Das erste, was im Hafengelände fertiggestellt wird, ist eine Mauer um
das ganze Terrain -- bis auf die Seite, die der Pohlschen Mühle am
anderen Ufer zugewandt ist. Hier muß man den Zugang zum Kanal offen
halten, und der Feind behält einen Überblick auf die Fortschritte im
Baugelände.
Gleichzeitig wird ein schöner Backsteinbau mit Giebeln und einer
verdeckten Veranda für die Hafenwirtschaft errichtet, und zwar direkt
am großen Hauptportal. Mehrere hundert Arbeiter kommen und gehen
täglich durch dieses Tor, und sie müssen auch essen und trinken.
Nachdem der Kantinenwirt eingezogen war, ist auch für Herrn Gregor,
den Vertrauensmann der Hafengesellschaft, im Wirtschaftsgebäude ein
Schlafzimmer eingerichtet worden.
Wer zum Tor hinein will, muß sich ausweisen, das Wächterhaus ist Tag
und Nacht besetzt.
Es ergibt sich nun, daß Schwester Emmi eines Abends zufällig vor dem
Tore steht, als Herr Gregor heimkehrt.
»Wollten Sie vielleicht hier hinein?« fragt Herr Gregor, nachdem er sie
längere Zeit betrachtet hat.
»Ach nein«, gibt sie schüchtern und sehr verlegen zurück. »Ich
wollte nur Frau Reiche rufen und bitten, mir eine Flasche Selter
herauszubringen. Es ist für eine Kranke, und die Läden sind schon
geschlossen.«
»Aber bitte, dann kommen Sie nur mit hinein«, sagt Herr Gregor galant
und führt sie am wachsamen Auge des Torwarts ungehindert vorbei.
Nein, Herr Gregor hat es nicht nötig, sich selbst und seine Begleitung
auszuweisen. Er ist eine Respektsperson, die hier gleich nach dem
Hafendirektor eingeschätzt wird.
Seine Liebenswürdigkeit geht so weit, daß er Schwester Emmi bis in den
Kantinenraum begleitet, der um diese späte Abendstunde nur von einigen
Herren des Tiefbauamts besucht ist, und er ruft gut gelaunt: »Hier,
Frau Reiche, bringe ich Ihnen Besuch.«
Schwester Emmi sagt tief errötend: »Nein, ich weiß wirklich nicht, wie
ich dem Herrn dafür danken soll.« Damit ist zart angedeutet, daß Herr
Gregor sich ihr noch nicht vorgestellt hat.
Leider wird der gewünschte Erfolg nicht erreicht, denn der elegante
junge Mann läßt sich in einer Ecke nieder und bestellt sein Abendbrot.
Frau Reiche erscheint mit der Selterflasche, und Schwester Emmis
Mission wäre beendet.
»Vielen, vielen Dank,« flüstert die hübsche kleine Krankenschwester,
»könnten Sie mir wohl noch -- ach, mein Gott«, unterbricht sie sich mit
einem Griff nach dem Kopf, und sie muß sich auf einen Stuhl fallen
lassen, »-- um ein Glas Wasser wollte ich bitten.« Sie ist wirklich
einer Ohnmacht nahe.
»Lieber Gott«, ruft die junge Wirtin mit den feuchten dunklen Augen.
»Das macht die schwere Arbeit, die so eine Krankenpflegerin zu leisten
hat.«
Herr Gregor begnügt sich damit, die Szene aus einiger Entfernung zu
beobachten. Er kennt die Frauen und darf von seiner Unwiderstehlichkeit
überzeugt sein. Es ist ihm ein behagliches Gefühl, Anlaß dieser kleinen
Szene zu sein, denn darüber braucht nach seiner Ansicht kein Zweifel zu
bestehen.
Schwester Emmi ist durch den Trank offensichtlich gestärkt. Sie erhebt
sich schwankend und sagt mit einem kleinen Rundblick: »Ja, es war heute
ein besonders schwerer Tag.«
Frau Reiche hat allzulange den Wunsch gehabt, über die Ereignisse
in der Mühle unterrichtet zu werden; darum kann sie es auf keinen
Fall zulassen, daß dieses arme schwache Geschöpf sich schon allein
auf den Weg begibt. Sie gießt ihr eine Limonade ein und setzt sich
mit an den Tisch. Ihr volles blasses Gesicht ist von angespanntester
Aufmerksamkeit erfüllt.
Schwester Emmi muß sich schließlich zu kleinen Konzessionen
herbeilassen, aber sie äußert sich so vorsichtig wie nur möglich. Als
Herr Gregor ein paarmal den Namen Pohl gehört hat, beendet er seine
Mahlzeit. Wie es dem kleinen Fräulein nun gehe, fragt er, während er
Frau Reiche das Abendbrot bezahlt. Dabei neigt er den schmalen Rücken,
daß seine schwarzen Augen verwirrend nahe über Schwester Emmi leuchten.
»O danke, es ist bedeutend besser.« Sie behauptet, nun gehen zu müssen.
»Aber wird man mich auch herauslassen?« fragt sie schelmisch lächelnd.
»Ohne meine Begleitung sicher nicht«, meint Herr Gregor. Und sie machen
sich auf den Weg.
»Kommen Sie nur herüber, wenn Sie sich einsam fühlen«, sagt Frau Reiche
zum Abschied. »Der Herr Gregor wird es schon erlauben.«
Weil die Luft sehr mild und anregend wirkt, gehen die beiden noch
einige Minuten am Kanal spazieren.
Als Schwester Emmi in ihrem Zimmer angelangt ist und die Selterflasche
weggestellt hat, denkt sie, daß sie zwar noch nicht viel erreicht habe,
aber es beständen doch allerhand Aussichten durch die neue Verbindung.
Nun ist ihre Arbeit in diesem Hause bald beendet, und das Wanderleben
beginnt von neuem. Welche reizbare Dame und welcher krebsrote Säugling
mochte nun auf sie warten? Nein, dann wäre es doch besser, wenn bei so
einer großen und mächtigen Firma irgendein Posten für sie geschaffen
würde und ihr Freiheit und Beständigkeit gäbe. Es geht nicht mehr an,
daß man in den Tag hineinlebt, ohne ein wenig an die Zukunft zu denken.
--
Herr Gregor ist von dem Abend wenig befriedigt. Es langweilt ihn doch
allmählich, seine Tage in Frau Reiches Gesellschaft zu beschließen,
während draußen das Leben auf ihn wartet. Frau Reiche ist ohne
Zweifel eine sehr adrette Frau, und ihre feuchten Augen sind nicht zu
verschmähen, aber wenn man von der Kultur des Zeitalters bis in die
Fingerspitzen erfüllt ist, bleiben eine Kantinenwirtin oder eine kleine
wasserstoffblonde Säuglingsschwester nichts weiter als Surrogate.
So geht er denn mit trüben Gedanken noch ein wenig im umfriedeten
Hafengelände spazieren. Die Erdwälle um die aufgerissenen drei
Baugruben mit den gerüstartigen Armen der hohen mechanischen Greifer
bereiten ihm in ihrer dunklen Schwere Unbehagen. Er blickt in eines der
Becken hinab, in dem man schon mit der Grundwasserabsenkung beschäftigt
ist, und sieht das Licht des Mondes im lehmigen Naß sich spiegeln.
Nein, das sind keine Bilder für seine empfindsamen Nerven.
Er geht wieder zu Frau Reiche und hört sich ihre Lamentationen an.
»Keinen Tropfen Alkohol! Auf die Dauer -- das habe ich meinem Mann
gleich gesagt -- kann das nicht rentabel sein. Die Arbeiter haben
zuerst über die Limonaden und die Milch ihre Witze gemacht und es mit
dem Malzbier versucht, aber jetzt schimpfen sie, und einer nach dem
anderen geht über die Straße in die Wirtschaft und trägt dem Manne das
Geld hin«, klagt sie verzweifelt.
»Aber sie dürfen doch das Gelände während der Arbeitszeit nicht
verlassen. Ich werde mit den Wächtern sprechen.«
»Ach, das hat ja gar keinen Zweck. Sie gehen in der Freizeit und nach
Arbeitsschluß doch hin, und neulich habe ich sogar beobachtet, wie
einer ein Bierfaß auf einem Wagen mitgebracht und im Schuppen abgeladen
hat. Das war bestimmt kein Lagergut, aber uns wird auf die Finger
gesehen.«
Herr Gregor lächelt. »Da sieht man, wie der Durst erfinderisch macht.
Der Durst und die Liebe, Frau Reiche, daran ist nicht zu zweifeln. Ich
will versuchen, ob sich bei Gelegenheit wenigstens die Erlaubnis für
den Bierausschank durchdrücken läßt. Doch nun werde ich müde, man geht
hier eben mit den Hühnern zu Bett. Wo ist denn Ihr Mann, wieder in
einer Versammlung?«
»Ach der, wissen Sie, seitdem wir die Bäckerei aufgegeben haben, ist
er kein richtiger Mensch mehr. Er könnte hier ein so schönes Leben
führen, aber nun hat er sich auch aufs Trinken verlegt, und weil er zu
Hause nichts hat, muß er eben zu anderen gehn. -- Also ich bringe Ihnen
nachher noch frisches Wasser hinauf, die Herren Bauräte wollen schon
zahlen«, flüstert sie, während sie die prallen weißen Arme über der
Brust verschränkt. --
Herr Gregor hat lange keine Gelegenheit, das Alkoholverbot bei Joachim
Becker zur Sprache zu bringen. Zuviel wichtige Dinge liegen vor, die
den jungen Direktor bis in den späten Abend beschäftigen und sein
ungeduldiges Wesen allmählich schwer erträglich machen.
Sein Sekretär ist längst nicht mehr über alle Vorgänge unterrichtet.
Es werden neue Ressorts besetzt, andere verantwortliche Kräfte
herangezogen, die Aussicht haben, aufzusteigen, während der junge Herr
Gregor nur ein Handlanger bleibt. Seine Einkünfte sind nicht geringer,
seine Machtstellung nach außen bleibt unbeschränkt -- man bemüht sich
um seine Gunst --, aber er ist nicht zufrieden.
Eines kleinen Triumphes konnte er sich heute unvermutet erfreuen, er
vermochte seine Genugtuung darüber schwer zu unterdrücken. Da hatte man
nun wochenlang Konferenzen mit den Bauräten und fremden Kommissionen
im engen Kreise abgehalten: geheimnisvolle Pakete wurden von den
Herren persönlich gebracht und wieder mitgenommen, auf dem langen
Konferenztisch waren Brocken von Erde und Steinen zurückgeblieben. Sie
glaubten, ihr Geheimnis gut bewahrt zu haben, und heute stand es in der
Zeitung.
Herr Gregor strich den Artikel rot an und legte ihn Joachim Becker
wortlos auf den Tisch. So, nun sollte man sehen, daß ihm nichts
entgehen konnte.
Er wurde nicht gerufen, aber Kommerzienrat Friemann war von seiner
Rumänienreise zurückgekehrt und sofort in das Zimmer des Hafendirektors
gegangen.
»Von der Reise zurück?« ruft sein Schwiegersohn überrascht.
»Ja«, sagt der Kommerzienrat und wirft einen prüfenden Blick umher.
»Man hat auch gleich etwas Neues erfahren. Da habe ich mir zum
Beispiel unterwegs eine Zeitung gekauft --«
»Ach, meinst du dieses Gefasel hier?« Joachim Becker stößt mit dem
Finger verächtlich auf den angestrichenen Artikel.
»Allerdings. Was sind das für Erzfunde, und warum hat man mir nichts
mitgeteilt?«
»Weil es unwesentlich ist. Sie sind nur im Südbecken bemerkt worden,
während wir im ersten Becken sogar auf Moorboden stoßen und im zweiten
bereits mit Schwimmbaggern arbeiten. Das Südbecken, das eine Breite von
sechzig Metern bekommt, enthält die Vorkommen am Ende der südlichen
Breitseite, außerdem sind es unreine Erze, die erst aufbereitet werden
müssen. Die Hauptader zieht sich in das dahinterliegende Gelände. Was
in unserem Becken gefunden wird, ist nicht der Rede wert. Wenn die
Zeitung fordert, wir sollen die Arbeit einstellen und die Erze fördern,
so ist das heller Wahnsinn.«
»Wem gehört das dahinterliegende Gelände?«
»Es sind Felder, die augenblicklich noch bestellt werden. Sie sind
mir vor einigen Wochen bis zum anstoßenden fiskalischen Grund für die
spätere Erweiterung der Hafenanlagen billig angeboten worden, und ich
habe sie während deiner Abwesenheit mit Einwilligung unseres Vorstandes
gekauft, um sie im nächsten Frühjahr als Fußballplätze für die Arbeiter
einrichten zu lassen.«
»So, du kaufst Fußballplätze für die Arbeiter! Die Herren vom
Aufsichtsrat aber fragen an, warum wir nicht die Erze fördern, um
Geld hereinzubekommen«, sagt der Kommerzienrat nicht ohne Schärfe.
Er ist im Grunde sehr zufrieden mit der Auskunft, denn so viel hätte
er nicht einmal erwartet: daß man sich das wertvolle Gelände gleich
sichern würde. Aber was ist das für ein Gerede von den Fußballplätzen?
Diese Art Menschen muß ihre raffinierten Geschäftszüge immer mit einem
idealistischen Mantel bekleiden. Er selbst hätte mit Stolz darauf
gepocht, wenn ihm der schnelle Kauf noch vor Bekanntwerden der Erzfunde
gelungen wäre.
Joachim Becker ist sehr blaß geworden. »Wir wollen einen Hafen
verwalten und keine Erze fördern«, sagt er ruhig.
»Deswegen kann man das neue Gelände richtig ausnutzen«, gibt der
Kommerzienrat zurück.
»Wenn der Aufsichtsrat es durchaus verschachern will, so steht es ihm
frei.«
Über das gelbe fette Gesicht des Kommerzienrats zieht eine flüchtige
Röte. Seine runden Augen, die denen seiner Tochter so verblüffend
gleichen, werden in der Erregung ebenso starr und ausdruckslos, wie sie
bei Adelheid beweglich und sprechend sind, woraus man schließen kann,
daß sie auch vom Verstand zu lenken sind, denn sie verbergen alle seine
Gefühle.
»Du benutzt das Geld nur zum Ausgeben. Aber das Konsortium muß es
heranschaffen. Wir wollen auch einnehmen.«
»Der Hafenbetrieb wird es bringen.«
»Das ist Zukunftsmusik. Wir müssen die Tatsachen nutzen. So kommen
wir nicht weiter. Die Verträge mit der Eisenbahn sind auch noch nicht
abgeschlossen. Wir können ohne den Gleisanschluß nicht arbeiten, wenn
die Speicher fertig sind.«
»Wir werden schon rechtzeitig einig werden. Ich arbeite mit Hochdruck,
aber man macht mir Schwierigkeiten wegen Lappalien und kommt mit
bureaukratischem Formelkram dazwischen.«
»Eins der Aufsichtsratsmitglieder von den Banken wird demnächst eine
Gesellschaft geben und einige Herren von der Bahn einladen.«
»Ich dachte, daß es bei ~uns~ auch auf dem geraden Wege gehen
kann«, gibt Joachim Becker erregt zurück.
»Mit diesem Draufgängertum kommst du nicht weiter! Das ist der legale
Weg, die Verhandlungen ein wenig zu glätten. Du erkundigst dich wohl
nach den maßgebenden Herren und legst mir die Liste vor.«
Der andere gibt keine Antwort, aber er macht sich eine Notiz.
An der Tür wendet sich der Kommerzienrat noch einmal um.
»Übrigens,« meint er nun jovial und nicht mehr kühl geschäftlich wie
während der ganzen Unterredung, »wir sind heute abend allein, ihr kommt
wohl ein wenig herüber?«
»Ich habe sehr viel zu tun«, sagt sein Schwiegersohn mit einem Blick
auf den Notizblock; aber wie er dann in das breite Gesicht mit den
warmen Augen des Familienvaters sieht, fügt er entgegenkommender hinzu:
»Doch ich will sehen, wie ich es einrichten kann.«
Er hat das Verlangen, sich Bewegung zu machen und frische Luft zu
atmen. Darum bestellt er seinen Wagen und fährt in den Hafen. Herr
Gregor begleitet ihn.
Nun schreitet die Arbeit in der Höhe und in der Tiefe fort, daß es eine
Freude ist, seine Augen überallhin schweifen zu lassen. Das werktätige
Spektakeln der Arbeiter und das Rattern der Maschinen wirken beruhigend
auf seine Nerven.
»Was wird hier ausgeladen?« fragt er am Kanal den Aufseher.
»Es sind die Dynamitladungen für die Sprengungen im Südbecken«, gibt
der Mann zurück.
»Wo sollen sie gelagert werden?«
»Ja -- hier im Schuppen, da wir noch nichts anderes haben.«
»Wollt ihr die Sprengstoffe in den Holzschuppen geben? Die Keller
im Getreidespeicher sind fertig. Wir haben sie feuersicher ausbauen
lassen. Warum wird daran nicht gedacht?«
Herr Gregor stellt fest, daß dieser Mensch alles sieht und immer
den richtigen Ausweg weiß. Er muß ihn gegen sein inneres Sträuben
imponierend finden.
Dann sucht der Direktor den Oberbaurat Steffens auf, der die Hochbauten
leitet.
»Wir müssen mit dem Getreidespeicher schneller weiterkommen. Ich sehe,
Sie sind noch beim zweiten Stock. Die Firma Friemann hat zehntausend
Tonnen Getreide von der neuen Ernte in Rumänien zu erwarten. Sie
muß wissen, daß sie es hier lagern kann, ehe sie die Ladungen auf
den Weg bringt. Zum Herbst also soll der Getreidespeicher mit allen
Inneneinrichtungen in Betrieb genommen werden. Wir werden die
Doppelschichten verstärken müssen. Was meinen Sie?«
Direktor Becker hat es sich angewöhnt, nach Erteilung seiner knappen
Befehle die maßgebenden Herren in dieser Weise um ihre Meinung zu
bitten. Daß sie stets übereinstimmend lautet, ist selbstverständlich,
und er hat die wegen seiner Jugend entstandenen Feindseligkeiten,
besonders von seiten der städtischen höheren Beamten, einfach im Keime
erstickt.
Nein, es scheint dem jungen Unternehmungsgeist wahrhaftig nicht schwer,
mit den Menschen fertig zu werden, wenn man nur die Augen offenhielt
und -- die nötige Macht in die Hände bekam. Ob diese Rechnung auch
immer richtig aufgehen würde?
Für jeden Fall hat Joachim Becker sich hier, wo ihm das letzte Wort
zu sagen bleibt, wieder Kraft geholt. Nun kann er in sein Bureau
zurückfahren und weiterarbeiten.
Irmgard Pohl sieht ihn, wie er in seinen Wagen steigt. Sie ist zum
ersten Male vor das Haus gegangen und betrachtet es als eine Probe auf
ihre inneren und äußeren Kräfte, daß sie zuerst dem Menschen begegnet,
der ihr Gleichgewicht am meisten erschüttern kann.
Aber nun will sie mit den Leistungen ihrer Energie noch weiterkommen:
sie geht zu ihrer Mutter hinauf, um den alten Kampf mit der
fürchterlichen Krankheit aufzunehmen, die geheimnisvoll und ohne
Angriffsmöglichkeiten ist.
»Guten Tag, Mutter«, sagt sie mit ihrer hellen festen Stimme. »Nun bin
ich wieder gesund.«
»Ja,« erwidert Frau Pohl weinerlich gedehnt, »bist du krank gewesen?«
»Hat die Schwester es dir denn nicht gesagt?«
»Vielleicht hat sie es auch gesagt. Sie kann nur immer schwatzen und
hier herumstehen. Aber auf mein Kind gebt ihr nicht acht.« Ihr Gesicht
ist hart und unduldsam. »Wirst du dir jetzt mehr Mühe geben und
arbeiten, wie es sich gehört?«
»Aber gewiß, Mutter, das will ich tun. Wir arbeiten alle, soviel es
geht. Hörst du die Maschinen und die Arbeiter? Da ist keiner träge.«
»Ich kann es ja nicht kontrollieren. Der Vater und du, ihr könnt es mir
wohl sagen, aber ich denke mir mein Teil. Ihr habt immer Ruhe, hier zu
stehen und eure Zeit totzuschlagen.«
»Aber wir müssen doch nach dir sehen und uns um dich kümmern. Ich will
dir dein Bett richten.«
»Mich laßt nur in Frieden, um mich ist es nicht schade«, gibt die
Gelähmte zurück. Aber sie läßt es schweigend geschehen, daß die Tochter
ihren elenden steifen Körper aufrichtet und die Kissen glättet. Dann
verfällt sie wieder in die alte Apathie und gibt keine Antwort mehr.
Irmgard geht müde die Treppen hinab. Immer ist sie, von Mitleid und
Liebe erfüllt, mit einem Herzen, das sich restlos verschenken will,
hinaufgegangen und entmutigt zurückgekommen. Fünf Jahre lang, und nun
ist sie einundzwanzig Jahre alt.
Im Kopfe dieser Frau hatten auch in gesunden Tagen nur zwei Gedanken
Platz: die Arbeit und der Sohn. Sie hat ihrem Mann und der Tochter das
Leben damit verdunkelt und sich selbst zur Sklavin gemacht, und als der
Sohn endlich kam und ihr wieder genommen wurde, sind sie zur fixen Idee
geworden: die Arbeit und der Sohn ...
Wie Irmgard in die Küche gehen will, um auch hier nach dem Rechten zu
sehen, wird ihr plötzlich die Tür aus der Hand gerissen.
Ein furchtbares Getöse fliegt durch das Haus, die Luft dröhnt gegen
die Fensterscheiben, daß sie klirrend zerspringen; ein neuer, noch
stärkerer Knall droht Irmgard den Kopf zu sprengen. Halb irrsinnig
rennt sie gegen den Hintereingang. Die offene Tür ist aus den Angeln
gerissen, Geröll liegt auf dem Wege, und als Irmgard aufblickt, sieht
sie an der Stelle, wo der halbfertige Getreidespeicher stand, eine
Rauchsäule, die aus Schutthaufen und leeren Eisengerüsten weht.
Schwester Emmi kommt auf ihren hochhackigen Schuhen stolpernd gerannt.
»Eine Explosion«, schreit sie mit schriller Stimme. »Ich will
Verbandzeug holen und helfen --« fügt sie atemlos hinzu.
Irmgard, die ihr entgegengeht, fällt die Mutter ein.
»Und das Kind«, ruft sie entsetzt. Sie stürzt in ihr Schlafzimmer,
reißt den Säugling aus den Betten. Er schläft und stemmt sich mit
erwachender Kraft gegen ihren Arm.
Sie möchte laut lachen und weinen zugleich. Da sieht sie eine Gestalt
neben dem Kinderbett liegen.
»Frau Pohl« -- stammelt die Schwester, die in ihrer Verwirrung Irmgard
gefolgt war. Sie werden beide von einem mystischen Schauer erfaßt.
+Vita somnium breve+
Die Frauen heben die Ohnmächtige auf und legen sie über das Bett. Und
siehe: die Glieder sind leicht und gelöst, sie lassen sich biegen und
bewegen. Der Schrecken hat die Gelähmte von ihrem Bann befreit. Sie,
die seit fünf Jahren das Bett nicht verlassen hat, konnte die Treppen
hinabgehen, und erst hier, neben dem Kinde, das sie für ihren Sohn
hielt, brach sie zusammen.
Sie massieren den kalten Körper, packen ihn in angewärmte Decken. Das
Blut beginnt zu kreisen, leise rührt sich die Kranke, sie hebt einen
Arm, sie öffnet die Augen. Ihr Blick aber ist nicht ausdruckslos und
ohne Richtung. Er umfaßt die Tochter, und leise, zärtlich fragt sie:
»Bist du es, Irmgard?«
»Ja, Mutter.« Es ist seit fünf Jahren zum erstenmal, daß sie aus diesem
Munde ihren Namen hört.
»Wie geht es unserem Michael?«
»Er ist gesund, Mutter.«
»Willst du ihn mir einmal geben, meinen kleinen Sohn?« Und es ist
wiederum seit fünf Jahren zum erstenmal, daß sie nach dem Kinde
verlangt. Ihre Stimme klingt sanft, erfüllt vom bangen Gefühl für das
mütterlich verschenkte Leben.
Irmgard Pohl nimmt zitternd den Knaben, Joachim Beckers Sohn, aus den
Kissen und legt ihn der Mutter in den Arm.
»Er schläft, immer schläft er,« flüstert die Kranke, »er wird stark und
gesund werden, ich habe es gewußt.«
Sie lehnt ihr mageres Gesicht hingegeben an den warmen kleinen Leib.
»Und nun leg' ihn wieder hierher, daß er in meiner Nähe bleibt, dann
will ich schlafen. Ich bin noch sehr müde und schwach. Er hat mir so
viel Kräfte genommen, unser Stammhalter« fügt sie schmerzlich lächelnd
hinzu.
Fünf Jahre sind aus ihrem Gedächtnis gelöscht, hier liegt ihr Sohn
voll Leben und Wärme, und sie wendet sich auf die Seite zu dem langen,
erquickenden Schlaf, der die jungen Mütter nach ihrer großen Stunde
umfängt.
»Ich habe es geahnt, daß sie damit zu heilen ist«, flüstert Schwester
Emmi, als sie die Tür hinter sich schließen, Irmgard und sie, die sich
nun zur Wirklichkeit zurückfinden.
Sie suchen Verbandzeug und Tücher, soviel die Schwester tragen kann,
und dann geht sie hinüber zur Unfallstätte, während Irmgard hier Wache
hält und auf den Vater wartet.
Der Mühlenbesitzer ist in der Stadt gewesen, während das Unglück
geschah. Auf dem Heimwege, in der Bahn, wird bereits davon gesprochen.
Und er eilt mit schwachen Füßen über die Föhrbrücke, er, der so kräftig
in seinen hohen Stiefeln zu stapfen gewohnt ist. Aber sein Haus steht
da, hell und mit bunten Fensterrahmen, auch sein Speicher steht und
seine Mühle.
Nun erst blickt er auf die Verwüstungen im Nachbargelände. Ist es
nicht, als hätte Gottes Hand diesen Bau von Stein und Eisen umgelegt,
der wie ein Denkmal für verlorenes Menschentum vor seinen Augen
aufgewachsen war? Gleich einer großen mahnenden Faust ragen die
verbogenen Eisensparren über dem verfallenen Gestein. Und Michael Pohl
streicht allen Haß aus seinem Herzen.
Irmgard geht ihrem Vater entgegen und berichtet flüsternd von dem
Vorfall im eigenen Hause.
»Nun können wir ihm seinen Namen geben«, sagt sie zum Schluß. »Er heißt
Michael.«
Als die Schwester endlich bei der Unglücksstätte anlangt, sind schon
Ärzte und freiwillige Helfer da. Sie reißen ihr die Tücher aus den
Händen und geben ihr Arbeit, soviel sie nur schaffen kann.
Auch die Neugierigen fehlen nicht und die Reporter, die bei solchen
Ereignissen immer zufällig in der Nähe sind. Sie haben den Schaden
bereits gezählt und stürzen an das Telephon der Hafenwirtschaft. Frau
Reiche richtet die Zimmer und Betten für die Verwundeten.
»Großes Explosionsunglück beim Hafenbau!« melden die Extrablätter in
der Stadt, und die Maschinen stampfen es schon in die Abendausgaben.
»15 Tote! 46 Verwundete. Der halbfertige Getreidespeicher zerstört!
Das Nordbecken von den Trümmern verschüttet! Millionenschaden!
Untersuchungen über die Ursache sind im Gange.«
Joachim Becker war kaum vom Hafen zurückgekehrt, als ihm das Unglück
gemeldet wurde.
Nun steht er wieder an der Stelle, wo er vor einer Stunde seine
Befehle gab, und spürt zum ersten Male in seinem jungen, von Arbeit
und Erfolgen prall erfüllten Leben den Hammer eines unerbittlichen
Geschickes.
Und zum ersten Male ist ein Stillstand in ihm eingetreten. Er findet
sich im alten Schuppen, der mit seinen Holzwänden noch unbeschädigt an
die Vergangenheit gemahnt, und sieht der flinken blonden Schwester zu,
die lautlos an den Opfern vorbeihuscht und ihre Zahl auf einem Zettel
notiert.
»Es sind bis jetzt 28 Tote«, haucht sie beklommen an der Tür. Joachim
Becker nimmt es unbewußt auf und richtet seine entspannten Augen, die
in dem hellen offenen Gesicht sich dunkelnd vertiefen, über das Gelände
mit den Trümmerhaufen, dem zerwühlten Becken, das wie ein Krater
schwarz und naß die Arbeitenden verschluckt hat; er sieht die aufgeregt
hastenden Menschen, die Krankenwagen, die Verwundeten und die Toten.
Und er sieht noch einmal das fertige Werk seiner wirklichkeitsnahen
Träume: eine Reihe von langen und breiten Hafenbecken mit
Tausend-Tonnen-Schiffen in vier Reihen, Speicher und Verladebrücken,
die schwarz aufragenden Arme der Krane, das Turmhaus der Verwaltung,
den Freihafen mit seinen direkten Ladungen aus aller Welt. Daneben
aber die Siedlungen für die dem Teufel Alkohol entronnenen
Arbeiter, helle Häuser mit Blumen in den Gärten, die Badehallen und
Schwimmanstalten, die Spielplätze für die Kinder und die Sportwiesen
für die menschgewordenen Sklaven der Arbeit. Nein, nicht mehr Sklaven
sieht er: freie Menschen, dem Lichte zurückgegeben, den uralten Straßen
-- den Wasserwegen mit der staubfreien Luft und den grünen Ufern --
wiedergeschenkt.
Hier aber liegen seine ersten Helfer: in die Erde gewühlt, unter
Trümmern begraben, verstümmelt für die letzte kurze Strecke ihres
Lebens; von Schmerzen verzerrt.
Er folgt ohne Bewußtheit der Krankenschwester, die hier eine
schluchzende Frau in den Arm nimmt und tröstet, dort einem Verwundeten
den Verband anlegt. Er findet sich in der Hafenwirtschaft, im großen
Raum mit eilig gerichteten Krankenlagern und sieht, wie seine »freien
Menschen« auf Bahren gepackt und zu den Krankenwagen davongetragen
werden. Er sitzt auf einer Kiste und betrachtet die leichten Bewegungen
der Schwester, die das Verbandzeug zurechtlegt und auf weitere
Verwundete wartet. Er hört seine eigene Stimme wie die eines Fremden,
als er fragt:
»Sind Sie von der Rettungsstation?«
»Nein,« gibt Schwester Emmi leise zur Antwort, »ich war in der Nähe,
als das Unglück geschah.«
»Wir werden wohl noch oft solche Hilfe brauchen«, sagt er müde. »Wenn
Sie wollen, können Sie zu uns kommen -- für unsere Fürsorgestelle«,
fügt er, nach dem ersten aufbauenden Gedanken, hinzu.
Schwester Emmi neigt sich über ihre Verbandrollen. Man gibt ihr ein
Amt, eine große und verantwortungsvolle Aufgabe, und man fragt nicht:
wer bist du, woher kommst du, was hast du gelernt und -- wie steht es
mit den moralischen Qualitäten für den Posten? Man sagt: wenn ~du
willst~ -- Und sie blickt mit ihren tränenüberströmten Augen zu
Joachim Becker empor. Da steht er rasch auf und verläßt wortlos den
Raum.
Wie sie später, nachdem alle Verwundeten in die Krankenhäuser geschafft
und die Toten aufgebahrt sind, am Hafendirektor vorbeikommt, wagt sie
nicht mehr, ihm zu danken.
Er diktiert einem Manne: »38 Tote, 75 Verwundete. Erste Explosion beim
Ausladen im Tor des Getreidespeichers. Ursache nicht aufgeklärt. Durch
Entzündung der auf dem Wagen befindlichen restlichen Sprengstoffe
ein Teil des Nordbeckens verschüttet. Die feuersicheren fertigen
Kelleranlagen des Speichers fast unversehrt. Materialschaden nicht
bedeutend.«
Schwester Emmi schlüpft scheu vorbei.
Aber vor Irmgard Pohl ist sie in ihrer Erregung ungehemmt. Sie
berichtet unter Tränen -- nicht mehr von dem, das die vielen betraf.
Sie hatte ihnen geholfen, wortlos, selbstverständlich. Nun aber steht
ihr eigenes Schicksal im Vordergrund.
»Als er sich umdrehte,« sagt sie, »so plötzlich, daß sein Gesicht nicht
mehr zu sehen war, da wußte ich, daß ich diesen Menschen doch niemals
hassen könnte.«
Und mit den Gefühlen der Angestellten vor dem höchsten Vorgesetzten
fügt sie hinzu: »Ich glaube, daß er weinen kann wie wir.«
Irmgard Pohl streicht mit ihrer ruhigen Hand über die Haare der
Schwester. »Ich wußte es, daß er kein schlechter Mensch ist«, sagt sie
leise. »Wenn ihm doch Gott alles zum Guten führen wollte!«