Der Feind

Irmgard Pohl hat sich mit einem Buch ans Fenster gesetzt und ein wenig

zu lesen versucht. Aber es ist eigenartig: wenn sie untätig dasitzt

und ihre Gedanken spielen lassen will, dann wird es leer in ihrem Kopf

und traurig im Herzen, oder ein Karussell dreht sich so lange, bis sie

zu verzweifeln beginnt. Doch wenn sie ein paar Zeilen über eine fremde

Welt gelesen hat, dann findet sie wieder in geordneter Weise zu sich

selbst zurück. Sie legt das Buch bald in den Schoß, blickt gedankenvoll

zum Fenster hinaus und fühlt, daß in ihr etwas vorgeht, das nur geweckt

zu werden brauchte.

Nicht die gewünschte Frühlingssonne liegt vor dem Fenster: das Gras

ist naß und blank, auf den Kanal spritzt der Regen, daß die langweilig

glatte Fläche in Blasen und Kreisen bewegt wird, und der bemehlte

Getreidespeicher erscheint noch stumpfer und farbloser vor dem

schmutzigweißen Himmel als sonst.

Es ist nicht wegzuleugnen, daß ihr Leben nun eine ganz andere Richtung

nehmen muß. Sie hat ihr Krankenlager nach langen trüben Wochen zum

erstenmal verlassen, als ein Mensch, der bald wieder mitzählen wird.

Die junge blonde Säuglingsschwester steckt ihren kleinen Wuschelkopf

zur Tür herein und fragt hell und freundlich wie alle Tage:

»Nun, geht es uns gut? Das ist reizend!«

Dagegen gibt es keinen Widerspruch. Irmgard lächelt zaghaft; sie hat

es fast verlernt. Ihre Züge sind scharf und spitz geworden, und erst

jetzt, da sie lächelt und die leicht irisierenden Augen in die Tiefe

des Zimmers richtet, ist wieder etwas von dem weichen Charme früherer

Tage spürbar geworden.

»Sie haben mir die Haare so straff hinter die Ohren gestrichen, ich

glaube, ich sehe scheußlich aus. Könnten Sie mir nicht endlich einen

Spiegel geben?«

»Gott sei Dank, sie fängt an, eitel zu werden. Das ist ein herrliches

Zeichen der Genesung«, ruft Schwester Emmi erfreut aus. »Aber mit dem

Spiegel hat es noch Zeit. Ziehen wir diese Haare ein wenig hervor,

so -- ach, es ist ja eine reizende braune Welle. Gleich sieht unsere

Patientin gesünder aus.«

Sie freut sich und hüpft vergnügt um die Kranke herum.

»Sie sind wirklich ein Labsal für verzweifelte Menschen«, sagt Irmgard

herzlich.

»Ja, wenn man nur seinen Platz ausfüllt und seiner Pflicht nachkommt.

Mehr hat noch kein Mensch von mir verlangt.« Sie zieht den Mund halb

lächelnd, halb schmerzlich herab. Auch ihre Nase ist dabei ein wenig

schief gezogen, und sie ist trotz den aufgebauschten gelbblonden

Haaren gar nicht mehr quicklebendig, sondern grau wie ein Regentag.

Aber da reckt sich die kleine schmale Person gleich wieder, sie hebt

die Lackspitze ihres zierlichen Schuhs und sagt: »Damit bin ich nun

unten gewesen. Sie gehen mir jetzt bestimmt aus dem Leim.« Und dabei

lacht sie, als sei es ein Vergnügen, seine Schuhe zu verderben.

»Ja, daran sind nur unsere aufgeweichten Wege schuld«, meint Irmgard,

in dem Gefühl, auch ihrerseits etwas sagen zu müssen. »Aber was hatten

Sie denn unten zu tun?«

»Ach, offengestanden, ich bekam nur Lust, die Nase in den Regen zu

stecken.«

»Vielleicht ist zufällig jemand vorbeigegangen, der auch seine Nase

spazierenführen mußte?« fragt Irmgard lächelnd, ihre Züge sind nun sehr

erschlafft.

»Ach ja, da werden viele gewesen sein. Doch unsere Patientin wollen wir

nun wieder in die Federbetten stecken.«

Irmgard hat nichts dagegen einzuwenden. Sie läßt sich von den festen

kleinen Händen der Schwester hochheben und stützen. Dann liegt sie

wieder im Bett und denkt, daß sie für den neuen Flug in das Leben

noch nicht tauglich sei. Auch der Blick aus dem Fenster hat ihr

noch nicht den Weg in die Zukunft eröffnet, der durch einen neuen

kleinen Erdenbürger bestimmt wird. Sie hebt sich alle Fragen und

Auseinandersetzungen für einen späteren Tag auf. Nur den Knaben wünscht

sie noch einmal zu sehen.

»Ist es nicht, als könnte er schon hören?« fragt sie, »wenn ich ihn

anriefe, so würde er sich vielleicht rühren.«

»Nein, so weit ist es noch nicht. Außerdem -- er hat doch noch keinen

Namen, wie soll er Sie denn verstehen?« Und Schwester Emmi lacht

herzlich über ihren eigenen Witz.

In Irmgard aber weckt das wieder nur traurige Erinnerungen. Sie blickt

den Säugling lange an und fragt dann leise:

»Hat mein Vater sich noch immer nicht geäußert?«

»Nein. Er meinte, ich solle Sie nach dem Namen fragen, wenn Sie sich

etwas wohler fühlen.«

»Und hat mein Vater auch Interesse für das Kind gezeigt?«

»O ja. Wenn er zufällig vorbeigekommen ist, hat er es betrachtet und

gesagt, was die Ansicht sämtlicher Männer ist: daß in diesem Alter die

Menschen alle gleich aussehen.«

»Aber das kann man doch nicht mehr sagen, nicht wahr? Hat es nicht die

unverkennbaren Pohlschen Züge: die starken Backenknochen und Vaters

tiefliegende Augen?«

»Mit einiger Phantasie kann man es so sehen.«

»Ach, ich spreche gewiß wieder wie alle Mütter«, meint Irmgard traurig

lächelnd.

»Gott sei Dank ja! Sie unterscheiden sich darin nicht eine Spur von

ihnen. Und das ist herrlich. Das ist doch wirklich ganz prächtig.«

Sie nimmt den blassen schönen Kopf zwischen beide Hände und legt ihn

in die Kissen zurück. Dabei sind ihre Finger von zärtlichem Druck,

und plötzlich hat sie für eine Sekunde ihr kleines Gesicht an Irmgards

Wange gelehnt.

»Weil Sie so tapfer und geduldig sind«, sagt sie gleichsam zur

Entschuldigung, als sie das Kind aufnimmt und hinausbringt. --

Einige Tage später ist Irmgard schon richtig aufgestanden. Sie konnte

sich selbst ankleiden, ist im Zimmer umhergegangen und hat sich wieder

an das Fenster gesetzt, das auf den Kanal hinausgeht.

An diesem Tage liegt wirklich Sonne auf allen Dingen, und Irmgard

denkt, daß nun das neue Leben beginne, für das sie die richtige gesunde

Einstellung braucht.

Sie ruft Schwester Emmi und sagt kurz entschlossen:

»Sie müssen sich hierher setzen und mir einige Fragen beantworten. Ich

hasse das Halbe und Kranke und muß es vollkommen abstreifen, wenn ich

wieder mit beiden Beinen im Leben stehen soll.«

Sie freut sich über ihre eigene Kraft, und Schwester Emmi sagt ein

wenig gekränkt: »Ja, jetzt werden Sie wohl wieder alles in die Hand

nehmen wollen.«

Sie empfindet eine Abneigung gegen die Frauen, die immer fest und

unbeirrt handeln und ihre Ziele und Wege deutlich vor sich sehen. Sie

hat ihre kleine Person immer vom Schicksal vorwärtsstoßen lassen, wie

es gerade sein mußte.

Irmgard ist viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, als daß sie das

verschlossene Gesicht der anderen bemerken könnte.

»Es gibt soviel Unausgesprochenes in diesem Haus. Dann scheint

etwas in mir schief gerückt, und ich habe nicht eher Ruhe, als bis

es geradesteht. Da ist zum Beispiel der Vater. Er spricht gut und

freundlich mit mir, aber ich sehe ihn selten, und er ist jetzt noch

verschlossener als früher. Wir hatten uns bisher immer ohne Worte

verstanden, aber seitdem uns beiden das angetan wurde, dieser --

Vertrauensbruch, weiß ich nicht, wie er es trägt. Sie aber haben ihn

alle Tage gesehen, besonders in der ersten Zeit, und können mir einen

Fingerzeig geben.«

»Leider kann ich Ihnen wenig sagen. Er war fast immer in seinem Kontor

oder in der Mühle. Nur zu den Mahlzeiten ist er hier gewesen, hat sich

sehr ruhig nach allem erkundigt und sonst kaum ein Wort gesprochen.«

»Aber wenn er drüben im Hafen die Tätigkeit sah -- die vielen

Menschen, die jetzt dort arbeiten, und die lauten Maschinen, die ganze

geräuschvolle Geschäftigkeit, die ihn tagaus, tagein an seinen Ärger

erinnern muß --«

Sie spricht nicht zu Ende und sieht die Schwester erwartungsvoll an.

»Ach, er ist doch den Lärm von seiner Mühle her gewöhnt. Auf einen Mann

hat das sicher eine andere Wirkung.« Schwester Emmi beginnt, sich bei

diesen Erörterungen zu langweilen. Das scheint ihr alles nicht so des

Nachdenkens wert.

»Sehen Sie,« sagt Irmgard wieder, »ich habe mir damals, nachdem ich

den ersten Schmerz über diese große Demütigung und Untreue überwunden

hatte, immer wieder vorgehalten, daß ich keinen Haß in mir aufkommen

lassen darf. Denn wie soll ich einmal sein Kind lieben, wenn ich ihn

selbst nur hassen kann? Es bleibt doch ein Teil von ihm, so sehr man

sich auch einzureden sucht, daß es nur von der eigenen Artung ist.

Man möchte feige sein und seinen Namen für immer aus dem Gedächtnis

streichen, aber wie können wir Joachim Becker jemals vergessen, der uns

so viel gegeben und so viel genommen hat? Und nun baut er uns seine

großen Projekte, für die wir uns damals so sehr interessiert haben,

direkt vor den Augen auf, und es ist nichts wegzuleugnen. Können Sie

das verstehen?«

»Ja, das kann ich verstehen: daß es schwer ist, und daß Sie sehr mutig

sind.«

»Es ist nur der Selbsterhaltungstrieb. Vielleicht gehöre ich zu den

Frauen, die sich nur einmal ganz erschließen können, denn sonst hätte

ich das wohl nicht getan. Oder glauben Sie, daß ich leichtfertig oder

im wahren Sinne unmoralisch bin, weil ich ihm in meiner Liebe nichts

versagen konnte?«

»Nein, beileibe nicht. Wie die Menschen auch darüber denken mögen, wer

Sie kennt --«

»Ja, wissen Sie, ich habe schon manchmal gedacht, daß es gut sei, wie

es sich letzten Endes zugetragen hat. Denn nun habe ich doch ein klein

wenig Anteil an ihm, den ich nur noch in seinem Kinde lieben werde.

Darin will ich die Kraft finden, um ihn selbst ganz aus meinem Herzen

auszustreichen.«

»Wenn Sie das können! Ich würde ihn, offengestanden, grenzenlos hassen

und mich an ihm rächen -- bei der ersten Gelegenheit.« Sie sagt es

triumphierend, herausfordernd, denn sie ist stolz auf ihr lebhaftes

Temperament.

»Und nun müssen Sie mir noch berichten, wie es der Mutter geht«,

sagt Irmgard ablenkend, denn sie erkennt wieder, daß sie von ihren

Mitschwestern nur verstanden wird, wenn sie selbst schwach und beirrbar

ist. »Sie haben mir noch gar nicht erzählt, wie es oben aussieht.«

»Oben« ist das Zimmer von Frau Pohl, die seit fünf Jahren gelähmt und

mit verwirrtem Geist ein verdämmerndes Dasein führt. Von der späten

Geburt des lange ersehnten Stammhalters geschwächt, hatte sie der nach

wenigen Wochen erfolgte Tod des Knaben so getroffen, daß sie nicht

wieder aufstehen konnte. In ihrem Geiste aber hat sie den Knaben zu

neuem Leben geweckt. Wenn sie in ihrer Einsamkeit zu dem Kinde spricht,

scheint sie mit ihrem Schicksal zufrieden und der Gegenwart in einer

anderen Weise nahegerückt.

»Haben Sie ihr gesagt, daß ich krank sei? Und wie hat sie es

aufgenommen?«

»Zuerst wollte sie an Ihre Krankheit nicht glauben. Sie wurde sehr böse

und meinte: die Arbeit ist ihr zuviel geworden, auf der Stelle soll sie

herkommen und mir Antwort stehen.«

»Ja, sie kann sehr böse werden.«

»Als ich ihr dann aber klarmachte, daß ich zu Ihrer Pflege geholt

sei, und sie fragte, ob sie denn nicht feststellen könne, daß ich nach

Medizin rieche, erwiderte sie, nun wolle sie aufstehen und ihre Tochter

pflegen.«

»Sie wollte mich pflegen?« Irmgard ist ganz glücklich darüber.

»Das sagte sie. Natürlich konnte sie sich nicht rühren, und dann sprach

sie nicht mehr darüber. Einmal erzählte ich ihr, daß Sie bald aufstehen

würden, aber sie gab mir keine Antwort. Doch etwas anderes hatte mich

beängstigt, und ich sprach mit Herrn Pohl darüber.«

»Was war es?« fragt Irmgard ungeduldig. »Hat sie das Kind gehört? Sie

haben doch nicht davon gesprochen?«

»Nein, es war ja verabredet, daß sie davon nichts erfährt. Aber sie

sagte: ›Hört Ihr denn nicht, wie mein Michael schreit? Ihr laßt ihn

liegen und kümmert Euch nicht um ihn.‹ Und das hat sie immer wieder

geklagt, dabei zuckte sie, und ihr Gesicht verzerrte sich, als wollte

sie aufspringen und nach dem Rechten sehen. Schließlich wurde sie sehr

erregt, hat mich ausgescholten und gedroht, mich zu entlassen, wenn ich

nicht besser für ihr Kind sorge.«

»Mein Gott,« flüstert Irmgard, »hat sie nicht danach verlangt, es zu

sehen?«

»Das hat sie nicht. Aber ich dachte schon -- ich weiß nicht, was Sie

davon halten -- ich dachte, solche Kranken sind durch Täuschungen

manchmal zu heilen. Wenn man ihr z. B. das Kind wirklich --«

»Nein, nein, wollen Sie ihr mein Kind geben, dieser Kranken? Nein, das

ist heller Wahnsinn!«

»Ich meinte es nur gut, denn es ist doch schließlich Ihre Mutter. Herr

Pohl sagte, wenn Sie einverstanden wären, könnte man immer noch mit dem

Arzt darüber sprechen«, gibt die Schwester verstimmt zurück.

»Ist das seine Ansicht gewesen?« Irmgard schließt die Augen und lehnt

müde im Sessel. »Darüber muß ich erst nachdenken. Ich will die Mutter

selbst gesehen und gesprochen haben«, flüstert sie.

»Gewiß, es war ja auch nur ein Vorschlag für später. Aber ich werde Sie

jetzt verlassen, da kommt ein junger Mann durch den Garten, und das

Mädchen ist ausgegangen.«

Irmgard glaubt, nur eine Sekunde allein gewesen zu sein, als die

Schwester schon wieder zurückkommt und sagt: »Es war ein Rechtsanwalt

Bernhard von der Hafengesellschaft, er wollte Herrn Pohl sprechen. Ich

habe ihn ins Kontor hinübergeschickt.«

»Von der Hafengesellschaft --«, stammelt Irmgard, und sie sieht dem

jungen Rechtsanwalt nach, wie er mit seiner Aktentasche durch den

Garten geht und zur Mühle hinübersteuert.

Die Schwester hat das Zimmer wieder verlassen, und Irmgard verfolgt den

Rechtsanwalt so lange, bis er in der Tür des Kontors verschwindet. Da

wirft sie die Hände vor das Gesicht und schluchzt verzweifelt auf.

Sie hatte sich mit ihrem klaren Verstand einen so schönen Plan

zurechtgelegt und kluge, vernünftige Worte gesprochen, aber beim ersten

unmittelbaren Anstoß von außen her fällt ihr ganzes Kartengebäude

zusammen, und sie ist nicht beherrschter und reifer als Schwester Emmi

mit ihrem Temperament.

Hier über diesen Weg ist auch er gegangen, und sie hat ihm von dem

gleichen Platz aus nachgesehen, wie er mit seinen langen Schritten

fest und federnd über den knirschenden Kies marschierte und an der

Gartenpforte zu ihr hinaufwinkte. Oder war es wegzuleugnen, daß sie

wie zwei übermütige Kinder hier um diesen runden Tisch jagten, bis sie

atemlos stehenblieb und ausrief: »Nein, du hast ja doch die längeren

Beine.« Dann ließ sie sich rückwärts fallen und wurde aufgefangen.

Er aber sagte mit seiner weichen Stimme, die sie einmal zu ihrem

Erschrecken, als er beim Ausladen des Getreides seine Befehle gab, kaum

erkannte: »Warum versuchst du nur immer wieder, mir davonzulaufen, da

du mir doch nicht entgehen kannst?«

Nein, sie konnte ihm nicht entgehen, und hier denkt sie nun an ihn und

findet keinen Weg, der von ihm fortführen könnte. --

Rechtsanwalt Bernhard hat sich im Bureau nach Herrn Pohl erkundigt.

Man sagt ihm, daß er im Betrieb gesucht werden müsse, und läßt ihn im

Privatkontor warten.

Dort zieht er seine Akten hervor und überlegt noch einmal die ganze

aussichtslose Angelegenheit.

Seitdem Direktor Becker ihm seine persönlichen Erklärungen gegeben hat,

sieht er erst ein, auf welcher lächerlichen Begründung dieser Prozeß

aufgebaut werden soll.

Wie hier, so hatte er auch bei der Hafengesellschaft lange warten

müssen, bis er von Joachim Becker empfangen wurde. Oh, er ist noch

nicht der begehrte Mann, den man in seinem Anwaltsbureau aufsucht

und unter großen Versprechungen bittet, sich mit dem berühmten

Scharfblick eines Streitfalls anzunehmen. Sein junges Schreibfräulein

wartet auf Arbeit, liest Romane und stichelt an einer Handarbeit

in einer ganz impertinenten Weise. Er hat die sämtlichen Akten des

Falles Hafengesellschaft kontra Pohl abschreiben lassen, aber die

Schreibmaschine ist doch wieder zur Ruhe gekommen, und er muß das

ersehnte Klappern vermissen.

Da ist es etwas anderes im Hause Friemann, wo Joachim Becker die

Geschäfte der Hafengesellschaft besorgt. Auf den langen Korridoren ist

ein Gehen und Kommen, und die jungen Damen mit ihren Schreibblocks und

gespitzten Bleistiften jagen nur so zu den Türen hinein und heraus.

Er wird von betreßten Dienern in ein großes Wartezimmer geleitet, wo

schon etwa ein Dutzend Männer sitzen, die den Hafendirektor sprechen

wollen. Herr Gregor kommt herein, lässig und elegant, und sagt in

seiner gedehnten Art, wobei er immer den Rücken ein wenig beugt:

»Guten Tag, Herr Doktor. Ja, Sie sind vorgemerkt, ich habe die Akten

schon weitergegeben. Aber augenblicklich ist noch eine Konferenz.«

»So, haben ~Sie~ die Akten gehabt?« entfährt es dem Rechtsanwalt,

der glaubte, mit einer ganz persönlichen und diskreten Angelegenheit

betraut zu werden.

»Ja, das liegt alles bei mir«, bemerkt Herr Gregor nicht ohne Betonung,

und er begrüßt einen neu hinzugekommenen Herrn.

»Sie dürften kein Glück haben,« sagt er zu ihm, »denn heute werden

nur die Vorgemerkten empfangen. Der Kalender ist bis unten hin

vollgeschrieben, und Sie stehen nicht mit darauf. Aber Sie können mit

mir sprechen, ich will sehen, was sich machen läßt.«

Dann sucht er sich einen Herrn ganz außer der Reihe heraus und

verschwindet mit ihm in seinem Zimmer.

Dieser Gregor ist dem Rechtsanwalt im höchsten Grade unsympathisch.

Er gebärdet sich vor den Lieferanten, die sich um die Aufträge für

den Hafen bemühen, als wäre er der Direktor selber, und man kann sich

ausrechnen, welche Prozente dabei für ihn abfallen.

Da ist Joachim Becker doch ein anderer Mann, obgleich der Rechtsanwalt

sich auch hier seine eigenen Gedanken macht. Aber wenn man ihm

gegenübertritt, so muß man schließlich doch seiner ganzen Art und

Erscheinung zustimmen.

Nachdem +Dr.+ Bernhard etwa eine Stunde auf den Hafendirektor

gewartet hatte, ist die Reihe auch an ihn gekommen. Herr Gregor

erscheint so eilig, wie es sein Temperament erlaubt, und sagt: »Bitte,

Herr Doktor, nehmen wir gleich diesen Eingang. Der Herr Direktor ist

schon sehr ungeduldig.«

Joachim Becker sitzt an seinem Schreibtisch und telephoniert.

»Bestellen Sie meiner Frau,« hört der Rechtsanwalt, »daß ich heute

nicht zu Tisch kommen kann, und besorgen Sie mir ein paar Brötchen.«

Dann wirft er den Bleistift, mit dem er nervös auf die Platte geklopft

hat, hin und sagt zum Rechtsanwalt: »Bitte. Ja, also hier sind die

Akten. Dieser Prozeß ist für uns von großer Wichtigkeit und muß bald

ausgetragen werden. Die Kosten spielen keine Rolle, aber es ist

nötig, daß die Sache richtig angefaßt wird. Sind Sie über den Gegner

informiert?«

»Nein,« erwidert der Rechtsanwalt, »ich weiß nur so viel, daß es sich

um das Terrain am Verbindungskanal handelt.«

»Ja, dieser Platz war eigentlich für unseren Getreidehafen gedacht. Das

unter uns -- die ganze Angelegenheit ist überhaupt streng diskreter

Natur.« Dabei sieht er den Rechtsanwalt durchdringend an, und auch im

weiteren Verlauf der Unterredung fliegen seine kalten klaren Blicke

blitzschnell auf sein Gegenüber, wenn dieser es am wenigsten erwartet.

Dann führt der Direktor in stichwortartiger Kürze das Weitere aus.

Einmal sagt er: »Ein persönlicher Konflikt, der in keinem Fall in

die Angelegenheit hineingehört, entstand dadurch, daß ich meine

inoffizielle Verlobung mit Fräulein Pohl löste.«

Damit hat er ein für allemal seinen Standpunkt in dieser Hinsicht

klargelegt.

»Und hier ist die Vollmacht, die uns eine Angriffsmöglichkeit bietet.«

Der Rechtsanwalt liest: »Ich erkläre mich bereit, mein Grundstück

zwischen der Föhrbrücke und dem Verbindungskanal für die

Zwecke eines Hafenbaus zur Verfügung zu stellen, wenn mir im

Falle einer privatwirtschaftlichen Verwaltung eine angemessene

Beteiligungsmöglichkeit geboten wird. Für die Vorverhandlungen in

meinem Auftrage bevollmächtige ich Herrn Joachim Becker --«

Noch ehe er zu Ende lesen konnte, erklärt der Direktor weiter: »Dies

Dokument war als Vollmacht gedacht und ist später zurückgezogen worden.

Die vorangehende Erklärung war mitbestimmend für die Bildung des

Konsortiums und hat auch den Magistrat zur Entscheidung veranlaßt. Eine

Beteiligung wurde angeboten, zu Konzessionen sind wir noch bereit. Also

muß die jetzige Weigerung unbedingt angefochten werden.«

»Sollten vielleicht die Voraussetzungen für die Beteiligung inzwischen

--«

»Das ist gleichgültig, das geht uns nichts an.«

»Vom juristischen Standpunkt --«

»Kommen Sie mir nicht mit Formelkram. Beweisen Sie Ihre Tüchtigkeit,

indem Sie im Notfalle eine Ausnahme konstruieren, einen Präzedenzfall

schaffen. Bitte, hier sind die Akten. Herr Gregor steht Ihnen wegen

Ihrer Bevollmächtigung und anderer Einzelheiten jederzeit zur

Verfügung.«

Er klingelt nach dem nächsten Besucher, nicht ohne den Rechtsanwalt

noch mit einem gewinnenden Lächeln einige Schritte geleitet zu haben.

Man war trotz allem in dem Gefühl fortgegangen, einer zwar strengen,

aber im Grunde liebenswürdigen Persönlichkeit begegnet zu sein ...

Nun sitzt der Rechtsanwalt im Bureau des Gegners und erkennt als

einzige aussichtsvolle Möglichkeit einen Vergleich mit den bewilligten

größeren Konzessionen. Er ist keine Kampfnatur und hat wenig Lust, sich

hier hinter Paragraphen und versteckten Fallen zu verschanzen, um mit

List und krummen Wegen zu siegen.

Aber vielleicht wird jetzt ein Angestellter hereinkommen und sagen, daß

Herr Pohl keine Zeit habe oder ihn nicht zu empfangen beabsichtige.

Er sieht in seiner Beklommenheit ein wenig im Raume mit den gelben

Möbeln und den alten Stichen an den Wänden umher.

Das Bild eines Mannes mit tiefliegenden Augen, starken Backenknochen

und einem vollen weichen Kinn über dem Vatermörder ist ohne Zweifel

der Begründer der Mühle; eine auf Holz gemalte Windmühle zeigt den

anfänglichen Besitz. Stahlstiche stellen kleinere Speicher und

Mühlenbetriebe dar, und auf einer Zeichnung, offenbar ein Entwurf des

Bauherrn, sieht man die beiden zweistöckigen Gebäude in ihrer heutigen

Gestalt.

Er bleibt vor einer Photographie stehen, die das Hafenterrain mit der

Kirche, dem Fräuleinstift und einigen kleinen Häusern neben den alten

Linden zeigt, so wie es noch vor einem halben Jahr ausgesehen hat, ehe

das Konsortium kam und alles niederreißen ließ. Nun dringt das Geräusch

der großen Bagger und der Lärm der Arbeiter bis in diesen einsamen

Raum.

Dem Rechtsanwalt erscheint die Wartezeit endlos, er ist sehr nervös,

als der Mühlenbesitzer, in einer grauen Joppe und hohen Stiefeln,

endlich eintritt, die Mütze auf einen Haken neben der Tür hängt und ihn

zum Schreibtisch bittet.

Er läßt sich im runden Sessel nieder und ersucht ihn nur mit einem

Blick aus seinen ruhigen hellen Augen zum Sprechen.

Der Rechtsanwalt redet hastig und viel. Er erkennt, daß es schwerer

ist, vor diesem schweigsamen, reifen Mann zu sprechen, der jeder Pause

mit stummer Aufmerksamkeit begegnet, als vor dem jungen Hafendirektor

das Wenige zu sagen, das dieser in seiner Ungeduld zuläßt.

Als er endlich glaubt, nichts mehr hinzufügen zu können, hat er das

verzweifelte Gefühl, alles verdorben zu haben. Er blickt verlegen auf

die vollen grauen Haare des Mannes, die sich in einer breiten Welle von

der gebräunten Haut abheben, und wartet nun endlich auf eine Antwort.

»Das ist alles recht, was Sie hier sagen. Aber Sie sind nicht ganz im

Bilde. Nehmen Sie an, daß jemand zu Ihnen spricht: ›Sie haben da eine

schöne Tasche, die ich gern kaufen möchte.‹ Und Sie antworten: ›Nein,

verkaufen will ich sie nicht, weil für mich wertvolle persönliche

Erinnerungen damit verknüpft sind; aber weil ich Vertrauen zu Ihnen

habe, können Sie die Tasche gern in Gebrauch nehmen und gleichsam

als Ihr Eigentum betrachten, ebenso wie es das meine bleibt.‹ Der

andere nimmt die Tasche mit und schickt Ihnen am nächsten Tage das

Geld dafür, gut den doppelten Wert. Schließlich läßt er sich sogar

auf Verhandlungen ein und sagt: ›Ein wenig darfst du an der Tasche

teilhaben, wenn du dich diesen und jenen Bedingungen unterwirfst.‹

Sagen Sie einmal, wie würde Ihnen das gefallen?«

Er sieht den Rechtsanwalt lange an. Dieser hat die Absicht, nun

gleichfalls zu schweigen, bis der andere genügend gesprochen hat. Aber

er fühlt sich sehr unbehaglich dabei.

Nach einer endlos scheinenden Pause setzt der Mühlenbesitzer langsam

fort:

»Auf diese einfache Weise nur kann ich das verstehen. Wenn Herr Becker

damals gesagt hätte: Herr Pohl, mit unserem Plan ›klein anfangen und

groß aufhören‹ geht es heutzutage doch nicht. Die schnelle Entwicklung

unseres technischen Zeitalters verlangt imponierende Projekte,

die sofort auszuführen sind. Dazu brauchen wir andere Gelder, die

Beteiligung der Spitzen aller Kreise. Wollen wir es nicht so und

so versuchen? Aber er geht mit meiner Vollmacht umher, verschafft

sich Einfluß durch Einheirat in die Geldkreise, stellt sein Projekt

auf eine andere Basis und läßt dann anfragen: wieviel ist dir mein

Vertrauensbruch wert? Wissen Sie, wie ich darüber denke?«

Der Rechtsanwalt sieht ihn erwartungsvoll, mit einer zagen Hoffnung,

an.

»Schaffen Sie mir erst einen anständigen Menschen zurück. Dann können

wir verhandeln. -- Und nun strengen Sie Ihren Prozeß an.«

Der Hafen(#75396) · 第 26 / 46 题