Von der Kirche ging sie auf den Friedhof und legte einen Kranz auf

das Grab des ersten Weibes ihres Gatten; der Erdhügel war ganz kahl,

nicht ein einziger Grashalm stand darauf. Walpa hatte ihre Vorgängerin

nicht näher gekannt, diese hatte immer ganz zurückgezogen in ihrem

Hause gelebt und erst von sich sprechen gemacht, als es hieß, ein

im Wettersturm niederstürzendes Dachbrett habe die Seizmüllerin

erschlagen. -- Walpa wußte aber, daß es die Ehemänner nicht ungern

sehen, wenn die zweite Gattin das Andenken der ersten ehrt, und darum

den Grabkranz.

Etliche Tage später sagte der Müller zu seinem Weibe: „Ich habe gehört,

auf dem Freithof d’raußen bei meiner Alten soll so ein Laubwisch

liegen. Hast Du’s gethan, so will ich Dir nur sagen, es stünd’ Dir

besser an, Du thätst Dich um die Lebendigen kümmern, als um die Todten.

Wie schaut denn mein zerrissen Unterleibel aus?“

„Da bitt’ ich Dich wohl um Verzeihung, ich hab’ gar nicht gewußt, daß

Du ein Unterleibel tragst.“

„Trag’ auch keins, aber +könnt’+ eins tragen, und eine gute

Hausfrau thät’ wenigstens darnach fragen.“ --

So ist diese Ehe angegangen. Diese Ehe, die zum größten Uebel hat

geführt und deren Geschichte über manchem Thore stehen sollte als

Warnungstafel: Verbotener Weg!

Der Seizmüller, so heiter und laut lustig er in Gesellschaft und im

Wirthshause bei Kameraden sein mochte, so finster, herrisch gab er

sich zu Hause. Er konnte keinen Widerspruch leiden, widersprach aber

selbst in allen Dingen. Trotz reizte ihn, und auch Milde; und wenn er

gereizt war, so schlug sein sonst höhnisches Wesen in einen förmlichen

Wuthrausch über -- und in solchen Momenten kannte er keine Ueberlegung.

Oftmals hat sich in dem jungen Weibe der Trotz aufbäumen wollen, wenn

ihr so sehr Unrecht geschah; dann aber sagte sie wieder: Nur noch ein

Eichtel Zeit hab’ Geduld, ’leicht kommt noch ein Friedensengel in’s

Haus. Bös’ und schlecht ist er ja doch nicht, mein Mann, nur herb und

ein wenig wunderlich; mein Gott, er hat seine Sorgen und Aergerniß in

der Wirthschaft. ---

In der Wirthschaft stellte der Seizmüller seinen ganzen Mann. In der

Mühle klapperten allfort vier Gänge und daneben ging eine emsige

Brettersäge. Dann war auch eine Stampfe für Leinsamen dabei, die

jedesmal im Winter, wenn die Säge stillstand, viel verdiente. Die

Aecker und Wiesen, die zur Mühle gehörten, wurden gut bewirthschaftet.

Freilich that auch die Walpa viel dazu, um durch Güte die Dienstleute

und Mühljungen zu beschwichtigen, wenn sie die Grobheit und

Unbilligkeit des Müllers zu vertreiben drohte.

Bei solch’ einer Gelegenheit, als sie einem Mühlburschen, der in der

Kammer seit einigen Tagen krank lag, eine kräftigende Fleischbrühe

zuschanzte, die sonst nicht gebräuchlich war, bekam die Walpa von ihrem

Manne den ersten Schlag. „Heimlichkeiten mit dem Mühljungen!“ gurgelte

er, berauscht von Wein, dem er immer mehr und mehr zusprach, „wächst

sich die Kellnerinliebelei +so+ aus? Walpa, Walpa, Dich muß man

anders biegen, mit Gütigkeit richtet man bei Dir nichts!“

Unter Weinen lachte sie auf. -- Mit Gütigkeit! so sagte Der, von dem

sie kaum ein einzig freundlich Wort noch gehört hatte.

Sonst war sie zu ihrem Vater gegangen, um sich an seiner Brust

auszuweinen. Jetzt, ein Jahr nach der Müllershochzeit, lag der

Wiesenwirth unter der Erde. In seinem Keller war er todt gefunden

worden. Da klagte sie ihre Noth anderen Leuten, und darüber sagte ihr

der Gatte einmal: „Du bist schon ein fürnehm Ehweib Du, gehst von

Haus zu Haus und bringst Deinen Mann um den guten Namen, machst mich

zum Tyrann, zum Wildfang, zu was weiß Gott Alles! Du, Walpa, ich sag’

Dir’s, gieb Obacht, daß es nicht wahr wird, was Du sprichst!“

„O, das ist lang’ schon wahr!“ rief sie aus, „und ich weiß nicht, wie

ich mich denn so versündigt hab’, daß ich an einen +solchen+

Menschen hab’ müssen gebunden werden. Kein größeres Kreuz auf der Welt!“

„Ja freilich, winseln und flennen, das ist noch Dein Bestes. Du

Betteldirn!“ Und er stieß sie hintan, daß ihr Leib an die Kante des

Herdes fiel und sie zusammenbrach.

„So -- so --“ stammelte sie mit dumpfer Stimme, „an mir -- weiß ich

wohl, daß Dir nichts gelegen ist, aber daß Du Dein Kind im Mutterleib

-- --“

Da lachte er auf und meinte, das müsse man erst untersuchen, ob es

+sein+.

Das Weib lag in einer Ohnmacht.

Tagelang schwebte sie zwischen Leben und Tod, und als sie endlich --

der Gatte hatte sie in der Krankenstube kaum ein einzigmal besucht

-- insoweit gerettet war, daß sie wieder zu denken und zu sinnen

vermochte, seufzte sie ein- um das anderemal: „Das ist eine Ehe! o

Gott, mein Gott, verlaß’ mich nicht!“

Und im Traume hörte sie das Posthorn klingen; da rief sie mehrmals

laut den Namen Blasius. Und aufwachend flehte sie zur Mutter Gottes:

„Bewache mich, daß dieses Wort nicht noch einmal über meine Lippen

kommt, sonst ist’s mein Verderben.“

Als sie wieder so weit genesen war, daß sie -- ein Schatten gegen

früher -- in das Freie wanken konnte, suchte sie den Pfarrer auf

und fragte ihn, ob es denn gar kein Mittel gebe, daß sie von diesem

Menschen, dem Seizmüller, wieder befreit würde. Der geistliche Herr

riß die Achseln empor und gab ihr schöne Lehren.

„Ei, ei,“ unterbrach ihn die Walpa, „was der Herr da sagt, das hab’ ich

lang’ schon gewußt und gethan. Scheiden lassen will ich mich.“

Der Pfarrer machte ein saures Gesicht und lächelte. -- „Scheiden lassen

-- das ist leicht gesagt, meine liebe Seizmüllerin. Von Tisch und Bett

könnt’ Ihr Euch trennen, aber vor Gott seid Ihr doch ein Ehepaar.“

„Vor Gott sind wir nie ein Ehepaar gewesen!“ sagte das Weib, „ich bin

schier mit Gewalt in diese Ehe hineingedrängt worden, mein Herz hat

nichts davon gewußt, und immer ist es nicht gut, wenn das Kind seinen

Eltern folgt!“

„Müllerin,“ versetzte der Pfarrer, „das ist keine christliche Red’, und

wenn man Euch hört, so könnte man fast meinen, es wäre an Euch selber

die Schuld.“ --

Ganz ohne Trost, nur noch rathloser und erbitterter verließ sie den

Pfarrhof.

Eine gutmüthige Nachbarin rieth ihr, sie sollte zum Gericht gehen. Sie

ging zum Gericht und drängte auf Scheidung.

-- Ehescheidung?! Das war was Neues, das war in der Gegend seit

Menschengedenken noch nicht vorgekommen.

„Liebe Frau,“ sagte einer der Herren, „zum Eheschließen müssen Zwei

sein, und zum Ehetrennen auch. Wird Euer Mann einwilligen?“

„O,“ rief das Weib, „der will wen zum Peinigen haben, der wird sein

Lebtag nicht einwilligen.“

„Dann ist nichts zu machen. Das Beste, Ihr versucht es noch einmal,

Euch gütlich miteinander zu vertragen. Wenn es Euch recht ist, so

wollen wir Euren Mann, den Seizmüller, rufen lassen und ihm seine

Verpflichtungen vorhalten, damit --“

„Um Gotteswillen, nur das nicht! Wenn ich schon bei ihm bleiben muß,

so darf er’s um all’ mein Leben und Sterben nicht erfahren, daß ich in

solcher Angelegenheit bin dagewesen.“

„So geht heim und versucht es noch einmal, es wird sich geben, nur der

redliche Willen gehört dazu. Behüt’ Gott!“

-- So vernünftig reden sie und wissen nicht, wie es in der Mühle

aussieht -- Zank und Hader, Trotz und Wildheit, Haß und Gewalt. Die

Walpa soll wieder zurückkehren zu ihrem größten Feinde.

Da besann sie sich. Hoch oben auf dem Zinken steht eine Capelle mit

einem wunderthätigen Marienbilde. Schon Viele sind durch der Jungfrau

Fürbitte befreit worden aus ihrer Noth. Sie stieg mit Mühe den hohen

Berg hinan. Und dort oben zwischen den Felsen, wo kein Bäumlein und

kein Blümlein mehr wächst, lag sie vor dem Bilde und betete: „Gieb’

mir ein, o Mutter, was ich thun soll! Weise mir einen Ausweg, und wenn

schon kein anderes Mittel ist, so laß mich sterben.“

Am Eingang der Capelle stand, von ihr unbemerkt, ein Tourist und

hörte ihr zu. -- Ein blasses, hübsches Weib betet vielleicht in

Liebessehnsucht?

Als sich Walpa erhob, trat er zu ihr; er erkannte sie nicht mehr; sie

sah es, das war der junge kecke Städter, mit dem sie vor länger als

einem Jahre in ihrem Heimatshause zusammengesessen war.

„Bist ganz allein hier oben?“ fragte der Fremde, „dann will ich Dich

führen und will Dir auch den Ausweg weisen, um den Du eben gebetet

hast.“

„Wohin wollen denn Sie mich führen, wohin?“

„Einstweilen bis zu den Zirmbüschen hinab, hier geht ein scharfer Wind.“

Walpa stieg an seiner Hand hinab und gedachte dem Fremden, der ihr nun

schon das zweitemal freundlich genaht war, ihr Anliegen mitzutheilen.

Auf dem Bergmoos zwischen dichten Sträuchen, die sie wie ein

undurchdringlicher Wall umgaben, saßen sie und Walpa schüttete ihr Herz

aus vor Dem, der ihr so theilnahmsvoll zuhörte.

Und als sie schluchzend geendet hatte, sagte er: „Was Du da erzählst,

das könnte Einem das Herz durchschneiden. Das hält kein Mensch aus;

dieser Seizmüller muß eine elende Creatur sein. Von dem mußt Du Dich

befreien. Wenn Du es nicht schon so machen kannst oder willst, wie es

die Kathrina Schmachegger gemacht hat, deren Proceß vor wenigen Tagen

abgelaufen ist, so -- nu, so mußt Du es eben anders machen. Du bist

hübsch und noch jung, Freundin, Dir kann’s nirgends fehlen. Gehe in die

Stadt...“

Nimmer konnte es das harmlose Landweib verstehen, was der Fremde

meinte. -- In die Stadt gehen, das gefiele ihr schon. Wenn sich nur

Alles so einrichten ließe, daß kein Aufsehen entstünde und daß der

Seizmüller schließlich nicht etwa ihren Aufenthalt entdeckte. Lieber

wäre ihr freilich noch ein anderer Ausweg, als den angetrauten Ehemann

so zu verlassen -- und was denn die Kathrina Schmachegger gethan habe,

von der er vorhin gesprochen?

„Die Schmachegger war eine Bäuerin aus dem Untersaß,“ belehrte der

Fremde, „diese hat ihrem Ehegatten, mit welchem sie in Unfrieden lebte,

in einer Krankheit, die über ihn gekommen war, den Beistand versagt

und ihn verderben lassen. Sie ist aber freigesprochen worden, denn es

war doch nicht bewiesen, daß ihre besondere Pflege ihn gesund gemacht

hätte. Und es war nur die Unterlassung einer Tugend, zu der das Gesetz

Niemanden zwingen kann.“

Darauf hat die Walpa stillgeschwiegen und der Stadtherr, der in’s

Gebirge gekommen war, um die Natur zu genießen, hat seinen Arm

ausgebreitet, sie möge ihn für den Freund halten, sie möge sich

entschädigen für das harte Kreuz, das sie tragen müsse und sie möge

dieses Kreuz mit aller Macht abschütteln.

Still war’s; auf solchen Höhen summen keine Mücken und die Vögel hatten

sich versteckt in’s traute Heim unter den Büschen. Der Zirm schien

höher und höher zu wachsen, ein weißer Schmetterling gaukelte im

Zickzack heran.

„So!“ rief die Walpa plötzlich und ihre Stimme war laut, „ein solcher

Freund sind Sie? -- Nein, lassen Sie mich! Jetzt sitzt doch schon

überall der Höllische, wo man hinschaut!“

Sie floh davon, und wie lange der Bergwanderer noch gelegen ist

zwischen den Büschen, man weiß es nicht -- verlangt es auch nicht zu

wissen.

Walpa war wieder zurückgekehrt in die Mühle und hatte sich noch einmal

fest vorgenommen, dem Müller ein treues Eheweib zu sein, Alles,

was über sie kommen sollte, mit Ergebenheit zu tragen und ihr Herz

verhärten zu lassen zu einem Stein.

Wohl, Herzen können verhärten, bleiben aber dennoch heiß und schwer und

glückbegehrend. Walpa sah andere Ehen voll stillen, fröhlichen Glückes;

sah an ihrem Hause vorbei manch’ freudiges Paar wandeln, manchen

Brautzug, sah manch’ Kindlein tragen von den Engthälern heraus gegen

die Kirche zur Taufe. Sie könnte es auch so haben. -- Ob der Blasius

wohl schon ein Weib hat? -- Der liebe Schutzengel behüte vor aller

Versuchung. -- Ihr Mann ist ja auch ein Mensch, sie will ihn schätzen,

will ihn pflegen; er hat doch Niemanden auf der Welt als sein Weib. --

Die mildesten Worte hatte sie für den Gatten und mit Sorgfalt bereitete

sie stets sein Mahl. Er aß es brummend und finster. Wenn er nüchtern

war, so hörte sie von ihm kein Wort. -- Das war ihre glücklichste Zeit

und sie dachte, sagt er nichts, so wird er wohl zufrieden sein. Aber

wie selten! -- Es verging kein Tag, an welchem sie von ihrem Manne

nicht eine Rohheit erfuhr. Er polterte und fluchte und spöttelte und

höhnte, er that ihr Schimpf um Schimpf an und wenn sie dagegen auftrat,

so ging’s ihr hart wie einer Sklavin, wie einem Hund, den der Zornige

mit Fußtritten von sich stößt. Es ging auch die Wirthschaft schlechter

und in der Mühle ruhten die Räder öfter, als es Sonntag war. Den

Seizmüller reute das Geld, welches er für den Wiesenwirth ausgegeben

hatte, anstatt er Brauthabe hätte bekommen sollen. „Wie mich der

Teufel nur so hat verblenden mögen!“ rief er im Grimme, „daß mir ein

Bettelweib hat können gefallen. Deine Schönheit? Ha, da muß ich lachen!

Angethan hat sie mir’s und seit sie in der Mühl’, ist kein Segen mehr.“

Da hob die Walpa zu ihm die gefalteten Hände: „Lieber Mann, so laß mich

wieder fort! Ich seh’s ja auch ein, wir taugen nicht für einander, wir

können Beide nicht dafür. Ich will ja mein Lebtag lang keinen andern

Mann, ich will Dir danken bis zum letzten Athemzug, nur fort laß mich,

ich bitte Dich um des heiligen Kreuzes Jesu willen!“

„Ah!“ stieß der Seizmüller schnaubend heraus, „davonlaufen, das geht

Dir noch ab, Du Zigeunerdirn. Meinst, ich wollt’ nicht auch meinem

Gott danken, wärst Du aus dem Hause? -- Thät’st Dir wohl in die Faust

lachen, wenn die Leut’ mit Fingern auf mich zeigten: Schau, schau, das

ist der alte Esel, dem ist sein Weib durchgegangen! In’s Unglück hast

mich schon gebracht, jetzt willst mich auch noch in die Schand bringen?

-- Jesses, mir zucken gerade die Händ’! In die Mauer wollt’ ich Dich --

Du -- Du Creatur!“

Er langte nach ihren Locken, sie stürzte davon. Draußen, hart am

Mühlbach, sank sie zu Boden.

-- Ihrem Leben ein Ende machen? -- Noch so jung, so weltbegehrend --

und dieses Wütherichs wegen sterben! -- -- Nein, dafür haßt sie ihn zu

sehr. Sie kennt nun ihren Entschluß, sie sinnt nicht mehr, sie weint

nicht mehr -- in stiller Nacht, während der Mann im Wirthshause sitzt,

schnürt sie ihr Bündel und geht davon. Wohin sie kommt, was mit ihr

geschieht -- alleins. In alles erdenkliche Elend will sie sich lieber

stürzen, als bei diesem Teufel leben.

Mit der Hast einer Verbrecherin floh sie, Alles zurücklassend, was ihr

eigen war auf Erd’. Mit dem ersten Schritte über die Markung der Mühle

hinaus war sie in Acht und Bann der Armuth und Noth. Aber sie kreischte

auf vor Lust, als sie sich frei fühlte. So weit man sie noch kennt,

ist sie die Müllerin, die mit ihrem Bündel eine drüben in der Scharn

erkrankte Muhme heimsucht. Später, wo sie wer anfrägt, ist sie eine

Schnitterin aus dem Untersaß und geht aus auf einen Verdienst. -- Sie

hätte so viel Aehnlichkeit mit der Seizmüllerin in der Transau, sagte

ihr ein alt Weiblein. „Ja,“ entgegnete die Walpa, „ich bin mit ihr

verwandt.“

„Wie’s nur sein hat mögen, daß die das große Glück mit dieser Heirat

hat gemacht?“ meinte das Weiblein.

„Nach der ihrem Glücke verlang’ ich nicht,“ sagte die Walpa.

„So sollt’s letztlich doch wahr sein, was die Leut’ reden?“ warf die

Alte ein.

„Wüßt’ nicht, daß die Leute viel drüber thäten reden.“

„Daß der Müller so ein Wildling wär’! sagt man. Allerweil im Rausch.

Soll’s denn wahr sein: das erste Weib hätt’ er erschlagen und dem

zweiten Weib wollt’ er’s g’rad so machen. -- Ich glaub’s schon! Vom

Seizmüller glaub’ ich Alles, mit dem ist mein Hansel in die Schule

gegangen und der weiß saubere Sachen zu erzählen. Ein durch und durch

schlechter Mensch, der Müller. Die arme Haut, die Walpa!“

„Am besten wär’s, der lieb’ Herrgott thät’ sie zu sich nehmen,“

versetzte ein neu hinzugetretenes Weib mit einem Seufzer.

„Geh’, Närrisch!“ rief die Alte. „Die Walpa ist ja keinem Menschen im

Weg auf der Welt, aber den Müller soll der leidig Teufel holen!“

„Verzeih’ Dir die Sünd’!“ fiel die Andere ein.

„Na, grimm’ Dich nicht. So eine Sünd’ wird der Herrgott gern verzeihen.

Wenn’s Alles wahr ist, was die Leut’ sagen, wahrhaftig, so thät’ ich

mir gar kein Gewissen d’raus machen, diesem Menschen was anzuthun.“

„Ich sag’, es soll Jeder Gott danken, dem’s besser geht,“ meinte die

Walpa und eilte weiter.

Tagsüber irrte sie in den Bergwäldern. Von Müdigkeit übermannt schlief

sie auf einer Steinplatte, über welche der Epheu spann und die

Eidechsen hin und her liefen.

Auf diesem Stein -- ihr schönster Schlummer war’s gewesen. Im Klange

eines Posthorns hatte sie der Jugend fröhliche Zeit gesehen -- da

fühlte sie plötzlich einen Stoß, als sei die Welt zersprungen. Rasch

fuhr sie empor. Es war dunkel im Wald und nur auf den hohen Gipfeln lag

des Abends goldreicher Sonnenschein.

Und neben Walpa stand der Seizmüller und grinste. Wie ein geschrecktes

Reh sprang sie auf und einen getrennten Fetzen ihres Kleides noch

zurücklassend in seiner krampfigen Faust, lief sie den Hang hinab,

über das kantige Gestein und der finsteren Schlucht zu. Hinter sich

hörte sie das Dröhnen seiner Sprünge, hörte seine schnaubenden Flüche.

Gott rief sie an und ihren heiligen Schutzpatron -- und huschte durch

dorniges Gesträuche und glitt nieder über schroffe Lehnen, daß Moos und

Sand in den Lüften wehten. -- Sie entkommt ihm, schon ist sie seinen

Augen entschwunden und das Brausen eines Wildbaches vereitelt ihm das

Geräusch ihrer Schritte. Da steht sie jählings am Wasser und kann

nicht weiter. Sie eilt am Ufer auf und ab und hört des Mannes Lachen.

Ein wildästiger Tannenbaum, vom Sturme gebrochen, liegt über dem

gischtenden Bache. Auf diesen springt sie, um hinüber zu klettern.

Der Mann stürzt ihr nach. Die morschen Aeste krachen. Walpa’s Haare

verschlingen sich in’s dürre Gezweige, da faßt er sie -- und hier

auf diesem unheimlichen Grunde, der Verzweiflung voll und der Wuth,

stemmt sie sich wie rasend ihm entgegen und ihre Finger zucken nach

seiner Gurgel. So ringt das Ehepaar auf der wilden Brücke, daß der

Baumstamm ächzt, und aus dem mächtigen Abgrunde herauf schimmert der

Schaum des Bergstroms. -- Walpa fühlte, daß es ihr Verderben, wenn sie

den verhaßten Mann in diesem Augenblicke nicht zu vernichten vermöge,

doch sie vermag nicht aufzukommen gegen des Mannes Kraft, nur einen

Augenblick loszumachen sucht sie sich von seinen ehernen Armen, um sich

in die Tiefe zu stürzen -- da erfaßt er sie noch, reißt sie zurück und

schleudert sie hin an das Ufer.

Blutend und betäubt liegt sie im Brombeergebüsch und der Müller, an den

Lippen noch den Schaum der Wuth, steht hohnlachend vor ihr. -- Leicht

hätte man es sehen mögen, daß es ihm zur Lust und Leidenschaft geworden

-- vielleicht zu seinem höchsten Lebensgenuß -- sein armes, hilfloses

Weib zu peinigen. Darum hatte er sie verfolgt mit heißer, verlangender

Gluth, darum brachte er sie nun tief befriedigt zurück in sein Haus.

Von dieser Zeit an hatte man die Walpa tagelang nicht mehr gesehen. Der

Müller klagte es mit bekümmerter Miene den Leuten, sein Weib sei krank

und es mache sich in ihr etwas wie eine Geistesstörung bemerkbar. Wohl

sei sie bisweilen launenhaft, auch tückisch und trotzig gewesen, aber

er habe doch stets die Nachsicht und Liebe mit ihr gehabt, die einem

Ehemanne ziemt. Nun aber, wahrscheinlich von einem unruhigen Gewissen

gequält, oder vielleicht auch durch andere Zustände verwirrt, litte sie

am Verfolgungswahn. So sei sie vor einiger Zeit mitten in der Nacht aus

der Mühle davon und in den Scharnwald hinüber, wo sie sich in’s Wasser

stürzen wollte. Just daß er -- der geängstigte Gatte -- noch zu rechter

Zeit nachgekommen sei und sie gerettet habe. Seitdem müsse er die Arme

bewachen, er hoffe aber, daß durch eine richtige Behandlung sich die

Sache wieder schlichten werde.

Walpa war eingesperrt in eine Kammer rückwärts der Mühle, wo der Müller

Kornspreu und verdorbenes Getreide gelagert hielt. Auf dem Spreuhaufen

lag sie und wühlte die Körner hervor, die sie gierig verschlang. Durch

ein vergittertes Fenster starrte eine kahle Felswand herein, und das

ewige Rauschen des Fluders betäubte das Ohr.

„Jetzt sehe ich es klar,“ murmelte sie, „Gott sei Dank, daß ich es

endlich sehe. Alle Stege sind gebrochen. Nur ein einziger liegt noch

da -- nur noch ein einziger. Walpa, das ist ein schwindelnder Steg! --

Mein junges Leben, Du bist das Einzige, was ich noch hab’, Dich halte

ich fest. -- Ob ihn das Gericht verurtheilen thät’, wenn es wissen

könnt’, wie er mich martert? Das +kann’s+ aber nicht wissen, er

sagt’s nicht und man kann es nicht sagen, weil es nicht zu sagen ist.

Gott, der’s weiß, verurtheilt ihn gewiß.“

Aus tiefen Träumen fuhr sie manchmal empor und sagte: „Es ist keine

Sünde und die Kathrina Schmachegger hat sich auch geholfen.“ -- Dann

wieder betete sie ein Vaterunser um das andere und in die Worte: „Führe

uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Uebel“, legte sie

ihr ganzes Herz.

Von draußen hörte sie zuweilen das Poltern und Fluchen des Müllers.

Dann wieder in den Nächten vernahm sie neben und über sich das Unwesen

der Mäuse und Ratten, und oft that sie einen Schrei des Grauens, wenn

so ein Thier über ihren Körper lief. Dann des Morgens, wenn die alte,

taube Magd mit angstvoller Geberde das spärliche Brot brachte, stellte

sich die Walpa schlafend oder starrte in die Finsterniß hinein. -- Man

wird sie doch wieder freilassen, man muß ja, sonst würden die Nachbarn

kommen und die kranke Müllerin sehen wollen. Dann will sie ihre

Erlösung vollenden.

+Was+ will sie? So weit hätte sie ihn schon zurückgelegt, den Weg

des Leidens, der Schmach, der Anfechtung, der Hölle, daß sie jetzt

auf der letzten Station steht? Wiesenwirthstochter! Du, mit Deinem

guten, liebevollen Weibesherzen, eine Einzige aus Millionen, die das

vollbringt? --

Endlich war die alte Magd einmal davon gegangen, ohne die Thüre der

Kammer zu verschließen. Die Walpa blieb noch. Sie sah einem Spiele zu.

Nein, es ist nur dem Menschenauge Spiel -- dem Thiere ist es Arbeit

und Streben nach seinem Lebensziele. Von der morschenden Decke, von

der bei jeder Erschütterung in der Mühle der Moder niederstaubte, ging

ein feiner Faden herab bis gegen die Füße der Walpa. An diesem Faden

strebte eine Kreuzspinne empor.

Jetzt, das soll mir das Zeichen sein und der Richterspruch, dachte

Walpa und starrte auf das Thier. Kann es nicht hinauf bis zur Decke

oder bricht der Faden, so gehe ich und werfe mich in den Räderdumpf.

Kommt die Spinne hinauf, so bringe ich ihn um. --

Das Thier krabbelte träge und langsam und mußte oft rasten. Es war

schwer, es war noch weit unten und der Faden schien sich bisweilen

zu dehnen. Dann wieder nahm die Spinne einen raschen Lauf, und dann

wieder stand sie lange still auf einer und derselben Stelle. Es war ein

gespenstig Wesen und das weiße Kreuz auf seinem Rücken -- ein Grabkreuz

-- wem galt es, ihr oder ihm?

Endlich, die Spinne war noch eine gute Elle von der Decke entfernt,

wollte sie nicht mehr weiter, ja kehrte sich ein paarmal um, und war

dann wieder bewegungslos.

Walpa zitterte, schier stockte ihr der Athem. Das Thier blickte mit

seinen vielen großen Augen gegen den Boden hinab. -- Soll +sie+

in’s Grab? Ist auch bei diesem Gethier, das kein Gesetz kennt, das

tödtet, wenn es nicht selber getödtet werden will, kein Erbarmen?

Plötzlich nahm die Spinne eine Wendung und lief hastig den ganzen Faden

empor bis zum Holzmoder, wo sie herfiel über eine im Netze gefangene

Fliege.

„Es ist gut,“ sagte die Walpa laut.

„Was ist gut?“ rief der Müller scharf zur Thüre herein, „willst noch

trotzen? Heraus geh’!“

Sie ging zu ihm heraus. „Jetzt ist mir schon wieder besser,“ sagte sie

heiter, „jetzt, Mann, will ich recht fleißig sein, daß ich die Zeit

wieder einbring’, in der ich krank gewesen bin.“

„Ja, möcht’ mich gefreuen!“

„Aber die vielen Ratten in der Mühl’, die muß man doch abfüttern.“

„Die Ratten allein fressen mein Gut nicht auf,“ gab er zur Antwort.

Ihr Gesicht blieb freundlich. Sie ging an ihre Arbeit. Sie stäubte mit

Sorge die Kleider ihres Mannes aus, sie überzog sein Bett mit frischer

Leinwand, sie setzte ihm das bestgekochte Essen vor und hatte dazu ein

gütiges Wort. Und auf all’ seine Rohheiten schwieg sie still.

Am nächsten Sonntag sagte sie: „Hast nichts dagegen, Mann, so

wollt’ ich heute gern eine Kirchfahrt verrichten zu Dank für die

wiedererlangte Gesundheit. Wolltest mitgehen?“

„Ja, ja, häng’ Dich dem Herrgott nur recht an die Zehen, Du

Betschwester, und verscherg’ (verschwärze) mich bei ihm, verschergst

mich ja so gern.“

Feierabende: Lustige und finstere Geschichten · 第 15 / 29 段