auf mein Landgut zurück. Das geschwätzige Zeitungsblatt, welches
gleichzeitig mit mir zu Hause anlangte, vernichtete ich, ehe es meiner
Gattin zu Gesicht kam. Und jetzt bewachte ich meine gute Hausfrau, daß
kein fremder Schritt und keine fremde Zunge in’s Haus drang, um ihr
das schwere Unglück laut zu machen. Ich hätte gern meine Qual an ihrem
trauten Herzen ausgeweint -- aber ich wagte es nicht, in ihr zartes,
reines Gemüth die ganze Fülle des Jammers zu gießen. Allstündlich
blickte sie zum Fenster aus, hoffend, das Nahen ihres einzigen Kindes
zu sehen. Mich hat sie mit schwermuthsvollen Augen oft angeblickt; --
aber kein Wort der Klage und der Hoffnung hat sie mir gesprochen. Und
ihre Haare begannen rasch zu bleichen.
Da habe ich mich wohl oft zurückgezogen in den einsamsten Ort unseres
Gehöftes und habe bitterlich geweint. Geweint über das liebe verlorene
Kind; geweint über die unendliche Pein, die ein irrendes Kind dem
Elternherzen bereiten mag....
* * * * *
Nach mehreren Monaten erhielten wir folgendes Schreiben aus der
Hauptstadt:
„Liebste, allerliebste Eltern!
Sie haben mich aus der Anstalt entlassen und behaupten, ich wäre
geheilt. Ich weiß nicht, wovon. Da ich leben muß, so will ich zu
leben neu anfangen und in einem neuen Lande. Den Heimatsboden kann
ich nicht mehr betreten. Meine Eltern, ich flehe Euch an, kommet
auf einen Tag zu mir in die Stadt. Mein Vater, meine Mutter, es
sehnt sich Euch zu sehen Euer Sohn
Alfred.“
Und als ich nun meinem Weibe Alles mittheilen wollte, sagte sie leise,
sie habe ja längst Alles gewußt.
Wir haben ihn aufgesucht, er war völlig stumpfsinnig, aber unter einem
heißen Thränenstrom hat er um Verzeihung gefleht für die Kümmerniß, die
er uns angethan.
Gott weiß es -- wir haben ihm verziehen.
Ferner bat uns Alfred, wenn wir noch einige Liebe gegen ihn haben
könnten, um dieser Liebe willen ein jüngeres, noch nicht erwachsenes
Schwesterchen der armen Rosa erziehen zu lassen oder selbst zu
erziehen. -- Wir haben ihm auch diese Bitte gewährt; es ist gewiß sein
Gewissen dadurch erleichtert worden.
Dann hat unser einziger Sohn von uns Abschied genommen und wir sind
allein mit unseren grauen Haaren heimgekehrt in das stille Landhaus.
Das kleine Mädchen des Gerichtsschreibers haben wir als unser Kind
angenommen. Wir hegen und pflegen dieses Kind mit dem ernstesten
Streben, es vor Leichtsinn zu wahren, es vor allen Leidenschaften
des Herzens zu hüten und eine echte, schöne Frauenseele in ihm
heranzubilden.
Es ist unser einziges Kind.
Alfred war in’s Ausland gezogen. Bei einer Flußregulirung hatte er
Arbeit gefunden. Nicht lange darnach war er bei einem Floßunglück,
wobei er zwei Menschenleben rettete, zugrunde gegangen.
[Illustration]
Der Sündensteg.
„Du Kleiner, dort! Den Crispin mein’ ich.“
Der Katechet rief’s, der kleine Crispin erhob sich.
„Du bist ein braver Bub’, geh’, sag’ mir einmal: was ist die Todsünde?“
„Die Todsünde ist eine schwere Uebertretung des göttlichen Gesetzes.“
„Und was bewirkt sie?“
„Durch die Todsünde wird die Seele des geistigen Lebens, das ist der
heiligmachenden Gnade Gottes beraubt, und der Sünder wird des ewigen
Todes schuldig.“
„Schön!“ sagte der Katechet, „das geht, wie das Vaterunser. Komm’,
Crispinus, hol’ Dir Deinen Fleißzettel. Ich weiß, Du kannst mir auch
die sieben Hauptsünden, die vier himmelschreienden und die neun fremden
--“
„Alle kann ich, Herr Katechet.“
„Recht brav. Nun merket es wohl, meine lieben Kinder: wer in der Gnade
Gottes stirbt, der kommt in den Himmel, und wer in der Todsünde stirbt,
der fährt in die --“
„Hölle!“ ergänzen die Kinder.
Etliche sind dabei, die nehmen sich vor, in der Gnade zu sterben, denn
in die Hölle kommen mögen sie nicht. Und der Crispin schon gar nicht,
der kennt das Feuer von seiner Mutter Kochherd, und den Teufel vom
Herrn Katecheten; deswegen der Crispin schon gar nicht.
Das Julchen sitzt ebenfalls in der Schulbank, das reckt zwei Finger
empor.
„Ja, Juliana, kannst Du auch was?“
Das Mädchen erhebt sich und sagt: „Meine Mutter, die meint halt, wer
mit dem lieben Gott gut ist, der braucht sich vor dem -- vor dem --“
„Teufel --“
„Nicht zu fürchten.“
Das Mädchen spricht lieber von Gott, als vom -- Andern. --
So in der Schulbank. Und später? Später begiebt sich eine grauenhafte
Geschichte.
Die klein waren, wurden groß. Der Crispin besonders groß und stark. Er
hat eine gute Erziehung genossen, das sieht man schon von weitem. Er
kann ein „Betbüchel“ brauchen, und den Katechismus weiß er auswendig.
-- Was Gott erschaffen, das ist gut und wünschenswerth, sagt er; und
das Weibervolk hat auch Gott erschaffen. Und giebt es schon närrisch
ein sechstes Gebot, so giebt es auch ein Sakrament der Buße, und im
Himmel ist mehr Freude über einen Sünder, der Buße thut, als wie --
kurz, er hat was gelernt.
Dem Julchen, das ja ebenfalls groß und schön und auch gut geworden war,
erzählte er eines Tages unter dem Hollunderstrauch die Geschichte von
der Magdalena.
„Geh’,“ gab ihm das Mädchen zur Antwort, „schlecht werden und dann
wieder brav werden? Da bleibt Eins doch lieber vom Anfang weg brav.“
Und lief davon.
Unterwegs begegnete ihr Franz, der junge Wachszieher. Mit dem schwätzte
sie schon länger. Der war fein, pflückte ein Vergißmeinnicht ab,
steckte ihr’s an den Busen: „Sollst auf mich denken.“
„Wesweg’?“
„Schau’, weil ich Dich gern hab’; glaubst mir’s, oder nicht, zum
Fressen gern.“
„Das kunnt Jeder sagen.“
„Freilich, sagen kann’s Jeder; und wenn Du bei mir im Zweifel bist, so
kommt’s nur auf’s Probiren an.“
„Probiren thun die Frötter, geräth’s, so thun sie’s öfter.“
„Bei so einer ernsthaften Sach’ kunnt’st auch gescheiter reden,
Juliana. Gottswahr, ich hab’ Dich gern! Schau’, ich heb’ meinen Finger
gegen Himmel.“
„Jesses, Franz, was hebst denn an!“ schrie das Mädchen erschrocken und
drückte ihm den gehobenen Arm niederwärts. „Jetzt will er Gott anrufen
zu einer Sünd’!“
„Dich lieb haben, ist denn das eine Sünd’?“
„Zwischen uns Zwei’n wohl, weil ich weiß, wie Du’s meinst.“
„Wie mein’ ich’s denn, möcht’ ich wissen! Heiraten will ich Dich.“
„Na, eben d’rum. Und das thät’ die Sünd’ sein. Ich hab’ nichts, und ich
denk’, Du hast auch nicht viel mehr. Auf den Bettelstab heiraten!“
„Ich hab’ mein Handwerk gelernt und weiß von keinem Bettelstab.“
„Wie der Will! Aber kein Jurament leg’ mir nicht ab, wo Du noch nicht
weißt, was Du halten kannst. Magst ja sagen, was Du willst, nur den
Herrgott mach’ Dir nicht zum Feind!“
„Wär’ doch kein rechtes Jurament gewesen,“ meinte der Bursche, „dazu
gehören Kerzenlichter und ein Crucifix.“
„Freilich, die Kerzenlichter sind dem Wachszieher allemal das
Wichtigste. Ich bin halt anderer Meinung: Ein Wort gehört dazu und ein
Crucifix. Das Crucifix, mußt wissen, Franz, das hast nicht weit zu
suchen. Dort steht ein Tannenbaum, schau’ ihn an, er steht schnurgerad’
zum Himmel auf und reckt die Arm’ kreuzweis auseinander. Willst noch
ein Licht dazu, dort brennt schon ein Sternlein am Firmament.“
„Dirndl, Du bist aber schon gar!“
„Hast mich gleich gern, Du herzensguter Bub’, so rufe desweg’ nicht
Gott an; er hört es schnell und schreibt Dein Wort ’leicht mit dem
Blitzstrahl an’s Firmament. Wer löscht es aus?“
„Stehen soll’s bleiben!“
„Ja, wenn der Mensch allemal Herr wär’ über sich selber! Ihr Mannsleut’
seid es am wenigsten. -- Franz, nur den Herrgott mach’ Dir nicht zum
Feind!“
Nach einem Weilchen entgegnete der Bursche: „Bringst es denn über’s
Herz, Juliana, daß Du mich so in den Erdboden hinein predigen kannst?“
„Du wachst mir schon wieder heraus!“ lachte das Mädchen. „Mach’ nur
kein so hantiges Gesicht. Geh’, gieb mir die Hand! -- So. Bist halt
doch mein lieber Narr. Behüt’ Dich Gott! Und jetzt geh’ heim.“
Dann gingen sie auseinander.
* * * * *
Als Julchen auf ihren Hof zurückkam, hob wieder Einer den Arm,
aber nicht zum Jurament, sondern zum Schlage. Der Bauer war’s, der
Steghofer, bei dem das Mädchen diente. Sie war ein Viertelstündchen
über die Zeit ausgeblieben.
Der Steghofer -- die Leute kannten ihn ja und wissen es noch heute
recht gut wie er’s trieb -- war ein roher, jähzorniger Mensch; das
hat selbst Crispin, das einzige Kind des Hauses, erfahren. Der
Himmel hatte dem Manne die größte Gnade versagt; Crispin war nur ein
„angenommenes“, ein Stiefkind. Indeß war es allbekannt, daß Crispin der
eigentliche Herr des Hofes sei, daß er nach Verzichtleistung oder nach
dem Ableben des Alten die Wirthschaft ganz und gar übernehmen werde.
Wenn der Bursche trotzdem von dem Steghofer behandelt wurde, wie der
niedrigste und verhaßteste Knecht, so lag die Ursache dafür einzig
nur in der zuwideren Wildheit des Bauers, der stets was zu verfluchen
und zu prügeln haben mußte. Die Mutter war todt. Leser, in dieser
einen Nachricht hast Du den Ursprung zu suchen des Schrecklichen, das
geschehen wird.
Die Mutter war todt. Die Güte und die Liebe war aus dem Hause getragen,
die stets Schlichtende, Versöhnende, willig Duldende war aus dem Hause
getragen, noch ehe der Knabe ihren fraulichen Einfluß auf ihn erfahren
hatte. Die Willkür, die Leidenschaftlichkeit und Rohheit seines
Stiefvaters war sein Elend und sein Vorbild geworden. Aber schlauer
war der Junge, als wie der Alte. Er wußte, was der Alte wollte -- der
Alte wollte viel! Er sah, was der Alte erreichte -- der Alte erreichte
nichts. Mit Poltern und Schlagen geht es also nicht; man muß es daher
viel feiner machen....
Der Alte verfluchte den Jungen laut; dieser jenen still. Letzteres ist
gefährlich. Anfangs vertraute Crispin seine Bitterkeit dem Julchen.
Dieses sagte, zu ändern wäre es nicht, so solle er darin seinen Mann
zeigen, daß er gelassen ertrage, was zu ertragen sei.
„Auch die Prügel?“
„Die halte Dir vom Hals, aber gieb sie nicht zurück; Crispin, nur das
nicht. Dieselbe Hand, die den Vater, die Mutter schlägt, hat Gott in
Ewigkeit gegen sich.“
„Du hast recht, Julchen, schlagen werde ich nicht.“
Die Jahre waren da und der Crispin wurde Soldat. Draußen in der Welt
giebt es viel zu sehen und zu hören, und Menschen aller Gattungen
laufen durcheinander und sagen ihre Gedanken, ihre Gesinnungen.
„Luderleben genießen!“ schreit der Eine, „im Himmel giebt’s lauter
Betschwestern, da mag ich nicht sein, in der Höll’ finde ich alle
lustigen Kameraden wieder.“
„Himmel! Hölle!“ ruft ein Anderer, „lauter Geschwätz. Hin ist hin.“
Was nützt’s, wenn ein Dritter predigt: „Auf Himmel und Hölle bauen
nur gemeine, selbstsüchtige Creaturen. Das Gute ist gut, auch wenn es
keinen Lohn findet; seiner -- des Guten selbst willen -- wird der echte
und edle Mensch dasselbe üben, und seinen Lohn nur in dem Bewußtsein
suchen, Gutes gethan zu haben.“
Gut gemeint vom Dritten auf jeden Fall. Aber was nützt’s einem Menschen
wie dem Crispin?
Der Crispin, als er das gehört hatte -- bei einer Feierlichkeit, vom
Festredner war es gesagt worden, die Militärbande hatte hierauf Musik
gemacht, der Crispin das Clarinett geblasen -- der Crispin also dachte
und blies es in sein Instrument hinein: „Schau’, da hat’s wieder Einer
gesagt, das man sich herausnehmen kann: es giebt nichts auf der andern
Seiten. Ist schon recht, weiß ich, was ich auf +dieser+ zu thun
hab’.“
Jetzt trifft die Nachricht ein, der Steghofer sei schwer erkrankt. Vor
Freuden darüber bewirthet der Crispin den Boten bis auf seinen letzten
Pfennig. Nun wird er bald Herr im Steghofe sein. Die Dienstzeit vergeht.
Wie der Crispin heimkommt nach Altendorf, findet er Verdruß; sein
Stiefvater ist wieder gesund, ist trotziger als vor und eh’.
Als der Bursche das saure Gesicht macht, fährt der Alte auf ihn ein:
„Dir ist Einer zuviel im Steghof!“
„Das will ich nicht leugnen,“ erwidert trotzig der Soldat.
„Ja!“ lacht der Bauer -- seine Stimme ist aber doch schon heiser --
„der Bader hat den Geistlichen schon angeredet, wegen meiner letzten
Oelung, der Todtengräber hat schon nach dem Maß gefragt. Hin worden bin
ich +nicht+. Schon Deinetweg’ nicht, Du schlechter Lump! Dir weich
ich nicht, gleichwohl Du schon lang’ Deine Kuh auf meinem Grabwasen
möchtest weiden.“
Crispin ging dem Alten aus dem Wege. Er knirschte, bohrte die Nägel
seiner Finger in das eigene Fleisch. -- Soll er denn sein Leben
verwarten und Knecht sein, wo doch das Anrecht da ist, auf Haus und
Hof! -- Er möchte heiraten: er möchte Herr sein. Er wird sich selber
helfen.
Der Wachszieher-Franz war Crispin’s Kamerad von Jugend auf. Die Beiden
waren recht ungleich, aber just das zog sie zusammen.
„Freund,“ sagte eines Tages Crispin zu Franz, „jetzt schau’ mich an,
wie ich da steh’. Vom Fuß bis zum Kopf ein armer Teufel. Keinen Kreuzer
Geld. Ich will aber doch ein paar Säcke von meinem Korn verkaufen.“
„Wo hast denn Du Dein Korn?“
„In meiner Tenne, im Steghof, wo denn sonst! Hilf mir die heutige
Nacht, daß wir es davontragen. Sollst es nicht umsonst thun.“
„Crispin!“ entgegnete der Franz mit feierlicher Stimme, „Stehlen ist
Sünd’, kommst in die Höll’!“
„Bist auch so ein Narr! Hörst, die Höll’ ist letzt’ Jahr abgebrannt;
ist nicht assecurirt gewesen!“
„Geh’, Du bist ein Heid’ geworden,“ sagte der Franz.
„Und Du bist ein Christ geblieben und kannst Deine Sünd’ ja wieder
beichten. Ist aber keine Sünd’, weil das Korn mein Eigenthum ist.“
Der Franz ließ sich wenden. Der Franz war recht gottselig, grübelte
bisweilen gern in religiösen Schriften; im Leben hingegen war er
denkfaul und begab sich stets in Allem der Führung seines Freundes. So
schlichen sie zur Nachtszeit in den Steghof und trugen Korn davon.
Und an den Sonntagen waren sie im Wirthshaus und lebten in Lust und in
Freuden.
* * * * *
Das wohl, ei ja, das wohl! Zog der Franz fleißig Wachskerzen für die
Heiligen, die auf der Kirchenwand hingen. Dabei kamen ihm aber einmal
Gedanken, denn er fabricirte auch Sterbekerzen: Wenn du gach mit Tod
abgehst, Franz! Die schwersten Brocken könntest wohl abladen. Nur,
daß halt der Beichtstuhl von einem gesunden Mann so viel strenge Buß
verlangt. -- Später und Alles auf einmal, wird gescheiter sein.
Und sie trugen nächtlich manchen Scheffel Korn aus dem Steghof.
Und auf einmal, da wurde es laut: der Crispin stehle seinem Vater das
Korn. Jetzt war der Teufel los, der Crispin mochte an einen glauben
oder nicht. -- Einsperren ließ der Alte den Jungen nicht, aber noch
ärger bedrücken, noch ärger mißhandeln! Sie trugen einen Haß in sich,
stark genug, einander zu zerfleischen.
Das Laster geht geraden Weg.
Der Crispin hatte im Kartenspiele eine neue Sackuhr gewonnen; die
gefiel dem Franz. Und eines Tages im Wirthshaus fragte dieser: „Wie
willst mir sie verkaufen?“
„Franz,“ sagte der Crispin und zerrte den Kameraden in einen Winkel,
„willst Du mir meinen Alten schlagen helfen, so schenk’ ich Dir die Uhr
mitsammt der Kette.“
„Hörst, das muß ich mir erst überlegen. Einen schlagen, der mir nichts
gethan hat! ’s kunnt leicht nicht recht sein.“
„Ihm selber sicher nicht,“ lachte der Crispin, „indeß, überleg’ Dir’s.
Wie er ausmißt, so soll ihm eingemessen werden, und --“ er legte die
Hand auf den Rücken, „mir hat er gestern wieder übel gemessen.“
„In der Schrift heißt’s so, wohl war. Na, will mir’s überlegen.“
* * * * *
Sieben Tage später war die Neujahrsnacht. Der Nachtwächter schritt
durch das Dorf und über den Friedhof. Er blickte in das offene Grab,
welches der Todtengräber zur Winterszeit stets bereit hält und dachte:
Wer wird der Erste sein im neuen Jahr, der hinabsteigt? --
Draußen vor dem Zaune huschte eine Gestalt vorbei. Der Crispin ging in
das Häuschen seines Freundes.
„Recht, daß Du da bist,“ sagte der Franz, „in solchen Nächten, heilig
wahr, ich heb’ mich schon an zu fürchten. Schau, da hab’ ich Blei
gegossen. Und was ist herausgekommen? Da, schau einmal!“ Er hielt dem
Kameraden ein Stück Blei hin.
„Was wird’s denn sein?“ lachte der Crispin, „eine Bleikugel ist’s.“
„Bei Leib’ nicht, bei Leib’ nicht. Ein Todtenkopf ist’s.“
„Das mag auch sein.“
Dann schauten sie in das flackernde Oellicht und sagten nichts; es war,
als hätten sie Gedanken über den Todtenkopf.
„Aber, daß ich nicht vergess’,“ sagte hierauf der Crispin plötzlich,
„da hab’ ich einen Lichten bei mir. Trink einmal.“
Der Andere nahm die Flasche und setzte sie an.
„Nur besser!“ ermuthigte Crispin seinen bescheidenen Freund, „und daß
ich Dich frag’ Franz, -- hast Du Dir’s überlegt?“
„Was?“
„Ob Du im neuen Jahre eine neue Uhr haben willst?“
„Und wann denn, daß wir ihn dreschen?“ gab Franz die Frage zur Antwort.
„Kamerad,“ sagte Crispin und faßte die Hände seines bereitwilligen
Freundes, „heut’ ist Neujahrsnacht. Wir schließen einen Bund, Franz,
und wir wollen alleweil zusammenhalten.“
„Das ist brav von Dir,“ antwortete der Wachszieher, „das gefreut mich
arg, daß Du mit mir noch Kameradschaft hast, gleichwohl Du Kaiserlicher
bist. Schau’, ich thät’s mit den Leuten nicht schlecht meinen, aber
nach mir schaut sich kein Mensch um, müßt -- thätest Du nicht sein --
mutterseelenallein meine Straße trotten. Mit der Juliana ist’s auch nur
so eine Frag’. Du bist mir der Best’, Crispin.“
Der Bursche war bei diesem Bekenntnisse ganz weichmüthig geworden.
Beide schüttelten sich die Hände.
Dann blickten sie wieder in das Flämmchen und Crispin seufzte.
„Du mußt wohl auch ein Anliegen haben,“ sagte der Franz. Der Andere
nickte mit dem Kopfe.
„Kann ich Dir helfen?“ fragte der Wachszieher, um seine Treue sofort zu
beweisen.
„Du könntest mir freilich helfen. Geh’, trink’ wieder einmal.“
„Trinken thu’ ich schon, aber verlassen thu’ ich Dich nicht.“
Da wird es in den Zügen des Soldaten lebendig. „Franz, willst Du mir
schwören, daß Du mir hilfst?“
„Schwören!“ murmelte der Andere, „einen Eid ablegen? Bei meiner Seel’,
das wird doch nicht vonnöthen sein?“
„Man kann’s nicht wissen.“
„Fällt’s mir g’rad ein, was die Juliana einmal gesagt hat: So lang’
kein Jurament ablegen, so lang’ man nicht weiß, ob man’s halten kann.“
„Bist ein Christ, Franz, so wirst wissen, daß der Mensch schon in
der Taufe einen Schwur muß ablegen. Und das kleine Kind kann doch am
allerwenigsten wissen, was es wird halten können.“
„Da hast freilich wieder recht,“ meinte der Wachszieher, „und es wird
doch nichts Unrechtes sein.“
„Franz, schau, ich kunnt’ von Rechtswegen schon Herr sein und ein Weib
haben, und ich bin der unglücklichste Mensch auf der Welt!“ Crispin
fuhr mit der Hand über seine Augen. „Du könntest mir helfen.“
„So sag’s, so sag’s! Ich bin nicht so, daß ich Dich im Stich’ laß’. Was
kann ich Dir denn thun?“
„Rath’ einmal.“
„Wieder Korn tragen helfen?“
„Nein, Franz.“
„Brauchst etliche Groschen Geld?“
„Nein, Franz!“
„Soll ich Dir Eine überreden?“
„Nein, Franz, dazu bin ich selber da.“
„Nun, aber dem Steghofer die Knochen auseinander schlagen?“
„-- -- Nein, Franz.“
„Ihm das Haus anzünden?“
„Mein Haus? Nein. Weiter, rathe weiter, Franz!“
„Kunnt’ nicht mehr rathen.“
„Kamerad,“ flüsterte der Crispin, „Du mußt mir schwören, daß Du es
-- aber greif’ zu, trink’, trink’ -- Du mußt mir schwören, daß Du es
Niemand sagst!“
„Bei Gott und meiner armen Seel’, das kannst Dich verlassen!“
„Und daß Du mir beistehst, und daß Du mir hilfst! Heb’ auf die Hand!
Bei Gott und Deiner Seel’! -- Du willst nicht? Nicht einmal den Arm
heben, mir zu Lieb?“
„Wenn ich nicht einmal der Juliana ein Jurament hab’ abgelegt, dahier
kann ich’s noch weniger.“
„Auch gut, an Dir hab’ ich mich getäuscht, bist ein Feigling.“
Dem Wachszieher -- wie er merkt, es handelt sich um seine „Ehre“ --
vergeht Hören und Sehen. Er hebt den Arm: „Bei Gott und meiner armen
Seele!“
Da klingt es draußen in der Winternacht. Die Kirchenuhr schlägt zwölf.
„Ein neues Jahr und ein neues Leben heb’ ich an!“ jauchzt der Crispin.
-- „Alter Satan, da drüben, Du hast mir heut’ das letztemal gesagt,
daß Du mir nicht nachgiebst. Ueber’s Jahr! Früher noch, viel früher!“
„Red’ nicht so, zu der heiligen Stund’!“ mahnt der Franz. „Sag’s lieber
gleich, was Du verlangst.“
„Ich? Was ich verlang’?“
„Deinen Willen hab’ ich gethan, jetzt sag’, was Du verlangst.“
Der Soldat zieht den Burschen an sich und flüstert: „Du bringst den
Steghofer um.“
Der Franz prallt zurück.
Der Andere starrt ihn an, in seinem blassen Gesicht steht’s zu lesen,
wie ernst es ihm ist.
„Du schlechter Mensch!“ stöhnt der Franz und wehrt mit den Händen ab:
„Geh’, geh’! -- Geh’!“
„Also, Du magst nicht?“
„Mein Lebtag nicht. +Mein Lebtag nicht!+“
„So. -- Also +meineidig+ willst Du sein, Du guter Christ!“ höhnt
der Crispin und seine Augen beginnen zu funkeln.
„Daß Du +so+ was verlangst, das hab’ ich nicht gewußt.“
„Und hast doch geschworen!“
„Hätt’ -- hätt’ ich Dir +das+ geschworen?“ ächzt der Franz und
ringt nach Athem.
„Du hast geschworen, daß Du mir hilfst. Weißt, Franz, anders ist mir
nicht zu helfen.“
Der Wachszieher verhüllt sein Angesicht.
„Nun?“ frägt der Soldat.
„Nein,“ ruft Franz, „das thu’ ich nicht. Ein Mörder werden, davor
behüt’ mich Gott.“
„Gut,“ sagte der Crispin, anscheinend gelassen, aber lauernd, „so werde
ich’s selber thun. Du könntest einen Vatermord verhindern, hörst Du,
einen +Vatermord+! Und thust es nicht. Und brichst den Eidschwur,
hast Gott zum Feind und bist ein doppelter Verbrecher. Ich heiß’ Dich
einen Schurken, Dein Lebtag lang.“
Der arme Franz -- in Wahn befangen -- rang die Hände, starrte stumm
vor sich hin, schüttelte rathlos den Kopf. Wie ein armer Sünder saß
er da. Wie ein Verzweifelter saß er da. Die Hand nicht rühren und
ein zweifacher Mörder sein! -- Aber Vatermord und Meineid sind die
schrecklichsten Gräuel. Einen Mord wird Gott vergeben, einen Meineid
nimmer. Der Mord führt einen Menschen aus dieser elenden Welt; der
Meineid lügt dem Herrgott frech in’s Gesicht, beschwört ihn, die Lüge
ewig zu rächen. Und wenn Du stirbst und den Namen Gottes anrufst --
Dein Mund hat falsch geschworen; und wenn der Teufel an Dein Bett kommt
und Du willst die Hand zum Kreuzzeichen heben -- die Hand hat falsch
geschworen. Der Herrgott schreibt den Eid mit seinem Blitzstrahl an’s
Firmament. Wer löscht ihn aus? --
Das Blut des Steghofer löscht ihn aus! schreit in ihm der böse Wahn.
„Nun?“ fragte der Crispin wieder.
„Laß’ Zeit! Ich kann nichts sagen.“
„Ist’s denn ein Schad’ um die Bestie?“
„Aber, mein Gott, ihm das Leben nehmen!“
„Sonst nimmt er’s Andern. Weißt Du, wie er gestern die Juliana wieder
behandelt hat?“ Der Franz fuhr auf. Der Crispin erzählte mit wenigen
Worten. Da unterbrach ihn der Wachszieher: „Sei still, ich thu’s! Sei
still.“
Der Crispin nahm das gegossene Bleistückchen in die Hand und sagte:
„Bleikugel! Todtenkopf! Was Du willst. Du siehst, dem Alten ist’s
Bestimmung. -- Da, Kamerad, die Uhr gehört Dein, aber der Steghof sei
in sieben Tagen ausgeräumt!“
Der Franz stieß die Uhr von sich, schrie: „Nein! Behüt’ Dich Gott!“ und
stürzte aus der Stube -- in die erste finstere Nacht des neuen Jahres
hinein.
* * * * *
Mittlerweile verging ein Tag und es verging der zweite. Die beiden
Freunde sahen sich nicht. Crispin brütete an seinen Plänen fort; an den
trägen, weichmüthigen Franz dachte er kaum mehr. Der war für ihn denn
doch nicht der Rechte.
Finster ging Crispin umher, er ging im tiefen Schnee und er ging durch
die Wälder. Das Hochwild erschrak vor ihm, aber floh nicht, als wisse
es: Der jagt anderes Wild, als das vierfüßige. Weit drüben im Bergwald
ist eine tiefe, finstere Schlucht, die Natterklamm geheißen. Zur
Sommerszeit hörte man in den Untiefen der Natterklamm ein Wässerlein
fallen; im Winter lag Eis und Schnee in den Klüften. Hoch über dieser
Schlucht führte ein Steg, der nur aus zwei nebeneinandergelegten Bäumen
bestand und im Volksmunde der Sündensteg genannt wurde. Vor Zeiten
ging die Sage, daß er unter keinem schweren Körper brechen könne,
wohl aber unter einer schweren Sünde, die darüber getragen würde, in
den Abgrund stürzen müsse. Daher war der Steg von Manchem gemieden
worden; da er aber auch unter Solchen nicht brach, welche sich, der
Sünde bewußt, frevlerisch darüber wagten, so kam die Sage allmählich
in Vergessenheit. Leute, die nach Hallwies hinaus wollten, benützten
diesen Steg, weil der Weg durch den Wald bis in den Flecken um eine
Stunde kürzer war, als die Fahrstraße dahin.
Der alte Steghofer, hatte er in Hallwies, wo das Steuer- und
Gerichtsamt war, Geschäfte, so ging er stets über die Natterklamm.
Ja selbst im Winter, wo Alles sonst die Straße wählte, ging der Alte
seinen Waldsteig, wie sehr dieser oft auch verschneit und verweht war.