Auch in diesen Tagen wurde der Bauer, wie es nach Neujahr immer zu

geschehen pflegte, in das Steueramt beschieden. So traf er heute im

Hofe Anordnungen für morgen, wenn er nach Hallwies gehe.

Crispin lauerte. Ein Gedanke stieg in ihm auf; vielleicht war der

Gedanke nicht mehr so jung, vielleicht war er schon reif. -- Wenn

das da oben der Sündensteg ist, so muß er unter +diesem+ Manne

brechen, er +muß+ brechen. -- Der Bursche nahm eine Handsäge unter

den Wettermantel und eilte damit durch den schneestöbernden Wald gegen

die Natterklamm. Er kletterte an den Hängen hin, kroch unter den Steg

hinein und sägte die beiden Balken von unten mehr als zu zwei Drittel

durch.

„So,“ sagte er, „jetzt bist wieder der Sündensteg und wirst zur rechten

Zeit brechen.“

Dann ging er vergnüglich dem Hofe zu.

Juliana hantirte in der Küche und sättigte das Feuer und bereitete

das Abendmahl. Dabei war sie flink und heiter und sang in die Flammen

hinein. Der finstere, stürmische Alte focht sie gar nicht an; -- sie

läßt’s ihn treiben, wie er’s treibt und thut ihre Obliegenheit. Der

Alte ist eben nicht gescheit und wird schon kindisch. -- Heute saß

er neben ihr auf dem Herd und fettete seine Schuhe für den morgigen

Gang. Er war heute fast wohl gelaunt und mochte das Singen leiden.

Eigentlich mochte er das Mädchen, welches sang, auch leiden; Juliana

war erwachsen, da fiel es dem Steghofer plötzlich ein, er wolle von nun

an anders mit ihr umgehen. Aergeres konnte er diesem trotzigen Buben,

dem Crispin, gar nicht anthun, als wenn er die Juliana heiratete.

„Julchen,“ sagte er und rieb emsig an dem Leder, „das Kochen, das

kannst. Du wärst richtig eine tüchtige Steghoferin.“

„Kann schon sein,“ antwortete das Mädchen.

„Wirst ihn halt zusammenpacken müssen, den Steghofbauern. Was meinst?“

„Ist mir viel zu wüst. Und Soldat ist er auch noch.“

„Wer?“

„Nun, wer denn? Der Crispin.“

Der Alte beugte sich über den Herd, klopfte mit dem Zeigefinger auf die

Brust und flüsterte: „Der Steghofer bin +ich+!“

„Freilich,“ antwortete der Crispin, der auf einmal in der Küche stand

und so hoch war, daß sein Haupt in den Rauch hineinragte. Es war daher

nicht zu sehen, welche Miene er zu seinem „Freilich“ gemacht hatte. Er

hätte auflachen mögen, als er merkte, wie der Alte noch an’s Freien

denke. Aber er hielt sich still, er wußte, der Tod schärfe schon die

Sense.

„Morgen reden wir davon,“ sagte der Steghofer zum Mädchen.

„Morgen wird gutes Wetter sein,“ versetzte Crispin in gleichgiltigem

Tone, „der Schnee ist steinhart gefroren.“

„Ist mir lieb,“ sagte der Alte, „so brauch’ ich keine Schneeleitern

über den Waldsteig.“

„Laß’ mich auch zum Feuer, ich muß mir die Finger wärmen,“ murmelte

der Soldat und drängte sich zwischen dem Mädchen und dem Alten zur

Herdgluth.

In demselben Augenblicke knallte ein Schuß -- gellte ein Schrei --

klingelten die Scherben einer Fensterscheibe zu Boden.

Und in demselben Augenblicke eilte ein Mann vom Fenster weg durch

die Nacht dahin. „Ist eingelöst!“ stöhnte er laut zum funkelnden

Sternenhimmel auf, „das Jurament ist eingelöst!“ Die Schußwaffe

schleuderte er weit von sich und floh in den finstern Wald, ohne Ziel

und ohne Rast, gleich wie Einer, der es weiß, daß er sich trotz Allem

den Herrgott doch zum Feinde gemacht hat.

Franz war es. Er war der Meinung, den alten Steghofer, der auf dem

Herde saß, getödtet zu haben. Er hatte es nicht gesehen, wer von seiner

Kugel getroffen zu Boden gestürzt war.

* * * * *

„Jesus und Maria! Was ist das!“ hatte Juliana ausgerufen. „Der Franz,

der Franz hat geschossen. Der Wachszieher hat hereingeschossen! Ich

hab’ ihn durch’s Fenster gesehen!“

Einen Schrei zum „gerechten Gott“ hatte der Gottesleugner noch

ausgestoßen. Und dann, von Blut übergossen, das aus seiner Brust

emporsprudelte, mit brechender Stimme hatte es Crispin bekannt, was

mit dem Wachszieher verabredet war, und wie dieser nun treulos auf ihn

geschossen habe.

„Mir,“ gurgelte der alte Steghofer, „mir hätte das gegolten?“ Und

dann hastete er hinaus, hinab in den tiefsten Keller, und schloß sich

ein, und betete und zitterte die ganze Nacht vor Mörderhänden und vor

Kälte. Bald hatten sich um den Steghof Leute versammelt; die Einen

legten den todten Crispin auf das lange Brett, die Anderen waren auf,

um den Mörder zu verfolgen. Das Schußgewehr hatten sie bald gefunden,

und man hatte es als das des Wachsziehers erkannt. Sie wollten es

nicht glauben, daß der sanfte, fast blöde und sonst so gottesfürchtige

Bursche diese That verübt haben sollte. Die es aber glaubten und

den Erhebungen zufolge glauben mußten, die fluchten sowohl über die

Scheinheiligkeit des Einen, als über die Glaubenslosigkeit des Andern.

Mit Fackeln durchzogen sie den Wald; eine Menschenspur im Schnee

leitete sie gegen die Natterklamm.

„Sollte er denn nach Hallwies hinausgegangen sein?“ fragen sich die

Leute.

„Ja, ja, der ist auf kürzestem Wege zum Gericht gelaufen, um sich

selbst anzuzeigen,“ gaben sie sich Antwort.

Als sie zur Klamm kamen, zog die Fußspur dem Stege zu -- und der

Steg war eingestürzt. Die Balken niedergebrochen und in den Eis- und

Schneemassen der Tiefen kaum mehr zu sehen. Der Schein der Fackeln

vermochte nicht, in den Abgrund zu dringen. Jenseits der Klamm waren

die Tritte nicht mehr zu spüren.

„Also hier am Sündensteg!“ sagten die Leute.

Still und mit gesenkten Fackeln kehrten sie in ihre Häuser zurück.

Als sie nach zwei Tagen -- es war der siebente Tag nach der

Neujahrsnacht -- den Sarg des Crispin durch den Wald und an den

Felswänden herübertrugen, brauste ein Wettersturm; und als sie den

Crispin begruben, machte es der Caplan mit seiner Einsegnung so kurz

als möglich. Hingegen begann auf dem Heimweg die alte Haushälterin

des Wachsziehers zu erzählen, wie sich der Franz in den letzten

Tagen benommen hätte. -- Gar wie ein Irrsinniger. Beim Tag nichts

gearbeitet, nichts gegessen, alleweil in Büchern geblättert und wie im

Traum herumgegangen, bei der Nacht so laut aus dem Schlafe gesprochen,

daß sie es in ihre Kammer hören konnte, wie er rief: „Fort muß er!

Steghofer, Du mußt fort, ich hab’s meinem Herrgott versprochen!“

Der alte Steghofer war aus seinem Keller kaum mehr hervorzubringen;

der Schreck schien in seinem Gehirn etwas zerstört zu haben, die

Todesfurcht zerriß seinen Organismus. Nach wenigen Wochen starb er.

Juliana war Erbin des Steghofes. Sie konnte sich aber nicht freuen.

In dem darauffolgenden Sommer fanden sie in den Klüften der Natterklamm

die Reste des unglücklichen Franz. Sie wurden im Walde begraben. Einer

von den Fremden, die aus Hallwies gekommen waren, hielt folgende

Grabrede: „Diese einsame Grube und jenes jugendlichen Mannes Grab auf

dem Kirchhofe sind zusammen verbunden. Mörder liegen darin -- Gemordete

liegen darin. Soll ich die Meuchler nennen, denen diese unseligen

Menschen zum Opfer gefallen sind? Die Bigotterie und der Unglauben.“ --

Die Gräber sind verwachsen und verwildert. Der Steghof ist verkauft,

Juliana hat ihr Glück in einer andern Gegend gesucht und gefunden.

Der „Sündensteg“ ist wieder neu gezimmert; die alte Sage ist durch das

Ereigniß aufgefrischt worden; aber Wenige erfreuen sich eines so guten

Gewissens, um furchtlos über den Steg zu wandeln.

[Illustration]

Der Thürmer von Münsterwald.

In der Thurmstube des Stiftes Münsterwald saß ein alter, betrübter Mann.

Die unten wohnten, beneideten ihn um den Fernblick. Was sah er denn?

Die schneebedeckten Dachgiebel des Städtchens und matten Sonnenschein

darauf. Mit der Sonne geht’s scharf abwärts zu dieser winterlichen

Zeit; alle Thäler und Hügel schimmern im Schneeglanz, und es ist doch

wie eine Dämmerung und der Tag ist kaum so lang, daß sich die Leute in

demselben für ihre Abende vorbereiten können.

„Der liebe Herrgott verbrennt viel Sternlein jetzt,“ meint ein armes

Weibchen, das wohl weiß, wie theuer im Winter die Beleuchtung kommt.

Kaum da oben die Sterne angezündet sind, spinnen sich die Menschen

in ihre Häuser ein. Sie verrichten allerlei kleine Arbeiten, singen

Lieder, erzählen Geschichten und der Michel meint: „Heute wär’s draußen

gut Ketten lecken!“ Um Gotteswillen, kleiner Wastelbub’, probir’s

nicht! Dein Zünglein bliebe unselig kleben am Kettenglied, thät’ in der

leidigen Kälte anfrieren auf der Stell’. Mancher ist diesem Bauernspaß

schon auf den Leim gegangen. Da ist das Kartenspiel in der warmen Stube

unterhaltlicher. Im hohen Sommer ginge nach so langer Dunkelheit schon

die Morgenröthe auf; jetzt schlägt der Hammer auf dem Thurm erst die

neunte Abendstunde. Sie gehen zu Bette; Keiner denkt daran: wie wird

sich der Thürmer die Zeit vertreiben? -- Jetzt liegen sie neun Stunden

lang, da weckt sie die Glocke zur Rorate auf. Ueber der Welt noch

immer die stille, schwere Nacht, daß Einem hart wird um’s Herz und der

Gedanke kommt: Wenn’s finster bliebe!

Der Thürmer läutet das Ave-Maria. Süß und hoffnungsreich klingt es hin

über die Menschenwohnungen, bis hinaus, wo die Wälder stehen. Verlange

Dir nicht am Quell’ der heiligen Töne zu stehen, die schmetternden

Hammerschläge zerrissen Dir das Ohr; der Thürmer weiß nicht, wie schön

seine Glocken klingen.

Der einsame Mann leitet den Schein seiner Lampe auf das Buch, in

welchem die uralten Träume der Menschheit aufgeschrieben sind; er sucht

die Sprüche des weisen Salomon, die Psalmen des Sängers David, die

Worte der Propheten. Aber er dringt nur auf die todten Blätter, nicht

tiefer; sein Mund murmelt:

„Die Lust hat uns verbunden,

Die Schuld hat uns getrennt.“

Das stand nicht in der Bibel, das las er aus seiner Vergangenheit.

Er war nicht in der Gegend geboren. Als entfernter Verwandter eines

nun längst heimgegangenen Prälaten von Münsterwald hatte er einst die

Stelle eines Thürmers und Wartes überkommen. Was war dieser Mann einst

lebenslustig gewesen! Aber da hat sich eine Geschichte zugetragen, und

seit dieser Geschichte lebt er wie ein Einsiedler auf seinem Thurm,

bedient von einer Magd, die nichts hört und gern schwätzt.

Jetzt war ein Tag, da mußte der Alte eine Stunde lang mit allen Glocken

läuten. Ein Heil war im Anzug, eine Gnade für Münsterwald. Der Thürmer

zog seelenlos an den Stricken, hörte seelenlos das erzene Knallen der

Töne -- er wußte es wohl: Wenn der Menschenzug, der die Straße heran

dem Münster zuwallt, endlos wäre, wenn sie Alle kämen, die Heil und

Gnaden hätten, oder beladen wären mit Fluch und Schande -- der Eine

wäre doch nicht dabei, den lockt kein Glockenklang von Münsterwald.

„Die Lust hat uns verbunden,

Die Schuld hat uns getrennt.“

In’s Städtchen zogen, von der Bevölkerung der Umgegend begleitet,

drei Missionäre ein. Die Stiftspriester fühlten sich dem weltlichen

Sinne ihrer Sprengel nicht mehr gewachsen; die Leute wollten den

Kanzelsprüchen Jener, mit denen sie kartelten, kegelten und krügelten,

keinen großen Ernst beimessen. Und so hatte das Stift Apostel

herbeigerufen, von denen es hieß, daß sie aus weiten Landen kämen,

unter ihren Mänteln Geißelhiebe freiwilliger Kasteiung und unter ihren

breiten Hüten bereits einen leichten Anflug von Heiligenschein trügen.

Einer von den Fremden war blaß und hager; dem sah man’s an, wie ernst

er es mit Hölle und Teufel nahm; der Zweite, Behäbigere, mochte sich

schon etwas mehr an den Himmel halten, ob der nun in jener oder dieser

Welt zu finden sei. Der Dritte hatte einen langen schwarzen Bart, sein

Gesicht war rauh, sein Auge war herb; er schaute beim Einzug so seltsam

scharf an den Häusern umher, auch zu den Giebeln und Thürmen auf. --

Ammern, Spatzen, Schneemeisen, sonst, lieber Mann, fliegt in dieser

Jahreszeit bei uns nicht viel herum!

Der leise Spott, mit dem die Einziehenden empfangen wurden, verwandelte

sich bald in Lob und Bewunderung. Auch die Leute von Münsterwald waren

aus Fleisch und Blut gebaut, waren empfänglich für das schmetternde

Wort, für die grellen Bilder erhitzter Phantasie, für geheimnißvolle,

auf die Sinne wirkende Zeichen, und sie erlagen daher den merkwürdigen

Experimenten und Demonstrationen der Jesuitenmission gar bald.

Besonders der Schwarzbärtige, der Pater Christof! Wenn der predigte,

da wurde die Kirche zu klein -- und das will in Münsterwald was sagen!

Der Mann predigte ganz anders als seine beiden Genossen, die mit

Allem so übernatürlich thaten und, wie der Kirchweihzauberer, unter

dem Dache Wetter machten und sogar Blitze in die Menge warfen, welche

die Einen brannten, die Anderen blendeten. Der Schwarzbart that nicht

desgleichen, wenn er auf der Kanzel stand, er schrie nicht einmal,

aber es waren Brusttöne, in denen er sprach. Es war etwas Warmherziges

in der rauhen Stimme, es schien immer, als denke er weniger an seine

Worte, als an seine Hörer, und der Mauthner vom untern Thor flüsterte

einmal dem Nachbar zu: „Der predigt fast, wie ein Mensch.“

Der Ruf dieses Predigers drang auch auf den Thurm. In der lieben

Christnacht war’s, als der alte Mann weinte. Da ruft er die Leute zum

Gottesdienst, und er selber hört keine Predigt und keinen Orgelklang,

er muß zu den Fenstern hinausschauen, ob in dieser lichterreichen Nacht

nicht irgendwo ein Unglück auflodere. Wer frägt nach dem alten Thürmer?

Sie vergaßen es längst, was ihm einst widerfahren.

Auf der kleinsten der vier Glocken, die zusammen ein so herrliches

Geläute gaben, daß man weit und breit in den Hügeln und selbst in

den Bergen drinnen vom Musikspiel zu Münsterwald sprach -- auf der

kleinsten dieser Glocken stand mit Kreide geschrieben der Name

„Valentin“. Es war längst schon Staub darüber, aber der Thürmer

wischte ihn an dieser Stelle nicht weg, aus Furcht, die Buchstaben

zu verletzen. Wie oft hatte er seit jenem längstvergangenen Tage, da

das Söhnlein von der Schule heimkehrend mit der Kreide auf dem grauen

Metall seine neue Kunst erprobte, diese Glocke geläutet! Der Name

Valentin schwang und klang mit, wenn die Glocke ein Brautpaar zum

Hochzeitsamte rief und er schwang und klang mit, wenn der Glockenton

eine Bahre hinausbegleitete zu ihrem Grabe. Ihn hat wohl weder zum

Einen noch zum Andern ein christlich Geläute geführt! -- Da ist ein

junges Menschenleben vergangen und verloren. Durch wessen Schuld? -- Zu

Allerseelen macht der Thürmer stets um einundzwanzig Züge mehr an der

Glocke, als die Ordnung war, denn einundzwanzig Jahre zählte Valentin.

Nun stand der Alte da und schaute den Namen aus Kreide an -- und das

war sein Weihnachtsfest.

Am nächsten Frühmorgen stieg er hinab in die Kirche und sah den

bärtigen Missionär, den Pater Christof, als dieser seine Messe las.

Er sah sein Gesicht und dachte: „Zu dem hätte ich Vertrauen; wollte

mich gern einmal aussprechen. Mit jedem Glockenzug schreie ich’s in

die Welt, wie mir ist, aber sie verstehen anders.“ So ging er nach

der Messe in die Sacristei. Als ihn der Priester sah, stolperte

derselbe und fiel dem Alten fast in den Arm. Das war diesem ein

gutes Vorbedeuten und er trug dem Missionär seine Bitte vor. Von

den Predigten könne er nichts gewinnen, weil er als Thürmer soviel

schwerhörig geworden sei, so möchte er zum Beichtstuhl kommen.

Der Schwarzbart stand da, wie eine Bildsäule, so ernst, dann sagte er:

„Wenn Ihr schwerhörig seid, so ist der Beichtstuhl nicht der rechte

Ort. Wenn es recht ist, so will ich Euch in Eurer Stube besuchen.“

Da wurden dem Thürmer die Augen naß und er sagte: „Ja, der hochwürdige

Herr ist wohl ein guter Hirt, der die Sünder aufsucht, aber ich komme

schon selber zu Ihm, wenn’s verstattet ist?“

„So kommt Nachmittag, wenn Ihr gespeist und Euch ausgeruht habt, in den

Pfarrhof.“

Als der Alte in seinen Thurm hinaufstieg, murmelte er: „So wie

+Der+ kunnt er jetzt sein. Was wäre das für mich ein schönes Leben

und Sterben, Du heiliger Gott!“ --

Und Nachmittag, als zur Vesper geläutet war und die lichterstrahlende

Kirche sich mit Menschen und Leuten (das ist auch in Münsterwald

zweierlei) gefüllt hatte, saßen die beiden Männer im abgelegenen

Zimmer. Der Priester spielte mit einem schwarzen Kreuze, das ihm über

der Brust hing und hörte dem Thürmer zu. Der Thürmer sagte: „Ich habe

mir’s überlegt, hochwürdiger Herr, beichten will ich jetzt nicht.

Ich fürchte mich allzuviel, daß ich nicht kunnt absolvirt werden.

Ich bin kein armer Sünder, wie die Anderen, die jetzt in der Kirche

dutzendweise vor dem Beichtstuhl stehen; ich sag’s gleich, ich habe

mein Kind umgebracht.“

Der Priester sprang auf; aber gelassener setzte er sich wieder auf

seinen Platz -- und schwieg.

„Darf ich jetzt anfangen?“ fragte der Thürmer.

„Erzählt, erzählt, was Euch drückt. Ich sage Euch im Voraus, Gott ist

gütig.“ So der Priester und that, als wollte er die Hand des Alten

erfassen.

„Mir war er’s nicht, mein geweihter Mann,“ sprach der Thürmer, „so

schreckbar ist es, sein liebes, bluteigenes Kind verfluchen zu müssen.

Ach, das Neugeborne schon ist eine Sünde gewesen -- aber eine Sünde,

Pater, wie deren auch die Leute in der Kirche d’rüben zu beichten

haben. Die Mutter starb, dem Kleinen sang ich’s an der Wiege: Die Lust

hat uns verbunden! -- Als er größer wurde, hatte mein Valentin Schick

für’s Lernen, haben ihn die geistlichen Herren auch zum Ministranten

gern gehabt und ist dem Herrn Prälaten der Gedanke gekommen: Wollen

einen Priester aus ihm machen. Hätt’ dazu wohl taugen mögen; Altar und

Predigtstuhl, das ist fort sein Treiben gewesen. Und hat doch nicht

dazu getaugt. O Herr, so ein gottverlassener Mensch, wenn +der+

Priester worden wär’! Ein Dieb, der Bursch. Ja, nicht wahr, da fahren

jetzt der geistliche Herr in die Höh’! -- Hat +brav+ studirt, der

Herr Prälat hat Alles für ihn gethan und bezahlt. -- Wie er in seinem

einundzwanzigsten Jahr von der achten Schul’ auf Vacanzen heimkommt und

uns das Semesterzeugniß hat gewiesen, hab’ ich vermeint, ich müßt’ in

die Wolken fahren vor lauter Freud’! Ist der Erste gewesen in seinem

Jahrgang! Und was bei ihm selber für eine Lust war. Wie ein junger

Hirsch springt er Euch in der Gegend um, und vom Kirchthurmfenster aus

hat er mir einmal einen Jauchzer gethan in die Stadt hinab, daß die

Leute gar gesagt haben: Wenn +solche+ Kirchenglocken läuten, da

wollten sie auch wieder fromm werden. Unser Herr Prälat hat’s zum Glück

nicht gehört; das war ein strenger Mann! Und ich für meinen Theil hab’

vermeint, die Jugend müßt’ sich ausjauchzen, und schon gar, wenn der

Mensch später einzig nur mehr beten und beten soll. Daß auf Vacanzen

die Ersparniß zu wenig wird, mag auch dem Valentin passirt sein,

gleichwohl er mir niemals davon was hat merken lassen. Auf einmal in

der Morgenfrüh, ich weiß es noch, als wie wenn es gestern wär’ gewesen,

der Maria-Himmelfahrtstag war’s -- werde ich eilends von meinem Thurm

gerufen, auf den Kirchplatz hinab, und da ist ein Leuthaufen beisammen

und mitten drin haben sie -- mit einem Strick die Hände gebunden --

meinen Valentin. Beim untern Thor hat dazumal der Wanschel-Moses, wie

wir ihn geheißen haben, sein Häuslein gehabt. ’s ging das Gered’, daß

der Moses viel Geld hätt’ besessen und nur deswegen in Münsterwald

geduldet gewesen, weil ihm allerlei Leute schuldig waren. Bei diesem

Juden hat der gottvermaledeite Theologus einbrechen wollen. O frommer,

geistlicher Mann! Was +das+ ist, wenn Einem das eigene Kind auf

einmal als Dieb und Räuber vorgeführt wird! Was +das+ ist! Tausend

Jahr’ lieber im höllischen Feuer brennen, als das erleben! -- Nichts

weniger als Solches hätt’ ich an meinem Sohn vermuthen mögen; ein

Starrkopf ist er oft gewesen, und jähzornig, wie ich jähzornig bin,

sonst war er brav. Und jetzt auf einmal +das+! -- Daß mich der

Schlag nicht hat getroffen am selbigen Himmelfahrtstag! Getroffen hat

er mich freilich, nur allzuböse, geistlicher Herr, nur allzuböse! --

Geleugnet hat er’s, der Schandbub’, wo sie ihn doch im Fenster haben

gefangen. Geleugnet hat er’s, wo doch aller Beweis ist dagelegen,

daß es nicht anders gewesen sein kann. Daß ein lustiger Student Geld

braucht, ist nichts Neues, aber daß er deswegen dem Juden zum Fenster

hineinsteigen muß, wird der Pater noch nicht gehört haben. Der Prälat

hat’s auch niemalen gehört und hat nichts zum ganzen Handel gesagt, als

wie: Wenn der junge Mann beim Juden Geld sucht, so braucht er vom Stift

kein’s. -- Und aus ist’s gewesen. Alles hat ihn verhetzt: Dieb! Dieb!

Sonst hat man nichts gehört auf dem ganzen Platz. Der Valentin hat bei

mir wollen Schutz suchen. -- Einbrecher! schrei’ ich voll Schand’ und

Zorn mir kommst nimmer vor die Augen! Und stoß’ ihn mit der Faust

zurück. -- Jetzt haben sie ihn geschlagen und gerissen, haben ihn aus

der Stadt gehetzt, die staubige Straßen fort -- und seit dieser Stund’

hab’ ich meinen Sohn nimmermehr gesehen.“

Der Priester legte seine Hand auf die zitternden Arme des Alten; er

zitterte selbst. Der Thürmer fuhr fort: „Der Zorn ist freilich wohl

bald vergangen, aber da ist die Reue gekommen, und die ist noch viel

fürchterlicher. O, sagt mir doch: Wenn ihn Gott selber verlassen hat,

ist es denn unrecht, wenn ihn auch der Vater verläßt?“

„Das himmlische Gesetz, wie das irdische, sprechen den Vater frei,

sein Kind zu richten,“ sagte der Missionär. „Und gesetzt, Ihr wäret

der Richter Eures Valentin gewesen, hättet Ihr nicht die Thatsache

auf das strengste untersuchen müssen, bevor Ihr ein Wort in sein Herz

geschleudert, das alle Kindesliebe im Augenblick vernichten mußte? Ihr

habt nichts untersucht, Ihr habt nicht an’s Kind gedacht; die Schande,

die Ihr auf +Euer+ Haupt fallen sahet, der leidige Zorn war’s,

weswegen Ihr Euren Sohn verstoßen habt. Valentin ist an dem Verbrechen

unschuldig gewesen!“

„Jesus Maria!“ rief der Thürmer und rang die Hände -- aus Verzweiflung

-- aus Glückseligkeit? Dann setzte er mit starrem Blicke bei:

„Wie wißt Ihr denn das?“

„Könnt Ihr Euch an den Juden Moses noch erinnern?“

„Er ist bald darauf aus der Gegend gezogen. Ich weiß nur, daß er so

häßlich als geizig gewesen ist.“

„Häßliche Juden haben oft hübsche Töchter,“ sagte der Geistliche;

„sollte der Moses keine solche gehabt haben?“

„Ja, ’s ist schon recht, er hat eine gehabt, derentwegen hat er ja fort

müssen, weil sie die Burschen von ganz Münsterwald verhext haben soll.“

„Und könnte sie Euren Valentin nicht auch verhext haben?“

Der Alte horchte auf.

„Könnte er nicht in die Kammer der jungen Jüdin haben steigen wollen?“

„Heiliger Gott!“ rief der Thürmer, „Ihr sagt es doch, warum hätte er

das selber nicht gesagt?“

„Meint Ihr, daß Euer Sohn nicht so albern gewesen sein könnte, aus

Furcht vor dem Prälaten und der Entziehung der nöthigen Gnaden den

Besuch bei der Jüdin zu verschweigen?“

„Nein, nein,“ sagte der Alte, „solcher Dinge wegen, so wichtig sie für

meinen Sohn waren, opfert man den ehrlichen Namen nicht.“

„Oder meint Ihr nicht, daß Euer Sohn so ritterlich sein konnte, die

Ehre des Mädchens mit seiner eigenen zu erkaufen?“

„Was sagt Ihr da?“ fuhr jetzt der Thürmer wie aus einem Traume

erwachend empor, „seid Ihr, Mann Gottes, seid Ihr allwissend? Ja, ja,

so war’s, so mußte es gewesen sein, nicht anders! O, ich unseliger

Mensch, daß mir erst jetzt ein Licht aufgeht!“

Dann schrie er zornig auf: „Und warum hat er mir’s nicht vertraut? Sag’

mir Einer, warum hat er es seinem Vater nicht vertraut?“

„Hat er nicht zu Euch flüchten wollen? Ihr habt sein Herz getroffen.

Ein vom Vater als Dieb und Einbrecher verschrieener Sohn kann nicht

mehr zurückkehren.“

„Ich bitt’ Euch, habt Erbarmen und martert mich nicht zu Tode. Um

Gotteswillen sagt, wo habt Ihr ihn gesehen? Lebt er? Wo ist er? Ich

such’ ihn auf, ich muß meinen Valentin wiedersehen.“

„Er ging über das Meer. Es war Trotz in ihm. Er hat sich dazumal

vorgenommen, nicht eher in seine Heimat zurückzukehren, als bis seine

Ehre wieder hergestellt ist und sein Vater das Wort zurückgenommen hat.

Käme er heute, nach neunzehn Jahren, was meint Ihr? Er würde noch zu

früh kommen.“

„Kommen, kommen soll er, ehe ich alter Mann von dieser Welt fort muß!

Ich bin von seiner Unschuld nun auf einmal überzeugt, o Gott, erst

heute! erst heute! Ja, die Jüdin, es kann nicht anders sein. Kommen

soll er, sehen will ich mein Kind wieder.“

Feierabende: Lustige und finstere Geschichten · 第 27 / 29 段