Der Wald ist groß, er gehört theilweise einzelnen Bauern, die aus

Holzkohlen ihren einzigen Erwerb ziehen; theilweise ist er Gemeingut

des Dorfes, das davon alle Gemeindekosten bestreitet. Weit zieht sich

das herrliche, dunkelbraune Gehölz hin über Hänge und Höhen bis gegen

das stattliche Dorf hinein, welches auf der Breitebene liegt, und seine

silberweißen Schindeldächer und sein zinnblechernes Kirchthurmdach

weit in die Gegend hinausschimmern läßt. Anfangs hatten die Einwohner

vor dem Feuer das Gestrüpp und Gesträuch weggeräumt, aber die Flammen

griffen höher, sie griffen zu den dichtbemoosten Stämmen und deren

Kronen empor, welche die glühende Sonne schon seit Monaten getrocknet

und gedörrt hatte. Da machten sich die Leute wohl an das Fällen und

Abstocken, aber das Feuer folgte ihnen auf dem Fuße, und Rauch und

Hitze zwangen sie zum Einhalten.

„Wenn bis übermorgen kein Regen kommt, so ist der ganze Wald und auch

das Dorf verloren!“ jammerten Viele und man war rathlos.

Der Greßbacher war der Einzige, der nicht den Kopf verlor. „Den

Grübnerwald müssen wir aufgeben,“ rief er, „aber das Dorfholz ist noch

zu retten. Dort vom Ankogel hinab müssen wir abgrenzen. In zwei Tagen

haben wir einen mehrere Klafter breiten Strich entstockt, und vor

dieser Zeit kommt das Feuer wohl nicht dort hinüber!“

Und so ließen sie im Grübnerwalde den Gluthen und Flammen freien Lauf

und arbeiteten nun am Ankogel. Der Grübner, der unten im Thale jenseits

des Baches sein Haus hatte, war ein rasender Mann. Er steht am Zaun und

muß zusehen, wie dort oben sein ganzer Wohlstand zu Grunde geht. Und

wie der Mann so dasteht, derb, rauh und knorrig von oben bis unten,

gleich einer der wilden riesigen Hochwaldfichten, die dort drüben

brennen, da kann man es in seinen Augen und Zügen sehen, daß auch der

Grübner ein brennender Baum, der aber inwendig glüht und lodert, wie

wenn der Blitz in ihn gefahren.

Vor vier Tagen war es gewesen, am Samstag spät Abends. Der Bauer

schlief schon und Alles war ruhig im Hofe. Da schlägt es plötzlich an’s

Fenster, daß die Scheiben klirren, und ein Knecht, der alte Gregor,

ruft herein: „Bauer, Bauer, der Wald brennt!“

Der Grübner fährt auf -- das ist ja wie am helllichten Morgen! und

wie er seine schlaftrunkenen Augen durch das Fenster gegen den Wald

wendet, da muß er sie niederschlagen, so grell loht es auf drüben im

Gehölze. Sie gingen zu retten, aber da zog ein heißer Luftstrom durch

die Bäume, und als am Morgen die Sonne kam, war sie nur eine glanzlose

Scheibe. Seitdem brennt es und seitdem hat der Grübner keinen Bissen zu

sich genommen. Gearbeitet hat er mit den Anderen Tag und Nacht und dem

Feuer geboten: „Du mußt auslöschen!“ Aber das Feuer erlosch nicht. Das

waren nicht dieselben Flammen, die daheim auf dem Herde knisterten und

ihm Wärme und nahrhaftes Brot bereiteten, das waren böse, unheilvolle

Feuerfluthen, aus der Hölle hervorgebrochen, um ihn, den Grübner, zum

Bettler zu machen. Und als gar die Leute ihre Arme sinken ließen und

nur an den Gemeindewald dachten, da fluchte er über die Menschen und

raufte sich die grauen struppigen Haare, als wollte er damit das Moos

von den Bäumen zausen -- und er schlug sich die Faust in’s Gesicht,

daß das Blut niederfloß aus Nase und Mund. „Wenn nur Gott retten

kann,“ schrie er auf, „warum thut er es nicht, warum läßt er mich, den

fleißigen, arbeitsamen Grübner, jetzt zum Bettler werden?! -- Bub’!“

rief er seinem zwölfjährigen Sohne in’s Ohr, „so ist dieser Gott und so

sind diese Leute, jetzt siehst Du’s, so sind sie!“

Der Pfarrer war gekommen und wies ihn ob solchen Frevels derb zurecht.

„Wo ist der Gregor?“ rief der Bauer.

Der Gregor war beim Feuer, und als sonst kein Mensch mehr dabei

arbeitete, hackte er noch die Aeste von den Stämmen und schleppte sie

abseits. Rastlos eilte er durch Gestrüpp und Rauch. Seinen Lodenspenser

hatten die Funken bereits durchlöchert und seine langen weißen Haare

waren gekraust und roth geworden. Vorgestern war er in seiner Noth

beim Caplan zur Beichte und seitdem geht er nicht mehr weg von der

Brandstätte, bis das Feuer gelöscht ist.

„Und wenn mein Wald hin sein muß, so soll auch das Gemeindeholz brennen

und das Dorf und die ganze Welt!“ schrie der Grübner. Er lachte, als

gegen Abend ein starker Luftzug kam und als gar einzelne Windstöße das

Feuer doppelt auffachten und die flammenden Reiser hoch über die Wipfel

dahintrugen gegen den Gemeindewald und das Dorf. Die Sonne sah man

nicht mehr und im Thale war es ganz dunkel geworden. Nur die grellen

Flammen leuchteten noch, aber das war heute kein ruhiger Schein, wie

in den früheren Nächten, es war ein Flackern und Wogen, und über die

Felder und Auen flogen die finsteren Schatten des gepeitschten Rauches

dahin. Wild toste der Sturm, die Gebäude ächzten und das Prasseln der

Flammen war schrecklich zu hören. Jetzt ließen die Arbeiter ihre Aexte

fallen und eilten dem Dorfe zu, um dort zu retten, was noch zu retten

war. In wenigen Stunden schon konnte sich das Flammenmeer über den

ganzen Wald ergossen haben und an die Dächer des Dorfes schlagen.

Da loderte aus dem schwarzen Abendhimmel ein Blitzstrahl und diesem

folgte ein erschütternder Donnerschlag und ein heftiger Regenstrom. Das

rauschte nieder wie ein Wolkenbruch, und bald schossen Gießbäche den

Thalweg entlang und brausten um Haus und Stall und hinab über den Hang.

Um Mitternacht war Alles ruhig und heiter, und der Vollmond schien

in das Thal, und aus den Schluchten stiegen schneeweiße Nebel auf.

Aller Rauch und Brandgeruch war fort und der Waldbrand war gelöscht.

Am Morgen lagen im Grübnerwald zwischen den schwarzen Strünken nur

dampfende Brände, und über den ganzen weiten Hang hin lohte keine

einzige Flamme mehr. Freilich waren über zwanzig Joch des herrlichsten

Stammholzes verloren, aber noch mehr war dem Grübner wider Erwarten

davon erhalten geblieben. Und weil das nun einmal so war, so ergab

sich der Bauer drein, ließ sich wieder seine Morgensuppe schmecken und

machte dabei Pläne, was mit dem ausgebrannten Waldgrund nun weiter zu

thun sei.

Genovefa, die Stallmagd, schaffte in der Futterkammer, fütterte die

Kalben, molk die Kühe und trieb sie endlich aus und aufwärts gegen

das Hochfeld zur Weide. Die Magd war unstet und blickte rechts und

links hin, und als sie zur Höhe kam, stieg sie auf die Kreuzwand,

blickte ringsumher und horchte. „Gregor!“ rief sie dann. Aber das gab

heute keinen lustigen Widerhall vom Walde herüber wie sonst, wenn sie

ein Lied sang und die Kühe bei ihren Namen rief; jetzt steht ja kein

einziger lebendiger Baum mehr drüben -- Alles verdorben. „Gregor!“

schrie sie wieder. Nein, es wird ihm doch nichts geschehen sein;

jetzt ist er schon seit zwei Tagen nicht mehr im Hause gewesen, ein

ordentlicher Dienstbot’ muß ja immer da sein, ich werd’ ihm das schon

sagen -- aber er weiß ja sonst selbst, was ein ordentlicher Dienstbot’

zu thun hat. So dachte die Magd bei sich und ging dann wieder in den

Hof hinab.

Der Bauer war in der Wagenhütte und stellte die Schlarpfen -- ein

Fahrzeug, halb Wagen, halb Schlitten, zum Transport des Holzes von

den Hängen -- zusammen. Er wollte nun die Brände und Strünke seines

verbrannten Waldes zu der Kohlstatt hinausführen und sehen, ob daraus

noch Kohlen zu gewinnen seien, die an das große Stahlwerk draußen

in der Ebene gut zu verwerthen sind. Den Brandgrund wollte er dann

reinigen, entstocken, umpflügen und zu einem Acker machen, denn Bäume

wachsen auf solch’ einem ausgebrannten Boden sobald nicht wieder. Der

Bauer dachte daran und steckte eben ein Rad an die Schlarpfe, als

Genovefa vor ihm stand und fragte:

„Aber, Bauer, wo ist denn der Gregor alleweil?“

„Der Gregor? Nu, wenn er nicht auf dem Eschenbaum ist und für die

Schafe Aeste herabhackt, dann weiß ich’s nicht.“

„Ja, er ist aber schon zwei Tage nicht mehr da gewesen, es wird ihm

doch nicht wo was geschehen sein, Bauer?“

„Ei, nu, und +wenn+ ihm was geschehen wär’, was geht denn das Dich

an? Ich bin Bauer und ich hätt’ den Schaden, wenn er sich ein Bein

gebrochen, oder den Hals; ich hab’ ihm den Lohn zu geben für’s ganze

Jahr, und nicht Du! -- -- Wird halt bei den Löschern gewesen sein und

heut’ Nacht drüben im Dorf geholfen haben -- was weiß ich!“

Der Mann schlug den Nagel an die Radachse, daß es klirrte, und er

sprach kein Wort mehr.

Genovefa ging traurig in den Stall an ihre Arbeit. Sie war durchaus

nicht mehr jung, doch bei ihrem Geschäft noch ganz rüstig; heute aber

-- heute ging’s nicht. Sie lehnte die Streugabel an die Wand und ging

fort. Sie war an den Werktagen noch nie so fortgegangen von ihrer

Arbeit, aber heute +mußte+ sie, und sie wußte doch nicht, wer es

ihr gebot. Sie eilte über den Bach und jenseits des Thales aufwärts

gegen das Gebrände. Da glühte es noch unter den Bränden und Aschen,

und die Magd mußte einen weiten Umweg machen, um gegen den Dorfwald zu

kommen. Sie wollte in das Dorf hinüber und den Gregor suchen. Aber als

sie an die Grenzen des Brandgrundes kam, wo der grüne, frische Wald

beginnt, da lag der Gregor auf dem versengten Boden. Er hielt eine

Hand tief in das Moos gebohrt. Das Kleid seines linken Fußes war ihm

förmlich vom Beine gebrannt, und die Haut war dunkelblau angelaufen und

blutete an einzelnen Stellen.

„Jesus -- aber Gregor!“ schrie Genovefa.

Der Greis schlug die Augen auf und sagte: „Das ist die Vefa, gelt?“

„Ja, was machst Du denn da? Du hast ja eine fürchterliche Brandwunde;

heiliger Gott, ich geh’ schnell um Leute.“

„Das hilft nichts, Vefa, bleib’ nur da und lege kaltes Moos auf das

Bein; schau, ich hab’s nicht können in die Erde bringen, die Erde kühlt

so was recht ab. -- Sag’ mir, wenn Du da vom Weg herauf gegangen bist,

brennt es noch wo?“

Die Magd antwortete nicht, sie weinte, legte Moos und Erde auf die

Brandwunden und schlug ihr Kopftuch um dieselben.

„Das ist ein großer Schaden für den Grübner, gelt?“ sagte der Mann.

„Nein, wie ist Dir denn das geschehen, Gregor?“

„Das da? Ich war ungeschickt, Vefa, und so ist beim Arbeiten ein

brennender Ast auf mich gefallen. Zuerst hab’ ich gemeint, ich muß

schreien vor Schmerz, und es ist mir heiß und kalt durch den Leib

gegangen. Hab’ auch schon geglaubt, ich muß verbrennen hier, weil ich

nicht weiter gehen hab’ können; aber da ist der Regen gekommen und hat

das Feuer gedämpft. Vefa, dieser Regen war wohl gut, sonst wär’ der

ganze Wald und das Dorf und Alles hin gewesen.“

„Gieb mir doch die Hand, Gregor, ich richte Dich auf und führe Dich

heim.“

„Nein, laß die Hand da drin, das ist so kühl -- hab’ mir sie ein

bißchen stark verbrannt.“

„Aber so mußt Du sterben hier, Gregor!“

„Meinst Du? -- Ach nein, wegen so was stirbt man nicht. Schau, sonst

bin ich noch stark. Es freut mich auch, daß Du gekommen bist, Vefa. Du

bist mir der liebste Mensch auf dieser Welt. Aber jetzt -- heute ist es

mir erst recht, daß wir nicht geheiratet haben; wenn es geschehen wäre,

so wärst Du jetzt eine Bettlerin. -- Ei, laß mich, es ist mir so heiß

in der Brust -- Vefa, wenn ich +doch+ sterben müßte! -- Bauer,

wenn ich jetzt stürbe, das wäre bös für uns Beide. Schau, ich will Dir

jetzt dienen, zehn, zwanzig Jahre, so lang’ ich lebe, und Du sollst mir

keinen Kreuzer lohnen, bin schon so auch fleißig. Tag und Nacht werd’

ich arbeiten und Sonntags geh’ ich betteln vor die Kirchthür, daß Du

mir auch keine Nahrung zu geben brauchst. Meine Hand darauf, Bauer!“

„Hilf uns die liebe Frau! Gregor, der Bauer ist ja gar nicht da!“

„Nicht? Aber brennen wird’s schon wieder. O lieber Gott, es ist mir nur

so heiß. Das macht das dumme Liegen da, hilf mir auf, Vefa, ich weiß

nicht, daß ich heute gar so schwach bin.“

Genovefa richtete den Kranken ein wenig auf und betete in Gedanken zu

der Jungfrau Maria, auf daß doch Jemand komme und ihr helfe in dieser

Noth.

„Hab’ ich Dir das Andere schon erzählt, Vefa? Nicht? So muß ich es

aber doch gleich thun. Aber Du mußt mir versprechen, daß Du es Niemand

sagst, so lang’ ich lebe. Wenn ich heut’ oder morgen schon sterben

muß, und es kann wohl sein, weil mir der Brand zum Herzen kommt, so

kannst Du es heut’ oder morgen schon sagen; und wenn ich noch fortlebe,

so mußt Du all die Tage das Geheimniß in Dir tragen, sonst sperren sie

mich ein, und dann kann ich gar nichts mehr gut machen. -- Leg’ mir

jetzt Moos auf die Stirn und auf die Wunden da, daß ich denken und

sprechen kann. So. Und jetzt mußt Du auch nicht erschrecken, Genovefa;

und zuerst mußt Du mir auch noch versprechen, daß Du mir’s glaubst, daß

ich nicht schlecht bin; wirst mir’s aber nicht glauben wollen, Vefa,

daß ich den Wald angezündet hab’!“

„Jesus Maria! -- Gregor!“ schrie die Magd auf, deckte ihr Gesicht mit

der Schürze zu und zitterte.

„Ei ja, das hab’ ich mir gedacht, Ihr Weiber seid Alle so, daß Ihr

Alles gleich in die Welt hinausschreit. Hätt’ ich’s wohl auch thun

mögen, als es brannte, aber was hätt’s genützt? Sollst Dir doch denken,

daß es nicht blos Bosheit giebt, sondern auch Unglück, und so eins

ist uns jetzt halt auch begegnet. -- Am Samstag zum Feierabend bin

ich in das Dorf hinüber zum Segen gegangen, um zu beten, daß es regne

-- das weißt Du. Ist rechtschaffen weit hinüber für Unsereinen, und

auf dem Rückweg da bin ich auf einmal so müde geworden mitten im Wald

-- nu, Du weißt, Vefa, wenn man alt wird -- das Korntragen war auch

schwer den ganzen Tag. Da hab’ ich mich halt ein wenig hingesetzt auf

einen Stein und hab’ mir gedacht: Ein Stücklein Brot wäre jetzt wohl

gut. Aber weil du kein Brot hast, Gregor, so zünd’ dir ein Pfeiflein

an, das stärkt auch. Hab’ mir darauf das Zündholzkästl aus der Tasch’

genommen, aber die Hölzlein werden bei dem vielen Schweiß einmal zu

feucht, sie zünden wohl, löschen aber wieder aus, und keines hat mir

brennen wollen. Nehme mir da ein wenig Moos und dürre Reiser, wie

sie um mich genug herum liegen, und damit geht’s. Ja, ich glaub’, so

beiläufig muß es gewesen sein, ich weiß das nicht mehr recht; ich bin

dann noch sitzen geblieben und hab’ ein wenig geschlafen. Als ich wach

geworden, hat Alles gebrannt, das Moos, die Reiser, Alles, und an den

nahen Baumstämmen ist das Feuer hinaufgestiegen und ist oben auf den

Aesten herumgeflogen wie ein Vogel mit goldenen Flügeln. Jesus Maria!

denk’ ich, jetzt brennt der Wald! Auf die Reiser bin ich getreten,

hab’ meinen Hut und Rock auf die Flammen geworfen, auf die Bäume hab’

ich wollen und das Feuer tödten, ersticken mit den Händen, mit meiner

Brust, bin zurück gefallen auf den Boden und wäre zuletzt selber bald

mit verbrannt. Das kann ein großes Unglück werden, denk’ ich noch, und

lauf’ heim, was ich laufen kann, und weck’ die Leut’... weißt es ja so,

Vefa. -- Wenn doch nur wieder ein Regen käm’, da -- da drinnen brennt’s

so wild fort und das kann kein Mensch dämpfen.“

„Aber jetzt geh’ ich, Gregor, und werde den Bauer bitten, daß er

sogleich um den Arzt fährt.“

„Nein, aber wenn Du mir den Caplan holst, so ist’s mir schon recht. Ich

schlaf’ da derweil, mußt aber bald kommen, Vefa!“

Da lief die Magd fort und lief, was sie konnte, gegen das Haus und

dachte unterwegs: Heiliger Gott, jetzt hat der den Wald angezündet!

Als sie zum Grübner kam, rief sie ihm beinahe athemlos zu: „Bauer, ich

bitt’ Euch um Gotteswillen, fahrt geschwind zum Bader und zum Pfarrer,

der Gregor liegt drüben im Wald, er hat sich völlig verbrannt!“

Der Mann horchte auf. „Verbrannt hat er sich? Was geht denn der Narr

zum Feuer! Nu, wegen mir magst in’s Dorf gehen, hab’ nichts dagegen

wegen ein, zwei Stunden, aber fahren kann ich nicht, das Roß ist auf

der Weid’.“

Dabei nahm der Bauer Stein und Schwamm heraus und schlug sich Feuer.

Die Pfeife zwischen den Vorderzähnen, fragte er dann die rathlose Magd:

„Wo liegt er denn?“

Diese schluchzte in die Schürze und entgegnete: „Dort, wo das Feuer

ausgeloschen ist.“ Dann trocknete sie sich die Augen und eilte gegen

das Dorf.

Im Dorfe war noch große Verwirrung. Da standen im Freien Kästen,

Schränke und anderes Geräthe, und die Leute gingen zwischen den Dingen

hin und her und sprachen laut und schnell mit einander und lachten. Sie

schafften nun die Sachen wieder in die Häuser; die Feuersgefahr war ja

vorüber.

Als der Arzt und Caplan im Chorrocke durch den Wald hinabstiegen und

Genovefa mit dem Licht in der Laterne vorausging, kam ihnen Gertraud,

die Dienstgefährtin der Genovefa, entgegen. Sie hatte den Verunglückten

gesucht, aber nicht gefunden und schloß sich nun den drei Menschen an.

Als sie schon eine Weile durch den hohen, finsteren Wald hinab gegangen

waren und nun gegen die Lichtung kamen, wo das Gebrände anfing, blieb

Genovefa stehen und war im Begriffe, ihrer Gefährtin die Laterne zu

geben, aber sie schloß den Henkel fester in die Hand und ging noch

einige Schritte weiter.

Plötzlich standen sie vor dem alten Knecht. Aber er war todt. Er lag

auf dem Angesichte und um ihn herum war das Moos aufgewühlt.

Der Arzt untersuchte die Leiche und sagte dann halblaut zum Priester:

„Der Mann hat viel gelitten!“ Dann gingen die zwei Männer wieder durch

den Wald hinauf gegen das Dorf.

Genovefa und Gertraud hatten lange vor dem Todten gekniet und gebetet.

Die Mittagssonne blitzte durch die hohen Baumkronen nieder und von Zeit

zu Zeit hörte man einen Vogel zwitschern. Endlich flochten die Mägde

zwei Aeste ineinander, legten den Gregor darauf und trugen ihn gegen

den Grübnerhof.

Der Bauer stand an der Thür, hatte die Arme über die Brust geschlagen

und rauchte seine Pfeife. Als sie mit dem Todten herankamen, trat er

einen Schritt bei Seite, nahm die Pfeife aus dem Munde und winkte gegen

die Wand, wo die Bodenstiege war.

Man stellte sofort unter der Stiege ein paar lange Stühle zusammen und

legte die Leiche darauf. Da kam die Bäuerin, bedeckte den Todten mit

einem Leintuch und zündete daneben ein Oellichtlein an. Dann gingen sie

zum Essen und nach dem Essen Jeder an seine Arbeit wie jeden Tag.

Den andern Morgen zogen sie Alle in das Gebrände hinüber und schafften

die halbverbrannten Baumstrünke gegen die Kohlstatt hinaus. Die zwei

Knechte hieben die noch stehenden Stämme um und schlugen die schwarzen

Aeste von denselben. Die Mägde trugen und zogen die halbverkohlten

Stücke an bestimmte Plätze, wo dieselben durch die Schlarpfe weiter

geschafft wurden. Da Gregor nicht mehr war, so führte der Bauer das

Pferd. Dabei hatte er allerlei Gedanken. Der schöne reiche Wald ist nun

todt und verbrannt zu Kohlen, aber nicht zu solchen, die man draußen

verkaufen kann um Geld. -- Der Mann biß sich derb in die Lippen, das

Pferd hätte er aus Zorn schlagen mögen mit dem Peitschenstock -- aber

dann wäre es ihm mitsammt der Schlarpfe hinabgerannt über den Hang und

hätte sich gar alle Beine gebrochen.

Gustl, der einzige Sohn des Grübner, kam mit dem Mittagsmahle. „Komm

her, Bub!“ schnaubte ihm der Bauer entgegen, und als der Junge bei ihm

war, stieß er ihn, daß die Suppe aus dem Topfe floß, und dann schlug er

ihn erst, weil er das Essen halb verschütte.

Im Gebrände selbst gab es sonderbare Erscheinungen. Da lagen gebratene

Vögel herum und auch ein verkohltes Reh hatten sie gefunden. Das

Merkwürdigste war ein Eichhörnchen -- oder war’s ein Wiesel, man kannte

es nicht mehr recht -- es hing an einem Baume und hatte sich fest um

einen dicken, halbverkohlten Ast geklammert, war aber ganz schwarz

und durchgebrannt bis auf die bleichen Beinchen. Unter all’ dem waren

jedoch gar viele lebendige Würmer und Mücken; die sind klein und zart

und leben fort hinaus über das Verderben und Unheil, oder sind seit

demselben erst zur Welt gekommen.

Aber wie es denn geschehen sein mochte und wie es begonnen hatte? Das

fragte der Grübner zehnmal. Es hat doch kein Blitz eingeschlagen in der

sternhellen Nacht! Am Ende haben Vagabunden im Walde gelagert und ein

großes Feuer angemacht, wie dergleichen Gesindel gern thut, oder -- es

ist gar von einem Nachbar geschehen aus Schlechtigkeit. Ja, schlecht

sind sie genug, diese Menschen, und darum haben sie meinen Wald brennen

lassen und nur das Gemeindeholz retten wollen. Der Greßbacher kann’s

auch gethan haben, der ist so Einer, der! -- So war das Denken des

erbitterten Mannes.

Gegen Abend, als er am Wege noch einige Brände auflud, fand er im

halbversengten Moose eine Tabakspfeife und ein Zündholzkästlein aus

Bein. „Aha!“ rief er aus, „das ist dem Gregor sein Zeug und da liegen

die Hölzlein noch herum -- hat der mir den Wald --?“

Da trat Genovefa zum Bauer und sagte, daß sie Alles wisse und erzählte

auch Alles, was sie wußte, setzte aber hundertmal hinzu: „Seid nicht

bös auf ihn, Bauer, zu Fleiß hat er’s nicht than und er hat deswegen

sterben müssen!“

Der Grübner schwieg anfangs dazu, aber später sagte er: „Ist mir immer

so vorgekommen, daß dieser Mensch mein Unglück sein wird. Warum hab’

ich ihn auch nicht fortgeschickt, hat so kaum das Brot verdient, das er

mir gegessen!“

Als Genovefa mit Gertraud allein war, schluchzte sie: „Hast Du gehört,

was der Bauer gesagt hat? Nein, Gertraud, wenn er mir all’ meine Finger

abhacken thät, so thät’s mir nicht so weh, als wenn er über den Gregor

so redet.“

„Und noch dazu jetzt, wo er auf der Bahr’ liegt!“ entgegnete Gertraud;

„ich mein’ aber immer, unser Bauer hat gar kein Gewissen; hast Du’s

schon gesehen, was er macht, wenn er betet? Nein, man soll so was gar

nicht sagen, aber -- da hat er in einer Hand den Rosenkranz und die

andere hat er im Sack und klimpert mit dem Silbergeld. Das thut kein

Christ.“

Am Abend, als Genovefa in’s Haus kam, besprengte sie die Leiche mit

Weihwasser und füllte frisches Oel in die Lampe. Dann hatte sie einen

schweren Stein auf dem Herzen; morgen soll schon der Begräbnißtag sein,

und der Bauer hatte noch gar keine Anstalten dazu getroffen.

Indeß beim Abendessen sagte der Grübner zu den zwei Knechten: „Morgen

um das Sonnaufgehen müssen wir wieder im Brand sein, und früher tragt

mir +den+ da draußen in’s Dorf hinüber, daß er doch einmal aus dem

Hause kommt!“

Genovefa legte den Löffel weg und aß nichts mehr. Alle waren still,

und die Knechte zitterten um die Mundwinkel und waren roth im Gesicht.

Der Bauer aß und zuckte mit seinen buschigen Augenbrauen und sah nicht

nach rechts und nicht nach links. Da hielt Genovefa plötzlich die Hände

ineinander und rief laut: „Bauer, gelt, ich darf Euch bitten -- Ihr

laßt den Gregor ordentlich begraben!“

„Was geht Dich der Gregor an, Du graue Vettel!“ brach der Bauer los;

„ich mein’, mit den dummen Liebsg’schichten habt Ihr’s lang g’nug

trieben; ist Euch nicht gut angestanden, Ihr alten Stöck’; ich hab’

nur nichts sagen wollen, weil es gar nicht der Mühe werth ist. Aber

jetzt, weil Eins auf dem Brett liegt, mein’ ich, soll ’s Andere an dem

sündhaften Hallodriren g’nug haben! Nicht? -- Nu, und hast noch nicht

g’nug, Du alte Krautschreck’, so leg Dich halt hin zu ihm -- laß Euch

gern forttragen, all’ Zwei, gern!“

Die Knechte machten Bewegungen, aber Genovefa sagte dem Bauer die

Worte: „Schmäht mich, wie Ihr wollt, Bauer, aber ihm werft keine Steine

nach in die Ewigkeit und begraben laßt ihn christlich. Es ist ja noch

ein Kasten von ihm da, es sind Kleider von ihm da; das reicht aus für

den großen Conduct; drei Glocken können geläutet werden. Oft und oft

hat der Gregor gesagt: Mag mir sonst nichts mehr ersparen, weil ich

schon schwach bin und allsonntäglich mein Gläslein Wein haben muß, ohne

Tabak thut es sich halt auch nicht -- aber für ein ehrlich Begräbniß

wird schon noch was übrig bleiben. -- Ich bitt’ Euch, Bauer, der

Gregor hat Euch fünfundzwanzig Jahr’ treu und fleißig gedient, hat’s

immer gut mit Euch und den Eurigen gehalten -- laßt ihn christlich

begraben!“

„Ja, ja, Kasten und Kleider! Wir wissen’s schon, wie das aussieht. Und

glaubt Ihr, das Zeug ist für das Eingraben da? -- Kasten und Kleider!

Ich mein’, so viel wär’ mein Wald doch werth gewesen, nicht? Keinen

Kreuzer geb’ ich, und wenn ein Jud’ käm’ und gäb’ mir drei Groschen für

den starren Gregor da draußen -- ist recht, ich verkauf’ ihn. Wer zahlt

mir den Wald? Wer? -- Treu und fleißig gedient, ja -- als ob ich ihn

dafür nicht auch bezahlt und +über+zahlt hätt’!“

„Bauer, ich dien’ Euch ein ganzes Jahr umsonst; keinen Groschen

verlang’ ich, aber den Gregor laßt christlich begraben!“ bat die Magd

wieder.

Der Grübner wischte den Löffel und spielte damit. „Ein Jahr, meinst Du?

-- Nu, können ja noch reden davon, sollst auch nicht sagen: der Grübner

ist ein Stein!“

Nach dem Abendmahle sprach er im Vorhause noch lange mit der Magd,

und Genovefa stand darauf die halbe Nacht bei der Leiche und weinte

bitterlich.

Am übernächsten Morgen wurde Gregor im großen Conduct unter dem

Geläute dreier Glocken christlich begraben. Viele Leute sind mit

der Leiche gegangen, und Genovefa hat über all’ das vor Schmerz und

Freude geweint. Zuletzt hat sie noch dem alten Einleger Gottfried eine

Weihkerze und zwei Groschen gegeben, daß er für Gregor’s Seele bete.

Feierabende: Lustige und finstere Geschichten · 第 19 / 29 段