Die Mutter hatte dabei mehrmals mit dem Kopfe und mit der Hand

gezuckt, als wollte sie Fliegen abwehren. Der Vater war starr, wie aus

Lärchenholz geschnitzt, dagesessen, und als nun der Sohn ausgeredet

hatte und sich anschickte, die Stube zu verlassen, sagte der Alte:

„Bleib’ noch ein paar Augenblicke da bei uns, die Sache ist noch nicht

ganz in der Richtigkeit.“ Dann stand er schwerfällig auf, stellte sich

vor den Burschen, indem er sich auf den Sessel stützte, und begann nun

Folgendes zu sagen:

„Mein lieber Flori! Du hast da etwas gesprochen, aber greif’ mit der

Hand in die Luft hinein, ob das Wort noch wo herumfliegt. Wirst nichts

mehr finden; ich find’ auch nichts. Ich will’s nicht gehört haben und

hab’s nicht gehört. Solltest Du einmal heiraten wollen, so weißt, wen

Du zuerst zu fragen hast. Deine Eltern, das brauchst nicht zu glauben,

weil Du ’s lange schon erfahren hast, wollen Dein Bestes und werden

Dir nicht just Die auferlegen, die Du am wenigsten magst, und Du bist

gescheit und wirst nicht gerade die Eine aussuchen, die Deinen Eltern

am wenigsten ansteht. -- Jetzt kannst schon gehen, Flori.“

Der Flori ging aber nicht, sein Auge war wild und sein bebender Mund

murmelte: „Soll das eine Antwort sein, Vater?“

„Frag’ wird’s keine sein!“ sagte der Alte.

Nun hub auch die Mutter an.

„Bist denn närrisch worden, Flori!“ rief sie; „Du könntest im Gau

und im Kärntnerischen d’rüben keine Unrechtere finden. Die hat

Alles beisammen, was für Dich nicht paßt. Sei still und red’ nicht,

Lecker! Sie hat die Stegbrunnerische Hoffart an sich. Hättest um

etliche Jahre früher wohl können erfahren, dieweil solche Leut’ noch

Geld haben g’habt, wie ein Bidelmann (Freier) aus der Bauernschaft

dort aufgenommen ist; sie haben nicht mich und nicht Deinen Vater

angeschaut, in Sammt und Seiden sind sie daherstolzirt, und bei allen

Leuten der Hahn im Korb sein, das war ihr Begehren. Jetzt, weil sie

ihren Wirthskeller und ihren Kaufmannsladen verhaust haben und so viel

als wie Bettler sind worden, jetzt glaub’ ich’s gern, daß ihnen der

reich’ Bauersohn gut genug wär’. Auf die Schönheit gehst? Möcht’ schon

wissen, wo an Der die Schönheit steckt, und ich rath’ Dir, Flori, such’

sie nicht an der unrechten Stell’! Wie Du heut’ dastehst, denk’, wen

Du kriegst und wen Du brauchst! Das möcht’ eine Wirthschaft sein, Du

heilige Mutter Gottes! Das Verschwenden und das Feine-Frau-Spielen hat

sie gelernt; von einer braven Haushaltung weiß sie nicht so viel, als

meine Unterdirn im kleinen Finger hat. Nimm eine Dienstbotin, wenn sie

arbeiten kann und hausen, aber Eine, die reich gewesen und arm geworden

ist, stellst mir nit auf den Schwandhof, dafür bin ich und der Vater

da!“

Der Alte, der sich wieder auf seinen Sessel niedergelassen, nickte

beistimmend und kühl, als ob er weiter der Sache nicht genug

Wichtigkeit beilegte, um sich darüber zu ereifern. Dem Flori war nun

auch ein scharfes Wort aus dem heftig schlagenden Herzen auf die Zunge

gestiegen, aber -- wie die Weiber schon sind -- seine Mutter hub noch

einmal an und brachte allerlei gegen die Vrona vor, übertrieb, was

das Zeug hielt, und als sie nichts Neues mehr vorzubringen wußte,

wiederholte sie das Alte und wurde immer hitziger dabei, bis ihr der

Alte zuwinkte: „Geh’, hör’ auf, Hanna, und laß das Traumauslegen sein!“

Da stampfte der Flori mit dem Fuße in den Boden und schrie: „Verflucht!

Gegen die Vrona laß ich nichts sagen! Die wird mein Weib!“

Jetzt schlug der Alte sein Auge auf, es war grau und nebelig.

„Du ungeberdiger Laff’,“ sagte er, „zum Schreien und Fluchen ist das

freie Feld draußen weit genug. Kannst gleich schauen, daß heute der

Schafdung auf den Rübenacker kommt; wie es mir in dem Arm zuckt, glaub’

ich, daß wir Regenwetter kriegen.“

„Vater,“ entgegnete hierauf der Bursche, indem er seine Aufregung

niederzuhalten suchte, „seit ich Hand und Fuß rühren kann, habt Ihr

mich zur Arbeit gestoßen. Oft manche Stimm’ hab’ ich gehört, wie ich,

der einzige Sohn auf dem großen Hof, der Narr sein kunnt’ und ließ mich

hin- und herschummeln wie ein Knecht, früh und spat, jahraus, jahrein.

Ich hab’ mich nicht anfechten lassen, bin willig und fleißig gewesen --

wegen Vaters willen. Wer mich aber jetzt auch noch will unter den Füßen

haben, daß ich nicht einmal im Weiben mein Herr sein sollt’, mit dem

red’ ich aus einem andern Ton.“

„Hast ganz recht, Flori,“ höhnte der Alte.

„Dem sag’ ich, daß mich kein Gott und kein Teufel von meiner Sach’

abbringt!“

„Herrein!“ schnarrte der Schwandhofer auf ein Klopfen an der Thür.

Der Gerichtsdiener war’s. Ein Papier entfaltete er; um Unterschrift

hatte er zu bitten.

„Was habt Ihr denn schon wieder?“ murmelte der Alte.

„Nichts Unangenehmes diesmal,“ antwortete der Bote und las:

„Laut Gesetz vom (Datum, Paragraph und Zahl genau angegeben)

kann dem Gesuche des Lorenz Pürgher, derzeitigen Besitzers des

~vulgo~ Schwandhofes im Gau und seiner Ehegenossin Katharina

Pürgher, Mitbesitzerin auf genannter Realität, Beide gegenwärtig

zur selbsteigenen Verwaltung und Führung der Wirthschaft nicht mehr

befähigt, wegen gänzlicher Befreiung ihres einzigen Sohnes Florian

Pürgher von der Militärpflicht hiergerichts entsprochen werden und

hat außer genannten Bittstellern das obwaltende Gemeindeamt die

oben als Begründung des Gesuches angeführte Thatsache ordnungsmäßig

zu bescheinigen.

Das k. k. Kreisgericht.

N.“

„Was soll mir das?“ fragte der Schwandhofer. „Da steht eine Unwahrheit,

die ich nicht unterschreibe. Ich bin gottlob wieder gesund und stark

genug für mein Haus. Ich brauch’ Keinen. Gieb her, Bote, +das+

will ich aufschreiben...“

Der Flori fiel dem Alten in die Hand.

„Ist recht,“ sagte der Bauer, „so schreib Du’s auf: Ich nehme

mein Gesuch zurück, bleib’ Herr in meinem Haus und laß’ die

Stellungscommission mit meinem Sohn machen, was sie will. Na, schreib’,

schreib’!“

„Das ist ja Alles nicht nöthig,“ meinte der Amtsbote, „fehlt die

Unterschrift, so ist der Wisch ohnehin ungiltig.“

„Dann sind wir fertig!“

„Gefreut mich recht, daß wir in unseren alten Tagen noch so rüstig

sind!“ sagte der Bote nicht ohne Spott und verließ die Stube.

Flori war blaß bis in den Mund hinein, sein Auge rollte wild; die

Adern seiner Stirne schwollen an, seine Hände ballten sich zur Faust.

Aber es geschah nichts, als daß die dumpfen Worte gesagt wurden: „Ich

brauch’ Euch nicht. Gebe Gott, daß auch Ihr mich nicht braucht!“

Und Flori trat zu dieser Stunde das letztemal aus der Thüre seines

Vaterhauses.

In wenigen Wochen war er Soldat. Ein halbes Jahr später stand er auf

der Wacht inmitten der heißen Steinberge der Herzegowina.

Die alten Leute auf dem Schwandhof waren mürrisch und hinfällig.

Eines Tages wurden ihnen zwei Dinge in’s Haus getragen: ein

schwarzgesiegelter Brief und ein kleines Kind -- ersterer kam aus

Mostar von der Militärbehörde, letzteres vom Krankenbette der

Stegbrunnerischen Vrona.

Beides blieb im Schwandhofe -- es war ein Ende und ein Anfang.

[Illustration]

Am Fenster der Liebsten.

Die Jagd war unglücklich ausgefallen. Der Fürst hatte einem Treiber

die rechte Hand durchschossen. Der Treiber aber hatte Weib und Kind,

sonst aber nichts für sich und seine Familie, als diese Hand; er war

Waldarbeiter, und bei solchem Geschäfte muß die Rechte allemal wissen,

was die Linke thut, weil sie derselben in Allem beizustehen hat.

Gut war noch das Eine, daß der Fürst es gewesen, der in Unacht den

bösen Schuß gethan hatte, und die Leute sagten: „Sei froh, Thoma, jetzt

bist versorgt für alle Tage, die Dir Gott vom Himmel giebt!“

Und Gott gab ihm noch manchen Tag vom Himmel, nahm ihm hingegen

sein Weib -- da stand er, der Krüppel, mit seinem Kinde, einer

heranwachsenden Tochter, allein. --

In einem Thale jenes Gebirges steht das Schloß Hollerstein. Es ist ein

großes, altes Gebäude, der Sage nach einst von Raubrittern gegründet,

von Templern erobert und bewohnt, durch die Türken zerstört und als

Jagdschloß für den Fürsten wieder erbaut. Die längste Zeit des Jahres

stand Hollerstein leer und wurde nur von einem Vogte bewacht, einem

Invaliden aus dem Franzosenkriege. Als nun der eine Invalid starb, kam

der andere dran -- der Thoma mit der durchschossenen Hand. Der bekam

im Schlosse zwei große Stuben und ein kleines Gemach, und darin wohnte

er nun und war der alten Mauern und dem blühenden Kinde treuer Wart.

Die grauen Steine sind leicht zu hüten, aber ein hübsches Mädchen,

das zwischen dem Kinde und der Jungfrau in der Schwebe ist, wie ein

Blüthenreis in der Nacht zwischen April und Maien, ist Gefahren

ausgesetzt, von welchen der alte Thoma selbst nicht viel Ahnung hatte.

Es ist scheinbar eine kühle oder laue, ruhige Nacht, aber es ist dunkel

und das Mädchen ahnt, bangt in das Ungewisse hinein. Es fühlt wohl, daß

ihm ein anderes Leben kommen müsse -- es fiebert leise zwischen Frost

und Sonnengluth...

Julina hieß sie. Julina ging nun in das achtzehnte Jahr. -- Ich wollte,

ich könnte malen, ich würde dem freundlichen Leser ein Bildchen

schenken, das er aufstellen sollte an dem trautesten Platze seines

Heim. Im rauhen Gemäuer des Schlosses ein Fenster, dessen offene

Flügel mit den klaren, sechseckigen Zellenscheiben in der Morgenluft

leise fächeln. Das Fenster ist einen Stock hoch in der Mauer, aber die

Ranken des Epheu sind doch hinangeklettert und umkränzen die Rahmen

und schwingen und schlingen sich über das Gesimse hinein und möchten

am liebsten auch das holdsame Mädchen umschlingen, das mit seinen

goldfarbigen Locken am Fenster steht und just mit zarter Hand ein

Dornröslein befestigt an der blüthenweißen, schmiegsamen Pfaid seines

Busens. Sein Lippenpaar ist auch so ein Dornröschen, so knospend, so

frisch; und wer ihm in’s große, helle Auge schaut, der kann ein Vöglein

d’rin sehen -- es ist das winzige Spiegelbild einer Schwalbe, die

heiter zwitschernd auf einem Zweige wiegt und dann lustig um den Thurm

des Schlosses kreist.

Ja, ihr Närrchen! Wenn schon der immergrüne Epheu und die lose Schwalbe

um das Mädchen minnen, wie erst die warmlebigen Burschen des Thales! --

Es ist ja so wunderbar, so närrisch, so göttlich auf dieser Welt! --

Am Abend, wenn die Schwalbe schon längst in ihrem Neste hockt und den

stillen, süßen Freuden des Familienlebens obliegt, und wenn über den

steinigen Höhen des Tauern der Mond aufsteigt, schamrothen Antlitzes

zuerst wie ein Junge, der das erstemal minnt, doch helleren, keckeren

Auges bald die Mauern des Schlosses bescheinend und im Gemache einen

scharfen Schatten schneidend aus dem Köpfchen der jungen Maid, die

wiederum am Fester steht -- zu solcher Abendstunde mögt ihr heimlichen

Lauscher wohl einen wunderlichen Gesang hören unten im Haselgesträuche.

Anfangs ist es nur eine Entschuldigung:

„Meine Schuh, die ih trag,

Sein vom Fuchsleder g’macht,

Sie schlafen beim Tag

Und geh’n aus bei der Nacht.“

Gleich darauf mag schon das Geständniß kommen, das Geständniß von

warmer Neigung oder einer heißen Herzenssehnsucht; es kann ein glühend

Verlangen werden, gemildert nur durch die anmuthig schalkhafte

Liebesform, in welche schon die Alten ihre trotzigen Wünsche zu kleiden

gewußt haben. Auch den Jungen nun ist ganz dasselbe mundgerecht.

Nicht abhold sind die Mädchen solchem Cultus der Liebe und Julina

sang mit ihrer weichen Stimme manche Antwort gegen das Haselgebüsch

hinab -- bald Gegenneigung, bald Ablehnung, bald Gewährung, bald Spott

verkündend. Da knisterte es wohl zuweilen im Strauchwerk, da strebte

wohl mancher rüstige Fuß über die rollenden Schuttsteinchen dem

Gemäuer zu; aber die Wand war glatt, und gleichwohl man sagt, die Liebe

hebe den Menschen in höhere Regionen, hier an der Mauer von Hollerstein

vermochte sie nicht einen einzigen der Minnenden bis zu Julina’s

Fenstergesimse zu heben.

Nur Oswald, der zweiundzwanzigjährige Sohn des Forstmeisters,

vermuthete, daß hier eine Leiter mit zwölf Sprossen bessere Dienste

leisten dürfte, als die begehrendsten Liebesliedchen. Von Heim

mitbringen konnte er die Leiter allerdings nicht, denn das Försterhaus

stand drei Stunden tiefer im Gebirge, und dem Burschen, schlank und

glatt und fein, zart und männlich dabei, frisch und heiter -- der

Abgott aller jungen Weiber, die ihn sahen -- dem stand es nicht an,

anstatt der Flinte eine Holzleiter zu schleppen auf seiner Achsel

dem Schlosse Hollerstein zu. So zimmerte denn Oswald eines Tages im

Haselgebüsch unter dem Schlosse die Leiter. Der harmlose Thomas hatte

ihm Axt und Bohrer dazu geborgt, denn so eine Leiter -- meinte er

-- sei freilich wohl nöthig für den jungen Jäger, um die schroffe

Falkenwand jenseits des Baches zu erklimmen. Und Oswald, der herlebige

Junge, hatte selten noch eine Arbeit mit solcher Passion verrichtet,

als nun, da er die Sprossen in die Leiter bohrte; von Sprosse zu

Sprosse wurde ihm wärmer und als er die letzte, die oberste in’s Holz

schlug, murmelte er: „So! meine Mutter hat mir alleweil gesagt, der

Mensch soll sich seine Staffel in den Himmel selber bauen. Meine sind

fertig.“

* * * * *

Nicht gar weit vom Schlosse steht das Sensenwerk, in welchem zu dieser

Zeit der Hammer-Wend Essemeister war. Der Hammer-Wend ist in der Gegend

noch heute als ein Mann bekannt, der so hart, spröde und schwarz wie

rohes Eisen war, und wenn Der glühte, da stoben die Funken. Es war ein

finsterer, rachgieriger Geselle, ein kerniger Arbeiter gleichwohl,

aber ein wüthender Raufer und Würger, wurde er gereizt. Keinem war so

gefährlich Kleider machen, als diesem, Keiner gab so gutes Trinkgeld,

wenn ihm was saß, aber Keiner wetterte auch so wild, wenn im Gewand ein

kleiner Fehler war. Indeß diente es als Empfehlung, wenn es hieß: Der

arbeitet auch für den Hammer-Wend. Er war über die Dreißiger hinaus in

Liebessachen kalt geblieben. Ueber den Wein, die Spielkarten und über

die Wilderei hatte er das Weib vergessen.

Als nun aber in der Nähe des Sensenwerkes des Schloßwarts Töchterlein

erblühte und selbes in allen jungen Männern des Thales Liebessehnsucht

weckte, da fing der Wend plötzlich Feuer und glühte und sprühte

schauderlicher, als all’ seine Essen zusammen. Eines Sonntags im

Schloßhag, wo Julina just zwei zahme Rehe fütterte, machte er ihr

seine Liebeserklärung. Seine Worte waren wie eherne Hammerschläge, wie

lodernde Eisenklumpen. Das Mädchen erschrak vor solcher Leidenschaft,

wortlos senkte es das Haupt und zitterte wie eine Taube unter dem

niederschwirrenden Adler. Das Nahen des Vaters rettete sie. Der

Hammer-Wend schritt fürbaß und hielt sich das Mädchen für erobert.

Auch er war nun manche Nacht im Haselgebüsch gekauert, doch sang er

nur selten ein Lied, weil seine Minnetöne vom Fenster her nie eine

Antwort erfuhren. Er lauerte auf eine Gelegenheit, dem Mädchen zu

nahen, und sich dessen Gegenliebe zu versichern. Da fand er eines

Abends im Gebüsche den Försterssohn lehnen an einem Steine, süße

Lieder singend und süße Antwort empfahend. Vor Wuth bebte der Wend;

sein Feind, der ihn schon einmal wegen Wilderei vor Gericht ziehen

ließ, sein Feind stand nun zwischen ihm und diesem jungen Weibe.

Erst als Oswald mit drei Fingern einen Kuß gegen das Fenster sandte:

„Gute Nacht, gute Nacht, mein Schatz!“ huschte auch der Wend davon.

Und mit Zähneknirschen schwur er’s, in den nächsten Tagen wieder

auf Jagd zu gehen, und zwar mit seinem sichersten Kugelstutzen, und

Stände zu suchen, nicht wo der Rehbock springen konnte, sondern wo der

Försterssohn vorübergehen mußte.

Julina trillerte noch ein heiteres Schnadahüpfel und legte sich

schlafen. So sang sie stets ihren Abendsegen und meinte in ihrer

Schalkheit, vielleicht gefalle dem lieben Herrgott das Singen besser

als das Beten, denn seinen Vöglein in den Lüften habe er nicht das

Beten, wohl aber das Singen gelehrt. -- Ein Blitzmädchen war’s!

Und siehe, während im Herzen des Kindes so die Liebe waltete, grub in

der durchschossenen Hand des Vaters die Gicht. Die Salben aller alten

Weiber der Umgegend waren längst versucht und verflucht; so entschloß

sich nun der Alte einmal, einen entfernten berühmten Arzt aufzusuchen,

um Linderung seines Leidens zu erlangen. Er ging davon und Julina blieb

allein im großen Schlosse, allein bei Tage und bei Nacht.

„Das ist die rechte Zeit,“ sagte der wilde Hammer-Wend zu sich. Und

des Abends spät, da Wolken die Sterne des Himmels verdeckten, ging er

dem Schlosse zu. Er sann auf Mittel, die hohe Mauer zu überwinden, da

fand er im Haselgebüsche die Leiter. Er grinste, er ahnte bald, von wem

sie bereitet und wozu sie bestimmt war. Sein Blut glühte, theils aus

Liebes-, theils aus Rachbegier. Er lehnte die Leiter an die Mauer und

kletterte vorsichtig hinan. Er lauerte, das Fenster war geschlossen;

er horchte, im Gemach war es still; er klopfte, das Klopfen war

vergebens.

Sollte sie nicht daheim sein? Sollte sie in einer anderen Stube

schlafen? Oder gar bei den Ziegen im Stalle? Denn Weiber gehen, wenn

sie sich vor Menschen fürchten, gern zu den Thieren. -- Schon wollte

der Wend wieder zur Erde steigen, da hörte er im Gebüsch ein Rascheln.

Er stieg nun nicht hinab; behendig wie eine Katze kletterte er von der

Leitersprosse auf einen Mauervorsprung hinaus, schmiegte sich in eine

mit wilden Ranken umwucherte Nische, die hart neben dem Fenster war und

lauerte.

Unten wurde ein Vierzeiliges gesungen:

„’s Vögerl am See

Schwingt hin und schwingt he

Schwingt auf und schwingt nieder

Und mein blauäugigs Dirndl,

Heut komm’ ich Dir wieder.“

Oswald’s Stimme.

Der Wend griff mit behender Hand nach dem Messer, das in der

Ledertasche seines Beinkleides stak. „Mein Stoßeisen, Du! Sollst mir

heute gut sein!“ so murmelte er knirschend. „Und das schwör’ ich Dir,

Jüngling, in dem Augenblick, wo Du ihren Mund anrührst, grab’ ich Dir

das Messer ein!“

Hätte Oswald emporgeblickt, er würde zwei Augen haben funkeln gesehen

im Geranke. Aber dem arglosen Burschen fiel es nicht einmal auf, wieso

die Leiter schon am Fenster lehnte; oder er hielt das als ein Zeichen

des Entgegenkommens von Julinen. Zwar hatte sie heute bisher sein

Liedchen nicht entgegnet; doch, sie mußte ja vorsichtiger sein als

sonst, wenn der Vater daheim, und einem Mädchen, das sich einsam fühlt,

vergeht das Singen. -- Leichten Blutes stieg Oswald die Leiter hinan.

Mehrmals mußte er an den Scheiben klopfen und Julinens Namen flüstern,

bis der Fensterflügel sich aufthat.

„Julina! Wachest Du? Ich bin’s.“

„Oswald,“ lispelte das Mädchen und zog die Pfaid über die Brust hinauf

bis zum Kinn.

„Ja,“ sagte er.

„Oswald, heute hättest Du nicht kommen sollen.“

Er setzte sich an’s Fenstergesimse, schlang den linken Arm um eine

Rankenstange, die zugleich als Gitter diente, und streckte die

Rechte dem Mädchen zum Gruße hinein. Sie hielten sich an der Hand,

sie flüsterten und der Bursche umschmiegte immer fester ihre weichen

Fingerchen.

„Julchen,“ sagte er plötzlich, „wie Du siehst, bin ich hier auf dem

Gesimse in keiner geringen Gefahr. Wenn die Ranke bricht, so lieg’ ich

unten.“

„Warum soll die Ranke denn brechen?“

„Weil sie Deinen ganzen Burschen halten muß. Und just den Geringsten

hast Du Dir nicht ausgesucht. Willst mich wägen?“

„Nach dem Gewicht kauf’ ich nicht,“ spottete sie.

„Ah, Ihr Weibsleut’ schaut’s nur auf das Maß; und allemal, es wäre

schad’ um den Deinigen, wenn die Ranke jählings brechen sollt’.“

„Ein bissel wär’s halt freilich schad’,“ lispelte sie und zog seine

Hand ein wenig näher an ihre Brust.

„Wenn Du’s meinst, so thätest wohl doch ein christlich Werk, wenn Du

mich aus der Gefahr wolltest befreien.“

„Wüßt’ nit, wie Eins das müßt’ angehen.“

„Ich wüßt’ schon, Julina, wie Eins das müßt’ angehen. Da weg vom

Fenster sollst mich heißen -- zu Dir in’s Stübel hinein.“

„Kunnt mir im Schlaf nit einfallen,“ meinte sie.

„Schlafst ja nit,“ sagte er, „Warum sollte ich nicht ein Eichtl neben

Dir sitzen, daß wir über Eins und das Andere plauderten und uns mit

einander die Zeit vertrieben?“

Jetzt war im Gestrüppe neben dem Fenster ein leichtes Rascheln.

„Hörst es!“ sagte Oswald, „die Fledermäuse, oder was mir da zusetzt.

Nein, lieb’ Dirndl, ich kunnt’s nit verantworten, daß ich Dich in

diesem alten G’schloß allein ließe die heutige Nacht. Möcht’s nit auf

mich nehmen.“

„Jetzt ist Schlafenszeit,“ sagte sie.

„Magst schlafen so viel Du willst; ich sitz’ daneben und bleib’ schon

munter.“

„Gescheiter wird’s sein,“ meinte sie nun, „ich verlaß mich für diese

Nacht auf den heiligen Schutzengel, als auf Dich.“

„Das ist gewiß auch; aber Dein Schutzengel, der schickt mich ja her zu

Dir. Geh’, lang’ zu Dein Köpfel, ich will Dir was in’s Ohr sagen.“

„Sag’s nur, ich höre es schon,“ entgegnete sie und hielt das Köpfchen

zurück.

„Schatz,“ flüsterte er, „hättest wirklich eine so schlechte Meinung von

mir, daß Du glauben kunnt’st, ich ging Dir heut’ ohne Bussel fort?!“

„Du Bübel, Du keckes!“ drohte Julina halb im Spaß, halb im Ernst.

„Meine Mutter hat gern gesagt: Das Bussel hat einen langen Faden, da

hängt allerhand dran und da verzappelt man sich hinein, wie die Mucken

in das Spinnenweb. -- Hättest nur erst den Arm um meinem Hals, wär’

Dir’s ein Leichtes, in’s Stübel zu rucken; und auf der harten Bank

sitzen, das kunnt’ Dir leicht nit lang’ taugen. Flugs ist die Gnad’

Gottes weg und wir kunnten uns von einander nicht erwehren. Und morgen

thät’s uns gereuen. Oswald sei gescheit und geh’ heim.“

Da hub es dem Burschen in allen Adern an zu kochen. Des Mädchens

innige Worte waren nur Oel in’s Feuer. Er konnte es in dunkler Nacht

nicht sehen, wie nahe an ihm das scharfe Messer blitzte. Schon

schickte er sich an, durch das Fenster zu steigen, aber die Jungfrau

rief den Namen Gottes an und hielt ihn mit zitternden Händen zurück:

„Oswald, überwinde Dich! nur heut’ überwinde Dich. Ich hab’s dem Vater

versprochen, daß ich tugendsam bin, dieweilen er aus ist. Und mußt auch

bedenken, daß heut’ Maria-Namenstag ist, wo vor einem Jahr an diesem

Tage Deine Mutter ist gestorben --“

Sie sprach nicht weiter und so wies sie ihn hin, den lieben Burschen,

den sie am liebsten mit beiden Armen an ihr Herz gezogen hätte. Mit

einem tiefen Athemzuge ließ Oswald ab. Eine Weile saß er noch stumm auf

dem Fensterbrett, dann sagte er traurig: „Gute Nacht, Julina!“ stieg

rasch die Leiter hinab, warf diese in das Dickicht und eilte davon.

Der Hammer-Wend in seiner Mauernische ließ verblüfft das Messer in

die Scheide gleiten. Mit einer Art von Wollust hatte er in seinem

Racherausch den angeschworenen Moment zum Stoße erwartet. Jetzt war das

Opfer plötzlich davon, er wußte kaum wie. Nun im Grunde, dachte er, um

so besser....

Mit einem Satze war der wilde Essemeister auf dem Fenstergesimse. Ein

Schreckruf des Mädchens; sie schlägt das Fenster zu. Er stößt es wieder

auf; sie erkennt den Hammer-Wend, ein Stoß mit beiden Armen nach seiner

Brust -- er taumelt zurück, stürzt nieder in’s Strauchwerk.

* * * * *

Den Essemeister Wendelin haben sie in’s Krankenhaus getragen. Der alte

Schloßwart ist mit frischen Salben von einem Arzte zurückgekommen und

hofft wohl, daß seine Hand sich wieder insoweit stärken wird, um damit

den seither in Anwartschaft stehenden Enkel schaukeln zu können; denn

Oswald, der junge Förster, hat um Julinen geworben. Und der Epheu rankt

fort und fort, und die Vöglein umkreisen lustig schmetternd, kosend,

geheimnißvoll lugend und flüsternd das Fenster der Liebsten.

[Illustration]

Was der Franz Schlager für ein Wildpret schoß.

Anfangs fing er Schmetterlinge und steckte sie an die Nadel. Dann fing

er Spatzen und Finken mit Leimspindeln. Dann fing er Marder und Füchse

mit dem Schnappeisen. Dann schoß er einen Hühnergeier aus der Luft.

Dann schoß er ein paar Hasen; dann schoß er Rehe und Hirsche, dann

schoß er --

Die Geschichte ist schwer wie Blei.

In einem Hochthale des Reichensteinstockes hatte Franz Schlager ein

Bauerngütchen. Franz war jung und frisch, und hatte ein prächtiges,

herzenstreues Weibchen voll Lieb’ und Gemüth, voll fraulichen Adels

der Natur. Bei seiner Arbeitskraft und bei ihrer Häuslichkeit hätten

sie vollauf zu leben gehabt, und ihre Hütte war wie gemacht für „ein

glücklich liebend Paar“. Aber just in die wärmsten und wonnigsten

Nester legt der Teufel am liebsten sein Ei hinein. -- Für schlechte

Leute, sagte der Franz, habe er sich den Kugelstutzen beigelegt; man

wisse doch nicht, was sich in einer so einsamen Gegend Alles zutragen

könne. -- Ei freilich weiß man das nicht, Du armer Franz Schlager,

sonst hättest Du das Schießgewehr gewiß nicht in Dein Haus getragen.

Feierabende: Lustige und finstere Geschichten · 第 23 / 29 段