Der Mann in der Mitte

Auf der Föhrbrücke kehrt sie wieder um. Sie kann in dieser Erregung

unmöglich ihren Eltern begegnen.

Ihr Gesicht brennt, und sie ist von heftigem Groll gegen den Kapitän

erfüllt. Während sie abenddunkle Straßen aufsucht, um ihre Gedanken

zu ordnen, wird ihre Abneigung gegen ihn immer stärker. Wohl hat er

sie sehr liebenswürdig empfangen, obgleich sie kein Verlangen danach

hatte, seine Bekanntschaft zu machen, aber als es darauf ankam, ihr

beizustehen, versagte er.

Wie hätte Joachim Becker sich in dieser Situation benommen? Oh, er wäre

der Zumutung des Kommissars sofort ganz energisch begegnet. Er hätte

sie wie ein Ritter geschützt. Der Kapitän jedoch stand zwischen beiden

Parteien und wollte niemand zu nahe treten.

Sie haßt diese lauen Menschen, sie haßt den Kapitän. Nur der Gedanke an

Schwester Emmis treue Bereitschaft söhnt sie wieder aus.

Sie beginnt, sich von ihrem Groll gegen den Kapitän abzuwenden und über

Schwester Emmis Schicksal nachzudenken. Das ist ein armer schwacher

Mensch, der in seiner Liebe zu den anderen wirklich sehr weit geht.

Hat sie sich nicht zuviel mit diesem eleganten, blassen Herrn Gregor

abgegeben, der nun verhaftet werden mußte?

Irmgard Pohl weiß nicht, welches Vergehen dem Herrn Gregor vorgeworfen

wird, aber so viel stand fest, daß er von Schwester Emmi eine

Reisetasche forderte und flüchten wollte. Er kam einfach in ihr Zimmer

und sagte »Du« zu ihr.

Frau Pohl hatte wohl recht damit, daß die blonde Fürsorgeschwester

leichtsinnig sei und keinen moralischen Halt habe. Doch warum sollte

sie diesen Menschen nicht auf ihre Art lieben?

Da steht sie nun mutig vor den beiden Herren, läßt sich ausfragen und

gibt klare Antworten, ihr Freund aber ist mit Handschellen abgeführt

worden, und wenn sie am Morgen aus ihrem Zimmer geht, so begegnet sie

ihm weder auf dem Korridor noch unten im Hafen. Sie wird ihn nirgends

mehr treffen, denn er sitzt hinter dicken Mauern und hat viel Zeit,

über seine Vergehen und über Schwester Emmis Liebe nachzusinnen.

Während Irmgard Pohl ihren Beruhigungsspaziergang fortsetzt und an das

Protokoll denkt, in dem nun ihr Name nicht verzeichnet ist, fällt ihr

ein, daß auch eine Reisetasche für das Verfahren von Bedeutung sein

kann. Hat der Verhaftete sie nicht für die Flucht benutzen wollen? Sie

gehört ihm nicht, und wer sie ihm gegeben hat, macht sich der Beihilfe

schuldig. Oh, das kluge Fräulein Pohl, das eine Handelsschule besucht

hat und jetzt Sekretärin in der Mühle ihres Vaters ist, vermag sehr

logisch zu denken, was sonst nicht Frauenart ist.

Sie verfügt nun wieder über ihren klaren Verstand und hat alle Folgen

eines Strafverfahrens vor Augen. Man liest nicht ohne Gewinst die

Zeitungen und vernimmt von Indizienbeweisen und Zeugenaussagen. Wer

weiß außer ihr, daß Herr Gregor den Koffer für eine Geschäftsreise

forderte und sonst kein Wort darüber verlor?

Schwester Emmi hatte ihren Besuch mutig vor dem Protokoll gerettet. Was

aber tat Irmgard Pohl? Sie dachte nur an die Rettung ihres Namens und

rannte davon.

Wie lächerlich erscheint ihr jetzt ihre Furcht vor Joachim Becker. Hat

er damals daran gedacht, daß sie ihren guten Ruf verlieren könnte?

Nein, er ließ sie im Stich und sorgte für sich selbst. Warum sollte

ihr Name nicht im Protokoll stehen? Weil es der Name ihres Vaters ist?

Michael Pohl ist es gleichgültig, was mit seinem Namen geschieht, wenn

man nur vor sich selber ein anständiger Mensch bleibt und die eigene

Achtung behält.

Und darum muß sie nun zurückgehen und sich als Entlastungszeugin für

Schwester Emmi melden.

Sie wird am Hafentor ohne weiteres eingelassen, denn der Kapitän selbst

hatte es ja erlaubt. Obgleich sie daran zweifelt, die Herren noch in

Schwester Emmis Zimmer zu treffen, nimmt sie doch ihren Weg zunächst

in das Gebäude der Hafenwirtschaft.

Auf der Treppe begegnet ihr Frau Reiche. Irmgard hat zwar noch nicht

die Bekanntschaft mit der Kantinenwirtin gemacht, aber nach Schwester

Emmis lebhaften Erzählungen ist ihr keine wichtige Person des Hafens

fremd.

Frau Reiche hat rote geschwollene Augen.

»Zu wem wollen Sie?« fragt sie mit harter Stimme.

»Zur Fürsorgeschwester.«

»Da brauchen Sie gar nicht weiterzugehen, die ist fortgegangen«, gibt

die Kantinenwirtin zurück.

»Und der Kapitän ist auch nicht oben?« fragt Irmgard. Das ist eine

gar zu dumme Frage. Was sollte der Kapitän allein in Schwester Emmis

Wohnung? Sie hat durch das verstörte Gesicht und die rauhe Stimme der

Frau ihre Fassung wieder etwas verloren.

»Das Bureau ist drüben. Hier hat der Kapitän noch nie gewohnt.«

Wie Irmgard schon an der Haustür ist, ruft die Frau ihr keifend nach:

»Wird denn gar keine Ruhe im Haus? Kommen schon fremde Weiber hierher

und schnüffeln in den Korridoren?«

Irmgard läßt die Tür entsetzt zufallen und eilt zum Verwaltungsgebäude

hinüber. Die Bureauräume im Erdgeschoß sind schon verdunkelt, nur aus

der Wohnung des Kapitäns dringt Licht. Sie geht kurz entschlossen

hinauf und klingelt an seiner Tür.

Der Kapitän öffnet selbst und ist gar nicht erstaunt, sie

wiederzusehen. An diesem ereignisreichen Tag ist man auf alles gefaßt.

Er fragt, ob sie mit in das Bureau hinuntergehen oder nähertreten

wolle.

Nein, sie möchte ihn nur einen Augenblick sprechen. Er führt sie in

sein Arbeitszimmer.

Da ist der große alte Mahagonischreibtisch, beleuchtet vom runden

Schein einer grünbeschirmten Lampe. Auf einem Stuhl daneben steht der

geöffnete Geigenkasten.

»Ich habe Sie gestört«, sagt Irmgard entschuldigend. »Ich wollte Ihnen

nur einige Worte sagen. Es betrifft Schwester Emmi.«

»Aber wollen Sie nicht ablegen?« sagt er. »Gestört haben Sie mich

nicht. Sehen Sie, ich bin immer allein. Ich wollte mir eben meinen Tee

bereiten. Ich glaube, ich muß mir doch noch eine Wirtschafterin

nehmen.«

Indem er über seine Angelegenheiten plaudert, läßt er ihr Zeit, sich

zu sammeln. Sie kann ihm plötzlich doch nicht mehr grollen, diesem

einsamen Mann mit dem Geigenkasten.

Während sie sich umwendet, um ihr Taschentuch aus dem Mantel zu

nehmen, den er auf den Diwan gelegt hat, schließt er rasch den Kasten

und stellt ihn hinter den Schreibtisch. Dann bietet er ihr den frei

gewordenen Stuhl an.

So, nun wird er wieder kühl, fast geschäftsmäßig. Es scheint

wahrhaftig, als wäre es in seinen Augen eine Schande, wenn ein

Hafendirektor Geige spielt. Er schließt seine Gefühle fest ein und geht

im Zimmer umher, als sei nun alles in Ordnung.

Irmgard bringt ihr Anliegen vor und berichtet von dem Koffer.

»So,« sagt der Kapitän, »der Koffer gehört der Fürsorgeschwester? Das

ist sicherlich noch nicht bekannt. Ich werde es jedenfalls melden. Und

ob wir Sie brauchen, das steht noch nicht fest. Für alle Fälle danke

ich Ihnen.«

Nun wäre Irmgards Mission beendet, aber sie steht nicht auf, um ihn zu

verlassen.

»Wenn der Koffer bis jetzt keine Rolle gespielt hat,« meint sie

unschlüssig, »so brauchen wir das Verfahren damit vielleicht nicht

zu komplizieren. Schwester Emmi hat also anscheinend bisher mit der

Angelegenheit nichts zu tun. Könnte man denn nicht alles beim alten

lassen? Warum sollen wir sie unnötig hineinziehen?«

Sie redet sehr vertraut mit ihm. Sie sagt »wir« und schließt ihn in

eine Partei ein, in die er als Direktor des Hafens wohl nicht gehört.

Das empfindet sie im Augenblick, da sie zu Ende gesprochen hat.

Der Kapitän nimmt auch gleich die richtige Stellung ein.

»Was Sie mir gemeldet haben,« sagt er, »muß ich weitergeben. Das übrige

wollen wir den Gerichten überlassen.«

»Ja,« erwidert sie nicht ohne Vorwurf, aber mit schwachem Lächeln, »Sie

müssen sich schon als neutrale Person in die Mitte stellen. Aber der

Schwester habe ich vielleicht mit meiner nachträglichen Meldung keinen

guten Dienst geleistet.«

»Das können wir nicht wissen. Und warum soll sie ihre Tasche nicht

zurückerhalten? Es ist nur schade, daß Sie vorhin fortgegangen waren,

denn dann hätten wir Widersprüche vermieden.«

»Widersprüche?« fragt Irmgard ängstlich. Sie weiß, daß Frauen in der

Notlage immer zuerst zu einer Lüge greifen. Was mochte also Schwester

Emmi ausgesagt haben?

»Sie meinten vorhin, daß ich mich in die Mitte stelle. Damit haben

Sie recht. In diesem Fall gehöre ich dahin, und ich kann Ihnen nicht

die Erklärungen geben, die Sie vielleicht wünschen. Ihren Besuch

darf ich nicht ungeschehen machen, wenn Sie mir deswegen vielleicht

auch grollen. Sie sehen, wie unrecht es war, vorhin von der Mitte

abzuweichen und Ihnen die Vernehmung zu ersparen.«

»Ach, sind Sie da schon von der Mitte abgewichen?«

Er überhört durchaus nicht die Ironie in ihrer Frage. Sein Gesicht

scheint, soweit es überhaupt Gefühlsregungen verraten kann, traurig und

verfallen.

»Ja,« sagt er, »wir Menschen in der Mitte werden verachtet, weil wir

es keinem recht machen -- weder dem einen noch dem anderen. Wir haben

keine Feinde, aber wir verschaffen uns auch keine Freunde.«

Er erhebt sich und tritt damit aus dem Lichtkreis der Lampe. Dann nimmt

er seine Wanderung im Zimmer wieder auf und spricht weiter:

»Wer fragt danach, ~warum~ es ein Mensch für richtig hält, immer

in der Mitte zu stehen und damit niemand unrecht zu tun? Wir würden

einander viel Ärger und Leiden ersparen, wenn wir uns alle daran halten

wollten.«

Irmgard muß an Joachim Becker denken, der niemals in der Mitte steht,

sondern immer auf der einen Seite, während er der anderen Unrecht

zufügt. Und sie selbst gehört zu der leidenden Partei. Hätte er aber

sonst diesen Hafen gegründet?

»Wohin sollte das führen?« fragt sie den Kapitän. »Wäre dann ein Cäsar

oder ein Napoleon möglich? Und wo blieben ihre ungeheuren Taten?

Ich denke mir, daß jedes große Werk ein Opfer auf der anderen Seite

fordert.«

»Es gibt robuste Naturen, denen es möglich ist, die Konsequenzen

ihrer einseitigen Handlungen zu tragen. Es steht mir fern, sie

zu verurteilen, denn ich sehe ihren Standpunkt ebenso wie den der

Schwachen.«

»Richtig,« sagt Irmgard bitter, die jedes Wort als einen Hieb auf

Joachim Becker empfindet, »Sie dürfen ja nicht nur die Mittelmäßigkeit

verteidigen, Sie haben sich die Aufgabe gestellt, zwischen allen

Parteien zu stehen.«

Sie wird ungerecht, ja, ihre Worte sind fast beleidigend, aber sie

spricht zu einem Mann, der auch ihre Ansicht verstehen muß. Was darf

sie ihm nicht alles sagen! Wird er nicht letzten Endes jedes Wort ruhig

hinnehmen müssen und verständnisvoll verzeihen? Die harten Worte kommen

aus einem schwachen oder starken Gefühl; er aber steht über allen

Schwankungen des Herzens und hat seinen Standpunkt in der Mitte.

»Ach, wie schwer muß es sein, diesem Vorsatz treu zu bleiben!« fügt sie

seufzend hinzu, während sie aufsteht und sich verabschieden will.

Sie hat kein Erbarmen mit diesem einsamen Menschen, der gehetzt im

Zimmer umherrennt und durchaus nicht den Eindruck hervorruft, als seien

seine Empfindungen klar und geebnet.

»Bitte, bleiben Sie noch«, sagt er, ohne seine Wanderung zu

unterbrechen. »Sie wollen mich kränken. Sie sind grausam, und ich

weiß nicht, womit ich mir das verdiente. Haben Sie nicht darüber

nachgedacht, daß das, was Sie die Mittelmäßigkeit nennen, nach schweren

Kämpfen aus Stärke und Schwäche erwachsen kann? Wie viele Ursachen

dürften dafür vorhanden sein! Es gibt Erlebnisse, die das Wesen eines

Menschen von Grund auf verändern. Ich will nicht von mir sprechen, es

liegt mir fern, Sie damit zu langweilen. Aber nehmen wir ein Beispiel

an. Ich will es so wählen, daß auch Sie als Frau es verstehen können:

Ein Mann glaubt, sehr geliebt zu werden. Er selbst -- nun lassen wir

das. Er vertraut ihr und begibt sich auf eine weite Reise. Er fährt

in fremde Erdteile, vielleicht, weil es sein Beruf erfordert oder

weil es ihm Spaß macht. Jedenfalls bleibt er sehr lange fort, und er

hat keinen Grund, seiner Frau zu mißtrauen. Er zweifelt niemals an

ihrer Treue, darum trifft es ihn so unvermittelt, als sie ihm selbst

gesteht, ihn betrogen zu haben. Sie hat keine äußere Ursache, es ihm

zu sagen, ihr Gewissen treibt sie dazu, weil sie innerlich wieder zu

ihm zurückgefunden hat. Der Mann gehört aber nicht zu den Neutralen,

die auch die Schwächen der anderen verstehen. Nein, er sieht nur seine

Seite, das an ihm begangene Unrecht, das getäuschte Vertrauen. Mit

dem Recht des Starken verurteilt er, ja, er ist ohne Gnade, und die

Frau geht ganz verzweifelt fort. Vielleicht wissen Sie, wie grausam

ein Mensch sein kann, wenn er nur sein eigenes Herz schlagen fühlt und

nicht auch das Herz des anderen. Aber dann kommt die Stunde, da sich

plötzlich alles ins Gegenteil verkehrt.«

Der Kapitän bleibt stehen und blickt Irmgard Pohl mit verlorenen

Blicken an. Nein, er sieht nicht das fremde junge Mädchen, das zu ihm

gekommen ist, um ihm seine Geheimnisse zu entlocken, er arbeitet an

seinem »Beispiel«. Und er geht wieder mit gespreiztem Gang im Zimmer

umher, während er die Hände auf dem Rücken fest ineinanderlegt.

»Kaum ist sie fortgegangen, so daß er die Einsamkeit spürt, da sieht

er auch die andere Seite. Er stellt sich wieder nicht in die Mitte,

er springt zum anderen Extrem hinüber. Da beginnt er nun mit der

Verteidigung der jungen Frau, die er selbst dem vielfältigen Leben

schutzlos gegenübergestellt hat. Sie war jung und hat gefehlt, aber

sie macht kein Hehl daraus, sie bekennt offen ihr Unrecht. Wie muß sie

dem Manne vertraut haben, und welche Größe hat sie von ihm erwartet,

da sie seiner Verzeihung so gewiß war. Er aber jagt sie davon. So sind

die Menschen: wie man soeben den anderen verurteilt hat, so richtet

man nun sich selbst. Wir finden keinen guten Weg dazwischen. Er will

sie zurückholen, doch er weiß nicht, wo er sie suchen soll. Und er

irrt eine ganze Nacht am Hafen, an den Fleeten, an jedem Wasser und

auf allen Brücken umher und weiß sich keinen Rat. Am Morgen treibt ihn

seine Verzweiflung in irgendeine Kirche, ihn, der keine Konfessionen

kannte und kein Gebet, nur sein Vertrauen auf die eigene Kraft. Er

bittet irgendeinen Gott, ihm zu helfen. Er legt ein Gelübde ab, eine

Beichte, er faltet die Hände, er kniet, er will allen Religionen

gerecht werden, um den wahren Gott zu finden, der ihm helfen kann.

Aber wie er nach Hause kommt, hat die Frau das Leben weggeworfen, das

sie neu beginnen wollte und das er ihr zerstört hat -- --«

Der Kapitän bricht plötzlich ab, ohne seine Stimme zu senken, als

wollte er etwas hinzufügen. Doch er schweigt. Er rückt ein Bild an der

Wand zurecht, eine afrikanische Landschaft, die mit seiner Erzählung

nichts zu schaffen hat. Man sieht, daß ihn selbst sein Beispiel nichts

angeht, es berührt ihn nicht, er kann sich sogar wieder mit einer

afrikanischen Landschaft beschäftigen, er ist ja der Mann in der Mitte.

Nur, daß er die Schlußfolgerung aus seiner Erzählung nicht mehr gezogen

hat, war ihm dabei entgangen.

Aber das ist nicht nötig. Seine Zuhörerin hat ihn auch so verstanden.

Sie erhebt sich und sagt: »Ja, da will ich jetzt gehen. Verzeihen Sie

mir.«

»Ach, wollen Sie gehen?« fragt er lächelnd. »Nein, ich habe nichts zu

verzeihen. Empfehlen Sie mich, bitte, Ihrem Herrn Vater, und wenn es

recht ist, so will ich ihm demnächst meine Aufwartung machen.«

Er begleitet sie bis zur Haustür und dankt ihr für den Besuch.

Irmgard Pohl geht langsam zum Hafentor. Wieviel stürmt auf einen jungen

Menschen ein, der mit seinem eigenen Leben nicht fertig wird! Soll man

sich nun noch mit den fremden Schicksalen beschäftigen? Sie ist fast

erdrückt unter der Last ihrer Gedanken und Gefühle.

Wie schön war es sonst, in solchen Stunden Schwester Emmi zu begegnen,

die plaudert und mit ihrem erheiternden Lachen alle schweren Gedanken

davonjagt. Eine leichte und sonnige Natur ist viel wert, aber nun kommt

Schwester Emmi kurz vor der Föhrbrücke Irmgard Pohl entgegen, und ihr

Gesicht scheint grau und alt.

»Haben Sie mich gesucht?« fragt sie, während sie bei der Anstrengung zu

einem Lächeln den rechten Mundwinkel herabzieht.

»Ja«, sagt Irmgard, obgleich es nicht ganz den Tatsachen entspricht.

»Wo sind Sie gewesen? Sie sehen elend aus. Warum bleiben Sie nicht zu

Hause?«

»Ach, ich mußte einen wichtigen Besuch machen. Bei einem Herrn Stein

war ich, dem Mann einer früheren Patientin. Aber er hatte heute keine

Zeit für mich, er war eben von der Reise gekommen. Das hätte ich

mir denken können, nicht wahr? Ich weiß nicht, wo ich heute meine

Überlegung habe, ich mache alles verkehrt.«

Irmgard sieht ihr prüfend in die starren Augen. ›Warum erzählt sie mir

das alles mit diesem unheimlichen Gesicht?‹ denkt sie. Nun forscht sie

weiter, um Schwester Emmi Gelegenheit zu geben, sich auszusprechen und

aus ihrer Erstarrung herauszufinden.

»Was wollten Sie von diesem Herrn Stein? Mußten Sie ihn noch heute

sprechen?«

»Ja«, antwortet die Schwester. »Es mußte sofort sein, obgleich es

schon zu spät ist. Aber vielleicht kann ich ihn doch noch retten.«

»Meinen Sie Herrn Gregor?«

»Ja.«

»Was kann dieser Herr Stein für ihn tun? Handelt es sich um Geld?«

»Ja.«

»Und Sie glauben, daß Sie es von dem Herrn bekommen, wenn Sie abends in

sein Bureau gehen?«

»Er hat es mir nicht direkt abgeschlagen, er meinte, falls ich morgen

abend käme, wenn er Zeit hätte, dann könnten wir in Ruhe darüber

sprechen.«

»Wollen Sie nicht zu mir hinüberkommen? Wir gehen gleich in mein

Zimmer, damit uns niemand stört. Hier können wir nicht stehenbleiben«,

sagt Irmgard Pohl.

Sie nimmt, ohne eine Antwort abzuwarten, die Schwester beim Arm und

führt sie über die Föhrbrücke zur Mühle.

Unterwegs sagt die Schwester, die vor Kälte zittert: »Es ist so

furchtbar, daß ich morgen noch zu diesem Menschen gehen muß. Aber das

ist die einzige Rettung.«

Im warmen Zimmer bettet Irmgard sie auf den Diwan, und dann beginnt

sie, mit milden und zärtlichen Worten auf sie einzureden. Wenn sie doch

weinen könnte, denkt sie, das wäre gut.

Als das alles nicht hilft, versucht sie es auf eine andere Weise.

»Was haben Sie sich denn gedacht?« sagt sie streng. »Wollen Sie sich an

diesen Herrn Stein verkaufen, um einen Menschen zu retten, der nicht

das geringste Opfer wert ist?«

Die Schwester springt erregt auf. Es ist, als wollte sie davonstürzen,

aber dann wirft sie sich auf die Erde und weint, laut und

leidenschaftlich. Alle Demütigungen, die Angst, die zurückgedrängten

Tränen lösen sich auf in diesem befreienden Schluchzen.

Als sie sich müde geweint hat, bettet Irmgard sie wieder auf den Diwan,

dann geht sie hinunter zu den Eltern.

»Kommst du endlich?« sagt Frau Pohl vorwurfsvoll. Sie ist mit einer

Häkelei beschäftigt, während der Mühlenbesitzer seine Zeitung liest.

Hier sitzen zwei Menschen wie in friedlichem Kreis um einen runden

Tisch und sind nur vom Schicksal ihrer eigenen kleinen Familie

umschlossen.

»Ich habe Schwester Emmi mitgebracht«, sagt Irmgard, während sie ihren

Vater bittend ansieht. »Drüben ist in ihrer Gegenwart ein Angestellter

verhaftet worden. Sie wurde dadurch so erregt, daß ich sie nicht allein

lassen wollte.«

Frau Pohl steht auf.

»Dann will ich euch etwas Abendbrot besorgen«, sagt sie.

Seitdem ihre Tochter in der Mühle eine geregelte Tätigkeit hat, wird

sie von Frau Pohl als selbständiger Mensch behandelt, der sich seine

Gäste mitbringen darf, und der sein Essen zu fordern hat, wenn er das

Haus betritt. Frau Pohl versäumt niemals ihre Pflichten.

Irmgard geht zu ihrem Vater. Sie setzt sich neben ihn auf das Sofa und

lehnt stumm den Kopf an seine Schulter. Der Mühlenbesitzer legt die

Zeitung hin und schließt den Arm um seine Tochter.

So sitzen sie, bis Irmgard die Schritte der Mutter hört. Sollte man

es wohl für möglich halten, daß eine Mutter auf ihre eigene Tochter

eifersüchtig ist?

Wie Irmgard dem mißtrauischen Blick Frau Pohls begegnet, denkt sie, wie

schön es wäre, wenn noch einige Menschen so in der Mitte ständen wie

der Kapitän.

Aber sie kann sich noch nicht entscheiden, ob sie es in vielen Fällen

gutheißen würde.

Als sie in ihr Zimmer hinaufkommt, ist Schwester Emmi nach ganz kurzer

Ruhe erwacht und von neuen Sorgen erfüllt.

»Nun wird man mich entlassen«, sagt sie verzweifelt. »Ich habe zwar

gesagt, daß ich Herrn Gregor heute überhaupt nicht gesehen hätte, aber

Frau Reiche wird dafür sorgen, daß man mich davonjagt.« Die ganze

Trostlosigkeit ihres Wanderlebens liegt wieder vor ihr.

»Nein,« sagt Irmgard, »der Kapitän wird niemals zugeben, daß man Sie

entläßt. Davon dürfen Sie fest überzeugt sein.«

»Haben Sie ihn gesprochen?«

»Ja.«

»Und er hat es Ihnen gesagt?«

»Es war so gut, als hätte er genau das gesagt.«

Und wiederum ist sie froh, daß sie sich auf den Mann in der Mitte

verlassen kann.

Wer könnte dem Kapitän vorwerfen, daß er jemals von diesem Platz

gewichen wäre?

Wenn die Kantinenwirtin bei ihm erscheint und mit sittlicher Entrüstung

meldet, daß sie am frühen Morgen einen Herrn aus dem Zimmer der

Fürsorgeschwester kommen sah, so sagt er nicht: »Dieser Skandal! Ich

werde die Schwester verwarnen oder entlassen.« Aber er fragt auch

nicht: »Warum werden Sie durch diesen Vorgang so erregt? Hätten Sie es

lieber gesehen, wenn der Herr aus einer anderen Tür gegangen wäre?«

Nein, er sagt: »So. Ich werde es in Ordnung bringen.« Dann geht alles

seinen alten Gang, und durch eine Verhaftung ist jede Wiederholung des

beanstandeten Besuches unmöglich geworden, so daß sich das Weitere

erübrigt.

Er macht auch dem Mühlenbesitzer Pohl den versprochenen Besuch, als

habe er keine Ahnung davon, daß die Hafengesellschaft mit ihm einen

Prozeß führe.

»Ich komme mit einer Bitte«, sagt der Kapitän, ohne Herrn Pohl Zeit zu

anderen Erörterungen zu lassen. »Sie haben hier einen großen schönen

Speicher, und wir wissen nicht, wo wir unsere Getreideladungen lassen

sollen. Könnten Sie uns nicht vorübergehend aushelfen?«

»Der Speicher war ursprünglich nur für meinen eigenen Bedarf bestimmt,

aber nun habe ich seit Bestehen des Hafens schon oft ausgeholfen. Es

ist für manchen sehr günstig, sein Getreide bei mir zu lassen.«

»Sie werden doch keinen Unterschied machen?«

»Nein,« sagt Herr Pohl lächelnd, »warum sollte ich meine Prozeßgegner

schlechter behandeln?«

Die Zeit geht über so vieles heilend hinweg, man muß nun über eine

erbitterte Feindschaft lächeln.

»Also können wir einen Vertrag abschließen?« fragt der Kapitän.

»Nein, um Gottes willen keine Verträge. Kommen Sie, wenn Sie meinen

Speicher brauchen, und ich will zusehen, wie ich einem so großen

Unternehmen helfen kann.«

Die beiden Männer verabschieden sich mit einem Händedruck. Während die

Prozeßgegner vor den Gerichten ihre Sache weiter verfechten, schließen

sie daheim friedlich ihre Geschäfte ab. Und das ist keinem anderen zu

verdanken als dem Kapitän, dem Mann in der Mitte.

Oder der Bäckermeister Reiche, Kantinenwirt im Hafen, spricht bei ihm

vor und dreht lange verlegen an seiner Mütze, bis er endlich mit der

Sprache herausrückt.

Also: er halte dieses Leben nicht länger aus, er sei Handwerker und

nicht Schankwirt. Und wenn das nicht bald ein Ende nähme, so wüßte

er nicht, was noch geschehen könnte. Er bittet um die Erlaubnis, das

Recht für die Bewirtschaftung der Kantine mit seinem eigenen geringen

Inventar verkaufen zu dürfen, damit er wieder imstande sei, sich eine

Bäckerei anzuschaffen.

»Was sagt Ihre Frau dazu?« fragt der Kapitän.

»Meine Frau?« wiederholt Herr Reiche, »sie trägt die Zigaretten und das

Essen aus der Kantine in das Untersuchungsgefängnis und verschenkt mein

Geld an fremde Menschen.«

»Sie ist in der Wirtschaft sehr tüchtig, und man scheint allgemein

zufrieden mit ihrer Küche zu sein«, sagt der Kapitän. »Wollen Sie

es nicht auf eine andere Art mit ihr versuchen? Was Ihre Bäckerei

betrifft, so will ich Ihnen natürlich nichts in den Weg stellen.«

Wie Herr Reiche im Vorzimmer an Fräulein Spandau, der stillen

Sekretärin, vorbeikommt, sieht er sehr zufrieden aus, als habe der

Kapitän ihm geholfen. Fräulein Spandau nickt ihm lächelnd zu, sie wird

es zwar sehr bedauern, wenn sie mit ihm nicht mehr jeden Tag um ein Uhr

ein paar Worte wechseln kann, doch sie freut sich in seinem Interesse,

daß er zu seinem Beruf zurückkehren darf.

Fräulein Spandau hat ein blasses flaches Gesicht und dünne aschblonde

Haare, sie ist nicht hübsch, nein, das ist sie nicht. Aber sie

konnte noch nie einem Menschen ihr Mitgefühl versagen. Sie hat sechs

Geschwister und eine kranke Mutter. Wenn sie heimkommt, beginnt sie zu

kochen, zu waschen und zu nähen, und sie ist immer froh, wenn ihr nicht

weniger als fünf Stunden Schlaf verbleiben. Eine geordnete Bäckerei

mit weißgestrichenen Regalen und frischen Broten scheint ihr wie das

Paradies, der zufriedene Bäckermeister mit der großen, weißen Schürze

wie der gute Petrus, auch wenn er Sommersprossen und rote Haare hat.

Wird Reiche nun in das Paradies einziehen? Ach -- an Fräulein Spandau

vorbei geht auch die Kantinenwirtin zum Kapitän, diesmal in eigener

Angelegenheit. Auch sie kehrt befriedigt zurück. Und es bleibt alles

beim alten. Der Kapitän hat seinen Platz in der Mitte nicht verlassen.

Selbst ein Herr Gregor hatte niemals Grund, sich über den anfangs

so gefürchteten Kapitän zu beklagen. Herr Gregor gehörte zur

Generaldirektion und der Kapitän zum Hafen, und so ging jeder seiner

Wege, bis die Verhaftung erfolgte und Herrn Gregors Posten frei wurde.

Warum sollte der junge +Dr.+ Felix Friemann nicht auf diesem Platz

seine guten Kenntnisse erproben? Hatte er sich nicht seit Monaten im

Hafen bewährt? Oder konnte jemand Klagen des Kapitäns nachweisen?

Die Frage war wichtig genug, um einen Besuch des Generaldirektors beim

Kapitän herbeizuführen.

Fräulein Spandau lauscht ängstlich auf die laute Stimme Joachim

Beckers.

»Können Sie mir auch nur ~einen~ praktischen Erfolg nachweisen?«

fragt er erregt.

»Er steht am Anfang«, sagt der Kapitän. »Wir müssen Nachsicht üben.«

»Nachsicht, Nachsicht! Ich brauche praktische Arbeiter. Ich muß

Positives leisten und kann mich nicht mit Theorien abgeben.«

»Seine Ideen sind nicht schlecht«, wendet der Kapitän ein. »Er macht

zuweilen Vorschläge, die bei ihm überraschen.«

»Haben Sie schon ~einen~ davon ausführen können?«

»Nein, das nicht, weil er noch nicht fähig war, über die Idee hinaus

einen Plan auszuarbeiten. Vielleicht lassen wir ihm Zeit dafür.«

»Bitte«, sagt der Generaldirektor kurz. »Dann beantragen Sie seine

Weiterarbeit mit der Begründung, daß er Ihnen unentbehrlich sei.«

So wurde auch diese Frage zur allgemeinen Zufriedenheit gelöst.

Der Kommerzienrat sucht selbst den Kapitän auf, um ihm zu gestehen, wie

sehr er sich über die Erfolge seines Sohnes freue.

Der Kapitän meint: »Ja, er wird sich mit dem Hafen entwickeln können.

Hier bei der praktischen Arbeit findet er am besten den Übergang aus

den Theorien.«

»So ist es«, sagt der Kommerzienrat nun vollkommen befriedigt, weil er

sieht, daß der Kapitän seinen Platz in der Mitte behauptet. »Wir haben

uns früher unsere Ansichten aus der Praxis gebildet, heute ist es wohl

so, daß man mit ihnen hineingeht und versucht, ob sie auch passen.«

Seine Kritik versagt selbst vor dem Sohne nicht, aber er ist geneigt,

den Zeitgeist für das negative Resultat verantwortlich zu machen.

Der Hafen(#75396) · 第 34 / 46 题