nennen will, weil sie glaubt, daß dessenstatt „Schicksal“, „Zufall“
besser klinge, der aber in dem Herzen und Leben des Volkes noch
göttlich waltet, straft und rettet. Dieser Gott des Volkes mit seinen
menschlichen Eigenschaften im Superlativ sah in unserer Neujahrsnacht
von der Seegrub drei Männer heraufsteigen zur Rabenschlucht. Sie hatten
Hauen und Stricke bei sich, denn sie hatten von jeher gehört, daß in
der Rabenschlucht ein großer Schatz verborgen sei, der nur in einer
Neujahrsnacht, in welche der Vollmond fällt, gehoben werden könne.
Und da dachte Gott: drei Schatzgräber? Die kommen mir just recht
mit ihren Werkzeugen, daß sie mir meinen elegisch-humoristischen
Sägemeister aus der Rabenschlucht ziehen.
Sie stiegen empor zur felsigen Stelle, deren Ungründe mit Schnee
verweht waren, und hörten das Tosen des Wasserfalls. Da sie sich
behutsam vorwagten, sahen sie auch das Loch, durch welches der Wolfgang
hinabgefahren war, und hörten aus der Tiefe empor die menschliche
Stimme. Der erste Gedanke war natürlich: Gespenster! Gespenster
sind sonst immer ein Wunder, aber in einer Sylvesternacht an der
Rabenschlucht, wo ein Schatz verborgen liegt, sind sie gar kein Wunder.
Ein knurrender schwarzer Hund, eine klägliche Stimme, die um Hilfe
ruft, oder dergleichen -- das ist selbstverständlich. Die Hauptsache
ist, sich von derlei nicht abschrecken zu lassen.
Bei näherer Untersuchung jedoch flüsterte einer der Männer: „Keinen
Schuhnagel verwett’ ich, da unten steckt schon ein Schatzgräber, der
uns zuvor ist kommen.“
„Das wär’ schon der Höllsakra!“ fluchte der Zweite. Aber der Dritte
sagte: „Mir scheint eher, da unten ist Einer in der Klemm’, und wollt’
den Schatz gern ungehoben lassen, wenn er selber gehoben wär’!“
Sie redeten eine Weile hin und her, dann rief Einer hinab: „Alle guten
Geister loben Gott, aber wenn es ein Mensch ist, so soll er’s sagen.“
Wolfgang sah die Schatten der Köpfe gespenstisch an den mondblassen
Wänden gaukeln, verstand aber in dem mächtigen Brausen des Wassers die
Worte nicht.
„Probiren wir’s und lassen einmal den Strick hinab,“ rieth Einer von
den Dreien, „hängt sich kein Mensch an, so hängt sich der Schatz an.“
„Es kann sich aber auch der Teufel anhängen!“ gab der Zweite zu
bedenken.
„Ich glaub’ an keinen Teufel!“ sagte der Eine.
„So?! Hast keine Religion und willst schatzgraben?“
Der Dritte sagte: „Ich glaub’ schon an einen, aber fürchten thu’ ich
mich nicht vor ihm. Davor trag’ ich den Gertrudissegen in meine Pfaid
genäht.“
So ließen sie den Strick hinab, und da sie merkten, daß unten etwas
angelte, stemmten sie sich am festen Boden, daß sie nicht etwa durch
den Schnee brächen -- und zogen den Sägemeister Wolfgang von Amsterdorf
aus der schreckbaren Schlucht.
Als der Wolfgang sah, er wäre befreit, sprang er viele Schritte weit
vom Loch hintan und lachte.
Die Anderen fragten ihn, ob er den Schatz habe und bedeuteten, daß er
in diesem Falle mit ihnen theilen müsse.
Es brauchte eine gute Weile, bis sie sich verständigten. Der Wolfgang
war in der ganzen Gegend als ein gescheiter, respectirlicher Mann
bekannt; sie glaubten seiner Darlegung, wie es ihm nicht eingefallen
sei, eines Schatzes wegen in die Rabenschlucht zu steigen, sondern
wie er sich auf dem Wege in die Seegrub dahin verirrt habe und
hinabgestürzt sei. Und nun that einer der drei Männer das herrliche
Wort: „Ein braver Mann ist auch ein Schatz, den haben wir gehoben, und
jetzt gehen wir heim.“
Sie reichten ihm Schnaps, daß er sich erwärme; sie huben mit ihm auf
mondbeschienener Weide ein Ringen an, daß er sich bewege und wieder
ordentlich belebe. Dann suchten sie den rechten Weg zur Seegrub hinab
und fanden ihn bald. Unterwegs fragte der Wolfgang nach, wie es mit
seiner Mutter stände. -- Das Weiblein sei im Bett -- sonst wüßten sie
nichts.
Als Wolfgang zu ihrem Häuschen kam und an’s lichtlose Fenster klopfte,
rief drinnen eine Stimme: „Bist Du’s, Wolfl? Ich bin schon wach; steig’
beim Dachthürl herein, die Hausthür’ ist heut’ versperrt, will Dir’s
nachher schon sagen, warum.“
Er war gar herzensfroh, daß er sein Mütterchen im gewöhnlichen Zustande
fand -- zwar mühselig, aber stets heiter.
„Wirst Dir’s nicht denken,“ sagte sie, als er an ihrem Bette saß und
beim Aemplein ihr weißes Antlitz mit dem Schlafhäubchen ansah, „wesweg’
ich Dich in der heutigen Nacht herübergeplagt hab’. -- Ja, ich muß Dir
was sagen, Wolfl -- aber gelt, die Agatha ist noch in der Ordnung?“
„Sie laßt Euch grüßen, und weil ich sehe, daß es Euch insoweit gut
geht, Mutterl, so will ich wohl gleich wieder heimzu laufen. Lang’
wird’s nicht mehr dauern mit der Agatha.“
„Schau, das hab’ ich mir auch gedacht, und da hab’ ich kein Stündl
länger wollen warten mit dem, was ich Dir sagen muß. Wirst sehen, mein
Wolfl, was ich Dir für eine falsche Person bin! Weiß recht gut, daß
Du das Lotteriesetzen nicht leiden kannst, und so hab ich’s heimlich
gethan. Geh’, geh’, die alten Weiber,“ setzte sie bei, „’s ist ein’s
wie’s andere. Nu, lachen muß ich auch.“
Und sie lachte und kicherte. Der Wolfgang meinte, daß es für sie wohl
gescheiter wäre, sich bisweilen ein stärkend’ Gläschen Wein zu gönnen,
anstatt die blutigen Kreuzer in die Collectur zu tragen.
„Und jetzt,“ fuhr sie kichernd fort, „hab’ ich gestern närrischerweis’
einen Terno gemacht.“
Da horchte der Wolfgang auf.
„Hab’ zuerst hell gemeint, der Amtmann foppt mich, wie er mir’s sagt --
und richtig ist’s: neunhundert Gulden und noch was dazu. Da d’rin im
Bettstroh ist das Geld. -- Du zitterst ja frei, Wolfl, hat’s Dich so
geschreckt?“
Der Fieberfrost war da. Die Magd wurde geweckt, daß sie eine heiße
Brühe bereite. Der Mann trank sie mit Behagen und sagte nichts, wovon
der Frost herrühre.
„Jetzt, das ist ein Glück!“ sagte die Alte, „und ich hab’s nimmer
ausgehalten und hinübersteigen kann ich auch nicht mehr zu Euch, so
habe ich Dich halt kommen lassen. Das Geld nimmst mit; na, Du, das
nimmst mit! Was thät’ denn ich’s brauchen, Du Kindisch! -- Es ist das
Taufgeschenk für Dein Kindel. Du, Wolfl, aber gleich steckst es ein.
Das wär’! Thät’st mich bitter kränken. -- Und jetzt, wenn Du meinst,
daß es daheim nicht mehr lang’ dauern wird, so mach’ Dich wieder auf
und thu mir sie grüßen!“
O Mutterherz! mit Dir fängt dein Wolfgang das neue Jahr an. In der
Seegrub verließ er Dich, in Amsterdorf fand er Dich. Und als der blasse
Mond niedersank und die helle Sonne emporstieg, gesegnet mit einem
jungen, blüthenreichen und fruchtbaren Jahre -- da drückte der Vater
seinen ersten Knaben an’s Herz.
[Illustration]
Mein einziger Sohn.
Diese Geschichte ist entnommen den Aufzeichnungen eines vielgeprüften
Mannes. Sie erzählt von dem Niedergange eines zweifachen
Menschenglückes, giebt aber Kunde von dem Siege des Herzens und
weist uns schließlich mit wenigen schlichten Worten eine große That
der Selbstaufopferung, die uns versöhnt. -- In den Papieren eines
Gutsbesitzers steht Folgendes zu lesen:
Ich hätte studiren und mich dem Richteramte widmen sollen. Aber ich
habe es vorgezogen, ein einfacher Landmann zu bleiben. Ein stilles,
arbeitsames Leben zu führen, war mein Sinn. Ich wollte nicht Menschen
richten und nimmer von Menschen gerichtet werden. Der Landmann lebt und
wirkt an den Stufen des Thrones Gottes, und geradewegs von Gottes Hand
empfängt er den Lohn oder die Züchtigung.
Ich erwarb mir ein Gut auf stillem Gelände und führte viele Jahre lang
ein glückliches Leben. Ich hatte ein einziges Kind -- einen Sohn, und
ich war in dem Knaben selbst wieder ein Kind. Es ist wunderbar zu
fühlen, wenn man sich ein zweitesmal selbst wieder heranreifen sieht
zur Welt, zum Leben, zu all’ den großen Freuden, hinter denen aber die
Enttäuschungen schlummern, wie die dürren Blätter des Vorjahres unter
dem blühenden Rosenstrauche des Lenzes. Das Kind sieht nicht die
dürren Blätter, es sieht nur die hellen Rosen.
Mein Sohn Alfred besaß einen lichten Kopf und ein gutes Herz; will
nicht verlangen, daß man es mir, dem Vater, zuversichtlich glaube --
aber Alle, die den Knaben kannten, haben es auch gesagt. Sie hatten ihn
lieb und hießen ihn einen prächtigen Burschen.
Ich ließ ihn studiren. Er wählte die Technik, die heutzutage die Welt
beherrscht, weil ihr der Geist der Wissenschaften ein treuer Diener
ist. Alfred war mit Leib und Seele seinem Gegenstande ergeben. Dabei
besaß er großen Ehrgeiz, der -- wie wohlthätig dieser Charakterzug
auch bei jungen Leuten wirken mag -- mir doch bei meinem Sohne fast zu
überwiegend schien. Jahrelang war mir zu den Vacanzen der Junge mit den
glänzendsten Vorzugsclassen nach Hause gekommen, und ich sah Freude in
seinen Augen.
Einmal aber, als die Schulzeit schon vorbei war, kam er nicht. Es ging
eine Woche vorüber, es ging eine zweite Woche vorüber -- Alfred kam
nicht nach Hause. In der dritten Woche erst erhielten wir seinen Brief,
der folgendermaßen beginnt:
„Liebe Eltern!
Eure etwaige Besorgniß um mich zu zerstreuen, theile ich Euch mit,
daß ich diese Zeit in meiner Studirkammer zubringe, um die zwei
Vorzugsclassen zu erlangen, die diesmals meinem Semesterzeugnisse
entgangen sind u. s. w.“
Der kindische Bursche! Unseres Dorfbaders Sohn hatte nicht Eine
Vorzugsclasse in seinem Bogen, noch weniger -- dünkt mich -- in seinem
Kopf, und er war doch heimgekommen zu Muttern und genoß durchaus
vergnügliche Vacanzen. -- Will damit aber nichts Mißgönniges gegen den
Nachbar sagen.
Als Alfred das neunzehnte Jahr erreicht hatte, und vor Vollendung
seiner Studien nach Hause kam, da ging unser Unglück an.
Der Gerichtsschreiber unseres Kreisstädtchens hatte eine Tochter, ein
hübsches -- ja ein schönes Mädchen, wohl ein klein Theil älter als mein
Alfred -- aber ein bißchen leichtsinnig. Bei Frauen ist Leichtsinn ein
noch größerer Fehler als bei Männern.
Von Natur aus war sie ein herzensgutes Mädchen; aber bei den
kümmerlichen Verhältnissen ihres Vaters hatte sie keine Erziehung
genossen, keine Arbeit gelernt -- war keine Häuslichkeit inne geworden.
Als des Gerichtsschreibers Tochter wußte sie, daß sie zu der ~haute
volée~ des Städtchens gehöre; sie war den Vergnügungen ergeben und
fehlte auf keinem Balle. Rosa hieß sie; Rosabella wurde sie geheißen.
Sie wurde gar viel umschmeichelt, von lockeren Gesellen umworben, aber
redliche Freier fanden sich unter ihren Verehrern nicht viel.
Einer jedoch war, ein braver, redlicher Mensch; es war mein Sohn.
Alfred war in das junge Weib vernarrt bis zum Scheitel seines
Lockenhauptes. Er vergaß in den steten Gedanken an sie die Freuden der
Vacanzen, die er sonst so unbefangen und glücklich zu genießen pflegte.
Wie ein Träumer ging er herum. Und von Rosa hörte ich, sie zöge sich
zurück von ihren Anbetern und wäre kleinlaut und blasser als sonst. Und
wenn zufällig von Alfred Baumgartner die Rede sei, so werde sie roth
wie ein Hagenröslein; ihr Schlaf wäre fieberhaft, in ihren Träumen rufe
sie ungezähltemale den Namen Alfred aus.
Mit meinem Sohne war’s nicht viel anders. Ich sah die Gefahr, die da
aufstieg, und warnte den Burschen mit tiefem Ernste.
„Warum?“ rief Alfred einmal, „soll es nicht sein, weil sie eines armen
Beamten Kind, oder weil sie um etliche Monate älter, als ich, oder weil
ich noch keine Stellung habe, um zu heiraten?“
„Mein Sohn,“ sagte ich, „zu fragen hat der Vater. Ich bin Dir keine
Begründung meiner väterlichen Fürsorge schuldig. Ich verstehe die Dinge
besser als Du, das kannst mir getrost glauben. Ob Du es für nöthig
erachtest, schon an einen eigenen Hausstand zu denken, das ist Deine
Sache. Die Tochter des Gerichtsschreibers aber ist kein Weib für Dich.“
Alfred entgegnete kein Wort und ging davon.
Er ging von nun an noch einsamer und träumerischer umher.
Mich dauerte er sehr, der arme Junge; ich kann mir’s zum Theile denken,
wie es sein mag, wenn man befangen ist in Liebeswahn, und das junge
Blut wogt wie ein Alpensee im Frühlingsföhn, wenn die Lawinen stürzen,
und man ist nicht mehr Herr seines Herzens, und hat kein Anrecht in
seinem eigenen Haupte -- am Steuerrade der Vernunft.
Auf dem Wege in das Kreisstädtchen wurde Alfred oft gesehen.
Und eines Tages kam er nicht zurück in unser Haus. Verschwunden
war er aus der Gegend, und verschwunden mit ihm die Tochter des
Gerichtsschreibers.
Ein Brief ohne Poststempel kam mir zu; der lautete, wie folgt:
„Mein lieber, guter Vater!
Ich bin stets ein gehorsamer Sohn gewesen, und Euch Ehre zu
machen, war mein Bestreben. So soll es auch in Zukunft sein. Aber
ich bin erwachsen, und ich glaube das Dichterwort: Des Herzens
Neigung ist des Schicksals Stimme. Was da kommen mag, ich muß
dieser Stimme folgen. Euch, mein Vater, entbinde ich jeglicher
Verantwortlichkeit. Ich verbleibe immerdar Euer dankbarer Sohn
Alfred.“
Mir zitterten die Glieder, mir vergingen die Augen; ich riß den Brief
mitten auseinander. -- Wer hat Dich so sehr verführt, Du armes, Du
gutes Kind? -- Und kennst Du nicht auch ein zweites Dichterwort: Der
Mensch ist seines Schicksals Schmied? -- Und mich, den Vater, willst
Du der Verantwortlichkeit entbinden? Alberner Bursche! -- Es kann hier
nicht gefragt werden, ob Du großjährig bist oder nicht; das aber sei
versichert: Du hast einen Vater, der wird Dich vor Verderben bewahren,
so lange es möglich!
Sogleich eilte ich, umfassende Anstalten zu treffen, daß den
Flüchtlingen nachgestellt werde. Ohne Erfolg; die jungen Leute waren
verschwunden. Der Gerichtsschreiber wußte so wenig Auskunft und Rath,
als ich. Meine Gattin wurde bitterlich krank; ich hielt mich aufrecht,
aber in meinem Kopfe ging’s wirr um. Das einzige Kind verlieren, auf
solche Art verlieren, das ist ein Schlag!
Ich konnte das Beginnen meines Sohnes nimmer begreifen. Und hätte er
sich auch für den Augenblick von jugendlicher Leidenschaft hinreißen
lassen -- nicht einmal dieses hätte ich ihm zugetraut -- so müßten sein
gutes Herz und sein vernünftiger Kopf denn doch endlich die Oberhand
gewonnen haben. Es dünkte mich gar nicht möglich, daß der Junge, sonst
voll Anhänglichkeit und Liebe zu seinen Eltern, nun plötzlich von uns
fortrasen sollte und in sein Verderben. Es geht eine Sage von „gehexter
Lieb’“, schier hätte ich daran geglaubt, nur um die Zuversicht an mein
Kind zu retten.
Dann wieder dachte ich, Alfred werde das leichtfertige Mädchen längst
von sich gewiesen haben, und nur Trotz und Scham würden ihn noch
abhalten, heimzukehren. Aber auch Rosa blieb verschwunden. -- Es
vergingen Monate; sie kehrten nicht heim und blieben verschollen.
Das Ungemach kommt nie zu einzeln; es folgte ein zweites, freilich
bei weitem linder, als das erste, aber ich erschrak doch davor. Ich
wurde um jene Zeit zu den Geschwornen gezogen. Meine Angst vor dem
Richterstuhle, und sollte ich auch selbst darauf sitzen, war nicht
geschwunden, war sonderbarerweise noch gewachsen. Aber das Gesetz, das
mich rief, war einmal da.
Der Mensch richte nicht über den Mitmenschen! So richte Gott! Des
Volkes Stimme aber ist Gottes Stimme! -- Nach diesem Grundsatze hat der
Gerichtshof die gewaltige Verantwortlichkeit von sich ab- und auf die
Schultern des Volkes gewälzt.
Andererseits jedoch war es mir erwünscht, daß mich mein Los auf
mehrere Wochen von der Gegend fortrief in die ferne Hauptstadt. Eine
Zerstreuung, wie ich sie bedurfte, konnte nur in der Erfüllung einer
ernsten, schweren Amtspflicht zu finden sein. Auch hatte ich des
Bedauerns und Mitleids der Leute genug; derlei Theilnahme war mir
endlich fast so lästig, wie die halbversteckte Schadenfreude Anderer,
daß ich reicher Mann mit der gepachteten Moral, wie sie sagten, einen
Lumpen zum Sohne und keinen Erben hätte.
Der erste Fall, über den wir Geschworne den Wahrspruch zu fällen
hatten, war gleich von seltsamer Natur. Ein junger Mann, von dem
vorläufig nichts zu erfahren gewesen war, als daß er Otto Hofer heiße,
hatte seine Geliebte ermordet. Es sollen viele mildernde Umstände
vorliegen, hieß es, und der Fall gehöre eigentlich in das Bereich der
Selbstmorde.
Die Morde und Selbstmorde mehren sich heutzutage in wahrhaft
erschreckender Weise; ich war entschlossen, ein schweres Schuldig zu
fällen. Wohl kam mir in den Sinn: Sei milde! kennst Du doch die Wege
nicht, die Dein eigener Sohn wandelt: -- das war nicht Gottes Stimme,
denn Gott, der Vater aller Wesen, richtet nach strenger Gerechtigkeit
seine entarteten Kinder. Freilich hätte schließlich selbst Gott nicht
das Recht, zu richten, denn seine Geschöpfe sind so, wie er sie geartet
hat, und seine Allweisheit, die in die Zukunft sieht, hätte den Fall
des schwachen Wesens voraussehen müssen, noch ehe dieses erschaffen war.
So spricht in uns das Schuldbewußtsein. Hätte ich nicht den elenden
Sohn im Herzen getragen, ich hätte so gottlos gewiß nicht gedacht. So
war ich gleichsam jetzt der Mitschuldige aller Missethäter, da ich
nicht sowohl diesen, als vielmehr Gott die Schuld gab an ihrer bösen
That; denn ich vertheidigte sie ja im Gedanken und klagte den Herrn an.
Und ich sollte auf dem Richterstuhle sitzen?!
Ich zitterte wie ein Verbrecher vor dem Eintritt in den Gerichtssaal.
Da kam mir in der letzten Stunde vor dem Beginne der Schlußverhandlung
die Weisung zu, ich sei in diesem Straffalle als Geschworner abgelehnt
-- abgelehnt von dem Angeklagten selbst.
Ich war überrascht und sann nach, ob das Rücksicht oder Mißtrauen
sei, und was den Mörder nur veranlassen konnte, gerade auf mich zu
verzichten. Wie ich harmlos war!
Da aber mein Interesse für den Fall schon einmal erweckt war, so ging
ich doch in den Gerichtssaal und setzte mich unter das zahlreiche
Publicum.
Alles war gespannt und flüsterte, erging sich in Vermuthungen und
Behauptungen, und man verfluchte den Mörder, noch ehe man ihn sah.
Besonders die anwesenden Frauen urtheilten strenge. -- „Die Geliebte zu
ermorden!“ sagte Eine in lebhafter Entrüstung, „die eigene Geliebte!
Entmenschteres kann es nicht mehr geben!“ Die so sprach, war dieselbe
Frau, welche ich einige Abende früher im Schauspielhause bei „Romeo und
Julie“ bitterlich schluchzen gesehen hatte.
Eine zweite Dame meinte: zu einer That, wie die von dem heutigen
Angeklagten begangene, könne nur die reinste und glühendste Liebe
fähig sein, die Vereinigung im Tode finden will, wenn solche im Leben
vergeblich gesucht werde.
„Na, wir sind ja nicht im Theater,“ antwortete eine streng sittliche
Nachbarin ärgerlich, „wo kämen wir hin auf der lieben Welt, wenn die
Leut’ solche Ansichten hätten!“
Ich meinte schier dasselbe, enthielt mich aber jeder Aeußerung.
Endlich wurde der Angeklagte mit geschlossenen Händen von zwei
bewaffneten Gerichtsdienern vorgeführt. Mir verging das Augenlicht.
Der Angeklagte war mein Sohn. -- -- --
Er war blaß, gedrückt, aber ruhig. Er hatte in einer kurzen Wendung
sein Angesicht gegen den Zuschauerraum gerichtet; ein Blick seines
mattleuchtenden Auges war auf mich gefallen. Ein leises Zucken -- ich
merkte es wohl -- ging durch seine Gestalt; dann aber war er wieder
gelassen und wendete sein Angesicht nicht mehr in die Richtung gegen
mich. -- Ich weiß heute noch nicht, wie es mir möglich war, mich zu
sammeln. So sah ich mein Kind wieder. Doch, das konnte ja nicht der
des schweren Verbrechens Angeklagte sein; der Mörder hieß anders. Oder
hatte er den falschen Namen gewählt; um mich zu schonen? Wie sollte
das nützen! In der Stadt -- gleichwohl diese ziemlich weit von meinem
Gute entfernt lag -- war er ja doch nicht unbekannt. Die amtlichen
Erhebungen waren rasch vollzogen worden und der Staatsanwalt nannte
laut -- daß mir der Grund des Herzens erbebte -- den Namen Alfred
Baumgartner: angeklagt des Mordes im Gasthause zum „Pelikan“ am Morgen
des 18. Mai 18.. an einem zwanzigjährigen Mädchen, Namens Rosa Weching,
durch einen Schuß verübt, nachdem er Letztere als seine Geliebte aus
ihrem Elternhause zu Lehnbrück entführt hatte.
Meine Nebensitzenden, die mich kannten, wollten mich hinausführen, da
mir unwohl sein müsse. Ich dankte und trocknete mir die Stirne mit dem
kühlen Sacktuche. Und ich habe der Verhandlung beigewohnt. Es war das
Schrecklichste in meinem Leben. Gewiß, die blutige That wurde doppelt
gesühnt -- an ihm, an mir.
Die Verhandlung verlief rasch; Alfred war in Allem geständig. Der
Staatsanwalt trug ein „Schuldig zum Tode“ an. Mehrere der Geschwornen
sah ich mit dem Kopfe nicken.
Der Angeklagte saß bewegungslos wie ein Steinbild auf der Bank. Der
Richter fragte ihn, ob er etwas zu bemerken habe, oder ob er jegliche
Verantwortung dem Vertheidiger überlassen wolle.
Da erhob sich Alfred von der Armensünderbank und hub an zu sprechen.
Ich kann kein Wort davon vergessen.
„Ihr Herren Richter,“ hub er an, „ich will nicht rechten um mein Leben;
das -- ich wußte es -- war verfallen, ehe ich in dieses Haus geführt
wurde. Das Leben ist mir die größte Last, und was mein Vertheidiger zu
meinen Gunsten auch sagen mag, Ihr gerechten Richter, ich bitte Euch,
verurtheilt mich zum Leben nicht! Die Schuld ist ja der Uebel größtes
und ich bin schuldig geworden; -- so endet meine Qual! -- Aber auf
meinen Vater werfet keinen Stein, er hat’s echt mit mir gemeint --
ich hab’s früh genug erkannt. Doch, wer vermag seinem Verhängnisse zu
entgehen?“
„Pah, Verhängniß!“ unterbrach ihn Einer der Geschworenen, „der Glaube
an das Verhängniß ist ein unselig’ Ding und -- eine leichtfertige
Ausrede.“
„Ihr Alle säßet da in tiefer Schuld!“ fuhr der Angeklagte fort, „hätten
Euch das Temperament und äußere Verhältnisse so mitgespielt, wie mir.
-- Ich wußte, meine Liebe zu Rosa würde den Frieden meines Hauses
zerstören; +sie+ wieder wußte, daß sie für meine Verhältnisse
keine Hausfrau sein könne. Und wir mußten uns doch lieben. Außer uns
ist Niemand dadurch zu Schaden gekommen. Und schließlich: auch wir
selber nicht. Wir haben das kurze Glück einem langen, freudenlosen
Leben vorgezogen. Soll ich sagen, daß unsere Liebe wahr und heiß
gewesen? Ich mag keine Rührscene geben, denn Thränen sind hier nicht
am Platz, aber fragen möchte ich Euch Alle: gab es für uns einen
andern Ausweg, als den Tod? -- Ihr wißt es ja, daß wir, ich und sie,
beschlossen, miteinander zu sterben. Ihr habt es in den Briefen
gelesen, die wir vor der That an die Unsern noch geschrieben. Wir
haben sie versiegelt auf den Tisch gelegt; wir haben mit Ueberlegung
und Ruhe gehandelt und leichten Herzens. Das Leben ist der Güter
höchstes nicht!“
„Die Gerichtsstube ist kein Declamationssaal!“ rief ein Herr von der
Tribüne.
„Ihr staunt und meint, der dem Tode Geweihte habe noch Lust zu Phrasen.
Unsere Liebe war groß genug, das Wort zu begreifen. -- O, hätte ich
doch mit ihr sterben können! Wer mich daran gehindert, der hat mich
in den Jammer gestoßen. -- Wißt es noch, wie es war. -- An meiner
Brust liegt ihr Haupt; sie lächelt, sie mahnt, sie bittet, sie fleht
mich an, den Entschluß auszuführen. Eine Minute +vor+ ihr wäre
ich gern gestorben; doch dünkte mir das zu feige, zu rücksichtslos
für meine Braut. Ich will kurz sein, wie die That kurz war, und Euch
gern verschonen mit der Beschreibung der letzten Augenblicke -- die
mir die größten meines Lebens waren. Rasch sende ich die Kugel aus der
Doppelpistole in ihr Herz. Sie sinkt lautlos hin, während ich die Waffe
gegen +meinen+ Leib richte. Da versagt der Schuß, und mittlerweile
eilen die Leute herbei und führen mich davon. -- Und jetzt nannten es
die Leute einen Mord und mich rissen sie vom Tode weg, um dem Tode
mich zuzuführen. Wohlan, sie haben recht; das aber sage ich laut: Die
durch mich fiel, aus Liebe habe ich sie getödtet. Jetzt, Ihr gerechten
Richter, thut an mir desgleichen.“
Die Hände gefaltet, sank er nach diesen gebrochenen Sätzen zurück auf
die Bank.
Darauf erhob sich der Vertheidiger, und seiner langen Rede kurzer Sinn
war der:
Der unglückliche junge Mann gehöre nicht in das Criminal, sondern in
das Irrenhaus.
Nach all’ dem verließen die Richter und Geschwornen ihre Sitze und
gingen in ein Nebengemach, um zu berathen. Ich erhob mich auch und ging
hinaus.
Am Thore hörte ich eine Stimme: „Das ist sein Vater, der Tyrann, auf
den fällt das Blut!“
Ich sah nicht um; an der Treppe brach ich zusammen.
Als ich wieder zum Bewußtsein kam, waren viele Leute um mich,
und Mehrere riefen mir zu, ich solle getrost sein, mein Sohn sei
freigesprochen worden.
Daß sie ihn dem Irrenarzt übergaben, das erzählten sie mir nicht.