Ein Abelsberger Heutrog.

Der Kreuzhäusel-Hans war arm daran, war Alles schuldig bis auf seine

neun Kinder. Das Häusel und das Vieh waren ihm schon versteigert

worden, und jetzt ging’s an den Stall.

Der Nachbar Türken-Sepp nahm’s zeitig wahr. „Du,“ sagte er zu seinem

Schwager, dem Baumzapfer-Lenz „morgen wird zu Ober-Abelsberg der

Kreuzhäusel-Stall versteigert; möcht’ gern dabei sein, muß aber morgen

in’s G’reut hinüber; ist dort ein spottwohlfeiler Schimmel zu kaufen.

Hab’ die Gutheit, Schwager, und geh’ zur Versteigerung, und wenn der

Heutrog -- ’s ist ein nagelneuer Trog, der mir just will passen -- wenn

der an die Reih’ kommt, so biete für mich mit. Gelt, ich kann mich

verlassen?“

„Freilich, das ist gewiß,“ betheuert der Lenz, „recht gern, daß ich für

Dich mitbiete.“

Aber auf dem Heimweg denkt sich der Lenz: ein spottwohlfeiler Schimmel

wär’ zu haben drüben im G’reut? Ei, den geh’ ich mir holen morgen in

aller Früh. Aber der Heutrog? -- Da begegnet ihm sein Gevatter, der

Spitzborsten-Toni. „He, Gevatter,“ ruft ihm der Lenz zu, „könntest

mir einen großmächtigen Gefallen thun, morgen über Tags. Des

Kreuzhäusel-Hans Stall wird versteigert; bist gewiß auch dabei. Ich

möcht’ für einen guten Bekannten den Heutrog haben -- ein nagelneuer

Trog. Wolltest mir hübsch keck mitbieten darum!“

„Mein Gott, von Herzen gern, und das macht mir ja gar keine Müh’ und

Plag’,“ meint der Toni; und der Lenz ist seiner Sorge enthoben und

macht sich des andern Morgens zeitig auf den Weg in das G’reut, um,

noch ehe der Türken-Sepp sich einfindet, den spottwohlfeilen Schimmel

zu kaufen.

Mittlerweile aber hat der Türken-Sepp erfahren, der Schimmel sei

nicht mehr zu haben. So kann er sich bei der Versteigerung ja leicht

selber einstellen und braucht den Lenz nicht zu belästigen. Doch,

nun sieht er’s, auf den Schwager ist kein Verlaß -- gar keiner;

der Baumzapfer-Lenz ist bei der Versteigerung gar nicht zu sehen.

Dafür aber ist -- als die Reihe an das bewußte Einrichtungsstück

kommt -- der Spitzborsten-Toni wie versessen auf den Trog. Der Toni

hat das nagelneue Prachtstück bereits von drei auf sieben Gulden

hinaufgetrieben.

„Achti!“ ruft der Türken-Sepp.

„Neuni!“ sagt der Spitzborsten-Toni.

Da beißt sich der Sepp in die Zunge. „Zehne!“ versetzt er bissig.

„Eilfi!“ ruft der Toni und denkt: Ich zahl’s ja nicht, der Trog kommt

für meines Gevatters Bekannten.

Der Starrschädel! flucht der Sepp bei sich selber, den tauch ich noch

nieder; der Türken-Sepp darf nicht zu Schanden werden. „Zwölfi!“

schreit er.

„Dreizehni!“ brüllt der Toni.

„Vierzehni!“ der Sepp. Beide sind in der Hitze -- Fünfzehni! --

sechzehni! -- siebzehni! -- Alles lacht über die beiden Trotzköpfe, die

um den Heutrog kämpfen.

-- Achtzehni! -- neunzehni! --

„Zwanzig Gulden! Fixsaker einmal!“ schreit der Sepp.

„Einundzwanzig!“ stöhnt der Toni.

„Auch gut,“ denkt sich der Türken-Sepp, „bei dem laß’ ich ihn; jetzt

sitzt er in der Wolle.“

„Einundzwanzig zum Ersten!“ ruft der Beamte, „zum Zweiten! -- zum

Drittenmal!“

Der Hammer fällt. Der Toni hat den Heutrog.

„Du Narr!“ lacht Alles, „der Klotz ist nicht fünf Gulden werth.“ Der

Türken-Sepp kichert noch am meisten darüber, daß der Partner aus reiner

Prahlsucht in die Falle gegangen.

Zur selben Stunde reitet der Baumzapfer-Lenz auf seinem erstandenen

Schimmel herbei. -- „Gevatter!“ ruft ihm der Toni zu, „ich hab’ keck

mitgeboten, da ist der Heutrog.“

„Ist mir rechtschaffen lieb,“ sagt der Lenz, „komm, Schwager Sepp, bist

ja auch da; gleichwohl ich selber hab’ in’s G’reut hinüber müssen, ist

Dein Willen gethan worden; mein Gevatter, der Spitzborsten-Toni, hat

die Gutheit gehabt, hat für Dich den Heutrog erboten.“

Da wird dem Türken-Sepp übel bis in die Leber hinein; jetzt hat er sich

selber gesteigert, hat mehr denn vierzehn Gulden aus seinem eigenen

Beutel herausgeschrieen.

„Mach Dir nichts d’raus!“ rief der Toni lachend, „Sepp, der Heutrog ist

was für Dich, bigott, für Dich selber!“

Der Türken-Sepp fluchte hinein in den nagelneuen Trog. Die Leute

lachten gewaltig. Der Kreuzhäusel-Hans, der arm’ Tropf, lachte noch am

meisten.

[Illustration]

II. Theil.

Winterabende.

Finstere Geschichten.

Winterabende.

Seit altersher war es in unseren lieben deutschen Spinnstuben und

Heimgarten Sitte, die langen Winterabende nicht allein mit Gesang und

Scherz, sondern auch mit Gespenstergeschichten zu vertreiben.

Nun hat aber in unserer hellilluminirten Zeit der Glaube an Gespenster

aufgehört. Weil jedoch die langen Winterabende nicht aufgehört haben

und das allgemeine Bedürfniß nach Grauen und „Gruseln“ auch noch

vorhanden ist, so weiß sich der Erzähler nicht anders zu helfen, als

+jene+ Gespenster vorzuführen, die leider +nicht+ abgeleugnet

werden können, jene Dämonen, mit denen Jeder von uns jeden Tag in

heißem Streite liegt und die -- wie schrecklich +oft+ -- zur

tiefsten Tragik unseres Lebens werden.

Demnach können das keine lustigen Geschichten sein -- sie werden

unheimlich, finster und stürmisch sein, wie die Winternächte.

Der Dichter -- und ginge sein Sinn noch so sehr nach dem Heiteren

und Lichtvollen, mit dem er sich und die Mitmenschen erquicken und

erfreuen möchte -- er darf die Schatten dieses irdischen Lebens

nicht verneinen, er muß bisweilen zeigen, wie man in denselben

irren und fallen kann. Aber einen Leuchtthurm muß er bauen, der die

Thaten und Opfer der Nacht milde bestrahlt, daß auch dort noch Liebe

und Versöhnung sei, wo die vom Lichte geblendeten Kinder der Welt

erbarmungslos richten.

Die Darstellung tragischer Schicksale bezweckt nichts weniger, als dem

Skepticismus und Pessimismus Vorschub zu leisten; in der Thatsache,

daß der Schuld naturgemäß die Strafe folgt, ist der beste Beweis, daß

die Welt von einem Principe der Gerechtigkeit beherrscht wird. Die

Offenbarung dieses Principes -- und ginge sie auch durch Elend und

Jammer -- muß für uns unter allen Umständen trostreich sein. Wenn wir

das Verhängniß anklagen, welches den Menschen in diesem Leben schuldig

werden läßt und ihn dann der Pein übergiebt, +weil sich alle Schuld

auf Erden rächt+, so geben wir zu, daß dieses Verhängniß einer

größeren Macht, der Gerechtigkeit, unterworfen ist. Daraus folgt, daß

wir der Zuversicht sein dürfen, die größere Macht werde endlich siegen,

und uns -- indem wir sie erkennen -- Kraft verleihen, die Dämonen zu

besiegen, bevor sie uns schuldig werden lassen.

Sollte sich in dem nachstehenden zweiten Theile dieses Buches eine

Erzählung finden, in welcher der tückische Zufall mehr als die

Gerechtigkeit, das Traurige mehr als das Tragische vorzuherrschen

scheint, so wird in derselben auch die Wendung zum Frohen und zum

Frieden nicht vermißt werden. Ein Leid, welches +vor+ der Schuld

kommt, nennen wir Prüfung und ist -- wird sie mit einer gewissen

sittlichen Kraft ertragen -- eben so heilsam, als im Falle der Schuld

die Sühne.

Muthwillig habe ich keinen von den Handelnden dieser Erzählungen in den

Abgrund gestürzt; sollte es aber doch +nicht+ sein, daß ich darin

nach dem Vorbilde eines allmächtigen Gottes gehandelt habe, so möge ein

solcher nach dem meinen handeln.

Der Verfasser.

[Illustration]

Ein Weg zur Schuld.

Beim Wiesenwirth am Zechtisch kauern zwei Männer und schnarchen. Man

sieht von ihnen nur die struppigen Häupter, das eine röthlich behaart,

das andere grau. Die Gesichter sind in die Aermel gepreßt. In den

halbgeleerten Weingläsern, die davor auf dem Tische stehen, schwimmen

ein paar ertrunkene Fliegen.

Bei einem andern Tisch, der am Ofen steht und der eigentlich eine

Bettstatt ist, welche des Tages mit einer Holzdecke überschlagen eine

Gasttafel bildet, sitzt ein junger Mann, der bäuerliche Kleider trägt,

sonst aber recht städtisch aussieht. Er hat die Haare glatt nach

rückwärts gefettet, und zwar so, daß sie in der Mitte den schneeweißen

Scheitel bilden, und er trägt etwas feingekämmten Backenbart. Er

scheint zu der neuzeitlichen Secte der Touristen zu gehören, welche

auf allen hohen Bergen herumklettern und alle hübschen Landmädchen

beunruhigen. Der junge Mann beim Wiesenwirth hat auch schon eines.

Es ist die schöne Wirthstochter, die Walpa, die feurige Augen hat

und jenes reiche, rothbraune Haar, das nur auf den Häuptern der

Heißblütigsten und Begehrsamsten wächst.

Als die Walpa dem jungen Touristen das Weinglas vorgesetzt, hat er ihre

Fingerchen erhascht, hat sie hierauf an der Hand gefaßt und weiß an

ihren nackten runden Armen immer weiter hinanzutasten. Beim Grübchen

des Ellbogens angelangt, jagt er ihr einen Schrei aus, denn sie ist

„bremselig“. Die beiden Schläfer schlafen behaglich weiter.

Des kecken Städters weiße Hand umspannt des Mädchens Oberarm, so weit

das Hemd zurückgeschlagen ist; dann will er sie niederziehen auf seinen

Schoß, der heute ja in einer dicken Bockledernen steckt. Das Mädchen

sträubt sich eine Weile, dann fügt es sich doch; Walpa ist schon

manchem Burschen auf dem Leder gesessen. Manche Gäste haben das gern

und zechen dafür um so wackerer, und der Wiesenwirth kann es seiner

Tochter nicht oft genug sagen: „Nur fort handsam sein mit den Gästen

und unterhaltsam -- man weiß heutzutag, seit die Postwagen aufgehört

haben, ohnehin nicht mehr, wie man die Kreuzer in’s Haus bringt.“

Da nun die Walpa auf seinem Schenkel sitzt, schlingt der junge Fremde

-- sie kennt ihn gar nicht, er ist das erstemal im Hause -- seinen Arm

um ihre Gestalt, beugt sein Haupt so nahe zu ihrem Gesichte, daß sein

Athemhauch ihre Wangen bethaut. Dann sagt er leise das Wort: „Aber Du

gefallst mir, Mirzel!“ In Steiermark, meint der Tourist, müsse jedes

Bauernmädchen Mirzel heißen. Die Walpa dachte, weiß er meinen Namen

nicht, so braucht er ihn auch nicht zu wissen. Nun sagte sie: „Will der

Herr noch einen Wein?“

„Einen Kuß!“

Wenn Der nicht mehr als ein Seidel trinkt, dachte Walpa, so ist es

nicht der Mühe werth, daß ich auf seinem Knie sitz’, und machte sich

mit einem entschiedenen Ruck los. Er erhaschte sie und raubte ihr einen

Kuß; sie blieb dabei anscheinend kalt, wie eine Marmorsäule. Aber aus

ihrem Auge sprühte ein Feuerstrom, vor welchem dem Städter graute. Haß

oder Liebe? Er wollte es untersuchen, da traten zur Thüre drei Männer

ein.

„Ich komme wieder, mein Kind,“ sagte der junge, hübsche und so

freundliche Städter, ihre Hand drückend und ein gutes Trinkgeld

reichend, „bleib’ gesund, Mirzel, wir werden noch recht bekannt werden

miteinander, Adieu, Schatz!“

Er ging und die Angekommenen traten in Herrschaft.

„Der Wiesenwirth daheim?“ fragte Einer der Dreie.

Das Mädchen deutete auf jenen der Schlummernden, der die grauenden

Haare hatte. -- „Was darf ich bringen?“

„Weckt ihn auf!“ gebot einer der Ankömmlinge.

„Wenn die Herren mit meinem Vater was zu schaffen haben,“ sagte die

Walpa, „so müssen Sie wohl ein anderesmal kommen. Heut’ ist’s nichts,

er ist ganz --“. Sie machte eine Geberde gegen die Stirne, anzeigend,

daß der Mann heute nicht zurechnungsfähig wäre.

„Wiesenwirth!“ rief der Mann und legte den Stock auf den Tisch, „die

Schätzungscommission ist da!“

Der Wirth pfusterte, hob ein wenig sein roth aufgedunsenes

verschlafenes Gesicht, murmelte etwas, dann sank das Haupt wieder auf

den Arm nieder.

„Lasset ihn,“ sagte ein Anderer, „wir haben ja Alles schon in dem

Protokoll, wir wollen heute nur die Objecte mit Beschlag belegen. --

Du, Mädchen, bist wohl die Tochter. Nimm die Schlüssel und komm mit

uns. Auch ein Kerzenlicht brauchen wir.“

Die Walpa wußte schon, was es geschlagen. Die ganze kleine

Wirthschaft war verschuldet. Wenn schlechte Zeiten sind, dann mag das

Wirthstöchterlein den Gästen auf den Knieen hocken wie es will -- es

giebt nichts aus.

Die Gerichtsmänner durchstöberten Kisten und Kästen, Vorrathskammer und

Keller, drückten überall das Amtssiegel auf und dann gingen sie ruhig

wieder davon.

Da war es öde im Wirthshause, die Walpa saß auf der Ofenbank.

Endlich, als in der Stube die Dämmerung des Abends zu herrschen begann,

regte sich der Schläfer mit dem fuchsrothen Haupthaar und verlangte

Wein. Es war ein Mann von etwa fünfunddreißig Jahren, knochig und

rauh von Figur. Die Wangen und das Kinn waren glatt rasirt, der rothe

Backenbart unter den Ohren und der Schnurrbart standen steif und

struppig; die Augen waren grau und tiefliegend und die Knochenwände,

die darüber hervorstanden, ließen wohl den eisernen Willen vermuthen,

der in diesem Kopfe schlummerte. Im Uebrigen waren die Züge so wie bei

anderen Bauersleuten, und doch wieder anders; sie waren abstoßend und

doch interessant. Als er seine Augen rieb und das Mädchen erblickte,

nahm er eine freundliche Miene an.

Jetzt wachte auch der Graukopf auf und schrie nach Wein.

„Ihr habt zu lang’ geschlafen,“ sagte Walpa, „dieweilen sind

Gerichtsleut’ dagewesen und haben Alles verpetschirt.“

„Herr Jesses! Bei den Weinfässern werden sie doch nicht gewesen sein!“

„Freilich, auch bei den Weinfässern.“

„So bring’ einen Holzapfelmost!“ befahl der Wirth.

„Ja,“ sagte das Mädchen, „das Mostfassel haben sie auch verpickt.“

„Himmelherrgottsdirn, so trag einen Branntwein her!“

„Ist Alles verschmiert, Vater, und Ihr denkt nur fort an’s Trinken.“

„Na, so bring’ was zu essen!“

„Ja, zu essen haben wir freilich auch nichts, das Mehlkastel und der

Schmalztopf sind versiegelt. Wir sind fertige Bettelleut’.“

Jetzt wurde der Wiesenwirth nüchtern. Zuerst polterte er mit dem

Mädchen, daß es Alles habe versiegeln lassen, dann fluchte er über das

Gericht, über die Gläubiger und über die ganze Welt; schließlich fragte

er, ob ein Strick noch im Hause wäre, er hänge sich auf.

Der Andere, der neben ihm erwacht war, lächelte hämisch und murmelte:

„Bist ein verzagter Steffel, Du. Weißt ja, daß Du einen guten Freund

hast. Ich bleib’ auch jetzt noch bei meinem Wort, und wenn Du +ja+

sagst, Wirth, so reiß’ ich Dich auf eins zwei aus der Klemm’.“ Er fuhr

mit der Hand in den Rock und riß eine bauschige Brusttasche aus dem

Sack.

„Was hilft mein Jasagen, Du Tropf, wenn die Dirn nicht will!“

„Wenn die Dirn nicht will -- nachher -- -- ist’s freilich was Anders,“

sagte der Rothhaarige und schob die Geldtasche wieder ein.

Der Wirth war aufgesprungen und hatte seine Tochter bei der Hand

gefaßt. „Walpa,“ sagte er, „laß’ noch einmal mit Dir reden. Schau,

zweiundzwanzig Jahr bist alt. Schöner wirst nimmer, stolz sein, das

tragt’s Dir nicht, ’s selb’ magst mir schon glauben. Jetzt freilich

noch hupfen Dir allerlei Mannerleut nach. Die werden Dich bald nicht

mehr kennen. Nur zum Zeitvertreib bist ihnen gut, heiraten will Dich

eh’ keiner. ’s wird Dich reuen, so viel Du Haar auf dem Kopf hast, wenn

Du jetzt beim braven Seizmüller nicht ja sagst.“

Das Mädchen hielt die Schürze vor das Gesicht, und ja sagen vom Herzen,

das könnt’ sie halt nimmer.

„Was willst denn anheben?“ fragte sie der Vater. „Vielleicht morgen

schon kommen sie und werfen uns aus dem Haus. Du kommst, wenn’s gut

geräth, in einen harten Bauerndienst; wirst nichts zu lachen haben

dabei. Und Dein alter Vater geht mit dem Bettelsack um.“

Seine Augen waren immer naß und roth unterlaufen, an ihnen war eine

Gemüthsbewegung nicht zu merken. Hingegen weinte Walpa bitterlich und

der Rothhaarige -- das war ja der Seizmüller -- trommelte mit den

Fingern auf dem Tisch. --

Noch am selben Abend lief die Walpa zu der Nachbarin: „Thorhofbäuerin,

ein Stein liegt mir auf...“ Und sie schluchzte.

„Maria und Josef, Walpa, was ist denn geschehen?“

„Weiß mir nimmer zu helfen. Heut’ haben sie uns Alles versiegelt und

jetzt soll ich den Seizmüller nehmen.“

„Was sagst?“

„Der Seizmüller giebt das Geld her, wenn ich ihn heirate, und daß sich

mein Vater wieder kunnt heraushelfen.“

„Es ist kaum sechs Wochen her, seit er sein erst Weib in den Freithof

hat tragen lassen,“ sagte die Thorhofbäuerin.

„Desweg, das gefällt mir schon gar nicht und mich deucht, diesen

Menschen heiraten, das kann ich nimmer. Ich hab’ nichts gegen den

Seizmüller, aber allweg kommt’s mir vor, das ist für mich nicht der

Rechte, und es geht mir halt was zu Sinn. Thorhofbäurin, ich bin schon

hell verzagt.“

„Walpa,“ sagte die Bäuerin, „setz’ Dich her und iß mit uns

Schmalznocken.“

Dann kam auch der Thorhofbauer herbei, und sagte: „Mit Euch Mädeln

ist’s halt ein Kreuz. Ihr wollt’s was, und wißt’s nicht was, und da

habt Ihr so allerhand Einbildungen. Ich weiß nicht, warum Du den

Seizmüller nicht sollt’st nehmen. Ein braver, fleißiger Mann, der

Reichste in der Gegend. Oft eine Andere wär’ zu tausendmal froh über

eine solche Heirat, und es ist ja ein Glück, das Euch Gott vom Himmel

schickt, jetzt, wo die traurige Sach mit der Pfändung ist. Mit allen

Vieren greif zu, Walpa, das kann ich Dir sagen.“

Als sie davon wollte, eilte ihr die Thorhofbäuerin noch bis zur Thür

nach und that dort mit leiser Stimme die Frage: „Ja, Walpa, weißt Dir

einen Andern?“

„Gar nicht, gar nicht,“ versicherte das Mädchen und hat so ein

Geheimniß verschwiegen.

Ungetröstet ging sie heimwärts.

Am andern Tag, als sie zur Messe ging, redete sie mit dem Kirchenvater,

dem Erlsberger, was denn der meine.

„Gefreut mich, daß Du meinen Rath verlangst, Dirndl,“ sagte der

Erlsberger, „schau, mich geht das Ding nichts an, kann auch nicht

sagen, daß ich auf den Seizmüller extra was hielt’; er ist bisweilen

ein bissel knopfig; aber ich thät Dir doch rathen, daß Du ihn nimmst.

Es wird’s schon thun. Immer eine Ehe, die aus lauter Liebschaft

geschlossen wird, ist zuletzt gar nicht glücklich, und immer eine,

bei der sich die Zwei anfangs völlig nicht mögen, macht sich nachher

recht gut. Das ist halt, wie die Leut’ zusammen geschaffen sind. Eine

Einsicht hat er doch auch, der Seizmüller, und wenn er jetzt um Dich

anhält, so wird er auch brav auf Dich schauen. Und mußt wissen, Walpa,

in solchen Dingen muß man seinen Eltern folgen. ’s ist doch auch was,

wenn Du Dir Dein Lebtag lang sagen kannst, Du hast Deinen Vater aus

der Noth gerissen, und bei so einem Kind wird der Gottessegen auch

nicht ausbleiben.“

„Wenn ich nur ein bissel was verspüren thät,“ meinte die Walpa, „er ist

gar so viel herb und wirbt um mich, als wollt’ er -- Gott wird’s mir

verzeihen -- einen Mühlesel kaufen. Ist halt ein trauriger Werber, der

keine Lieb’ mitbringt.“

„Wesweg will er Dich +denn+, wenn nicht aus Lieb’,“ wendete der

Bauer ein, „er könnt’ wohl gewiß Reichere haben, als Du bist -- auf das

mußt Du denken, Walpa, und so mußt Dir’s auslegen.“

„Vergelt’s Gott, Erlsberger,“ sagte nach einer Weile die Wirthstochter,

„Ihr habt mir leichter gemacht. Ja, ja ’s wird das Beste sein, ich

probir’s.“

„Mit dem Probiren ist’s nichts, Walpa. Sagst ja, so sagst es für’s

Leben. Und da möchte ich Dir noch rathen, daß Du, wenn Du Dich schon

entschlossen hast, frisch und munter drein gehst. Das Wanken und

Zweifeln und Fürchten taugt nichts. -- ’s wird schon gehen, er ist

brav, ich bin brav und uns hat Gott zusammengeführt -- so mußt Dir

denken. Nu, Dirndl, wünsch’ Dir viel Glück!“

Darauf, wie sie den Vater sucht, daß sie ihm’s sagte, sie wäre bereit,

findet sie ihn unten im Keller. Hat von der Pippe des größten Fasses

das Amtssiegel herabgerissen.

„Aber um der Heiligen willen, Vater, was treibt Ihr denn?“

„Trinken.“

„Da sperren sie Euch ja ein!“

„Deß’ will ich mich früher ersäufen.“

Nun sagte sie’s, sie wolle den Seizmüller nehmen

Darauf trank er erst recht.

Keine Zeit war zu verlieren, denn die Gant des Wiesenwirthshauses

war ausgeschrieben. Am nächsten Tage wurde die Walpa Braut des

Seizmüller. Der Bräutigam lachte viel und zeigte, daß er gemüthlich

sein könne. Allsogleich kaufte er ihr im nächsten Städtchen Stoff für

ein goldgelbes Kleid und eine hochaufgebauschte Haube mit feuerrothen

Bändern, wie sich’s für eine Frau Müllerin wohl geziemt. Aber Walpa

dachte, wenn ich diesen Anzug muß tragen, so zeigen die Leute mit

Fingern auf mich.

Noch in den letzten Tagen vor der Hochzeit ging Walpa zu ihren

Bekannten um, und fragte, wie sie denn dran sei, ob sie den Müller

doch nehmen solle? Die Allermeisten riethen dazu, und die ihr davon

abredeten, von denen sagten wieder Andere: „Geh, geh, wenn man auf so

Leute Reden losen wollt’! Die wissen gegen Jeden was, wenn er heiratet,

das ist schon so der Brauch. Aber wenn Du nachher allein dastehst und

Hilf’ brauchst, helfen thun s’ Dir nicht.“

In der letzten Nacht vor der Trauung ist der Walpa im Traume die

verstorbene Mutter erschienen, die hat gewinkt, hat die Tochter bei der

Hand genommen, als wollte sie sie davonführen. Es war ein süßer und

dabei wieder ein angstvoller Traum. Die Böllerschüsse haben sie davon

geweckt.

Unter den vielen Hochzeitsgästen war auch der Blasius Steiger, ein

frischer, sauberer Bursche, den die Walpa wohl kannte. Er war vor zwei

Jahren noch als Postillon durch die Gegend gefahren und hatte das

Posthorn geblasen, daß es eine Herzenslust gewesen. Beim Wiesenwirth

war er stets eingekehrt, wenn auch nur auf ein klein Tröpfel zum

Staubhinabschwemmen -- länger wollten die Rößlein und die Reisenden

nicht warten. Dem Blasi war die Walpa nicht ein einzigmal auf dem

Bein gehockt. Der Blasius hatte sie nie geneckt, nie bewitzelt, war

immer ernsthaft und freundlich gewesen und hatte immer gerade am

Wiesenwirthshaus seine schönsten Weisen geblasen. Hätte Einer die

Walpa gesehen, wie sie diesem Blasen zuhörte, so hätte der leicht

merken können, daß die Burschen alle genarrt waren, denen sie auf

der Ledernen saß. Der hätte ahnen mögen, daß dieses Mädchen nicht so

seicht wäre, als es sich wohl geben mußte. Seit der Eisenbahnzeit war

der Blasius im Pongau d’rüben gewesen; nun, und heute war er unter

den Hochzeitsgästen, eigentlich unter den Musikanten; er blies das

Flügelhorn. Nur ein- oder zweimal hatte Walpa den Burschen verstohlen

angeblickt -- nichts weiter, kein Ehrentänzchen, kein Lächeln, kein

freundlich Wort über vergangene Zeit...

Mittags, zehn Minuten nach eilf Uhr, war Walpa das Weib des Seizmüllers

geworden.

Nach der Trauung ließ sie sich im Wirthshaus ein Stübchen aufsperren,

um die Kleider zu wechseln. Sogleich stand ihr Mann da: „Was willst

denn?“

„’s thut mir leid um das schöne Gewand,“ sagte sie, „für’s Essen und

Tanzen will ich einen leichteren Rock anlegen.“

„Weißt, Walpa,“ versetzte er, „wenn ’s +mir+ nicht leid thut

d’rum, so brauchst keine Umständ’ zu machen. Es geht aus meinem Sack,

mußt nicht vergessen.“

„Ich hab’ nur gemeint,“ entgegnete sie leise, „weil’s die Andern auch

all’ so machen.“

„Auf die Andern hast gar nicht zu schauen, Walpa; ich bin der Herr, mir

hast zu folgen, und das kannst Dir merken ein- für allemal.“

„Hätt’ mir doch gedacht, daß ich von meinen Kleidern anlegen kunnt, was

ich selber wollt’ -- und das muß ich Dir schon sagen: theuer mag das

Kleid wohl gewesen sein, das Du mir gekauft hast, aber sauber ist es

nicht.“

„Ja hörst, Weibel, wem willst denn jetzt sonst noch gefallen? Etwa dem

Postbuben -- den Du voreh so verliebt angelugt hast? Du, das sag’ ich

Dir, in solchen Sachen versteh’ ich keinen Spaß!“

Ziemlich schwer ließ der Seizmüller bei diesen Worten die Faust

auf den Tisch niederfallen. Walpa sagte kein Wort mehr und behielt

das orangenfarbige Kleid und die Flitterhaube mit den feuerrothen

Bändern am Leibe. Sie war den einfachen, geschmackvollen Anzug der

Oberländerinnen gewohnt, sie wußte wohl, wie fein ihr derselbe ließ.

-- Nun wäre sie am liebsten gar nicht mehr unter die Leute gegangen,

aber sie wollte ihrem Manne keinen weiteren Anlaß zur Unzufriedenheit

mehr geben, und so fügte sie sich in das für sie recht traurige

Hochzeitsfest.

Der Wiesenwirth war dabei gar lustig; gab’s ja viel Wein und

auch daheim waren wieder alle Spundlöcher offen, seitdem der

Seizmüller-Schwiegersohn das Gericht und die Gläubiger durch etliche

große Banknoten beschwichtigt hatte.

Laut war’s im Festhause, und die Leute können heute noch nicht Wunders

genug sagen, wie es doch so lustig gewesen wäre bei des Seizmüllers

Hochzeit.

Am andern Tage, als Vater und Gatte noch schliefen, ging Walpa in

die Kirche und betete unter heißen Thränen um Gnade und Kraft, sich

geduldig in das Ehejoch zu fügen und stets das Rechte zu finden, um den

Hausfrieden zu erhalten.

Feierabende: Lustige und finstere Geschichten · 第 14 / 29 段