schon rascher durch die Stube, und als das Tonbrett schwieg, hob der
Sandhauser den Mostkrug, rief: „Unser Musikant soll leben!“ und trank.
-- Sie tanzten so gern; sie tanzten das erstemal mitsammen, denn
bei der Hochzeit mußte nach der Sitte der Bräutigam mit der ersten
Kranzeljungfer und die Braut mit dem Brautführer und anderen Ehemännern
reigen.
Dem Hans selber waren heute die Hämmerchen heiß in der Hand. Er begann
eine Polka zu schlagen. Ein Jauchzer entfuhr dem jungen Mann; keck
faßte er sein Weib um die Mitte und flog mit ihr im Kreise. Rasch
ging’s. Es dröhnte der Fußboden unter den Sprüngen, es klirrten die
Fenster. Grell, fast wild klapperten die Hämmerchen und dem Musikanten
rann es heiß durch’s Mark, sein Spiel war fieberig und ging rascher
und rascher. Das tanzende Paar stieß an Bänke und Stühle und schien
es nicht zu merken; der Frieda hatte sich das Kopftuch gelöst, es war
niedergefallen auf den Boden, war mit den Füßen getreten. Wie im Sturme
hin wirbelte ihr schlichtes Kleidchen, und wieder schmiegte es sich
weich um ihre Glieder und flatterte um des Tänzers Beine. Darauf hatten
sich ihre Locken entfaltet, waren niedergewallt bis zum Gürtel, waren
hingeweht über die Schulter des Mannes und um seinen Nacken; in ehernem
Krampfe umklammerte sie seine Gestalt, eine Brunst lag auf ihren
Wangen, ihr großes Auge blickte starr in das seine und ihre Lippen,
halb offen und zuckend, hielt sie den seinen entgegen.
So rasten sie hin unter dem gellenden Schallen des hölzernen Spielwerks
-- da hatte es plötzlich ein Ende. Eines der Hämmerchen war entzwei
gebrochen und das abgebrochene Stück über den Tisch und Fußboden
hingekollert. -- Ein-, zweimal noch ohne Musik war das Paar durch die
Stube geflogen, da sank es hin auf einen Block und stöhnte ein tiefes,
langes „Ah!“ Große Tropfen standen auf ihrer Stirn, und Frieda hielt
sich fest an des Gatten Schulter und schloß die Augen.
„Du bist ganz damisch (taumelnd)!“ sagte der Sandhauser, „ein wenig
frische Luft, ist’s gleich wieder gut.“
Der Alte suchte sein Werkzeug wieder herzustellen. Das Paar erhob sich
und wankte in das Freie. Frieda sog durch einen langen, tiefen Athemzug
die kühle, reine Luft ein und hauchte: „Ah, Blasi, das thut gut!“
„Ja freilich,“ versetzte er, „frische Luft ist gesund!“
So saßen sie, stets sich liebeinig aneinander schmiegend, erquickten
sich an dem frischen Hauche, der von den waldigen Höhen strich und
sahen, gedankenlos vielleicht, den lebhaft zwitschernden Schwalben zu,
an deren eifrigem Umherschießen nicht zu erkennen war, bauten sie zu
dieser Spätsommerszeit an einem zweiten Neste, oder bereiteten sie sich
zum Abzuge.
„Jetzt hat’s mir aber in der Brust einen Stich gegeben!“ sagte der
Sandhauser plötzlich.
„Jesus Maria!“ rief die Frieda und sah ihn angstvoll an. Er saß ein
paar Augenblicke unbeweglich, holte tief Athem und sagte: „Ist schon
wieder gut.“
„Gehen wir in’s Haus hinein,“ sprach das junge Weib.
Der Blasi erhob sich langsam und sie gingen in das Haus.
Die Frieda gab dem Hammerl-Hans ein freundliches „Dank Euch Gott!“
So machte sich der Alte auf den Weg und sah noch mehrmals zurück auf
den Bau, in welchem ein Glück sich eingenistet hatte, wie er es sein
Lebtag bislang nicht gesehen. Als er auf der Anhöhe stand, wo man das
letztemal zurücksieht auf das blinkende Schindeldach des Sandhauses,
hob der Hans seine rechte Hand und murmelte: „Ich mach’ das Kreuz über
Dich!“
Dann ging er davon in der Abendkühle und vergaß sein Pfeifchen
anzuzünden, das er im Munde trug.
Der Blasi war mehrmals langsam durch’s Haus geschritten, war zuweilen
stehen geblieben und hatte mit einer gewissen Behutsamkeit Athem geholt.
Die Frieda schlich ihm zweimal nach und fragte: „Gelt Blasi, es ist
ganz gut?“
„Ja,“ antwortete er.
Das drittemal sagte sie: „Blasi, es ist nicht ganz richtig!“
„Ich werde heute nur etwas früher in’s Bett gehen,“ antwortete er.
Da wurde sie blaß.
Das Bett stand breit und hochgeschichtet oben in der stillen Kammer
über der großen Hausstube. Es war bräutlich. Es waren die feinen
schneeweißen Linnen überzogen, welche die Frieda von ihrer Pathin zur
Hochzeitsgabe erhalten hatte. Und in die zwei linden Kissen waren
hellrothe Bänder gestickt. Und in die weiche blaue Decke waren zwei
große Herzen eingenäht. Und auf die kopfseitige Wand des Bettes war
der „süße Name“ gemalt, mit dem Kreuze, mit dem Herzen und den drei
Nägeln. Und darunter standen roth und schlicht die Worte: „Schlaf’ in
Gottes Namen!“
In dieses Bett legte sich der junge Sandhauser einen Tag nach der
Hochzeit. Die Decke mit den zwei Herzen war ihm lange nicht genug;
schier alle Betten des Hauses mußten ausgeplündert werden, um den Mann
mit Hüllen zu versehen -- so sehr schüttelte ihn der Frost. Und bald
war die helle Gluth auf seinem Antlitze und er lechzte nach Wasser.
Noch in der Nacht kam der Doctor von Koberburg heraufgefahren; der sah
den Kranken an, deckte dann dessen Brust ab, hub auf dem Brustblatte
an zu klopfen und horchte den Tönen, die dabei herauskamen. Die Frieda
wartete schier mit eingehaltenem Athem des Ausspruches; allein der Arzt
legte die Decke wieder sanft über die Brust des Kranken herauf und
sagte nichts.
Erst dem Boten, der wieder mit ihm gekommen war, um die Medicin zu
holen, vertraute er, daß eine Lungenentzündung da wäre.
Frieda hatte in selber Nacht nicht eine Minute geschlafen, sie wachte
bei dem Kranken, rückte die Decken, rückte die Kissen stets zurecht,
reichte ihm Wasser, legte ihm kalte Tücher über die Stirn, als der
Kopfschmerz kam, und las in seinem trüben Auge jeden Wunsch. Er
lächelte sie an, dann seufzte er wieder, dann bat er sie, daß sie
schlafen gehe: „Heute unten in der großen Stube, Frieda; morgen ist’s
schon besser.“
Sie wich nicht von ihm. Oft preßte sie die Hände an ihre Brust, und
wenn es der Kranke nicht sah, so schlang sie sich selbst ein nasses
Tuch um die Stirn.
Als am andern Tage der Arzt wieder kam, fand er die junge Sandhauserin
in einem schweren Lodenrock ihres Mannes eingeschlummert bei seinem
Bette kauern.
Der Arzt sah sie scharf an, langte nach ihrer Hand, um den Puls zu
fühlen, und sagte: „Die Sandhauserin wird auch noch krank werden, wenn
sie sich nicht schlafen legt.“
„O nein,“ antwortete sie rasch, „mir fehlt gar nichts -- gar nichts
--“ Eilig mußte sie den Mund schließen, um das Beben ihrer Kiefer zu
unterdrücken.
„Ihres Mannes wegen,“ sagte der Doctor, „darf sich die Sandhauserin gar
keine Sorgen machen. -- Sie hat die Nacht über nicht geschlafen, die
Aufregungen der letzten Tage sind noch vorhanden; sie hat Fieber -- muß
sich ausruhen, dann wird Alles wieder gut sein.“
„Arg ist’s doch nicht?“ flüsterte sie, „arg -- mit ihm?“
„Na, nu -- vor Allem muß auch er Ruhe haben. Geh’ die Sandhauserin zu
Bette!“
Das war befehlend gesprochen.
Die Frieda beugte sich über den Kranken. „Du, Blasi,“ lispelte sie,
„wir müssen schon wieder auseinander. Ich leg’ mich ein wenig nieder.“
Er nickte ihr beistimmend zu.
„Du sollst auch schlafen, Blasi, gute Nacht!“
Er lächelte. Sie drückten sich die Hände.
„Du bist auch heiß,“ murmelte er, „Du mußt Dich nicht kränken, Frieda,
wenn nur in der Brust das Stechen gut ist, so stehe ich schon wieder
auf.“
Dann gingen sie auseinander.
Der Arzt kam auch zu +ihrem+ Bette, das unten in der großen Stube
stand. Und er schickte durch den Boten auch für +sie+ Medicin --
ganz die gleiche, wie für den Mann.
Vier Tage hernach, als der Bote wieder nach Koberburg kam, sagte zu ihm
der Arzt: „Dieweilen nur Mandelmilch trinken, ich komme bald nach. Und
-- was ich sagen wollte -- wenn Du den Geistlichen könntest mitnehmen.“
Als auf dem Thurme das Versehglöcklein läutete, fragten die
Koberburger, wen es anginge.
Der Lindenwirth that eben die aus Fichtenreisern gewundenen
Hochzeitskränze von der Thür, der sagte: „Die Sandhauserleut’, hab’ ich
gehört, die jungen Sandhauserleut’!“
„Das wird wieder eine breite Lug’ vom Lindenwirth sein,“ hieß es. Als
der Priester zurückkam, sprach er die Worte: „Eins tragen sie heraus,
wenn nicht allzwei.“
Frieda, obwohl schier zu kurzathmig für eine einzige Silbe, fragte
hundertmal des Tages, wie es dem Blasi gehe. -- Dem ginge es schon
besser. -- Aber warum er nicht zu ihr herabkäme? -- Das hätte ihm der
Arzt bislang noch verboten.
Und er: „Was macht denn die Frieda, daß sie gar nicht zu mir kommt?“
-- Sie dürfe jetzt nicht zu ihm, hieß es anfangs, sie sei ein junges
Blut und könne die Krankheit leicht einathmen. --
„Ich meine allerweg -- die hat sie schon eingeathmet.“
Da verleugneten sie es ihm nicht mehr: Allerdings sei sie auch
bettlägerig, aber Gefahr sei gar keine -- gar keine.
Einmal, mit geschlossenen Augen, sagte der Sandhauser: „Mir ist
dem -- Hans sein Spielwerk -- immer so bekannt vorgekommen. Und
hab’s doch nicht gewußt, was es ist. Jetzt weiß ich’s. Es ist eine
Charfreitagsklapper.“
Am Abend des sechsten Tages der Krankheit hörte der Blasi auf zu
sprechen. Die Wärter und die anderen Leute gingen rascheren Schrittes
durch das Haus. Eine alte Magd eilte herunter in die große Stube zum
Wandkasten, der nahe am Bette Frieda’s stand.
„Was suchst denn?“ fragte die Kranke.
„Jetzt hab’ ich gemeint, es wär’ der Theelöffel da drin,“ antwortete
die Magd und erhaschte gleichzeitig im Kasten eine rothe Wachskerze,
welche sie sofort in der Faust verbarg. Frieda hatte es doch bemerkt.
„Was brauchst denn -- jetzt die geweihte Kerze?“ fragte sie, und indem
sie sich etwas aufrichtete, mit greller Stimme: „Du, sag’ mir’s -- mein
Mann stirbt!“
Die Wärterin suchte sie zu beruhigen; die Kranke sank zurück auf’s
Kissen und hauchte: „Er wartet schon, bis ich auch mitgeh’.“
Und ihre Brust bebte heftig bei jedem Athemzug. --
Oben zündeten sie die Kerze an und gaben dieselbe dem Sterbenden in die
Hand, der bewegungslos dalag.
Nachbarn und Verwandte kamen und fragten leisen Tones: „Sandhauser,
kennst mich noch?“
Er neigte kaum bemerkbar das Haupt.
„Hättest noch ein Anliegen,“ sagten sie, „wir wollten Deinen letzten
Wunsch gern vollführen.“
Er blickte sie halboffenen Auges betrübt an. Dann war es, als wollte er
die Lippen bewegen, aber es waren nur die Stöße des Athmens.
„Leut’, hebt an zu beten!“ rief die Wärterin.
Da knieten sie nieder um das Lager, an den Stühlen und Schränken und
beteten: „Vater unser!“
Die Flamme der Sterbekerze zuckte hin und her und warf ihren Schein auf
die lehmblasse Stirn des jungen Mannes, auf welcher zahllose Tropfen
standen.
So dauerte es gegen eine halbe Stunde, da sagte die Wärterin plötzlich:
„Jetzt kommen die letzten Schöpfer (Athemzüge)! O Herr Jesu Christ,
verlaß ihn nicht! O heilige Maria, bitt’ für ihn! O heiliger Josef,
steh’ ihm bei! O ihr himmlischen Engel, bewacht seine arme Seel’, thut
sie hüten vor dem bösen Feind, steht ihr bei vor dem letzten Gericht!
Dir leb’ ich, o Jesu! Dir sterb’ ich o --“
Sie hielt ein und horchte nach seinem Athem. Sie nahm ein Spiegelchen
von der Wand und hielt es vor die Lippen des Sterbenden. Die Glasfläche
trübte sich etwas; da huben sie wieder an zu beten.
Der Athem ging regellos und matt; die Augen waren ganz zugefallen. Da
löschte die Wärterin das Sterbelicht aus und flüsterte den Anwesenden
zu: „Er schläft.“ Und sie schlichen davon.
Nach einigen Stunden, als an den Fenstern der nebelige Morgen graute,
schlug der Sandhauser die Augen auf, blickte unstet umher und hauchte:
„Die Frieda! -- warum will sie gar nicht mehr zu mir kommen?“
Ein Nachbar saß bei ihm, der schwieg nach diesen Worten eine Weile;
endlich sagte er: „Jetzt ist’s besser mit Dir; aber das ist eine harte
Nacht gewesen, Sandhauser.“
„Ja,“ antwortete der Kranke.
Er lag wieder wie im Halbschlummer. Und so verging ein Tag und eine
Nacht. Am nächsten Morgen, als es ganz licht geworden war, wendete er
etwas das Haupt und fragte: „Wer ist denn unten?“
Und als er keine Antwort erhielt, fuhr er fort: „So viel Leute gehen um
-- unten in der Stube!“
Er hatte die große Unruhe bemerkt, die im Hause war.
„Der Frieda, wie geht’s ihr denn?“ fragte er.
„Sie ist wohl recht schlecht, Sandhauser,“ versetzte der Nachbar.
Der Kranke hob ein wenig das Haupt und lauerte.
„Es kommt mir heut -- nicht recht vor!“ rief er fast laut.
„Ist wohl recht gefährlich,“ sagte der Nachbar, „wir müssen gefaßt
sein.“
Die Unruhe im Hause wollte sich den ganzen Tag nicht legen. Einmal
wurde unten in der großen Stube gebetet, es war das Murmeln sehr vieler
Menschen.
Wieder kam der Arzt zum Kranken. Er erklärte bei diesem die größte
Gefahr als vorüber und verschrieb ihm nervenberuhigende Mittel. Im
Uebrigen war er kleinlaut und ging bald wieder davon.
„Was ist denn das?“ sagte der Kranke plötzlich, „was thun sie? was wird
denn im Haus heut gekocht? Ich riech’ Backwerk.“
Man hatte keine Entgegnung.
„Ihr thut mich martern, Leut’!“ versetzte er. Dann war er wieder still
und starrte wie sinnend drein.
Ein paar hohltönende Schläge, die unten schollen, schreckten den
Kranken auf.
„Jesus! -- Jesus!“ rief er laut, „eine Todtentruhen!“
Sie mußten ihn mit Gewalt im Bette zurückhalten. Er preßte die
Hände in’s Gesicht und ächzte: „Sie ist gestorben!“ und hub an,
herzerschütternd zu weinen.
Am nächsten Morgen haben sie auf hoher Bahre die Frieda davon getragen.
Man hatte ihr den Brautkranz um die Stirn gewunden.
Im Sandhause war es noch stiller, als es vor der Hochzeit war.
Der junge Bauer erholte sich nur langsam, und als er das erstemal in’s
Freie ging, hatte der herbstliche Reif die letzten Blümchen vernichtet.
Und die Schwalben waren längst davon.
Der Sandhauser verlangte, daß man ihm erzähle, wie Frieda gestorben
sei. Man wich der Frage lange aus, endlich aber wurde ihm mitgetheilt:
In jener Nacht, da die Leute alle um ihn, den im Sterben Liegenden,
versammelt gewesen, sei Frieda ganz allein und still verschieden.
„Gott sei Dank,“ murmelte der Sandhauser. „Da hat sie in Frieden mögen
entschlafen. Ihr glaubt es nicht, Leut’, was das schrecklich ist, wenn
sie Einem die Sterbekerze in die Hand geben, wenn sie klagen und die
Gebete vorbeten, und was Alles dazu gehört. Und nichts kriegst mehr zu
hören, als wie: Jetzt mußt Du sterben! Die Todesangst, ihr Leut’! ’s
ist grausig!“
Heute ist der Sandhauser, wie man gern sagt, ein Mann in den besten
Jahren. Er ist, wie die Leute im Koberwald und in den Freisohlergräben
meinen, wieder lebenslustig; doch ob er sich noch einmal verheiraten
wird, darüber getraut sich Keiner ihn zu fragen.
Der alte Hammerl-Hans lebt auch noch. Er geht mit seinem hölzernen
Spielwerk thalauf und -ab. Er stellt sich lustig und hämmert keck
drein; aber man merkt es doch, er hat keine rechte Freude mehr an
seiner Kunst und übt sie nur aus, des lieben Brotes willen.
Am Sandhause im Koberwald schleicht er still und gebückt vorbei. Und
vielleicht nachsinnend darüber, warum Guteswollen auf dieser Welt so
oft zum Bösen ausschlägt, wankt er hin in der Waldeskühle und vergißt
sein Pfeifchen anzuzünden, das er im Munde trägt.
[Illustration]
Trotzköpfe.
„Ja!“ sagte der Flori.
„Nein!“ sagte die Vrona.
„Und noch einmal Ja!“ flüsterte der Bursche -- sein dunkles Auge
leuchtete.
„Und noch einmal Nein!“ antwortete das Mädchen -- ihr blaues Auge
zuckte. Sie entwand sich einem kräftigen Arm.
„So,“ sagte der Flori, „eine Solche bist Du, bei der es allemal Nein
heißt, wenn der Mann Ja sagt, und eine Solche will mich lieb haben?
Eine Solche will mit mir sein in Freud’ und Leid, wie es der Pfarrer
sagt?“
„Der Pfarrer hat es noch nicht gesagt, mein lieber Flori.“
„Auf’s Widerpart richtest Du Dich ein! Na, das kunnt’ ein hübsches
Zweigespann geben. Geh’, Du hast mich nicht lieb! Adieu, Adieu und in
Ewigkeit Adieu!“
Sie sank an seinen Leib, er schob sie von sich und wollte davon; sie
hielt aber fest an seinem Arm und rief: „Die Brust reiß’ mir auf und
schau’ in mein Herz! -- Einzig lieb bist mir, sonst sag’ ich nichts.“
„Will auch nichts hören, aber sehen will ich’s. Beweisen sollst mir’s
+einmal+, was Du mir tausendmal hast gesagt.“
„Wenn Du wissen könntest, mein Flori!“ sagte sie, und ihr feuchter
Augenstern wuchs, daß er das Weiße fast verdeckte. „Meinetwegen wollt’
ich Dir Ja sagen, was liegt an mir! Bist mein, ich frag’ nach keiner
Jugend und keiner Tugend. Ohne Dich bin ich mir doch nichts werth. Wenn
Du Dich aber heut’ mit einer eisernen Ketten an mich bindest, so gehört
morgen Dein Leben und Dein Glück nimmer Dir.“
„+Dir+ gehört’s und ich werde Dich nehmen.“
„Du +wirst+ mich nehmen, das glaube ich von Dir gleichwohl, aber
ich werd’ nicht wissen, ist’s aus Lieb’ oder aus Muß. +Ganz+ frei
sollst Du sein, wenn Du mir vor dem Altar die Hand reichst.“
„Ganz frei, Vrona, das kann gar nicht sein. Vierzehn Tage vor der
Hochzeit macht man das Versprechen; das gilt und bindet ehrenhafte
Leut’ so fest wie die geweihte Stola. Heut’ ist dieser Tag und heut’,
Vrona, mach’ ich Dir mein Versprechen für Zeit und Ewigkeit.“
„Und meinst, Flori, daß Du in vierzehn Tagen mit mir Hochzeit haben
kannst?“
„Möcht’ wissen, wer mir das wollt’ verbieten!“ rief der Bursche.
Sie antwortete: „Wer Dir’s wollt’ verbieten! Niemand Anderer als der
Kaiser.“
„Wieso der Kaiser?“
„Ich weiß recht gut, daß Du einundzwanzig Jahre alt bist und in drei
Wochen mit den Rekruten gehen wirst.“
„Wer sagt das? Kein Mensch hat Recht auf mich. Du weißt, ich bin der
einzige Sohn auf dem Schwandhof, meine Eltern sind alt und gebrechlich,
die Wirthschaft ist groß -- so bin ich frei vom Soldatendienst.“
„Frei bist?“ rief das Mädchen aus -- es war ein Jubelruf.
„Und so frei, daß ich Dich noch einmal frag’, ob’s Dir recht ist, wenn
wir Hochzeit halten?!“
Ihr war’s recht, sie sagte nicht mehr nein.
Und als sie vom jungen Getanne hinaustraten in den Sommertag, der
blendend licht in ihr Auge fiel, war der Bund geschlossen und der
Schlüssel in den bodenlosen Abgrund geschleudert.
* * * * *
Was da geschehen, es lag nicht in der richtigen Reihenfolge und
verschob nun das Herz und den Frieden der Menschen.
Der Schwandhof war eines der vornehmsten Bauerngüter im Gau.
Der alte, trotzige Schwandhofer war einstmals hoch und stramm
dagestanden wie die Wetterfichte hinter seinem Hause. Vor nichts hatte
er sich gebeugt als vor seinem siebzigsten Jahr, vor diesem stand er
gedrückt, auf den Stock gestützt, und seine Hand zitterte. Sein Wille
stand noch aufrecht und schwang sich wie ein Herrscherstab und wie eine
Ruthe über den Hof und die Gründe. Sein Weib war ihm angemessen. Mit
vierzig Jahren hatte er die Zwanzigjährige geheiratet und sie getragen
und erzogen und geliebt wie ein Kind.
Jetzt schien es bisweilen, als wäre sie der Mann und er das Kind
geworden; er wollte es lange nicht glauben, aber sie überzeugte ihn,
und ein Glück war’s, daß sich ihr Wille an dem seinen stark gewachsen
hatte, daß sie im Ganzen so dachte und schuf, wie es ihr Mann gewohnt
war -- und so stand der alte Doppelmensch trotz Manchem ungebeugt da.
Die meisten Leute behaupteten, die Schwandhoferischen besäßen Geld;
Etliche aber sagten: sie wären vom Geld besessen. Nun ja, der Neid!
Sie thaten nichts Schlechtes.
Von besonderer Herzenswärme, aus welcher sonst so viel Lust und so
viel Schmerz emporkeimt, wußten sie nichts. Ihr Gemüth, sonst etwa
im Augenglanze des eigenen Kindes sich wieder erweichend, hatte sich
gefestigt und verknorrt, bis -- in seinem fünfzigsten, in ihrem
dreißigsten Jahre der Sohn kam. Sie begrüßten den lange erwünschten
Stammhalter mit berechnender Freude, hatten des Weiteren aber nicht
viel Liebe geboten und nicht viel Liebe geweckt. Der Junge war kernig
im Charakter und ehrsam wie die Eltern, auch selbstbewußt und trotzig
wie sie.
Der alte Schwandhofer hätte wahrlich noch nicht daran gedacht, das
Gut an seinen Sohn zu übergeben; mit dem Gute übergiebt der Bauer nur
allzu oft auch seinen Freistand, er wird Knecht -- der Knecht seines
Kindes, wird bisweilen sogar Bettler, der die Brotkrumen erflehen muß
von dem Tische, den er selbst so reich und üppig gedeckt hat. Der Flori
ist auch noch viel zu jung; solche Leute, wenn sie in die Wirthschaft
gesetzt werden, leben flott in den Tag hinein, denken an nichts, als
daß sie „Herr“ sind, zeigen auch den Herrn und blasen ihn noch auf, so
gut das Zeug hält, und das Vermögen verrinnt gemach in den Sand.
Das bedenkt der Schwandhofer.
Aber der Dorfrichter giebt ihm noch was Anderes zu bedenken. Der Flori
ist seinem Alter nach stellungspflichtig: wie der prächtige Kerl
dasteht, so behalten sie ihn auf der Stelle zu den Kürassieren. Will
der Schwandhofer den Burschen losbringen, so muß er ihm Haus und
Hof verschreiben. Für die Bäuerin ist das arg. Haus und Hof will sie
nicht lassen und den Flori auch nicht. Ihr Mann sagt: zwei Wege seien
schlechter als einer, daher müsse man einen davon rasch aufgeben. Er
will den Burschen auf Haus und Hof schreiben lassen, aber dem Flori zu
verstehen geben, daß Herrenschrift und Bauernwille nicht Ein Ding sei!
So war es veranstaltet an jenem Tage, als der Flori von dem
Stelldichein mit der Vrona nach Hause kam. Fest faßte er die
Thürklinke, stolz trat er auf die frisch gescheuerte Diele -- seit
kurzer Zeit fühlte er sich ganz Mann. Er kannte in weiter Runde keinen
Herrn. Doch mit dem Vater verlangt’s ihn heute zu sprechen, nur weiß er
nicht recht, will er dem Alten einen Befehl geben oder von demselben
einen empfangen.
Sie sitzen jetzt in ihrem Extra-Stübel, ihrem kleinen Rathssaale, in
welchem die Gesetze für den Schwandhof gemacht werden. Er sitzt im
massigen Armstuhl, hat einen Polster unter dem Leder, sie auf der
Ofenbank; sie ist ein seltsames Weib: sie ist still, wenn er spricht,
und läßt ihn allemal ausreden, ehe sie ihre Meinung abgiebt. Es
ereignet sich wohl bisweilen, daß die Meinungen der Beiden so weit
auseinander stehen wie Ja und Nein; in solchen Fällen rückt zuerst sie
ein Weniges, dann rückt er ein Weniges -- sind noch nicht beisammen;
sie beginnen wieder zu wenden und zu winden, und endlich stehen sie
richtig dort, wo ein braves Ehepaar zu stehen hat: in der Einigkeit.
Geht’s an einem Tage nicht, so wird darauf geschlafen, am nächsten Tage
geht’s spielend. Und so halten sie zusammen seit dreißig Jahren und
bestehen Alles und sind verwunderlich gestiegen an Macht und Ansehen.
Nun tritt ihr Sohn, der Flori, in das Stübchen. Er hatte bisher wohl
seinen Sitz im hohen Rath -- auf dem Schemel neben dem Wandschrank,
auf dem die Stockuhr mit dem Glaskasten steht -- aber er hatte keine
Stimme. Heute setzt er sich nicht auf den Schemel, heute lehnt er sich
mit dem Rücken an die Tischkante, kreuzt die Arme über die Brust und
schickt sich an, als wollte er reden.
Der Schwandhofer schaut den Burschen so etwas über die Achsel hin an
und stellt ihm ein paar gleichgiltige Fragen über die Wirthschaft.
Da macht der Flori den Mund auf und sagt kernhaft: „Werden wir’s halt
angehen!“
Der Alte wendet bis zur Hälfte sein Gesicht, läßt die Augenlider
zufallen, als wenn er schläfrig wäre, und murmelt: „Was meinst, Flori?“
„Wenn ich auf’s Haus geschrieben werde,“ meint der Bursche, „so kann
ich nicht allein stehen.“
„Setz’ Dich nieder,“ lallte der Alte.
„Ich will heiraten!“ sagte der Flori.
„So!“ antwortete die Mutter in einem merkwürdig kühlen Tone.
„Ich weiß Eine,“ fuhr der junge Mann fort, „und will nicht lange
umziehen. In vierzehn Tagen kann Alles vorbei sein.“
Der Alte trommelte mit seinen steifen Fingern auf der Armstütze des
Sessels. Endlich versetzte er, noch immer mit schläfriger Miene: „Darf
man fragen, wer es ist?“
„Die Vrona. Die Stegbrunnerische Vrona.“
„So!“ sagte nun auch der Alte. Beide schwiegen und der Sohn begann
nun seine Wahl mit kurzen Worten zu begründen, die Nothwendigkeit
derselben klarzustellen, und der Gründe waren so triftige, daß er den
eigentlichen, triftigsten gar nicht einmal anzuführen brauchte.