geheißen wird von hellgeistigen Männern, die aber nichtsdestoweniger
manches Dorf zu einer wahren Narrengemeinde gemacht hat. Wenn es früher
in so einem Orte gutmüthige Bauern und ehrsame Handwerker und ein
paar bärbeißige Amtmänner und ein paar wohlgenährte Priester und ein
paar zaunmarterdürre Kirchendiener und Betschwestern gegeben hat, so
trotteten jetzt nur mehr „Liberale“ und „Klerikale“ über die Dorfgasse.
Es gab keine anderen Leute mehr, und wenn z. B. die „Liberalen“
männlich und die „Klerikalen“ weiblich gewesen wären, so wäre die Sache
bigott leicht geschlichtet gewesen; so aber bestand eine Kluft zwischen
Freund und Freund, zwischen Gevatter und Gevatterin, zwischen Vater
und Sohn, zwischen Gatten und Gattin, zwischen Pfarrer und Amtmann, und
was sehr vielsagend ist, zwischen Kirche und Wirthshaus.
Man hätte meinen sollen, die altehrwürdige Baßgeige, als ein beiden
Theilen und Allen gemeinsames Gut, wäre hier das versöhnende Moment
gewesen; ~au contraire~, wie die Gebildeten von Abelsberg sagen,
die Geige wurde der Gegenstand eines hitzigen, tiefgreifenden Krieges.
Der Schulmeister spielte auf dem Chore mit dem Fiedelbogen nicht mehr.
Da schickte der neue Regenschori -- der nicht blos unter der Fahne der
„Klerikalen“ stand, sondern sogar der Fahnenträger selbst war -- in das
Wirthshaus, um die Baßgeige von ihrem Aufbewahrungsorte zu holen. Aber
da hub der Wirth statt der Baßgeige zu brummen an: die Geige gehöre
den Liberalen; der Tischler habe einstmalen daran geleimt und der
Tischler sei liberal; der Schulmeister habe die Saiten aufgezogen und
der Schulmeister sei jetzt liberal; im Wirthshause, wo sie aufgefunden
worden, sei ihr Hort gewesen und das Wirthshaus sei -- man sehe es ja
doch an der aufliegenden Zimmermann’schen „Freiheit“ -- liberal. Maßen
sei die Baßgeige liberal mitsammt dem Fiedelbogen.
Auf das hin brauchte sich der Pfarrer für den nächsten Sonntag keine
Predigt aus dem Evangelienbuch zu citiren. Die Baßgeige war der
Gegenstand seiner Betrachtung. Mit einer heiteren Pointe hub der
Mann an: Vor Jahren, da die Baßgeige aufgefunden worden, habe Alles
gesagt, die Baßgeige sei den Ober-Abelsbergern vom Himmel gefallen.
-- Demzufolge sei sie klerikal. In der Kirche habe sie zum erstenmal
getönt. Der Schulmeister habe sie in Kirche und Wirthshaus gespielt,
und der Schulmeister war dazumal klerikal. Und wenn noch die Braut
erinnerlich wäre, die einstmalen der Geige den Bauch eingesessen
habe, so sei darauf zu bemerken, die Braut sei heutzutage die Frau
des Kirchendieners. Und wenn er -- der Pfarrer -- endlich behaupte,
das Instrument sei seinerzeit für die Kirche angeschafft worden, so
werde Keiner sein im Orte, der das Gegentheil beweisen könne, und die
Baßgeige sei somit klerikal und gehöre ein- für allemal den Klerikalen.
Die Gründe des Herrn Pfarrers waren drastisch, nur schade, daß
kein einziger Liberaler in der Predigt war. Die Liberalen saßen im
Wirthshause und sangen kecke Trinklieder und die Geige gab den Baß
dazu. Da dachte sich eines Abends der Herr Caplan: Wozu so lang’ mit
Worten fechten, so laßt uns endlich Thaten seh’n! -- und schlich durch
Nacht und Nebel in das Wirthshaus und entführte die Baßgeige in den
Pfarrhof.
Von nun an bekam die Sache einen rasch handelnden Gang. Die Liberalen
gingen auf’s Bezirksgericht und strengten eine Klage an, gegen den
Pfarrer wegen Aneignung unrechtmäßigen Gutes. -- „Albernheiten!“ sagte
das Bezirksgericht, „so einer alten Baßgeige wegen kommt eine ganze
Gemeinde in Harnisch. Geht heim und versöhnt Euch friedlich.“ Und die
Liberalen gingen heim und trugen die Baßgeige zurück in das Wirthshaus.
Hierauf gingen die Klerikalen zum Dechant und beklagten sich wegen
räuberischer Eingriffe in ihr Besitzthum. Der Dechant sagte, sie
sollten nur nicht nachgeben, sollten zum Bischof gehen, einstweilen
aber die Baßgeige wieder in den Pfarrhof zurücktransportiren. Sofort
verschwand die Geige wieder aus dem Wirthshaus. Da gingen denn die
Liberalen zum Landesgericht. „Geht, schert Euch nicht,“ sagte das
Landesgericht, „verschenkt den Scherben!“ -- „Aber es handelt sich
nicht mehr um die Baßgeige, es handelt sich um das Recht, um die Ehre!“
sagten die Ober-Abelsberger. Aber das Landesgericht wies sie ab. So
waren sie auf Selbsthilfe angewiesen; sie stürmten den Pfarrhof und
eroberten die Baßgeige wieder zurück in das Wirthshaus.
Nun begaben sich die Klerikalen zähneknirschend zum Bischof. „Ja, meine
Lieben,“ sagte der Bischof, „nur standhaft sein. Haben sie nur erst
die Baßgeige, so nehmen sie Euch auch die Orgel, und haben sie diese,
gehört auch das Chor ihnen und sie rauben Euch zuletzt die Kirche
mitsammt dem Thurm. Ich allerdings kann nichts für die Sache thun, aber
steht nur männlich selbst dafür ein.“ Männlich selbst dafür einstehen,
das hieß: die Baßgeige aus dem Hinterthürchen des Wirthshauses wieder
in den Pfarrhof schleppen.
So geschah es. Da machten sich die Liberalen auf und begaben sich mit
schwarzen Röcken und weißen Cravaten -- weiß Gott! -- zum obersten
Gerichtshof. Der wußte schon von der Geigengeschichte und ließ die
Leutchen gar nicht vor. Jetzt kam es auf nichts Geringeres an, als des
Pfarrers Kuhmagd zu bestechen, daß diese die Köchin besteche und ihr
den Schlüssel zur Rumpelkammer entlocke.
Und nach wenigen Tagen, als der Pfarrer und der Caplan brevierbetend am
Wirthshause vorübergingen, hörten sie d’rin johlen und tanzen und die
wohlbekannte Stimme der Baßgeige.
Jetzt luden sie alle Parteigenossen zu einer Versammlung ein und
beteten zum heiligen Geist um Erleuchtung. Und als sie gebetet hatten
zum heiligen Geist um Erleuchtung, da hielten sie Rath und beschlossen
einstimmig, eine Deputation zum heiligen Vater zu senden, auf daß durch
des Statthalters Christi Wink die Baßgeige der Kirche erhalten bleibe.
Die Liberalen hielten auch eine Versammlung und stärkten sich dazu mit
dem edlen Saft der Gerste. Und als sie sich gestärkt hatten mit dem
edlen Saft der Gerste, da hielten sie Rath und beschlossen: Gehen die
zum Papst, so gehen wir zum Kaiser!
Nach wenigen Wochen zogen zwei Deputationen von hinnen, die eine gen
Rom, die andere gen Wien.
Die alte arme Baßgeige aber lehnte in einem einsamen Winkel des
Wirthshauses, und -- war tief verstimmt über den närrischen Hader,
dessen unschuldige Ursache sie war, und der entzweiend und zersetzend
selbst in die Familien eindrang und den Wohlstand der Gemeinde
ernstlich gefährdete. -- „Ach,“ so seufzte sie oft, „wäre ich wieder
oben unter dem Dache und nisteten in mir wieder die friedlichen
Vögelein -- wie wäre mir wohl!“
Zur selbigen Zeit war es, daß ein Zigeunerschwarm durch das Dorf
kam und bettelte und stahl, und den lustigen Bauern Musik machte im
Wirthshaus. Ein alter Zigeuner war dabei, der hatte mehr Runzeln im
Gesicht, als er all’ sein Lebtag schon Stuhlrichterprügel bekommen
haben mochte, aber kohlschwarze Augen und einen kohlschwarzen Bart.
Der sah die Baßgeige lehnen im Winkel und hub sie an zu streichen. Da
horchten die Ober-Abelsberger auf -- jetzt erst hörten sie, wie eine
Baßgeige klingt! Jetzt erst nickten sie die Köpfe und lispelten: „Ist
nicht ohne, der Ober-Abelsberger Geigenkrieg!“ Das Blut wurde ihnen
heiß bei der absonderlichen Musik, zu tanzen huben sie an, die Männer
und Weiber, die Liberalen und Klerikalen, Alles durcheinander -- toll
zu tanzen huben sie an. Der alte Zigeuner spielte und schmunzelnd
ließ er seine dürren Finger über die Saiten der alten Geige zucken
und der Fiedelbogen spritzte süßgiftige Töne aus. Ganz schauderhaft
wurde in derselben Nacht getanzt und getrunken und ehe noch der Morgen
graute, lagen die Ober-Abelsberger unter Tischen und Bänken und in den
Winkeln herum -- Männer und Weiber, Liberale und Klerikale -- Alles
durcheinander.
Die Zigeunerbande aber war in Nacht und Wind davongezogen, und -- was
der Papst und der Kaiser auch gesagt haben mögen -- die altehrwürdige
Baßgeige ist von derselbigen Nacht an nicht mehr gesehen worden in
Ober-Abelsberg.
Wie Abelsberg bekehrt worden ist.
Sie ist ja allbekannt, die Predigt von Pater Abraham a Santa Clara, in
welcher er von der Sünderin Magdalena sprach. „Und auch unter meinen
Zuhörern sitzt eine solche Magdalena! Wollt Ihr’s wissen, welche? Dort!
Paßt auf, ich werfe dieses mein Buch nach dem Haupte der Sünderin!“ Er
hob zum Wurfe aus; alle weiblichen Zuhörer, +alle+ duckten die
Köpfe. -- „Was?“ rief der Prediger, „ich hab’ geglaubt, es wäre nur
Eine dabei!“
Und ein andermal: „Die Jungfrauen der Wienerstadt all’: auf einem
Schubkarren getraue ich mir sie hinauszufahren!“ Das war denn doch
etwas zu viel für die hohen Herrschaften der kaiserlichen Residenz.
Der Pater wurde aufgefordert, sein Wort öffentlich zu widerrufen. „Ich
widerrufe gar nichts,“ sagte er bei seiner nächsten Predigt, „wie
gesagt, auf einem Schubkarren! Ich hab’ ja nicht angegeben, wie oftmals
ich fahren will!“
Der gute Pater Abraham freilich, der konnte es thun und konnte stets
entschlüpfen, wie es nicht Jeder kann, der es will.
Auch der Herr Seelsorger von Ober-Abelsberg wollte ein Pater Abraham
sein, denn Abelsberg war Euch mitunter schon gar ein liederlich Nest.
-- „Bei uns dahier,“ rief er in einer seiner Predigten, „bei uns dahier
liegen die Junggesellen und Jungfrauen alle noch in der Wiegen! Auf
allen Gassen und Straßen, beim Aufstehen und Wirthshausgehen, bei der
Arbeit und bei der Schüssel, beim Rosenkranz bis zum Amen sind Männlein
und Weiblein beisammen. Ein wildes Ehebett ist die ganze Gemein’, na,
da möcht’ der Teufel Euer Pfarrer sein!“
Reckten sich bei dieser Predigt in den Kirchenstühlen einige Köpfe
höher. Der Richter macht schon den Mund auf. -- „Ah na,“ denkt er,
„in der Kirch’ heb’ ich keinen Unfried an,“ und duckt wieder zusammen
und läßt das Hochgewitter von der Kanzel ruhig über sich ergehen
und murmelt: „Schrei’ Du nur zu da oben und hau’ die Faust nur
rechtschaffen in die Kanzel ’nein: morgen wirst heiser sein.“
Und als der Seelsorger oben besagtermaßen genugsamlich Scheiter in die
Hölle getragen hatte, zündete er den Haufen an, will sagen: machte
seinen Zuhörern durch eine schauderliche Darstellung des ewigen Feuers
die Hölle heiß. Ein ordentlicher Schwefelgeruch war in der Kirche schon
zu verspüren, manches alte Männlein vergoß Angstschweiß und manches
alte Weiblein zog seine Beine ein, weil es an den Zehen schon die
ewigen Flammen zu spüren vermeinte. Und das junge Volk, dem zu Ehren
die Predigt eigentlich gehalten wurde, in die Fäuste kicherte es hinein
und unter den Bänken trat es sich einander mit den Schuhspitzen.
Der Herr Pfarrer hatte sich für den selbigen Mittag einen prächtigen
Appetit herausgepredigt. Und -- ganz wie der Richter berechnet hatte --
am andern Tag war der Herr Pfarrer so heiser, als wäre seine Luftröhre
über und über mit Bärenpelz ausgefüttert.
Wurde an diesen Tagen einmal ganz besonders höflich an die Thür
geklopft. -- „Sicherlich wieder so eine verdächtige Kindstauf’!“
murmelt der Pfarrer und reißt, weil er zu einem derben „Wer ist’s?“
keine Stimme hat, die Thür auf. Wird aber sofort gelassener, als er
im Vorhause eine große Zahl von Männern aus seiner Gemeinde erblickt.
Alle haben, wie der Herr Pfarrer erschienen, die Hüte eilig vom Kopf
gerissen, sind sich mit der flachen Hand mehrmals über das Haupt
gefahren, um die allweg widerspenstigen Locken zu glätten; treten
hierauf in’s Zimmer und der Aeltesten Einer hebt an so zu reden:
„Wir haben schon die Grobheit, Hochwürden, daß wir gleich so uneben
in’s Haus hereinkrachen. Küssen die Hand! -- Und was wir halt sagen
wollten --“
„Setzt Euch, liebe Leute, so viel Sessel zur Verfügung stehen,“ lud der
Pfarrer leutselig ein.
„Bedanken uns; mögen schon auch stehen. Und daß wir gleich g’radweg
reden -- der Sonntagspredigt wegen thäten wir halt da sein.
Gottswahrhaftig, Hochwürden, das ist ’mal ein wahres Wort gewesen, so
recht ein Pfarrherrnwort; sakra ’nein das hat uns an’griffen. -- ’s ist
wohl richtig, unsere Gemein’ ist hundsschlecht über und über, ’muß eine
Veränderung nehmen -- wohl, wohl, Hochwürden!“
Der Pfarrer lächelte wehmüthig und flüsterte salbungsvoll: „Gott
walt’s!“
„Das ist gewiß!“ sagte der Sprecher, „und wir Männer sind
zusamm’gestanden und haben gesagt: Und wollt’ sich Einer schon vor
der Höllen nicht scheuen, so kunnt’s doch ’leicht zeitlich einen
schlechten Schick haben. Wissen uns eh schon nicht mehr aus mit den
ledigen Kindern, die der Gemein’ heut’ in der Schüssel liegen und in
Alterstagen wieder in der Schüssel liegen werden. Und ein Spott ist’s
auch. Desweg, ’s muß eine Veränderung nehmen. -- Jetzt, was mich
angeht, mich selber, wie ich dasteh’, ich verbleib’ wie ich bin; thät’s
nit mehr im Stand sein, daß ich in meinen alten Tagen noch ein’ Unehr’
wollt’ aufheben. -- Und so“ -- er wendete sich zu seinen Mitmännern --
„redet jetzt Ihr Eure Sach’.“
Ein stämmiger Bursch trat hervor: „Ich dank’ mein Mädel ab, muß eh zu
den Soldaten.“
Ein rothbärtiger Geselle: „Mein’ Dirn, die lass’ ich nit! Aber die
Gemein’, die duldet uns nit und wir wandern aus.“
Ein behäbiger Bauer stellte sich vor den Pfarrer: „Ich heirat’ die
Meine gleich auf der Stell’!“ und trat zurück.
Ein Anderer: „Thät’ meinen Schatz auch heiraten; kriegen aber nicht die
Erlaubniß dazu; untreu werden will ich nicht, jetzt, was fang’ ich an?“
„Wie der Will’,“ belehrte der Seelsorger, „mußt sie aufgeben, die
schlechte Bekanntschaft, mußt schön in Ehrsamkeit leben.“
„Werd’s halt einmal probiren,“ versetzte der Andere und trat zurück.
Ein schwarzer und wildnarbiger Kohlenbrenner schritt herfür:
„Rechtschaffen bedanken muß ich mich für die scharf’ Predigt, hätt’
sie eh schon lang’ gern verjagt, meine Liebste; glaubt Ihr, es wär’
gegangen, das Biest? Jetzt aber kann ich ihr bei; dem hochwürdigen
Herrn seine Sonntagspredigt halt’ ich ihr vor -- da läuft sie zuweitest
davon.“
Ein Holzhauer sagte: „Ganz lassen werd’ ich halt meine Kathel nicht
können; ’s ist ein blutarm’ Ding; daß ich ihr des Sonntags ein Seidel
zahl’, beim Kirchenwirth, ich sag’, ’s selb kann mir die christlich’
Nächstenlieb’ nit wehren.“
„Gewiß nicht,“ antwortete der Pfarrer, „wenn’s beim Seidel nur auch
bleibt!“
„Und wär’s letztlich eine Halbe, weil ich auch mittrink’?“
„Ja, ja, aus der Halben wird eine Ganze!“ rief der Pfarrer, „bete mein
Sohn, nach des Herrn Wort: Führ’ uns nicht in Versuchung!“
„Wohl, wohl,“ sagte der Holzhauer, „will schon fleißig beten.“
Ein Bauernknecht schlich heran, walkte den Hut mit beiden Händen und
flüsterte: „Wenn’s d’rauf ankommt, Hochwürden, so brauch’ ich gar
Keine, aber zum Waschen und Flicken muß Einer wen haben. Und halt auch,
daß Einer, der kein’ Vater und kein’ Mutter und kein’ Geschwister nit
hat, daß er immereinmal doch gern ein Eichtel plaudern wollt’ mit einem
Menschen und gern wen mögen wollt’, der ihn ein bissel lieb thät haben.“
Ein alter Bartstrupp humpelte vor: „Und ich auch, Hochwürden, möcht’
mich halt bessern. Meine Liebschaft ist auch nichts nutz.“
„Ihr seid ja verheiratet,“ sagte der Pfarrer.
„Das wohl, aber meine Alte, die ist Euch häßlich wie die Nacht und
bös wie eine wilde Katz’, und Branntwein saufen thut sie wie ein Loch
und fluchen thut sie wie ein Husar. Mit so Einer zu leben, das wird
sicherlich eine Todsünd sein.“
„Geht mir weg, Ihr seid ein Lästerer!“ rief der Seelsorger.
Torkelte der Alte gegen die Thüre.
Ein Anderer trat hervor: „Ich hab’ Zwei, aber ich bring’ sie nit weg,
ehvor ich sie nicht bezahlt hab’, was ihnen gebührt. Aber...“ weil der
Pfarrer eine gar finstere Miene machte, „ich nehm ’s Geld schon zu
leih’n.“
„Ich hab’ meiner Tag keine Weibsleut mögen!“ krähte ein gelbes
Runzelgesicht aus der Menge hervor, „aber weil ich jetzt hör’, daß die
Sach’ gar so groß Sünd’ ist, so kunnt Eins schier neugierig werden.“
„Na, na, unser Herr Pfarrer hat Recht, es muß eine Veränderung
geschehen,“ sagten Mehrere.
„Ist brav, ist brav,“ versetzte der Seelsorger und reichte ihnen die
Hände, „und das ist mir der schönste Tag in meinem Seelsorgerleben.
Wie werde ich glücklich sein, einst mit meiner lieben Gemeinde im
Unschulds- oder Bußkleide vor Gottes Thron erscheinen zu können!“
Einige wollten sich schon zum Gehen wenden, da trat der erste Sprecher
noch einmal hervor und sagte mit fast schüchterner Höflichkeit:
„Hätten wir halt zuletzt eine recht schöne Bitt’, hochwürdiger Herr
Pfarrer.“
„Nur frisch damit heraus, liebe Kinder, wenn’s in meiner Macht steht,
von Herzen gern.“
„’s ist halt der Gemeinde wegen,“ fuhr der Redner beklommen fort, „und
daß mit Gottes Hilf’ ein anderer Geist in die Leut’ thät kommen. Daheim
im Pfarrhof, selb wollen wir nicht reden, selb ist der Herr Pfarrer
sein eigener Herr, aber halt auf der Gasse und beim Spaziergang im
Wald, so beim Predigtstudiren -- da thäten wir halt wohl schön bitten,
daß der hochwürdige Herr Pfarrer die Frau Haushälterin nit wollt’
mitnehmen.“
Hab’ früher zu sagen vergessen, daß der Pfarrer von Ober-Abelsberg ein
leidenschaftlicher Schnupfer war; er zog jetzt die Dose hervor und nahm
drei, vier Prisen hart hintereinander und bot hierauf Jedem die offene
Dose hin. Und Jeder tunkte höflich seine Finger ein und schnupfte und
jetzt brach ein Niesen los von allen Seiten. „Helf Gott! Helf Gott!“
riefen sie einander zu. Und der Pfarrer sagte: „Helf’ uns Gott Allen
miteinander!“
Eine Abelsberger Katze.
Im Pfarrhofe zu Abelsberg bei Tische saßen immer ihrer Drei. Der
Pfarrer, die Katze und der Caplan. Besteck hatte die Katze keines. Ja,
hätt’ ich ihre scharfen Zähnchen, wollt’ nicht fragen nach Messer und
Gabel, und ihr zartes, langes Zünglein ist brauchbarer als wie der
feinste Silberlöffel. Am liebsten saß sie dem Pfarrer auf dem Schoß,
wo der Talar stets ein rechtes Grüblein machte; saß nicht ungern auf
dem Tisch, am Rande des Tellers; bekostete zuweilen auch die gemeinsame
Schüssel, ob wohl in Salz und Schmalz das richtige Verhältniß obwalte,
wie es die geistlichen Herren am liebsten hätten. Und war dieses
richtige Verhältniß da, so aß sie sich für’s Erste selbst ohne alle
Umstände satt.
Der Pfarrer hatte seinen rechten Spaß mit dem possirlichen Wesen,
ja hing mit Freundschaft an demselben und schob ihm nicht die
schlechtesten Bissen zu, gar mitunter solche, auf die bereits schon der
Caplan ein Auge geworfen hatte.
Nach einer Weile ereignete es sich, daß der Pfarrer auf einige Zeit
verreiste. Der Caplan hatte mittlerweile Gemeinde- und Hauswesen zu
verwalten -- that’s auch mit Umsicht und Gewissenhaftigkeit. Aber
Eins wollte er dieweilen vollführen; gegen den Liebling des Pfarrers,
der keine Messe las, keine Predigt hielt und keine Sünden vergab und
im Pfarrhofe doch mindestens so gut, wenn nicht besser gehalten wurde,
als der Caplan -- gegen die Katze schmiedete er Ränke. Aber ihm waren
die Hände gebunden -- wenn der Herr nach Hause kommt, wird sein erster
Blick in den Bettwinkel sein, wo der Liebling seine Wohnstatt hat.
Giebt es denn aber kein Mittel, das graue Unwesen für immer vom Tische
fern zu halten? Nach dem Crucifixe, das über dem Tische an der Wand
hing, glitt des Priesters bedrängter Blick. An demselben Tage fiel
ihm eine kleine Hundspeitsche in’s Auge, die beim Sattlermeister
im Auslagkasten lehnte. Da kam ihm plötzlich die Erleuchtung. Er
kaufte die Peitsche, und als es Essenszeit war und er sich allein zum
Tisch setzte, kam wie immer die gute Katz’ herbei. Der Caplan nahm
salbungsvoll das Crucifix in die rechte, die Hundspeitsche in die linke
Hand -- hielt ersteres der Katze vor und mit der letzteren -- schwaps!
ging’s über des Thierleins Rücken. Mit Einem Satz war die Katz’ davon.
Aber bei der nächsten Mahlzeit erschien sie wieder. Der Priester nahm
in die Rechte das Crucifix, in die Linke die Peitsche und that wie das
erstemal. Husch war sie weg.
Ein drittesmal nahte sie schon mit einigem Zagen, aber sie nahte, und
der Caplan that wie das erste- und das zweitemal.
So ging’s etliche Tage fort. Da kam der Herr Pfarrer heim. Recht froh
und heiter, daß wieder Alles in Ordnung ist, setzen sie sich zu Tische
und die Gottesgab’ läßt nicht warten und läßt sich niemals, heute am
allerwenigsten spotten.
„Aber wo ist denn mein Katzel?“ frägt der Pfarrer.
Lugt auch der Caplan um. „Dort hinter dem Ofen hockt’s ja.“
„Merkwürdig, daß es heute nicht zum Tisch kommt!“
„Wirklich, Herr Pfarrer, das nimmt mich auch Wunder. Ich merke schon
seit ein paar Tagen so etwas. Mir fiel es sogar schon ein, was die
Leute sagen -- mag aber nicht d’ran glauben.“
„Die Leute?“ meint der Pfarrer, „was sagen sie denn?“
„Nein, ich glaub’s nicht. ’s ist so ein abergläubisches Geschwätz, nur
daß man davon spricht. -- So eine Katz’, sagen die Leute, wenn sie
altert, thät’ eine Hex’ werden und sich keinem Crucifix in die Nähe
getrauen.“
„Paperlapap!“ sagt der Pfarrer.
„Na, versteht sich. Ein Altweibergeschwätz.“
„Ist nur um ein Probiren zu thun,“ meint der Pfarrer, „na, Kätzle,
komm’, komm’ her zu mir!“
Dieser trauten Einladung vermag das Thier nicht zu widerstehen, es
naht und steigt dem Herrn auf den Schoß. Der Pfarrer langt nach dem
Crucifix, aber kaum die Katze dieses in seiner Hand erblickt und ein
inneres Gesicht hat von einem andern Gegenstand, ergreift sie in wilder
Hast die Flucht.
Die beiden Priester blicken sich lautlos an.
„Merkwürdig!“ sagt der Pfarrer endlich.
„Seltsam!“ entgegnet der Caplan.
„Wenn’s so ist, muß ich das Vieh aus dem Haus thun,“ sagt der Pfarrer.
„Das wäre jammerschad’!“ versetzt der Caplan.
Bald war die Katze beim Abdecker. Aus ihrer Haut wurden Hundspeitschen
geschnitten.
Zu Abelsberg wieder wer geworden.
Eine junge Witwe aus Schlesien war eingewandert, hatte sich in der
Nähe von Abelsberg einen schönen Bauernhof gekauft und war die
Großhofbäuerin.
Zu dieser Großhofbäuerin kam eines Tages ein Kleinhäusler aus der
Gegend, ein junger, hübscher Mann. Der setzte sich in der Vorlauben auf
eine Bank und wartete, bis ihn wer ansprach.
Wartete nicht lange, so kam die Großhofbäuerin aus der Stube und fragte
ihn, ob er auf Jemanden warte.
„Ach na,“ sagte der junge Mann, „Großhofbäuerin, ich bin wieder wer
geworden.“
„Was bist?“ fragte die Bäuerin.
„Wieder wer geworden bin ich,“ antwortete er.
„Ich weiß ja gar nicht, wer Du sonst bist,“ sagte die Bäuerin.
„Ich bin nicht gar viel,“ sagte er, „ich bin sonst der Teichgräber
Franzl, und heut’ Nacht bin ich wieder wer geworden. Jetzt weiß ich mir
halt nicht zu helfen und weiß nicht, wo ich hingehen soll.“
Da entgegnete sie: „Wenn Du -- wie Du sagst --- wieder wer geworden
bist und Du weißt sonst nirgends hinzugehen, so kannst ja bei mir
bleiben. In so einem Hof hat man fortweg Leute vonnöthen, die wer sind.“
„Es ist wohl recht hart,“ meinte hierauf der Franz, „wenn man wieder
wer geworden ist und man hat keine Seel’, an die man sich halten
könnt’.“
„So halte Dich an mich,“ sagte die junge Bäuerin, „bist wer und stellst
Deinen Mann, so werden wir uns leicht verstehen. Nur nicht so verzagt
sein! Schau’ mich an einmal!“
„Wär’ schon recht das --“
„Kannst gleich in Dienst treten, wenn Du willst. Ich brauche just einen
kernigen Mann -- bis ein Bauer im Hause ist.“
„Wär’ schon recht,“ meinte der Franzl, „aber halt mein Weib --“
„Ja, bist denn verheiratet?“ rief sie.
„Na,“ sagte er, „heut’ Nacht bin ich wieder wer geworden.“
„Da bin ich mir zu dumm,“ rief die Bäuerin ärgerlich, „das verstehe ich
nicht. Traudel, geh’ her zu Dem, vielleicht bringst Du’s heraus, was es
mit Dem ist.“
Die Küchenmagd kam herbei und sagte: „Mit dem da? Das weiß ich schon,
was es mit Dem ist. Mit Dem ist es eine harte Sach’.“
„Wesweg denn?“
„Aber er hat’s ja gesagt, Bäurin, und er sagt’s ja.“
„Daß er wieder wer geworden ist, sagt er.“
„Nun also, Bäurin?“
„Ist das denn eine harte Sach’, wenn man wieder wer geworden ist?“
„Ich kann mir’s denken,“ versetzte die Magd, „und die Bäurin sollt’s
beiläufig wissen, wie hart es sein kann, wenn Einer Witwer geworden
ist?“
„Witwer? Wer ist Witwer?“
„Aber jetzt muß ich schon lachen, Bäurin,“ rief die Küchenmagd, „da
steht er, der Witwer. Heut’ Nacht ist ihm sein Weib verstorben.“
„O weh!“ sagte die Großhofbäuerin; „ja, Franzl, warum hast Du das nicht
gleich gesagt? Warum denn nicht gleich, Franzel?“
„Er hat’s ja schon zehnmal gesagt!“ rief die Magd.
Die Großhofbäuerin hat nämlich nicht abelsbergerisch verstanden. Aber
der Häusler Franz hat besser sprechen gelernt. Er ist nun wirklich
wieder wer geworden -- er ist Großhofbauer geworden.