»Nein, das heißt ja, jetzt will ich es auch. Sie haben mich auf eine
ausgezeichnete Idee gebracht.«
Sie ist einen Augenblick verlegen und bleibt stehen.
»Ich hoffe doch, Sie wissen, mit wem Sie hier hineingehen, und daß es
für Sie peinlich sein kann?« fragt sie und fühlt, wie ihr die Röte
langsam ins Gesicht steigt.
»Ich weiß, was ich tue«, sagt er fast ärgerlich. »Und ich wüßte mir
keine angenehmere Gesellschaft.« Seine Worte verlieren dabei den Sinn
eines Komplimentes.
»Verzeihen Sie, ich habe Sie nicht verstimmen wollen. Zuweilen muß
man sich selbst daran erinnern, damit man nicht zu übermütig wird.
Natürlich werden Sie wissen, was Sie zu unternehmen haben, um keinen
Menschen zu kränken.«
»Wovon sprechen Sie, Fräulein Pohl?« fragt er plötzlich sehr streng.
»Wovon?« fragt sie verwirrt. »Von dem, was Sie ebenso wissen wie alle
anderen, die mich kennen. Ich gebe mich nicht der Illusion hin, daß die
Menschen über das Unangenehme schweigen. Nur das Angenehme behalten sie
für sich. Warum soll ich diskreter sein als die anderen, zumal es sich
hier um mich selbst handelt?«
»Nur mit dem Unterschied, daß Sie heute noch darüber sprechen, während
die anderen längst schweigen. Geben Sie mir Ihre Karte, damit ich
versuche, den Nachbarplatz zu bekommen.«
Sie folgt der Aufforderung wie ein gestraftes Schulmädchen. Als sie
von ihrer Tasche hochblickt und die strengen Falten in seinem Gesicht
bemerkt, muß sie lächeln. Sie weiß keine Erklärung dafür, daß sie sich
auf einmal unsäglich erleichtert fühlt.
Er geht stumm neben ihr her, während sie sich der Billettkasse nähern.
Sie ist ihm so dankbar und möchte ihm irgend etwas Gutes sagen.
Während sie ihn betrachtet, wie er zum Schalter herabgeneigt ist und in
seiner etwas umständlichen Art verhandelt, muß sie daran denken, daß
ihr die Achtung der Menschen doch nicht so gleichgültig ist, wie sie
es sich immer eingeredet hatte. Es ist sehr schön, zu wissen, daß man
trotzdem nicht von ihnen gerichtet wurde.
Der Kapitän kommt zurück. Er hat drei Karten in der Hand.
»Der Nachbarplatz war schon vergeben«, sagt er und blickt unschlüssig
auf die unverwendbare Karte.
»Geben Sie, bitte!« sagt sie. Er läßt sich die Karte aus der Hand
nehmen. Sie steckt sie in ihre Handtasche. »Die hebe ich mir auf zum
Andenken an einen guten Mann.«
»Sie sollten sie lieber einem armen Menschen schenken, der sich keine
Musik leisten kann«, erwidert er, auch jetzt nicht ohne Strenge.
»Mein Gott, Herr Schulmeister, nun könnten Sie wieder etwas
freundlicher sein. Natürlich haben Sie recht.« Sie sieht sich suchend
um.
Er lächelt. »Gehen wir wieder vor den Eingang! Hier haben die Leute
schon das Geld in der Hand.«
An der Tür begegnet ihnen ein junger Mensch mit rotgefrorenen Händen.
Ein armer Musikstudent vielleicht.
Irmgard geht schüchtern auf ihn zu und sagt leise: »Ach verzeihen Sie,
wollen Sie vielleicht ...«
Sie hält ihm die Karte hin. Aber ehe sie ausgesprochen hat, sagt er
barsch: »Danke«, und geht beschleunigt weiter.
Erschreckt zieht sie die Hand zurück und gesellt sich kleinlaut
zum Kapitän. Der hebt die Schultern hoch, wie jemand, der einen
Bubenstreich ausgeheckt hat und nun flüchtet. Er nimmt ihren Arm, und
sie schlüpfen vor die Tür.
»Aber das haben Sie ja ganz verkehrt angefangen«, sagt er draußen mit
seinem aufgeräumten trocknen Lachen. »Der Mann hat natürlich gedacht,
daß er Ihnen die Karte abkaufen soll, und er hat höchstens das Geld für
die Galerie. Soll ich es einmal versuchen?«
»Bitte, wenn Sie es besser verstehen!«
Sie beobachten nun beide die Passanten. Ein paarmal sieht der Kapitän
sie fragend an.
»Sie können doch nicht irgendeinem Mann, der vielleicht zu einem
Rendezvous gehen will, eine Konzertkarte aufschwatzen!« Jetzt lacht sie
ihn aus, weil er es auch nicht geschickter anzufangen weiß.
Zufällig fahren gerade viele Autos vor. Elegante, plaudernde Menschen
gehen in das Tor. Es ist inzwischen spät geworden. Sie müssen eilen, um
den Beginn nicht zu versäumen.
Er gibt es auf. »Ich habe mir das Verschenken wirklich leichter
gedacht«, sagt er resignierend.
Schließlich nimmt sie die Karte wieder an sich, und sie begeben sich
hinein.
»Ach ja, Beethoven kann man immer wieder hören«, sagt eine Frau
sehr laut neben ihnen, als wolle sie sich vor aller Öffentlichkeit
entschuldigen, daß sie noch zu so alter Musik geht.
Die beiden sehen sich belustigt an. Sie sind in der Laune, die alles
mit einem heitern Spott betrachtet.
Aber dann sitzen sie auf ihren Plätzen und werden schon bei den ersten
Tönen, die vom Stimmen der Instrumente in das schwatzende Publikum
fallen, sehr still.
In der Pause gehen sie lange schweigsam auf und ab. Nach diesem
gemeinsamen Erlebnis will ihr neuer Verkehrston doch nicht mehr passen.
Endlich beginnt er das Gespräch damit: »Ja, die Deutschen müssen sich
bei der Musik immer etwas denken. Sie machen sich zu jeder Symphonie
und selbst zu den Walzern einen Text.«
Irmgard, die von den Tönen sehr angeregt wird und noch im tiefen
Nachdenken ist, sagt:
»Sie sprechen von den Deutschen, als gehörten Sie nicht dazu.«
»Verzeihen Sie, ich habe mich nicht korrekt genug ausgedrückt, ich
hätte sagen müssen ›wir‹ Deutschen.«
»Ja, sehen Sie, das klingt schon mehr nach persönlichem Bekenntnis, und
darum vermeiden Sie es.« Sie kann es sich selbst nicht erklären, warum
sie ihm jetzt seine Schwäche vorhalten muß.
»Sie haben recht,« erwidert er, »man gewöhnt sich daran, seine Gefühle
vor den Menschen zu verbergen.«
Sie sehen einander einen Augenblick schweigend an. Da sagt sie
unvermittelt:
»Sie haben eine Geige, und ich würde gern wieder Klavier spielen, wenn
Sie manchmal zur Begleitung herüberkämen.«
Er wird nicht verlegen, wie es sonst seine Art ist, wenn man sein
Steckenpferd erwähnt.
»Ja,« sagt er, »das will ich gern tun. Bestimmen Sie die Stunde!«
Dann beginnt er, ehe sie geantwortet hat, sehr ausführlich davon
zu erzählen, wie andere Völker die Musik auffassen, die Südländer
etwa oder die Chinesen. Am wenigsten könne man als Europäer bei der
Negermusik etwas empfinden.
Sie hört ihm sehr unaufmerksam zu. Er hat einen gleichmäßigen,
einschläfernden Tonfall. Es wäre ihr viel lieber, wenn er jetzt
schwiege.
Sie muß daran denken, daß Joachim Becker sie niemals durch seine
Anwesenheit oder durch überflüssige Worte störte wie dieser gebildete
und rücksichtsvolle Mann, der von der Musik sehr erschüttert ist
und trotzdem so viele Worte macht. Aber sie ist gerecht genug, sich
einzugestehen, daß der ungeliebte Mensch eben nichts zur Zufriedenheit
machen kann, der geliebte aber selbst nach den schlechtesten Handlungen
noch in guter Erinnerung bleibt.
Die Musik läßt sie diese Betrachtungen wieder vergessen. Und am Schluß,
nach dem ernüchternden Handgemenge an der Garderobe, sind sie wieder in
ihrem Fahrwasser. Irmgard wird viel betrachtet, der Kapitän nimmt mit
ironischen Bemerkungen davon Notiz.
Sie hat unwillkürlich das Gefühl, daß sie noch etwas an ihm gutzumachen
habe. Es muß ihr immer erst einfallen, sie ist gewissermaßen mit dem
Verstande und nicht mit dem Herzen gut zu ihm.
»Sie sind sehr weit gereist und haben viele Menschen und Gebräuche
kennengelernt. Auch mein Vater wird sich auf eine Unterhaltung mit
Ihnen freuen. Kommen Sie morgen abend!« sagt sie freundlich.
»Danke, gern.«
»Gegen sieben, zu einem Imbiß?«
»Ja, wie Sie bestimmen. Noch weiß ich nicht, wo ich heute etwas zu
essen bekomme.«
»Mein Gott«, ruft sie erschreckt aus. »Haben Sie heute abend noch nicht
gegessen?«
»Ich wußte doch nicht, daß mir nur Musik vorgesetzt wird«, erwidert er
lächelnd.
»Aber für heute kann ich Sie nicht einladen.«
»Beileibe nicht. Doch wenn Sie mir noch bei einem Abendbrot
Gesellschaft leisten würden ...«
»Nein«, sagt sie entschlossen.
»Das ist sehr schroff. Die jungen Damen sind heute so selbständig, daß
ich nicht glaubte, gegen die guten Sitten zu verstoßen.«
»Gewiß nicht!« erwidert sie. »Frauen, die einen guten Ruf haben,
dürften es vielleicht annehmen, die mit einem schlechten noch eher.
Aber wer sich sein Ansehen zurückerobern muß --«
»Ja, kommen Sie nur, Sie Moralistin!« Er läßt sie den Satz nicht zu
Ende sprechen und begleitet sie unter vielen Erzählungen und Scherzen
nach Haus.
»Im übrigen haben Sie ja Tee zu Haus, und in der Kantine wird auch noch
etwas für Sie zu essen sein«, sagt sie einmal zwischendurch. Er stellt
fest, daß sie sich sehr besorgt mit seinem Hunger beschäftigt, und wird
immer lebhafter.
An der Föhrbrücke verabschieden sie sich. Sie fühlt seinen schmerzhaft
festen Händedruck noch, als sie in das erhellte Wohnzimmer tritt, wo
sie den Vater über der Zeitung antrifft.
Er geht ihr entgegen und hilft ihr beim Ablegen. Es fällt ihr auf, daß
er sehr ernst ist. Sie war auch von ihm mit vielen guten Wünschen und
unter Scherzen entlassen worden. Es scheint ihr, daß alle Menschen
heute gut und heiter waren.
Sie legt daher ihren Arm um seine Schulter und lehnt das heiße Gesicht
an seine Wange.
»Noch mein Kamerad?« fragt sie.
»Ja«, sagt er lächelnd. Er selbst hatte ihr vor kurzem nach einer
tüchtigen Arbeit im Bureau diesen Titel gegeben. Nun bekommt er ihn
zurück.
Er erkundigt sich, ob sie Hunger habe, und macht eine Bewegung zur Tür,
als wolle er sie selbst noch bewirten.
Sie lehnt ab und beginnt zu berichten. Sie habe den Kapitän getroffen.
Er sei auch im Konzert gewesen. Unwillkürlich sagt sie nicht, daß er
ihretwegen mitgekommen sei. Sie überlegt, wovon sie zuerst erzählen
solle, vom Eindruck der Musik, vom Publikum oder vom Kapitän. Sie ist
ungewöhnlich plauderlustig und in einem inneren Gleichgewicht, wie sie
es seit Joachim Beckers Zeit nicht mehr kannte.
Ein Geräusch, das vom Schlafzimmer herüberdringt, läßt sie aufhorchen.
Herr Pohl rückt verlegen auf seinem Sofa.
»Es ist der Junge«, sagt er zögernd. »Wir haben den Arzt schon kommen
lassen. Er hustet und hat leichtes Fieber.«
Irmgard starrt ihn fassungslos an. Hier sitzt sie in ihrem silbergrauen
leichten Kleid, so reizvoll wie seit Jahren nicht, und wird mit dieser
Nachricht empfangen.
Sie ist nicht traurig, sondern fast ärgerlich. Als habe man ihr
rücksichtslos ein Vergnügen verdorben.
»Es wird irgendeine gewöhnliche Kinderkrankheit sein«, meint Herr Pohl
beruhigend.
»Dann werde ich mich umziehen und die Mutter ablösen«, sagt sie still.
»Nein.« Er hält sie auf ihrem Stuhl zurück. »Ich wollte ohnehin in
diesen Tagen mit dir über die Mutter reden. Sie wird jetzt niemand zum
Knaben lassen. Du kennst ihren Eifer.«
Er schweigt und holt dann sehr weit aus: »Wie du weißt, stammt ihr
Vater aus einer Hugenottenfamilie, und dieser Fanatismus mag ihnen von
den Ahnen her im Blute liegen. Wir können nicht dagegen ankämpfen.
Denn durch Widerstand unterstützen wir ihren Wahn. Nun scheint sich
in letzter Zeit ihr Erinnerungsvermögen viel mehr gestärkt zu haben,
als wir ahnen. Ich habe zuweilen das Gefühl, daß sie der Wahrheit
schon sehr nahe ist, aber absichtlich nicht mehr fragt, weil sie sich
fürchtet.«
Irmgard, die immer eine so aufmerksame Zuhörerin war, schweift mit
ihren Gedanken ab und vermag der Rede des Vaters nicht mit Interesse
zu folgen. Die vielfältigen Klänge des Orchesters, sanfte Tonfolgen,
Beethovensche Akkorde mit ihren dunklen Untertönen liegen ihr in den
Ohren. Sie hat Mühe, auf ihrem Stuhl sitzenzubleiben. Es drängt sie,
einherzugehen, leicht, mit schwebendem Rhythmus im Gang.
Sie versteht nicht, warum der Vater gerade heute mit ihr darüber
sprechen muß. Merkt er nicht, daß sie in die »Welt« zurückgekehrt ist,
daß sie endlich, endlich mit der Vergangenheit abschließen will? Großer
Gott, daß sie einmal von Krankheit, Wahn und Kindersorge nichts hören
möchte?
Sie blickt, ein wenig verträumt und gleichzeitig trotzig, in eine Ecke
des Zimmers, am Vater vorbei und sagt, mit einer fremden kühlen Stimme:
»Was soll ich denn tun? Ich kann ja verreisen, wenn du willst. Ja --«
Sie springt auf und geht nun doch im Zimmer umher.
»Reisen! Ich werde mir die Welt ansehen. Du sagtest neulich, der Mensch
muß seine alte Umgebung verlassen, um neu anfangen zu können. Gut, ich
will mir die Welt ansehen!«
Sie hat die Arme auf dem Rücken ineinandergelegt und bleibt plötzlich
vor dem Vater stehen, während der weite silbrige Rock noch um ihre
schmalen Beine schwebt.
»Komm einmal hierher!« sagt Herr Pohl in gutmütig befehlendem Ton
und macht ihr den Sofaplatz an seiner Seite frei. Etwas an seiner
Tochter gefällt ihm nicht. Es ist ein Zuviel in den Bewegungen, eine
Übertreibung im Ton.
Er legt die Hand um ihre abfallenden Hüften und zuckt unwillkürlich vor
der weichen Seide zusammen, die seine Fingerspitzen so unendlich lange
nicht berührten. Wieviel Härte und Strenge, wieviel Entsagung ist doch
immer in seinem Hause gewesen, wo nur die Arbeit regiert. Er zieht die
Finger wieder fort und rückt ein wenig ab.
»Ja,« sagt er langsam, »du bist jetzt zweiundzwanzig Jahre alt, und das
ganze Leben liegt noch vor dir. Wir beide, deine Mutter und ich, sind
nun so weit --« Er stockt.
»Nein, nicht erst jetzt«, setzt er mit leichter Bitterkeit fort. »Wir
waren immer so, daß wir nicht uns selbst, sondern den Pflichten lebten.
Man kann auch darin zu Egoisten werden. Man bildet sich ein, für die
anderen, für die Kinder etwa, zu leben, und hat sich rücksichtslos an
die Arbeit gehalten, um den Mangel an Lebensfreude nicht einzugestehen.
Siehst du, darin haben wir an dir gesündigt.«
»Das darfst du von dir nicht sagen, denn du bist immer gut gewesen. Und
mit dir konnte man auch manchmal lustig sein.«
»Manchmal!« wiederholt er. In seinem großen braunen Gesicht mit den
grauen, aufschimmernden Haaren, ist irgend etwas schief gezogen. Er
versucht krampfhaft, es fortzulächeln. »Was ich dir bisher in diesem
Arbeitshof geboten habe, war nicht die Freude.«
»Vater, fast ein Jahr lang bin ich sehr glücklich und jung gewesen. Und
wenn es dann anders kam, so war ich daran schuld.«
»Nein,« erwidert er, »jetzt weiß ich, daß wir schuld sind. Mußtest
du in jener Zeit nicht von zwanzig Jahren ohne Zärtlichkeit und
Lebensfreude erlöst werden und alles einholen, was in dir ungehoben
blieb? Wenn wir ein klares Glas aus kalter Luft in die Wärme tragen,
so wird es blind. Aber bleibt es nicht blank, wenn es das Klima nicht
wechselt? Die Kinder, die Wärme und Heiterkeit in reichem Maße bei den
Eltern haben, werden selten in Gefühlsüberschwang geraten, der die
Grenzen verliert.«
Irmgard lehnt den Kopf gegen das Polster und läßt ungehindert aus den
weitgeöffneten, lächelnden Augen Tränen tropfen.
»Und nun sehe ich mit an, wie du dich um den Knaben quälst. Du wärst
vielleicht so weit, ihn der Mutter allein zu überlassen, weil er ihr
einziger Lebensinhalt ist und du jung und gesund genug wärst, um noch
auf ein eigenes Leben zu hoffen. Erst wenn man von sich selbst nichts
mehr erwartet, versenkt man sich vollkommen in seine Kinder. Aber
da ist dir von uns dieses Pflichtbewußtsein eingeimpft. Du glaubst,
die Achtung vor dir verlieren zu müssen, wenn du dich mit deinen
Muttergefühlen von ihm befreist.«
Er spricht das alles vor sich hin, während sie still neben ihm sitzt.
Jetzt wendet er sich um und blickt offen in ihr tränenüberströmtes
heißes Gesicht.
»Glaubst du,« fragt sie, während sie die Augen langsam schließt, »daß
es nicht unnatürlich wäre, wenn ich, wenn ich --«
»Wenn du lebensfreudig genug wärst, um mit der Vergangenheit
abzuschließen?«
Er versucht, zu lächeln und in leicht scherzendem Ton zu sprechen. »Du
gibst uns das -- das Produkt unserer falschen Erziehung als Tribut
zurück und beginnst, dein junges Leben neu und richtig aufzubauen.
Jetzt wissen wir wohl, wie wir es machen müssen?«
»Ja«, sagt sie leise. »Alle Sorgen werden heute von mir fortgenommen.«
Sie denkt an den Kapitän, an die bewundernden Blicke der fremden
Menschen, an die Musik, die von ferne wieder aufklingt, an ihre eigenen
leichten wiegenden Schritte.
Sie springt auf und gleitet mit den Händen über die weiche Seide ihres
Kleides, während sie sich in der Mitte des Zimmers hinstellt und mit
glänzenden Augen in die Luft blickt.
»Jetzt --« sagt sie, als wäre sie voller Unternehmungslust, »jetzt muß
ich wohl schlafen gehen.«
Herr Pohl steht auch auf und will sie zur Tür begleiten. Da schlingt
sie ihren Arm noch einmal um ihn und eilt davon.
Er lauscht gedankenvoll ihren Schritten. Dann nimmt er langsam die Hand
von der Klinke.
›Wir wissen wohl, wie wir es jetzt machen müssen,‹ denkt er, ›aber wir
haben nicht selbst die Entscheidung --‹
Es ist fast Mitternacht. Aus dem Schlafzimmer dringen keine Geräusche
mehr herüber. Er faltet seine Zeitung zusammen und geht hinein. --