Irmgard Pohl geht vor das Haus. Die Luft in den Zimmern ist stickig.
Ohne Abkühlung selbst in der Nacht. Dazu der Geruch von Medizin und
Krankheit, der in alle Zimmer dringt, seitdem Frau Pohl in die unteren
Räume übergesiedelt ist.
Jetzt, gegen Abend, weht ein Luftzug vom Wasser herüber. Die Mühle und
die Speicher wirken noch bestaubter als sonst, und auch die Pflanzen im
kleinen Vorgarten des Wohnhauses werden trocken und stumpf.
Die Geräusche vom Hafen sind nun ferner gerückt. Einige Arbeiter
werkeln am zerstörten Getreidespeicher, dessen verstümmelter Bau wieder
abgetragen werden muß. Die neue Arbeit aber wird am südlicher gelegenen
Mittelbecken geleistet. Die wimmelnden Massen der Arbeitenden, die
kleinen Kippwagen und die Arbeitsautos wirken von der Mühle aus
spielerisch klein. Silhouettenhaft gezeichnet sieht Irmgard die
Vorgänge durch die verdickte, vom letzten Sonnenleuchten glitzernde
Luft.
Sie setzt sich auf die Bank vor dem Haus, müde und des vielen Lärmens
überdrüssig. Auch an der Mühle wird nun gebaut. Herr Pohl läßt den
Speicher aufstocken und einen Flügel am Müllereigebäude anbauen. Die
Arbeiter sind gegangen, doch die Steine und Bottiche stehen umher,
die Gerüstbalken liegen vor dem Speicher und zerstören den ruhigen
Eindruck, der auf diesem Gelände bisher bewahrt geblieben war.
Es ist kaum vorstellbar, daß noch vor einem Jahr die Vögel in Scharen
auf den Feldern drüben niedergingen und sich holten, was von der Ernte
zurückgeblieben war. Daß die alten Linden ihren weichen Duft mit den
warmen Südwinden über den Kanal hinweg zur Mühle sandten. Daß Kinder
auf den Wiesen spielten, und daß zwischen ihnen ein paar weiße Ziegen
mit gesenkten Köpfen dahintrotteten. Dort, wo jetzt die tiefen Gruben
sind und neue Speicher aus der Erde wachsen.
Wenn man des Abends vor das Haus trat und über den Kanal hinwegblickte,
war eine ebene Fläche, soweit das Auge reichte. Nur zur Linken
dunkelten die breiten Wipfel der Linden und verdeckten das
Fräuleinstift, dessen Pensionäre man niemals zu Gesicht bekam. Die Rufe
heller Kinderstimmen wehten zuweilen herüber, und dann konnte man ganz
gedämpft irgendwelche dunklen, schweren Kirchenglocken aus dem Innern
der Stadt vernehmen. So still war es in diesem Winkel, wo nun der neue
Hafen entsteht.
Aber hatte Irmgard sich damals dieser Stille vollkommen bewußt gefreut?
Sie bückt sich und fegt mit der Hand über das blaue Blumenbeet,
aus dessen dichten kleinen Blüten dabei ein heller Hauch von Staub
auffliegt. Sie sucht immer eine Beschäftigung, wenn peinliche Gedanken
sie bedrängen, trotzdem sie längst weiß, daß sie sich zu anderer Zeit
doch wieder melden und auf die Dauer nicht abzuwenden sind.
Nein, sie hatte die Ruhe als einen hinterwäldlerischen Zustand
hingenommen und mit Joachim Becker von dem großen Hafen geträumt.
Einige Rosen am hohen Stock in der Mitte des runden Beetes hängen
welk herab. Irmgard nimmt einen der sammetweichen kühlen Köpfe sachte
mit der Handfläche auf. Sie kann nicht übersehen, daß der Rosenstock
an einen runden Stab gebunden ist, einen grünen Stab mit weißer
Spitze, den Joachim Becker im vorigen Jahr mit seinem Taschenmesser
zurechtschnitt und in knabenhaftem Eifer farbig überpinselte.
Sie zieht die Hand von der Rose fort. Schwer sinkt sie vornüber, und
dann segeln die hellen Blätter nach allen Seiten in die blauen Blumen
hinein.
Irmgard wendet sich brüsk ab. Vor der Tür stockt sie einen Augenblick.
Sie will das Haus meiden, um von der Mutter nicht gehört und gerufen zu
werden. Mit kleinen Schritten schleppt sie sich um das Gebäude herum
und geht durch den Gemüsegarten zum Mittelweg.
Hier und im Hof sind noch Kalkspritzer von den Ausbesserungsarbeiten
am Hintereingang zu sehen. Michael Pohl hatte alles sofort auf
eigene Kosten wiederherstellen lassen und sich auch wegen der
zersprungenen Fensterscheiben nicht mit Ersatzansprüchen gemeldet.
Eines Tages war jedoch Rechtsanwalt Bernhard erschienen und hatte um
die Rechnungen gebeten, da die Hafengesellschaft selbstverständlich
alles ersetzen werde. Er konnte es sich nicht nehmen lassen, persönlich
vorzusprechen, weil er immer noch auf einen gütlichen Ausgleich in der
Prozeßangelegenheit hoffte. Michael Pohl sprach mit keinem Wort davon.
Das Mädchen in der Küche hört die Schritte auf dem Kies. Sie setzt
einen Teller klappernd nieder und steckt den Kopf aus dem Fenster.
»Sie schlafen beide«, flüstert sie. Sie gönnt Irmgard die kurze
Ruhepause.
Irmgard nickt ihr zu und geht durch die kleine Pforte zu den Wiesen
hinaus, die sich bis zum Verbindungskanal erstrecken. Dort, in der Nähe
des Wassers, setzt sie sich, mit dem Rücken gegen das Hafengelände, auf
den Rasen, den sie kühl und frisch auf der Handfläche fühlt.
Sie kann hier noch vom Mädchen gesehen und im Notfall gerufen werden,
wenn einer von den »beiden« erwachen und sie brauchen sollte. Diese
beiden, die jetzt ihr ganzes Leben ausfüllen sollten: die Mutter und
das Kind.
Der Knabe ist gesund und gedeiht, obgleich er mit der Flasche
großgezogen werden muß, und die Mutter erholt sich mit fast
beängstigender Eile. Sie kann es nicht erwarten, wieder überall selbst
zur Stelle zu sein und die Zügel fester in die Hand zu nehmen.
Ihre abgezehrten Glieder werden elektrisiert und massiert, und wenn sie
nicht zuweilen bei heimlichen Versuchen erfahren hätte, daß Energie
und Unrast allein ihr die alte Kraft nicht wiedergeben, so würde sie
wohl noch heftiger über all diese »teuren und überflüssigen Prozeduren
an einem alten Weibe« schelten. So aber begnügt sie sich mit einem
gutmütig-ungeduldigen Protest, soweit es sich um ihre eigene Person
handelt.
Streng jedoch und ohne Duldung jeglichen Widerspruchs ist sie wieder in
ihrem Kommando über den Haushalt und die Wartung des Sohns.
Irmgard hat es sich in den langen einsamen Monaten vor der Geburt des
Knaben angewöhnt, oft mit den Händen im Schoß untätig dazusitzen und in
sich hineinzulauschen. Erst waren es die Erinnerungen, von denen sie
willenlos aus der traurigen Gegenwart fortgetragen wurde. Dann spürte
sie das mählich pochende Leben, und sie malte sich die Zukunft als
Mutter dieses neuen Menschen aus.
Schließlich mußte sie es ertragen, daß sie ihren Vater und sich
selbst vor seinen Leuten und vor den wenigen Menschen, mit denen sie
gelegentlich zusammenkamen, dadurch in Unehre bringen würde. Sie hatte
nie viel von der Meinung derjenigen gehalten, die nach den allgemeinen
Gesetzen urteilen. Und nun begann sie, in ihrer Mutterschaft eine große
und mutige Mission zu sehen. Erst als sie so weit in ihren inneren
Kämpfen gekommen war, beschloß sie, sich dem Vater zu offenbaren.
Sie kannte ihn von jeher als einen Eigenbrötler, der sich auch nicht
viel um die herkömmlichen Ansichten kümmerte, aber sie wußte, wie tief
er durch den Abfall Joachim Beckers verletzt wurde. Trotzdem hatte sie
diese Aussprache als eine Befreiung von der Bitternis und dem stummen
Nebeneinander mit dem Vater erhofft.
Sie vergaß, daß sie selbst sich nach quälendsten Wirrnissen zu der
neuen Anschauung durchringen mußte, und daß sie den Vater vor eine ganz
unerwartete Tatsache stellte. Und vollkommen hatte sie, in ihre Liebe
zu Joachim Becker verstrickt, übersehen, welchen großen Vertrauensbruch
der Vater nun auch auf ihrer Seite darin erblicken mußte.
Wie sie nun, bleich und schon ein wenig entstellt, dem Vater am Tisch
gegenübersaß und fast ohne Stocken davon zu sprechen begann, war ihr
allmählich, über der fürchterlichen Veränderung in seinem Gesicht, die
ganze Tragweite zum Bewußtsein gekommen.
Sie konnte plötzlich alle zurechtgelegten großen und kühnen Worte nicht
finden, ihre Mundhöhle zog sich bitter zusammen, und die Magenkrämpfe,
an denen sie in letzter Zeit so viel gelitten hatte, setzten wieder
ein. So saß sie vor ihm, stumm, mit schmerzverzerrten Zügen. Ihre Hände
tasteten krampfhaft über die Decke. Da verschwammen die Umrisse seines
Kopfes vor ihren Augen. Sie ahnte nur seinen erstarrten Blick.
Erst war es, als ob er ihr Gesicht damit gläsern machte, sie spürte
kein Leben mehr darin, und dann fühlte sie ihn auf den Händen. Sie
hielt sie plötzlich ganz still, aber sein Blick lag immer noch darauf.
Und da schämte sie sich unwillkürlich ihrer Hände, die gelb und mager
geworden waren. Sie zog sie vom Tisch herab und wußte keinen Grund
dafür. Sie hörte eine Tür fallen und war allein im Raum ...
Später hatte er ihr den Arzt geschickt, der über ihren Zustand
unterrichtet war. Er untersuchte sie und verschrieb ihr
Stärkungsmittel. Aber der Vater und sie haben bis zu ihrer Niederkunft
niemals »davon« gesprochen. Noch jetzt muß Irmgard die Augen schließen,
wenn sie daran denkt, wie sie sich schämte, wenn der Blick des Vaters
unversehens auf ihre veränderte Gestalt fiel.
Die erste stumme Annäherung glaubte sie zu fühlen, als sie ihm nach der
Katastrophe im Hafengelände entgegenging und sagte, welchen Namen man
dem Knaben geben müsse. Da hatte sie noch nicht gewußt, was sie damit
unternahm. Die große Erregung an jenem Tag und die Freude über die
Erlösung der Mutter veranlaßten sie ohne Überlegung zum Verzicht ihrer
Rechte.
Als es dem Vater nicht mehr entgehen konnte, wie schwer es ihr fiel,
den Knaben als unbestrittenen Besitz der Mutter zu betrachten und ihr
in allen kategorischen Weisungen willenlos zu folgen, hatte er endlich
offen mit ihr darüber geredet. In seiner knappen und schweren Art
begann er zunächst mit großen Pausen und dann ohne falsche Scheu über
alles zu sprechen, was seit Joachim Beckers Zeit zwischen ihnen lag. So
lange hatte er gebraucht, um es zu verarbeiten.
Zum Schluß nahm er sie in seine Arme und sprach beruhigend auf sie ein.
Er sagte im Grunde nicht mehr als der Arzt, Schwester Emmi und gewiß
manche anderen, die ein Urteil darüber hatten: daß es so am besten für
sie alle sei, und daß ihr der Knabe innerlich nicht weniger gehöre,
wenn sie ihn nach außen als Bruder anerkennen müsse.
Aber sie empfand den Druck seiner breiten warmen Hand auf ihrer
Schulter, sie durfte ihren Kopf wieder an seine Wange lehnen, und dann
hatte er wie in den Kindertagen mit seinem großen weißen Taschentuch
die Tränen von ihrem zuckenden Gesicht gewischt. --
Die kleinen stehenden Wolken verlieren allmählich ihr rotes Leuchten,
das vom Westen her über den Himmel gezogen ist. Irmgard gibt sich noch
eine kurze Frist, indem sie das Schwinden des gelben Scheins hinter
einer dunklen Wolkengruppe abwartet, dann steht sie auf, um zu ihren
»beiden« zu gehen.
Das Mädchen flüstert ihr an der Küchentür zu: »Sie ist schon lange
wach. Ich habe ihr gesagt, daß Sie Besorgungen machen.«
Irmgard will etwas erwidern, aber sie sieht schließlich selbst ein,
daß man der Mutter keine anderen Erklärungen geben kann, denn sie
wird niemals die Menschen verstehen, denen zuweilen die Hände im Schoß
liegen bleiben.
Sie hört ihre Stimme im Schlafzimmer und weiß, daß sie sich das
Kind ins Bett reichen ließ. Und wieder verliert sich ihre brennende
Sehnsucht nach dem Knaben, weil sie ihn in den Händen der Mutter weiß.
Nur in den wenigen Minuten, da sie unbeobachtet ganz allein mit ihm
sein kann, wird er zu ihrem Besitz.
Entschlossen würgt sie alle Bitterkeit hinab und geht mit
beschleunigten, festeren Schritten ins Zimmer, als ein Mensch, der
unter Zwang eine schlechte Rolle spielt.
Hier wartet so viel Arbeit auf sie, daß sie sich schnell wieder
zurechtfindet. Schwester Emmi hatte die Hafengesellschaft nicht auf
ihre Dienste warten lassen, und nun fehlt sie ihr sowohl bei der Arbeit
wie mit ihrem heiteren Wesen.
»Meine Zukunft«, sagte sie immer, wenn sie von ihrem neuen Posten
sprach. Sie war klug genug, Joachim Becker nicht zu verraten, daß ihre
jüngste Vergangenheit bei Irmgard Pohl und seinem Sohne war. Irmgard
hatte sie aber außerdem gebeten, über diese Tätigkeit zu schweigen.
»Denn vielleicht weiß er gar nichts davon«, fügte sie mit einem Blick
auf den kleinen Michael errötend hinzu.
Frau Pohl war es recht, daß die kleine blonde Schwester bald das Haus
verließ, denn erstens hält sie eine Pflegerin für überflüssig, wenn
eine erwachsene Tochter im Hause weilt, und zweitens kann sie keine
Sympathien für Schwester Emmi gewinnen. Sie ist mit ihrer stillen und
zielbewußten Tochter zufriedener, vermeidet es aber streng, sich davon
etwas anmerken zu lassen.
Irmgard kann ihr eine gute Nachricht bringen: die Masseuse ist am
Nachmittag dagewesen, um zu sagen, daß der Arzt für den nächsten Morgen
die ersten Gehversuche erlaubt habe.
Während die Mutter in ihrer Freude weinend und lachend das Kind an
ihr hageres Gesicht preßt und in sein erschrecktes Schreien mit
überschwenglichen Koseworten hineinredet, wird sie wieder die hilflose
und schwergeprüfte Kranke, der Irmgard sich von neuem verbunden fühlt.
--
Als sich Frau Pohl -- mehrere Wochen später -- schon an Stöcken in der
Wohnung bewegen kann, öffnet sie eines Abends die Tür zum Zimmer ihrer
Tochter, um ihr einen Auftrag zu geben. Sie glaubt erst, daß sie nicht
im halbdämmrigen Raume sei. Doch da richtet sich Irmgard erschreckt vom
zerwühlten Bett auf und starrt ihr blaß und verweint entgegen.
Es ist, als käme Frau Pohl in diesem Augenblick zum Bewußtsein, daß es
noch etwas anderes als ihre Krankheit und die Pflege des Knaben in der
Welt gibt. Sie läßt sich zitternd auf einen Stuhl sinken. Einer ihrer
Stöcke fällt polternd zur Erde.
Unwillkürlich erwartet sie, daß er ihr von der Tochter heraufgereicht
wird. Irmgard ist aber vorher hinausgerannt und hat das Haus verlassen.
Ohne Überlegung ergriff sie im Korridor Mantel und Hut. Sie eilt durch
den Vorgarten, über den Mühlenplatz und die Föhrbrücke zu den belebten
Straßen.
Die Menschen gleiten wie Schatten an ihr vorbei. Sie erkennt ihre
Umrisse kaum. Aber sie schämt sich vor ihnen.
Sie verachtet sich selbst, ihre Schwäche und innere Zerrissenheit. Aber
sie geht, wie oft in den letzten Tagen, den gleichen Weg. Den falschen
Weg zu Joachim Becker, anstatt von ihm fortzustreben.
Der herbstliche, feuchte Wind kühlt ihre brennenden Augen. Die ersten
Nebel verdicken am Abend die Luft, die grau und schwer um die Häuser
schleicht.
Irmgard steigt in eine Straßenbahn und fährt in die Vorstadt, zu
Joachim Beckers Haus. Wie vieles andere über ihren Chef, so hat
Schwester Emmi ihr auch seine Wohnung verraten. Und Irmgard Pohl, die
in ihrer Zurückhaltung alle kleinlichen Berichte über die Nebenmenschen
bisher von sich fernhielt, verstrickte sich immer tiefer. Sie
verschlang jeden Klatsch über den Hafendirektor, der von Herrn Gregor
über Frau Reiche zu Schwester Emmi gelangte.
Und dann begann sie mit diesen abendlichen Fahrten.
Sie steigt an der Endstation der Bahn aus und geht durch die
dunklen, breiten Straßen des Villenviertels. Es ist zur Zeit des
Geschäftsschlusses. Die Stille wird in kurzen Abständen von den
lichtschießenden Autos zerschnitten, durch deren Luftdruck das verwehte
braune Laub nach den Seiten flieht wie Hühner auf der Dorfstraße.
Modriger Geruch steigt zuweilen aus den Gärten auf.
Irmgard lehnt gegen rauhes Eisengitter und blickt zu dem Grundstück
hinüber: ein niedriges Landhaus ist tief in den Garten hineingebaut und
wird von alten Bäumen fast verdeckt.
Sie wartet auf den Wagen. Joachim Becker wird aussteigen. Sie darf,
im Dunkel verborgen, die Umrisse seiner Gestalt, seine flinken,
elastischen Bewegungen erkennen und dann -- unglücklicher als zuvor --
in die Trostlosigkeit ihres zerstörten Lebens zurückkehren.
Sie unternahm diesen erniedrigenden Weg zum erstenmal, als sie sich
endlich entschlossen hatte, ihren Sohn nicht mehr zu lieben, sondern
als Eigentum der Mutter zu betrachten. Frau Pohl sollte nicht mehr
darüber schelten, daß sie die Pflege des Knaben der häuslichen Arbeit
vorzog, sie sollte ihr nicht mehr mit eifersüchtigen Blicken folgen,
wenn sie das Kind in den Armen hielt.
Aber als die Arbeit sie gegen Abend entließ, überfielen sie die alten
Erinnerungen noch drängender, lebendiger. In Gedanken ging sie ihm
entgegen, stand wie heute vor seinem Haus, um ihm körperlich näher zu
sein.
Der herbstliche Sturm, der ihr den Hut fast von den Haaren zieht,
erinnert sie wieder an ihre Spaziergänge mit Joachim Becker. Sie waren
damals barhäuptig am Abend bis zum alten Kanal gelaufen. Über die
feuchten Wiesen, am Wasser entlang, das an die Kaimauern klatschend
schwankte. Ganz oben, am Verbindungskanal, standen noch Bäume, die sich
im Sturm bogen und rauschten wie Meereswellen.
In dieses Brausen und Feilen des Windes waren sie übermütig
hineingestapft. Sie lachten, riefen. Sie freuten sich, daß ihre Stimmen
ohne Kraft schienen, sosehr sie sich auch bemühten. Sie wateten mit
schleudernden Bewegungen im dickgeschichteten raschelnden Laub und
suchten herabgefallene Kastanien. Sie freuten sich an der glatten
sattbraunen Frucht im weißen Bett ihrer grüngehäuteten Hülle.
Er warf die Kastanien in hohem Bogen zum Wasser hinüber. Sie stand
mit mütterlich mildem Lächeln daneben und freute sich seiner
weitausholenden, federnden Schwungkraft.
Einmal hatte sie gesagt: »Es ist unbeschreiblich schön, dich nur in
meiner Nähe so gelöst und knabenhaft zu wissen. Wenn ich mir deine
strenge und energische Haltung im Bureau oder vor den Arbeitern
vorstelle, dann bin ich sehr stolz darüber, daß ich dich so verwandeln
kann.«
»Aber ich habe es doch nicht verstanden,« sagt sie sich nun, »denn
sonst hätte er mich nicht verlassen können. Oder er müßte leiden wie
ich.« Da sie jetzt nichts mehr mit ihm gemeinsam hat, möchte sie durch
Qual und Einsamkeit mit ihm verbunden sein.
Sie beginnt zu frösteln. Doch sie bleibt auf ihrem Platz. Während des
Wartens verliert sie vollkommen das Bewußtsein davon, wie gedemütigt
und erbärmlich sie hier steht. Wenn sie ihn gesehen hatte, zuweilen
nur seinen Schatten -- einmal trug der Wind den Klang seiner Stimme
herüber --, hatte sie sich leer und erniedrigt gefühlt.
Ein schaler Geschmack bleibt von der erregenden Sehnsucht zurück. Sie
will umkehren, weil die Automobile immer wieder vorbeifahren, weil sie
keine Hoffnung mehr hat, ihn zu sehen. Und bleibt doch, bis endlich
das Verhalten eines Motors als vertrautes Geräusch herüberdringt. Sie
kann in schräger Linie hinüberblicken und verfolgen, wie Joachim Becker
aussteigt.
Er trägt einen Koffer in der Hand -- der Chauffeur holt einen größeren
und schweren von seinem Sitz herab -- und dann beugt Joachim Becker
sich noch einmal zum Wagenschlag, und seine Frau steigt aus.
Sie geht langsam, schwerfällig. Ihre kleine Gestalt ist ungefüge, und
er stützt sie mit der Behutsamkeit, die man an Kranke und Gebrechliche
wendet.
Irmgard Pohl schließt die Augen und lehnt sich fast taumelnd gegen das
Gitter. Ihre Nerven sind so überreizt, daß sie lautlos mit verzerrtem
Gesicht vor sich hinlacht. Ja, wie konnte sie so vernarrt sein und noch
eine innere Gemeinschaft mit ihm suchen, der nun mit einer anderen Frau
glücklich ist. Mit dieser Frau, die ihm Kinder schenken wird, die seine
und ihre Züge tragen. Er wird diese Kinder lieben, in denen er sich
selbst wiederfindet, und er wird eine Episode vergessen, die auf dem
Wege zu seinem Aufstieg lag.
Ist sie endlich aus ihrer Verwirrung erwacht? Sie entfernt sich rasch
von dieser Straße, mit dem Bewußtsein, sie nie wieder zu betreten.
Sie legt den weiten Weg zu Fuß zurück und kommt müde, zerschlagen zu
Haus an. Ihre Augen brennen in den Höhlen und sind wie leer. Sie geht
sofort in ihr Zimmer. Und zum erstenmal seit Monaten fällt sie in einen
tiefen traumlosen Schlaf. --
Frau Pohl liegt wach in den Kissen und lauscht. Sie ist wieder in ihrem
alten Eheschlafzimmer gebettet und legt sich schon am frühen Abend
nieder, weil die ungewohnte Bewegung sie noch allzusehr ermüdet. Aber
erst, wenn ihr Mann neben ihr liegt, wird sie ruhig und kann schlafen.
Nun lauscht sie seinen gleichmäßigen Atemzügen, sie glaubt, selbst
den zarten Hauch aus dem Kinderbett zu vernehmen, und sie könnte
einschlafen, weil ihr Haus wohlbestellt ist, denn auch Irmgards
Heimkehr war ihr nicht entgangen.
Aber da ist etwas, das sie nicht zur Ruhe kommen läßt. Sie hat nach der
stummen Begegnung mit ihrer Tochter angefangen, in ihrem Gedächtnis zu
suchen.
Man hat ihr gesagt, daß sie lange krank war und daß Lücken in ihre
Erinnerung gerissen sind. Sie kann ausrechnen, daß ihre Krankheit nur
wenige Monate währte, denn der Knabe ist nun ein halbes Jahr alt.
Aber ihren verwirrten Gedanken drängen sich Bilder und Geräusche auf,
die unendlich lange zurückliegen, während die jüngste Vergangenheit
spurlos verwischt ist. Immer wieder dröhnen in ihren Ohren die dunklen
Schläge jener Uhr, die ihr Vater zu Hause in unheimlichem Eifer
stimmte, damit sie dem reinen Klang der Kirchenglocken gleichen. Er
hatte sich in den Wahn verstiegen, daß seine Sünden erst dann von
ihm genommen würden, wenn auch der letzte unreine Ton aus der alten
Uhr verschwunden wäre. Sie hört sein halblautes Beten und seine
Selbstgespräche. Sie geht durch die Zimmer der alten Wohnung, sie
spricht mit dem Vater und bittet ihn, endlich aufzuhören, denn keine
Glocke könne heller schlagen als seine Uhr. Und kein Mensch könne das
länger mit anhören.
Sie sieht seine glänzenden Fanatikeraugen so deutlich und irisierend,
als müßte er jetzt in das Zimmer treten und ächzend auf den Stuhl
steigen, um wiederum an der Uhr zu drehen und sie schlagen zu lassen.
Sie selbst aber ist nicht älter als Irmgard und geht zuweilen in ein
dunkles Zimmer, um aus ihrer Einsamkeit heraus zu weinen.
Mächtiger und quälender schlagen die Töne in das Brausen ihrer Ohren.
Das Blut schießt brennend in ihren Kopf, und ihre Glieder erstarren
unter den dicken Federbetten.
Endlich erträgt sie es nicht länger. Sie weckt ihren Mann. Verstört
wacht Michael Pohl auf. Er verdrängt alle Besorgnis aus seinem Blick,
während er sich zu ihr hinüberneigt und sie behutsam fragt.
»Willst du Vaters Uhr forttragen, damit sie mich nicht länger quält?«
bittet sie ihn.
Michael Pohl weiß nicht, welche Antwort er ihr geben soll, denn die Uhr
ist niemals in seinem Hause gewesen.
»Die Uhr ist nicht hier«, sagt er schließlich. »Deine erregten Nerven
täuschen sie dir vor. Du bist noch zu anfällig nach der langen
Krankheit und wirst dich künftig nicht so überanstrengen.«
»Ja, das sind die fixen Ideen, an denen der Vater zugrunde gegangen ist
und die ich dir nun als Erbe ins Haus gebracht habe. Jetzt hat es schon
unsere Tochter angesteckt. Sie sitzt im dunklen Zimmer und weint.«
»Irmgard hat einen ganz gewöhnlichen Liebeskummer wie viele junge
Mädchen. Sie ist gesund und vernünftig und wird es überwinden. Aber
sieh: bei dir ist es anders. Du hast so viel Schweres erlebt, daß es
dich wieder überfallen muß, wenn du krank und schwach bist.«
Sie ist viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um sich nach dem
Kummer der Tochter näher zu erkundigen.
»Aber in meiner Erinnerung ist ein Abgrund«, flüstert sie und versucht
sich aufzurichten. Er ist ihr behilflich und stützt sie durch
Kissenberge im Rücken.
»Du kannst nur allmählich zurückfinden.« Er hält ihre Hände fest, die
unter seiner Wärme wieder ruhig werden. »Vor allen Dingen darfst du es
nicht erzwingen wollen, du mußt geduldig warten, bis alles von selbst
wiederkehrt.«
»Ja«, erwidert sie gehorsam. »Nur das eine mußt du mir sagen: der Vater
ist tot?«
»Seit fünfundzwanzig Jahren!« bestätigt er.
»Und daß mein Bruder bei seiner Bank die große Summe unterschlagen hat
und daß du alles bezahltest, das ist kein Traum?«
Michael Pohl überlegt einen Augenblick und sagt schließlich lachend:
»Was sind das für alte Sachen! Auch das ist fünfundzwanzig Jahre her.«
»Siehst du, das habe ich gewußt. Das ist kein Traum gewesen. Ich habe
so viel Unglück über dich gebracht. Und nun bin ich krank und kann
nicht sparen und arbeiten, um dir alles wieder einzubringen.«
Sie hat ihm damit zum erstenmal nach so viel Jahren eine Erklärung für
ihren Arbeitsfanatismus gegeben, der ihm so oft zur Last geworden war.
Er setzt ihr auseinander, daß sie reich seien, sehr reich. Er zählt ihr
die Werte seiner Mühle und des Grundstücks auf. Ja, sie hätten mehr
Geld, als sie verbrauchen könnten. Und wenn sie wolle, so würde er hier
sofort alles verkaufen und sie in ein herrliches Schloß setzen, wie sie
es sich damals träumte, als sie beide noch jung waren.
»Gott hat mich für meinen Hochmut bitter gestraft«, sagt sie abwehrend.
»Ich bin schuld daran, daß mein Bruder das getan hat. Ich habe ihn zu
sehr geliebt und verwöhnt und mit meinen Plänen vergiftet.«
»Du warst nur wenige Jahre älter als er, und man konnte von dir noch
nicht verlangen, daß du ihn allein erziehst, zumal du auch ohne Mutter
aufgewachsen warst. Er war nicht schlecht und hat seine leichtsinnige
Handlung bereut. Ich bin fest davon überzeugt, daß er drüben ein neues
Leben angefangen hat. Wir haben nur nichts mehr von ihm gehört, weil du
nicht wolltest, daß er uns schreibt.«
»Nein,« sagt sie, »dein Leben sollte nicht noch einmal das eines
Verbrechers kreuzen.«
Er fühlt wieder ihre unbeugsame Strenge und versucht, ihre Gedanken von
diesen Erinnerungen abzulenken.
Allmählich gelingt es ihm, sie zu beruhigen. Er hält ihre Hand fest und
erkennt an dem sachte nachlassenden Druck ihr Versinken in den Schlaf.