Als er im Oberschachen den ersten Hasen schoß, hörte der Revierwart

den Knall, errieth auch den Schützen, da er aber sonst den Franz wohl

leiden mochte, so ließ er die Sache verhallen. Als der Franz Schlager

sah, das Ding ginge so leicht ab, schoß er das nächstemal einen Rehbock

nieder, schleppte denselben mitten in einem Sturmwetter in sein Haus

und rief: „Theres, der da gehört Dein, zum Namenstag!“

Selbstgefällig schmunzelnd blickte er sein Weib an und erwartete

freudigen Dank. Aber sein Weib begann zu schluchzen: „Das schmerzt

mich, Franz, das schmerzt mich hart. Mit einer Blum’ vom Feld, mit

einem Stein von der Straßen hättest mir Freude gemacht, wär’ es mir zu

Lieb’ vermeint gewesen. Aber eine gestohlene Sach’ schenkst Du mir, so

viel bin ich Dir werth....“

Es war zum Erbarmen; so bitterlich hatte er sie noch niemals weinen

gesehen. Er schwieg eine Weile.

„Theres,“ sagte er endlich und stellte sich keck vor sie hin: „Mit

Fleiß willst mich jetzt kränken, weißt gleichwohl, daß ich’s gut hab’

gemeint.“

„Franz,“ sagte sie, „das weiß ich gleichwohl und schau’, ich

+lach’+ schon wieder, Du giebst mir heut’ ja noch ein ordentliches

Bindband (Angebinde). Versprich’ mir’s, mein Franzl, wildern willst

nimmer!“

Er nickte mit dem Kopf. Sie umfing ihn mit beiden Armen und lächelte

mit feuchtem Auge.

Nicht lange darnach ist dem Paare ein Kindlein gekommen.

Ein Kindlein! -- Bin sonst nicht nervenschwach, aber wenn ich dieses

Wort schreibe, so zittert mir immer die Hand. Ein Kindlein! Ich denke

an die Vaterfreuden, an das Mutterglück. Mit jedem Menschenkinde

wird der Erlöser neu geboren, unnennbare Seligkeit guten Elternherzen

spendend. Therese ging fast in Mutterliebe auf; sie fühlte kein Herz

mehr in ihrer Brust, sie fühlte es vor sich liegen in der Wiege.

Franz arbeitete mit neuem Muth und blickte mit hellerem Auge in

die Welt hinaus. -- Da sah er hier einen Hasen kauern, dort ein

Reh huschen; da hub ihm das Blut zu wallen an, wie lauter glühende

Bleikugeln heiß. -- Und der jungen blassen Mutter müsse ein frischer

Braten gar sonderlich wohl bekommen.

Als Theres wieder todtes Wildpret im Hause sah, zerrte sie den Gatten

von der Wiege des Kindes, wo er eben gestanden war, führte ihn in einen

Winkel des Vorgemachs und sagte:

„Unser Sohn soll das Wort nicht hören: Franz, Du bist ein Wildschütz’

-- ein Dieb!“

Sie ließ ihn stehen und stürzte davon und brach an der Stätte des

Kindes zusammen.

„Und Du!“ rief Franz zur Stube hinein, „Du bist ein überspanntes Ding.

Thun es Andere auch; wenn Jeder deshalb schon ein Dieb wär’! Der

Herrgott hat die Thiere des Waldes für Alle erschaffen!“

„Darauf laß ich mich nicht ein,“ sagte sie, „Du willst das letzte Wort

haben; Du weißt so gut, wie ich, was unrecht ist.“ Bald aber erhob sie

sich, trat ihm einige Schritte entgegen, faltete zitternd die Hände in

einander: „Franz, bös’ hab’ ich’s nicht gemeint. Und wenn Du schon das

+Unrecht+ nicht willst sehen, so denk’, es könnt’ einmal zu Deinem

Unglück sein. Geh’, mein lieber, mein guter Mann, laß’ das Wildern

bleiben!“

„Ich weiß ja, Du willst mir keine Freude gönnen!“ rief er unmuthig und

ging davon.

Da hatte sie kein Wort mehr, als den heißen Thränenstrom, der auf das

Bettlein des Kindes niederrann. -- „Er hat keine Freude. Da ist sein

Kind und da ist sein Weib, und er geht in den Wald hinaus und sucht

sich eine Freude....“

Was kann mir denn geschehen? dachte Franz; jetzt ist schon gar keine

Gefahr -- ist ja der Jäger krank und der neue Gehilfe ist noch nicht

angekommen. Jetzt ist die Zeit dazu.

Und er nahm wieder das Gewehr unter den Wollenmantel und er ging davon.

Theres bat ihn noch einmal, hielt ihm das Kind entgegen: „Franzele,

bitt’ auch Du Deinen Vater! Halt’ ihm das Händlein hin, streichle ihm

die Wange; -- ’s ist ja Dein lieber, braver Vater, und er bleibt gewiß

daheim, bei seinem kleinen Bübel.“

Das Knäblein lächelte, zupfte an dem Bart des Mannes und wollte nicht

auslassen.

„Nu, nu,“ schmunzelte Franz, „ich komme ja bald wieder. Nur einen

Habicht will ich heut’ aus der Luft brennen, er frißt uns ja sonst die

Hühner auf. So Raubthiere muß man austilgen.“

Und er ging pfeifend hinaus in den herbstlichen Wald. Er sah sich nicht

mehr um, denn er wußte wohl, Therese stehe noch vor dem Hause mit dem

Kleinen und blicke ihm nach mit weinendem Auge.

Und als er in den Wald kam und sein Späherblick die Thierlein sah, die

kriechenden, die fliegenden, die springenden -- so hub seine Begier

gewaltig an zu glühen...

Theres nahm den Kleinen mit auf den Acker und grub Kartoffeln aus der

Erde, und war emsig und unermüdlich dabei. Wenn man Herzweh hat, so muß

man brav arbeiten, dann wird’s gut.

Heute wollte es aber nicht gut werden. Heute kam eine ganz besondere

Angst über das arme Weib, als ob etwas Arges nahe wäre. Sie betete

in Gedanken um Schutz für ihren Mann. Dabei kam ihr in den Sinn: Wie

kann denn der gerechte Gott Diebe beim Stehlen beschützen! -- Aber sie

betete: „Du, sein heiliger Schutzengel, beschirme sein Herz, beschirme

es vor sündhafter Begier. Er ist ja sonst ein guter Mensch, thut

Niemandem was zu Leid und ist gar ein braver Gatte und Vater. Du lieber

Gott, das kann ich Dir wohl mit Freuden sagen!“ -- Sie schluchzte dabei

und grub und grub die Erde auf und grub in Gedanken oft tiefer ein, als

die Früchte lagen. Das Knäblein -- es war ein halbes Jahr kaum alt --

jauchzte hell und verlangte nach der Mutterbrust. Sie vernahm es heute

kaum, und als sie den Spaten fahren ließ und zum Kinde kam, war dieses

eingeschlummert.

Es ging gegen Abend. Das Gevögel schwieg, die Hühner saßen auf ihren

Stangen. -- Franz war noch nicht zurück.

Theres hatte lange in’s Weite geblickt; ihre Unruhe war heute wilder

Natur. Und als jetzt der späte Abend kam, harrte sie nicht mehr länger.

Sie nahm das schlummernde Kind auf den Arm, hüllte es ein mit des

Vaters brauner Joppe, verschloß das Haus und ging dem Walde zu.

Kein Ast und kein Baumwipfel rührte sich. Die langen Schatten der

Bäume lagen da, junge, wachsende Kinder der Nacht. Theres ging an

einer Schlucht hin. Das rauschende Wasser that ihr weh, denn ihr war,

als müsse sie diese unheimlich zischenden Stimmen verstehen, und sie

verstand sie doch nicht. Sie stieg die Lehne hinan und war sorglich,

daß sie das Kind nicht wecke. Neben Büschen von Enzian setzte sie

sich auf einen Stein und horchte. Alles schwieg und war im Frieden.

-- Und wenn ein wildleidenschaftlich Herz pochte im Walde, man müßte

es hören von Weitem in dieser reinen Abendruh’. -- Die blauen Glocken

der Enziane wiegten sich sanft, und es ging doch kein Lufthauch; sie

läuteten und man hörte das ewige Klingen der Stille.

Jetzt erwachte das Knäblein. Die Mutter reichte ihm die Brust. Es trank

mit Lust. Und das Weib strengte sein Ohr an und meinte einen Laut,

einen Schritt ihres Mannes zu hören -- und sie hörte doch nichts.

Dann blickte sie die blauen Blumen an, die wie Flämmchen noch

leuchteten, da es schon dunkel war. -- Irrlichter sollen auch zuweilen

in blauen Flammen leuchten. Aber Blumen sind keine Irrlichter; Blumen

sind Augen Gottes -- so hat’s oftmals die Ahne gesagt. -- Und jetzt,

Franzele, jetzt blickt uns Gott an mit seinen blauen Augen. Schau, er

hat uns lieb; -- Gottes Auge wacht auch über dem Vater...

Ein Knall -- -- da war ein heißer Blitz durch den Busen des Weibes

gegangen.

Sie stieß einen lauten Schrei aus -- sie preßte das Kind an sich.

Franz Schlager hatte den Schrei gehört, nachdem er die Kugel abgesandt

nach dem braunen zuckenden Punkte zwischen den Büschen jenseits der

Schlucht -- vermeinend ein eben früher aufgestöbertes Reh zu erlegen.

Er hörte den menschlichen Ruf und eilte und sprang über Stock und

Gestein, die Tiefe hinab, den Hang hinan -- und fand sein sterbendes

Weib.

Das Kind sog noch an der Mutterbrust, über welche vielarmig die

Bächlein des Blutes rieselten. Das Weib war mit matten Bewegungen noch

bemüht, das strömende Blut so zu wenden, daß es sich nicht vermische

mit der Muttermilch, deren sich das liebe Kind zu dieser Stunde das

letztemal erfreute.

Mit wildem Gestöhne stürzte Franz hin, mit bebenden Armen riß er ihr

sinkendes Haupt empor. Sie hob noch das Augenlid und sagte leise: „Mein

Franz -- gelt -- das Wildern -- laßt sein?“

Er that einen rasenden Schwur, er ließe es sein.

Sie sagte nichts mehr. Noch ein Blick gegen ihr Kind -- ein zitterndes

Tröpflein in ihrem Auge -- -- dann war es starr und öde auf dem lieben,

trautsamen Antlitz.

Die Enziane läutete still in der ruhsamen Nacht... Auf der Erde war sie

nicht gehört, aber in den Himmeln hat diese Sterbeglocke geklungen.

[Illustration]

Der Gang zur Mutter.

Die Säge stand still, das letzte Brett glitt über die Rutschbalken

nieder. Es war Feierabend -- Feierabend des Tages und Jahres --

Sylvesterabend.

Wolfgang, der junge Sägemeister, stieg langsam von seiner Werkstatt

nieder, und sah auf die weißen Bretter hin, auf welchen noch der Staub

der Sägespäne lag, und dachte daran, was man Alles daraus machen könne:

Tisch und Schrank, Bettstatt und Bank, Wiege und Schrein. -- Wiege

und Schrein! Am Sylvesterabend denkt sich so etwas gern, besonders,

wenn man ein sinniger Kopf ist, wie der Wolfgang, ein altes mühseliges

Mütterchen hat drüben in der Seegrub, und daheim ein süßes Weibchen,

das der Herr gesegnet hat in den Tagen des Lenzes, als das erste

Schwalbenpaar sich einheimste im Dachgiebel des kleinen Hauses an der

Amster.

Zu diesem Weibchen schritt nun Wolfgang heim, daß er mit ihm ein

glückseliges Jahr schließe und ein neues glückselig beginne. Agatha

saß bei ihrem Nähtisch, nähte aber nicht, sondern legte die Hände in

den Schoß und blickte träumend auf das Nadelkissen. Aber nicht das

Nadelkissen sah ihr geistig Auge, sondern -- -- o, lieber Leser, wie

könntest du verlangen, daß ich wisse, was ein junges Weib, zur Seherin

geworden, in solcher Stunde schaut!

Ihr eigener Mann mußte sie wecken, da er die Hand auf ihre Achsel

legte, und fragte: „Wie so, Agatha, daß Du mich heute gar nicht

gewahrst, wenn ich bei der Thür’ hereinpoltere? Du schläfst ja wie ein

Hase -- mit offenen Augen!“

Sie ermannte sich rasch aus ihren Träumen, blickte treuherzig zum Manne

auf und lächelte.

„’s mag wohl sein, daß das neue Jahr gut anhebt,“ sagte sie dann, und

ihre Wangen schimmerten rosig, wie draußen der Schnee im Abendroth.

Es wird ein Kuß gewesen sein, den jetzt der junge Gatte auf die Lippen

seines Weibes gedrückt, ein absonderlicher Kuß, dem neuen Jahre

vermeint, der Zukunft -- dem Kinde.

Und zur Stunde trippelte das alte Zwick-Schusterlein in die Stube; das

hatte voran über der Brust das Werkzeugtrühelchen hängen, und hinten

über dem Höcker eine große klappernde Traube von Leisten verschiedener

Größe und Form -- in Holz geschnitzt die Füße der Einwohner von

Amsterdorf und Seegrub. Gar Mancher, der auf eigenem Fuße stehen und

leben konnte, hatte sich für seinen Fuß eben eigene Leisten anfertigen

lassen, und es war daher beim Zwick-Schusterlein nicht richtig, daß es

alle Stiefel nach +einem+ Leisten schlage. Aber das harte Tragen!

Es war leicht zu errathen, wo diesen Mann der Schuh drückte: hinten auf

dem Höcker.

Nun wohl, so rasselte der kleine Alte mit seiner Last zur Thür’ herein,

und sagte: „Gewiß Gott zum Feierabend, miteinander! Ich komm’ von

der Seegrub herüber, hab’ nur eine Post auszurichten und geh’ gleich

wieder. Die alt’ Mutter drüben laßt bitten, wenn’s dem Wolfgang nicht

gar zu unhandsam thät sein, daß er heut’ noch ein bissel wollt’ zu ihr

hinübergehen.“

Die Eheleute erschraken und fragten gleichzeitig, ob was geschehen

wäre, ob sie nicht doch gar krank wäre, die Mutter!

„Auf das kann ich nichts sagen, Sie hat mich durch den Pechölbuben

bitten lassen, daß ich’s bei Euch ausricht’. Möcht’ sich nicht

schicken, daß ich eine Weil’ nachgefragt hätt’, wegen was, oder warum.

Jetzt hab’ ich meine Sach’ ausgerichtet; vergunn’ Euch ein glückseliges

Neujahr miteinand und sag’ gute Nacht, Leutel.“

Kaum die letzten Leisten des Schusters zur Thür’ hinausgeklappert

waren, sagte der Wolfgang: „Was wird’s jetzt geben? Muß schon was

Wichtiges sein, daß sie mich hinüberruft den weiten, schlechten Weg in

der Nacht, und in so einer Nacht. Die Mutter verlangt nicht dergleichen

ansonst. Arg krank geworden muß sie sein, anders kunnt ich mir’s nicht

auslegen. Daß es nur +heut’+ nicht wär’!“

„Da müßt doch eine alte Kuh lachen, wenn der Wolfgang sich in der

Sylvesternacht vor Gespenstern wollt’ fürchten!“ rief das Weib.

„Du bist aber schon gar, Agatha, daß Dir so was kann einfallen. In

der Todtenkammer will ich schlafen die heutige Nacht, der Gespenster

wegen. Kugelscheiben mit den Todtenschädeln, Gott verzeih’s! -- Aber

+Dich+ mag ich nicht allein lassen, die heutige Nacht -- von wegen

dem, was Du vorhin hast gesagt.“

Sie lachte. Damit hätt’s noch lange Zeit. Bis in die Seegrub wäre es

nicht ganz drei Stunden, da könnte er leichtlich nach Mitternacht

wieder zurück sein; wäre aber nicht vonnöthen, möge sich friedsam

ausschlafen in der Seegrub und morgen bei Sonnenschein wohlgetrost nach

Hause gehen.

So gut verstand sie das Zureden, daß der Wolfgang den Lodenmantel

anzog, den Stock zur Hand nahm und ging.

Es war schon dunkel, als er emporstieg den bewaldeten Bergzug, welcher

das Amsterthal und die Gegend der Seegrub scheidet. Das rothe Rad des

Mondes ging auf; der Wolfgang warf einen langen Schatten über das

Schneefeld hin, und unter seinen Füßen knarrte der Pfad.

-- Was es nur geben wird drüben bei der Mutter? Fünfundsiebzig Jahre

alt sein, ist eine gefährliche Krankheit. Da rücken sie so an, eins

um’s andere, morgen kommt wieder ein neues und man hat seinen Spaß

dabei. So Jahre sind wie der Hüttenrauch (Arsenik), den der Roß-Wasti

so gern ißt: in rechtem Maße genossen, macht er schön und stark, zu

viel bringt Einen um. Die Jahre sind auch so ein Gift.

Als er zur ersten Anhöhe gekommen war, blickte er auf das Dorf hinab,

dessen Kirchthurm schon in das Mondlicht emporstand. Die Säge am Bach

und das Haus mit der Agatha lag noch im Schatten. Sechzehn Stunden

dauert es um diese Jahreszeit, bis die Sonne wieder kommt. Da kann

dieweilen viel geschehen im Finstern. Wolfgang, wenn Einer, während

Du hinüber zur Mutter gehst, zu Deiner Frau kommt?! Sie ist jung und

hübsch, sie wird ihn herzen und küssen, wird ihn lieber haben, als

Dich! Du bist zwar noch gar nicht alt, aber etwan kann er noch um ein

Erkleckliches jünger sein, als Du, und wenn Du nach Hause kehrst, so

wird sie ihn nicht mehr von ihrer Seite lassen, wird ihn an ihre Brust

drücken Tag und Nacht..... Du lächelst, Wolfgang, und meinst, das könne

schon sein -- hättest aber nichts dagegen. Und lieb haben, nicht zu

sagen, wie liebhaben wolltest Du den kecken Nebenbuhler, und ihm Alles

sein und geben, was an Dir ist, was Du hast und geben kannst. -- So

eile denn, daß Du bald wieder zurück bist.

Er ging sinnend über die hohe Heide hin, ging durch Wälder und über

kahlen, felsigen Grund, wo der Wind allen Schnee weggefegt hatte, und

wo auch jetzt eine scharfe Luft ihm Eisnadeln in’s Gesicht säete,

daß er kaum im Stande war, die Augen offen zu halten. Endlich war er

vor dem großen Kreuze, welches an der Grenze stand, so daß Christus

seinen ausgespannten rechten Arm im Gebiete der Amster, den linken

im Bereiche der Seegrub hatte. Der Mond war hoch gestiegen und licht

wie Silberblick geworden; so sah er über die alten Bäume her auf das

Crucifix, mild und ernst, als wollte er sagen: Ich weiß noch eine

Zeit, da du hier nicht standest, eine Zeit, da die Erde nichts wußte

von einem gekreuzigten Gott. Wenn du heute zusammenbrichst, morscher

Holzstamm, so werden sie dich morgen wieder aufrichten -- ob eine Zeit

kommen wird, daß sie dich, du hehres Bild göttlicher Selbstopferung,

nicht mehr erhöhen werden? Und da die Menschheit so tief gesunken sein

wird, daß sie das Sinnbild der Aufopferung nicht mehr erfaßt, oder so

hoch gestiegen, daß sie seiner nicht mehr bedarf? -- Wolfgang, der

über das Scharren seiner Säge hinaus bisweilen gern auf den Zeitgeist

horchte, hatte häufig ähnliche Gedanken, und so kam es auch, daß er

nun, vom Bergkreuze abwärts, im Sinnen über Allerlei den halbverwehten

Fußpfad verlor und über die Schneegründe weglos dahinging. Aus dem

Thale herauf hörte er schon das Rauschen des Rabenbaches, welcher

hoch in den Felsen entsprang und in mehrfachen Stürzen niederbrauste

von Hang zu Hang, bis er unten sich als stattlicher Fluß in den

Seegruber-See ergoß.

Da Wolfgang seine Richtung genau kannte, so achtete er nicht auf den

Fußpfad, sondern eilte flink weiter, um ehestens das Mütterlein zu

sehen. Er rüstete sich in Gedanken für alle Fälle, so wie es ja seine

Gewohnheit war, das Beste zu hoffen und auf das Schlimmste gefaßt zu

sein. Diese Regel ist das gesundeste Kraut gegen den Uebermuth und die

Verzweiflung; es wächst auch auf steinigem Boden und mitten im Schnee.

Plötzlich der Tod da. Ein Schritt noch, und der Wolfgang wäre in

denselben hineingesprungen. Ein tiefer Abgrund lag vor ihm, er stand

an dem äußersten Rande eines Felsens. Umkehren und den ausgetretenen

und doch wieder verwehten Fußpfad suchen? Nein. Bei einiger Vorsicht

ist im Gehänge der Abstieg leicht zu finden. Er kletterte am Gefelse

hinab, rutschte mehrmals im Schnee, schlug dann mit den Füßen etliche

Eiszapfen los, wie sie an Abenden von sonnigen Tagen gewachsen waren,

wand sich an erstarrten Gesträuchen hin, bisweilen die Ruthe eines

Haselnußbusches oder Erlstrauches als Strickleiter benützend; dann

stand er auf sicherem Boden still, um zu ruhen. Da wurde er auf ein

dumpfes Dröhnen aufmerksam, welches aus dem Gewände zu kommen schien,

das ihn umgab. Anfangs glaubte er, es fahre irgendwo eine Schneelawine

los, und er suchte sich unter einem Vorsprunge zu schützen. Aber das

Dröhnen währte gleichmäßig fort, und Wolfgang bildete sich ein, es

bebe davor der Boden. Rathsam fand er es eigentlich nicht, hier so

hinunter zu steigen, ohne den Abgrund zu kennen, der wie ein „graues

Nichts“ heraufgähnte. Aber, sollte er denn wieder aufwärts klettern

mit Lebensgefahr, und im besten Falle den Weg zur kranken Mutter um

mehrere Stunden verlängern? -- Er stemmte sich auf den Stock und

fuhr niederwärts. Im Gerölle ging das Rutschen nicht, wie sonst zur

Sommerszeit, da der Boden, auf welchem der Waller steht, sanft vor

sich hingleitet; die Steinchen waren fest aneinandergefroren. Um so

fröhlicher ging’s über die Schneelehnen. Auf einer solchen ließ

sich Wolfgang rasch und mit der kühnen Geschicklichkeit des Aelplers

hinabfahren. Als er in eine Mulde kam, wo das Schneefeld sich zu einer

kleinen Thalung ausschweifte, fuhr der gute Wolfgang geradeaus in

den Boden hinein -- und war von der mondbeschienenen Erdoberfläche

verschwunden.

Unter der Schneedecke war der Sägemeister in tiefer Finsterniß noch

eine Weile über Stein und Sand dahingerutscht, bis ihn ein Felsstück

aufhielt. Für den ersten Augenblick konnte er sich nur noch denken:

Jetzt hat mich die Erde verschlungen! -- Dann war er betäubt.

Allmählich weckte ihn das erschütternde Tosen und der Wasserstaub,

welcher aus der Tiefe drang. Er erkannte seine Lage, er hing in der

Rabenschlucht über dem großen Wasserfalle des Rabenbaches, welcher zu

dieser Zeit hoch oben mit Schnee und Eis eingewölbt war. Sein fahrender

Körper hatte das Gewölbe durchbrochen und nun drang der Schimmer

der Mondnacht hernieder und zeigte ihm die zuckenden, quirlenden,

gischtenden Silberlichter des zu seinen Füßen rasenden Wassers.

„Jetzt heißt’s Obacht geben, Wolfgang, sonst wirst waschnaß!“ sagte

er zu sich selber und rückte sich auf seinem Felsenstuhle ein wenig

zurecht, daß er nicht weiter rollen konnte, denn hier war das Gerölle

nicht gefroren, sondern rieselte fortwährend nieder. Dann überlegte er,

wie er diesen durchaus unbehaglichen Verhältnissen wieder entkommen

könne, und dabei faßte ihn das Grauen. Emporwärts zu kommen die steile

finstere Kluft war nicht möglich, und aus der brausenden Tiefe griffen

tausend Arme des Todes herauf. Wolfgang saß still und lehnte sich an

die rauhe, triefende Wand und murmelte: Das hätt’ ich nicht gedacht,

daß ich die heutige Sylvesternacht beim Wasser zubringen sollte;

Andere sitzen beim Wein.

Dann versuchte er’s doch mit dem Aufwärtsklettern; aber er sah, daß

er dabei immer tiefer kam, anstatt höher, weil sich um ihn Schnee

und Steine lösten. So trachtete er nur wieder mit starkem Arm seinen

Felsvorsprung zu erreichen und meinte hernach in seiner Weise: „’s

ist überall gut, aber hier ist’s am besten. Will ich halt da sitzen

bleiben, bis das neue Jahr kommt; das neue Jahr bringt einen Auswärts

(Frühling) mit, der schmilzt mir mein Dach weg; nachher will ich schon

hinauskommen. -- Nur, daß die Mutter ein Eichtl hart warten wird in

Seegrub unten, und die Agatha in Amsterdorf drüben. -- O ’s ist hell

zum Lachen, daß ich so dumm bin in die Falle ’gangen!“ Es war doch ein

Ausruf der Verzweiflung. ’s ist hell zum Lachen, wie ein Mensch auf so

schreckbare Art zugrunde gehen kann!

Dann sagte er wieder: „Zugrund’ gehen? Von dem ist ja gar keine Red’.

Ich sitz’ da, was fehlt mir denn? Ich rast’ mich aus. Und besinn’ mich.

In der Neujahrsnacht macht man sich ja gern ein wenig abseits von den

Leuten und denkt nach über Vergangenes und Kommendes. Hätt’ ich nur ein

bissel leichter Zeit zum Simuliren; vor mir ist eine sterbende Mutter,

hinter mir ein gebärendes Weib. Und der Lump sitzt in der Rabenschlucht

und laßt sich’s gut gehen. -- Herrgott, rette mich!“

Das Wort schrie er wild in die Felswand hinein; das Tosen des

Wassersturzes überbrauste es. Aber der Herrgott hörte es und schickte

einen Gesellen. Der guckte mit hellem Auge durch die Oeffnung nieder.

Der Mond war’s. Der hüllte mit seinem Dämmerlichte die Schrecknisse

erst auf. Die Höhle war wild zerklüftet, aus einer ungeheuren Spalte

brach die Wasserfluth in schwarzen, üppigen Wuchten, dann stürzte

sie nieder und zerschellte an den Felskanten zu tausend funkelnden

Scherben, welche mit neuer Lebendigkeit und Gewalt abwärts schossen

in die Untiefe. Von der Höhe hingen abenteuerliche Gestalten in

Schneemassen und Eisgebilden nieder und im Nebelstaube schimmerten

wunderbar zarte Regenbogenfarben.

„Man sieht was Neues,“ sagte sich Wolfgang. „Nur, daß mich kein Mensch

hören kann, wenn sich um Kameradschaft schrei’. Im Traum wär’s mir

nicht eingefallen, daß Unsereinem das alte und das neue Jahr in der

Rabenschlucht zusammenkommen sollten. Hab’ oftmals das Wort gehört

vom Zeitenstrom, jetzt sitz’ ich da und seh’ ihn hinunterstürzen,

und mich durchnäßt er mit seinem Thau, bis ich im Frost erstarrt mit

hinunterpurzle in’s Wasser. Wenn das der Pfarrer von Amsterdorf thät

wissen, das wär’ ihm ein gefundenes Gleichniß auf das menschliche Leben

für die morgige Predigt. -- Daß nur die zwei närrischen Weiber nicht

auf mich thäten warten.“

Noch einmal versuchte er es mit dem Hinanklettern -- ohne Erfolg;

ein Schneestück fiel von der Wölbung, das ihn schier in den Abgrund

geworfen hätte. Er saß wieder auf seinem Stein und drückte sich

fröstelnd an die Wand und dachte: „Jetzt wäre für mich die passendste

Zeit zum Verzweifeln -- es kommt nicht leicht eine bessere mehr. Ich

stürz’ mich da hinunter und der Rabenbach tragt mich von selber hinaus

zum Seegrub-See. -- O, Wolfgang,“ rief er dann, „hast du denn heute

deine Morgenandacht unterlassen, daß dir solche Gedanken kommen? Wer

wird sich denn umbringen, wenn er so gute Aussicht hat, daß es ohnehin

bald vorbei ist! -- O Gott, mein Gott im Himmel, allerweg hab’ ich auf

Dich Vertrauen gehabt. ’s schaut ganz unmöglich aus, aber Du hast dem

Daniel Rath gewußt, wie er in der Löwengrub’ ist gesessen. Wenn Du nur

willst, o, Vater unser, der Du bist in dem Himmel!“

Heiße Thränen stürzten ihm aus den Augen, daß er sterben müsse in so

jungen Jahren, ohne sein Kind gesehen zu haben.

Feierabende: Lustige und finstere Geschichten · 第 24 / 29 段