Sie ging hinaus gegen den Markt Salgstein. Sie suchte die ödesten Wege,

wo die wenigsten Kirchengänger wandelten. Sie hatte Angst, sie werde

sich durch ihre Miene verrathen beim Kaufmann, wenn sie Rattengift

verlange. Das mußte sie gut machen, sie mußte sich üben. In einem

verlassenen Waldschachen stellte sie sich zuerst vor einen fahlen

Baumstrunk, dann vor einen grünen Strauch, endlich wendete sie sich

gegen ein Eichhörnchen in den Zweigen, hielt gesittig das Sacktuch in

den Händen vor der Brust und sagte halblaut, wie sich Bäuerinnen in

Kaufmannsgewölben gern stellen: „Hätt’ auch gern ein wenig was. -- Aber

das sind saubere Seidentücheln, die kosten gewiß recht viel. Schön sind

sie. Ja, daß ich sag, ein Hüttenrauch zum Rattenfutter hätt’ ich gern.“

Sie war aber nicht ganz zufrieden. Ob sie vom Rattenfutter lieber gar

nichts sagen sollte? Wenn man Hüttenrauch kauft, so versteht sich’s ja

von selbst, daß man es als Rattengift braucht.

Im Kaufladen zu Salgstein waren nach dem Gottesdienste viele Leute

beisammen. Walpa verlangte zwei Ellen blaue Hemdschnüre, um fünf

Kreuzer Neugewürz und um drei Zehner Hüttenrauch.

„Wozu braucht Ihr den Hüttenrauch?“ fragte der Kaufmann.

„Wir haben so viele Ratten in der Mühle.“

„Da müßt Ihr Euch wohl ausweisen, wer Ihr seid, meine Liebe, sonst darf

ich kein Arsenik hergeben.“

„Na, na,“ rief Einer aus der Menge, „bei Der ist’s nicht so gefährlich,

das ist die Seizmüllerin in der Transau.“

„Nachher hat’s keinen Umstand,“ sagte der Kaufmann. „Thut das Ding nur

gut verwahren, ’s ist ein wildes Gift.“

Als die Walpa auf dem Heimweg an dem Salgsteiner Armenhause vorbeiging,

saßen davor etliche Pfründner. Ihr Herz war heute so zum Wohlthun

aufgelegt, daß sie alles Geld, welches sie bei sich trug, an die armen

Leute verschenkte. Dann eilte sie der Transau zu. Wer sie heute so

gehen gesehen, die schöne Frauengestalt, im einfachen Sonntagsstaate,

an welchem nicht Eitelkeit, wohl aber guter Geschmack zu spüren war!

Tausend rohe Worte hatte sie darüber erdulden müssen, aber die gewohnte

Art, sich zu kleiden, hatte sie den Launen ihres Mannes endlich doch

nicht zum Opfer gebracht. Ihr Antlitz war in seiner Blässe nur noch

schöner; doch wehte heute über ihre Wangen zuweilen ein rosiger Hauch.

Ihr Auge leuchtete in lebensvoller Klarheit, als sie hinaufblickte zu

den sangumjauchzten Wipfeln des Waldes und zum Himmelsblau. -- Ihr war

wohl, wie einer wiedergeborenen Seele. -- Man hat nur ein einzig Leben,

und das soll man sich wahren, von dem soll man Alles fernhalten, was

häßlich ist und verderblich, um das soll man Alles sammeln, was Freude

weckt. So auch hielten es die anderen Menschen, sie mochten jung sein

oder alt, weltlich oder bigott; so hielt es selbst das Thier und jedes

Geschöpf. -- Und endlich sollte sie -- die Walpa -- ja der Welt wieder

sein, sollte leben, wie Menschen leben mit jungem frischen Blute und

fröhlichem Sinn. Sommerlicher Hauch voll Waldodem spielte um ihr lockig

Haupt. Ihr Fuß schien den Kalksandboden des Waldweges kaum zu berühren;

es hätte ihr auch weh gethan, heute eine Ameise, ein Würmlein zu

zertreten. So freudvoll war sie und die Arme breitete sie aus: Sei mir

gegrüßt, mein süßes Leben! -- An einer alten Rothföhre kam sie vorüber,

an welcher das Bild der Jungfrau mit dem Kinde hing. Diesem Bilde gab

sie einen Kranz von Glockenblumen und wilden Lilien.

Zur späten Nachmittagszeit nach Hause gekehrt, fand sie ihren Mann

in der Stube auf einer Wandbank ausgestreckt und schlummernd. Lange

stand sie da still und blickte ihm in’s Angesicht. Der harte Zug auf

demselben war verschwunden, sanfte Ruhe lag darüber hingegossen. --

Wie schön war dieser Mann, wenn er schlummerte! -- -- Als sie so auf

ihn hinsah, wurde ihr wieder anders. Seine rechte Hand hing über die

Bank hinab, sanft hob und brachte sie dieselbe in eine bequemere Lage.

-- Er hat Mühsal und Sorgen, wie gut wird ihm das Schläfchen thun!

Auf dem Tische, in Papier halb eingeschlagen, lag neuer lichtblauer

Schafwollenstoff für ein Frauenkleid.

-- Den hat er mir heute gekauft, ’s wird ja mein Namenstag sein in der

Woche! jubelte das Weib im Herzen, nein, er ist gewiß nicht so hart,

wie er thut. Er ist doch ein guter Mann. Gott verzeih’ mir Alles! --

Ihr Herz wurde warm. Wie wollte sie ihn so gern liebhaben! -- -- Es

verlangte ihr seltsam, ihm einen Kuß zu geben. Sie beugte sich zu ihm

nieder -- sein Athem roch nach Fusel. Hastig schreckte der Mann auf,

sprang empor -- starrte sie an und grinste.

„Hast gut geschlafen,“ sagte Walpa sanft.

„Was soll’s denn!“ fuhr der Müller los, „soll ich etwa nicht mehr

schlafen in meinem Hause? Was schleichst denn so um mich herum? Willst

mir die Augen auskratzen?“

„Geh’, Mann,“ versetzte die Walpa lächelnd, „das ist ja doch nicht Dein

Ernst. Weiß es wohl, Du meinst mir’s besser, als Du’s sagen magst. Ich

bedank mich für den schönen Rockzeug.“

„Bedankst Dich!“ lachte der Müller auf, „meinst, er gehört Dein?“

„Wüßte nicht, wem sonst,“ sagte sie, „aber weißt eine Andere dafür?“

„Und wenn auch!“ schrie er und starrte sie mit rothunterlaufenen Augen

wild an, „hast Du mich etwa gepachtet? Wie viel hast denn ’geben für’s

Jahr, he? Zehn Bessere weiß ich, und Du bist mir die Schlechtest’!“

Das war ihr wie ein Stich in’s Herz. Ohne noch ein Wort zu sagen, ging

sie hinaus. --

Immer mehr ergab sich der Seizmüller dem Trunke.

In der Gegend hatte sich ein zweiter Müller angesiedelt, ein ferner

Verwandter von der Walpa. Er verschlechterte dem Seizmüller das

Geschäft; dieser ließ es seine Frau entgelten. Seine Lust war, ihr wehe

zu thun, seine Labe der Krug. Sie war ruhig. Oft gab es Stunden, da er

in Tobsucht ausbrach und sich sein Weib gar nicht vor ihm sehen lassen

durfte. Der Arzt kam in’s Haus, dem weinte sie bitterlich vor.

„Ist traurig, liebe Müllerin,“ sagte dieser, „aber das mag Euch noch

trösten: schlecht ist er nicht. Und das mögt Ihr sicher glauben, wenn

er Euch wehthut, so ist ihm auch selbst nicht wohl. Er ist krank, er

leidet an so einer Art Manie und er kann selber nicht anders.“

-- An so einer Art Manie! dachte die Walpa bei sich, daß er neben

mir andere Weibsleute hat, denen er Geschenke macht -- ist das auch

so eine Art Manie? -- Seine aufgedeckte Treulosigkeit hatte in ihrer

Seele einen Dämon erweckt, den sie früher noch nicht gekannt, der nun

fort und fort an ihr rüttelte, wenn sie sonst in Stumpfheit versinken

wollte; da bäumte sie sich auf und ihre Nerven bebten und ihr ganzes

Wesen dürstete nach einer That.

Ihre Obliegenheiten im Hause besorgte sie mit auffallender Milde und

Sanftmuth. Ihr Angesicht war blaß, oft fast fahl, die Augen waren wie

eingefallen und dennoch voll seltsamen Glanzes.

„Weiß gar nicht,“ bemerkte in diesen Tagen eine Magd des Hauses, „wie

mir neuzeit unsere Müllerin vorkommt; mich deucht alleweil, die lebt

uns nicht lang’.“

Vor der Hausthür mehrten sich die Bettler; denn es waren die Gaben

größer geworden, und Walpa reichte den Armen mit vollen Händen.

Eines Tages hatte sie einem mühseligen alten Weiblein drei Silberzehner

in die Hand gedrückt: „Sieh, das nimm Dir, und thu’ beten für mich!“

Ueber den Hof hinabtorkelnd begegnete die Beschenkte dem Müller, aus

Herzensfreude und Dankbarkeit wollte sie ihm die Hand küssen: „Für das

viel Geld, Seizmüller, für das viel Geld. Dein Weib hat mir drei Zehner

geschenkt. Davon leb’ ich wie ein Graf; vergelt’s Gott bis in den

Himmel!“

Eilte der Müller in’s Haus, beschuldigte sein Weib der Verschwendung

und ob sie das Geld auf der Straße aufzuheben habe, daß sie dasselbe

wieder auf die Straße werfe? und sie sei nur zum Verschleudern da, er

sehe schon, er müsse sie todtschlagen, wolle er nicht, daß sein ganzes

Hauswesen und er selbst zugrunde gehe. Und gleichzeitig hat er ihr

einen Schlag versetzt auf das Haupt, daß sie in die dunkle Nebenkammer

taumelte.

Er stand auf seinem Flecke wie angewurzelt still und schrie:

„Komm’ heraus, Walpa, komm’ nur noch einmal heraus!“

Sie meldete sich nicht, kam nicht heraus. Da trat er mit geballten

Fäusten in die Kammer und sah, wie sein Weib eben etwas hinter dem

Wandschrank verbarg.

„Was hast Du dort! Gieb her!“ schrie der Müller und haschte nach ihrer

Hand. Diese war leer.

„Heimlichkeiten?!“ sagte er und grinste vor Hohn und Wuth.

Ihre Gurgel war einen Augenblick wie zugeschnürt, ihre Augen traten

schroff hervor; bald aber entgegnete sie voll stumpfer Ruhe:

„So schau, so such’, was ich für Heimlichkeiten hab’, wirst es wohl

sehen.“

Vom Gewehr, das an der Wand hing, riß er den Ladstock herab und

stöberte mit demselben hinter dem Wandschranke herum. Ein paar

halbblinde Mücken kamen zuerst hervor, dann etwas Staub, dann der

Fetzen eines Spinnengewebes, dann etliche alte Papierstückchen, dann

eine blaßrothe Halsschleife.

Der Müller hob mit dem Stäbchen die Schleife empor und fragte: „Was ist

denn das, meine Liebe?“

„Das ist ein Halsband,“ antwortete sie ruhig.

„Das weiß ich wohl, Du Schlange Du,“ versetzte er, „aber warum hast Du

denn dieses Halsband vor mir verbergen wollen, he?“

„Weil -- weil ich mich nicht getrau, weil Du so hart bist auf mich.“

„Viel tausendmal zu gut bin ich noch für Dich, Du schlechte Creatur!“

schrie er, „jetzt auf der Stell’ sag’ mir wo hast Du dies Halsband her,

oder ich erschieß’ Dich ohn’ Erbarmen!“

„Sagen will ich Dir’s wohl, Franz,“ antwortete sie gelassen, „dies Band

hab’ ich vor Zeit von einem Buben kriegt; das Band ist schon lang blaß

und der Bub’ ist lang schon verstorben, und jetzt weißt es.“

Da lachte der Seizmüller wild auf und rief mit einer Stimme, die man

kaum verstand, dazwischen: „So wohl, Walpa, so wohl! Der Bub’ wird noch

nicht verstorben sein!“

„Nun, so lebt er noch,“ antwortete sie.

„Ich steh’ ihm nicht gut auf drei Tage. Und Dir, Weib, Dir schlag’ ich

die eheliche Lieb’ noch mit Haselstöcken hinein, darauf leg’ ich Dir

ein Jurament ab!“ Und er stürzte aus dem Hause.

Die Walpa stand eine Weile wie betäubt und trocknete sich mit einem

Tuche das Blut, das ihr aus dem Munde herausfloß.

Dann verriegelte sie die Thür und suchte hinter dem Wandschranke ein

blaues Papierchen hervor, das sie in der Eile dort hinabgeworfen,

und welches sie dadurch vor den gierigen Blicken des Müllers zu

sichern getrachtet, daß sie das alte Halsband als den Gegenstand

ihres Geheimnisses ausgegeben hatte. Das Halsband war eine Brautgabe

ihres eigenen Mannes gewesen; wäre jedoch dasselbe nicht als fremdes

Liebeszeichen vorgeschützt worden, so hätte der Müller weiter gespäht

und das blaue Papier mit seinem Inhalte gefunden.

Nun aber hatte Walpa die letzte Brücke hinter sich abgebrochen. Sie

wußte, welch’ neue Waffen sie durch ihre Angabe dem Gatten an die Hand

gegeben hatte, daß es nun in seiner Macht lag, seine Rohheit gegen sie

vor allen Leuten zu rechtfertigen.

Am andern Morgen stieg der Seizmüller zu sehr früher Stunde aus dem

Bette. Er wollte auf den Kornmarkt fahren. Draußen klapperte die Mühle,

er rief sein Weib; das hörte ihn nicht sogleich. Er tappte im Finstern

an seinen Kleidern umher, er riß das Winkelkästchen auf, das in der

Ecke hinter seinem Bette stand. Dabei hub er zu lachen an und sein

Lachen war wie ein Röcheln. Und als die Walpa kam, fuhr er sie an: „Du,

jetzt weiß ich’s, Du kannst leicht Almosen geben. Du hast mir mein Geld

gestohlen.“

Ein Aufschrei aus ihrer Brust. Es war ein Schreckruf; er hatte

geglaubt, es wäre ein Schrei des Geständnisses gewesen. „Mein Geld ist

weg!“ rief er, „sag’, Bestie, wo hast Du meine Brieftasche? Ah, jetzt

weiß ich’s, die hast Du Dir gestern hinter der Wandlad’ versteckt, Du

falscher Satan!“

„Mißhandle mich nur nicht, ich sage Dir Alles.“

Er ließ sie los: „So sag’ es!“

„Bei meinem Gott, Franz, von Deinem Geld weiß ich nichts.“

„Hexe, Dir will ich die Wahrheit noch herausziehen!“ Und sofort begann

ein Auftritt, den der Erzähler nicht schildern kann.

Später, als Licht gemacht wurde, fand sich die Geldtasche auf der

Bettdecke des Müllers, auf welche sie aus dem Rocksacke gefallen war.

Walpa kauerte in einem Winkel; sie klagte nicht, sie schluchzte nicht.

Kein Mensch hat das schreckliche Beben ihres Herzens vernommen. --

Vielleicht erwartete sie nun von ihrem Manne Abbitte. Dieser hatte sich

wortlos aber pfusternd angekleidet und plötzlich sagte er: „Wer weiß

es, kannst das Geld doch am Leib’ gehabt und mir dasselb’ nur so auf’s

Bett hingeworfen haben. Dir trau ich nimmer. -- Troll’ Dich jetzt, Du

Kröte, und schau, daß ich mein Frühstück krieg’!“

Noch zwei Augenblicke war Walpa nach diesen Worten gekauert in ihrem

Winkel. Dann erhob sie sich, richtete ihr Angesicht gegen die Decke des

Zimmers empor und ging in die Küche hinaus. Sie war wieder die Emsige,

und bald stand das Frühstück auf dem Tische. Walpa ging mit seltsamer

Gelassenheit an weitere Arbeiten.

Der Müller, immer noch grollend, schnitt Brot in den Kaffee. Dann aß er

und gab indessen durch kurze, hervorgestoßene Sätze Befehl, was während

seiner Abwesenheit im Hause zu geschehen habe.

Plötzlich hielt er ein und sah seinen Löffel an. Dann starrte er in die

schon halbgeleerte Schale und sog mit der Zunge an seinem Gaumen.

„Du, Walpa,“ sagte er hierauf, und seine Stimme war unsicher, fast

weich, „Du Walpa, geh her da. Iß’ mit mir Kaffee: er ist übrigs genug

für allzwei.“

Sie schichtete sein Bett auf, ging dann in die Vorstube und überhörte

die Einladung.

Erregt, indem er sich mit der flachen Hand über die Stirne fuhr, stand

der Müller vom Tische auf und sagte noch einmal in gedämpftem Tone:

„Weib, verkost’ mir jetzt den Kaffee!“

Die Walpa stürzte zur Thüre hinaus.

„Herr Jesu! Herr Jesu Christ!“ schrie der Müller, „jetzt hat sie mich

vergiftet! -- Jetzt bin ich hin! -- Du Weib -- mußt mit mir!“

Hinaus raste er. Im Vorhause erfaßte er mit krampfhaft zuckenden Armen

ein schweres Beil und stürzte damit der Fliehenden nach.

Die Walpa floh über den Hof, floh, an Stock und Pfeiler rennend, durch

den Wagenflur, floh in die Mühle -- der Müller in wüthender Hast,

doch schwankend, ihr nach mit gezücktem Beil und schäumendem Mund. Um

den Mehlkasten noch ging der Beiden rasender Lauf, da erreichte Walpa

wieder die Thür, schlug diese hinter sich zu und stand im Freien. Noch

hörte sie es, wie er innerhalb der Thür mit einem gräßlichen Schrei

zusammenbrach.

Dann ging sie im Morgengrauen davon. Sie war ledig und erlöst, sie war

frei. Ihr Herz jubelte, ihr Gewissen war leicht und licht, wie nach

einer guten That.

Ueber dem Thale thaute ein dünner Herbstnebel; neben dem Wege, auf

welchem Walpa hineilte, lagen grünende Rübenfelder und abgeweidete

Wiesen, auf denen die blassen Kelche der Zeitlose standen. --

Allmählich war es licht geworden. Walpa ging dahin und sah nicht um und

für jeden ihr Begegnenden hatte sie einen heiteren Morgengruß.

„Wohin so früh?“ rief ihr ein junger Fuhrmann zu.

„In die Kirch’, wenn Du willst mitgehen.“

„Oh, da vergehst Dich ja, Seizmüllerin, der Weg führt sein Lebtag nicht

in die Transau.“

„So wird er wohl wo anders hinführen.“

„Ei freilich, freilich, Seizmüllerin, das ist gewiß.“

Als sie zur Brücke kam, wo der Weg über den Fluß setzt und ein schmaler

Steg über den hier sich abzweigenden Mühlbach leitet, begegnete ihr

eine lebhafte Schaar von Schulkindern. Die Erfahrung zeigt, daß zur

Herbstzeit die Kinder viel lebhafter und lauter sind, als in anderen

Jahreszeiten. Naturforscher haben den Grund dafür in der Kühle und

Dünnheit der Luft gefunden. So johlten auch heute die Kinder hüpfend

und muthwillig heran, neckten sich gegenseitig, schlugen sich mit

ihren Hüten, Hauben und Schulsäcken, warfen sich auf die Straße hin

und lachten dabei und kletterten auf die Zäune und Sträuche, auf das

Brückengeländer auch und hüpften über den Mühlsteg hin und her und

warfen Steine in’s Wasser und stießen mit Stangen in die Tümpfe unter

den Uferrasen hinein und lärmten in heller Lust, wenn sie eine Forelle

aufschreckten. Plötzlich ein Schrei, ein hohes Aufgischten im Flusse

und: „Der Michel, der Michel ist in’s Wasser gefallen!“ zeterten die

Kleinen durcheinander.

Die Walpa, noch nicht weit von der Stelle, eilte zurück, sah, wie der

Knabe, von dem jetzt nur noch ein Fuß hervorstand, im tiefen Wasser

davonrann. Ohne Bedacht streifte sie ihren Ueberrock von sich und

sprang in den Fluß. Sie rang mit den Wellen, sie verlor allen Grund

und Halt, sie fiel um, wallte davon und verschwand unten, wo sich die

Weidenbüsche schwer und dunkel über den Fluß wölbten.

Die Kinder schossen planlos umher; nur ein achtjährig Mädchen blieb

gefaßt und sagte zu einem andern: „Du, jetzt muß ich zum Pfarrer gehen,

daß geläutet wird, weil der Hüttenbaumer Michel und die Seizmüllerin

ertrunken sind.“

Da wand sich unten zwischen den Sträuchen die Walpa hervor, in ihrem

Arm den bewußtlosen Knaben haltend, aus dessen Mund ein Wasserstrom

hervorquoll. Sie legte ihn sofort über der nächsten Feldplanke auf den

Bauch, so, daß Haupt und Füße zu beiden Seiten niederhingen, sie preßte

alles Wasser hervor und rieb seinen Leib -- da hub der Kleine wieder an

zu athmen.

Bald kamen mehrere Leute zusammen und der Michel und die Walpa wurden

unter freudiger Erregung nach Transau gebracht.

„Heut’ hat die Seizmüllerin den Hüttenbaumer Buben aus dem Wasser

gezogen!“ Die Kunde verbreitete sich bald im ganzen Thale. „Sie

wäre selber schier dabei ertrunken. Sie ist aber ein kräftiges und

muthiges Weib, hat sich und den Knaben mit Noth noch herausgearbeitet.

Jetzt ist sie im Pfarrhof unten und der Richter ist zu ihr gegangen

und die Herren sind alle beisammen und loben die Walpa; und die

Hüttenbaumerleut’ sind auch schon herausgekommen von ihrem Graben und

sie wissen gar nicht, was sie der Müllerin Gutes anthun sollen.“

Es war auch so. Die Walpa wollte fort; aber sie stak in den Kleidern

der Pfarrersköchin, denn die ihren waren noch nicht getrocknet. Eine

große Unruhe war in ihr, aber sie mußte aushalten und für den Abend

wollte man zur Feier der Heldenthat eine Unterhaltung anstellen -- und

dem Müller wollte man es schon zu wissen thun, wo sein braves Weib

heute stecke und daß für den Abend auch er selbst in’s Wirthshaus komme.

Da berichtete Einer, der Seizmüller wäre heute gar nicht daheim und dem

lauten Klappern nach ginge auch die Mühle schon den ganzen Vormittag

leer.

„Ja, sind denn sonst keine Leute auf der Mühl’?“ fragte man.

Der Mühlbursche sei vorgestern davon und die Anderen wüßten nicht

Bescheid. Auch könne man gar nicht in die Mühle hinein, sie sei

versperrt und es würde doch nöthig sein, daß die Müllerin auf ein

halbes Stündchen nach Hause gehe.

Als Walpa gegen die Mühle kam, eilte ihr eine Magd entgegen: „Sie solle

doch nicht gar zu hart erschrecken um des lieben Gottes willen, in der

Mühle sei heut’ was geschehen.“

Wortlos, aber festen Schrittes ging Walpa weiter. Die Thür der Mühle

war bereits weit offen, das Räderwerk war gestillt. Nachbarsleute

standen herum, sprachen viel hin und her, und als nun die Walpa nahte,

stellten sie sich bei Seite und redeten nichts. Nur Einer trat ihr

entgegen: „Müllerin, dieweilen Ihr heut’ so wacker seid gewesen, ist

daheim schlecht gehaust worden. Kein Mensch weiß, was ihm widerfahren.“

Er führte sie in die Mühle und deutete im Dunkeln hinter der Thür zu

Boden. Dort lag hart am Pfosten der Seizmüller starr und todt.

Die Leute hatten sich herangedrängt, um zu sehen, wie sich das Weib bei

dem todten Gatten geberden werde. Jetzt blickten sie sich gegenseitig

an. Walpa stand an der Leiche ohne ein Zeichen des Schmerzes, ohne ein

Wort der Klage. Nicht einmal Ueberraschung war an ihr zu merken. In

grauenhafter Ruhe stand sie vor dem Todten.

„Da kann er nicht liegen bleiben,“ sagte sie endlich, „die Leute sollen

ihn in’s Haus hineintragen.“

„Nein,“ versetzte einer der Männer, „das darf nicht geschehen;

wir müssen ihn liegen lassen, bis der Arzt und die Herren vom

Bezirksgericht da sind.“

„Was wollen denn die?“ sagte die Walpa kalt, „daß er todt ist, das seht

Ihr auch, und so hat man nichts weiter zu thun, als ihn zu begraben.“

Die Leute stutzten.

„Der liegt schon lang’ da hinter der Thür,“ bemerkte ein Bauer,

„vielleicht seit Früh, da die Müllerin selber noch in der Mühl’ gewesen

ist!“

„’leicht sieht sie ihren todten Mann jetzt nicht das erstemal,“ sagte

ein Anderer.

„Das schaut seltsam aus.“

„Die zwei Leut’ sollen sich ja spinnefeind gewesen sein.“

„’s geht nicht recht her.“

„Am Ende hat sie ihn umgebracht,“ warf Einer ein.

Sie konnte es gehört haben, that aber nichts desgleichen.

Da stellte sich Einer vor sie hin und rief: „Du, Müllerin, viel wett’

ich nicht, Du hast was angestellt!“

„Ich?“ versetzte sie mit den Augen zuckend, „was kann ich denn

angestellt haben?“

„Wird sich weisen!“

Spät Abends kamen Aerzte und Herren vom Gericht. Sie sahen zuerst

die Leiche des Müllers und beschrieben, wie sie lag hinter der Thür.

Sie sagten: „Es läßt sich ziemlich sicher constatiren, daß er eines

natürlichen Todes nicht gestorben ist.“ Die Herren vom Gericht gaben

Weisung, daß sofort das Haus bewacht werden solle, so daß Niemand

dasselbe verlassen könne. Hierauf stellten sie eine Bank mitten in

der Mühle auf, legten die Leiche auf dieselbe hin und ließen mehrere

Spanlunten anzünden. Frisch mit dem Messer machten sie sich daran.

Ziemlich wortkarg ging die Arbeit vor sich, nur manchmal ein kurzes

Gemurmel, ein verständnißvoller Blick.

Nach kaum einer Stunde war der zerrissene Körper mit einem weißen Tuche

bedeckt.

Die Herren begaben sich -- es war schon Mitternacht -- in die Stube der

Müllerin. Diese lag angekleidet auf dem Bette und barg ihr Gesicht in

das Kissen. Man rüttelte sie auf. Sie strich sich mit Hast die Haare

aus der Stirne und starrte den fremden Männern in’s Gesicht.

Einer von diesen erhob seine scharfe Stimme und sagte: „Euer Mann, der

Seizmüller, ist durch Arsenik vergiftet worden.“

„So?“ antwortete sie, „dann hat er Rattengift gegessen.“

„Man hat ihm das Gift in den Kaffee gethan!“

„Wer wird ihm denn das Gift in den Kaffee gethan haben?“ sagte sie

dumpf.

„Es ist Alles bewiesen. Hier ist der Rest in der Kaffeeschale, die Ihr

ihm selbst vorgesetzt habt. Euch hilft gar nichts mehr, Seizmüllerin,

gesteht es nur, Ihr habt Euren Mann umgebracht.“

Da fuhr die Walpa zusammen, ein wilder Krampf schien durch ihr ganzes

Wesen zu toben. Die Männer standen bewegungslos da und blickten sie an.

Nun löste sich allmählich die grauenhafte Starrniß, ihre Arme sanken

auf den Schoß und sie hauchte: „Da -- da bin ich. Hab’s ja gewußt diese

Ehe bringt mich noch an den Galgen.“

Am nächstfolgenden Tage ist sie dem Gerichte überliefert worden.

* * * * *

Lange ließ man die Seizmüllerin nicht in ihrem Gefängnisse. Wozu soll

der Staat ein solches Wesen noch füttern? hieß es.

Eine Woche vor dem Allerheiligenfeste, zur Zeit, da in der Gegend

die lautlustigen Kirchweihen abgehalten wurden, führte man die Walpa

in den Gerichtssaal. Da stand sie vor dem grünen Tische, auf dem das

Crucifix und zwei rothe Kerzen ragten. Hinter dem Tische saßen die

Richter. Links davon auf einer Doppelbank waren zwölf Männer, theils in

städtischer, theils ländlicher Kleidung. Walpa sah Bekannte darunter.

Da war der Thorhofbauer, der ihr einst zur Heirat mit dem Seizmüller

gerathen, da war der Erlsberger, der ihr auch nicht abgeredet hatte.

Neben diesem saß der Kaufmann von Salgstein, der ihr das Rattengift

verkauft hatte; nicht weit von diesem der Hammerschmied, welcher ihr

mehrmals, sie bedauernd, zu verstehen gegeben, der wilde Seizmüller

würde sie noch eines Tages todtschlagen, so wie er sein erstes Weib

todtgeschlagen habe. Und endlich saß noch Einer unter den ernsthaft

dreinschauenden Männern, bei dessen Anblick der armen Walpa das Herz

weinte. Es war der einstige Postillon, der Blasius Steiger -- nun

schon glücklich verheiratet -- es war der Mann, an den sie liebend so

oft gedacht hatte. -- Das waren jetzt ihre Richter, die Geschwornen.

Feierabende: Lustige und finstere Geschichten · 第 16 / 29 段