allein auf dem Felde war, da das Korn schon reif geworden, sagte er zu
ihr: „Das war wohl einfältig von Dir, Vefa, daß Du dem Bauer ein ganzes
Dienstjahr geschenkt hast; er hätte den Gregor auch so ordentlich
begraben müssen; oder glaubst Du, wir hätten unsern Gespan in einen
Sack genäht und auf den Friedhof getragen wie ein Bündel Hafer in die
Mühle? O, da hättest Du eher ganz was Anderes gesehen! Ich hab’ damals
beim Tisch den Georg schon mit dem Fuß gestoßen -- und wie der Bauer
nur noch ein Wort sagt von einem solchen Eingraben wie einen Hund, nur
+ein+ solches Wort, und wir brechen ein paar Stuhlfüße ab und
lehren den Bauer Gott erkennen! Wir hätten es than, und wenn er’s noch
eine Weil’ so fort treibt mit Dir, so geschieht was. Glaubst, ich trau’
mich nicht, daß ich jetzt hingeh’ zu ihm und sag’: Grübner, Du bist ein
Schuft! Glaubst, ich trau’ mich nicht?“
„Laß es nur gut sein jetzt, Großknecht, und reden wir kein Wort mehr
davon. Ich dien’ gern ein Jahr umsonst, wenn der Bauer nur dem Gregor
nicht nachflucht -- der Todte könnt’ ja kein’ Ruh’ haben im Grab...“
Und sie redeten nicht mehr davon.
Gegen den Herbst kam eine schwere Arbeit. Im Gebrände mußte das
Gestöcke entfernt und der Boden umgegraben werden. Mit dem Pflug kann
man in solchem Waldgrund nichts anfangen, und so nimmt denn Jedes
seinen Spaten oder die Haue und gräbt vom frühen Morgen bis zum späten
Abend. In den Frühstunden, da geht’s freilich noch gut, da geben die
Bäume, die auf der Anhöhe stehen, ihren Schatten, aber bald guckt die
Sonne über dieselben herüber, als ob sie sehen wollte, ob die Arbeiter
wohl auch fleißig. Und dann werfen die Leute ihre Röcke weg und graben
wieder. Die Sonne bleibt nun da und blickt immer auf die Arbeiter
und wendet ihr Gesicht gar nicht weg. Und die Leute wischen sich den
Schweiß und graben.
Für Einen, der mit der Haue sein trocken Brot herausgraben muß aus
steinigem Grund, schleicht die Sonne gar langsam über den Himmel
hin; aber auch für ihn kommt der Abend. Die Schatten des westlichen
Bergwaldes werden länger und länger; die Leute richten sich auf, athmen
in einigen langen Zügen die frischere Luft ein, fassen den Spatenstiel
fester an, und graben. Und erst wenn es dunkel geworden ist und die
Haue in den Steinen schon helle Funken giebt, sagt der Großknecht:
„Lassen’s gut sein für heut’!“ und die Leute suchen ihre Röcke, nehmen
die Haue über die Achsel und gehen heim.
Solche Tagewerke hat auch die alte Genovefa mitmachen müssen, weil
im Kuhstall der Gustl, der Grübnersohn, angestellt wurde. „Sonst
thut’s mir nichts,“ hatte sie gesagt, „aber das Kreuz will mir völlig
abbrechen.“
Und wie nun der ganze Hang bearbeitet war, kam der Bauer mit dem
Säetuch und streute Korn in den aufgelockerten Boden. Da ist -- wie er
gerade um einen kleinen Felsen säete -- ein Vöglein vor ihn hingehüpft
und hat einige Körnlein aufgelesen. Darüber gerieth der Grübner so in
Zorn, daß er einen weiten Sprung machte, um das Thierlein in den Boden
zu treten; aber das war lustig auf den nächsten Baum geflattert und der
Bauer hatte im Springen sein ganzes Korn auf das Erdreich geschüttet.
Nach dem Säen wurde die Erde noch einmal gelockert und der Same
eingewühlt -- dann war es für dieses Jahr fertig.
Die Witterung war lang’ hinaus schön und die Saat ging auf und grünte
noch -- endlich aber kam der Winter. Die Leute zogen sich allmählich
unter das Dach zurück.
Genovefa, die sonst beim Spinnen die feinsten Fäden zu drehen wußte,
die im Stalle zu schaffen verstand wie nicht bald Eine, mußte heuer
auf der Tenne den schweren Dreschflegel handhaben. Sie dachte oft
dabei, wie Gregor bei der Arbeit so flink und heiter war und für die
Winterabende allerhand Geschichten wußte. Sie, die Vefa, hatte damals
auch gesungen, jetzt aber hat sie gar keine Stimme mehr und es fallen
ihr auch die Lieder nicht ein. Die Lieder kämen nur so beim Kuhmelken,
aber jetzt darf sie ja nicht mehr in den Stall, dort hantirt der Gustl
und will Alles selbst verstehen. Die arme Magd ist ganz verwaist und
einsam. Es kam die Weihnachtszeit und der Bauer ließ jeden Dienstboten
vor sein Tischlein rufen und zahlte den Jahrlohn aus. Nur Genovefa ließ
er nicht rufen.
Aber der Großknecht fragte den Grübner: „Was ist’s, Bauer, kriegt die
Vefa nichts?“
„Das macht Dir gar nicht heiß, Bub’, Du hast Dein Sach’!“
„Aber ich will’s just wissen, kriegt sie was oder nicht?“
„Nein, sie kriegt nichts!“
„So! -- Ist recht, Bauer, ist schon recht. Weißt Du, Grübner, die Leute
denken sich schon lang’ was von Dir, und ich denk’ mir auch dasselbe,
und ich sag’ Dir’s auch, Du bist überhaupt so Einer --“
„So Einer! Was für Einer?“
„Was Du an der Vefa thust -- man kann Dir bei Gericht nicht an, das
weiß ich, denn Du hast sie überredet -- aber +schlecht+ ist es von
Dir! -- Bauer, Du bist ein elender +Schuft+!“ Mit diesen Worten
spie ihm der Knecht in’s Gesicht.
„Anspeist Du mich?“ krächzte der Grübner und stürzte gegen den Tisch,
wo ein Messer lag; „Teufel, ich stech’ Dich nieder!“
Aber in diesem Moment hatte ihn der Knecht am Halse gefaßt und
schleuderte ihn gegen den Kachelofen, daß dieser barst und einbrach.
„Jetzt komm’ mit mir, Vefa!“ rief der Großknecht diese im Vorhause an,
„komm’, wir gehen zum Dorfrichter, zum Greßbacher -- bin so zornig
gewesen und hab’ mir nicht mehr zu helfen gewußt!“
Indeß stand der Bauer mitten in der Stube mit blutender Stirne, und die
Leute, die über den Lärm zusammengeeilt waren, standen um ihn herum
und sein Weib wusch ihm das Blut mit kaltem Wasser weg und schlug dann
ein Tuch um seinen Kopf. Der Mann sagte nicht ein Wort, er fragte auch
nicht nach dem Großknecht. Der Großknecht hatte seine Kleider genommen
und war fortgegangen; es war ihm ganz leicht um die Brust über das, was
er dem verhaßten Bauer gethan hatte.
Genovefa aber blieb wie vor im Hause und arbeitete und arbeitete. Auch
Gertraud blieb ihrer Gefährtin zu Liebe und von einer fremden Pfarre
waren zwei neue Knechte gekommen. So ging es seinen gewöhnlichen Lauf
wieder fort. Der Bauer trug lange die Binde um die Stirne und sprach
wenig; nur mit seinem Weibe fluchte er und seinen Sohn schlug er, wenn
ihn irgend etwas wurmte.
Da geschah im Laufe des Winters einmal ein großes Unglück. Klopfte es
um Mitternacht plötzlich an der Schlafkammer des Bauers und Genovefa
rief: „Steht doch geschwind’ auf, draußen im Stall giebt’s was, die
Vieher röhren fürchterlich.“
Und als sie mit Lichtern in den Stall kamen, lagen zwei Kalben und eine
Kuh mit ausgelassenen Eingeweiden da und verendeten. Die wilde Mastkuh
war von der Kette los geworden und hatte ihre scharfen Hörner den
wehrlosen Nachbarn in die Leiber gerannt. Als der Grübner dies sah,
war er über alles Erwarten ruhig, nur befahl er, daß man sogleich den
Gustl, der die Aufsicht über den Stall hatte, herbeibringe. Gustl hatte
in der Futterkammer sein Bett, aber das war heute leer, der Stallbub’
war nicht daheim. Unter der Decke war’s noch warm, er konnte nicht weit
sein. Man schrie und rief ihn beim Namen, aber er gab keine Antwort und
kam nicht. Man suchte ihn in der Scheune, auf dem Dachboden im Heu, in
der Wagenhütte -- er war nirgends.
Jetzt erst wurde der Bauer rasend und blieb es tagelang, denn der Junge
kam nicht und Niemand hatte ihn seit der Zeit gesehen. Sofort kam
wieder Genovefa in den Stall, aber sie hatte nicht mehr die Freude bei
den Thieren wie einst.
„Den Buben schlag’ ich todt, wenn er kommt!“ schrie der Grübner oft und
oft, aber es verging der Winter, es kam der Frühling und im Grübnerhof
wurde kein Todtschlag begangen. Der Sohn des Hauses blieb verschollen.
Die Bäuerin hatte seit der Zeit viel geweint; der Bauer hatte nur
manchmal, wenn er so in seiner Mühle auf dem breiten Steine saß, den
Kopf geschüttelt und darauf recht fest in das Pfeifenrohr gebissen. --
Anfangs war zu glauben, der Gustl sei aus Furcht vor der Strafe nur zum
Nachbar geeilt, habe sich dann in eine angrenzende Pfarre geflüchtet
und er werde sich schon wieder einstellen im Elternhause. Aber es
verging der Frühling und es kam der Sommer und der Junge kam nicht
zurück.
„Du Alte,“ sagte der Grübner einmal zu seinem Weibe, „der Bub’ macht
mich noch närrisch!“
Das Weib fühlte selbst dergleichen, aber es war überrascht von diesem
Wort ihres Mannes; mit einem solchen Ton hatte er schon seit Jahren
keines mehr gesprochen. Sie fiel an seine Brust und weinte, aber der
Bauer schob sie unsanft weg. „Die Welt ist eine Teufelei, die eigenen
Kinder thun Einem die größte Pein an.“
Als der Hochsommer und die Mähzeit vorüber war, wurde es von den
Kanzeln aller Pfarrkirchen in der Gegend verkündet, daß August Grübner,
er möge sein wo immer, in’s Vaterhaus zurückkehren wolle, es wäre Alles
gut und es geschehe ihm nichts zu Leide.
Aber da kam einmal der Dorfbote in den Hof und sagte zum Grübner:
„All’ Euer Ausschreien ist für nichts, Euer Junge ist fort nach
Amerika.“
„Muß ich Dich niederschlagen, Lügner!“ fuhr der Bauer den Boten an,
aber später setzte er sich auf den Brunnentrog, stützte sein Kinn auf
die Hand und brummte: „Mag sein, mag wohl sein!“
Es war ein schöner, warmer Sommer gewesen und die Erntezeit kam früher,
als es sonst in jenen Gegenden zu geschehen pflegt. Das Korn am Hange
des Waldgebrändes war bereits reif und die Leute, die des Holzweges
kamen, wunderten sich über die langen, vollen Aehren, die sie da
sahen. In der ganzen Gemeinde gab es kein so herrliches Getreidefeld,
als auf dem Waldgrunde des Grübners. Ganz, wie wenn es dieser Sommer
hätte gut machen wollen, was sein Vorgänger dahier verbrochen hatte.
So ein Waldbrand richtet aber auch ein gutes Kornfeld; alle Gras-
und Unkrautwurzeln werden vertilgt und die Erde mit Kohlen reichlich
gedüngt.
Das gab vielleicht hundert Metzen, bis Alles in den Säcken -- so viel
erntete sonst kein Bauer in der Gegend. Das richtete den Grübner auch
wieder auf, er wurde herrischer und fluchte wieder mehr mit seinem
Gesinde, schlug auch das Pferd kräftiger mit dem Peitschenstiele, kurz,
es war neues Leben in ihm.
So begann das Kornschneiden. Da wurde das Haus zugesperrt und Alle
mußten auf das Gebrände. Der Bauer hatte die Leute selbst angestellt
nach der Reihe über den Hang hinauf.
Voran schnitt Gertraud, die Weidmagd, dann kam ein Knecht. Diesem
folgte die Genovefa mit dem zweiten Knecht, dann die Bäuerin und
zuletzt der Bauer. Der Bauer fluchte, daß es so langsam gehe, er habe
ja nichts zu thun und könnte zehnmal schneller schneiden -- was man
denn vorn treibe? Aber vorn trieben sie gar nichts Sonderliches, als
schneiden, immer schneiden -- nur daß sie sich zeitweilig noch das
Angesicht abtrockneten. Genovefa hatte doppelt zu trocknen, den Schweiß
und ein wenig Naß von den Augen. Sie dachte an Gregor und an die ganze
Geschichte, die sich an das steile Kornfeld knüpft. Kein Mensch als sie
dachte daran, daß heute der Jahrestag -- Gregor’s Sterbetag sei! Als
sich am späten Nachmittag die Leute um einen Stein zusammen setzten und
Brot und kalte Milch verzehrten, schlich die alte Magd davon, pflückte
am Raine einen Strauß von Kornblumen und wilden Mohnblüthen und eilte
damit zwischen den Halmen gegen den Wald und zum Platz, wo vor einem
Jahr Gregor gelegen und gestorben. Dort war noch das Moos, in welches
der Arme seine wunden Glieder zu vergraben gesucht, aber es war nicht
mehr versengt, es grünte schon wieder.
Genovefa kniete nieder, legte den Strauß auf den Rasen hin und betete.
Thränen flossen ihr aus den Augen, aber das war zarter, kühlender Thau
auf diese Stelle -- nach den heißen Kämpfen, den glühenden Schmerzen,
nach dem Herzbrechen und Vergehen! Und als sie so betete für den
einzigen Menschen, den sie geliebt wie einen Bruder, da traf Genovefa
ein Schlag in’s Gesicht, daß sie rückwärts taumelte.
„Ein schön Gesindel das, heutzutag; ist das ganze Kornfeld reif, daß
schon die Körner ausfallen, geht so eine Creatur in den Schatten und
faulenzt! Vefa, Dir muß man’s in den Kopf schlagen, was man will, sonst
merkst es nicht. Aber ich werd’ Dir noch genugsam sein, das magst
glauben!“
Der Bauer war’s und jetzt trieb er die Magd förmlich vor sich her und
selbst, als Genovefa längst schon wieder schnitt, fluchte er noch
fort. Der Großknecht kümmerte sich nicht um den Geifernden und redete
während der Arbeit mit seiner Vorschnitterin von Diesem und Jenem, vom
Waldbrand auch, und es komme ihm vor, als rieche es noch davon.
Ueber solche Reden ärgerte sich der Bauer noch mehr; er wollte, daß
unter seinen Leuten den ganzen Tag kein Wort gesprochen werde, damit
nur die Arbeit noch besser vor sich ginge. Er würde von rückwärts jetzt
noch mehr gedrängt haben; aber er war an eine Stelle gekommen, wo die
Halme besonders dicht standen, so, daß einer den andern fast erstickt
hatte. Das war dort am Felsen, wo der Bauer beim Säen im Verfolgen
eines Vögleins das Korn ausgeschüttet hatte. Wie der Grübner hier so
schnitt und hächelte, schrillte die Sichel plötzlich an ein Hartes und
in demselben Augenblick stieß der Bauer einen wilden Schrei aus und
taumelte zurück.
Was war’s denn? Ja, was war’s, eine halb verweste Menschenhand langte
ihm aus den Halmen entgegen. Und als die Leute herbeikamen und das
Getreide auseinander schlugen, da fanden sie einen Leichnam kauern.
„Jesus, das ist der Gustl!“ rief die Bäuerin aus, und der Bauer sah die
zerfallende Leiche.
Der Mann rang nach Athem und brach zusammen. Als er stürzte, fiel er
mit dem Arm in die scharfe Sichel -- aber er gab keinen Laut von sich.
Stärker war das Mutterherz; es hat wohl geweint, daß es Allen durch
Mark und Bein gegangen ist, aber zusammengebrochen ist es nicht. -- Für
diesen Abend war es Feierabend. Die Leute zogen heim. Die Männer trugen
den Bauer auf zwei Stangen.
* * * * *
Jetzt war es wohl recht still und traurig auf dem Grübnerhof. Den
Sohn des Hauses hatten sie begraben. Die Leute sprachen noch hin und
her, wie es sich doch mit dem armen Jungen zugetragen haben mochte.
Er ist vielleicht durch jenen Lärm im Stalle erwacht, hat das Unglück
geahnt, hat dann aus Furcht vor seinem Vater die Flucht ergriffen, ist
herumgeirrt im Wald und auf dem Hang und dort am Felsen erfroren. Das
war die Muthmaßung. Der Bauer lag in seinem Stüblein und hielt die
bleichen Hände ineinander. Er bewegte die Lippen, aber er fluchte nicht
mehr.
Der Arzt sagte: „Es hat ihn der Schlag getroffen auf dem Felde und es
ist gut, daß er in die Sichel gefallen ist und viel geblutet hat, denn
sonst wär’ er todt gewesen.“
Da faßte der Kranke einmal die Hand des Arztes und lispelte ihm die
Frage zu: „Bader, werd’ ich noch einmal gesund?“
Was der Arzt darauf geantwortet hat, muß nicht gut gelautet haben; denn
der Bauer hat sein Weib und die Vefa zu sich rufen lassen und hat das
Testament gemacht.
In wenigen Tagen darauf lag der Grübner im Vorhause unter der
Bodenstiege, wo vor einem Jahre Gregor gelegen war. Und der Großknecht
hobelte in der Zeughütte ein Stück Holz und zimmerte ein Kreuzlein
daraus. Und als er fertig war, malte er mit rother Zimmerfarbe auf
den Querbalken die Worte: „Hier liegt Gallus Grübner“, und auf die
Rückseite des Balkens: „Gott, gieb ihm die ewige Ruh’!“
Am übernächsten Morgen wurde die Leiche im großen Conduct unter dem
Geläute dreier Glocken bestattet. Und als der Mann begraben war, gingen
die Leute wieder hinüber in’s Gebrände und sichelten noch Tage lang,
bis alles Korn ab war. Dann ging es in den Herbst und Winter hinein,
und Genovefa arbeitete im Stall und im Haus und wo es was zu thun gab.
Aber als die Weihnachten kamen und die Dienstleute von der Bäuerin
ausbezahlt wurden, bekam Genovefa wieder nichts. Nun, seit dem Tode des
Bauers ist sie eben keine Dienstmagd mehr, sie hat ihr Ableben auf dem
Grübnerhof und wird gut gepflegt und braucht nichts zu arbeiten -- so
steht’s im Testament.
Aber Genovefa arbeitet doch -- sie würde sonst krank, meint sie. Nur in
der Erntezeit geht sie jedes Jahr an einem bestimmten Tag hinüber auf
den Hang, wo immer schönes Getreide steht, und sucht am Waldrande das
grüne Sterbebett ihres Gregor auf.
[Illustration]
Hier auf dieser Straßen hat mich Gott verlassen.
Eine, die aus Allgäu herüber kam, hatte am Stamme der Antlistanne den
weißen, rindenlosen Fleck zuerst gesehen. Und als sie hinzutrat, zu
schauen, wieso man diesen schönen Baum geschädigt habe, bemerkte sie
auf dem Splint die Schrift: „Hier auf dieser Straßen hat mich Gott
verlassen.“
Was bedeutet das? Und als sie in das finstere Geäste der Tanne
emporblickte, stieß sie einen Schrei aus, der wild an’s Gestämme
schlug, und lief davon und schrie es von Haus zu Haus, was sie auf dem
Baume gesehen.
Jetzt, mein Leser, ist es noch früh genug, daß Du diese Blätter
ungelesen wendest. Denn die Geschichte trifft grob und Mancher wird
fluchen über die Menschen, über Gott und über den Erzähler. Daß es
keine Dichtung ist, das entschuldigt wohl den Erzähler, aber sonst
Niemanden.
An einem jener Tage war es, da die Menschen des Dorfes nicht arbeiten
wollten, aber auch nicht ruhen -- der Tag zum Beten und Sündigen.
Der Küsterssohn Anasti, ein kräftiger, gebräunter, rabenlockiger Mann
von sechsundzwanzig Jahren, liegt hingestreckt auf dem Rasen, im
Schatten des Obstgartens. Aus seinen Augen funkelt die Gluth, die in
ihm loht, der schwarze Bart auf seiner trotzig geschärften Oberlippe
ist wie eine Warnungstafel: Weiber mit Feuer sollen nicht zu nahe
kommen.
Doch nein, jetzund wird nicht mehr gesündigt. Anasti hat eine Braut,
in kurzen Wochen ein Weib. In der Kirche zum heiligen Wolfgang sind
sie heute das erstemal aufgeboten worden, er und die schöne Gratina,
die einzige Tochter des reichen Spornthalers. Das Glück ist doppelt
und dreifach herrlich, weil er weiß, daß ihn Alles darum beneidet.
Aber von der Gratina ist es nicht zu verwundern, daß sie eben gerade
den Anasti erwählt hat: er ist zwar der Küsterssohn, aber er ist ein
Mann. Seine Kraft dient nur seinem Willen und sein Wille entspringt
wie ein elektrischer Funke aus den heißen Nervenströmen seines kühnen,
stolzgebauten Körpers. So ist Einheit in seinem Wesen und jene
rücksichtslose Entschlossenheit, welche die Weiber an den Männern mehr
lieben, als die edelsten Eigenschaften der Seele.
Auch Gratina besitzt alles das, was ein Weib dem Manne so sehr
wünschenswerth macht -- und so steht hier ein Leben zuvor, wie sich’s
der dem Teufel Verschriebene nicht vollendeter bestellen könnte und
in welchem man nebstbei noch Ehrenmann sein kann. Ein Windhauch bläst
die Blüthen der Apfelbäume wie rosige Schneeflocken nieder auf den
Ruhenden, der im Gedanken an die Zukunft schwelgt, so gut das eben bei
einem Manne gehen mag, der nicht durch Schwärmerei zu lieben gewohnt
ist.
„Anasti!“
Der Mann hebt sein Haupt und sieht zwischen Buschwerk des Gartenzauns
ein blondes Mädchenköpfchen wiegen.
Suschen! Das schöne Kind des bestverachteten Mannes in St. Wolfgang.
Ihr Vater ist zwar ein ehrlicher Mann, sein Gewerbe ist zwar keine
Schande, aber ein Spott -- er schafft die verendeten Thiere abseits.
Das müssen schon die Großherzigeren sein, welche sich herbeilassen,
diesen im Gemeindewesen unangenehmsten Dienst zu leisten. Meister
Gottlieb war auch gar nicht gedrückt darüber. Er waltete seines Amtes
und lebte. Seine zwanzigjährige Tochter Susanna besorgte ihm den
Haushalt; +sie+ stand recht gut in dem Ansehen der Leute, obwohl
die Männer, denen sie gefiel, nicht recht mit ihr anzubinden wagten,
sie wußten selbst nicht warum. „Die ist zu heiß!“ sagte Einer und der
Andere. --
„Anasti!“ flüsterte sie jetzt über den Gartenzaun.
„Was willst denn?“ fragte sie der Küsterssohn.
„Dich will ich,“ antwortete sie.
„Warst Du heute nicht in der Kirche?“
„Freilich wohl.“
„So solltest Du’s wissen, daß meine Sach’ mit der Spornthaler-Tochter
richtig ist.“
„Deine wäre schon richtig, Anasti, aber meine nicht. Steh’ nur auf und
komme zum Zaun her; wirst Dich doch nicht fürchten vor mir?“
Er that einen Lacher und ging zum Zaun.
„Wirst doch nicht schon vergessen haben, daß Du mich auf dem Weg bei
der Antlistanne so gern gehabt hast?“ sagte sie.
„Dummheiten.“
„Vorgestern ist’s gerade zwei Monat gewesen, Anasti.“
„Mag ja sein, wer wird denn so was aufmerken.“
„Ihr Männer freilich nicht; wir Weibsleute haben halt einen Kalender
nach dem Mondschein. Und Mondschein ist dazumal gewesen, das wirst
wissen.“
„Das weiß ich.“
„Seither hat er nimmer gescheint, und es ist schon zwei Monate vorbei.“
„Geh’ heim und rede nicht so albern.“
„Nein, Anasti, ich geh’ jetzt nicht heim und Du bist nicht so dumm, daß
Du nicht auch das alberne Reden verstehen solltest.“
„Du fängst mir wieder selber an!“
„Ich verlang’ heute nichts von Dir, ich melde mich nur. Und wenn Ihr
gleichwohl vergessen habt auf die Susi, sie wird doch zur Hochzeit
kommen, aber +vor+ der Copulation.“
„Susi!“ rief er aus.
„Ja,“ gab sie zur Antwort.
„So bist Du mir?! Jetzt kenne ich Dich! Hab’ +ich+ Dich verführt?
Wie eine Schlange bist Du mir nachgeschlichen am Ostersonntag durch den
Wald. Hab’ +ich+ Dich angesprochen? Wer hat sich denn an jenem
Abend an mich gehängt, weil er sich allein nicht durch den Wald zu
gehen getraut? Wem ist denn so um’s Rasten gewesen bei der Antlistanne?“
„Das weiß ich nimmer,“ antwortete sie, „das Rasten ist auch nichts
Unrechtes, wenn man müd’ ist.“
„Es hat sich aber gewiesen, daß Du gar nicht müde gewesen bist!“
„Bist ja Du auch nicht müde gewesen und hast Dich doch auch gesetzt und
weit näher zu mir, als es hätte sein müssen. Das ist eine Schmach für
Dich, daß Du jetzt so unschuldig thust.“
„Ich thu’ nicht unschuldig, aber ich weiß auch, daß Du mir vormachen
kannst, was Dir beliebt; Du mußt erst sehen, ob ich Dir’s glauben will
oder nicht, daß es ich allein bin, zu dem Du das Vertrauen gehabt hast,
daß er Dich durch den Wald nach Hause führt.“
„Ob Du es glauben willst oder nicht, mein lieber Anasti, das ist mir
gleichviel, wenn’s nur die Andern glauben.“
„Susi!“ Er stieß mit der Brust an die Bretter und krampfte nach ihr die
Finger, sie trat zwei Schritte vom Zaun zurück.
„Schau, wilder Bursche, so bist Du immer,“ sagte sie, „ob Du Eine
gern hast, oder umbringen möchtest, gleich allemal mit ganzer Gewalt.
Ich sehe, daß heute mit Dir nicht zu reden ist und es hat auch
Zeit. Ich gebe Dir’s nur zu bedenken, Anasti, ob Du selber bei den
Spornthaler-Leuten absagen willst, oder ob ich es thun soll. Bilde Dir
nur nicht ein, mein Lieber, daß ich zurückstehe!“
„Kannst mich zwingen, Schinderdirn’, daß ich Dich heirate?“
„Das nicht. Ich will nur, daß Dich auch die Andere nicht soll haben.
Und wie ich den Spornthaler und seine Tochter kenne, wird’s mir gar
nicht schwer, daß ich meine Sach’ durchsetze. Behüt’ Dich Gott, Anasti!“
Sie ging davon. Er sah ihr knirschend nach. -- Das ist der Teufel von
einem Weibe! --
Dann vergingen die nächsten Tage. Ueberall wurden Vorbereitungen
getroffen zur großen Hochzeit. Gratina lebte in stillem Glücke. Sie
hätte den feinen Verwalterssohn von Oberlahn heiraten sollen. Lange
hatten Ehrgeiz und Liebe in ihr gekämpft, endlich hatte letztere
gesiegt und sie entschloß sich für den armen Küsterssohn, dessen
Herzhaftigkeit sie bestochen hatte, von dessen Liebe sie überzeugt war,
auf dessen Treue sie schwor. Ihr Vater ließ ihr in der Angelegenheit
freien Willen und war überzeugt, daß seine vernünftige Tochter einen
vernünftigen Schluß fassen werde.
In diesen Tagen leitete der Anasti das Gespräch mit ihr einmal auf die
Unbeständigkeit in der Liebe, wie solche so häufig vorkäme. Da erfuhr
er denn allsogleich, wie seine Braut über dieses Capitel dachte: sie
verdammte die Treulosigkeit des Weibes und sie verdammte die Falschheit
des Mannes. Sie würde lieber sterben, als untreu sein; und einen
treulosen Mann würde sie nicht erst zur Rede stellen, sie würde sich
sofort von ihm scheiden lassen. Daher nehme sie Einen, der +vor+
ihr noch kein Verhältniß gehabt, von dem sie die Ueberzeugung haben
könne, daß sie seine erste und seine letzte Liebe sei.
Der Anasti machte sonst nicht gern Worte, aber hier sagte er, daß es
doch auch viele Weiber geben solle, deren Liebe zum Ehemanne so groß
wäre, daß sie manchmal schier lieber durch die Finger sehen, als an
eine Trennung dächten.
„Freund!“ antwortete sie darauf, „solltest Du auch +mich+ zu
diesen zählen, so könntest Du Dich grob täuschen. Ich will mit Leib und
Seele dazuthun, daß Du ein rechtes Weib hast; und so verlange auch ich
es von Dir.“
Das war recht klar gesprochen.