Die Vergangenheit

Wenige Wochen nach seinem ersten Besuch ist der Kapitän genötigt, noch

einmal in der Mühle vorzusprechen.

Es handelt sich um eine große und wichtige Getreideladung, die während

unsachgemäßer Lagerung gelitten hat und gereinigt werden soll, ehe sie

weitergeht.

Herr Pohl hat zwar zurzeit wenig Raum. Aber er erklärt sich schließlich

bereit, seine Einrichtungen dafür zur Verfügung zu stellen, wenn der

Kapitän die Arbeit überwachen läßt.

Der Kapitän will selbst von Zeit zu Zeit das Getreide prüfen. So kommt

es, daß er nun oft jenseits des Kanals zu sehen ist.

Wenn er Irmgard Pohl begegnet, so grüßt er sie mit seinem eckigen

Hutschwenken wie einen alten Freund. Sie hat keine Zeit, sich in eine

Unterhaltung mit ihm einzulassen, wenn er im dienstlichen Eifer um

das Bureau der Mühle stapft. Er nimmt ein Lächeln von ihr mit in das

Gebrumm der Maschinen, und sie sagt bei Tisch zum Vater:

»Ich habe den Kapitän eben hier getroffen.«

»Ja«, erwidert er. »Der hat jetzt öfter bei uns zu tun.«

Frau Pohl erkundigt sich nach dem Mann, welche Stellung er im Hafen

bekleide, und -- nach kurzer Pause -- ob er verheiratet sei.

Vater und Tochter wechseln einen raschen Blick. Sie geben ihr Auskunft,

und sie mag daraus entnehmen, daß sie es mit dem ersten und wichtigsten

Mann im Hafen, nach dem Kommerzienrat, zu tun habe, denn Joachim Becker

wird in stillem Einvernehmen nicht erwähnt.

»Siehst du«, sagt Herr Pohl auf dem Weg ins Bureau zu seiner Tochter.

»Die Mutter hat einen Heiratskandidaten für dich.«

»Ja«, sagt Irmgard. »Sie beschäftigt sich jetzt damit. Neulich fragte

sie mich, wie alt ich sei. Sie war lange sehr nachdenklich, als ich es

ihr wahrheitsgemäß gesagt hatte. Es wird immer schwerer, ihre Fragen zu

beantworten.«

Herr Pohl nickt. »Sie möchte, daß du mehr unter junge Leute kommst, und

erklärte sich sogar bereit, Gäste zu bewirten.«

Sie sind vor dem Bureau angekommen. Irmgard macht keine Anstalten, zu

ihm hineinzugehen, um das Gespräch fortzusetzen. Sie wendet sich halb

zu ihrer Tür, dann sagt sie, ehe sie im Hauptkontor verschwindet:

»Wenn ihr wollt, könnt ihr ja den Kapitän einladen!«

Michael Pohl sieht ihr einen Augenblick kopfschüttelnd nach und geht

mit unzufriedenem Gesicht zu seinem Schreibtisch.

Der Kapitän ist ihm nicht unsympathisch. Seinetwegen war er auch der

Hafengesellschaft entgegengekommen, denn er kann einem guten Menschen

schwer etwas abschlagen, während er sich die schlechten peinlich vom

Halse hält.

Und gern sieht er es nicht mit an, wie die Tochter im Bureau sitzt und

sich daheim überflüssig fühlt.

Der Kapitän wäre ihm als Gesellschafter bei einer guten Zigarre

gleichfalls recht. Aber nun kann er die Einladung verteufelt schwer

anbringen.

Er legt die Hand wuchtig auf den Tisch. Seine Stirn hat sich bedenklich

gerötet.

Zum Kuckuck, soll er seine Tochter jetzt vielleicht öffentlich

ausbieten? Nein, mit ~seiner~ Einladung kommt der Kapitän nicht in

sein Haus. Das ist seine Ansicht, klipp und klar.

Und er begegnet dem Hafendirektor, der ihm bisher wahrhaftig keinen

Anlaß zu Klagen gab, von nun an mit kühlen, fast finsteren Mienen.

Die Arbeiten sind auch beendet, die Abrechnungen erledigt. Der Kapitän

hatte sich mehr als nötig selbst darum bemüht. Nun dürfte er eine Weile

auf der anderen Seite des Kanals bleiben. Herr Pohl atmet erleichtert

auf.

Irmgard Pohl hat selbst eingesehen, daß ihr einige Abwechslung gut

täte. Sie will zunächst einmal in ein Konzert gehen. Der Vater kann

sich noch immer nicht entschließen, seine Frau an den Abenden allein

zu lassen, sonst hätte er sie vielleicht begleitet, wie er es früher

zuweilen tat, bis Joachim Becker ihr ein besserer Gesellschafter wurde.

Er hilft ihr in den Pelz und begleitet sie bis zum Tor. Ihr Gesicht

ist von innen erwärmt, und wie sie nun, hoch und schmal, mit behenden

Schritten von ihm fortgeht, sieht er ihr mit unverhülltem Vaterstolz

nach.

Der Konzertsaal ist nicht sehr weit entfernt. Irmgard nimmt den Weg

als willkommenen Spaziergang. Es ist unvermeidlich, daß sie wieder

Erinnerungen nachhängt, denn sie hatte am Anfang ihrer Bekanntschaft

mit Joachim Becker auch einige Male versucht, ihn für gute Musik zu

interessieren. Er verstand wenig davon, ließ sich aber willig führen,

und dann waren sie taumlig von den Tönen durch die Straßen gesegelt.

Im Frühjahr und im Sommer fanden sie später andere Verwendung für ihre

Abende. Irmgard hatte jedoch schon viele Pläne für den neuen Winter

geschmiedet, der dann so trostlos und einsam verlief.

Bei solchen Träumereien achtet man nicht auf die Umwelt. Der Kapitän,

der ihr entgegenkommt, kann ungesehen umkehren und eine ganze Weile

hinter ihr hergehen.

Vielleicht überlegt er, ob er sie noch ansprechen soll. Er zögert

sehr lange. Das mag an ihrem leichten und wiegenden Gang liegen. Sie

hat nicht sonderlich kleine, aber sehr schmale Füße, die sie in ihrer

Verträumtheit langsam über das bereifte Pflaster führt.

»Werden Ihnen in diesen dünnen Schuhen nicht die Füße erfrieren?«

sagt er schließlich dicht neben ihr, während er die Hand aus der

Manteltasche zieht, um sie nach dieser burschikosen Anrede zu begrüßen.

Er hat sie selbstverständlich sehr erschreckt. Aber sie geht rasch

auf seinen Ton ein und sagt: »Wie hätten Sie die schönen neuen Schuhe

bewundern können, wenn sie in solchen Ungetümen von Überschuhen

steckten?«

Sie mögen beide jetzt zu gleicher Zeit erkennen, daß das der geeignete

Verkehrston für sie ist. Menschen mit Enttäuschungen, die nicht

verbittern wollen, wählen gern den leichten Spott zum Verdecken ihrer

Grundstimmung.

Nun haben sie das richtige Fahrwasser gewonnen und langen in munterer

Unterhaltung vor dem Konzerthaus an. Der Kapitän macht keine Anstalten,

sich zu verabschieden.

Der Hafen(#75396) · 第 35 / 46 题