auseinander, denn es ist ein Naturwäldchen, das gerade noch so viel
Wildheit übrig läßt, um den Spaziergang reizend zu machen. Der Mann
geht fertige Wege niemals mit Lust, er muß sie bahnen können; er will
nichts zu Gnaden, will sich seine Straßen selber schaffen.
Der Andere -- Lorenz -- schürzte sein Ordenskleid, weil es ihm im Gehen
hinderlich sein wollte. Schon setzte er seine ganz weltlich-kleinen
Füße voran, während sein Kopf sich mehrmals nach rückwärts wendete.
Der Guardian war nämlich, was der Guardian sein muß: ein gestrenger
Mann, der es nicht gern sah, wenn zwei Priester seiner Abtei Arm in
Arm gingen -- denn der Orden schreibt Einsamkeit vor; sah es nicht
gern, wenn sich Zwei gegenseitig in’s Gesicht lächelten -- denn der
Orden schreibt Selbstbeschaulichkeit vor; sah es auch nicht gern, wenn
Einer zu tief in den Wald hinausging -- denn der Orden sprach von den
heiligen Mauern. -- Nun, wenn’s Ehrwürden nicht gern sieht, so braucht
er’s eben nicht zu sehen. So dachten die Beiden und schlichen durch die
Büsche.
Es war ein heißer Juni-Nachmittag. Die Klosterglocke schlug drei Uhr.
„In solcher Schwüle kann man nicht arbeiten,“ sagte der eine Priester.
„Nur beten,“ versetzte der Andere.
„Beten? Kannst Du’s jetzt?“
„Beten, wie’s im Buche steht, kann man alle Zeit, wie’s im Herzen
steht, nur selten.“
„Wie hältst denn Du’s mit dem Beten?“
„Für Andere kann ich, wann’s nöthig ist; wüßte auch nicht, warum ich
ihnen nicht zu jeder Stunde Gutes sollt’ wünschen können. Aber für mich
selber beten -- Bruder, das geht mir zu seicht, da möchte ich lieber
Hand anlegen. Ich möchte was bauen, was schaffen.“
„Warum denn nicht?“ versetzte Dominicus, „Gebete sind Bausteine, Worte
sind Werkzeuge; damit hat man das ganze Kloster gebaut. Auch Guardians
werden daraus gemacht. Wir sind noch in den Zwanzigern, Freund; müßte
doch der Teufel ein Ei in die Kutte legen, wenn’s Einer von uns nicht
zur goldenen Kette brächte!“
„Golden, golden -- wenn’s doch immer eine Kette bleibt,“ sagte Lorenz
gedämpft. „Du, Domini, hast ein Klostertemperament, dem man sicherlich
einmal den Prälatenmantel umhängen wird. Bei mir thut sich’s anders.
Mein Vater wollte einen Priester zum Sohne haben, darum soll ich --
Niemanden zum Sohne haben. Du kennst das Häusel am Rain und den jungen
Kopf, der gern zum Fenster ausschaut.... Soll es. Jedermann rühmt das
Stift und seine guten Weine.“
Dominicus sah, daß hier keine Entgegnung vonnöthen war; er hob das
Haupt und blickte gegen die blauenden Felswände auf. Ueber denselben
stand ein Reigen milchweißer, scharfgeränderter Wolken.
„Eine Stadt aus Elfenbein mit Thürmen und Zinnen,“ sagte er, „das
himmlische Zion.“
„Ein mißrathenes Gleichniß, Freund, oder Du mußt leiden, daß morgen,
heute noch, das himmlische Zion vergangen ist.“
„Bruder! Bruder!“ rief Dominicus, „gieb Acht auf Deinen heiligen
Glauben!“
„Komm, Domini, wir wollen zum See hinab.“
„Und Menschen fischen?“
„Will schon trachten, daß Einer im Wasser ist.“
„Wie, Du wolltest --?“
„Baden.“
„Und nicht der Weiber achten, die am Waldrande gern Beeren pflücken? --
Einen Stiftsprediger im See zu sehen, was würden sie dazu sagen?“
„Ich möchte wissen, woran sie den Stiftsgeistlichen erkennen sollen!
Meinst Du, ich bade mich in der Kutte?“
„Lorenz, verzeihe, Du bist heute frivoler, als je,“ bemerkte Dominicus,
machte aber ein Gesicht dazu, dem man es ansah, daß der Vorwurf nicht
abschreckend wirken sollte.
„Steigen wir nur hinab,“ sagte Lorenz, „ich glaube, an der Rothen Wand
ist ja eine Badestelle; laß sie uns aufsuchen. Mir ist heute, als wäre
mir was angethan; ich trage so was Heißes in mir, es jagt mich, es
entzückt mich, es brennt mich. Heute wäre mir kein Roß zu hoch!“
„Vielleicht bist Du vom Teufel besessen!“ sagte der Andere.
„Dann laß’ ich mir ihn einstweilen nicht austreiben, Domini!“ rief er
und schlang seinen Arm um den Gefährten. „Es ist eine Lust auf dieser
Welt!“
„Wenn ich’s redlich will sagen, ich verspür’ auch so was. Es muß heute
in der Luft liegen.“
Sie wandelten fort durch den Wald, sie kamen durch dichtbewachsenen Hag
aus Buchen- und Haselnußsträuchen, und sie wandten sich in das Dickicht
hinein. Sie huschten dahin, schwammen gleichsam im weichen, schattigen
Laub, und Dominicus äußerte: „Helfe mir Gott, aber ein wildes Thier zu
sein, hätte erst auch sein Schönes!“
„Kannst eins werden, wann Du willst,“ antwortete Lorenz.
Sie kletterten hinab und sahen durch das junge Gestämme den Schimmer. --
Sie standen am See, nahe an der Rothen Wand. Ringsum dichtes
Laubgehölze, in welchem jede Knospe lauschend den Finger an den Mund
zu halten schien und kein Blatt sich rührte. An der Wand rieselte eine
Quelle; der See lag dunkelblau in tiefster Ruhe.
Hier standen die zwei jungen Priester und warfen scheue forschende
Blicke um sich. -- Dann begannen sie sich rasch zu entkleiden. Stück
für Stück warfen sie die Ordenskleider in das Gras -- und bald standen
sie auf gut weltlich da. Dominicus war glatt rasirt, weil die Regel
vorschreibt, am Gesichte die Spuren des Mannes auszutilgen. Die Locken
waren kurz geschoren, weil die Regel vorschreibt, dem Teufel auch nicht
Ein Haar zum Anfassen bereit zu halten. Am Scheitel war eine runde
Glatze ausgeschnitten, weil die Regel durch solches weißes Scheibchen
den Heiligenschein andeuten will, der das Haupt verklären soll. --
Lorenz trug fast längere Locken, als die Ordensregel dulden wollte; wie
junge Schlangen ringelten sie sich um die weiße Stirne und gegen den
schlanken Nacken hinab; und er trug schönere und feurigere Augen, als
es zum obligaten Blick gegen Himmel unumgänglich nothwendig ist. Auf
seiner Oberlippe lag der ersten Reife leichter Schatten.
Ueber dem Buchenwalde her klang leise der Ton der Stiftsglocke, welche
vier Uhr schlug. Noch zwei Stunden bis zur Vesper.
Lorenz hob die Hände und rief einem jungen Adler zu, der hoch über dem
See schwebte: „Ich wollte, du flögest jetzt zur Kirchenuhr und hieltest
mit deinen Krallen den Zeiger fest; wie kann ich mir denken, daß mir in
zwei Stunden diese Welt wieder verloren sein soll!“
Dominicus schwieg und ging das sanft fallende Ufer hinab, und das
weiche, kühle Wasser stieg empor an seinem schönen, jugendlichen
Körper. Seine Glieder schimmerten wie Marmor so weiß durch das Wasser,
seine Arme streckte er aus nach der milden Fluth, als drückte er die
Wellen, die er schlug, an sein erwachendes Herz.
Lorenz ging einer tieferen Stelle zu und stürzte sich kopfüber in den
See. -- So verschieden war bei beiden Männern das Erfassen dessen, was
ihnen durch das Verbot zur süßen Sünde gemacht wurde.
Lorenz war verschwunden, der genoß die Lust in ihrem tiefsten Grunde,
verhüllt vom krystallenen Mantel. Dominicus gab sich nur bis zum Halse
hin, sein Haupt stand über der Fläche des Wassers im Sonnenschein. So
versuchte er’s, ob der Mensch nicht zu theilen wäre, das Herz der Erde,
das Haupt dem Himmel.
Nun, der Himmel schien heute mit dem Haupte allein nicht zufrieden zu
sein. -- Die Sonne hat seit einer Stunde einen guten Sprung niederwärts
gemacht, die Wolkenmauern ragten höher, als vorhin, und ein weißlicher
Schleier ging ihnen voraus, in welchen sich die Sonne nun verhüllen
wollte. Sie that’s, wurde glanzlos und sank endlich ganz hinter die
lichtberänderten Wolken. Da lag der Schatten über dem See, der um so
schwerer war, je heller früher der Sonnenschein gewesen. Auch die Luft
war schwer und schwül; im Walde sang kein Vogel, am Ufer hüpfte manch’
verlorenes Heupferdchen ohne Schutzengel herum, so daß es plötzlich im
Wasser zappelte. Am Steinhange bewegte sich das Kraut der Wildfarrn,
tief und schwer Athem schöpfend, träge auf und nieder. Nichts war zu
hören, als dort das Plätschern der Felsenquelle und hier das Gischten
der Schwimmenden. Lorenz war endlich emporgetaucht und von seinen
schwarzen Locken, die in Strähnen über Stirne und Nacken lagen,
rieselte das Wasser.
Am jenseitigen Ufer saß in leichtem Sommerkleide eine Mädchengestalt,
welche ihre Füße im Wasser badete. Die beiden Jünglinge im See wollten
sich wenden und fliehen, aber ein warmer Hauch ging jetzt über den See,
kurze Windstöße begannen auf der Fläche zu graben, das Wasser wurde
wogend und trieb die Priester gegen das Ufer hin, wo jenes Mädchen saß.
Als das Mädchen die beiden Menschenköpfe von der Weite des Sees gegen
sich herangleiten sah, wurde ihm unheimlich. Rasch zog es die Füße aus
dem Wasser und floh in das Dickicht hinein.
Lorenz und Dominicus mußten, von den erregten Fluthen gepeitscht,
an das Ufer springen und sahen sich nun rathlos nach Hüllen um, da
sie ihre Kleider jenseits des Sees gelassen hatten. Dominicus fühlte
heiße Lanzenstiche in seinen Körper dringen, wenn er an zwei Augen
dachte, die, im Gebüsch versteckt, sich nach ihm richten konnten.
Lorenz meinte, es sei auch für sie Beide das Beste, in’s Dickicht zu
schlüpfen, und eilte so, aus Angst, von dem Mädchen gesehen zu werden
-- demselben nach.
Dominicus flocht rasch grünes Laub der Buchen um seinen noch in hellen
Tropfen perlenden Leib und umging den rauschenden See, die Kleider zu
holen.
Sie hörten das Murren nicht im Gewölke, sie sahen die Habichte
nicht, welche über dem See kreisten, sich fast bis in die Nebel
erhoben und deren Gefieder dann und wann wie von einem verlorenen
Sonnenstrahl getroffen schimmerten. Und sie sahen auch den schwarzen,
weißberänderten Schmetterling nicht, der über dem Busche flatterte.
Von der Rothwand wiederhallten die Schläge der fünften Stunde.
Dominicus suchte den Gefährten und konnte ihn lange nicht finden. Als
auch dieser sein priesterliches Gewand wieder angethan, gellte in den
Haselsträuchen ein unterdrückter Schrei, und Lorenz zog den Andern
hastig mit sich fort, um nach der Vesper zurecht in die Kirche zu
kommen.
„Lorenz,“ sagte Dominicus, „Du bist gotteseifriger geworden im See.“
„Ich wünschte es Dir vom Herzen, Bruder,“ entgegnete der Andere, „daß
auch auf Dich der Frieden gekommen wäre, welcher mich nun erquickt. Das
erstemal in meinem Leben, daß ich ihn so empfinde.“
Das Wort hat ein Drittes gehört.
Sie stiegen den Hang empor, sie gingen durch den Wald, in welchem die
Bäume rauschten, sie eilten dem Kloster zu, dessen Kirchthurmspitze wie
ein Degen zum Pariren gegen die Wetterwolken aufstrebte. Leichten und
heiteren Gemüthes waren sie, als sie sich zu den Brüdern gesellten,
welche zerstreut mit Büchern in der Hand im Parke wandelten und sich
nun anschickten, vor dem nahenden Gewitter Obdach zu suchen.
Helles Geläute verkündete die Vesper. Durch die weitläufigen Räume
des Stiftes eilten die Priester im Chorgewand. Dominicus und Lorenz
schritten feierlichen Ganges durch das hohe Portal.
In der großen gothischen Stiftskirche brannten bereits die Kerzen, sie
flackerten, weil der Sturm, der außen toste, auch die weihrauchduftende
Luft innerhalb der Mauern unruhig gemacht hatte. In den Kirchenstühlen
knieten einige Andächtige und beteten bedrängten Herzens um Erhaltung
der Erdfrüchte. Eigennützige Beter sind stets die andächtigsten, und
der Glaube ist vor der Gefahr größer, als nach derselben.
Im Chorraume befanden sich an beiden Seiten der großen, reichverzierten
Orgel, gelehnt an die Mauer, die Bänke der Chorgeistlichen. Ueber
denselben waren zwei Zifferblätter angebracht, die durch lange
Eisenstangen mit dem Uhrwerk hoch im Thurme in Verbindung standen.
Die metallenen Zeiger auf diesen Zifferblättern deuteten noch einige
Minuten vor sechs.
Das Murren und Brausen war mächtig, doch die Orgel übertönte jetzt in
tiefen, feierlichen Klängen das Wettertosen. Nun nahte in doppelter
Reihe das Chorpersonal; es neigte sich gegen den Hochaltar und
vertheilte sich dann in die zwei Bänke an den Wänden. Dominicus war der
Mittlere in der rechten Reihe, Lorenz kniete ihm gerade gegenüber. Die
Augen Beider wechselten einen Blick, in welchem die weltlichen Stunden,
die sie eben verlebt hatten, ausdrucksvoll sich wiederspiegelten. --
Das Glöcklein der Sacristei klingelte, der Prälat, von drei Diakonen
umgeben, in reichem Ornat, trat zum Altare.
Es schlug sechs Uhr. Die Orgel verstummte, der Gesang begann. Erhaben
wie ein Hymnus der Seligen, weich und innig, wie das Ahnen und Sehnen
des menschlichen Herzens, schwer und bang, wie die Klage verlorener
Seelen -- so ertönte das Lied der Priester. Dominicus richtete seinen
Blick zur Höhe; Lorenz senkte sein Auge zu Boden; was Ersterer im
Geiste sah, das weiß man nicht; was Letzterem sich noch einmal
wiederspiegelte, wäre schier zu errathen. Sein Antlitz war geröthet in
Andacht -- in Andacht dessen, was er schaute. Sein Gedächtniß brauchte
nicht weit zu fliegen, was vor diesen eben vergangenen Stunden gewesen
in seinem Leben, daran war nichts zu suchen. --
Große Tropfen und Schloßen schlugen an die Fenster; da -- jählings
war ein wilder Feuerstrom, ein schmetternder Knall -- -- die Mauern
des Gotteshauses schienen gewankt zu haben, die Sänger waren stumm.
Die Blasebälge der Orgel schnauften ächzend aus, die Kerzen waren
verloschen, dichter Qualm erfüllte den Raum. --
„Der Blitz hat eingeschlagen!“ Dieser Ruf ging durch das Kloster. Alle
eilten durch Guß und Hagel der Kirche zu. Mehrere hatten es gesehen,
wie die Flammenzungen niedergezuckt waren auf den hohen Thurm. Die
Leute in der Kirche taumelten halb bewußtlos umher. Man begab sich auf
den Chor; hier lagen die Priester auf dem Boden, in Ohnmacht, nach
Athem ringend. Nur zwei knieten noch auf ihrem Platze und falteten die
Hände und senkten das Haupt. Sie knieten unmittelbar unter den beiden
Zifferblättern, welche die sechste Stunde zeigten. Man rief sie beim
Namen. „Bruder Dominicus!“ „Bruder Lorenz!“ -- Sie bewegten sich nicht.
Man faßte sie an -- jetzt sanken sie zu Boden. Die Silberschließen an
ihren Chorröcken waren geschmolzen.
Zwei junge Leben waren dahin.
* * * * *
Nun fragen wir Alle: Warum?
Während sie das erste- und einzigemal die Hand ausgestreckt hatten nach
dem Ziele junger Herzen, bereitete sich in den Wolken des Himmels schon
die Schlachtkeule, und dann schoß der Funke herab auf den Thurm, fand
seinen Weg die eisernen Stangen entlang zu den Metallzeigern der Uhr
und an diesen senkrecht nieder -- in ihr Leben.
Die fünfte, die siebente Stunde hätte den Blitz vielleicht abgewendet!
-- Was ist über den seltsamen Umstand nicht gesprochen, nicht gedeutelt
worden! Und die Moral dieser Begebenheit? Grübelt keiner nach. Das
Fatum, der Zufall kennt keine Moral.
Die Todten wurden in einem Saale des Klosters aufgebahrt, und die
Zeiger über den Chorstühlen rückten weiter und weiter.
[Illustration]
K. k. Hofbuchdruckerei Carl Fromme in Wien.