Da erbarmte sich Gott -- jener Gott, den heute die Welt nicht mehr

nennen will, weil sie glaubt, daß dessenstatt „Schicksal“, „Zufall“

besser klinge, der aber in dem Herzen und Leben des Volkes noch

göttlich waltet, straft und rettet. Dieser Gott des Volkes mit seinen

menschlichen Eigenschaften im Superlativ sah in unserer Neujahrsnacht

von der Seegrub drei Männer heraufsteigen zur Rabenschlucht. Sie hatten

Hauen und Stricke bei sich, denn sie hatten von jeher gehört, daß in

der Rabenschlucht ein großer Schatz verborgen sei, der nur in einer

Neujahrsnacht, in welche der Vollmond fällt, gehoben werden könne.

Und da dachte Gott: drei Schatzgräber? Die kommen mir just recht

mit ihren Werkzeugen, daß sie mir meinen elegisch-humoristischen

Sägemeister aus der Rabenschlucht ziehen.

Sie stiegen empor zur felsigen Stelle, deren Ungründe mit Schnee

verweht waren, und hörten das Tosen des Wasserfalls. Da sie sich

behutsam vorwagten, sahen sie auch das Loch, durch welches der Wolfgang

hinabgefahren war, und hörten aus der Tiefe empor die menschliche

Stimme. Der erste Gedanke war natürlich: Gespenster! Gespenster

sind sonst immer ein Wunder, aber in einer Sylvesternacht an der

Rabenschlucht, wo ein Schatz verborgen liegt, sind sie gar kein Wunder.

Ein knurrender schwarzer Hund, eine klägliche Stimme, die um Hilfe

ruft, oder dergleichen -- das ist selbstverständlich. Die Hauptsache

ist, sich von derlei nicht abschrecken zu lassen.

Bei näherer Untersuchung jedoch flüsterte einer der Männer: „Keinen

Schuhnagel verwett’ ich, da unten steckt schon ein Schatzgräber, der

uns zuvor ist kommen.“

„Das wär’ schon der Höllsakra!“ fluchte der Zweite. Aber der Dritte

sagte: „Mir scheint eher, da unten ist Einer in der Klemm’, und wollt’

den Schatz gern ungehoben lassen, wenn er selber gehoben wär’!“

Sie redeten eine Weile hin und her, dann rief Einer hinab: „Alle guten

Geister loben Gott, aber wenn es ein Mensch ist, so soll er’s sagen.“

Wolfgang sah die Schatten der Köpfe gespenstisch an den mondblassen

Wänden gaukeln, verstand aber in dem mächtigen Brausen des Wassers die

Worte nicht.

„Probiren wir’s und lassen einmal den Strick hinab,“ rieth Einer von

den Dreien, „hängt sich kein Mensch an, so hängt sich der Schatz an.“

„Es kann sich aber auch der Teufel anhängen!“ gab der Zweite zu

bedenken.

„Ich glaub’ an keinen Teufel!“ sagte der Eine.

„So?! Hast keine Religion und willst schatzgraben?“

Der Dritte sagte: „Ich glaub’ schon an einen, aber fürchten thu’ ich

mich nicht vor ihm. Davor trag’ ich den Gertrudissegen in meine Pfaid

genäht.“

So ließen sie den Strick hinab, und da sie merkten, daß unten etwas

angelte, stemmten sie sich am festen Boden, daß sie nicht etwa durch

den Schnee brächen -- und zogen den Sägemeister Wolfgang von Amsterdorf

aus der schreckbaren Schlucht.

Als der Wolfgang sah, er wäre befreit, sprang er viele Schritte weit

vom Loch hintan und lachte.

Die Anderen fragten ihn, ob er den Schatz habe und bedeuteten, daß er

in diesem Falle mit ihnen theilen müsse.

Es brauchte eine gute Weile, bis sie sich verständigten. Der Wolfgang

war in der ganzen Gegend als ein gescheiter, respectirlicher Mann

bekannt; sie glaubten seiner Darlegung, wie es ihm nicht eingefallen

sei, eines Schatzes wegen in die Rabenschlucht zu steigen, sondern

wie er sich auf dem Wege in die Seegrub dahin verirrt habe und

hinabgestürzt sei. Und nun that einer der drei Männer das herrliche

Wort: „Ein braver Mann ist auch ein Schatz, den haben wir gehoben, und

jetzt gehen wir heim.“

Sie reichten ihm Schnaps, daß er sich erwärme; sie huben mit ihm auf

mondbeschienener Weide ein Ringen an, daß er sich bewege und wieder

ordentlich belebe. Dann suchten sie den rechten Weg zur Seegrub hinab

und fanden ihn bald. Unterwegs fragte der Wolfgang nach, wie es mit

seiner Mutter stände. -- Das Weiblein sei im Bett -- sonst wüßten sie

nichts.

Als Wolfgang zu ihrem Häuschen kam und an’s lichtlose Fenster klopfte,

rief drinnen eine Stimme: „Bist Du’s, Wolfl? Ich bin schon wach; steig’

beim Dachthürl herein, die Hausthür’ ist heut’ versperrt, will Dir’s

nachher schon sagen, warum.“

Er war gar herzensfroh, daß er sein Mütterchen im gewöhnlichen Zustande

fand -- zwar mühselig, aber stets heiter.

„Wirst Dir’s nicht denken,“ sagte sie, als er an ihrem Bette saß und

beim Aemplein ihr weißes Antlitz mit dem Schlafhäubchen ansah, „wesweg’

ich Dich in der heutigen Nacht herübergeplagt hab’. -- Ja, ich muß Dir

was sagen, Wolfl -- aber gelt, die Agatha ist noch in der Ordnung?“

„Sie laßt Euch grüßen, und weil ich sehe, daß es Euch insoweit gut

geht, Mutterl, so will ich wohl gleich wieder heimzu laufen. Lang’

wird’s nicht mehr dauern mit der Agatha.“

„Schau, das hab’ ich mir auch gedacht, und da hab’ ich kein Stündl

länger wollen warten mit dem, was ich Dir sagen muß. Wirst sehen, mein

Wolfl, was ich Dir für eine falsche Person bin! Weiß recht gut, daß

Du das Lotteriesetzen nicht leiden kannst, und so hab ich’s heimlich

gethan. Geh’, geh’, die alten Weiber,“ setzte sie bei, „’s ist ein’s

wie’s andere. Nu, lachen muß ich auch.“

Und sie lachte und kicherte. Der Wolfgang meinte, daß es für sie wohl

gescheiter wäre, sich bisweilen ein stärkend’ Gläschen Wein zu gönnen,

anstatt die blutigen Kreuzer in die Collectur zu tragen.

„Und jetzt,“ fuhr sie kichernd fort, „hab’ ich gestern närrischerweis’

einen Terno gemacht.“

Da horchte der Wolfgang auf.

„Hab’ zuerst hell gemeint, der Amtmann foppt mich, wie er mir’s sagt --

und richtig ist’s: neunhundert Gulden und noch was dazu. Da d’rin im

Bettstroh ist das Geld. -- Du zitterst ja frei, Wolfl, hat’s Dich so

geschreckt?“

Der Fieberfrost war da. Die Magd wurde geweckt, daß sie eine heiße

Brühe bereite. Der Mann trank sie mit Behagen und sagte nichts, wovon

der Frost herrühre.

„Jetzt, das ist ein Glück!“ sagte die Alte, „und ich hab’s nimmer

ausgehalten und hinübersteigen kann ich auch nicht mehr zu Euch, so

habe ich Dich halt kommen lassen. Das Geld nimmst mit; na, Du, das

nimmst mit! Was thät’ denn ich’s brauchen, Du Kindisch! -- Es ist das

Taufgeschenk für Dein Kindel. Du, Wolfl, aber gleich steckst es ein.

Das wär’! Thät’st mich bitter kränken. -- Und jetzt, wenn Du meinst,

daß es daheim nicht mehr lang’ dauern wird, so mach’ Dich wieder auf

und thu mir sie grüßen!“

O Mutterherz! mit Dir fängt dein Wolfgang das neue Jahr an. In der

Seegrub verließ er Dich, in Amsterdorf fand er Dich. Und als der blasse

Mond niedersank und die helle Sonne emporstieg, gesegnet mit einem

jungen, blüthenreichen und fruchtbaren Jahre -- da drückte der Vater

seinen ersten Knaben an’s Herz.

[Illustration]

Mein einziger Sohn.

Diese Geschichte ist entnommen den Aufzeichnungen eines vielgeprüften

Mannes. Sie erzählt von dem Niedergange eines zweifachen

Menschenglückes, giebt aber Kunde von dem Siege des Herzens und

weist uns schließlich mit wenigen schlichten Worten eine große That

der Selbstaufopferung, die uns versöhnt. -- In den Papieren eines

Gutsbesitzers steht Folgendes zu lesen:

Ich hätte studiren und mich dem Richteramte widmen sollen. Aber ich

habe es vorgezogen, ein einfacher Landmann zu bleiben. Ein stilles,

arbeitsames Leben zu führen, war mein Sinn. Ich wollte nicht Menschen

richten und nimmer von Menschen gerichtet werden. Der Landmann lebt und

wirkt an den Stufen des Thrones Gottes, und geradewegs von Gottes Hand

empfängt er den Lohn oder die Züchtigung.

Ich erwarb mir ein Gut auf stillem Gelände und führte viele Jahre lang

ein glückliches Leben. Ich hatte ein einziges Kind -- einen Sohn, und

ich war in dem Knaben selbst wieder ein Kind. Es ist wunderbar zu

fühlen, wenn man sich ein zweitesmal selbst wieder heranreifen sieht

zur Welt, zum Leben, zu all’ den großen Freuden, hinter denen aber die

Enttäuschungen schlummern, wie die dürren Blätter des Vorjahres unter

dem blühenden Rosenstrauche des Lenzes. Das Kind sieht nicht die

dürren Blätter, es sieht nur die hellen Rosen.

Mein Sohn Alfred besaß einen lichten Kopf und ein gutes Herz; will

nicht verlangen, daß man es mir, dem Vater, zuversichtlich glaube --

aber Alle, die den Knaben kannten, haben es auch gesagt. Sie hatten ihn

lieb und hießen ihn einen prächtigen Burschen.

Ich ließ ihn studiren. Er wählte die Technik, die heutzutage die Welt

beherrscht, weil ihr der Geist der Wissenschaften ein treuer Diener

ist. Alfred war mit Leib und Seele seinem Gegenstande ergeben. Dabei

besaß er großen Ehrgeiz, der -- wie wohlthätig dieser Charakterzug

auch bei jungen Leuten wirken mag -- mir doch bei meinem Sohne fast zu

überwiegend schien. Jahrelang war mir zu den Vacanzen der Junge mit den

glänzendsten Vorzugsclassen nach Hause gekommen, und ich sah Freude in

seinen Augen.

Einmal aber, als die Schulzeit schon vorbei war, kam er nicht. Es ging

eine Woche vorüber, es ging eine zweite Woche vorüber -- Alfred kam

nicht nach Hause. In der dritten Woche erst erhielten wir seinen Brief,

der folgendermaßen beginnt:

„Liebe Eltern!

Eure etwaige Besorgniß um mich zu zerstreuen, theile ich Euch mit,

daß ich diese Zeit in meiner Studirkammer zubringe, um die zwei

Vorzugsclassen zu erlangen, die diesmals meinem Semesterzeugnisse

entgangen sind u. s. w.“

Der kindische Bursche! Unseres Dorfbaders Sohn hatte nicht Eine

Vorzugsclasse in seinem Bogen, noch weniger -- dünkt mich -- in seinem

Kopf, und er war doch heimgekommen zu Muttern und genoß durchaus

vergnügliche Vacanzen. -- Will damit aber nichts Mißgönniges gegen den

Nachbar sagen.

Als Alfred das neunzehnte Jahr erreicht hatte, und vor Vollendung

seiner Studien nach Hause kam, da ging unser Unglück an.

Der Gerichtsschreiber unseres Kreisstädtchens hatte eine Tochter, ein

hübsches -- ja ein schönes Mädchen, wohl ein klein Theil älter als mein

Alfred -- aber ein bißchen leichtsinnig. Bei Frauen ist Leichtsinn ein

noch größerer Fehler als bei Männern.

Von Natur aus war sie ein herzensgutes Mädchen; aber bei den

kümmerlichen Verhältnissen ihres Vaters hatte sie keine Erziehung

genossen, keine Arbeit gelernt -- war keine Häuslichkeit inne geworden.

Als des Gerichtsschreibers Tochter wußte sie, daß sie zu der ~haute

volée~ des Städtchens gehöre; sie war den Vergnügungen ergeben und

fehlte auf keinem Balle. Rosa hieß sie; Rosabella wurde sie geheißen.

Sie wurde gar viel umschmeichelt, von lockeren Gesellen umworben, aber

redliche Freier fanden sich unter ihren Verehrern nicht viel.

Einer jedoch war, ein braver, redlicher Mensch; es war mein Sohn.

Alfred war in das junge Weib vernarrt bis zum Scheitel seines

Lockenhauptes. Er vergaß in den steten Gedanken an sie die Freuden der

Vacanzen, die er sonst so unbefangen und glücklich zu genießen pflegte.

Wie ein Träumer ging er herum. Und von Rosa hörte ich, sie zöge sich

zurück von ihren Anbetern und wäre kleinlaut und blasser als sonst. Und

wenn zufällig von Alfred Baumgartner die Rede sei, so werde sie roth

wie ein Hagenröslein; ihr Schlaf wäre fieberhaft, in ihren Träumen rufe

sie ungezähltemale den Namen Alfred aus.

Mit meinem Sohne war’s nicht viel anders. Ich sah die Gefahr, die da

aufstieg, und warnte den Burschen mit tiefem Ernste.

„Warum?“ rief Alfred einmal, „soll es nicht sein, weil sie eines armen

Beamten Kind, oder weil sie um etliche Monate älter, als ich, oder weil

ich noch keine Stellung habe, um zu heiraten?“

„Mein Sohn,“ sagte ich, „zu fragen hat der Vater. Ich bin Dir keine

Begründung meiner väterlichen Fürsorge schuldig. Ich verstehe die Dinge

besser als Du, das kannst mir getrost glauben. Ob Du es für nöthig

erachtest, schon an einen eigenen Hausstand zu denken, das ist Deine

Sache. Die Tochter des Gerichtsschreibers aber ist kein Weib für Dich.“

Alfred entgegnete kein Wort und ging davon.

Er ging von nun an noch einsamer und träumerischer umher.

Mich dauerte er sehr, der arme Junge; ich kann mir’s zum Theile denken,

wie es sein mag, wenn man befangen ist in Liebeswahn, und das junge

Blut wogt wie ein Alpensee im Frühlingsföhn, wenn die Lawinen stürzen,

und man ist nicht mehr Herr seines Herzens, und hat kein Anrecht in

seinem eigenen Haupte -- am Steuerrade der Vernunft.

Auf dem Wege in das Kreisstädtchen wurde Alfred oft gesehen.

Und eines Tages kam er nicht zurück in unser Haus. Verschwunden

war er aus der Gegend, und verschwunden mit ihm die Tochter des

Gerichtsschreibers.

Ein Brief ohne Poststempel kam mir zu; der lautete, wie folgt:

„Mein lieber, guter Vater!

Ich bin stets ein gehorsamer Sohn gewesen, und Euch Ehre zu

machen, war mein Bestreben. So soll es auch in Zukunft sein. Aber

ich bin erwachsen, und ich glaube das Dichterwort: Des Herzens

Neigung ist des Schicksals Stimme. Was da kommen mag, ich muß

dieser Stimme folgen. Euch, mein Vater, entbinde ich jeglicher

Verantwortlichkeit. Ich verbleibe immerdar Euer dankbarer Sohn

Alfred.“

Mir zitterten die Glieder, mir vergingen die Augen; ich riß den Brief

mitten auseinander. -- Wer hat Dich so sehr verführt, Du armes, Du

gutes Kind? -- Und kennst Du nicht auch ein zweites Dichterwort: Der

Mensch ist seines Schicksals Schmied? -- Und mich, den Vater, willst

Du der Verantwortlichkeit entbinden? Alberner Bursche! -- Es kann hier

nicht gefragt werden, ob Du großjährig bist oder nicht; das aber sei

versichert: Du hast einen Vater, der wird Dich vor Verderben bewahren,

so lange es möglich!

Sogleich eilte ich, umfassende Anstalten zu treffen, daß den

Flüchtlingen nachgestellt werde. Ohne Erfolg; die jungen Leute waren

verschwunden. Der Gerichtsschreiber wußte so wenig Auskunft und Rath,

als ich. Meine Gattin wurde bitterlich krank; ich hielt mich aufrecht,

aber in meinem Kopfe ging’s wirr um. Das einzige Kind verlieren, auf

solche Art verlieren, das ist ein Schlag!

Ich konnte das Beginnen meines Sohnes nimmer begreifen. Und hätte er

sich auch für den Augenblick von jugendlicher Leidenschaft hinreißen

lassen -- nicht einmal dieses hätte ich ihm zugetraut -- so müßten sein

gutes Herz und sein vernünftiger Kopf denn doch endlich die Oberhand

gewonnen haben. Es dünkte mich gar nicht möglich, daß der Junge, sonst

voll Anhänglichkeit und Liebe zu seinen Eltern, nun plötzlich von uns

fortrasen sollte und in sein Verderben. Es geht eine Sage von „gehexter

Lieb’“, schier hätte ich daran geglaubt, nur um die Zuversicht an mein

Kind zu retten.

Dann wieder dachte ich, Alfred werde das leichtfertige Mädchen längst

von sich gewiesen haben, und nur Trotz und Scham würden ihn noch

abhalten, heimzukehren. Aber auch Rosa blieb verschwunden. -- Es

vergingen Monate; sie kehrten nicht heim und blieben verschollen.

Das Ungemach kommt nie zu einzeln; es folgte ein zweites, freilich

bei weitem linder, als das erste, aber ich erschrak doch davor. Ich

wurde um jene Zeit zu den Geschwornen gezogen. Meine Angst vor dem

Richterstuhle, und sollte ich auch selbst darauf sitzen, war nicht

geschwunden, war sonderbarerweise noch gewachsen. Aber das Gesetz, das

mich rief, war einmal da.

Der Mensch richte nicht über den Mitmenschen! So richte Gott! Des

Volkes Stimme aber ist Gottes Stimme! -- Nach diesem Grundsatze hat der

Gerichtshof die gewaltige Verantwortlichkeit von sich ab- und auf die

Schultern des Volkes gewälzt.

Andererseits jedoch war es mir erwünscht, daß mich mein Los auf

mehrere Wochen von der Gegend fortrief in die ferne Hauptstadt. Eine

Zerstreuung, wie ich sie bedurfte, konnte nur in der Erfüllung einer

ernsten, schweren Amtspflicht zu finden sein. Auch hatte ich des

Bedauerns und Mitleids der Leute genug; derlei Theilnahme war mir

endlich fast so lästig, wie die halbversteckte Schadenfreude Anderer,

daß ich reicher Mann mit der gepachteten Moral, wie sie sagten, einen

Lumpen zum Sohne und keinen Erben hätte.

Der erste Fall, über den wir Geschworne den Wahrspruch zu fällen

hatten, war gleich von seltsamer Natur. Ein junger Mann, von dem

vorläufig nichts zu erfahren gewesen war, als daß er Otto Hofer heiße,

hatte seine Geliebte ermordet. Es sollen viele mildernde Umstände

vorliegen, hieß es, und der Fall gehöre eigentlich in das Bereich der

Selbstmorde.

Die Morde und Selbstmorde mehren sich heutzutage in wahrhaft

erschreckender Weise; ich war entschlossen, ein schweres Schuldig zu

fällen. Wohl kam mir in den Sinn: Sei milde! kennst Du doch die Wege

nicht, die Dein eigener Sohn wandelt: -- das war nicht Gottes Stimme,

denn Gott, der Vater aller Wesen, richtet nach strenger Gerechtigkeit

seine entarteten Kinder. Freilich hätte schließlich selbst Gott nicht

das Recht, zu richten, denn seine Geschöpfe sind so, wie er sie geartet

hat, und seine Allweisheit, die in die Zukunft sieht, hätte den Fall

des schwachen Wesens voraussehen müssen, noch ehe dieses erschaffen war.

So spricht in uns das Schuldbewußtsein. Hätte ich nicht den elenden

Sohn im Herzen getragen, ich hätte so gottlos gewiß nicht gedacht. So

war ich gleichsam jetzt der Mitschuldige aller Missethäter, da ich

nicht sowohl diesen, als vielmehr Gott die Schuld gab an ihrer bösen

That; denn ich vertheidigte sie ja im Gedanken und klagte den Herrn an.

Und ich sollte auf dem Richterstuhle sitzen?!

Ich zitterte wie ein Verbrecher vor dem Eintritt in den Gerichtssaal.

Da kam mir in der letzten Stunde vor dem Beginne der Schlußverhandlung

die Weisung zu, ich sei in diesem Straffalle als Geschworner abgelehnt

-- abgelehnt von dem Angeklagten selbst.

Ich war überrascht und sann nach, ob das Rücksicht oder Mißtrauen

sei, und was den Mörder nur veranlassen konnte, gerade auf mich zu

verzichten. Wie ich harmlos war!

Da aber mein Interesse für den Fall schon einmal erweckt war, so ging

ich doch in den Gerichtssaal und setzte mich unter das zahlreiche

Publicum.

Alles war gespannt und flüsterte, erging sich in Vermuthungen und

Behauptungen, und man verfluchte den Mörder, noch ehe man ihn sah.

Besonders die anwesenden Frauen urtheilten strenge. -- „Die Geliebte zu

ermorden!“ sagte Eine in lebhafter Entrüstung, „die eigene Geliebte!

Entmenschteres kann es nicht mehr geben!“ Die so sprach, war dieselbe

Frau, welche ich einige Abende früher im Schauspielhause bei „Romeo und

Julie“ bitterlich schluchzen gesehen hatte.

Eine zweite Dame meinte: zu einer That, wie die von dem heutigen

Angeklagten begangene, könne nur die reinste und glühendste Liebe

fähig sein, die Vereinigung im Tode finden will, wenn solche im Leben

vergeblich gesucht werde.

„Na, wir sind ja nicht im Theater,“ antwortete eine streng sittliche

Nachbarin ärgerlich, „wo kämen wir hin auf der lieben Welt, wenn die

Leut’ solche Ansichten hätten!“

Ich meinte schier dasselbe, enthielt mich aber jeder Aeußerung.

Endlich wurde der Angeklagte mit geschlossenen Händen von zwei

bewaffneten Gerichtsdienern vorgeführt. Mir verging das Augenlicht.

Der Angeklagte war mein Sohn. -- -- --

Er war blaß, gedrückt, aber ruhig. Er hatte in einer kurzen Wendung

sein Angesicht gegen den Zuschauerraum gerichtet; ein Blick seines

mattleuchtenden Auges war auf mich gefallen. Ein leises Zucken -- ich

merkte es wohl -- ging durch seine Gestalt; dann aber war er wieder

gelassen und wendete sein Angesicht nicht mehr in die Richtung gegen

mich. -- Ich weiß heute noch nicht, wie es mir möglich war, mich zu

sammeln. So sah ich mein Kind wieder. Doch, das konnte ja nicht der

des schweren Verbrechens Angeklagte sein; der Mörder hieß anders. Oder

hatte er den falschen Namen gewählt; um mich zu schonen? Wie sollte

das nützen! In der Stadt -- gleichwohl diese ziemlich weit von meinem

Gute entfernt lag -- war er ja doch nicht unbekannt. Die amtlichen

Erhebungen waren rasch vollzogen worden und der Staatsanwalt nannte

laut -- daß mir der Grund des Herzens erbebte -- den Namen Alfred

Baumgartner: angeklagt des Mordes im Gasthause zum „Pelikan“ am Morgen

des 18. Mai 18.. an einem zwanzigjährigen Mädchen, Namens Rosa Weching,

durch einen Schuß verübt, nachdem er Letztere als seine Geliebte aus

ihrem Elternhause zu Lehnbrück entführt hatte.

Meine Nebensitzenden, die mich kannten, wollten mich hinausführen, da

mir unwohl sein müsse. Ich dankte und trocknete mir die Stirne mit dem

kühlen Sacktuche. Und ich habe der Verhandlung beigewohnt. Es war das

Schrecklichste in meinem Leben. Gewiß, die blutige That wurde doppelt

gesühnt -- an ihm, an mir.

Die Verhandlung verlief rasch; Alfred war in Allem geständig. Der

Staatsanwalt trug ein „Schuldig zum Tode“ an. Mehrere der Geschwornen

sah ich mit dem Kopfe nicken.

Der Angeklagte saß bewegungslos wie ein Steinbild auf der Bank. Der

Richter fragte ihn, ob er etwas zu bemerken habe, oder ob er jegliche

Verantwortung dem Vertheidiger überlassen wolle.

Da erhob sich Alfred von der Armensünderbank und hub an zu sprechen.

Ich kann kein Wort davon vergessen.

„Ihr Herren Richter,“ hub er an, „ich will nicht rechten um mein Leben;

das -- ich wußte es -- war verfallen, ehe ich in dieses Haus geführt

wurde. Das Leben ist mir die größte Last, und was mein Vertheidiger zu

meinen Gunsten auch sagen mag, Ihr gerechten Richter, ich bitte Euch,

verurtheilt mich zum Leben nicht! Die Schuld ist ja der Uebel größtes

und ich bin schuldig geworden; -- so endet meine Qual! -- Aber auf

meinen Vater werfet keinen Stein, er hat’s echt mit mir gemeint --

ich hab’s früh genug erkannt. Doch, wer vermag seinem Verhängnisse zu

entgehen?“

„Pah, Verhängniß!“ unterbrach ihn Einer der Geschworenen, „der Glaube

an das Verhängniß ist ein unselig’ Ding und -- eine leichtfertige

Ausrede.“

„Ihr Alle säßet da in tiefer Schuld!“ fuhr der Angeklagte fort, „hätten

Euch das Temperament und äußere Verhältnisse so mitgespielt, wie mir.

-- Ich wußte, meine Liebe zu Rosa würde den Frieden meines Hauses

zerstören; +sie+ wieder wußte, daß sie für meine Verhältnisse

keine Hausfrau sein könne. Und wir mußten uns doch lieben. Außer uns

ist Niemand dadurch zu Schaden gekommen. Und schließlich: auch wir

selber nicht. Wir haben das kurze Glück einem langen, freudenlosen

Leben vorgezogen. Soll ich sagen, daß unsere Liebe wahr und heiß

gewesen? Ich mag keine Rührscene geben, denn Thränen sind hier nicht

am Platz, aber fragen möchte ich Euch Alle: gab es für uns einen

andern Ausweg, als den Tod? -- Ihr wißt es ja, daß wir, ich und sie,

beschlossen, miteinander zu sterben. Ihr habt es in den Briefen

gelesen, die wir vor der That an die Unsern noch geschrieben. Wir

haben sie versiegelt auf den Tisch gelegt; wir haben mit Ueberlegung

und Ruhe gehandelt und leichten Herzens. Das Leben ist der Güter

höchstes nicht!“

„Die Gerichtsstube ist kein Declamationssaal!“ rief ein Herr von der

Tribüne.

„Ihr staunt und meint, der dem Tode Geweihte habe noch Lust zu Phrasen.

Unsere Liebe war groß genug, das Wort zu begreifen. -- O, hätte ich

doch mit ihr sterben können! Wer mich daran gehindert, der hat mich

in den Jammer gestoßen. -- Wißt es noch, wie es war. -- An meiner

Brust liegt ihr Haupt; sie lächelt, sie mahnt, sie bittet, sie fleht

mich an, den Entschluß auszuführen. Eine Minute +vor+ ihr wäre

ich gern gestorben; doch dünkte mir das zu feige, zu rücksichtslos

für meine Braut. Ich will kurz sein, wie die That kurz war, und Euch

gern verschonen mit der Beschreibung der letzten Augenblicke -- die

mir die größten meines Lebens waren. Rasch sende ich die Kugel aus der

Doppelpistole in ihr Herz. Sie sinkt lautlos hin, während ich die Waffe

gegen +meinen+ Leib richte. Da versagt der Schuß, und mittlerweile

eilen die Leute herbei und führen mich davon. -- Und jetzt nannten es

die Leute einen Mord und mich rissen sie vom Tode weg, um dem Tode

mich zuzuführen. Wohlan, sie haben recht; das aber sage ich laut: Die

durch mich fiel, aus Liebe habe ich sie getödtet. Jetzt, Ihr gerechten

Richter, thut an mir desgleichen.“

Die Hände gefaltet, sank er nach diesen gebrochenen Sätzen zurück auf

die Bank.

Darauf erhob sich der Vertheidiger, und seiner langen Rede kurzer Sinn

war der:

Der unglückliche junge Mann gehöre nicht in das Criminal, sondern in

das Irrenhaus.

Nach all’ dem verließen die Richter und Geschwornen ihre Sitze und

gingen in ein Nebengemach, um zu berathen. Ich erhob mich auch und ging

hinaus.

Am Thore hörte ich eine Stimme: „Das ist sein Vater, der Tyrann, auf

den fällt das Blut!“

Ich sah nicht um; an der Treppe brach ich zusammen.

Als ich wieder zum Bewußtsein kam, waren viele Leute um mich,

und Mehrere riefen mir zu, ich solle getrost sein, mein Sohn sei

freigesprochen worden.

Daß sie ihn dem Irrenarzt übergaben, das erzählten sie mir nicht.

Feierabende: Lustige und finstere Geschichten · 第 25 / 29 段