Ebene hinab und machte dabei ein äußerst vergnügtes Gesicht. „Recht
weichleibig,“ murmelte er, „ganz semmelfärbig, man meint, es müßt
Mürzthaler Race sein!“
Eine Heerde Rinder entzückte ihn.
Ich nahm ihn am Arm und führte ihn unter Leitung des Cicerone in den
Wildnissen der Vesuvkrone umher.
Man kann nicht hingehen und hinabgucken in den Krater, wie in eine
Krautgrube; Hitze, Schwefeldampf und Rauch drohen den Kühnen zu
ersticken. Da dampfende Schründe, heiße Lavaklöße und Schollen; dort
hat sich die Erde gespalten und Gluthschein röthet die Wände, aber
wuchtige Blöcke sind darüber hingeworfen. Und wer sich darüber hinwagt
zum Krater, und Rauch und Dunst lassen ihn einen Blick hinabthun, der
prallt bleichen Gesichts zurück und stammelt: „Der Mensch versuche
die Götter nicht!“ Schroff stürzen die schwarzen oder buntfarbigen,
schründigen Wände nach innen ab und der Trichter theilt sich unter
phantastischen Gebilden in mehrere Krater, deren unergründliche Tiefen
nicht einmal den Ton zurückgeben von einem Stein, den man in sie
schleudert. Freilich ist da unten ein ewiges Dröhnen und Donnern, oft
wild, wie das Knurren des Löwen, dann wieder bang und schwer, wie das
Röcheln eines Sterbenden.
Aus allen Spalten und Klüften dringt der Rauch. Dort in der Schramme
sehe ich gar helle Lava glühen; sehe ich die Essen der Cyklopen und
höre ich ihr Pochen auf dem Amboß der Urgefelse? -- Wie tief und
gewaltig, Du schrecklicher Hephästos, ist Deine Werkstatt!
Ein mächtiges Donnern -- der Führer riß uns mit großen Schritten
zurück. Da zitterte unter uns der Boden und Asche und Steine flogen aus
den Schlünden.
„Geht’s weiter, ist das eine schauderhafte Sach’!“ sagte Thomas
kleinlaut, „jetzt fahr’ ich gleich wieder ab.“
Doch der Führer hielt ihn zurück, zog ein paar Eier aus der Tasche,
legte sie in eine Spalte, und reichte sie uns nach ein paar Minuten
hartgesotten als Gabelfrühstück. Das brachte meinem Landsmann wieder
das Selbstvertrauen. Eier am Herde des Vesuv gekocht hat man nicht zu
jeder Vormittagsjause! Die Schalen that er sorglich in ein Papier und
steckte sie in die Tasche -- zum ewigen Andenken.
Bald darauf machten wir die Entdeckung, daß unsere Schuhsohlen verkohlt
waren. „Schau, schau,“ sagte Thomas, „das wundert mich, die meinen sind
vom Pinzgauerschlag.“ In seinen rothen Regenschirm hatte ein glühendes
Aschenstäubchen ein Loch gefressen. „Bravo!“ rief Thomas aus, „auch
das ist ein Andenken an den feuerspeienden Berg für meine Kinder und
Kindeskinder!“
„Ah,“ entgegnete ich, „das hat mir der Vetter gar nicht erzählt, daß er
verheiratet --“
„Je nu, das heißt“ -- er trocknete sich den Schweiß von dem Vollmond
-- „na, das ist schon eine barbarische Hitz, da heroben!“ Von seiner
Familie weiter keine Rede mehr.
Ich hätte den Führer und meinen guten Landsmann zur Rückkehr schier am
liebsten vorausziehen lassen, um mich allein auf einen Lavablock zu
setzen und am Brandopferaltar der Natur Gottes Herrlichkeit in stiller
Seele zu feiern.
Da kam mein Gefährte: „Na, Sie, versetzen thu’ ich Ihna nit!“ Und noch
volksthümlicher: „Hiazt hab’n ma’s g’seh’n, und hiazt geh’n ma hoam.“
Ich glaube, er hat es buchstäblich ausgeführt und ist von Neapel
geradewegs in sein Abelsberg gefahren, um dort durch seine Eierschalen
und den verbrannten Regenschirm beredtes Zeugniß zu geben von
dem „feuerspeienden Berg“ und als kühner Besteiger desselben
unvergänglichen Ruhm zu ernten.
[1] So wird im Volksmund der Vesuv genannt.
Das reiche Jahr eines Abelsbergers.
Es hat eine Zeit gegeben, da die Ober-Abelsberger Bauern über alle
Maßen gescheit gewesen sind. Dann später kam die Schule, und die hat
das gute Volk recht heruntergebracht. Da haben sie die Jahre her so
höllisch viel gelernt, daß sie jetzt nachgerade gar nichts mehr wissen.
Oder erkennt es heute in der Sylvesternacht Einer, was für ein Jahr
kommen wird? Ich glaube nicht. Die alten Ober-Abelsberger hingegen
haben es aus den Zeichen erkannt, denn dazumal hat man an die Zeichen
noch geglaubt und weil man daran geglaubt hat, so sind sie auch
zugetroffen. Heute geschieht kein Wunder mehr, weil sich die Leute nur
darüber lustig machen würden.
Einstmals hat man die Offenbarungen geehrt; und es ist nicht etwa,
daß ich den schönen Namen erdichte, er hat wirklich so geheißen, der
Eberhard Weisheit. Und hat den Namen verdient, denn er war der weiseste
Bauer im Ober-Abelsberger Gau.
Der Eberhard Weisheit hat seiner Väter ehrwürdige Sitten stets geachtet
und gehalten, hat in der Christnacht seine Ochsen mit Weihrauch
beräuchert, hat hinter den verdächtig aussehenden Bettelleuten
Abspülwasser auf den Weg gießen lassen, daß das Gesindel keine böse
Macht über sein Haus haben konnte, und so ist er in der Sylvesternacht
auch auf den „Kreuzweg“ gegangen, um unter Gebet und frommen
Betrachtungen zu ersehen, ob ein armes oder ein reiches Jahr im Anzuge
sei.
Es ist arg genug, daß es heutzutage Leser giebt, denen man die Sache
des Langen und Breiten erklären soll und noch froh sein muß, wenn sie
überhaupt dazu stillhalten.
Wenn man in der Sylvesternacht auf einen Kreuzweg geht, das heißt, auf
einen Punkt, wo sich mehrere Wege kreuzen, so kann Einem auf diesem
Kreuzwege ein Mann begegnen. Es mag ein weltfremder Mann sein, er
mag auch in der Gestalt eines guten Bekannten erscheinen. Man soll
ihm nicht ausweichen und soll ihm auch nicht in den Weg treten. Man
soll nicht grübeln. Wenn dieser Mann leicht und leer einherschreitet,
dann mag man still nach Hause gehen und den Riemen neunmal um’s
Geldsäcklein winden, denn es kommt ein schlechtes, armes Jahr. Wenn
hingegen der Mann auf dem Kreuzwege unter schwerer Last daher keucht,
dann soll man lustig in’s nächste Wirthshaus eilen und sich selbst zur
nachtschlafenden Stund was Gutes anthun, wohl auch Anderen was zukommen
lassen, denn es wird Alles gut, es wird sehr gut, es kommt ein reiches
Jahr.
Also war’s in einer solchen Nacht, daß der Eberhard Weisheit gegen die
zwölfte Stunde hinaus auf die Steinheide ging, wo ein Kreuzweg war und
wo auch richtig ein hölzernes Kreuz stand, bei dem es nicht selten
gespensterte. Es war eine Nacht, in der man nicht gern einen Hund
vor die Thür jagte; er war aber kein Hund, er war ein E-- Eberhard
Weisheit, und dieses Geschlecht hat sich von jeher nicht viel aus
Schnee und Sturm gemacht.
Am Kreuze stand er still und ließ sich einmal recht anstöbern.
Es war, als ob auf jedem Wege, wie sie hier aus allen vier Weltgegenden
zusammengingen, ein anderes Wetter heranbrauste und als ob Wind und
Kälte und Schnee und Eis gerade den Kreuzweg zu ihrem Turnierplatz
gewählt hätten. -- Weichlinge liegen in den Kissen vergraben und
morgen, wenn sie aufstehen, sagen sie: Ein neues Jahr -- was wird es
bringen? und schauen dumm drein. Der Eberhard wird’s wissen und wird
still sein.
Siehe -- dort kommt schon was! -- Ein schwarzer Punkt im Gestöber,
langsam bewegt er sich, doch kommt er näher und näher. ’s ist ein
schwerfälliges Wesen, ein Mann, ein unter großer Last tief gebeugter
Mann. Keuchend wankt er unter einer Masse, die sich schwer um seine
Schultern schmiegt, und wankt vorüber.
Der Eberhard Weisheit hatte anfangs ein Kreuz über Gesicht und Brust
geschlagen, hatte dann dieser Erscheinung mit Wohlgefallen zugesehen,
und nun sie wieder verschwunden war, ging er ziellos im Schnee hin
und her und entschied sich endlich für das Bachwirthshaus. Denn dort
pflegten Bergknappen von Seewald späte Zecher abzugeben. Als er hinkam,
sah er vor dem Hause am Troge, wo die Fuhrleute ihre Pferde zu füttern
pflegten, den Mann vom Kreuzweg stehen und seine Last auf den Trog
stützen. Der Eberhard Weisheit trat in die Stube.
„Noch spät auf?“ sagte der Wirth.
„Schon früh auf!“ antwortete der Eberhard.
„So wünsch’ ich glückselig Neujahr!“
„Hat sich schon angemeldet. Bring’ mir eine Maß auf einmal, Wirth, und
da draußen vor dem Haus rastet Einer, dem schick auch einen Krug voll
hinaus. Er hat’s wohl verdient, und ich bin der Zahler.“
Wenn er der Zahler ist, so wird er an seinem Tisch nicht allein sitzen
bleiben müssen. Lustig geht’s her und draußen trinkt Einer den Krug
aus und denkt: Das neue Jahr hebt nicht schlecht an, der Wein hat mich
wieder rechtschaffen stark gemacht und jetzt, meine liebe Sau, jetzt
gehen wir’s wieder an.
Lud frisch auf und hastete weiter.
Am nächsten Morgen, als der Eberhard Weisheit endlich nach Hause
kam, trat ihm nichts Erfreuliches entgegen. Die Knechte stöberten in
der Umgebung des Hauses herum und suchten im Schnee nach Spuren; die
Hausmutter weinte, und schrie: „Meine Alte! ’s ist noch keine so feist
gewesen, seit ich im Haus bin, und just die muß er mir holen. Aber
wart’, wart’, Dieb, wenn ich Dich unter die Finger krieg’! Ich will Dir
sagen, was im Weisheithof eine Sau kostet.“
Da fragte der Eberhard etwas befangen und unsicher, was denn los sei?
„Ja!“ rief das Weib, „mit Dir habe ich auch was zu reden! Was hast Du
in den Nächten außer Haus herumzustromern? Aus dem Wirthshaus kommst,
merk’ ich! So! da hast einen Denkzettel dafür! Und jetzt laß Dir
sagen, daß sie uns heut’ über Nacht die beste Sau im Stall gestochen
und fortgeschleppt haben. Die Spur geht über die Steinheide gegen den
Kreuzweg und weiter hin hat sie der Schnee verweht. Was willst jetzt,
wenn der Fasching kommt, für ein Fleisch essen, möcht’ ich wissen! Wo
wirst den Speck nehmen! Na, ich sag’s: das neue Jahr hebt schön an!“
Jetzt hat der Eberhard sich einen schlichten, zweisilbigen Namen
gegeben, hat sich vor die Stirne geschlagen und hat weiter kein Wort
mehr gesprochen. Es ist dazumal nicht laut geworden, daß der Eberhard
Weisheit in jener Sylvesternacht am Kreuzwege seinen Schweinsdieb
für das reiche Jahr gehalten hatte und ihn beim Bachwirth mit Wein
tractiren ließ. Aber, wenn seither die Rede ist vom Kreuzweg und was
man auf demselben für Offenbarungen haben könne, schlägt sich der
Eberhard sachte seitab. Nach wie vor hält er der Väter Glauben in
Ehren, bleibt in der Sylvesternacht aber hübsch daheim und sperrt den
Schweinstall zu.
Ein junger Abelsberger in der Residenz.
Ein Junge aus Ober-Abelsberg kam in die Hauptstadt, um zu studiren.
Unter seinen Professoren hatte der treuherzige Knabe mehrere
Gönner, wovon ihm Einer eines Tages für sich und einen Freund zwei
Eintrittskarten schenkte. Die Eintrittskarten galten für eine
philosophische Vorlesung, welche der betreffende Professor in einem
öffentlichen Saale halten sollte. Der junge Student aus dem Dorfe
freute sich schon den ganzen Tag auf den Abend der Vorlesung, und
sein Kummer war nur der, daß er unter seinen wenigen Bekannten keinen
Genossen fand, welcher die zweite Eintrittskarte angenommen hätte. Die
Studenten wollten den Abend lieber im Freien zubringen, als den Herrn
Professor anhören, dessen Stimme sie ohnehin recht gut kannten.
Als die Stunde kam, ging der wißbegierige Junge nach dem Saale der
Vorlesung und war betrübt, daß der Schatz, den er in der Tasche trug,
zum Theile unverwerthet bleiben sollte. Da sah er an der Gassenecke
einen schlichten, anspruchslosen Mann stehen, dem Anzuge nach
vielleicht ein Bahnschaffner oder so etwas. Ah, dachte sich der kleine
Student, dem kann ich einen Gefallen thun, der ist gewiß froh, wenn er
meinen Herrn Professor einmal hört.
„He, Vetter!“ rief er dem Manne zu, „wenn Sie was profitiren wollen, so
kommen Sie mit!“
„Ich bitte!“ entgegnete der Andere und ging mit dem Jungen. Dieser
gab an der Pforte die zwei Karten ab, die Beiden traten in den Saal.
Die Vorlesung begann. Der Student hörte mit Begeisterung zu, in der
Hoffnung, all’ die schönen Worte, die er heute anhörte, dereinst in den
höheren Schulen auch zu verstehen. Neben ihm stand bewegungslos wie ein
Baum der Mann von der Straßenecke. -- Das ist ein dankbarer Mensch,
dachte sich der Student. -- Der Kleine wird vielleicht einen Schützer
im Gedränge, einen Begleiter auf dem Heimweg haben wollen, dachte der
Andere.
Nach der Vorlesung sagte der Junge zu seinem Manne: „Nichts danken,
mich freut’s, wenn’s gefallen hat. Behüt’ Gott!“ Und er wollte im
Trosse davon.
„Ich bitte,“ warf der Andere rasch ein und hielt den Jungen am Arme
fest, „ich bekomme neunzig Kreuzer. Ja, neunzig; für die Stunde ist des
Nachts sechzig, und anderthalb Stunden bin ich zu Diensten gestanden.“
Der unglückliche, unerfahrene Bursche aus dem Dorfe hatte einen
Dienstmann mit in die philosophische Vorlesung gezogen. Geld hatte
er keines im Sack. Der Auftritt wurde laut; der Junge war sprachlos
vor Schreck und Aerger. Der Professor kam und that, was vielleicht an
seiner Stelle noch Keiner gethan hatte: er entschädigte Einem seiner
Zuhörer mit neunzig Kreuzern die in der Vorlesung verlorne Zeit.
Eine Abelsberger Heiratsgeschichte.
Die Gallbeißerin zu Abelsberg war mit ihrem ersten Manne bereits
fertig geworden, hatte von ihm ein zwei Stock hohes Haus geerbt,
und die Kleider. Was kann eine Witwe mit den Kleidern ihres Seligen
machen? Sie kann mit den Kleidern ihres Seligen nichts Vernünftigeres
machen, als wieder einen Unseligen hineinstecken. Ihren ersten Gatten
hatte sie aus Liebe geheiratet, aus Liebe zu seinem zweistöckigen
Hause. Nun ist es aber nicht wahr, was Poeten sagen, nämlich, daß der
Mensch nur einmal liebe. Im nachbarlichen Städtchen Neubrunn lebte
ein Kaminfeger, der Witwer war und nach einer Frau suchte, die ihm
bisweilen den Kopf wasche. Dieser Mann hatte sich ein drei Stock hohes
Haus zusammengefegt; was Wunder denn, daß er die Liebe der Gallbeißerin
erregte.
Der Bäckermeister zu Neubrunn, ein guter Bekannter der Gallbeißerin
und Freund des Kaminfegers, übernahm die Vermittlung und drückte
seine Freude darüber aus, daß hier zwei Häuser zusammenkämen, die
übereinandergestellt fünf Stock gäben! Bald ging die Verlobung vor
sich, zu welcher der Kaminfeger mit musterhafter Sorgfalt allen Ruß von
seinem Gesichte wusch, um darzuthun, daß er noch fein und glatt und
nicht alt sei, und zu welcher die Gallbeißerin ihr Gesicht mit etwas
verdünntem Karmin anstrich, um darzuthun, daß sie fein und roth und
noch jung sei.
Allsobald nach der Verlobung begannen die Vorbereitungen zur Hochzeit,
wozu der brave Bäckermeister zu Neubrunn sein Möglichstes that. Die
Gallbeißerin ließ sich ein den fünf Etagen entsprechendes Brautkleid
verfertigen; der Bräutigam aber holte sich aus irgend einem hohen
Schornsteine eine Lungenentzündung herab und legte sich damit zu
Bette. Mittlerweile war das Brautpaar auf den Kanzeln zu Abelsberg und
Neubrunn feierlichst verkündet worden; zu Neubrunn nach dem dritten
Aufgebote hatten die Kirchenmusikanten sogar mit Trompeten und Pauken
einen schallenden „Tusch“ aufgeführt, weil der Bräutigam seinerzeit
auf dem Chore mitmusicirt hatte. Der Arzt jedoch war der Ansicht, daß
die Hochzeit zu verschieben sei, erstens, weil der Bräutigam noch
nicht gesund, und zweitens, weil er todtkrank wäre. Man stelle sich
den Schmerz der Braut vor, als sie solchermaßen das dreistöckige
Haus in Gefahr sah. Sie beschwor den Arzt, Alles aufzubieten, um zu
retten, was zu retten sei, und sie besprach sich mit dem Bäckermeister,
ob nicht der Ehevertrag sofort könnte ausgefertigt werden? was der
Meister bejahte und ein Uebereinkommen auf Gütergemeinschaft sehr
befürwortete. Es geschah, aber der Notar -- wie solche Leute schon in
Allem auf das Umständliche und Verwickelte hinausspielen -- schrieb
unter den Ehevertrag als letzte Klausel: „Dieser Contract tritt mit der
kirchlichen Trauung obgenannten Paares in Giltigkeit.“
Der Tag der Trauung war da, der hochzeitliche Festsaal, Küche und
Keller waren bereit, aber der Arzt erklärte die Trauung in der Kirche
für unmöglich, da eingetretenen Symptomen nach der Bräutigam nur wenige
Stunden mehr zu leben habe.
„Ist denn nicht +ein+ Stock mehr zu retten!“ wimmerte die Braut
und sank auf den Lehnstuhl. Bald hernach stürzte sie hin an’s Bett und
rief: „Mein Geliebter, mein Einziger, ich will Dein Weib oder Deine
Witwe sein. Noch in dieser Stunde soll uns der Pfarrer trauen!“ Der
Kranke faßte gerührt ihre Hand und dankte für ihre Lieb’ und Treue.
Aber er wisse nicht, ob er das Opfer annehmen dürfe.
Es +sei+ kein Opfer! rief sie, und auch der Bäckermeister legte
sich in’s Mittel, daß der Kranke den Willen zur Trauung im Bette gebe
und somit der Herzenswunsch Beider erfüllt werde, es gehe dann aus, wie
Gott es wolle.
So wurde, da Alles so weit gediehen war und keinerlei Hindernisse mehr
obwalteten, die Trauung „einfach und würdig“, wie die Gallbeißerin es
wünschte, am Krankenbette vollzogen. Die Hochzeitsgäste, an der Spitze
der Bäckermeister und die Braut, begaben sich hierauf vom Krankenbette
weg in den Gasthof zum Festmahle, bei welchem es gar heiter herging,
die Braut viel mit Wein geehrt und sogar der Sterbende leben gelassen
wurde.
Sie waren gerade beim Schaumwein, den der noble Bäckermeister
beigestellt hatte und bei welchem wieder wacker angestoßen werden
sollte, als die Nachricht kam, der Bräutigam sei ruhig im Herrn
entschlafen. Die Braut weinte Eins und dachte bei sich: Ach, was bei
solchen Gelegenheiten die Ceremonien lästig sind!
Am andern Morgen, während auf dem Thurme die Todtenglocken klangen,
bestieg die Gallbeißerin thränennassen Auges ihr ererbtes Haus bis in
den dritten Stock. Den an Zins rückständigen Parteien der Dachkammern
kündete sie die Wohnung, dann stieg sie, getragen von dem Nimbus des
Schmerzes, der seine Thränen nach außen und seine Wonnen nach innen
kehrt, wieder zur Erde nieder.
Am Hausthore erwartete sie der Bäckermeister, noch ein bißchen
übernächtig, aber nichtsdestoweniger nüchtern. Er zog sie mit zurück in
den Flur, er habe mit ihr eine kleine Angelegenheit zu besprechen.
Es wäre wohl allzufrüh, an diesem Tage schon! lispelte sie, das Auge
zu Boden schlagend. Er aber meinte, es gebe Angelegenheiten, die
nicht früh genug in’s Reine gebracht werden könnten. Er sei von jeher
ein Mann der Ordnung gewesen, und auch sie, die Gallbeißerin, kenne
er von dieser höchst ehrenwerthen Seite. Er habe -- und damit zog der
Bäckermeister ein Papier aus der Tasche -- einen Schuldbrief in der
Hand, nach welchem er vor einundzwanzig Jahren dem Kaminfegermeister
Ignaz Kratzer, nunmehr ihrem seligen Gatten, eine Geldsumme geliehen
habe, diese Summe sei im Laufe der Zeit durch den vereinbarten
Zinsfuß auf mehr als fünfundzwanzigtausend Gulden angewachsen. Dieses
dreistöckige Haus sei unter Brüdern kaum sechzehntausend Gulden werth,
ein anderes Vermögen sei nicht da und es freue ihn -- den Bäckermeister
-- daß sein ehrenwerther, nunmehr heimgegangener Freund vor seinem Tode
noch einen so schönen Ausweg gefunden habe, seiner Pflicht gerecht zu
werden. Er sei überzeugt, die Witwe werde das Andenken des Verstorbenen
dadurch ehren, daß sie -- wozu er bereits die amtlichen Wege betreten
habe -- ehebaldigst den von ihrem Eheherrn unterzeichneten Schuldschein
einlöse. In neue Schulden wolle er sie nicht stürzen sondern erkläre
sich in Gottesnamen mit den beiden Häusern für zufriedengestellt.
So sagte er, der Schuldbrief war nicht abzuleugnen und nun kamen für
die Gallbeißerin Tage des wirklichen Schmerzes.
Es wäre unerquicklich, ihre gewaltigen Zornausbrüche wiederzugeben,
sie führten auch zu nichts. Die beiden Häuser mit den fünf Stockwerken
fielen dem Bäcker zu, der diese Heirat schlau nur veranstaltet hatte,
damit sich das Vermögen des Kaminfegers vergrößere und somit er zu
seinem Gelde gelange.
Die Welt war von jeher schlecht und ist in Abelsberg und Neubrunn nicht
besser, als anderswo. Die Gallbeißerin hat daher zum Schaden auch noch
den Spott. Der Erzähler wünscht ihr nichts Schlechtes, sagt aber das:
Wem auf dieser Erde das Geld die Hauptsache ist, der findet kein Glück
und ist auch keines werth. -- Der Bäckermeister soll’s auch bedenken!
Der Abelsberger Baßgeigenkrieg.
Auf dem sehr finstern Dachboden des Wirthshauses von Ober-Abelsberg,
unter anderen staubigen, rostigen und wurmstichigen Ueberbleibseln
vergangener Jahrhunderte, ruhte eine alte, braunangestrichene und
dennoch wurmstichige Baßgeige. Man wußte nicht, woher sie kam, man
wußte nicht ihr Geburtsjahr und an ihrer Wiege war es gewiß nicht
gesungen worden, daß sie dereinstmalen auf dem sehr finstern Dachboden
des Wirthshauses von Ober-Abelsberg erbärmlich sollte verderben.
Die letzten Jahre her hatte diese Baßgeige zuweilen noch ein
Lebenszeichen von sich gegeben. Flatterte eine Fledermaus über sie
hin, oder huschte ein ander’ Mäuslein über ihre Saiten, gleich hub sie
wie ein geschwätzig Weib an, ihren Lebenslauf zu erzählen und Lieder
zu singen aus den schönen Zeiten ihrer Jugend. Später brummte sie nur
noch, wenn der Wind im Dache sauste; seitdem ihr aber die Mäuse alle
Saiten abgenagt hatten, lag sie klang- und klagelos in Moder und Staub.
Gerade unter diesem öden Dachgeschosse lag der Tanzboden. Wie pfiffen
da oft die Pfeifen und geigten die Geigen, daß alle Hunde des Dorfes
aus Nervosität anhuben zu winseln und die Trommelfelle der Tänzer
hundertfach durchlöchert wurden von den scharfen, nadelspitzigen Tönen.
Aber Keiner hatte geahnt, wie nahe das Mittel war, das mit einem
wohlwollenden Gebrumme die Mißstimmung ausglich.
Die lieben possirlichen Rothschwänzchen nisten nicht ungern in altem
Gerümpel und so ist unter dem Geschlecht dieser Vögelchen auch ein
musikalisches Paar gewesen, das sich in unsere still verlassene
Baßgeige eingenistet hat. Dieser Umstand lenkte die Aufmerksamkeit des
kleinen Wirths-Friedl -- der ein passionirter Vogelfreund war -- auf
das alte Instrument, so im Dachgeschoß des Hauses ruhte; und eines
Tages hub der Junge mit dem Ding ein Staubaufwirbeln und Herumzerren an
und störte den Hausfrieden der Rothschwänzchen, und nicht lange hernach
kollerte er mit der Baßgeige zur Bodenstiege herab.
Die Geige war den Abelsbergern wie vom Himmel gefallen und es kam
der Tischler und leimte die Sprünge und Löcher zu, und es kam der
Schulmeister mit der großmächtigen Brille und zog Saiten auf, und als
der Abelsberger Jahrmarkt kam, siehe, da brummte im Vereine mit den
Pfeifen und Gesängen das altehrwürdige Instrument dem Kirchenpatron
seine Verehrung. Es war ein wiedererwachtes Leben -- es war eine große
ungetheilte Freude in Ober-Abelsberg.
Und wie es an so Jahrmärkten schon ist, nach dem Gottesdienst ging
Alles in’s Wirthshaus und auf den Tanzboden; da blieb die Baßgeige
nicht zurück. Bringt es schon der Herr Pfarrer zuweg, daß er Vormittag
den Wein aus dem Kelch trinkt und Nachmittag aus dem Maßhumpen, so weiß
es auch eine altehrwürdige Baßgeige einzurichten, daß sie Vormittags
Kirchenlieder jodelt und Nachmittags Ländler und Walzer. Und wenn sie
schon Vormittags in Ehrfurcht ihren Bauch eingezogen hatte, so ließ sie
nun im Wirthshaus manchen Juchton über den Sattel springen, daß schon
all’ die Röcke flogen und die Hosen flatterten. Dem Pfarrer selbst
ging’s an die Kutte.
Und so war es nun jahrelang gewesen, daß die Baßgeige den Kirchenchor
und den Tanzboden versorgt hatte, bis einmal bei einer mächtig lustigen
Hochzeit die heißblütige Braut vom Tanzen zum Umfallen erschöpft, hin
auf die Baßgeige sank und ihr den Bauch einsaß. Da hat die Geige wohl
gottsrechtschaffen gebrummt.
Aber das war ihr letztes Brummen gewesen für lange Zeit. Erst nach
Jahren war es wieder, daß die Ober-Abelsberger sagten: „Wir haben ja
keinen Baß nicht, wir müssen der Alten den Bauch flicken lassen.“
Hierauf kam wieder der Tischler mit dem Leim und der Schulmeister mit
den Saiten und mit dem Fiedelbogen, und da hing dieser Einen wegen der
Himmel über Abelsberg voller Geigen.