitsch gestorben war, blieb das Haus, welches
Jegor jetzt allein bewohnte, noch eine Zeitlang verschlossen. Dann, im
ersten Frühjahr, trat Jegor Timofejewitsch, der jetzt einen ziemlich
langen Bart hatte, aus seiner Tür, begann im Dorfe hin und her zu gehen
und zu singen. Später kam er auch in die benachbarten Dörfer, und die
Bauern erzählten sich schon, daß Jegor ein mindestens ebenso kundiger
Sänger geworden sei wie sein Vater Timofei; denn er wußte eine große
Anzahl ernster und heldenhafter Gesänge und alle jene Weisen, die
keiner, er mochte ein Kosak sein oder ein Bauer, anhören konnte, ohne zu
weinen. Dabei soll er noch so einen sanften und traurigen Ton gehabt
haben, wie man ihn noch von keinem Sänger vernommen hat. Und dieser Ton
fand sich immer, ganz unerwartet, im Kehrreim vor, wodurch er besonders
rührend wirkte. So habe ich wenigstens erzählen hören.«
»Diesen Ton hat er also nicht von seinem Vater gelernt?« sagte mein
Freund Ewald nach einer Weile. »Nein,« erwiderte ich, »man weiß nicht,
woher der ihm kam.« Als ich vom Fenster schon fortgetreten war, machte
der Lahme noch eine Bewegung und rief mir nach: »Er hat vielleicht an
sein Weib und sein Kind gedacht. Übrigens, hat er sie nie kommen lassen,
da ja sein Vater nun tot war?« »Nein, ich glaube nicht. Wenigstens ist
er später allein gestorben.«
DAS LIED VON DER GERECHTIGKEIT
Als ich das nächste Mal an Ewalds Fenster vorüberkam, winkte er mir und
lächelte: »Haben Sie den Kindern etwas Bestimmtes versprochen?« »Wieso?«
staunte ich. »Nun, als ich ihnen die Geschichte von Jegor erzählt hatte,
beklagten sie sich, daß Gott in derselben nicht vorkäme.« Ich erschrak:
»Was, eine Geschichte ohne Gott, aber wie ist denn das möglich?« Dann
besann ich mich: »In der Tat, es ist wahr, von Gott sagt die Geschichte,
wie ich sie mir jetzt überdenke, nichts. Ich begreife nicht, wie das
geschehen konnte; hätte jemand von mir eine solche verlangt, ich glaube,
ich hätte mein ganzes Leben nachgedacht, ohne Erfolg ...«
Mein Freund lächelte über diesen Eifer: »Sie müssen sich deshalb nicht
erregen,« unterbrach er mich mit einer gewissen Güte, »ich denke mir,
man kann ja nie wissen, ob Gott in einer Geschichte ist, ehe man sie
auch ganz beendet hat. Denn wenn auch nur noch zwei Worte fehlen
sollten, ja selbst, wenn nur noch die Pause hinter dem letzten Worte der
Erzählung aussteht: Er kann immer noch kommen.« Ich nickte, und der
Lahme sagte in anderem Ton: »Wissen Sie nicht noch etwas von diesen
russischen Sängern?«
Ich zögerte: »Ja, wollen wir nicht lieber von Gott reden, Ewald?« Er
schüttelte den Kopf: »Ich wünsche mir so, mehr von diesen eigentümlichen
Männern zu vernehmen. Ich weiß nicht, wie es kommt, ich denke mir immer,
wenn so einer hier bei mir einträte --« und er wandte den Kopf ins
Zimmer nach der Türe zu. Aber seine Augen kehrten schnell und nicht ohne
Verlegenheit zu mir zurück -- »Doch das ist ja wohl nicht möglich,«
verbesserte er eilig. »Warum sollte das nicht möglich sein, Ewald? Ihnen
kann manches begegnen, was den Menschen, die ihre Beine brauchen können,
verwehrt bleibt, weil sie an so vielem vorübergehen und vor so manchem
davonlaufen. Gott hat Sie, Ewald, dazu bestimmt, ein ruhiger Punkt zu
sein mitten in aller Hast. Fühlen Sie nicht, wie alles sich um Sie
bewegt? Die anderen jagen den Tagen nach, und wenn sie mal einen
erreicht haben, sind sie so atemlos, daß sie gar nicht mit ihm sprechen
können. Sie aber, mein Freund, sitzen einfach an Ihrem Fenster und
warten; und den Wartenden geschieht immer etwas. Sie haben ein ganz
besonderes Los. Denken Sie, sogar die Iberische Madonna in Moskau muß
aus ihrem Kapellchen heraus und fährt in einem schwarzen Wagen mit vier
Pferden zu denen, die irgend etwas feiern, sei es die Taufe oder den
Tod. Zu Ihnen aber muß alles kommen --«
»Ja,« sagte Ewald mit einem fremden Lächeln, »ich kann sogar dem Tod
nicht entgegengehen. Viele Menschen finden ihn unterwegs. Er scheut
sich, ihre Häuser zu betreten, und ruft sie hinaus in die Fremde, in den
Krieg, auf einen steilen Turm, auf eine schwankende Brücke, in eine
Wildnis oder in den Wahnsinn. Die meisten holen ihn wenigstens draußen
irgendwo ab und tragen ihn dann auf ihren Schultern nach Hause, ohne es
zu merken. Denn der Tod ist träge; wenn die Menschen ihn nicht
fortwährend stören würden, wer weiß, er schliefe vielleicht ein.« Der
Kranke dachte eine Weile nach und fuhr dann mit einem gewissen Stolz
fort: »Aber zu mir wird er kommen müssen, wenn er mich will. Hier in
meine kleine helle Stube, in der die Blumen sich so lange halten, über
diesen alten Teppich, an diesem Schrank vorbei, zwischen Tisch und
Bettende durch (es ist gar nicht leicht, vorüberzukommen) bis her an
meinen breiten, lieben, alten Stuhl, der dann wahrscheinlich mit mir
sterben wird, weil er sozusagen mit mir gelebt hat. Und er wird dies
alles tun müssen in der üblichen Art, ohne Lärm, ohne etwas umzuwerfen,
ohne etwas Ungewöhnliches zu beginnen, wie ein Besuch. Dieser Umstand
bringt mir meine Stube merkwürdig nah. Es wird sich alles hier abspielen
auf dieser engen Szene, und darum wird auch dieser letzte Vorgang sich
nicht sehr von allen anderen Ereignissen unterscheiden, welche sich hier
begeben haben und noch bevorstehen. Es hat mir immer schon als Kind
seltsam geschienen, daß die Menschen vom Tode anders sprechen als von
allen anderen Begebenheiten, und das nur deshalb, weil jeder von dem,
was ihm nachher geschieht, nichts mehr verrät. Wodurch aber
unterscheidet sich denn ein Toter von einem Menschen, welcher ernst
wird, auf die Zeit verzichtet und sich einschließt, um über etwas ruhig
nachzudenken, dessen Lösung ihn lange schon quält? Unter den Leuten kann
man sich doch nicht einmal des Vaterunsers erinnern, wie denn erst
irgendeines anderen dunkleren Zusammenhanges, der vielleicht nicht in
Worten, sondern in Ereignissen besteht. Man muß abseits gehen in
irgendeine unzugängliche Stille, und vielleicht sind die Toten solche,
die sich zurückgezogen haben, um über das Leben nachzudenken.«
Es entstand eine kleine Schweigsamkeit, die ich mit folgenden Worten
begrenzte: »Ich muß dabei an ein junges Mädchen denken. Man kann sagen,
daß sie in den ersten siebzehn Jahren ihres heiteren Lebens nur geschaut
hat. Ihre Augen waren so groß und so selbständig, daß sie alles, was sie
empfingen, selbst verbrauchten, und das Leben in dem ganzen Körper des
jungen Geschöpfes ging, unabhängig davon, von schlichten, inneren
Geräuschen genährt, vor sich. Am Ende dieser Zeit aber störte irgendein
zu heftiges Ereignis dieses doppelte, kaum sich berührende Leben, die
Augen brachen gleichsam nach innen durch, und die ganze Schwere des
Äußeren fiel durch sie in das dunkle Herz hinein, und jeder Tag stürzte
mit solcher Wucht in die tiefen, steilen Blicke, daß er in der engen
Brust zersprang wie ein Glas. Da wurde das junge Mädchen blaß, begann zu
kränkeln, einsam zu werden, nachzudenken, und endlich suchte es selbst
jene Stille auf, darin die Gedanken wahrscheinlich nicht mehr gestört
werden.«
»Wie ist sie gestorben?« fragte mein Freund leise, mit etwas heiserer
Stimme. »Sie ist ertrunken. In einem tiefen, stillen Teich, und an der
Oberfläche desselben entstanden viele Ringe, die langsam weit wurden und
unter den weißen Wasserrosen hin wuchsen, so daß alle diese badenden
Blüten sich bewegten.«
»Ist das auch eine Geschichte?« sagte Ewald, um die Stille hinter meinen
Worten nicht mächtig werden zu lassen. »Nein,« entgegnete ich, »das ist
ein Gefühl.« »Aber könnte man es nicht auch den Kindern übermitteln --
dieses Gefühl?« Ich überlegte. »Vielleicht --« »Und wodurch?« »Durch
eine andere Geschichte.« Und ich erzählte:
»Es war zur Zeit, als man im südlichen Rußland um die Freiheit kämpfte.«
»Verzeihen Sie,« sagte Ewald, »wie ist das zu verstehen -- wollte sich
das Volk etwa vom Zaren losmachen? Das würde nicht zu dem passen, was
ich mir von Rußland denke, und auch mit Ihren früheren Erzählungen in
Widerspruch stehen. In diesem Falle würde ich vorziehen, Ihre Geschichte
nicht zu hören. Denn ich liebe das Bild, welches ich mir von den Dingen
dort gemacht habe, und will es unbeschädigt behalten.«
Ich mußte lächeln und beruhigte ihn: »Die polnischen Pans (ich hätte das
vorausschicken müssen) waren Herren im südlichen Rußland und in jenen
stillen, einsamen Steppen, welche man mit dem Namen Ukraine bezeichnet.
Sie waren harte Herren. Ihre Bedrückung und die Habgier der Juden,
welche sogar den Kirchenschlüssel in Händen hatten, den sie nur gegen
Bezahlung den Rechtgläubigen auslieferten, hatte das jugendliche Volk um
Kiew herum und den ganzen Dnjepr aufwärts müde und nachdenklich gemacht.
Die Stadt selbst, Kiew, das heilige, der Ort, wo Rußland zuerst mit
vierhundert Kirchenkuppeln von sich erzählte, versank immer mehr in sich
selbst und verzehrte sich in Bränden wie in plötzlichen, irren Gedanken,
hinter denen die Nacht nur immer uferloser wird. Das Volk in der Steppe
wußte nicht recht, was geschah. Aber von seltsamer Unruhe erfaßt, traten
die Greise nachts aus den Hütten und betrachteten schweigend den hohen,
ewig windlosen Himmel, und am Tage konnte man Gestalten auf dem Rücken
der Kurgane auftauchen sehen, die sich wartend vor der flachen Ferne
erhoben. Diese Kurgane sind Grabstätten vergangener Geschlechter, die
die ganze Heide wie ein erstarrter, schlafender Wellenschlag
durchziehen. Und in diesem Land, in welchem die Gräber die Berge sind,
sind die Menschen die Abgründe. Tief, dunkel, schweigsam ist die
Bevölkerung, und ihre Worte sind nur schwache, schwankende Brücken über
ihrem wirklichen Sein. -- Manchmal heben sich dunkle Vögel von den
Kurganen. Manchmal stürzen wilde Lieder in die dämmernden Menschen
hinein und verschwinden in ihnen tief, während die Vögel im Himmel
verloren gehen. Nach allen Richtungen hin scheint alles grenzenlos. Die
Häuser selbst können nicht beschützen vor dieser Unermeßlichkeit; ihre
kleinen Fenster sind voll davon. Nur in den dunkelnden Ecken der Stuben
stehen die alten Ikone, wie Meilensteine Gottes, und der Glanz von einem
kleinen Licht geht durch ihre Rahmen, wie ein verirrtes Kind durch die
Sternennacht. Diese Ikone sind der einzige Halt, das einzige
zuverlässige Zeichen am Wege, und kein Haus kann ohne sie bestehen.
Immer wieder werden welche notwendig; wenn eines zerbricht vor Alter und
Wurm, wenn jemand heiratet und sich eine Hütte zimmert, oder wenn einer,
wie zum Beispiel der alte Abraham, stirbt mit dem Wunsch, den heiligen
Nikolaus, den Wundertäter, in den gefalteten Händen mitzunehmen,
wahrscheinlich, um die Heiligen im Himmel mit diesem Bilde zu
vergleichen und den besonders Verehrten vor allen anderen zu erkennen.
So kommt es, daß Peter Akimowitsch, eigentlich Schuster von Beruf, auch
Ikone malt. Wenn er von der einen Arbeit müde ist, geht er, nachdem er
sich dreimal bekreuzt hat, zu der anderen über, und über seinem Nähen
und Hämmern wie über seinem Malen waltet die gleiche Frömmigkeit. Jetzt
ist er schon ein alter Mann, aber doch ziemlich rüstig. Den Rücken, den
er über die Stiefel biegt, richtet er vor den Bildern wieder gerade, und
so hat er sich eine gute Haltung bewahrt und ein gewisses Gleichgewicht
in den Schultern und im Kreuz. Den größten Teil seines Lebens hat er
ganz allein verbracht, sich gar nicht hineinmischend in die Unruhe, die
dadurch entstand, daß sein Weib Akulina ihm Kinder gebar und daß diese
verstarben oder sich verheirateten. Erst in seinem siebzigsten Jahre
hatte Peter sich mit denen in Verbindung gesetzt, die in seinem Hause
verblieben waren und die er nun erst als wirklich vorhanden betrachtete.
Das waren: Akulina, sein Weib, eine stille, demütige Person, die sich
fast ganz in den Kindern fortgegeben hatte, eine alternde, häßliche
Tochter und Aljoscha, ein Sohn, welcher, unverhältnismäßig spät geboren,
erst siebzehn Jahre zählte. Diesen wollte Peter für die Malerei
heranbilden; denn er sah ein, daß er bald nicht allen Bestellungen würde
entsprechen können. Aber er gab den Unterricht bald auf. Aljoscha hatte
die allerheiligste Jungfrau gemalt, aber das strenge und richtige
Vorbild so wenig erreicht, daß sein Machwerk aussah wie ein Bild der
Mariana, der Tochter des Kosaken Golokopytenko, also wie etwas durchaus
Sündiges, und der alte Peter beeilte sich, nachdem er sich oft bekreuzt
hatte, das beleidigte Brett mit einem heiligen Dmitrij zu übermalen,
welchen er aus einem unbekannten Grunde über alle anderen Heiligen
stellte.