Rechts vom grünen Tisch, vor einem Pulte, saß auch ein Bekannter. Es

war jener Herr, den die Walpa schon zweimal gesehen hatte. Das erstemal

vor etlichen Jahren, noch im Wiesenwirthshause; das zweitemal später

oben auf dem Zinken bei der Capelle und bei den Zirben. Er hatte damals

Manches zu ihr gesprochen, woran sie seither oft und oft gedacht, er

hatte ihr ja einen ganz neuen Lebensweg vorgeschlagen -- „er hätte es

gewißlich gut mit ihr gemeint“.

Heute trug er einen schwarzen Frack, dessen Aufschläge mit silbernen

Borten und Knöpfen geziert waren. Er warf nur ein paar kurze Blicke auf

die Angeklagte hin, blätterte dann eifrig in den Schriften und Büchern,

die vor ihm lagen und schrieb zuweilen mit dem Bleistift etwas auf ein

Blatt.

Nicht weit von der Sünderbank der Walpa, neben welcher zwei Gendarmen

standen, wieder an einem eigenen Tischchen, saß endlich ein ganz

fremder schwarzgekleideter Mann mit dunklem Vollbarte und blassem

Gesicht. Auch der hatte ein Buch vor sich liegen, doch stützte er sein

Haupt in die Hand und starrte vor sich in das Leere.

Walpa sah nicht um, merkte aber leicht, daß hinter ihr eine große

Menschenmenge versammelt war. Diese flüsterte und war unruhig und

konnte den Beginn der Verhandlung kaum erwarten. Endlich begann das

Verhör. Der Richter fragte die Angeklagte, was sie veranlaßt habe,

ihren Mann aus dem Leben zu schaffen?

„Ich habe mir nicht anders zu helfen gewußt,“ antwortete die Walpa.

Hierauf wurde Punkt für Punkt erörtert, von der Werbung des Seizmüllers

bis zu dessen Tode, die Mißhandlungen und Rohheiten, die sie zu

erdulden gehabt, ihre Versuche, von ihm loszukommen, der keimende und

wachsende Gedanke endlich, sich durch das letzte Mittel von ihrem

Peiniger zu befreien.

Walpa gab auf die Fragen, die ihr gestellt wurden, kurze, aber

entschiedene Antworten. Eine besondere Aufregung war an ihr nicht

zu merken, und als sie der Richter fragte, ob sie denn keine Reue

empfinde, die That begangen zu haben, die ihr Lebensglück, vielleicht

ihr Leben vernichtet habe, antwortete sie: „Es ist nicht möglich, daß

es noch schlechter mit mir wird, als es gewesen ist.“

Nach all dem und Anderem begann sich der Mann zu rühren, der rechts vom

Richtertisch bei seinen Schriften saß und während des Verhörs immer in

seinem Buche geblättert hatte. Er erhob sich nun, und derselbe, der

seinerzeit im Gebirge zu Walpa gesagt hatte: dieser Seizmüller, von dem

mußt Du Dich befreien, -- begann nun eine Rede zu halten, in welcher

er die Gattenmörderin mit den schärfsten Worten anklagte und jeden

Erschwerungsgrund angelegentlichst hervorhob. Und seine Rede schloß

er mit folgenden Worten: „Sie sehen also, meine Herren, daß hier ein

langgeplanter, zielbewußter, meuchlerischer Gattenmord vorliegt. Das

schwärzeste Blatt in den Verbrecherannalen heißt Gattenmord. Dieses

Verbrechen richtet die Familie zu Grunde und erschüttert dadurch die

Grundfesten des Staates. Sie müssen erwägen, wie tief verdorben ein

Weib sein muß, das im Stande ist, gerade jenen Mann auf die grausamste

Weise zu tödten, der sie als die Liebste erkoren, dem sie ewige Treue

gelobt, der sie zur geachteten Stellung der Frau erhoben hat, der ihr

Ernährer und Beschützer war. Sie haben gesehen, wie die Angeklagte

gerade in der größten Verlegenheit eines zerrütteten Hauswesens, ich

möchte sagen: als Betteldirne von dem Seizmüller aufgenommen worden

ist, wie der Seizmüller ihren Vater gewissermaßen vor dem Untergange

gerettet hat. Wer solche Wohlthaten mit dem Giftbecher lohnt, der

verdient das Leben nicht. -- Ich habe mich sehr nach Milderungsgründen

umgesehen, denn der Staat, welchen hier zu vertreten ich die Ehre habe,

kennt keine härtere Aufgabe, als einen seiner Angehörigen vom Leben

zum Tode bringen zu müssen. Es mögen in den Fall allerdings Umstände

hineinspielen, welche Sie, meine Herren, zur Milde stimmen könnten;

aber prüfen Sie strenge! Selbst ein Mann, der Brot entwendet, weil

seine Kinder hungern, wird verurtheilt. Was hier vor uns liegt, ist

ein kaltberechneter Gattenmord, und die vollständige Reulosigkeit,

welche Sie auf dem Gesichte der Angeklagten lesen, sie gelte Ihnen

mehr, als alle Erschwerungsgründe, sie mahne Sie, durch ein gerechtes

Urtheil weitere Verbrechen zu verhüten. -- Was Ihnen etwa noch gesagt

werden mag von Menschlichkeit und Milde, so bedenken Sie, meine Herren

Richter aus dem Volke, daß Sie nicht geschworen haben, hier Verbrechen

zu verzeihen, sondern dieselben nach Gerechtigkeit zu richten. Lassen

Sie sich durch falsche Gefühle zu einem milden Urtheile bestimmen,

wohlan, so geben Sie allen Ehefrauen, auch den Ihren, meine Herren,

das Anrecht, sich ihrer etwa unbequemen Gatten durch ein übelgewürztes

Frühstück zu entledigen. Ich verliere weiter kein Wort, ich verlange

für die Gattenmörderin Walpurga Wiesamer den Tod durch den Strang!“

Nach diesen Worten ließ sich der Staatsanwalt mit fast gleichgiltiger

Miene nieder auf seinen Sitz und ergriff eine Bleifeder, um damit zu

spielen. Walpa richtete ihr großes Auge auf diesen Mann, der, wie sie

sah, da war, um sie zu verderben. Sie bewahrte auch jetzt noch ihre

Ruhe, nur fuhr sie sich mit dem Aermel einmal über die Stirne. Sie

erwartete nun von dem Richter das Urtheil. Dieser aber sagte kalten

Tones: „Der Herr Vertheidiger.“

Sofort erhob sich der schlanke, blasse Mann, welcher in der Nähe der

Angeklagten seinen Platz hatte, und blickte zuerst mit bekümmerter

Geberde die Richter und dann die Geschwornen an. Plötzlich nun schoß

ein Leuchten aus seinen Augen und er begann anfangs in etwas beißender,

dann in warmer Betonung so zu sprechen:

„Meine Herren Richter!

Der Herr Staatsanwalt hat sich Mühe gegeben, mir, dem Sie um Milde

und Menschlichkeit Bittenden, Ihre Herzen zu verriegeln. Ich jedoch

erkläre, daß ich gefühlvoller Herzen gar nicht bedarf, daß ich in

diesem heutigen Falle nur Ihre Vernunft anzurufen brauche, um eine

Unglückliche zu retten, die erbarmungslos in den Tod gestürzt werden

soll, weil sie in der Nothwehr ihren größten Feind getödtet hat. -- Nie

noch ist mir mein Fürsprecheramt leichter geworden, als heute, da die

Verhandlung so klar und deutlich gezeigt hat, daß weder Böswilligkeit

noch schmutziger Eigennutz, noch ein anderer Zug eines schlechten

Charakters die begangene That verursacht hat. Lediglich die Liebe zum

nackten Leben hat dieses Weib auf die Sünderbank gestoßen. Und wer,

meine Herren Geschwornen, wer wollte nicht leben! Lebenwollen ist ein

Naturgesetz, dessen sich selbst der hinfällige Greis nicht entschlagen

kann, geschweige denn ein warmes Blut von siebenundzwanzig Jahren.

Sie haben ja gehört, wie entsetzlich der Seizmüller sein Weib gequält

hat, wie er sie beispielsweise wochenlang in einer finstern Kammer

gefangen hielt, wie er sie schlug und der Untreue und Unredlichkeit

zieh, während er gewissenlos alle Rechte der Frau mit Füßen trat. Sie

finden in dem Charakter des Mannes nicht +einen+ lichten Punkt;

er war ein ganz schlechter Mensch, dessen empörende Rohheiten durch

nichts zu entschuldigen, die für ihn selbst zwecklos waren und sogar

für den Psychologen abstoßend und völlig interesselos sind. Sie haben

gehört, wie dieser Wütherich seinem sanftmüthigen Weibe wiederholt mit

dem Todtschlagen gedroht. Der Seizmüller hätte sein Wort gehalten.

Hätte die Walpurga, nachdem Alles vergebens gewesen, sich von ihrem

Folterknechte freizumachen, das Los ihrer Vorgängerin theilen sollen?

Oder, im besten Falle, meine Herren, sagen Sie selbst, ob es für ein

junges, lebensheiteres Weib möglich ist, neben einem Menschen, wie

dieser Seizmüller war, zu existiren? Und die Freunde, an die sie

sich gewendet in der Noth, haben sie verlassen, ja, haben ihr selbst

vielleicht den Gedanken des einzigen, letzten Mittels beigebracht.

Lag es doch offen da: diese beiden Menschen mußten geschieden werden.

Sie waren ja nicht vor Gott, sondern nur vor den Menschen vermählt.

Walpurga hatte den Müller nicht geliebt und nicht erwählt; nur ein

Opfer war ihr Entschluß, den Mann zu nehmen; dieses Opfer hat sie ihrem

verzweifelten Vater gebracht. Aus einer Tugend, aus der Kindesliebe,

ist die That entsprungen, die vor der Welt nun als Verbrechen

gelten soll. Sie haben bei der Untersuchung gesehen, meine Herren

Geschwornen, welche Kämpfe das arme, einsame Frauenherz durchgerungen

hat, bis es dem Dämon der Natur unterlegen ist. Wie unsagbar sie, die

wohlerzogene und gesittete Frau, gelitten haben mag, das läßt sich

freilich in einer Untersuchung nimmer zeigen. Ich sage absichtlich,

die wohlerzogene, gesittete Frau, denn im vorliegenden Falle hat der

Vertheidiger wahrlich nicht nöthig, auf die beliebten Milderungsgründe

einer schlechten Erziehung hinzuweisen. Auch Unzurechnungsfähigkeit und

Irrsinn mag ich gern entbehren, denn meine Clientin hat logisch und

so gehandelt, wie sie handeln mußte. Allerdings, wäre die Angeklagte

mit größerer Intelligenz oder mit weniger Ehrlichkeit begabt, sie wäre

nicht in’s Criminal gekommen, sie hätte leicht Mittel gefunden, den

Verdacht eines Mordes von sich abzulenken; und der Seizmüller wäre vor

den Augen der Welt eines jähen Todes gestorben, wie auch dessen erstes

Weib eines jähen Todes gestorben sein soll. Daß aber die Angeklagte

ihre That nicht einen Augenblick geleugnet hat, daß sie selbst in

dieser Stunde noch ruhigen Gemüthes dasteht, das beweist: ihr Gewissen

klagt sie +nicht+ an, der strengste Richter in der eigenen Brust

klagt sie +nicht+ an! -- Und fällt es Ihnen nicht auf, meine

Herren Geschwornen, daß die Vorsehung durch einen Zufall dem armen

Weibe, wenn nicht ihre Beistimmung, so doch ihre Gnade geoffenbart hat?

Walpurga hat in derselben Stunde, da ihr Peiniger zur Ruhe ging, einem

andern hoffnungsvollen Menschen das Leben gerettet. Wollen Sie, meine

Herren Richter, den Tod mit dem Tode bestrafen, so müssen Sie auch das

Leben mit dem Leben belohnen. -- Wenn mein geehrter Herr Vorredner

behauptet hat, Sie gäben durch ein mildes Urtheil Ihren Frauen das

Anrecht auf eine gleiche That, so sage ich: das, was Sie an dieser

Frau +strafen+, verschulden Sie in demselben Augenblicke in einem

viel höheren Grade. Verurtheilen Sie die Angeklagte, so schwören Sie

moralisch zur Tyrannenherrschaft des Ehemannes und begehen einen

Verrath an den Frauen. Ja, um es kurz zu sagen, Sie begehen einen

Verrath an sich selbst, an der Menschheit und Menschlichkeit, wenn Sie

nach dem starren Buchstaben ein bedrängtes Herz mit dem Tode richten,

das den Tod nicht verdient. Und wenn Sie, meine Herren aus dem Volke,

im Pharisäerstolze das Schuldig fällen, dann steige mit der armen

Walpurga Wiesamer auch noch manch’ Anderer mit hinauf zum Schaffot,

dann sprechen Sie ein Schuldig über Alle, die mit ihrer ganzen Kraft

um’s liebe Dasein kämpfen. -- Nein, meine Herren, Sie stiegen aus dem

Herzen des Volkes empor zum Richterstuhle, und Ihre Stimme ist Gottes

Stimme. Gott ist gerecht und gütig und barmherzig -- seien Sie es auch,

und lassen Sie dieses Weib, das bisher nichts vom Glücke der Erde

genossen, das mit heißer Lebenssehnsucht im Auge stumm Sie anfleht --

lassen Sie es leben!“

Erschöpft war der Sprecher zurückgesunken auf den Stuhl. Auch die Walpa

ließ sich nieder auf ihre Bank. In ihrem Auge stand eine schwere Thräne.

Der Vorsitzende fragte die Angeklagte, ob sie irgend noch was zu

bemerken habe. Sie verneinte mit einem Schütteln des Hauptes. So

erhoben sich nun die Geschwornen und schritten in einer langen, ernsten

Reihe aus dem Saale in das Nebengemach.

Und nun herrschten im Gerichtssaale jene für das Publicum so

aufregenden, für den Angeklagten so gräßlichen Minuten des Schwankens

zwischen Freiheit und Kerker, zwischen Leben und Sterben. Staatsanwalt

und Vertheidiger saßen anscheinend ruhig auf ihren Plätzen, ihrer Worte

Frucht gewärtigend. Der Richter saß zurück in seinen Sessel gelehnt

und schloß halb die Augen. Die Angeklagte kauerte auf ihrer Bank

und bewegte sich nur ein wenig, so oft sie tiefen Athem schöpfte aus

ihrer Brust. Ihre Züge waren wie die Wand so blaß. Einen umflorten

Blick that sie gegen das Fenster hin, zum hellen Sonnenschein. Dieses

liebe goldene Licht -- oder die ewige Nacht! -- Welches soll nach

menschlicher Satzung nun ihr Antheil sein? --

Endlich ging die Thür auf und in einer ernsten Reihe, wie sie

hinausgeschritten waren, schritten die zwölf Geschwornen wieder in den

Saal und nahmen Platz in ihren Bänken.

Dann wurde das Verdict der Geschwornen verkündet: Auf den Antrag,

schuldig zum Tode durch den Strang, hatten eilf Stimmen mit Ja, eine

mit Nein geantwortet.

Walpa hatte es gehört. Sie richtete sich auf und mit fester Stimme

sagte sie: „Ich bitte nur um Eins. Laßt mir’s wissen, welcher hat mir

das Nein geschenkt?“

Keine Antwort. Finster blickten Richter und Geschworne drein. Nur

Blasius Steiger, der einstige Bursche mit dem Posthorn, schlug sein

Auge nieder und wurde roth und blaß.

Walpa sah es und aufathmend, hell wie im Jauchzen, rief sie das Wort:

„Ich hab’s gewußt, er kann mich nicht verdammen. Nun habe ich gelebt,

nun will ich sterben!“

[Illustration]

Die guldene Grethe.

„Es begeben sich in den Stand der heiligen Ehe: Der Bräutigam

Michael Rehling, katholisch, großjährig, Besitzer des ~vulgo~

Seesteinerhofes in hiesiger Pfarre. Die Braut Maria Haldegger,

katholisch, minderjährig, derzeit in Dienst beim Bauer an der

Wand. Dieses Brautpaar wird heute zur Aufdeckung eines allfälligen

Ehehindernisses öffentlich verkündet zum erstenmal.“

So las es der Pfarrer von der Seeau auf der Kanzel aus einem großen

Papierbogen der Gemeinde vor.

Es war das Fest der heiligen drei Könige.

Die Gemeinde war im Festkleid und in Festfreude versammelt, und vor

dem mit frischen Tannenzweigen umgebenen „Krippel“ -- der bildlichen

Darstellung von unseres Heilandes Geburt -- brannten zwei Wachskerzen,

die heute nicht, wie sonst gern, nach einer Seite hin abrannen, da es

sehr kalt war und das Wachs gefror ganz nahe an der Flamme.

Wenn plötzlich die Thür aufgegangen wäre in allen Angeln, und die

heiligen drei Könige mitsammt ihren goldenen Kronen und Schätzen, und

ihren Mohren und Kameelen und mit ihrem Stern hochfeierlich durch

die Kirche gezogen wären, und hin zum Krippel, es hätte kaum so viel

Aufsehen gemacht unter den Leuten, als die Verkündigung der Heirat

des jungen Seesteiners und der Maria Haldegger. Der Seesteiner, ein

Bursche stramm und frisch, hoch und stolz wie ein junger Tannenbaum,

dem der größte Hof gehörte jenseits des Sees. Sein Hof stand da wie ein

Schloß, und seine Waldungen waren so groß und weit, daß wenn neun Jäger

in demselben zu gleicher Stunde ihre Gewehre abschossen, einer von dem

anderen keinen Schuß hörte und keinen Hall. Vorwitzige Leute nannten

den Seesteiner den Gaugrafen, weil ihm schier Alles unterthan war weit

und breit. Wenn Dich in der Gegend ein böses Wetter überraschte, und Du

stelltest Dich unter eine buschige Tanne, so standest Du unter einem

Seesteiner’schen Schirmbaum; und wäre auf dem Seesteinergrunde keine

Quelle aufgeronnen, die ganze Pfarre hätte verdursten müssen, und die

hunderttausend Forellen im See dazu.

Das Altarbild der Seeauer Kirche stellte den heiligen Erzengel Michael

dar; aber gar viele Seeauer und Seeauerinnen, wenn sie davor ihre

Andacht verrichteten, dachten dabei schier gottlos an den Michael

Rehling; der war es eigentlich, was das Altarbild vorstellte: der

Schutzengel, der Erzengel, der Patron der Gemeinde.

Und Maria Haldegger war die blutarme Dienstmagd, im Sommer auf der

Alm, wie hundert Andere, im Winter beim Bauer an der Wand, bei dem ein

Festtag war, wenn sie sich einmal an der Haferbrotsuppe satt essen

konnten. Kein Mensch, außer vielleicht ein armer, pechiger Waldteufel,

hätte sich um die Maria Haldegger gekümmert, wenn im letzten Sommer mit

ihr nicht etwas vorgefallen wäre, was eben nicht gar oft vorfällt.

Ein Prinz, der einen so klingenden Namen hat, daß sie ihn in der halben

Welt hören, war auf der Jagd dagewesen, hatte die Maria Haldegger auf

der Alm gesehen, hatte sich schauerlich in sie verliebt, und hatte ihr

einen Ring geben wollen, der zweimal so viel werth war, wie das ganze

Bauernhaus an der Wand. -- Die Maria Haldegger aber hatte gesagt:

„Nichts für ungut, Herr Prinz, ich bitt’, aber für Guld und Geld und

alle Herrlichkeit der Welt ist eine ehrliche Magd nicht zu kaufen.

Wollt Ihr’s aber redlich meinen, so fragt bei meinem Pathen an; ich

kann nichts versprechen.“ Der Prinz hat sich zufrieden gegeben und die

Maria Haldegger nur noch ersucht, daß sie ihm für mehrere Stunden möge

Unterstand gewähren auf ihrem Heuboden, da schon die Nacht käme. Aber

die junge Magd hat ihm’s rundweg abgeschlagen, und der Prinz ist zornig

davon gegangen bis zur nächsten Almhütte.

Zwei alte Seesteiner’sche Jäger, die hinter der Hütte gestanden, haben

den Vorgang belauscht und haben ihn erzählt im Wirthshause der Seeau,

und jenseits des Wassers, und überall, wo Schick war zum Erzählen.

Da hat denn Alles weit und breit von der Maria Haldegger gesprochen,

und der Bauer an der Wand hat nur so lächelnd mit dem Kopf genickt,

wie seine wackere Magd im Herbst von der Alm zurückgekommen ist und

Rechenschaft abgelegt hat über Alles was sie auf der Alm zu verwalten

gehabt.

Es kam der kalte Winter, es fiel klaftertiefer Schnee, es fror der

See. Es war stetiges Jagen im Wald, der junge Seesteiner ging oft mit

der Flinte am Dorf vorüber, und ging gegen die kleinen Bauerngüter

hinaus, und stieg die Holzleiter der Loserwand hinan gegen die

Waldhöhen. Zu Weihnachten war großes Eisschießen auf dem See, und jetzt

zu Heiligendreikönig wurde, unerwartet wie ein Blitz, vom Himmel im

Eismonat, die Neuigkeit von der Kanzel verkündet.

Das also war heute, und als hierauf das Hochamt abgehalten wurde mit

dem festlichen Weihrauch und dem feierlichen Orgelklang, betete kein

Mensch ein andächtig Vaterunser, und der Pfarrer am Altare selbst

berechnete, was bei der Trauung des Großbauers wohl für ihn abfallen

könne.

Der Seesteiner saß heute im hintersten Stuhle des Chores; seine

Braut war gar nicht in der Kirche. Noch bevor der letzte Segen und

die Sprenge -- das Bespritzen der Gemeinde mit Weihwasser durch den

Priester -- zu Ende war, verließ Michael die Kirche und eilte seines

Weges.

Er ging nicht über den See seinem Gehöfte zu, er nahm die Richtung

gegen die Wand. Als er nach dem tiefen Schneepfade durch die Halde

schritt, kreischte ihm eine Stimme nach: „Laß’ Zeit, Herr Bräutigam!

Hast aber eilig.“

Die „guldene Greth“ war’s, ein kaum vierundzwanzigjähriges Mädchen mit

krausen, gelblichten Locken, falben Augenbrauen und stets gerötheten,

zuweilen sommersprossigen Wangen. Sie war mehr klein als groß, hatte

eine sehr geschmeidige Gestalt, hatte gern ein Lächeln um den scharfen

Mund, konnte schmeicheln und spotten und näschenrümpfen und liebäugeln,

wie gar Keine mehr sonst um den ganzen weiten See. Sie war die Tochter

einer Häuslerin. Man kannte sie als ein leidenschaftliches Mädchen,

zuweilen boshaft, zuweilen gar ein wenig bösartig, und dann doch wieder

gutmüthig in hohem Grade. Man nannte sie die „guldene Greth“, weil sie

goldhaarig war, und weil sie das Gold wohl zu schätzen wußte, mehr wie

manch’ Andere auf der Alm, „die sich im Bettlerstolz aufbläst, daß eine

halbe Welt von ihr spricht“.

Die Greth ging zuweilen wurzelgraben und kräuterrupfen auf die Alm,

aber ihr wollte ein Prinz nimmer begegnen. --

Der junge Mann blieb nun auf den Ruf unwillkürlich stehen.

„Magst mich heut’ nimmer über den See rudern, junger Herr Seesteiner?“

sagte das Mädchen, ihm näher kommend.

„Der See ist gefroren,“ entgegnete Michael kurz.

„Aber ich bin’s nicht,“ rief sie, „ich weiß noch recht gut eine warme

Kirchweihnacht --“

„Wo ich Dich aus Gefälligkeit über den See geführt habe.“

„Wo Du mich an Deine Brust gezogen hast --“

„Weil Du mir sonst im Finstern leicht über den Rand gefallen wärest.“

„Wo Du mir die Liebschaft mit dem Holzmeisterfranzl abgeredet hast --“

„Weil er leichtsinnig ist und sein Lebtag Weib und Kind nicht ernähren

kann.“

„Du hast damals gesagt, daß Du meine alte Mutter unterstützen wolltest.“

„Das thue ich, weil sie eine arme Frau ist.“

„Michael, Du hast gesagt, daß Du heiraten wollest, und daß Dir kein

Mädchen zu arm und zu gering sei --“

„Das hab’ ich nicht vonnöthen, ich schau nur auf die Bravheit.“

„Und daß Du redlich seiest und keine betrügen wollest!“

„Das hab’ ich gesagt und gehalten.“

„Aber Du hast mich an der Hand genommen, an Deine Brust gedrückt, und

ich habe den Franzl fahren lassen, und hab’ Keinen mehr angeschaut,

und hab’ gearbeitet im Taglohn, und bin brav gewesen, und nur an Dich

hab’ ich gedacht. -- Michael, Du bist ein Falscher, hast mich betrogen.

Der Teufel soll in Deine Maria fahren!“

Die Greth lief davon, sie war wild anzusehen; sie ballte die Fäuste

gegen den Bräutigam, und als sie hinauf kam zum Waldrande, warf sie

sich in den Schnee, und schlug mit den Händen um sich, daß der dichte,

weiße Staub auseinanderstob nach allen Seiten.

Michael war aufgeregt, aber er schritt nun ruhig weiter, sein Gewissen

warf ihm nichts vor. Er stieg über die Leiter die Loserwand hinan und

ging über den Hochboden hinaus; dadurch schneidet man den halben Weg

ab, der zum Bauer an der Wand führt.

* * * * *

Ein Windwehen hatte die dicken, schweren Schneemäntel von den Bäumen

geschüttelt. Da war es umgekehrt, wie im Sommer; die Waldwipfel waren

dunkelschwarz und die Gründe waren lichtweiß. Aber da kam ein Nebel,

der legte sich hin über das ganze Waldland, nur die höchsten Berge

ragten aus ihm hervor und standen in der Sonne, während unten Alles

versunken war in die feuchte Trübe und in die frostige Winterlichkeit.

Darüber grämte sich der Wald, und er bekam einen grauen Bart, und allen

Geästen und allen Gezweigen wuchsen weiße, zartbezähnte Ränder von

unzähligen, glitzernden Nadelchen. Selbst auf der glatten Eisdecke des

Sees keimte dieses schneeweiße Moos des Nebelfrostes, daß es knisterte,

wenn Mensch oder Thier darüber hinschritt.

Es war sehr schön, und die Städter würden gesagt haben, das ganze

Waldland sei versilbert, oder sei aus weißem Candiszucker geformt. Die

Leute der Seeau aber greinten über so ein Wetter; es sei den ganzen Tag

finster, und doch nicht die Nacht zum Ruhen; es sei frostig, und doch

nicht frischkalt, und es werde zu thauen anheben noch weit vor der Zeit.

Im großen Seeauer Wirthshaus wurde zur Hochzeit vorbereitet. Es war

eine Unzeit für alle Kälber und Hühner im ganzen Gau, und selbst für

die Thiere des Waldes, obwohl die Jagdmonate schon vorüber, und die

übrig gebliebenen Hasen und Rehlein sich zu Paaren schon wieder des

Lebens freuten. Der Wirth ließ im Keller sein großes, ältestes Weinfaß

aufspunden.

Schon tagelang stiegen zu ungewöhnlichen Stunden aus dem Schornstein

des Wirthshauses liebliche, blaue Rauchwölkchen auf, und ein

hocherfreulicher Geruch reichte sogar bis zum Pfarrhofe hinüber.

Der Pfarrer hatte seine Sache schier gethan; er hatte das löbliche

Brautpaar bereits dreimal von der Kanzel würdevoll verkündet, und beim

letzten Aufgebot hatte der Schulmeister auf dem Chor einen vollen Tusch

blasen lassen, eine Ehre, die er sonst nur seinen Musikanten anzuthun

pflegt, wenn einer davon sich ein Weib nimmt.

Feierabende: Lustige und finstere Geschichten · 第 17 / 29 段