„Beruhigt Euch, guter, armer Mann,“ sagte der Missionär, „er wird wohl

kommen. In Münsterwald ist er vergessen; das ist der beste Segen für

einen ehrlos Gewordenen: vergessen sein. Wenn es aber plötzlich heißt:

der Sohn des Thürmers ist wieder da, so werden Einige fragen: der alte

Thürmer, hat denn der einen Sohn? Ja, werden Andere sagen, das ist der

Dieb, der Einbrecher beim Wantschel-Moses. Ihr müßt von der Geschichte

damals ja gehört haben. -- Und so wird’s wieder lebendig.“

„Ich will es vom Thurme ausrufen, daß er unschuldig ist,“ sagte der

Thürmer.

„Das ist nicht nöthig. Euer Sohn gehört nicht mehr zu Denen, deren

Glück und Frieden davon abhängt, was die Leute über ihn sagen. Der

Beruf, den er gewählt, giebt Beweis, daß er nicht der Mann ist, der

des Mammons wegen beim Juden einsteigt. -- Valentin hat in einem

katholischen Priesterhause Nordamerikas seine Studien vollendet,

dann stieg er hinab in die ungeheueren Landstriche westlich des

Lorenzostromes, um jenen wilden Völkern menschliche Gesittung zu

verkünden. Wie oft hat ihn das Heimweh angepackt, das Andenken an den

Vater gepeinigt! In den ersten Jahren hat er Euch brieflich seine

Unschuld betheuert, aber es kam die Antwort nicht zurück.“

„Ich weiß von keinem Brief!“ sagte der Thürmer.

„Ihr habt ihn eben nicht erhalten, erst viel später habe ich erfahren,

daß jenes Schiff, welches das Schreiben an Bord hatte, auf hohem Meere

zugrunde gegangen war. So ist es gekommen, daß Ihr von Eurem Sohne

nichts mehr gehört habt. Vierzehn Jahre lang hat Valentin mit seinen

Genossen in Canada gewirkt, bis sie in Entbehrung aller menschlichen

Bedürfnisse fast selbst zu Wilden geworden waren. Ohne Erfolge, nur mit

dem Bewußtsein in der Brust, ihre Pflicht erfüllt zu haben, kehrten

sie zurück und ich schloß mich aus Sehnsucht, mein Vaterland wieder zu

sehen, einer nach Europa abgehenden Missionsgesellschaft an.“

„Wer? Ihr?“ fragte der Thürmer, „ja, waret Ihr denn dabei?“

Da faßte der Priester die beiden Hände des Alten und sagte: „Vater,

wollt Ihr Euren Valentin denn gar nicht mehr erkennen?!“

* * * * *

Am selbigen Christabende soll zu Münsterwald das Ave-Marialäuten so

seltsam geklungen haben. Die Glocken hatten einen überaus hellen Ton,

so daß die Leute sagten: „Es wird das Wetter umschlagen.“ Und als es

eine Viertelstunde fort gegangen war, hoben sie ihre Gesichter gegen

den Thurm und riefen: „Na, hört er denn heute nicht auf zu läuten?“

Der alte Mann läutete und läutete -- vergaß in der Freude auf das

Aufhören. --

Die Missionspriester blieben noch einige Tage in Münsterwald.

Immer größer wurde der Andrang zu ihren Predigten und ihren

Beichtstühlen. Spät Abends noch stieg der Schwarzbart täglich in

den Thurm hinauf. Die Leute meinten, der Pater sei sicherlich ein

Sterngucker und betreibe von den Thurmfenstern aus seine Studien.

Einmal, es war am vorletzten Tage der Mission, kletterte auch

ein Anderer die finstere Stiege empor, der wohl in seinem Leben

nicht gedacht haben mochte, daß er einmal einer gar absonderlichen

Angelegenheit wegen auf den Münsterwalder Kirchthurm sollte steigen

müssen. Es war der Korbflechter Martin aus Grabendorf, welches Dörfchen

als Vorort von Münsterwald gilt. Der hatte heute mit dem Thürmer zu

sprechen. Es ging aber ungelenk, denn der Thürmer war schwerhörig und

der Korbflechter heiser. Es sprach sich ungern aus, was ausgesprochen

werden mußte. Unten durch das Beichtstuhlgitter hatte es sich so

leicht hineinflüstern lassen, denn das wußte der Martin, was man dem

Beichtvater sagt, das sagt man dem Grab. Und darauf rechnete er. Aber

diesmal saß der Schwarzbart drinnen; der war sonst der Gütigste und

jetzt auf einmal der Strengste, der verweigerte dem Beichtenden die

Absolution.

„Zu Dir hat er mich heraufgeschickt, Thürmer,“ berichtete der

Korbflechter Martin, „Dir soll ich es beichten und wenn Du mich

lossprechen könntest, so wollte er es auch thun. Das ist hart für mich!

Es hat mir ja schon lange kein Gut gethan da drinnen, schon lange hätte

ich Dir’s gern anvertraut, aber Du kannst Plaudern, Dir verwehrt’s

Niemand, und dann hetzen mich die Leut’ aus, wie sie den armen

Valentin ausgehetzt haben. Ich will Dir’s sagen, mein lieber Thomas,

Du kannst unchristlich sein und einen armen Familienvater zugrunde

richten, kannst es! freilich kannst es! aber darum wird Dein Sohn doch

nicht mehr zurückkehren; im Himmel wirst ihn sehen, wenn Du mit mir

barmherzig bist!“

„Was weißt Du denn für eine schreckbare Sach’, daß Du einen so großen

Anlauf nimmst?“ fragte der Thürmer.

„Dir mag’s vielleicht nicht schrecklich sein, wenn ich Dir sag’, daß

Dein Valentin dazumal ganz unschuldigerweis’ fortgejagt ist worden?“

„Das sagst +Du+ mir nicht mehr, mein lieber Martin.“

„Weißt +Eins+, ist’s gut; aber das Andere weißt Du doch nicht!“

Jetzt hob sich in der Glockenstube knarrend der Hammer. Der

Korbflechter zuckte zusammen, aber der Thürmer sagte: „Es wird Dich

doch nicht erschrecken, wenn die Uhr schlägt!“

„Oh, seit vielen Jahren kann ich das Uhrschlagen nicht mehr hören,“

versetzte der Martin, „ich fürchte mich vor der letzten Stunde. Ich

sag’ Dir’s, Thomas, das Geheimniß möchte ich nicht mehr länger tragen,

hör’ mir zu: Daß Dein Sohn als Einbrecher ist ausgeschrieen worden, das

kommt von mir!“

„Was ist das?“ rief der Thürmer, „jetzt muß ich aber doch unrecht

verstanden haben. Ach, was man taub wird! Sag’s noch einmal.“

„Ich habe den Valentin in Verdacht gebracht,“ sprach der Korbflechter,

„der jungen Jüdin wegen ist’s hergegangen, der Tochter des Moses wegen.

Die hab’ ich oftmalen aufgesucht, und just das, hab’ ich vermeint,

wird mir der Beichtvater nicht verzeihen mögen. Aber das ist noch

wundersleicht gegangen; wie ich ihm jedoch das letztere habe erzählt

daß ich auf den Thürmerssohn Valentin, der sich auch ein Weniges an die

Jüdin gemacht hat, eifersüchtig bin gewesen, daß ich ihm in derselbigen

Nacht bei dem Judenhäusel aufgepaßt habe und Leut’ zusammengerufen

und ihn abfangen lassen und ausgeschrieen: des Juden Geld hätt’ er

sich holen wollen -- da ist der Beichtvater mit seinem Latein zu End’

gewesen.“

„Du hast gewußt, daß es nicht um’s Geld? -- daß er sich beim Mädel

wollte anmelden? Hast Du das gewußt, Martin? hast Du das?“

„Das hab’ ich freilich gewußt. Und just da ist er mir im Weg gewesen.“

„Martin!“ murmelte der Thürmer, „hättest Du -- wenn Du schon schlecht

hast sein können -- ihn beim Prälaten verklagt: der dürfte die

Liebschaft zwischen dem Theologen und der Jüdin schon verhindert haben.“

„Wer weiß es?“ warf der Martin ein, „höchstens, daß er den Valentin

nicht weiter hätte studiren lassen; da wäre der Valentin in Münsterwald

geblieben und mir erst recht im Weg gestanden. Sie hat ihn lieber

gehabt, als mich. Wie mir’s dazumal ist gewesen, Thomas! -- Heut’

versteh’ ich’s ja selber nimmer, wie der Mensch so sein kann -- aber

wie es mir dazumal gewesen, so hab’ ich mir heilig wahr keinen andern

Rath gewußt, als den: du mußt ihn sicher machen.“

Jetzt drehte sich der alte Thürmer ein wenig, schaute den Korbflechter

an und murmelte: „Wie Du dastehst, noch alleweil hübsch bei Person und

soweit in Ansehen bei den Leuten, wohl, wohl! -- hättest Du vorig’ Jahr

nicht Gemeindevorstand von Grabendorf werden sollen? -- so kennt man

Dir’s bei Gott nicht an, was Du für ein grundschlechter Mensch bist.“

„Mußt nicht so, Thomas, mußt nicht,“ sprach der Andere und hielt

seine Hände bittend zusammen, „denk’ Dir, ich bin verblendet

gewesen in meiner Begier’ und hab’s nicht wissen können, daß mein

Spitzbubenstreich so grob für den Valentin sollt’ ausfallen. Nun, wie

ich gesehen, was angerichtet worden ist, da hab’ ich nicht mehr die

Kurasch gehabt, daß ich’s laut gemacht hätt’: Er wär’ der ehrliche

Mann und ich der Schurk. O, mein Gott, wenn Du wissen könntest,

Thürmer, was ich wegen dieser Geschichte schon ausgehalten hab’! Kein

aufrichtiges Beten und kein ruhiges Schlafen die langen Jahre her,

und so oft ich vom Thurme eine Glocke hab’ gehört, ist’s mir gewesen:

jetzt schreit sein Vater wieder zum gerechten Herrgott auf. Was hab’

ich umhergewurmt, daß ich doch +einmal+ etwas vom Valentin hören

sollt’; ich habe nichts von ihm gehört; Du auch nicht, gelt, und jetzt

weißt, warum ich Dich so oftmals hab’ gefragt, ob Du von Deinem Sohne

nichts mehr hättest vernommen, bis Du mich einmal angefahren, was ich

mich so viel um den Lumpen zu scheren hätt’! Da hab’ ich genug gehabt,

hab’ nicht mehr gefragt -- aber still ist’s in mir nimmer geworden. --

Und jetzt auf einmal, mein Thomas, jetzt ist mir so leicht, daß ich Dir

möcht’ um den Hals fallen, wenn ich nicht müßt’ vor Dir auf’s Knie und

bitten: Verzeih’ mir’s, verzeih’ mir’s!“

Da lag der Mann vor dem Alten auf dem Boden; der Alte ließ ihn nicht

lange liegen.

„Mir selber hat erst vor etlich’ Tagen Einer verziehen,“ sagte der

Thürmer, „so verzeih’ ich Dir auch. Geh’ zu Deinem Beichtvater und

sag’ ihm’s; vielleicht kann er Dich absolviren.“

„Aber jetzt,“ murmelte der Korbflechter, seine Augen waren naß, „jetzt

kommt freilich erst das Schwerste. Du wirst es den Leuten sagen wollen,

wie’s steht; ich kann Dir’s auch nicht verdenken -- Du wirst Deinen

guten Namen und das Andenken Deines Valentin wieder weiß machen wollen,

Du hast ja Recht, und das thät’ Jeder -- aber was wird aus mir armem

Teufel werden, aus meinem Weib und meinen Kindern?“

Der Thürmer schaute in die Glockenkrone auf, in der erst vor Kurzem

wieder das Lied vom heiligen Christ geklungen war und dann nahm er

den Martin an der rechten Hand und sprach: „Sei ohne Sorgen. Wenn ich

gesagt habe, ich verzeihe Dir, so ist Dir verziehen und vergessen. Es

wird keine Rede mehr davon sein. Die alte Zeit ist vorbei, die Leute

haben an der neuen genugsam zu schaffen, so sei Alles begraben.“

„Thomas!“ sagte der Martin, „wie bist denn? -- Als in der heiligen

Nacht diese Glocken gerufen, da haben die Kinder gesagt: Die Engel

thäten läuten! ’s ist +keine+ Mär’, Du +bist+ ein Engel!“

„Laß das sein, mein lieber Martin, was ich Dir versprochen hab’, das

kommt mir leichter an, als Du glauben magst. Geh’ jetzt heim zu Deinen

Kindern!“

„Wirst sehen, Thürmer, was ich noch thu’!“ rief der Korbflechter und

knarrte die Stiege hinab.

Am nächsten Tage stieg der Schwarzbart noch einmal in den Thurm

hinauf, um von seinem Vater wieder Abschied zu nehmen. -- Niemand

sollte wissen, wer sich hier gefunden hatte, Niemand sollte ahnen,

daß in diesem Pater Christof der vor neunzehn Jahren wegen Einbruch

ausgehetzte Valentin stecke.

Und als Vater und Sohn in der Thurmstube noch beisammen saßen und sich

bemühten, etwas Wein zu trinken, der da war, um die Betrübniß des

Abschieds zu mildern, entstand unten auf dem Kirchplatz plötzlich eine

Bewegung, ähnlich der am Himmelfahrtsmorgen vor neunzehn Jahren. Ob das

wahr wäre? riefen die Stimmen. „Wir wollen den Thürmer sehen!“

Bevor dieser noch geholt werden konnte, stürmten sie schon die Stiege

hinan in die kleine Wohnung des alten Thomas.

Die Münsterwalder hatten auf Valentin nicht vergessen, nur aus

Rücksicht für den Alten die Geschichte liegen lassen. Nun war Alles

wieder lebendig, und sie schrieen es dem Alten in’s Ohr, was damals der

Korbflechter Martin gethan habe.

„Wer hat Euch’s erzählt?“ fragte der Thürmer.

„Der Martin selber. O, Gott, der Valentin!“ riefen sie nun, „wie

mag’s dem armen, jungen Mann ergangen sein. Der hat sich gewiß aus

Verzweiflung das Leben genommen!“

„Nein!“ sagte der Pater Christof, „seid Ihr doch wunderliche Leute,

kaum Ihr ihn von +einer+ Schuld freisprecht, klagt Ihr ihn der

andern an. Ein Mord -- und der Selbstmord ist auch einer -- läßt gar

nicht besser, als ein Einbruch. So vertheidige +ich+ den Valentin,

er hat sich nicht umgebracht, er steht vor Euch.“

* * * * *

Stand vor ihnen und ging zur selben Stunde wieder von ihnen fort.

Sein letztes Wort an die Leute von Münsterwald war die Bitte, dem

Korbflechter Martin dieser vergangenen Geschichte wegen nichts

Schlechtes nachzutragen -- das freiwillige Geständniß hätte Alles

gelöscht.

Der alte Thomas blieb auf seinem Thurme und blickte den abziehenden

Priestern nach, so lange er sie sehen konnte.

Und als die Gestalten verschwunden waren, hob er sein feuchtes Auge

gegen Himmel empor. -- Dort soll ja für alle Gerechten und Büßer ein

Wiedersehen und ewige Seligkeit sein.

[Illustration]

Aga.

Das Glöcklein der Dorfkirche klingt hell und freudenreich zu meinem

Fenster herein. Einen Sarg tragen sie zum Kirchhof hinaus und bergen

ihn unter die kalte Erde. In diesem Sarge liegt ein Dienstbote, der

gestern seinen hundertjährigen Geburtstag begangen hätte -- aber

vorgestern ist er gestorben. Der Armenvater hat schon Anstalten

getroffen; das hundertjährige Weiblein hätte gestern eine warme

Bettdecke und ein Glas kräftigen Weines bekommen; der Pfarrer hat

ihr die Ehre erweisen und sie an seinem Arme in die Kirche vor den

Hochaltar begleiten wollen -- da ist sie vorgestern in der ruhsamen

Abendstunde verschieden. Sie wäre die Gaben und die Ehren nicht gewohnt

gewesen, sie hätte sich geschämt bis in’s Herz hinein. Aber der Tag

kam näher und näher; es wurde im Dorfe schon gesprochen davon, und die

Schulkinder flochten einen Kranz aus Lärchenzweigen und Hollunderlaub.

Die alte Aga hätt’ nimmer fliehen mögen, denn ihre Beine sind gewesen

wie morsche Hanfstämme im Spätherbst, die hätten sie nicht weiter

getragen, als eine Schnecke mag kriechen während der Abendröth’. So hat

sie keinen andern Ausweg gewußt und so ist sie verstorben.

Die Ehren sind ihr nicht ausgeblieben; heute hat sie der Pfarrer zu

Grabe begleitet, heute hat sie den Kranz bekommen und die warme Decke.

Den Wein mag sie trinken am Tage der Urständ’, daß sie Muth kriegt, dem

Herrn zu sagen: Ich bin ein armer, ein sehr armer Dienstbot’ gewesen

mein Lebtag lang, jetzt bin ich da und bitt’ um den Himmel!

Zum Glück hat ihr heiliger Schutzengel ihren Lebenslauf in sein

Notizbüchlein geschrieben, und während er jetzt am Grabe steht und

den Stein mit einem Zeichen merkt, daß er ihn mag finden am Tage des

Gerichtes, da jeder Schutzengel sein Schutzkind muß wecken -- guck’ ich

ihm in sein Büchlein, und schreib’ mir flugs heraus den Lebenslauf der

alten Aga.

Ihre Mutter ist ein Weib gewesen, das verstanden hat, aus den Stämmen

des Waldes Kohlen zu brennen für den Schmied im Thale. Ihr Vater ist

ein fröhlicher Jägersmann gewesen im grünen Walde, bis ihn einst drei

Männer, Wildschützen, haben erschlagen. Aga hat Wangen gehabt, so

blühend, wie die kleinen, rothen Blümlein, die in des Waldes Schatten

sind gestanden, und die niemals die Sonne haben gesehen, sondern nur

das Morgenroth zwischen den Stämmen. Aga hat Augen gehabt, so schwarz

und glühend wie die Kohlen, die in des Meilers Gluthenbrust haben

geknistert. Aga hat ein Herzlein gehabt, so lustig und fromm, wie die

Lerche, die über dem Wald mit ihrem Flug in’s Himmelblau den Namen

Gottes hat geschrieben.

Da ist eines Tages aus dem Thale her ein schöner, vornehmer Mann

gekommen, daß er Kohlen besehe und kaufe für die Schmiede seines

Hauses, denn er hat ein großes Landgut gehabt und sich die Pflüge

und Spaten selber geschmiedet. Der hat Aga gesehen. „Willst Du mit,

schönes Kind, in meinen Hof, und mein treues Dienstmägdlein sein?

Vielgutes Silber will ich Dir geben, das glänzt besser, wie die Kohlen

in Deinem Meiler!“ So hat der Mann gesagt, aber: „Was hilft mir des

Silbers vielgutes Glänzen, wenn’s nicht warm macht, wie meine Kohlen.

Ich will bei Mütterlein leben und verbleiben,“ so ist die Antwort

gewesen.

Das hat sich zugetragen zur Zeit des Heidelbeerblühens. Und als darauf

die Beeren gereift und wieder abgefallen waren mitsammt den rothfahlen

Blättchen vom Heidegestrüpp -- da sagte die Mutter: „Sechzehnmal hast

Du die Herbstreife gesehen, Aga; Du bist nun wohl kräftig geworden und

kannst morgen in’s Thal hinausgehen, zu sehen, wie die Leut’ leben

im Sonnenschein, wie sie sich Häuser haben gebaut und inmitten das

Herrgotts-Haus mit hohem Thurm; und daß Du Salz magst kaufen für unsern

Hausbedarf.“

Nichts haben sie benöthigt von der weiten Welt, als das Salz, alles

Andere ist in des Waldes Hängen gewachsen.

Und so band Aga ihren Hanfrock um und ging viele Stunden lang hinaus

gegen das Thal. Da sah sie, wie die Menschen lebten im Sonnenschein

und wie sie sich versammelt hielten um das Herrgotts-Haus zu Hunderten

und zu Hunderten. Es war ja die Kirchweih. Und vom Thurme drangen

Töne nieder, lebendig wie des Himmels Donner und freudenreich, wie

der Waldvöglein Sang. Und aus den Häusern zitterten wunderliche Töne

heraus, wie sie die Menschen zur Lustbarkeit selbst machten mit Pfeifen

und klingenden Fäden. Da wußte Aga ihr Herz nicht zu beruhigen;

sie brach in ein helles Lachen aus, daß der Menschen Menge um sie

zusammenströmte.

Zur selbigen Stunde hatte sich der schöne vornehme Mann, der zur

Heidelbeerblüthe in den Wald war gekommen, zu Aga gesellt, und sagte

ihr Worte so freundlich und liebreich, wie sie solche von der Mutter

daheim niemalen hatte sprechen gehört. Darauf führte er sie in ein

schönes weißes Haus und setzte sich mit ihr an einen Tisch, und darauf

brachten Andere dienstfertig funkelnde, durchsichtige Becher und

schneeweiße Teller mit gebratenem Fleisch und Backwerk in Ueberfluß.

Aga hatte sich kaum zu essen getraut; ein blaues Tüchelchen that sie

hervor: „Und wenn das vornehme Essen da schon mir ist vermeint, so will

ich’s der Mutter heimtragen!“

„Das esse Du selber, Mägdlein,“ sagte darauf der freundliche Mann,

„ich will Dir schon Geld geben, daß Du der Mutter was Anderes kannst

bringen, und bei mir wird Dir nichts fehlen.“ So hat es sich Aga wohl

schmecken lassen, und während sie aß, sagte der Mann zu Anderen, die

nebenhin saßen: „Das wird fürder mein Hirtenmägdlein sein.“

So hat er sie gespeist und getränkt, hat ihr Geld gegeben, hat sie

begleitet bis zur hohlen Buche, wo nach der Leute Reden ein Schatz

liegt verborgen. --

Mitten in der finstern Nacht ist’s gewesen, als Aga die zitternde Hand

an das Faßlich der Thür hat gelegt, die Mutter hat aufgeschreckt und

ihr erzählt von dem freundlichen Mann, der sie gespeist und getränkt

und sie mit wohlsamen Bissen habe versehen zum Heimtragen. Drauf hat

die Frau nicht sonder Harm die Worte gesprochen: „Ist’s redlich gemeint

von dem Mann, so wollen wir itzt beten für ihn!“

Sodann fiel ab das Brombeerlaub, und auf den fettigglänzenden Beeren

lag der ätzende Reif und bald auch der Schnee, und es kamen die Tage,

da sechzehn Stunden hindurch die Nacht lag über dem Wald, und Mutter

und Kind sich fest aneinander mußten schließen, daß Grauen und Sorgen

ihre Herzen nicht mochten erklimmen.

Da zogen eines Tages watend im Schnee, der ihnen ging bis an die

Lenden, zwei Männer heran gegen der Köhlerin halb vergrabene Hütte,

und grüßten mit Anstand und verlangten -- das Mädchen. Da fragte die

Mutter erstaunt, weß Rechtes das sei, ihre Tochter zu heischen. Und da

wiesen die Männer das Recht: sie seien gesandt von dem Manne, der zur

Kirchweih Aga das Angeld und das Leihkaufmahl habe gereicht, durch deß’

Annahme das Mädchen sich gesetzlich verpflichtet habe, dem Manne in

seinem Hofe ein Jahr lang zu dienen.

Wie war da rathlos die Mutter und trostlos die überlistete Tochter.

Doch hätten sie auch dem Gesetz widerstrebt, den kräftigen Männern

vermochten sie nimmer zu trotzen, und fortgeführt wurde Aga von der

Mutter Hütte. Und die Frau blieb zurück im einsamen Wintergrab, und

fuhr mit eisernem Haken dem Meiler in die glühende Brust, und sendete

mit dem schneeweißen Rauch empor zu Gott ihr Gebet für das Kind.

Bigott, man meint, das Mägdlein hätte es nicht übel getroffen. Sie war

Hirtin im großen Gehöfte und konnte der Mutter manch’ nützliche Gabe

senden.

Da der Winter vorbei und die Maßliebchen der Heide ihre weißen

Krönchen aufsetzten, da kam mancher Junge zum schönen Hirtenmädchen

und freite. Aber Aga hatte gegessen und getrunken darauf, daß sie

ihrem Herrn diene ein ganzes Jahr. Sollte aber des holden, ehrsamen

Freiers Lieb’ nicht verdorren in des Sommers Hitz’ und nicht verwelken

in des Herbstes Frost, und nicht erfrieren in des Winters Kälte,

so möchte er wiederkommen zur Weihnachtszeit -- sie wolle bei der

nächsten Kirchweih nicht mehr essen und trinken für ein künftig Jahr.

Aber der schöne, liebreiche Mann, bei dem Aga hat gedient, hat sie

eines Tages -- als schon der Nachtwächter das erstemal gerufen --

gefragt, ob sie nicht die Hausfrau sein wolle in seinem Hofe, da könne

sie ein freundlich Stübchen heizen für die Mutter, die jetzt noch im

kalten, finsteren Wald sei. Da hat sich Aga gedacht, was das für ein

glückliches Kind, das seiner Mutter die alten Tage so liebevoll könnte

versüßen. -- -- --

Darauf hat der Nachtwächter das zweitemal gerufen.

Aga hat zur Kirchweih nicht gegessen und getrunken für ein künftig

Jahr, aber, als hernach die Weihnacht ist gekommen, da hat sich kein

Freiersmann mehr eingefunden, und der Dienstherr hat gesagt: das

Mägdlein könne bei ihm noch eine Weile der Schafe Hut besorgen oder

gehen, wohin es ihm beliebe -- er halte es nicht auf.

So hat Aga ihr Eigenthum in ein Sacktüchlein gebunden, hat einen Stock

in die Hand genommen und ist im Schnee dem Walde zugegangen. Auf der

Kohlstatt ist der Meiler verloschen gewesen, in der Hütte auf dem Stroh

ist die Mutter gelegen -- kalt und starr, mit einem Eistropfen auf der

Wange.

Aga ist gegangen zu einem Kleinhäusler am Waldesrain und hat gefragt,

wie lange sie müsse dienen und arbeiten?

Darauf hat sie der Häusler angesehen vom Fuß bis zum Kopf, und hat die

folgenden Worte gesprochen: „Zehn Jahre lang mußt Du mir arbeiten, daß

Du Dein Kind gebärst unter meinem Dache.“

An einem und demselben Tage ist’s gewesen, da ist die Mutter begraben

und das Kind geboren worden. Dann haben die zehn Jahre gewährt in

langer Noth und Drangsal.

Und als die zehn Jahre vorbei, da ist immer noch gestanden das kleine

rothe Blümlein in des Waldes Schatten, aber Aga ist verblüht gewesen.

Gott bewahre den Dornstrauch, daß der Sturm seine Rosen nicht mög’

entblättern!

Aga ist Dienstmagd gewesen und sie ist Dienstmagd geblieben, geradeaus

siebzig Jahre. Da hat sie das ganze weite Thal wohl dreimal umackert

mit bluteigener Hand und zu jeglicher Kirchweih hat sie sich wieder ein

neues Jahr der Lasten zugetrunken.

Und als ihre Kräfte dahin waren ganz und gar, da hat sie Umschau

gehalten in ihrer Ersparniß. Einen silbernen Zwanziger hat sie zu eigen

gehabt; denselben hat sie einst in ihrer Mutter Hütte gefunden und ihn

als Erbe bewahrt. Was sie sich sonst erworben in Fleiß und Schweiß, das

hat eigene Noth und ihres Kindes Siechthum gefressen. So hat es Aga

erfahren, wie die Leut’ leben im Sonnenschein. Da hat sie wohl sehnend

gedacht der schattigen Heimat, der sie durch Arglist so schmählich

entlockt ward.

Nachdem sie der Gemeinde tausend und tausend Scheffel üppigsten Korns

aus der Erde gegraben, saß sie nun altersverwaist auf des Dorfes grüner

Markung.

Da haben sie die alte Aga in’s Armenhaus verwiesen. Oft ist sie

gesessen auf dem hölzernen Bänklein und hat die halberblindeten

Augen aufgemacht, daß noch einmal der Erde farbiges Licht sollt’

hineingleiten in ihre Seele. Sie hat die milden, sonnigen Tage nicht

belobt; sie hat der trüben, stürmischen Zeit nicht gegrollt. Ihr ist

Alles recht gewesen und sie hat gebetet für die Gemeinde, die ihr das

Gnadenbrot nicht wollte versagen. Wie es mit ihr so gekommen war, das

hatte sie niemals gefragt. Der schöne vornehme Mann, den sie einst zur

Zeit der Heidelbeerenblüthe zum erstenmale hatte gesehen, lag seit

fünfzig Jahren schon nicht mehr in seinem Grabe, in das ein früher Tod

ihn hatte gestürzt. Wer längst begrabener Todten Asche wollt’ suchen:

im Friedhofsgrunde findet er sie nicht mehr. --

So war ein hundertjähriges Leben voll Armuth und Drangsal vergangen,

da nahte der Tag der Ehren. Du guter, wohlthätiger Tod, hast sie

freundlich diesem Hohne der Erde entführt. -- -- --

Der Stein ist gemerkt und der Engel geht hin und zeichnet die

Geschichte dieses armen Erdenkindes in das Buch des Lebens ein.

Und das Glöcklein der Dorfkirche schweigt.

[Illustration]

Drei Stunden vor dem Sterben.

Sie schritten durch den Klosterpark Arm in Arm.

Feierabende: Lustige und finstere Geschichten · 第 28 / 29 段