Und die Tage vergingen, die Hochzeit war kaum eine Woche mehr fern. So

wußte Anasti in einem Winkel von St. Wolfgang wieder einmal das Suschen

zu treffen. Er hatte sich vorgenommen, sie beim Herzen zu packen.

„Hast Du mich noch ein wenig lieb, so wirf mir kein Hinderniß in den

Weg!“

Sie lachte ihm in’s Gesicht: „Eben deswegen, weil ich Dich zu gern

habe, lasse ich Dich keiner Andern. Vielleicht daß Du das Kunststück

verstehst: die Eine gern haben und die Andere heiraten -- ich nicht.“

„Liebelei ist bei Euch Weibsleuten das Erste und das Letzte und Ihr

meint, sonst gäb’s an nichts mehr zu denken.“

„Bei Euch kommt zur Liebelei noch die Falschheit dazu, da braucht man

freilich einen Kopf.“

„Nach unserem Kopf fragt Ihr gewiß nicht, schon eher nach unserer Hand,

die Euch das Brot erwerben soll; aber ganz gewiß und allemal und auf

alle Weise sucht Ihr Das an uns, von dem Ihr nicht sprechen könnt, weil

Ihr kein Wort wißt, das groß genug wäre, dies Euer Erstes und Letztes

zu nennen.“

„Da gebe ich Dir schon Recht. Euch geht das, was Du meinst, blutwenig

an, nur daß für Euch der Spaß dabei ist. Aber unser Glück und Unglück

ist daran und was Ihr Lust habt, das müssen wir tausendfach leiden. Die

Sünde, die an Euch hängt, müssen +wir+ büßen mit Verderben und

Sterben.“

„Glaub’s ja, glaub’s ja,“ beschwichtigte Anasti, „nur können wir nichts

dafür. Ich verhoffe, Susi, daß Du mich nicht in’s Unglück stürzen

wirst. Wenn es der Straßen an der Antlistanne wegen ist, so bist dabei

Du so gut zu Theil gekommen, als wie ich.“

„Oh, viel besser noch!“ rief sie, „und just deswegen bist Du mein.“

„Was ich an Geld thun kann, deß will ich mich ja nicht entschlagen.“

„So!“ sagte sie, „eine Solche bin ich Dir? Oh nein, mein junger Mann,

um Geld verkaufe ich Dich nicht. Zwar schätze ich Dich heute lange

nicht mehr so hoch, wie einstmals, wo ich mich selber für Dich habe

ausgespielt. Aber feil bist mir nicht. Von mir, mein Bübchen, kommst

leicht nimmer los!“

„Du bist mir tausendmal verhaßt!“ schrie er.

„Das glaube ich! Wir wollen nur sehen, wer diesmal stärker ist, ich

oder Du. Hast Du gemeint, ich wäre so Eine, wie die meisten Anderen

-- Du wirst gewiß Viele kennen -- so bist in einem Irrthum. Haben

+will+ ich Dich einmal; ob ich Dich mit meinem Umarmen für mich

lebendig mach’ oder erwürgen muß, das ist mir jetzt schon alleins.“

„Untersteh’ Dich, Dirn! Du kennst mich nicht!“ rief er, blaß im Gesicht

und mit funkelndem Blick.

„Zwei Tage laß ich Dir noch Zeit, Anasti. Heute ist Mittwoch, am

Freitag um zwölf Uhr Mittags melde ich mich im Spornthalerhof.“

„Kannst es thun,“ sagte er mit umflorter Stimme, „nur rathe ich Dir,

daß Du früher beichten gehst.“

„Wie meinst das?“

„Man kann nicht wissen, was geschieht.“

Am nächsten Tage schrieb Anasti einen Brief an Suschen, er bitte sie

um Leben und Sterben, sie solle ihn nicht zum Aeußersten treiben, denn

das möge sie wissen, bevor er sich von der Spornthalerheirat abbringen

lasse, geschehe ein Unglück.

Es kam auf diese Zeilen keine Antwort.

* * * * *

Am Freitag früh sah er Susi in der Kirche. Sie war wirklich am

Beichtstuhl gekniet und nun stand sie lange und unbeweglich vor dem

Hochaltare. Sie schien sehr andächtig zu beten; man sah es ihr nicht

an, welche Bosheit sie im Herzen trug. Vielleicht jedoch hatte sie sich

besonnen, oder bat jetzt um Gnade, ihre Leidenschaft überwinden, ihm zu

Liebe der Rache entsagen zu können.

So dachte Anasti, der es sich gar nicht vorstellen konnte, daß nicht

die ganze Welt sich um das Glück seiner Person drehen sollte. -- Daß

dort in der Gestalt des blonden Mädchens ein unlöschbares Anrecht, eine

ewige Forderung stand an sein Leben und an sein Himmelreich, das kam

seiner selbstsüchtigen Natur nicht zu Sinne.

„Heute bist Du schon gar ein Andächtiger, Anasti!“ lispelte ihm

plötzlich eine Stimme zu und eine Hand legte sich auf seine Achsel, „Du

kannst Dein Auge ja vom Altare gar nicht wenden!“

Gratina, seine Braut, stand neben ihm.

Er ging mit ihr aus der Kirche. Sie kehrten im Wirthshause zu, denn

Anasti ließ sich neben dem schönen Mädchen aus dem Großbauernhofe

gern sehen; und gleichwohl Alles in der Leute Mund kreiste, was

an Scheelsucht zu kreisen hat, wenn ein beneidenswerthes Paar

zusammenheiratet, so genoß Anasti doch schon jetzt all’ jene Ehren,

die ihm ja in wenigen Tagen als dem vielvermögenden Spornthaler

gebühren werden. Und einem Menschen wie dem Küsterssohn, der nicht

viel wohlhabender war, als wie die Mäuse seiner Kirche, thun derlei

Auszeichnungen über alle Maßen wohl.

Nach dem Wirthshause begleitete der Anasti seine Braut hinauf zu ihrem

Hofe. Derselbe stand eine Stunde weit im Hochthale oben und der Weg

dahin war gut gepflegt, nur menschenleer und ein bischen romantisch.

An einer schattenreichen Waldhänge stieg er hinan und in der Tiefe

brauste der Scharnbach. Dort, wo hinten das Thal sich zu breiten und

das Besitzthum des Spornthalerhofes sich zu dehnen beginnt, ist ein

förmliches Felsenthor. Die Schlucht mit dem Bergbache gähnt finster

zwischen dem fast senkrecht aufsteigenden Gefelse; der Weg ist in die

Wand eingegraben und ein massiges Holzgeländer schützt vor dem Sturz

in die Tiefe. Ueber dem Wege prangt ein Bild der Mutter Gottes, deren

Herz von einem Schwerte durchstochen ist. Nach diesem Bilde heißt der

Punkt an der wilden Schlucht „zur schmerzhaften Mutter“.

Als sie zu dieser Stelle kamen, sagte Gratina: „Da mag der junge

Spornthaler auch gleich was anwenden lassen. Wie ich sehe, wird das

Geländer schon morsch. Früher ist viel geschehen bei der schmerzhaften

Mutter; aber während meines Vaters Zeiten hat sich kein Unglück

zugetragen.“

„Freilich muß was angewendet werden,“ antwortete Anasti, „und jetzt

schauen wir, daß wir weiter kommen.“

Sie hätte dort an den Haselbüschen gern gerastet. Sie bat ihren

Bräutigam, daß er ihr einen Haselstock schneide; sie wolle ein Andenken

haben an das heutige Nachhausegehen mit ihm. Er that’s mit Eile und mit

einem einzigen Schnitte war der schönste, schlankste Stab gelöst.

„Vor Allem, das sehe ich schon, muß ich Dir einen bequemeren

Taschenveitel kaufen,“ bemerkte sie, „Du tragst ja gar ein

ungeschicktes Messer bei Dir.“

„Bisweilen kann man’s schon brauchen,“ antwortete er und sie gingen

weiter.

Im Hofe war große Beschau. Der Jungbauer wurde in den Ställen,

Scheuern, Vorrathskammern herumgeführt; Alles strotzte vor Fülle.

Schließlich ließ ihn Gratina durch die nur ein paar Finger breit

geöffnete Thür in’s Schlafgemach blicken. Es war völlig fertig. Er

wollte einen Schritt hinein thun, um Alles bequem sehen zu können;

allein sie zog schalkhaft die Thür zu.

Als es zum Mittagessen kam, entschuldigte sich Anasti, er könne bei

demselben heute nicht bleiben. Er habe noch wesentliche Vorbereitungen

zum Hochzeitstage zu besorgen, komme vielleicht am Nachmittage wieder.

Er ging, aber nicht um Vorbereitungen zu treffen, sondern vielmehr um

ein Hinderniß zu beseitigen, wenn es nöthig sein sollte.

Wenn sie Wort hält und kommt, so ist +jetzt+ die Zeit dazu. --

Er ging hinab gegen die Thalenge der „schmerzhaften Mutter“. Hier

müßte sie kommen. -- Hier vorbei darf sie nicht und wenn ich sie auf

den Armen nach Wolfgang zurückschleppen muß. Ich will es noch einmal

mit Güte probiren. Ist sie eine Schlange, so muß sie mit Verheißungen

beschworen werden; ist sie ein Stein, so muß sie mit jener Gluth

geschmolzen werden, der kein Weib widersteht. Ich setz’ Alles dran, daß

sie still bleibt. Es ist schon fast Mittag vorbei; sie hat sich doch

wohl besonnen. Sie ist besser, als sie thut: so wird sie auch für ihr

Leben einen Freund an mir haben. --

In der Felsennische unter dem Bilde setzte er sich auf einen Haufen

von geschlagenen Steinen. Er starrte hinüber in das jenseitige graue

Gefelse, an welchem der Wasserstaub emporthaute von den Wellen des

Scharnbaches, die unten zwischen den Wänden und Blöcken hin und her

geworfen wurden.

Plötzlich schritt Suschen heran.

Er erhob sich rasch und vertrat ihr den Weg. So blieb sie stehen und

blickte ihn höhnisch an.

„Das habe ich mir gedacht, daß dahier Einer auf mich warten wird,“

sagte sie. „Ich rathe Dir gut, Anasti, laß’ mich meinen Weg gehen!“

„Wenn Du zum Hof willst, so ist das +Dein+ Weg nimmer!“

„Das will ich sehen!“ rief sie und hob eine Pistole.

Er wich einen Augenblick zurück. „So willst Du mir?“ zischte er und

fiel wüthend über das Mädchen her. Der Schuß krachte. „Mein lieb’

Dirndl!“ schnaufte er und rang mit ihr.

„Stich mich nieder!“ stöhnte sie.

„Das brauch’ ich nicht. So ist’s besser!“ Und schleuderte sie mit einem

wilden Satze über das Geländer.

Ein einziger Schlag unten im Gestein -- und das Wasser brauste fort und

fort. --

Anasti lief wegabwärts und dann den Hang hinan in’s Dickicht. Zwei

Bauern schritten rasch heran.

„Da ist der Schuß gefallen und da ist Einer in’s Gebüsch gesprungen.“

„Blutspuren seh’ ich auch. Es ist was geschehen. Wir müssen den Wicht

fangen.“

Anasti entkam. Sein Halstuch wand er um die blutende Hand, die der

Schuß gestreift hatte, damit die rothen Tropfen seinen Pfad nicht

verriethen. Aber er sah, daß Alles aus sei.

Im Waldhäuschen einer alten Muhme sprach er zu, schrie ihr einige Worte

des Schreckens in’s Ohr, trennte mit einem Schnitte das Tragband von

dem Holzkorbe der Alten -- eilte damit davon.

An demselben Tage noch fand ihn ein wanderndes Weib aus dem Allgäu im

Geäste der Antlistanne leblos.

Und auf dem weißen Splint des Stammes standen die Worte, die noch heute

nicht verwaschen sind:

„Hier auf dieser Straßen

Hat mich Gott verlassen.“

[Illustration]

Es reigt in Lust ein Liebespaar.

Hier will ich die Geschichte erzählen, warum der Hammerl-Hans,

der alte, lustige Hammerl-Hans, mit dem erloschenen Pfeifchen im

Munde, am Sandhause im Koberwald so still, so gebückt und gedrückt

vorbeischleicht.

Der Hammerl-Hans ist ein fahrender Musikant; er spielt durch kleine

Hämmerchen ein schier wunderliches Instrument. Es ist eine Art

Hackbrett mit hölzernen Saiten. Da liegen auf Strohriegeln etliche

dreißig Holzwälzchen, etwa einen Zoll dick und von verschiedener

Länge; sie sind so neben und zwischen einander gelegt, daß sie durch

Hämmerchen, wie die Saiten eines Hackbrettes gespielt werden können.

Der Hans ist vormalen in den Freisohlergräben Ziegenhirt gewesen.

Dort hat er oft den Blockriesen der Holzknechte zugesehen, wie die

zerschnittenen und entschälten Baumstämme die Mulden und Rinnen

herniederrollen und mit klingendem Schalle in die Kohlstatt fliegen.

Und da war dem Hans aufgefallen, daß diese Holzstücke je nach ihrer

Größe und Länge einen verschiedenen Klang hatten. Je kürzer das Stück,

desto höher und greller das Klingen, je länger der Schaft, desto tiefer

und summender das Tönen.

Ein Freund der Tonkunst war der „Gaishalter-Hansl“ von jeher gewesen,

und das Ideal seines Lebens: pfeifenblasen oder geigen zu lernen und

unter den Dorfmusikanten auf dem Kirchenchor oder im Wirthshause Gott

zu loben und die Menschen zu erfreuen. Aber das Instrument kostet Geld,

der Schulmeister kostet Geld, das Lernen kostet Zeit, und so hat sich

der arme Hansel mit seinem Naturgesang und mit dem Meckern der Ziegen

zufrieden geben müssen. Wohl hatte er sich mehrere Pfeifen aus Rohr

geschnitten, hatte Blätter von Enzian über die Lippen gespannt und

durch das Blasen Töne erzeugt; doch waren ihm derlei Instrumente nicht

vollkommen genug.

Als ihm nun aber das vielfältige Schallen der entschälten Holzblöcke

auffiel, kam ihm plötzlich der Gedanke: so ein Werkzeug aus Holz,

daß man darauf Musik machen könnte! Mit den großen Blöcken ließ sich

allerdings nichts anfangen, die gehörten auch nicht sein; aber im

Kleinen aus Fichten-Holzstücken ein Spiel einrichten!

Er hat’s versucht, hat lange, lange Zeit damit herumgearbeitet, und so

ist allmählich jenes oben beschriebene Instrument entstanden. Mit zwei

Hämmerchen hat er es geschlagen, bald auf das eine, bald auf das andere

der Stäbchen klopfend, und siehe, es haben dabei die Hunde geheult.

Darüber war der Hans entzückt, denn Hunde heulen immer, wenn Musik

gemacht wird -- so war es denn Musik.

Viele Jahre lang hat es freilich gebraucht, bis das Instrument eine

solche Vollkommenheit und der Hans darauf eine solche Fertigkeit

erlangte, daß er vor aller Leute Ohren spielen konnte. Dafür thäten

sich nun aber die Ohren um so schärfer spitzen. Man hatte wohl schon

gehört, wie auf Glöcklein oder auf einer Reihe von Trinkgläsern

allerlei Weisen hervorgebracht wurden, aber daß gar die Holzblöckchen,

die wild aufgewachsen waren im Walde, musikalisch sein sollten, das war

gar aus aller Weise. Sechsunddreißig Stäbchen, von dem kürzesten bis

zum längsten, gaben sechsunddreißig Töne, die ganz kunstgerecht mit

einander harmonirten. Und jetzt hämmerte der Hans den Leuten vor, was

sie wollten: steierische Tänze und wienerische Walzer, heitere Lieder

und frische Soldatenmärsche, auch Alpenjodler und Kirchengesänge, was

eben die Leute verlangten und -- bezahlten.

Da war’s mit dem Ziegenhalten vorbei. Da ging der Hans mit seinem

Spielwerk thalauf, thalab, von einem Dorf zum andern, auch zuweilen

über die Berge hin in ein anderes Thal, und an der Landstraße weiter

auf Märkte, in die Städte; kehrte aber stets wieder bald in seine

heimatliche Gegend zurück. Man gab ihm den Rath, er sollt’s versuchen,

sollt’ in die Residenz reisen, sollt’ in der weiten Welt sein Glück

probiren, er käme nach Jahren gewiß als reicher Mann zurück.

Der Hans that’s aber nicht und er wußte gut, warum.

Wenn er drüben hinter den Bergen war, in einem andern Thal, oder in der

Gaustadt draußen, da hatte er, außer in den Stunden, wo er spielte,

keine gute Zeit. -- „Thut mir halt allerweg ein bissel ant, wenn ich

nit daheim bin,“ sagte er einmal im Vertrauen; ging er aber wieder

zurück in’s Thal, wo er geboren worden, wo er die Ziegen geweidet, wo

er sein Holzinstrument erfunden, so fand er eigentlich doch nichts vor.

Heimweh und keine Heimat! Keine Handbreit Erde war sein. Wozu auch

braucht er Erde, der Bettelmusikant, er gehört zu jenen Leichtfertigen

und Glücklichen, die bei der Theilung der Erde zu spät gekommen. Von

seinen Blutsverwandten lebte Keines mehr. Aber die Leute hatte er

alle lieb, die in der Gegend der Freisohlergräben und des Koberwaldes

lebten. Den Einen hatte er einst die Ziegen gehütet, den Anderen was

vorgespielt; die hatten ihn satt gefüttert, wieder andere hatten ihm

gute Schuhe machen lassen. Ferner hatten sie bei seiner Musik viel

getanzt und gesungen und hatten gesagt: „Wer wollt’ ihm’s ansehen,

dem Lappen da, daß er ein solches Kreuzköpfel ist und das ganze

Spielwerk selber erfunden hat. So ein Mensch ist hell eine Ehr’ für die

ganze Gemein!“ Etliche waren freilich auch, die seine „Holzklemper“

verspotteten -- aber gut und in irgend welchem Verhältniß stand er zu

Allen; auch sagten Alle „Du“ zu ihm, und hatten stets ein drolliges

Wort für ihn wenn er kam, und mancher Gönner der Kunst verehrte ihm ein

Pfeiflein Tabak -- und das Alles zusammen und vielleicht noch Anderes

mit machte es, daß er hinter den Bergen draußen jenes Gefühl hatte,

welches wir Heimweh nennen.

Vor Allem hatte er die Kinder lieb, gesellte sich gern zu ihnen, und

sie hüpften und schlugen Purzelbäume bei seinem Spiele.

Ein kleines Mädchen wohnte im Hagerhause am Eingang in die

Freisohlergräben, dem ging der Hans, wenn er von seinen Wanderungen

zurückkehrte, gern zu und immer begrüßte er es mit den Worten: „Schau

zum Wachsen, Frieda, Dein Bräutigam trägt schon spannlange Schuh!“

Anfangs hatte sich das Mädchen auf solche Anrede kichernd

davongetrollt, später hatte es ausgerufen: „Ja, ich hab’ noch gar

keinen Bräutigam!“ und endlich, wie es schon schlank geworden,

entgegnete es gar nichts mehr auf die Anrede, sondern blickte auf die

Erde nieder. Und da dachte sich der alte Hans: Freilich, freilich, der

Mensch, ob klein, ob groß, braucht seine spannlangen Schuh! Und der

Frieda seh’ ich’s an, sie hat jetzt einen Bräutigam. --

Auch dem Hans -- dem Hammerl-Hans, wie ihn die Leute nannten -- wird

das Herz einmal geblüht haben. Ob ein Reif in der Frühlingsnacht die

Blüthe versengt, ob ein Wettersturm dieselbe verweht hat, ob sie zur

Frucht gediehen ist -- ich vermag es nicht zu sagen; er erzählt es

vielleicht mit seinen Hämmerchen auf den hölzernen Saiten und die Leute

verstehen es nicht, oder vermeinen ihre eigenen Geschichten dabei zu

hören.

Die Frieda vom Hagerhause hatte blaue Augen und flocht die Locken

nicht. Sie war auch Ziegenhirtin, und deswegen hatte sie der Musikant

einmal um den Namen gefragt. -- Umsonst wollt’ sie den Namen nicht

sagen, „er müßt’ ihr ein schönes Stücklein dafür spielen“. Das schönste

Stückel was er kann, hatte er ihr vorgespielt. -- Von dieser Zeit her

ging die Freundschaft und der Spruch von den spannlangen Schuhen. Der

Hans wußte gar nicht, wie es war, daß er das Kind so gern sah, und

gerade wenn er bei diesem Mädchen saß, murmelte er mehrmals: „Bin wohl

recht froh, daß ich wieder daheim.“

Und Frieda war doch fremder Waldleute Kind, und sie war lange, lange

noch nicht tausend Wochen alt, und er -- schon gebeugt und mit weißem

Haar.

Als nun diese Zeit gekommen, in welcher das schlanke Mädchen den Sand

auf dem Boden zählte, so oft der Hammerl-Hans das Wort vom Bräutigam

sagte, betete er des Abends in seinem Bette um ein Vaterunser mehr als

sonst, und mit dem Zusatz: „Auf daß sie halt sollt’ glücklich sein!“

Da trug es sich zu, daß eines Tages vom Koberwald herüber der junge

Sandhauser kam, das Mädchen auf der Au bei den Ziegen stehen sah, zu

ihm hintrat und das Wort aussprach: „Frieda, jetzt bin ich da um Dich.“

„Ist schon recht,“ entgegnete die Hirtin lächelnd.

„Mein Ernst! In vierzehn Tagen mußt das Herdfeuer im Sandhaus anzünden,

und gehst schon heut’ mit, so ist’s mir noch lieber!“

Da wurde das Mädchen ganz blaß. Mit seinem schönen, ernsten Gesichte,

mit seinem milden Auge stand er vor ihr und legte die Hand auf ihren

Oberarm und warb. Er wußte es nicht, daß er ihr Liebster im Herzen war;

sie hatten sich öfters gesehen auf dem Kirchpfad, aber nie ein Wort mit

einander gesprochen.

-- Ist’s ein Scherz -- so vermochte das verwirrte Kind noch zu denken

-- so kunnt’ er sich bitter versündigen, und wenn’s sein Ernst -- --

Sie starrte nieder zu seinen Bundschuhen: Eine Spanne mögen sie wohl

lang sein..

„Und daß ich frag’, Frieda, hast ein Geld?“

Das Mädchen stieß einen Seufzer aus und flüsterte: „Nicht fünf

Groschen.“

„Das ist mir lieb,“ sagte der Sandhauser, „das Geld macht beim Heiraten

die meisten Unebenheiten. Na, so hätt’s keinen Umstand; ich, der

Blasi, hab’ Haus und Hof, und Du hast den Blasi. Wir machen es auf

Güterhalbscheid.“

Sie hat kein Sterbenswörtchen gesprochen, sie hat sich hingelehnt

an seine Brust. Doch, als er wieder davon war -- ich meine, er ist

schnurgerade zum Pfarrer gerannt -- da hat sie den Ziegen zugeschrien:

„Ja bin ich denn gestorben -- denn gestorben, daß ich im Himmel bin?“

Bauers-Brautleute, wenn sie sich einmal erfassen, besinnen sich nicht

lang’ -- in vierzehn Tagen ist die Hochzeit gewesen.

Wohl ist der Hammerl-Hans mit seinem Instrument um das Lindenwirthshaus

geschlichen, aber kein Mensch hat ihn hineingerufen; drin hat ja die

vornehme Dorfmusikbande aufgespielt, daß, mein Eid, die Wände haben

gegellt, und der Tanzboden unter dem kecken Springen und Stampfen der

Burschen hat’s büßen müssen.

-- Thät’ nur die Braut ein einzigesmal zum Fenster herausschauen!

seufzte der Hans. Aber es wurde Nacht, und hell waren die Fenster

beleuchtet. Da ging der Alte über das thaunasse Gras. Er sah

Johanniskäfer leuchten, er sah Sternenfunken vom Himmel gleiten; er

dachte nichts als daß er es der Braut sagen möchte, welch’ ein großes

Glück er ihr wünsche.

Und am Tage darauf zog die Frieda im Sandhause ein. Da konnte es

der Hans nicht mehr länger aushalten; er eilte hin und ging vor dem

Sandhause so lange auf und ab, bis Frieda ihn bemerkte, zur Thür

heraustrat und ganz leise, als käme ihr das Wort noch gar nicht zu,

Folgendes sagte: „Grüß Euch schön Gott bei uns. Geht in’s Haus und

rastet ab!“

Da ergriff der Alte ihre Hand: „Dich muß man so viel gern haben. Der

lieb’ Herrgott segne Dich! Der lieb’ Herrgott segne Dich!“

Dann trat er in’s Haus und lehnte den Kasten, in welchem sein

Holzinstrument eingeschlossen war, an die Ofenmauer und setzte sich

selbst daneben hin auf die Bank, und sah in der Stube umher, wie Alles

so hübsch und heimlich eingerichtet war. Der Sandhauser kam und meinte:

Bei der Ofenbank sei kein Sitzen, der Hans solle sich ein wenig an den

Tisch begeben. Und bald war ein gewichtiger Laib Brot und ein grüner

schwitzender Mostkrug auf dem Tische erschienen.

Der Sandhauser hatte viel aus- und einzugehen, trug in ebenmäßiger Ruhe

und doch mit einem gewissen Eifer den einen Gegenstand hin, den andern

her. Und auf dem Oberboden und in der Nebenkammer war der behendige

Schritt der Frieda zu vernehmen, und bisweilen huschte sie mit einem

Kissen, mit einer Decke durch die Stube.

Der Hammerl-Hans kaute langsam an dem schmackhaften Brot, dachte bei

sich: Wohl, jetzt thun sie schon nesttragen -- und that einen gedehnten

Zug aus dem Kruge.

Endlich setzte sich der junge Ehemann zu ihm und fragte: „Na, Hans,

kriegen wir gar nichts zu hören?“ -- Er hätte das Wort wieder einfangen

mögen; er war erstens heute nicht in der Stimmung, auf dem Dreifuß

zu sitzen und einer Musik zu lauschen, und zweitens kam’s ja gerade

heraus, als wollte er sich für die kleine Jause, die er dem Alten

vorgesetzt, bezahlt machen. Er sagte daher, als der Hans schon mit

freudiger Hast die Lederriemen seines Kastens aufschnallte: „Na, na,

Hans, nicht desweg, nicht desweg. Thu’ sich der Hans ausrasten. Ein

andermal.“

„Wohl nit vonnöthen!“ versetzte der Alte rasch, „hab’ mich jetzund

rechtschaffen gestärkt. Muß ja dem jungen Ehepaar noch mein Brautliedl

vormachen -- das wohl, ei, das wohl!“

Sofort that er die Strohriegel auf den Tisch, entfaltete das Instrument

und legte es darauf zurecht. In jeder Hand ein Hämmerchen, schlug

er zuerst auf eines und das andere der Stäbchen -- auch +sein+

Spielwerk muß gestimmt werden!

Töne sind nicht zu beschreiben, und am wenigsten, wenn sie von einem

eigenartigen Instrumente kommen, das die allermeisten Menschen noch gar

nicht gehört haben. Und so muß sich der Erzähler begnügen zu sagen,

daß der Hammerl-Hans auf seinem Zeug gar seltsam zu spielen, die

anmuthigsten Melodien hervorzubringen versteht. Etwas komisch berührt

nur das hastige Hinundherzucken mit den Armen; in raschem Tempo müssen

ja die Hämmerchen fast gleichzeitig in den verschiedensten Gegenden des

Tonbrettes sein -- jetzt beim brummenden, grollenden Holz, jetzt wieder

beim klingenden, schreienden. Das Ganze quillt etwas derb und grell

hervor und macht die Nerven zittern. Von der Entfernung gehört, ist

es eine weiche, melodische Musik, doch ganz unvergleichbar mit allen

anderen Tonspielen.

Zuerst gab der Hans im Sandhause mit sanften Hammerschlägen eine

liebliche Volksweise zum Besten. Das lockte die Frieda herbei. Sie

schmiegte sich mit Haupt und Gliedern an ihren jungen Gatten und

horchte dem Spiele zu. In solcher Lage fand auch der Sandhauser die

Musik angenehm, und als das erste Lied zu Ende war, bestellte er ein

zweites und zog sein Weibchen nieder auf seinen Schoß.

Das zweite Lied klang schon lauter und kecker, und der Blasi trat dazu

mit der Fußspitze den Tact. Das dritte Stück war ein steierischer

Tanz, da wiegte sich die Frieda auf den Knien ihres Mannes, bis dieser

sie emporhob, selbst aufstand und flüsterte: „Na, Frieda, das thut’s,

hopsen wir Eins mit!“

Da hat sie ihren Arm um seinen Hals gelegt und da haben sie jenen

Reigen begonnen, der seiner Anmuth und Sinnigkeit wegen wohl den ersten

Rang einnimmt unter den Tänzen des deutschen Volkes.

Als der Hans einen Blick that hin auf das Paar, da vergaß er schier

auf das Hämmern: die Frieda hob gerade das vorhin an Blasi’s Brust

gesunkene Köpfchen und sah dem Gatten in’s Auge. Und diesen Augenblick

kann der alte Musikant nimmer vergessen. „Toll,“ murmelte er, „toll

haben sie sich gern!“ und suchte wieder in den Tact zu kommen.

Feierabende: Lustige und finstere Geschichten · 第 21 / 29 段