schafften, und ein paar Eisenhämmer schmiedeten Sensen, Pflüge und
Schwerter. Im Wäldchen jodelte der Holzhauer und hallten stürzende
Bäume. Der Hirte trieb eine Heerde schöner, bekränzter Rinder über die
Au, die Sennin molk unter dem Schatten einer Tanne ihre Kuh und der
Jäger schoß gerade im Augenblicke, als der kaiserliche Wagen herankam,
einen ausgestopften Auerhahn vom Lärchbaum. Das Wunderbarste aber
waren die Obstbauern, welche von alten Holzbirnbäumen die feinsten
Butteräpfel schüttelten, und die Winzer, welche aus Erlen- und
Weidengebüsch Trauben schnitten. Es ging nicht anders, und wenn das
ganze Land zusammengerückt sein sollte auf etliche Joch oberländischen
Grundes, so mußte das Erz wohl einmal im eitlen Sand und der Wein
auf Weidenstäben wachsen. So unerhört fruchtbar war der Boden bei
Abelsberg, und der Obersthofmeister schrie dem Kaiser zu: „Eure
Majestät, aber das ist ja prächtig! Was Eure Majestät für ein Land
haben!“
Seine Majestät, höchst erfreut von dem fröhlichen Aufzuge, wollte den
Ortsvorsteher sprechen. Noch dauerten an beiden Seiten der Straße die
Vorstellungen; auch ein Hochzeitszug und ein Taufgang war dabei und
Volkslieder wurden gesungen und zum Schlusse, dort wo die bekränzte
Mauth prangte -- kauerten etliche Krüppel, ein Cretin und ein paar
zerhauene und zerschossene Militärs mit Weib und Kind im Straßenstaub
und wimmerten mit aufgehobenen Händen um Almosen. Denen war’s Ernst.
Der Hof stutzte sehr -- gar sehr stutzte er über eine solche
durchaus nicht anspruchslose Pointe der Festlichkeit -- und nach dem
Ortsvorstande, der mit seinem Rathe auf dem Marktplatze tief geknickt
stand, wurde nicht mehr verlangt.
Vor dem Thore des Posthauses standen sechs streuende Blumenmädchen,
aber die Wagen rollten vorüber und hielten nicht in Abelsberg.
Der hohe Rath war aus Rand und Band. Das Bettelgesindel verhaftete er
sofort; aber der Cretin grinste und die alten Krieger mit ihren elenden
Familien meinten, sie hätten gehört, daß das +ganze+ Land bei dem
Aufzuge vertreten sein sollte, und da hätten sie gedacht, die viele
Armuth, die da sei, gehöre so zu sagen auch zum Lande, sie hätten des
Weiteren gerechnet auf etliche Silberbatzen oder einen warmen Löffel
Suppe, was freilich eine ganz verfehlte Rechnung gewesen wäre.
Der Bürgermeister wollte diese Leute, die das schöne Fest so jämmerlich
verdorben hatten, in den Kotter stecken lassen. Das ließ der Rath
Hufschmied nicht gelten. Das Betteln, sagte er, sei zwar in Abelsberg
verboten, aber vom Mauthbalken auswärts sei es von jeher erlaubt
gewesen.
Der Schelm!
Er ist aber später Vorstand geworden.
Die Abelsberger Touristen.
Wie nur plötzlich die Natur so schön geworden ist! Erst seit etlichen
Jahren. Es lebten wohl auch früher einzelne Leutchen, die einzelne
Gegenden „wirklich romantisch“ fanden; heutigentages aber sind alle
Wälder und Berge so herrlich! Und der Sonnenaufgang!
Wer hätte das vor dreißig Jahren vermeint, daß auch der Sonnenaufgang
Mode werden sollte!
Mode! O du heilige Welt Gottes, vergieb mir dieses Wort. Aber du weißt
es ja doch selber am besten, wie Wenigen, die doch deine ewig großen
und lebendigen Pfade gewandelt, es einst eingefallen ist, dich seligen
Herzens zu bewundern, dich anzubeten. Wohl, es mögen die lieblichen
Bilder deiner Gärten und Auen, deiner Frühlingstage und Sommernächte
zu allen Zeiten Beseligung in dem Menschengemüthe wachgerufen
haben; vor dem Brausen des Sturmes, vor dem Ernste der Einsamkeit,
vor den Gewalten des Hochgebirges aber sind die Kinder der Welt
zurückgeschaudert, wie vor einem übermächtigen Feinde.
Und heute -- je wilder die Gegend, desto schöner; natürlich, wenn gute
Wege in derselben angelegt sind und comfortable Wirthshäuser. Zarte
Frauen mit ihren zarten Kindern steigen heute auf Berge, auf denen
sonst nur der Gemsjäger und der arme Kräutersammler geklettert; es geht
prächtig; und wenn eine Eisenbahn schnurstracks den Berg hinanläuft, um
so besser. Oben steht gar ein Hotel, da ißt und trinkt man, schreibt
sich in’s Fremdenbuch und findet Alles unvergleichlich.
Weil im neunzehnten Jahrhundert die Natur denn gar so schön geworden!
„Touristen!“ Die Sache ist so schnell gekommen, daß die deutsche
Sprache gar kein Wort dafür in Bereitschaft hatte und bis heute noch
keines hat. Ja, gewiß, Sommerfrischen, Gebirgspartien, Touristen
-- das sind Modesachen. Vorläufig noch. Wir werden die Natur einst
wirklich suchen, nicht blos an heiteren Sommertagen, sondern auch,
wenn sie finster blickt und grollt, auch wenn sie in der ehernen
Majestät des Winters ruht. Denn wir werden unsere große, heilige Mutter
+lieben+ und insgeheim an ihren Busen fliehen aus dem Drange der
Welt.
Selbst an den Abelsbergern darf hierin nicht ganz verzweifelt werden.
Und sie sind ja heute schon große Naturfreunde, die Abelsberger.
Erstens liegt Abelsberg ja in einem freundlichen Gebirgsthale, und
zweitens hat ein Abelsberger Wirth über die Thür seines Hauses einen
grünen Baum malen und seine Herberge demnach „Zum grünen Baum“ benamsen
lassen. Und nicht allein das, des Wirthes Sinn für Natur erstreckt sich
sogar bis in den Keller, in dessen bauchigen Fässern -- es ist keine
Fabel, wahrlich nicht! -- Naturwein und blos Naturwein lagert. Und
wer eben Sinn dafür hat -- zwischen den Fässern auch das Plätschern
eines Wasserbrünnleins hört sich anmuthig. Allerdings, Sitzgarten ist
keiner beim Haus; ist auch keine Frage danach. Ein echtes Tröpflein
trinkt sich auch in der räucherigen Gaststube gut. Was Sommerabend! Die
Abelsberger gehen nicht in’s Wirthshaus, um Sommerabende zu genießen.
Wohl aber nehmen sie den Zeitgeist wahr, der -- wie Poeten so schön
sagen -- heute in den Blättern säuselt -- in den Zeitungsblättern
nämlich. Sie sind für’s Erste daher wacker liberal, die Abelsberger,
denn: „Fortschritt und Freiheit!“ sagt der Tischler, und hat diese
Worte in sein Bierglas stechen lassen.
Da standen nun schon seit Jahren zu jeder Sommerszeit Aufsätze in
der Zeitung von der schönen Schweiz. „Ja, die Schweiz!“ meinte der
Webermeister, „von wo der Schweizerkaffee und der Schweizerkäs kommt --
weiß schon davon!“
Allmählich dann zogen sich -- dem Blatte nach -- die Naturschönheiten
der Schweiz auch in’s Tirol und Salzburg herein, und plötzlich in
dem letzten Jahre war eine ganz einzige Großartigkeit aufgetaucht im
eigenen Lande, der Steiermark. Die Admonter Gegend, das Gesäuse und
Eisenerz konnten die Zeitungen gar nicht genug rühmen. Diese hohen,
schroffen Berge, diese wilden Schluchten, diese sausende Enns! In der
Schweiz wahrhaftig nicht schöner zu finden! -- Und mitten hindurch die
Eisenbahn und Touristen aus allen Weltgegenden, und es ist eine wahre
Schande, das Gesäuse nicht gesehen, den Reichenstein und den Buchstein
nicht bestiegen, das Hochthor und den Damischbachthurm nicht bewundert
zu haben.
Da thaten sich die Abelsberger zusammen. „Zu meiner Zeit, wie ich als
Bursche durch’s Ennsthal gewandert bin,“ sagte der Sattler, „da ist mir
nichts aufgefallen; weiß nur, daß ich in schauderlich wilde Gegenden
gekommen bin, und daß ich bei einer Kohlenbrennerei Wasser getrunken
habe. Nu, heute mag’s anders sein.“
„Leute,“ rief der Tischler, „thun wir zusammen, machen wir eine Tour
in’s Gesäuse!“
Das zündete. Eisenbeschlagene Schuhe, Bergstöcke, Weinflaschen,
Würste, Schinken, Spielkarten -- eine „Hetz“ muß es geben! -- Mägdlein
wollten sie auch werben zur Partie. Der Binder und der Pfleger und
der Schulmeisterssohn und Andere -- ihrer neun Stücke sind’s, die mit
Hall und Schall und hellem Uebermuth, wie’s Touristen ansteht, den
Eisenbahnzug besteigen.
Das herbstliche Wetter ist heiter, rein, kühl -- ganz gemacht für
Gebirgstouren. Die daheim bleiben müssen, denken in Wehmuth an die
lustige Reise, und beim Wirth „Zum grünen Baum“ sitzen sie Abends, und
folgen im Geiste ihren touristischen Mitbürgern auf die höchsten Berge
und in die lauschigsten Winkel der Sennhütten.
Am dritten Tage kehrte die Gesellschaft zurück. Sie war etwas
angegriffen, stark ermüdet, und die Meisten hatten Schürfe, blaue
Beulen an Gesicht und Händen und Risse in den Kleidern. Trotzdem wurden
sie sofort in’s Wirthshaus gezogen, wo sie wacker aßen und tranken,
denn -- sagten sie -- die Wirthshäuser hätten sie unterwegs nur von
auswendig gesehen. Naturgenuß sei ihre Hauptsache gewesen! -- Hierauf
sollten sie erzählen.
„Ja!“ sagte der Binder gedehnt, „erzählen! -- Das muß Einer selber
gesehen haben -- nicht wahr?“
Seine Genossen bestätigten es.
„Diese Berge!“ rief der Weber, „diese Hochöfen in Admont, na!“
„Ihr seid doch auch im Stift gewesen?“
„Im Eisenerzerstift, jawohl! So eine Kirche! Nix Zweit’s giebt’s nit!“
„Und auf dem Reichenstein?“
„Da schaut’s grad’ einmal her!“ versetzte der Schulmeisterssohn, und
wies seine zerschundenen Hände vor; „aufwärts, da ging’s, bis wir
in’s Edelweiß kamen. Bis an die Knöchel, sag’ ich Euch, geht Einem
das Edelweiß, just zum Niedermäh’n, auf Ehr’! Dann, wie wir zum Eis
gekommen sind zu den Gletschern, nicht wahr zu den Gletschern?“ wendete
er sich an die Genossen.
„Na, ich dank’!“ stimmten diese bei, „+das+ sind ein bißl
Gletscher!“
„Und der Sonnenaufgang“, sagte der Pfleger, „lohnend, höchst lohnend!
-- Und, in dem Gebirg ist Euch eine +Sonne+! -- ’s ist ein Gaudium
gewesen. Aber halt das Herabsteigen! Sind wir Euch nicht schnurgerade
niedergefahren über die Steinleuten! So gleich etliche zehntausend
Fuß! Gerad’ ein Sauser ist’s gewesen, sind wir herunten auf dem Boden
gestanden.“
„Nu,“ fügte der Schulmeisterssohn bei, „und da haben wir uns so
zerschunden.“
„Und Deine blauen Flecken im Gesichte?“ fragte man den Sattler.
„Ja, dem seine blauen Flecken,“ rief der Schulmeisterische; „nicht um
fünfzig Gulden giebst Du sie her, Sattler, gelt? -- Hat Euch der Sakra
nicht mit einem Steinbock gerauft? Na, und ob!“
Die Leute schlugen über solch unerhörte Abenteuer die Hände zusammen.
„Aber ein Sträußel Edelweiß oder Speik hättet Ihr doch mitbringen
sollen!“
„Ihr schwätzet beim Ofen, wie Ihr’s versteht. Jeder hat seinen Hut voll
Edelweiß gehabt, das versteht sich. Und wie der Kampf mit den drei
Lämmergeiern nicht ist, so bringen wir die schönsten Buschen heim.“
„Kampf mit den Lämmergeiern?“ fragten die Leute, und brachten den Mund
nicht mehr zu.
„Haar’ lassen hätten wir können! Sind noch froh gewesen, daß wir heil
davon gekommen; die Alpenblumen und die paar Hüte sind zu ersetzen.“
„Herr Gott, das war eine Tour!“
-- Sie waren die bewunderten Helden des Städtchens.
Einige Zeit darauf kam an den Vorstand von Abelsberg folgendes
Schreiben:
„Tauern, den 30./9. 1875.
Werther Herr Bürgermeister!
Zu meinem Bedauern muß ich Sie mit einer Angelegenheit belästigen.
Vor etwa acht Tagen kam eine heitere Gesellschaft von neun
Personen in mein Haus, die, wie sie vorgab, aus Abelsberg sei.
Die Herrschaften schienen eine Gebirgspartie vorgehabt zu haben,
blieben jedoch einen und einen halben Tag und zwei Nächte bei mir
und ließen sich zu meinem Vergnügen Küche und Keller wohl munden.
Wie es bei solchen Gelegenheiten schon zu geschehen pflegt,
wurden sie lustig, sangen, tanzten und unterhielten sich mit den
Weibsleuten der Nachbarschaft, die sie zum Tanze beigezogen hatten.
Auch die Burschen der Umgegend, Holzknechte zumeist, fanden sich
ein; da entspann sich zwischen diesen und den werthen Herren
Abelsbergern ein Streit, der Weibsbilder wegen; sie wurden leider
handgemein, wobei zu meinem großen Bedauern die Abelsberger sehr
den Kürzeren zogen. Die Herrschaften waren gezwungen, das Weite zu
suchen und dürften mit einigen diesbezüglichen Spuren nach Hause
gekommen sein. -- Ganz erklärlich ist es unter solchen Umständen,
daß in der Eile vergessen wurde, die kleine Gasthausrechnung zu
begleichen, die Euer Wohlgeboren zu unterbreiten ich hiemit die
Ehre habe:
Zwei Abendessen für 9 Personen 23 fl. 70 kr.
Ein Mittagsessen detto 15 „ 98 „
Zwei Frühstück detto 8 „ 10 „
Wein für 9 Personen 26 „ 48 „
Dem Stubenmädchen für Depurgationen -- „ 80 „
Für eine Weinflasche à 40 kr., und drei
Fensterscheiben à 30 kr., zusammen 1 „ 30 „
-------------
Summa 76 fl. 36 kr.
Um gefällige Notiznahme bittet
achtungsvoll ergebenst
Peter +Streicher+, Gasthausbesitzer in Tauern.“
Der Burgermeister veranstaltete zu Ehren der wackeren Touristen eine
Nachfeier beim „Grünen Baum“. Nachdem die Gefeierten neuerdings und
stets mit mehr Nachdruck und in helleren Farben ihre seltenen Abenteuer
an der sausenden Enns und bei der Besteigung des „eilftausend Fuß hohen
Gletschers Reichenstein“ dargethan hatten, sagte der Burgermeister,
er sei von der Gemeinde beauftragt, den kühnen Mitbürgern ein
Ehrendiplom hiermit zu überreichen -- und las feierlichen Tones die
Gasthausrechnung des Peter Streicher vor.
Ein Abelsberger auf dem Vesuv.
Thomas Treibaus ist ein ehrsamer Viehhändler aus Abelsberg. Er hat sein
Lebtag viele Ochsen gemästet und ist auch selbst dabei fett geworden.
Indeß ließ er sich nicht bethören von den Reichthümern und Rindern
dieser Erde, sein Sinn stand nach Höherem. So hoch seine Ochsen auch
die Hörner tragen mochten, wenn sie vor dem vollen Barren standen, so
hoch die Kälber auch ihre kleinen Schweife schwangen, wenn sie lustig
und flink über die Wiese hüpften -- sein Sinn stand höher.
Da hatte er einmal -- es war zur goldenen Zeit, als er, ein Knabe noch,
die Kuheuter auf der Weide aussaugte, wenn ihm sein Dienstherr zur
Strafe für unachtsames Hüten das Mittagmahl vorenthielt -- hatte er
also einmal durch einen alten Hausirer die Sage von dem feuerspeienden
Berge[1] gehört. Und diese Sage hat einen Funken geworfen in sein
Gemüth, hat -- so zu sagen -- sein bißchen schlummerndes Ideal
entzündet, und das glühte und brannte nun Jahre und Jahre in den Tiefen
seines Herzens, doch ohne daß es Lava spie.
Nebstbei, daß Thomas Treibaus Kälber trieb, Kühe handelte und Ochsen
mästete, ging das Dichten und Trachten seiner sehnenden Seele dahin,
einmal den feuerspeienden Berg zu sehen und -- Ehre seinem Mannesmuthe!
-- zu besteigen.
Und das sollte der Glanz- und Höhepunkt seines vielbedeutenden Lebens
sein, das sollte ihm Ruhm sein im Lande und für späte Zeiten.
Thomas hatte schon Bilder gesehen von dem berühmten Berg, und
Guckkastenmänner kamen zu Zeiten in die Gegend, die hatten das
Ungeheuer in einem Kästlein, ganz wie es leibte und lebte und spie.
Dieser Berg mit seinem glühenden Rachen ist nicht wie der allfort
funkensprühende Schornstein der Schmiede im Thale, nicht wie ein
wildausbrechender Kohlenmeiler! Dieser Berg ist der Hölle Thor und
Schlot; wenn der Teufel eine arme Seele holt, so flattert er mit seinen
ungeheueren, kohlschwarzen Fledermausflügeln da hinein! -- Das weckte
Treibaus’ Sehnsucht erst auf, denn was ein rechter Viehhändler ist,
darf sich vor Hölle und Teufel nicht fürchten.
Und als nach und nach die gute Zeit gekommen war, da sein Bäuchlein
groß, seine Aeuglein klein, sein Näschen roth und sein Beutel schwer
geworden, da gedieh sein Lebenswunsch: „weit und tief in’s Wälschland
hinein!“ zur Reife. Als er hierauf, dem Ideale zuwallend, durch Tirol
kam und durch die Lombardei, war es zum erstenmal, daß er die Leute
nicht gut verstand. Auf der ganzen Reise interessirte ihn nichts, als
der schiefe Thurm zu Pisa, vor dem er drei Stunden lang mit offenem
Munde stand, und die ~fontana trevi~ in Rom, wo versteinerte
Ungeheuer zwar nicht Feuer, aber Wasser spieen.
Dann zog er tiefer nach Süden. Er fühlte es wohl, wie es von Tag zu Tag
heißer wurde, er nahte -- dem feuerspeienden Berge.
Weiteres ist von dem Vorleben des wackeren Thomas Treibaus nicht
bekannt. --
Als ich an einem Septemberabende 1872 am Hafen von Neapel auf und ab
schlenderte, um mir das seltsame Treiben dieses merkwürdigen Volkes
zu betrachten, sah ich einen wohlbeleibten, aber behenden Mann in
Knielederhose und grünberandeter Lodenjacke mit einem Cicerone lebhafte
Gesten machen. Ich sah so von Weitem hin, ich sah, wie der Mann
keck die Füße auseinander stemmte und mit den Händen zuweilen auf
sein wohlgepflegtes Bäuchlein schlug. Trotz des unabsehbar breiten
Strohhutes, der das völlig kreisrunde Gesicht des Mannes halb bedeckte,
und trotz der nackten Waden über den hohen Bundschuhen, sagte ich
nachdrücklich zu mir selbst: „Ich will doch ein Lump sein, wenn das
nicht ein Abelsberger Viehhändler ist!“
Ich lauerte noch ein wenig. Da hub er behäbig an, seine Aermel zu
zerren, zog den Rock aus, daß er in seinen weiten Hemdärmeln, mit
seiner schwarzen Weste, die eine Reihe mächtiger Silberknöpfe und eine
schwere, thalerbehangene Uhrkette trug, und mit einem breiten, weiß
ausgenähten Ledergurte dastand. Nun war für mich kein Zweifel mehr --
ein Landsmann. -- Zu allem Ueberflusse hörte ich ihn noch brummen: „A
Viehhitz’ das, und bis in die spat Nacht eini!“ Darauf sehr laut und
immer mit den Händen fuchtelnd zum braunen, verschmitzt lächelnden
Italiener: „Na, so versteht’s denn wahrhafti nit Deutsch? Auffi, da
auffi möcht’ ih!“ Er deutete gegen den Vesuv, über dessen Spitze
ein leichter Rauch zog. Ein Redeschwall brach los aus dem Munde des
Cicerone, aber ein wälscher Redeschwall; und mein Landsmann schüttelte
das Haupt und wollte weiter trippeln.
Da rief ich, auf ihn zueilend: „Vetter, grüß Gott!“
Zuerst war er einen Augenblick verdutzt, dann aber schrie er, die Hände
ausbreitend: „Jessas, Jessas, das -- ja, das ist ja wieder einmal an
ordentlicher Mensch -- a Landsmann! -- Freili, freili -- na, ih trau
mir’s z’sagen: o fett’s Paar Ochsen kunnt mir die Freud’ nit machen! --
Grüß Ihna Gott! Sag’n S’, Landsmann, sein S’ a z’weg’n dem da kemma?“
Er deutete gegen den Vesuv.
Das war das Finden und Binden -- er schwur mir ewige Freundschaft. Wir
gingen in eine Osterie, dort erzählte er mir seine Lebensgeschichte und
sein höheres Streben nach dem feuerspeienden Berg, wie er sich wundere,
daß dieser weltberühmte Berg grün und grau wie alle anderen Berge still
dastehe, nicht ringsum glühe und kaum ein Rauchwölklein habe -- wie es
sich schier nicht des weiten Weges lohne, wie er den Berg aber trotz
alledem morgen mit dem Frühesten zu besteigen gedenke.
Ich hatte auch dieselbe Absicht, und so beschlossen wir, zusammen die
Partie auf den Vesuv zu machen.
Ich habe nie noch einen glücklicheren Menschen gesehen, als meinen
Viehhändler an demselben Abend.
„Heut’ zahl’ ich Alles!“ rief er wiederholt, seine schweren Fäuste mit
den Hemdärmeln auf den Tisch schlagend; und wie sein Antlitz so lachte
und leuchtete, da war es Vollmond in der Weinstube.
Am andern Morgen -- es lag noch Finsterniß über den Wassern -- war
es meines neuen Reisegefährten Erstes, daß er mir zeigte, wie er
seinen rothen Regen- und Sonnenschirm praktisch zu einem Bergstock
eingerichtet habe. Dann sagte er ernst und ergriffen: „Also heute!
Heute! Und das Paraplui da heb’ ich mir auf zum ewigen Andenken!“ Der
gute Mann fühlte sich verpflichtet, angesichts seines großen Zieles
möglichst hochdeutsch zu sprechen.
Wir fuhren bis zum nächsten Städtchen Resina. Dort nahmen wir zwei
graue Esel und einen braunen Führer und begannen die Wanderung aufwärts.
„Vor Banditen fürcht’ ich mich gar nicht, gelt?“ sagte Thomas, als er
so neben mir auf dem Esel wackelte. Er wollte fragen, ob er wohl Recht
habe, daß er sich nicht fürchtete.
„Und wenn Einer kommt, meiner Seel’, ich schlag’ zu!“ er hob seinen
Regenschirm, setzte aber beruhigt bei: „Na, so leicht kann nichts
geschehen, es sind unser Fünfe.“
Mein Esel warf ihm einen dankbaren Blick zu.
Wir ritten zwischen berankten Gartenmauern hin und durch ein Wäldchen
von Obstbäumen und an Weingärten entlang. Der Morgen graute und die
schwarze Masse des Berges vor uns stach deutlicher von dem Himmel ab.
Wir bogen nördlich und sahen hinaus über das Meer, auf welchem in der
Dämmerung wie vor der Schöpfung Nebel und Wasser noch nicht gesondert
schien. Da kamen wir über braune, schrollige Lavaströme -- hier stieg
mein Thomas zum erstenmale ab, befühlte den rauhen, schründigen Boden
und schüttelte den Kopf.
„Wie könnten das schön fruchtbare Auen sein,“ sagte ich, „aber der
Vesuv!“
„Ueberhaupt,“ entgegnete mein Landsmann, „das italienisch Land ist
nicht das, was der Leut’ Reden daraus macht. Was, südlicher Himmel! Der
ist auf unseren Bergen just so blau und rein! Die Sonne hier scheint
gar nicht heller, aber heißer wie daheim, und das -- halt, Eselein,
schmeiß mich nicht ab! ’s ist aber auch ein verdrumpfter Weg in diesem
italienischen Paradies, ’s giebt überall so viel Steine, wie bei uns
daheim, und Heiden und Sümpfe und Nebel. Wein wär’ schon recht, wenn er
nicht warm wär’; die Feigen wären süß, wenn man sich damit nicht den
Magen verderben thät. Und sonst auch, im Brot ist kein Salz, in der
Suppe kein Schmalz, und Knödel ist schon gar keins zu sehen. Jetzt,
frag’ ich, was ist das für ein Land?“
Mein Thomas war bei diesen Worten so böse geworden, daß er seinem Esel
Eins in die Weichen gab.
„Und doch,“ versetzte ich seiner Rede, „soll Italien das Wunderland
sein, wo ein offenes Herz und ein offener Sinn auch das schönste Ideal
durch eine noch schönere Wirklichkeit übertroffen findet.“
In diesem Augenblick strauchelte mein Esel, daß ich schier über die
Lavaschollen gepurzelt wäre, und das Gespräch war unterbrochen.
Es war licht geworden, unten reihten sich Städte an Ruinen, Landhäuser
an Mauertrümmer, Gärten an Schuttlehnen. Das Meer lag in matter Bläue,
dort und da ein weißes Segel, wie ein vom Himmel gefallenes Sternchen.
Ueber Neapel zog sich ein Nebelstreifen weit hinaus auf die hohe See.
Als wir zur Einsiedelei kamen, hätte mein Thomas für sein Leben gern
den Einsiedler gesehen. Aber der Gute hatte sich wahrscheinlich des
Abends zuvor zu lange kasteit, und so ruhte er nun noch in den Fed--,
das heißt auf der härenen Decke.
Im Wirthshause des Observatoriums angelangt, genossen wir Wein und
Trauben und unser Führer erzählte uns von den Zerstörungen, welche der
letzte Ausbruch des Vesuv in der Umgegend angerichtet hatte. Unter
den zahlreichen Verunglückten war auch sein Bruder, welcher auf der
Wallfahrt nach St. Giuseppe von dem Unheil erreicht wurde.
„Und Vieher sind doch keine zu Grunde gegangen?“ fragte Treibaus
theilnehmend. Zum Glücke hatte ihn der Bursche nicht verstanden.
Die Esel ließen wir beim Observatorium. Der Führer begann seine
mitgetragenen Stricke in Bereitschaft zu halten, und es kam eine
äußerst schwierige Fußwanderung den Kegel hinan. Glatt und schroffig
und schründig ist die Lava, und dann wieder wollen die Füße versinken
in schwarzen Aschenstaub. Wir waren auf der Nordwestseite, folglich im
Schatten, obwohl die ganze herrliche Gegend unten lange schon im reinen
Sonnenlichte lag. Der Himmel war tiefblau, aber je näher wir der Höhe
kamen, desto mehr umhüllte ihn eine dunstige, röthliche Atmosphäre und
wir rochen Schwefel. Wir sahen, wie der Rauch da oben emporqualmte, wie
er immer röther und glühender wurde, und wie -- „Jesus Maria!“ rief
Thomas, „g’rad’ jetzt hebt er an zu speien!“ und wollte abwärts eilen.
Der Sonnenball stieg empor just über dem Krater durch den wirbelnden
Rauch, roth und sprühend, wie ein Klumpen Gluth. Der Führer
drängte, half uns weiter und bald waren wir zu Rande. Zu Rande an
den Kratern, den dampfenden Schründen und Klüften, bunt in hellen
Farben, wie Salamander, tief dröhnend zuweilen, grollend, ächzend,
wie ein Leidenschaftskampf im Herzen, wie ein böses Gewissen -- der
feuerspeiende Berg, der Hölle Thor und Schlot.
Mein erschreckter Blick wendete sich zurück zu dem milden, sonnigen
Lächeln der Welt. Nun lag Neapels glitzernder Halbmond in Reinheit da.
Rückwärts die grüne, mit Städten und Villen besäete Ebene von Casoria;
dann zogen sich hin die milden, sammtähnlichen Höhen von Camaldoli, die
schroffen Berge der Inseln Procida und Ischia -- dann die unabsehbare
Meeresweite, an Bläue und Klarheit wetteifernd mit dem Himmel. O, das
Meer mit seinem zarten Sonnengefunkel in den Wellen, mit dem lieblichen
Spiel der winzigen Segel und Masten, mit seinem Horizont, so weit und
unerreicht, den nur die Sehnsucht mißt!
Weiter links die dunkeln Berge von Capri und die lichten Felswände
von Sorento, und der dämmerige Gebirgszug des Monte Albino, und das
liebliche Sarnothal mit der röthlichen Trümmerstätte Pompejis.
Uns gegenüber aber, im Nordosten, ragen in einem wilden Halbkessel die
kahlen, todten Wände des eingestürzten Kraters Somma, eine Ruine der
Hölle, -- und in weiter Ferne die Höhen des Monte Matese und Vergine.