In der Kirche arbeiteten zwei Meßner, und schmückten den Altar mit

allen vorräthigen Bändern und Papierblumen. Die alte Häuslerin vom Ende

des Dörfchens, die Mutter der Greth, half auch mit; sie saß in der

Sacristei und band mit halberfrorenen Fingern aus immergrünem Reisig

einen großen Kranz für das Bild des heiligen Michael. Die „guldene

Greth“ aber saß daheim im Häuschen, und starrte in die verlöschende

Herdgluth hinein. Ihr Auge funkelte und ihre Züge waren schauderhaft

verzerrt. Jetzt fuhr sie sich mit den Fingern in die losen,

geschlängelten Locken und riß und zerrte wüthend an ihnen. Dann ließ

sie ab, sah auf die ausgerauften zarten Haarfäden in ihrer Faust, that

einen wilden Athemzug aus der wogenden Brust und murmelte: „Was soll

ich dich ausreißen, du mein goldenes Haar! Ja, wären es seine, wären es

die von der Haldeggerin, dann wohl! Pfui, Greth, mit den Haaren fängst

nicht an, das thut jede eifersüchtige Dirn. Ich bin nicht eifersüchtig

-- aber in der Leut’ Mäuler hat er mich gebracht, um meinen Franzl

hat er mich gebracht. Was schert mich der dalkert’ Michael mit seiner

vornehmen Lahmleidigkeit -- aber Seesteinerin hätt’ ich mögen sein,

und sie haben mich gar schon so geheißen. Jetzt hab’ ich die Schande

und den Spott, jetzt kommt Keiner mehr um mich. Jesus, ich weiß nicht,

was ich thu’; wenn nur ein schwer Unglück wollt’ niederfallen, und

thät’ uns All’ miteinander erschlagen! Aber ihn und sie um drei Minuten

früher als mich, daß ich’s noch kunnt sehen! -- --“

* * * * *

Wenn sie am jenseitigen Seeufer vor dem Seesteinerhause einen Pöller

loslassen, so sieht man’s von der Seeau aus wohl aufblitzen, aber man

kann bequem bis in die Zwanzig hinein zählen, bis der Schuß kracht.

Der Knall fliegt wohl über die glatte Fläche hin, doch er prallt an

zahllosen Felsvorsprüngen an, und weckt in den Wänden und Wäldern

zahllose Echos auf, bis er endlich an das Ohr der Seeauer schlägt.

Heute aber hört man hier nur den dumpfen Knall, sieht aber kein

Aufblitzen. So dicht liegt der Nebel über dem See, daß man ihn -- wie

die Leute sagen -- mit einem Messer könnte in Stücke schneiden.

Es ist ein Januarmorgen. Ein großer Theil der Seeauer steht am Ufer und

guckt und horcht. Jetzt fallen drüben drei Schüsse rasch nach einander,

jetzt gehen die Hochzeiter ab. In einer halben Stunde sind sie da, denn

über das Eis gleitet sich’s leichter mit behendigen Schlitten, als mit

Kähnen zur Sommerszeit.

Eine Weile ist es still, daß man völlig den Nebelthau könnte rieseln

hören; hüben kein Lärm und Laut, drüben kein Schuß. Dann flüstern

die Leute wieder; sie haben dem Brautpaare alle mögliche Ehre

vorbereitet. Der Schulmeister rückt mit seinen Musikanten aus, gar

die große Frohnleichnamstrommel mit den mächtigen Klingscheiben wird

mitgeschleppt. Keiner versucht mehr sein Instrument, es ist Alles

schon gestimmt. Die Meßner in der Kirche zünden alle Kerzen an, und

das ist am düsteren Morgen ein feierlicher Schein in dem festlich

gezierten Raum. -- Drei Jungen stehen unter dem Thurm und haben die

Glockenstricke in den Händen. Sie warten nur noch auf das Zeichen.

Das Wirthshaus steht still da, aber in der großen Küche schießt ein

Rudel Weiber umher, und die Herdflammen knattern wie ein wildes

Schlachtfeuer.

Endlich dringt ein Jauchzen her über den See und ein Schellenklingen.

Da fächelt ein Mann gewaltig mit seinem Hut. In demselben Momente

klingen alle Glocken. Dunkle Massen treten auf der Seefläche aus dem

Nebel hervor -- rasch werden sie zu Gestalten; die Rosse traben heran,

die Schlitten fliegen nach, und auf den Schlitten jauchzend und johlend

und hüteschwingend die Hochzeiter.

Bums! fällt die große Trommel ein, und die Trompeten schmettern auf,

und die Pfeifen jodeln drein, und von der Loserwand knallen Pöller, daß

die Kirchenfenster schrillen.

Der Hochzeitszug ordnet sich rasch, und in der Mitte das schöne,

schmucke Brautpaar, so zieht er zur Kirche hinan.

* * * * *

Sie knieten am Altar, und der Pfarrer legte die Stola um die Hände.

In demselben Augenblick huschte die Greth an der offenen Kirchenthür

vorüber, und that einen Fluch, und eilte davon.

Sie watete durch den Schnee hinaus in den Wald; die fallenden Eisnadeln

strichen ihre gluthheißen Wangen. -- Jetzt werden sie getraut, dann

ist diese Haldegger Seesteinerin. Ist sie reicher, vornehmer, besser

wie ich? -- Mir hat er’s verheißen, ihr hält er’s; jetzt reicht er ihr

den Ehering. Dann ist lustige Hochzeit den ganzen Tag, und sie heben

die Gläser und Trinken zum Gutleben, und sagen Ehrensprüche für das

Brautpaar, und singen Spottlieder auf die guldene Greth. -- Und wenn

der Abend kommt, da fahren sie wieder über den See, fahren ein in den

Hof --

Eine unbeschreibliche Gewalt wüthete im Busen der Dirne. Sie eilte

am Ufer des Sees dahin; dann rief sie laut: „Und wär’ das Wasser

auch nicht zugedeckt, hineinspringen thät’ ich nicht! Ja, wenn ich

sie mitreißen kunnt, All’ miteinander -- nachher mit Freuden -- mit

Freuden!“

Sie raste fort. Sie kam in Gefälle und auf wüste Gründe; Rehe und

Füchse und wildes Geflügel spürte sich im Schnee. „Jetzt gehe ich und

zünde den Seesteinerhof an,“ sagte sie und eilte weiter. Sie lief über

den See, sie war gehüllt in Nebel, kein Mensch konnte sie von der Ferne

sehen.

Sie kam an’s Ufer. Der Hof lag still da; die Eiszapfen der Dächer

troffen rings umher, oder fielen klirrend zu Boden; das war die ganze

Wache.

Seitab stand ein Fischerhäuschen. Der alte Fischer Wolf saß davor auf

einem Bänklein. Er rauchte eine Pfeife, und zog jedes hervorgeblasene

Wölkchen fast gierig mit der Nase wieder an sich. Das ist ein Tabak,

wie ihn sonst kein Fischer raucht; der Kaiser raucht ihn. -- Der

Seesteiner hatte dem Alten zur Hochzeitsfreude eine ganze Schachtel

davon bringen lassen. So ein Kraut! Das ist dem Alten das höchste

Ereigniß in seinem Leben; die Eisdecke möchte er aufreißen und es den

Fischen zurufen: „Laufet, laufet, laufet euere guten Wege; ich rauche

Kaisertabak!“

Die Greth schritt rückseits des Häuschens vorüber und schlüpfte durch

ein Thürchen in die Stallungen. Kein Mensch war da; Alles ruhig

und verlassen. Große Heu- und Strohvorräthe waren hier aufgehäuft;

ganze Wände von Hafer- und Roggengarben, noch theilweise mit den

Fruchtähren, waren geschichtet und darüber spannte sich das mächtige

Gebälke des Dachstuhls und das weite, hohe Schindelgedache. An diese

Stallung schließen sich andere Scheuern, Fruchtkammern bis hin zu dem

weitläufigen Wohngebäude. -- „Das ist Dein Hof, Du schöner, stolzer

Seesteiner Michael. Wenn die Brautleute heimkommen, wird’s recht warm

eingeheizt sein. Aber so viel finsterer Nebel wird sein, daß sie gar

das Haus nicht mehr finden. Morgen stellt Dir der Pfarrer einen Brief

aus: ‚Brandsteuerschein für Michael Rehling.‘“ --

Die Greth sucht aus ihren Taschen Zündzeug hervor, da hört sie unter

ihren Füßen poltern. Sie erschrickt, legt sich auf den Boden und guckt

durch die Bretterfugen hinab. Da unten stehen und kauern an den Barren

die Rinder in ganzen langen Reihen. Dort steht eine Kuh und daneben

hüpft ein junges, falbes Kälbchen flink umher und legt seinen Kopf an

den Hals der Mutter, um den die Hängekette liegt, und macht große,

kluge Augen.

Das stoßt der Greth an’s Herz. Sie bewacht ihre Hand; nur ein einziger

Strich mit dem Zündhölzchen ist nöthig, und es prasselt und schmettert

das Feuer, es wogt der glühende Rauch. Die Thiere brüllen, sie hängen

an der Kette; nur das Kälbchen ist frei, aber es läuft nicht zum

Ausgang, es verläßt die Mutter nicht. Da stürzen die lodernden Balken

nieder -- --

Blaß ist das Mädchen geworden, zurückgleiten läßt es das Zündzeug in

den Sack, und flieht aus der Stallung und davon, als stehe hinter ihm

der große Hof wirklich in Flammen. Jetzt schlug der Kettenhund an. Eine

Magd sah zum Fenster heraus: „Uh, da läuft die guldene Greth vorbei,

ist die denn heut’ nicht im Dorf? Und ist sie vom Hund so erschrocken?

Sie fürchtet sich sonst nicht einmal vor dem bösen Feind!“

Die Greth eilte über die Eisfläche des Sees; bald sah sie nichts mehr

vom Ufer, nur den Hund hörte sie noch eine Weile bellen.

Es graute, als wollte schon die Nacht anbrechen. Im Dorfe zünden sie

die Lichter an und es klingen die Gläser und die Geigen.

Grethe fühlte, daß sie unsäglich einsam war. -- Ueber dem Haupte die

dichte graue Hülle; der Himmel hat seine finstersten Wolken auf sie

niedergeworfen. Unter den Füßen Eis und Fluthen -- ist das eine trübe,

kalte Welt!

Ihre Kleider, ihre Haare waren feucht, aber auf ihrer Stirn glühte das

aufwallende Blut.

So floh sie über die Oede dahin, sie war das einzige Menschenwesen

hier, über und unter den Gewässern. Da stand sie plötzlich still,

sie hörte ein Schnalzen, ein Knistern, wie wenn ein Hirt mit der

Peitsche knallte. Sie wußte nicht, woher es kam; war das Ufer nahe,

zog ein Schlittengespann heran? Sie horchte. Da war wieder Alles

still. So still und lind war’s auch in jener Sommernacht gewesen, da

sie mit Michael über den See fuhr; die Wellen rieselten leise, lose

Fischlein schnappten empor, und da gurgelte das Wasser, und oben und

unten leuchteten die Sterne. Michael hielt sie an der Hand und sagte:

„Margarethe, schlag’ Dir den Franz aus dem Kopf, der bringt Dich nur

in’s Unglück. Schau gut auf Deine alte Mutter; leidet sie Noth, so

stehe ich Euch gern bei.“ Später sagte er das vom Heiraten, und daß

ihm Keine zu arm und zu gering sei. Sie lag an seiner Brust. -- Jetzt

sitzen sie im Wirthshaus bei der Hochzeitstafel. --

Wieder ist das seltsame Knistern und ein zwei-, dreifaches Schnalzen,

und heran auf der Fläche, und hin an den Füßen des Mädchens in Zick und

Zack fliegt eine dunkle Linie -- ein Riß -- -- es berstet das Eis.

Angstvoll beginnt das Mädchen zu fliehen. Sie fühlt den Boden wanken;

sie eilt hin über das große Grab, jeden Augenblick kann es sich aufthun.

Endlich aber ist sie aus dem Bereiche der Gefahr; es ist kein Knistern

mehr, der Boden ist fest und sicher, wie er seit Monaten war.

Die Greth geht noch eine gute Strecke dahin -- der See ist breit --

und kommt endlich gegen das Dorf. Die hellbeleuchteten Fenster des

Wirthshauses ziehen breite, röthliche Bänder hinaus in den Nebel. Die

Greth hat Hunger und Durst, und da oben ist Ueberfluß, da oben ist

Pracht und Stolz. Die große Seesteiner-Hochzeit!

Plötzlich kommt ihr ein Gedanke, der noch viel düsterer ist, als dieser

Wintertag. -- Die Hochzeit wird zu Ende sein, der Seesteiner fährt

mit seiner Braut lustig über den See; die Rosse traben und schnauben

und schellen, der Schlitten saust hinten drein, die Hochzeitsbänder

flattern in der Nacht -- der Boden kracht -- wankt. -- Glückliche

Fahrt, Seesteinerleut’! -- Es muß so sein, der Himmel will es selbst so

haben. Der Michael hat ein Herz gebrochen, nun will er mit einer Andern

in die Brautkammer gehen; aber das Brautbett ist im See, im tiefen,

kalten Seegrund. Sie, die Greth, thut nichts dazu, Gott hat’s gestellt

-- sie weiß es nur um eine Stunde früher. --

Hunger und Durst ist vergessen. Die Greth schleicht durch die Dorfgasse

und wieder dann am Ufer hin. Da kommt ein Mann über den See. Der alte

Fischer ist’s; der hält das Pfeifchen noch immer in der Hand, raucht

aber nicht.

„Das ist kein Gehen mehr jetzt, da herüber,“ murmelt er, „’s ist wohl

wahr: Paulibekehr, Schlitten weg, Wagen her. Wir brauchen aber den

Kahn; der Weg um den See herum ist zu weit und toll verschneit.“

Der Greth fährt’s durch den Kopf: Der Alte geht geradewegs in’s

Wirthshaus, verräth die Sach’ und kehrt Alles um. -- Sie eilt auf ihn

zu: „Gut, Wolf, daß Ihr da seid, hätt’ hinüberlaufen sollen zu Euch,

Ihr sollt geschwind aber geschwind zum Bauer an der Wand hinauf, und

schrecket Euch nicht, ich denk’ ’leicht gar, Eure Schwester liegt im

Sterben!“ Sie erschrak fast über ihr eigenes Wort, aber sie gehorchte

dem Rachegefühl.

Des Alten Schwester war Dienstmagd beim Bauer an der Wand und war schon

jahrelang krank.

„Ei schau, die Kath,“ sagte der Wolf wie zu sich, oder zur Sterbenden,

„will’s Dich doch packen, jetzt auf einmal! Du arme Haut; die Welt ist

schon allweg so übel gewesen auf Dich, ist der lieb’ Herrgott doch so

gut, und nimmt Dich zu sich. -- Ja, ja, ich komm’ schon. Dank Dir Gott,

Greth!“ -- Er steckte die Pfeife in den Sack, und holperte hastig die

Dorfgasse entlang und durch die Halde, und kletterte die Holzleiter der

Loserwand hinan und ging hin über die Höhe.

Die Greth eilte ihm nach, und als er davon war, stieß sie an der Wand

die Leiter um. Diese fiel lang und schwer hin in den Schnee; das

Mädchen lief seitab.

* * * * *

Es war nicht so arg mit der alten Kath; es hatte auch kein Mensch nach

dem Bruder geschickt. -- „Diese liederlich Dirn da, jetzt hebt sie zu

lügen auch schon an! -- Na, weil Du nur nicht schlecht bist, Kath;

jetzt geht der Winter vorbei, ich mein’, Du stehst mir wieder auf.“ So

sagte der alte Fischer, dann ging er bald wieder davon.

Es war schon Nacht, aber der Nebel hatte sich ein wenig gehoben, es

zog ein frisches Lüftchen. -- Die Hochzeiter werden doch nicht schon

abfahren? dachte der Alte, sie wissen es etwa nicht, daß draußen von

der Hirschwand herüber der See einbricht. -- Ei, ja, die bleiben heut’

schon noch eine Weil’ beisamm’; ’s ist nur, daß ich mich völlig nit

in’s Wirthshaus trau’, sie werden meinen, ich bin da, daß sie mir ein

Glasel sollen einschenken. Thun wird er’s gern, der Seesteiner, thät’s

aber nicht verlangen; ich hab’ schon meinen Theil und bin zufrieden. --

Der Fischer griff nach seiner Pfeife und eilte recht hastig dahin.

Wie er jedoch zur Loserwand kam, da wäre er schier in den Abgrund

gepurzelt. Es war die Leiter umgefallen, nun konnte er nicht weiter.

Sollte er umkehren und den weiten Fahrweg gehen? da kommt er wahrhaftig

spät in das Dorf hinab.

Er blickt hinaus; sein Auge ist alt, aber er sieht nun in der dunkeln

Nacht fast mehr, als am nebeligen Tag. Der Wald, die Felsen sind

schwarz bis empor, wo sie wieder in die Nebelschichte hineintauchen.

Dorthin liegt die breite, graue Tafel des Sees. Der Seesteinerhof

drüben ist nicht zu sehen, vor ihm ragt die finstere Hirschwand. Vom

Dorfe da unten ist nichts zu erkennen, als einige rothschimmernde

Fensterscheiben. Plötzlich aber klingen Trompetenstöße herauf und

Fackeln schweben zwischen den Häusern hinab gegen das Ufer.

Sie gehen, sie sind auf der Heimfahrt.

Den alten Fischer erfaßt eine fürchterliche Angst. -- Sie rennen in ihr

Verderben und er kann nicht hinab, um sie zu warnen. Er läuft über der

Felswand hin und her, und weiß es doch, es giebt keinen Abstieg. Er

hebt an zu rufen, aber seine Stimme ist dumpf; unten schallt die Musik,

schallt das Gejohle der angeheiterten Hochzeiter. Er hört jauchzen, er

hört die Pferde wiehern, hört das lustige Schellengeklingel. Da trennen

sich zwei Fackeln von den übrigen und gleiten hinaus über den See.

Der Alte ist in Verzweiflung. Er brummt über das rasche Heimfahren

heute, wo man doch sonst die halben Nächte im Wirthshause verschwärmt,

er flucht über den Leichtsinn der jungen Leute, die außer ihrem

Heiraten schon gar nichts mehr denken mögen. Sie haben kein Thauwetter

wahrgenommen die Tage her, sie meinen, wenn im letzten Jahr das Eis

erst im März gebrochen ist, so muß es heuer auch so sein. Die merken’s

nicht in ihrem Taumel, wenn die Decke kracht, Jesus, und nachher ist

Alles vorbei! --

Die zwei Fackeln zogen hin über die Fläche. Immer weiter entfernten sie

sich vom Ufer, immer leiser wurde das Schellen der Pferde. Sie waren

schon weit draußen, sie nahten endlich der Hirschwand; die Fackeln

waren wie zwei Sternchen.

Der Alte starrte hinaus und hielt den Athem an, als wäre sein warmer

Hauch im Stande, die Eisdecke vollends zu lösen. Er meinte, sie würden,

ja sie +müßten+ stehen bleiben und umkehren. Aber die Sternchen

glitten weiter. Da sank der alte Wolf auf ein Knie, schlug die Hände

zusammen und rief wild aus: „O, Herrgott, hast denn keinen Schutzengel

für sie! Ist der Seesteiner nicht allweg ein braver, wohlthätiger

Mensch gewesen, und sein junges Weib von Herzen gut und rechtschaffen!

O Gottesmutter Maria rein, so nimm sie Du in Deinen heiligen Schirm!“

Still war die Musik, still lag der See, weit draußen ragte die finstere

Hirschwand. Und die Sternlein waren dem Alten verschwunden.

In demselben Augenblicke dämmerte unten im Dorfe ein blutrother Schein

auf. -- ---

* * * * *

In den zwei größten Stuben des Wirthshauses war die Hochzeitstafel

abgehalten worden. Lust und Frohlocken war überall, und Alle sahen in

dem jungen Brautpaar ihren König und ihre Königin.

Als das Mahl zu Ende war, und der Pfarrer auf das Wohl des Seesteiners

und seiner anmuthigen Frau einen Spruch ausbrachte und mit dem

lächelnden Ehepaare anstieß, ging sein Glas in Scherben, und der Wein

löschte gar eine Kerze aus und ergoß sich über den Tisch.

Das war keine gute Vorbedeutung; viele Anwesende stutzten; draußen im

Vorhause gellte ein wildes Auflachen.

Die Grethe war’s, die eine Weile an der Thür gestanden und durch das

Menschengewühle das Brautpaar angestarrt hatte. Ihre alte Mutter, die

Gstettnerin, saß in der Küche bei Krapfen und Braten, heute hatte sie

in Ueberfluß; sie war ja bei den Vorbereitungen Helferin gewesen. Das

alte Weib sah sich nach der Tochter um; die hatte es heute den ganzen

Tag wieder nicht zu Gesicht bekommen; wäre sie jetzt da, so bekäme sie

auch.

Die Wirthin sah sie wirklich stehen im Vorhause, und sagte: „Geh’ her,

Greth, magst was essen, was trinken? Deine Mutter ist auch da.“

Im selben Moment aber zersprang dem Pfarrer das Glas; da kreischte die

Greth auf, und verließ das Haus.

Sie ging wieder am Ufer entlang und horchte, ob auch nicht hier die

Eisdecke krache. Sie hörte nichts -- ja, das Wirthshaus hörte sie, und

den Jubel, und immer nur das.

Da kamen sie endlich gar mit Hall und Schall heraus in die Nacht, und

als die Schlitten zurecht gerückt, und die Pferde eingespannt wurden,

da duckte sich die Greth hinter einen Strauch. Ihr war, als müsse Alles

auf sie hinsehen, auf sie zukommen, und sie war ja keine Verbrecherin,

sie war unschuldig -- der Herrgott hat das laue Wetter gemacht, und das

Eis bricht selber ein. -- Laut war’s am Ufer, aber zum erstenmal war’s,

daß die Greth das Pochen in ihrer Brust hörte, und sie hatte doch nicht

darauf gehorcht. Einen Zweig des Hagebuttenstrauches zerknitterte sie

in ihren bebenden Fäusten; die Dornen gingen in’s Fleisch.

Endlich zog das Gefährte hinaus auf die Fläche; die Fackeln loderten

nach rückwärts, wie blutrothe Fähnchen.

Eine Weile stand die Dirne still, wie eine Säule, dann sprang sie

einige Schritte auf den See hinaus und breitete die Arme und that einen

heiseren Schrei. -- --

Die Fackeln eilten weiter und blickten zurück wie zwei Augen. Wie seine

Augen.

Die Greth lief durch die Dorfgasse und rief: „Eilet, eilet zu Hilf’,

das Eis bricht ein!“ Sie lief zur Kirchenpforte, der Glockenthurm war

gesperrt. Leute eilten zusammen und wußten nicht, was das zu bedeuten.

„Kein Mensch holt sie mehr ein!“ schrie das Mädchen und schlug sich

in’s Gesicht, und raste wieder hinab gegen den See. Weit draußen

schwebten die zwei glühenden Aeuglein.

Sie sah hin. Sie preßte die Hände auf die Brust und that einen

fiebernden Athemzug. Ist denn kein Mittel, sie zurückzurufen? Plötzlich

fuhr sie sich gegen die Stirn. Rasch holte sie ihr Feuerzeug hervor,

eilte, watete im Schnee gegen die Dorfwiese; dort war früher ein

Heuschober gestanden. Aber er war eingeheimst. Die Grethe kehrte um.

Immer den Blick auf den See gerichtet, lief sie gegen das obere Ende

des Dorfes. Die letzte einzeln stehende Hütte, das war ihr Haus und

Heim. Sie erreichte es, im Nu hatte sie ein Flämmchen und fuhr damit

unter das Strohdach.

Wie ein freigelassenes Vöglein hüpfte die Flamme weiter, knisterte,

leuchtete.

Bald war die helle Lohe da, das Dorf glühte im Feuerschein, das Gewände

oben war ganz roth, auf der Seefläche spiegelten sich die Flammen.

Während die Leute herbeieilten, und die Achseln schüttelten, weil

nichts mehr zu retten war, und nur ihre eigene Habe wahrten, irrte die

Greth draußen auf dem See. Sie sah noch die zwei Lichtlein, sie standen

auf der Fläche nächst der Hirschwand und waren völlig im Erlöschen.

Jeden Augenblick konnten sie erblinden, versinken.

Was da hinter ihr vorging in der Noth des Feuers, in der Verwirrung des

Dorfes, das achtete sie nicht; ihr Blick bewachte mit unsäglicher Angst

die zwei Aeuglein auf dem See. -- Und siehe, endlich leuchteten sie

heller, wurden frischer, größer, kamen näher. Da johlte die Greth auf,

und das war das lustigste Jauchzen an diesem Hochzeitstage.

Sie waren gerettet.

Das Mädchen zog ihnen entgegen über die Fläche. Sie sah schon das

Sausen des Windes in den heranschwebenden Fackeln. Sie fiel den Pferden

in die Zügel. „Was ist’s, wo brennt’s?“ rief der Seesteiner aus dem

Schlitten. Da stürzte ihm das Mädchen wortlos an die Brust, sank zurück

auf den kalten Eisboden, und das Gefährte glitt weiter.

„+Das+ ist ein Hochzeitstag! Seid Ihr auch wieder zurück!“ sagte

ein Mann, als der Seesteiner aus dem Schlitten sprang und seinem jungen

Weibe den Arm zum Aussteigen gab.

„Nu, Gott sei Lob und Dank, die Gefahr ist wohl vorüber, der

Gstettnerin ihr Häusel ist halt niedergebrannt. -- Eine Närrische haben

wir auch im Dorfe. Ist’s denn wahr, daß auf dem See das Eis einbricht?“

Die Brautleute sahen sich an, und sagten kein Wort. -- Das Eis bricht

ein auf dem See! -- Man konnte in der Dunkelheit nicht sehen, wie sie

erbleichten.

Die alte Gstettnerin hatten sie in’s Wirthshaus zurückgebracht; sie

verlor kein Wort über ihr zerstörtes Heim, nur ihre Tochter rief sie

mit kläglicher Stimme.

Ihre Tochter aber saß an der Brandstätte und wärmte sich. Sie saß

zwischen den glühenden Balken und rief ein- über das andermal: „Das Eis

bricht ein!“ Und dann lächelte sie. Flämmchen wollten emporhüpfen in

ihr goldiges Haar. Es war ihr aber kühl, ach, die Welt war für sie so

kalt. Dort stand der kleine Feuerherd -- jetzt dachlos in der Nacht;

die Grethe kletterte über kohlende Trümmer zu ihm hin.

Da kam von seinem Umweg der alte Fischer vorüber, der wollte sie von

der rauchenden Brandstätte entfernen.

„Gehet, gehet Eures Weges,“ rief sie ihm zu, „und wollet Ihr zum

Seesteinerhof hinüber, so fahret über Land, auf dem See bricht das Eis.

-- Ich habe geschwind das Feuer gemacht, daß sie umgekehrt sind.“ Sie

sagte ihm noch ein Wort, darob der Alte das Haupt schüttelte. Er eilte

zum Wirthshaus und rief schon zur Thür hinein: „Gebt, Leute helft mir

die Greth von der Brandstelle wegbringen, sie ist von Sinnen!“

Als sie zu den rauchenden Trümmern kamen, fanden sie das Mädchen am

Herde kauern -- erstickt und verbrannt.

* * * * *

An dem Tage, als die arme Grethe begraben wurde, schnalzte und krachte

es hin über den ganzen weiten See. Unzählige Sprünge zuckten hin und

her, und der Reihe nach brachen die Schollen durch in das dunkle

Gewässer. An der Hirschwand waren sie zwei Tage früher durchgebrochen.

Auf dem stundenlangen Landweg verkehrte das Dorf mit dem

Seesteinerhofe, bis sich die schwimmenden Schollen im Wasser zerrieben

und gelöst hatten. Auf dem Landwege wurde die alte Gstettnerin in

das Gehöfte gebracht, wo ihr für ihre letzten, einsamen Tage eine

gesicherte, warme Stube bereitet war. Auf dem Landwege ging der

Pfarrer in den Seesteinerhof, daß er sich umsehe nach dem jungen

Ehepaar, und wie es die heitersten Tage des Lebens begehe.

Aber im schaukelnden Kahn rudert der alte Fischer an einem schönen

sonnigen und lebendigen Frühlingsmorgen nach Seeau herüber. Er schritt,

ein hölzernes Kreuz auf der Schulter, die Dorfgasse hinan, in den

kleinen Kirchhof hinein und zu einem graskeimenden Hügel am Heckenzaun.

Heute noch steht dort das hölzerne Kreuz, und folgende Worte sind

darauf geschrieben:

„Hier ruht die guldene Grethe,

Geläutert hat sie erst der Tod;

Sie starb in Lieb’ und Feuersnoth

Gedenk’ an sie und bete!“

[Illustration]

Der Waldbrand.

Am südlichen Abhange des Grübnergehölzes brennt der Wald. Er brennt

schon tagelang und im engen Gebirgskessel liegt so dichter Rauch,

daß man von einem Berg kaum auf den andern sehen kann. Stechender

Brandgeruch erfüllt das Thal; die Sonne ist eine rothe Scheibe und man

vermag sie den ganzen Tag anzusehen. Schon von Weitem hört man das

Schnalzen und Knistern der brennenden Bäume und das dumpfe Dröhnen der

fallenden Stämme; das sprüht dann zeitweise durch die dunkelbläulichen

Rauchwolken hochauf, bis die Flammen und Funken in neuem, frischem

Geäste wieder Nahrung finden. Dazwischen hört man das Schreien und

Fluchen der Männer, welche da sind, um dem Brande Einhalt zu thun.

Die Leute aus der ganzen Gegend sind beisammen, denn es droht ein

fürchterliches Unglück.

Feierabende: Lustige und finstere Geschichten · 第 18 / 29 段