Der Aufsichtsrat

»Das ist ausgezeichnet«, sagt Kommerzienrat Friemann zu Bankdirektor

Ellgers, indem er ihn mit einer Handbewegung in sein Zimmer ladet.

»Wir haben zwei Minuten Zeit zum Plaudern«, meint der Finanzmatador mit

seiner brüchigen Stimme, als seien zwei Minuten das größte Zeitopfer,

das er zu vergeben habe. »Wir fangen doch pünktlich an?«

»Gewiß, allerdings«, versichert der Kommerzienrat. Er weiß, daß die

Konferenzen mit Direktor Ellgers auf die Sekunde zu beginnen haben.

Das fleckige Greisengesicht des Bankdirektors mit dem gefärbten

schwarzen Bart erwartet unbewegt die zwanglosen Erklärungen des andern.

Der Vorsitzende des Aufsichtsrats hat es nicht nötig, Fragen zu

stellen, die ihm vor der Sitzung zu beantworten sind.

Der Kommerzienrat beeilt sich, im gewünschten Plauderton das Nötige zu

sagen.

»Also dieser Becker,« beginnt er, »es ist doch ein Teufelskerl! Da hat

er nun in aller Stille, als die ersten Erzfunde geheimgehalten wurden,

das ganze private Gelände aufgekauft.«

»Für die Hafengesellschaft!« wirft Ellgers kurz und mit dem Ton der

Selbstverständlichkeit ein.

»Natürlich, natürlich, für die Hafengesellschaft. Die Sache hat einen

Pappenstiel gekostet, so daß der Vorstand es in der Eile unter sich

abmachen konnte. Nun bietet man den vierzigfachen Betrag. Und warum?«

Direktor Ellgers sieht ihn ungerührt an.

»Weil die Presse zuviel Geschrei darum macht«, beantwortet der

Kommerzienrat die Frage selbst. »Sie sehen einen neuen riesenhaften

Industriebezirk und behandeln die Sache mit einer geradezu

ausschweifenden Phantasie.«

»Hm, ausschweifende Phantasie«, wiederholt Ellgers. »Da wollen wir uns

jetzt in das Sitzungszimmer begeben.«

Kommerzienrat Friemann zieht höflich seine Taschenuhr.

»Richtig. -- Rauchen Sie eine von diesen Zigarren?«

»Danke.« Ellgers bedient sich und steckt die Zigarre in sein Etui.

Im Sitzungszimmer sind bis auf Stadtrat Richter, der abgerufen wurde,

sämtliche Herren versammelt.

Direktor Ellgers ist nicht dafür, Zeit zu verlieren. Er begibt sich auf

seinen Platz am Kopf des Tisches und eröffnet die Sitzung:

»Obgleich der zweite stellvertretende Vorsitzende, Herr Stadtrat

Richter, erst einige Minuten später erscheint, eröffne ich die Sitzung.

Herr Kommerzienrat Friemann, der stellvertretende Vorsitzende, hat

uns in einer wichtigen Angelegenheit zusammengerufen und gibt seine

Erklärungen durch Hafendirektor Becker ab.«

Joachim Becker bittet zunächst die Anwesenden, in stummer Würdigung

der bei dem Hafenbau verunglückten Helfer und Mitarbeiter sich von den

Plätzen zu erheben.

Kommerzienrat Friemann blickt seinen Schwiegersohn hilflos warnend an.

Seine Ansicht ist, daß dieser junge Dachs nicht nachholen dürfte, was

der erste Vorsitzende unterließ. Wieviel Mühe muß er wieder aufwenden,

um diesen Fehler gutzumachen!

Die Herren erheben sich in ungeordneter Reihe, die einen zögernd, die

anderen ruckartig, Direktor Ellgers mit einem kurzen scharfen Blick auf

den Hafendirektor.

Joachim Becker läßt seine Augen mit überlegener Ruhe die Reihen

entlangschweifen. Er hat seinen Platz neben dem leeren Stuhl des

Stadtvertreters, gegenüber +Dr.+ Immermann, dem Mitinhaber der

Privatbank, und Kommerzienrat Friemann. Er stellt fest, daß die meisten

Herren es vorziehen, ihre Blicke während seiner Rede der Tischplatte

anzuvertrauen.

Er spricht zunächst von dem Unglück und gibt Aufschluß über die genaue

Zahl der Opfer. Entschädigungen an Verletzte und Hinterbliebene

seien nicht zu zahlen, da alles ordnungsgemäß durch Versicherungen

gedeckt war. Nur dem Nachbarn, Mühlenbesitzer Pohl, seien zersprungene

Fensterscheiben und Beschädigungen am Hause zu ersetzen. Dann erörtert

er eingehend die Ursache. Er selbst habe die Anordnung gegeben, die

Sprengstoffe im fertigen feuersicheren Keller des Getreidespeichers zu

lagern. Die Explosion sei im Haupteingang, wahrscheinlich durch eine

Unvorsichtigkeit während des Ausladens, entstanden.

»Wir sehen daran, wie wenig der Mensch seinem Schicksal entrinnen kann.

Hätten wir den falschen Weg gewählt und die Ladung im alten, abseits

gelegenen Holzschuppen untergebracht, so wäre das fahrlässig gehandelt

gewesen, doch wir hätten Menschenleben geschont und großen Schaden

verhütet«, sagt er weiter mit bewegter Stimme. Aber er fühlt wieder die

starren, warnenden Blicke des Kommerzienrats und sieht, wie +Dr+.

Immermann mit dem Bleistift auf seinem Papier immer das gleiche Wort

malt.

»Erze« entziffert er. Fünfmal, sechsmal das Wort »Erze«. Und es trifft

ihn wie ein Peitschenhieb.

Dann spricht er vom zerstörten Getreidespeicher, vom Nordbecken.

Daran sei zuerst und mit nicht zu überbietender Leistungsfähigkeit

gearbeitet worden. Beide sollten bereits im Herbst in Betrieb genommen

werden, während man an den übrigen Hoch- und Tiefbauten in Ruhe

weitergearbeitet hätte.

Kommerzienrat Friemann, der nun auch auf seinem Notizblock zu malen

begonnen hat, räuspert sich und schreibt mit dicken Buchstaben seinen

Namen auf das Papier.

»Friemann -- Getreide en gros« liest Joachim Becker, unwillkürlich

darauf hingelenkt, und er fährt fort:

»Die größten Verluste erleidet dadurch der Getreidehandel.« Der

Kommerzienrat legt seinen Bleistift hin.

»Die Aufräumungsarbeiten werden zuviel Zeit erfordern, wir müssen daher

unseren Plan, zuerst den Getreidehafen fertigzustellen, aufgeben. Durch

die von der Firma Friemann zufallenden bedeutenden Getreideladungen

wären unsere Einrichtungen gleich zu Anfang vollkommen ausgenutzt

worden. Der Schaden trifft nun noch empfindlicher die Firma Friemann

als uns. Wir werden uns zunächst dem Bau des Mittelbeckens mit

den Lagerhallen und Zollspeichern zuwenden. Da der Winter hemmend

dazwischentritt, ist mit der Eröffnung erst im nächsten Frühjahr zu

rechnen.«

Der erste Vorsitzende sieht mit unverkennbarer Ungeduld auf, und

Kommerzienrat Friemann gibt seinem Schwiegersohn ein Zeichen, daß er zu

sprechen wünsche.

Nach den lauten, klingenden Worten Joachim Beckers wirkt seine

gedämpfte Stimme besonders tonlos, aber gereift und zuverlässig.

»Der entstandene Schaden,« führt er aus, »die verhinderte ersprießliche

Lagertätigkeit, die geeignet gewesen wäre, selbst im Winter bereits die

Unterhaltskosten zu decken, sind zwar sehr bedauerlich, ein glücklicher

Ausgleich aber wird sie uns verschmerzen lassen. Wir haben nicht nur

die Möglichkeit, die durch das Unglück ausfallende Summe zu decken,

sondern sogar einen ganz erheblichen Überschuß zu erzielen. Und das,

meine Herren, das durch die Erzvorkommen und durch das geschickte

Eingreifen der Hafendirektion, die sich das wertvolle Gelände, soweit

es sich in Privatbesitz befand, für einen geradezu lächerlichen

Kaufpreis sicherte. Man bietet uns dafür den vierzigfachen Betrag. Herr

Direktor Becker wird Ihnen darüber berichten.«

Ein befreiendes Aufatmen ist allgemein spürbar.

Und Joachim Becker beginnt damit, daß die Förderung im Becken selbst

gering sei.

»Warum wurden dann die großen Mengen Dynamit benötigt?« wirft Direktor

Othwig -- der Vertreter der Spedition -- ein.

Joachim Becker war im ersten Augenblick bereit zu fragen, ob man seinen

Worten mißtraue, aber er sieht in das Gesicht seines Schwiegervaters

und antwortet:

»Geringfügig ist die Ausbeute, weil es sich um Pocherze handelt, die

nur in einem schmalen Streifen, aber in der ganzen Beckenlänge von

fünfhundert Metern auftreten. Das Vorkommen fällt schräg ab und wird

nach den bisherigen Untersuchungen auf dem benachbarten Gelände in

einer Tiefe erscheinen, die vielleicht eine rentable Ausbeute möglich

erscheinen läßt.«

Joachim Becker verliest die Protokolle der Untersuchungskommission

und geht nach Erörterung des Geländekaufs auf die günstigen Angebote

über. Bis auf die Verhüttungs-Aktiengesellschaft, die allerdings

erst kürzlich durch eine Fehlspekulation eine Einbuße erlitten habe,

handle es sich nur um neue und zum Teil zweifelhafte Unternehmen. Er

gibt die Namen bekannt und vertritt die Ansicht, daß man die Angebote

der seriösen Firmen abwarten müsse, die sich erst nach eingehenden

Untersuchungen äußern wollen.

Direktor Gidli von der Flußschiffahrt meint, daß der Kurzentschlossene

vorzuziehen sei, und beantragt eine Debatte über die Angebote.

Joachim Becker fragt Direktor Haarland von der Eisenindustrie, ob er

sich als Mitglied des Konsortiums zunächst ein Vorrecht sichern wolle.

Direktor Haarland, der einzige, der in seinem Stuhl, anscheinend

gelangweilt, zurückgelehnt liegt und die langen Beine ausstreckt, winkt

mit einem Augenzwinkern und einer kaum spürbaren Bewegung seines großen

Kopfes ab.

Stadtrat Richter ist jetzt hinzugekommen, und die Beratung über die

Angebote wird eröffnet. Bankdirektor Ellgers bricht sie kurz ab mit dem

Antrag, sofort eine Ausschreibung vorzunehmen und in jedem Fall der

Verhüttungs-Aktiengesellschaft den Zuschlag zu geben, bei sofortiger

Barzahlung.

Joachim Becker erhebt impulsiv die Hand, und Kommerzienrat Friemann

beeilt sich, den Antrag zu unterstützen. Er wird ohne Zwischenfall

einstimmig angenommen.

Stadtrat Richter bittet, im Interesse der Stadt, die wegen der

Verpachtung der Ladestraßen ohnehin schon genug angegriffen werde,

dafür Sorge zu tragen, daß die Mitteilungen über das Unglück gemildert

würden. Man habe eine Sensation daraus gemacht, und nicht nur das

Ansehen der Stadt, die doch an der Hafengesellschaft beteiligt sei,

sondern auch die Idee von der Notwendigkeit des Hafens leide darunter.

Direktor Kohan meinte, daß die Presse eine selbständige Macht sei, die

sich nicht gebrauchen lasse, wie man Lust habe, aber Kommerzienrat

Friemann findet auch hier einen glücklichen Ausgleich.

»Gewisse Angriffe sind uns eine Zeitlang sogar nützlich gewesen,«

sagt er zur allgemeinen Überraschung, »ja, ich betone: nützlich,

und zwar aus folgendem Grunde: die Eisenbahn hat noch immer nicht

ihre Zustimmung zu den vorgeschlagenen Verträgen gegeben. Sie macht

Schwierigkeiten, weil sie uns fürchtet. Gewiß, unsere Frachten sind

billiger, und über die Leistungsfähigkeit gegenüber der Bahn wollen

wir heute noch nicht zuviel sagen, aber wir brauchen den Bahnanschluß.

Nun wird gegen uns Stimmung gemacht, man bekommt den Eindruck, daß es

mit uns doch nicht so zu gehen scheine, wie man nach den Projekten

erwartet hatte, und -- die Eisenbahn gibt es langsam auf, in uns eine

gefährliche Konkurrenz zu sehen. Sie wird gefügiger. Wir stehen kurz

vor dem Vertragsabschluß. Wenn diese Frage geklärt ist, wird sich das

Weitere schon finden.«

Dieser Friemann, dieser mit allen Wassern gewaschene Getreidehändler,

er weiß doch wahrhaftig auch das Negative so zu nutzen, daß es zum

Vorteil gereicht. Man kann sich ihm anvertrauen und erwarten, daß

er den in der Diplomatie allzu unerfahrenen Schwiegersohn noch

erziehen werde. Jedenfalls ist man geneigt, die Verdienste um

die Hafengesellschaft ihm allein zuzuschreiben -- seinem wachen

Geschäftsgeist, seiner unübertrefflichen Geschicklichkeit.

Man geht vollkommen beruhigt zum nächsten Punkt der Tagesordnung

über, und Joachim Becker spricht von dem Beteiligungsangebot der

Seehafenreedereien. Die Bedingungen sind unannehmbar, die Leute in den

Seehäfen nutzen ihre Macht.

»Sie müssen ihre Überlegenheit verlieren,« sagt er mit erhobener

Stimme, »das aber ist nur möglich, wenn sie eine Gegenmacht spüren,

wenn sie wissen, daß wir nicht auf Tod und Leben von ihnen abhängig

sind. Darum brauchen wir unsere Stützpunkte. An der Nord- und Ostsee

sind noch andere Häfen, kleine Küstenstädte, deren Lage sich ausnutzen

läßt. Zum Teil haben sie noch nicht einmal einen Freihafen. Sie werden

von den Kommunen verwaltet, erfordern Zuschüsse und sind ihren Bürgern

sogar eine Last. Wenn wir aber unsere Hand darauflegen und die zum Teil

schon recht leistungsfähig ausgebauten, aber kaufmännisch schlecht

verwalteten Häfen zu unseren Stützpunkten machen, so erlangen wir

unsere Unabhängigkeit. Ebenso wie die weitsichtige und gutberatene

hiesige Stadtvertretung den Ausbau ihres Hafens der Privatwirtschaft

überließ, so werden auch diese Städte dem Gedanken nicht unzugänglich

sein. Ich bitte Sie daher, sich schon heute darüber schlüssig zu

werden, ob wir diesen Weg beschreiten wollen, und mir die nötigen

Mittel zu bewilligen.«

Er nennt die betreffenden Hafenplätze und erwartet die Meinungen.

+Dr.+ Immermann, der bei den Sitzungen stets den Eindruck

hervorruft, als ob er im Schlafe unter hypnotischem Zwang den Bleistift

führe, meint, ohne seine Kritzeleien zu unterlassen:

»Ich halte den Zeitpunkt für verfrüht. Erst müssen wir selbst

verdienen.«

Joachim Becker fährt im alten Fluß seiner Rede fort: »Ganz abgesehen

davon, daß wir durch einen ersten Schritt auf diesem Wege schon jetzt

den großen Seehäfen unsere Taktik verraten müssen, damit sie ihre

Bedingungen ändern, ist es notwendig, zu handeln, ehe unsere hiesigen

Erfolge sichtbar werden. Wenn wir erst gezeigt haben, wie es gemacht

wird, und daß wir gut auf unsere Rechnung kommen, werden sich andere

Geldleute finden, die ihre Hand auf die übrigen Häfen legen oder

mindestens die Forderungen der Kommunen in die Höhe schrauben.«

»Oder die Kommunen machen es selbst nach unserem Rezept«, wirft Herr

Kohan ein. Über die starren Gesichter der Tafelrunde zieht der Schimmer

eines Lächelns.

»Ich verlange nicht schon heute die Bereitstellung der Summe, ich

will nur wissen, ob ich damit rechnen kann, um rechtzeitig mit der

Bearbeitung zu beginnen. Ich würde sofort zuverlässige Mitarbeiter

an den betreffenden Plätzen damit beauftragen, zunächst die

Unzufriedenheit mit dem jetzigen Zustand in der Öffentlichkeit und der

Stadtvertretung zu schüren und dann das Wort ›Privatwirtschaft‹ in

die Debatte zu werfen. Dann brauchen wir noch geraume Zeit, bis alle

maßgebenden Kreise die richtige Meinung davon erhalten haben, und wenn

das Feld dann so weit bereitet ist, können wir auf eine Aufforderung

hin unsere niedrigsten Gebote machen.«

Der Hafendirektor, der damals vor dem gleichen Auditorium das Projekt

für den Hafen dieser Stadt auseinandersetzte, blickt sich ein wenig um,

wie man die Erweiterung seines eigenen Planes aufnehme und ob er diesen

Zahlenmaschinen endlich einmal imponiere.

Aber nur Herr Kohan starrt ihn durch seine dicken Brillengläser an. Der

halbgeöffnete Mund, im gepflegten rosigen Gesicht mit dem weißen Haar

und Bart, verrät ebenso Verständnislosigkeit wie Bewunderung. Sonst

sieht er ringsum undurchdringliche Masken.

»Dazu kommen«, setzt er fort, »noch drei Binnenplätze mit fertig

ausgebauten Häfen, die wir für den Umschlag benötigen.«

»Welche sind das?« fragt Herr Gidli mit großem Eifer.

Joachim Becker nennt sie und fügt lächelnd hinzu: »Ihre Strecken kommen

für uns nicht in Frage.«

»Die halten wir auch besetzt«, beeilt sich Herr Gidli, der Vertreter

der Flußschiffahrt, zu bemerken.

»Welche Höchstsumme wird erforderlich?« fragt Bankdirektor Ellgers.

»Zehn Millionen. Die Abnahme kann sich auf vier Jahre, also bis zur

vollkommenen Fertigstellung unseres Hafens, erstrecken.«

»Ich bin für den Antrag und bitte um Abstimmung.«

Der Antrag wird angenommen.

Kommerzienrat Prüfer vom Importhandel hält es für angezeigt, trotz den

Unfallrenten etwas für die Hinterbliebenen zu tun, und schlägt eine

Sammlung vor. Die Hafengesellschaft solle als erste zehntausend Mark

zeichnen, für seine Firma stelle er tausend Mark zur Verfügung.

Joachim Becker sieht überrascht auf. Ein menschliches Gefühl? Aber das

kleine spitzbärtige Gesicht Prüfers ist nicht zu enträtseln.

Der allgemeinen stummen Zurückhaltung schließt sich nur Direktor Gidli

nicht an. Er meint: »Ist denn das nötig?«

Kommerzienrat Prüfer sagt, als wäre die Frage nicht gestellt worden:

»Im Interesse der öffentlichen Meinung sollte die Sammlung durch die

Zeitung vor sich gehen.«

Bankdirektor Ellgers klopft nervös mit dem Bleistift auf die

Tischplatte.

»Wir sollten uns mit diesen Lappalien nicht aufhalten,« sagt er

ungeduldig, »ich bin für Annahme und zeichne für meine Bank tausend

Mark.«

Sämtliche Herren folgen, bis auf Direktor Gidli, der erst seine

Gesellschaft fragen muß.

Damit ist die Sitzung beendet.

Bankdirektor Ellgers verabschiedet sich sofort. Friemann begleitet ihn

zur Tür. Auch Generaldirektor Jäckel, der noch den Zug für eine andere

Sitzung erreichen will, ist in Eile. Er hat sich an den Debatten nicht

mit einem einzigen Wort beteiligt, behauptet aber, einen Mordsdurst

bekommen zu haben.

»Wir sehen Sie doch am nächsten Donnerstag?« fragt ihn der

Kommerzienrat unter Händedrücken. Auch +Dr.+ Immermann wird noch

einmal erinnert.

»Wissen Sie,« sagt der Kommerzienrat, während er sich im Hinausgehen

in Immermanns kraftlosen Arm hängt, »meine Frau kann ohne die kleinen

Gesellschaften im Hause nicht mehr leben. Sie behauptet, sie bekäme

sonst keine Menschen zu sehen. Wir vom Alltag zählen nicht zu den

Menschen.«

»Ja, die Frauen sind verwöhnt«, sagt +Dr.+ Immermann mit seiner

dünnen Stimme.

Auch am anderen Ende des Konferenztisches beginnen die Herren sich zu

regen. Direktor Haarland richtet sich aus seiner bequemen Lage auf und

reckt den breiten Oberkörper, die Hände in den Hosentaschen.

»Ja, wissen Sie,« ruft er zu Direktor Othwig hinüber, der mit

Kommerzialrat Mödl vom Boxsport spricht, »in England ist das doch etwas

anderes. Da spielt der Amateur eine viel wichtigere Rolle, und ein

Berufsboxer wird zu den vornehmsten Herrengesellschaften geladen. Hier

aber bringt man ihn mit seinen Damen zusammen.«

Er zieht seine Amateurboxerfäuste aus der Tasche und verabschiedet sich

von einigen Herren.

»Sagen Sie mir nur,« fragt ihn Direktor Gidli, »wie halten Sie sich so

in Form? Sind Sie für Massage?«

»Dampfbäder«, sagt Haarland lächelnd. »Dampfbäder! Zweimal in der

Woche!«

»Ja, sehen Sie, das kann ich doch wieder mit meinem Herzen nicht.«

»Da bleibt nichts als Hunger«, meint der Kommerzialrat mit dröhnendem

Gelächter.

»Also neulich haben wir ein paar hohe Herren mit ihren Damen laden

müssen,« sagt Direktor Koch zu einer anderen Gruppe, »aber meine Frau

hat acht Tage nicht schlafen können. Sie behauptet, die steifen Damen

hätten ihren eleganten Gästen moralische Ohrfeigen erteilt.«

»Aber die Damen von heute,« sagt Kommerzienrat Prüfer achselzuckend,

»manchmal weiß man wirklich nicht, ob sie zur Gesellschaft --«

Direktor Haarland stößt ihn sanft ins Kreuz, weil Herr Kohan

hinzukommt, der sich wegen seiner modernen jungen Frau immer Angriffen

ausgesetzt fühlt.

»-- der Herren oder der Damen gehören. Die heutige Vermännlichung --«

Kommerzialrat Mödl zieht ihn mit lautem Gelächter fort. »Also, da habe

ich neulich einen Fall erlebt --« und sie verschwinden schmunzelnd auf

dem Korridor.

Haarland verabschiedet sich von Joachim Becker.

»Man muß nur den Nacken steif halten«, sagt er, als habe er es nötig,

aufmunternd zu sprechen. »Ich habe es mit Boxen erreicht.«

Dabei zeigt er seine Fäuste und die gesunden weißen Zähne im braunen

Gesicht.

Joachim Becker geht in sein Arbeitszimmer.

Die Stimmen der Aufsichtsratsmitglieder verlieren sich vor seiner Tür.

Es ist später Nachmittag, die Dämmerung legt sich ganz plötzlich über

den großen Raum.

Einen Augenblick sitzt er ausruhend in seinem Sessel, dann dreht er das

Licht an und klingelt seiner Sekretärin.

Mechanisch beginnt er, von dem großen Stoß der Papiere auf seinem

Tische das Wichtigste herunterzunehmen und zu diktieren.

Gegen seine Gewohnheit hebt er plötzlich den Blick. Er sieht, über

die Finger der Schreibenden, in das schmale erschlaffte Gesicht der

Sekretärin.

Es kommt ihm auf einmal mahnend zum Bewußtsein, daß dieses langsam

welkende Wesen ihm gegenüber in den letzten Monaten täglich bis in

die späten Abendstunden zu seiner Verfügung stand -- daß sie auch

ein Anrecht auf das Leben habe. Er selbst hat, seitdem er von seinem

Projekt besessen ist, nur Arbeit gekannt und rücksichtslos Arbeit

gefordert. Nun empfindet er dumpf, daß es für andere Menschen noch

irgendwelche Freuden geben mag, die nicht in diesem Hause zu finden

sind.

Er bricht das Diktat plötzlich ab.

»Wir wollen für heute Schluß machen. Gehen Sie auch nach Haus.«

»Ich habe noch das Protokoll --«

»Lassen Sie Protokolle und Briefe. Schließen Sie alles ab, und denken

Sie nicht daran.«

Sie sieht überrascht auf. »Dann: guten Abend«, sagt sie leise lächelnd.

Wie sie zur Tür geht, mit leichten Schritten, während das Kleid um ihre

Beine schwingt, sieht er in ihr zum erstenmal nicht nur die fleißige

Mitarbeiterin. Und er hat ein eigenes Gefühl dabei.

Sie ist auch eine Frau, sagt er sich, als er ihren Duft noch leise

verspürt. Es gibt also noch lebendige Wesen, die ihren Körper wie eine

Kostbarkeit auf zierlichen Füßen tragen, die mit weichen Händen nach

den Dingen greifen und sanfte Worte sprechen --

Adelheid fällt ihm nicht nur ein, sie ist ihm greifbar nahe. Ihre

ängstlichen runden Augen sehen ihn an. Er springt auf, ungeduldig,

freudig, und beschließt, auszugleichen -- zu verschenken, was so

dankbar hingenommen wird.

Der Kommerzienrat kommt herein, um sich zu verabschieden und Grüße für

Adelheid aufzutragen.

»Hat die Katastrophe sie auch nicht zu sehr aufgeregt? Du weißt, bei

jungen Frauen in diesem Zustand -- Ist der Arzt heute dagewesen?«

Sein Schwiegersohn kann diese Fragen nicht beantworten. Er hat bisher

keine Zeit gehabt, sich damit zu beschäftigen. Aber nun will er alles

nachholen.

Lag nicht immer schon etwas mütterlich Schweres und Sanftes in

Adelheids Wesen? Er hat das Verlangen, den Kopf an ihre Knie zu

schmiegen und sich trösten zu lassen wie von einer Mutter. ›Das Kind im

Manne?‹ fragt er sich in leisem Selbstspott. Vor wenigen Stunden noch

wäre ihm die Situation lächerlich erschienen.

Er schickt Herrn Gregor nach Hause und fragt ihn, ob er ins Theater

gehen wolle. Hier seien zwei Eintrittskarten. Gesellschaft würde er

wohl finden? Nein, deswegen würde Herr Gregor nicht in Verlegenheit

kommen. Er dankt mit indiskretem Lächeln.

Joachim Becker hatte sich zum erstenmal seit Wochen dazu entschlossen,

heute mit Adelheid in die Oper zu gehen. Aber nun will er sie nicht

unter fremde Menschen führen.

Er hatte noch nie Zeit, sich für Kunst zu interessieren, er versteht

nichts davon. Wenn er sich ablenken wollte, sah er sich ein Lustspiel

oder eine Operette an, aber er verspürte stets einen schalen Geschmack

danach, es reute ihn der Zeitverlust. Nun will er Adelheid die Freude

bereiten, mit ihr allein zu Haus zu bleiben, einen ganzen Abend nur ihr

zu widmen; gut und milde zu sein.

Er hatte noch niemals daran gedacht, seiner Frau ohne äußeren Anlaß

Blumen oder andere Aufmerksamkeiten mitzubringen, auch heute hält er

sich nicht damit auf. Aber er kommt mit einem vollen Herzen. Und das

scheint ihm so ungeheuer viel, daß der Gedanke an materielle Geschenke

ihm absonderlich vorgekommen wäre.

Während er im Wagen seinem Hause entgegenrollt, dünkt ihn die familiäre

Sorgfalt und Rücksichtnahme des Kommerzienrats längst nicht mehr

lächerlich wie sonst. Auch er freut sich auf sein Familienleben.

Adelheid erwartet ihn bereits im fertigen Staat für den Theaterbesuch.

Ihre Mutter sitzt in ihrem Zimmer und erzählt vom letzten Opernabend.

»Selbst Frau Bankdirektor Ellgers war da, die doch aus hygienischen

Gründen nur selten ihr bazillenfreies Haus verläßt«, sagt sie, als ihr

Schwiegersohn eintritt.

»Ich freue mich so sehr, daß ihr endlich einmal miteinander ausgeht«,

ruft sie nach der Begrüßung aus. »Adelheid hat sonst so gar nichts

von ihrem Leben. Und bald wird sie sich nicht mehr öffentlich zeigen

wollen.«

»Ja«, sagt Joachim Becker beklommen bei dem Gedanken an die

verschenkten Theaterkarten. »Ich hatte aber gerade heute den Vorschlag

machen wollen, zu Haus zu bleiben. Wir beide ganz allein, Adelheid und

ich. Die Sitzung hat mich sehr angestrengt, und ich bin so lange nicht

mit Adelheid allein gewesen.«

»Ich wollte euch ohnehin bald verlassen, denn Papa wird wohl jetzt auch

zu Hause sein. Aber meine Ansicht ist, daß Adelheid die Ablenkung gut

tun würde«, sagt die Kommerzienrätin mit abgewandtem Gesicht. Sie sucht

ihren Mantel und rüstet sich, um dieses Haus rasch zu verlassen, in dem

ihr so deutlich gesagt wird, daß man allein sein will.

»Was meinst du, Adelheid?« fragt Joachim Becker leise, indem er seine

Hand auf ihre Schulter legt.

Sie blickt hilflos auf, und weil die Mutter ihr den Rücken wendet und

sie ihr Gesicht nicht sieht, wird sie ängstlich. Sie erhebt sich, so

daß die Hand ihres Mannes herabfällt, und geht zu ihrer Mutter hinüber.

»Nein, Mutter,« sagt sie, »so darfst du nicht weggehen.« Die

Kommerzienrätin schließt den Arm um ihre Tochter, und beide Frauen

gehen wortlos hinaus.

Da fühlt Joachim Becker, wieviel Leid er hier schon unbewußt veranlaßt

hat, und daß keine Brücke hinüberführt. Heute nicht -- vielleicht in

der Zukunft?

Er geht in sein Zimmer hinüber und denkt lange, verworren über

seine Handlungen nach, er, der immer so klar und folgerichtig,

so gut organisiert zu denken vermochte. Er glaubt, hier und da in

schwachen Umrissen Fehler zu erkennen. Seine große Sicherheit, seine

Zielbewußtheit fällt von ihm ab, er ist trostbedürftig wie ein Kind.

Und fühlt zum erstenmal in seinem Leben die große quälende Einsamkeit

...

Der Hafen(#75396) · 第 28 / 46 题