bissig.
„Keineswegs,“ antwortete der Amtmann, „doch zeigen wir Euch an, daß Ihr
laut hohen Auftrags hiermit verhaftet seid!“
„Wer? Ich? Ich, der Schullehrer, verhaftet?! Mein Herr!“
Es gab eine Scene. Während sich im Städtchen Alles auf das Fest
rüstete, wurde der Schulmeister in den Gemeinde-Arrest von Abelsberg
gethan. Dort saß er eine Woche lang, saß in der Fastnacht, saß am
Aschermittwoch.
Und als die Schule wieder beginnen sollte, wußte sich der Amtmann nicht
zu helfen; er schrieb an den Gutsherrn in die Residenz:
„Wohledler, gestrenger und gnädigster Herr! Unterzeichnete Behörde
untersteht sich unterthänigst anzufragen, was mit dem Schulmeister,
an welchem der gnädigste Befehl vollzogen worden, weiters zu
geschehen habe. In devotester Ehrerbietung das Amt Abelsberg.“
Der Gutsherr schrieb nach einiger Zeit zurück: „Was für ein
Schulmeister und was für ein Befehl? Ich weiß nichts. Unterzeichnet
L. L. von S.“
Darauf schrieb das Amt in Abelsberg: „Hochgeborner, gnädigster
Herr! In Anbetracht des Auftrages, welchen Hochdieselben zu dero
feierlichem Geburtsfeste zu geben geruhten und welcher dahin
lautete, den Schulmeister einzuschließen, rapportirt ein Gefertigtes
dienstschuldigst, daß besagter Auftrag respectirt und ausgeführt
worden ist und Delinquent sich bis dato in Gewahrsam befindet. In
ehrfurchtsvollster Erniedrigung
Amt Abelsberg.“
Hierauf ein umgehendes Schreiben vom Gutsherrn:
„Amtmann, Ihr seid ein Esel. Laßt Euch Schreiben Nr. I erklären.
L. L. von S.“
Deß war der Herr Amtmann etwas indignirt. Er besprach sich mit seinem
Schreiber und Beide kamen endlich darin überein, daß das Geschätzte Nr.
I vom gestrengen Herrn in Sachen des Geburtsfestes mißverstanden worden
sei. Dasselbe lautete wörtlich:
„Komm diesmal nicht nach Abelsberg, wünsche aber, daß das Fest wie
gewöhnlich und mit Einschluß des Schulmeisters gefeiert werde.
L. L. von S.“
Der Schreiber vermuthete, daß der gnädige Herr etwa könne gemeint
haben, mit in’s Fest und zum Festessen solle man den Schulmeister,
der ja sonst seiner Widerhaarigkeit wegen oftmals umgangen wurde,
einschließen, und nicht in den Gemeindekotter.
„Ja!“ machte der Amtmann die Achsel zuckend, „mit mir muß man ohne
Umschweife reden, ich kenne keine Zweideutigkeit.“
Noch an demselben Tage wurde der Schulmeister auf freien Fuß gesetzt,
jedoch mit dem strengen Bedeuten, in Zukunft sich besser zu hüten!
Der Schulmeister war überzeugt, daß ihn seine aufrührerische Gesinnung
in das Gefängniß gebracht habe und befliß sich, fürder sanftmüthiger zu
sein.
Der Thurmbau zu Abelsberg.
Die Neudorfer hatten an ihrer Pfarrkirche zwei Thürme, so wollten die
Abelsberger an der ihren auch zwei Thürme haben.
Der eine, der schon stand, war recht sauber und schlank und hatte
oben ein Kröpflein, an welchem die Schwalben allerlei Narretheien und
Liebschaften trieben, und hatte ein paar Glocken, die täglich dreimal
zum Essen läuteten, und hatte eine Uhr, die den Schlaraffen von
Abelsberg zu Lieb’ kurzen Tag und lange Nacht machte. Die Nacht aber
ist den Abelsbergern der eigentliche Tag, da sind sie munter, da sind
sie beim Zeug. Ihr „Zeug“, das ist der Schoppen und das Kartenspiel und
wieder der Schoppen, und um sechs Uhr Abends ist zu solchem Tagwerk der
Morgen, und um neun Uhr ist Mittag, und um zwölf Uhr ist Abend, und
Jeder geht gleich am Abend nicht gern heim, Mancher bleibt noch gern
ein wenig „in die Nacht hinein“.
So schöne Zeitrechnung macht der Thurm mit seinen Glocken und mit
seiner Uhr. Darum giebt es Leute zu Abelsberg, die sagen: „Wenn’s bei
Einem Thurme schon so schön ist, wie müßt’s erst sein, wenn wir zwei
Thürme hätten!“
Andere freilich meinen, das wäre dummes Geschwätz, ein zweiter Thurm
wäre schon recht, aber nur zur Ehre Gottes.
Im Rathe aber saß ein Lästerer, der sagte: „Ich stimme nicht für zwei
Thürme, jeder Ochs hat zwei Hörner.“
Der mußte auf der Stelle abdanken.
Alle Anderen wollten einen zweiten Thurm; so stand Einer auf und sprach
das Wort: „Geld zusammenschießen!“
Der Mann mußte abdanken.
Endlich hielt ein Dritter eine Rede und sprach: „Wenn, meine Herren,
jeder Ochse zwei Hörner hat, so wird mein erster Herr Vorredner auch
zwei Hörner haben --“
Der Mann wurde mit einem „nichtendenwollenden“ Applaus unterbrochen;
nach einer längeren Weile erst konnte er fortfahren: „Und wenn, meine
Herren, der Thurm zur Ehre Gottes erbaut werden soll, so kann und darf
das doch wohl nicht durch profane Mittel geschehen. Meine Herren! Jeder
von uns kann auf die Brust schlagen und sagen: Mein Geld ist sündig!
(Bravo!) Ich bediene mich nicht des schärfsten Ausdrucks, wenn ich
sage, es wäre Gotteslästerung, aus solchem Stoffe dem Herrn einen Thurm
zu bauen. (Sehr gut!) Mein Vorschlag ist daher folgender: Die Mittel
zum Thurmbaue mögen nur durch schlichte, ungebuchte Beiträge frommer
Seelen, durch Almosen beschafft werden. Ich stelle den Antrag, daß in
der Kirche an jener Seite, wo der zweite Thurm sich erheben soll, ein
Opferstock aufgestellt werde, in welchen der wohlhabende Mann frommen
Sinnes seine Silberlinge, sowie die arme Witwe ihren Pfennig legen mag.
Die Verwaltung der Opfercasse darf unbedenklich unserem ehrenwerthen
Küster Thomas Reckenschlauch übertragen werden.“
Ueber solche Rede hätten sie den Antragsteller am liebsten allsogleich
zum Burgermeister gemacht. Leider war das dritte Jahr des alten noch
nicht um.
Der Opferstock für Spenden zum Bau des zweiten Thurmes wurde in der
Kirche aufgerichtet; der ehrenwerthe Küster Thomas Reckenschlauch wurde
zum Cassenwart gemacht -- und so war der Same gelegt zum Thurme, der
sich dereinst neben dem alten erheben sollte, oben mit einem Köpfchen,
an welchem die Schwalben allerlei Narretheien und Liebschaften treiben,
mit ein paar Glocken, die täglich dreimal zum Essen läuten, mit einer
Uhr, die kurzen Tag und lange Nacht macht.
Das Ding keimte. Die arme Witwe kam mit ihrem Pfennig und der reiche
Mann kam -- auch mit seinem Pfennig. Silberlinge sind zu profan für
einen Thurm Gottes.
Der Küster waltete treu seines Amtes und war -- nebstbei gesagt --
nicht der Mann, der den Abelsberger in sich verleugnete. Die Kirche
hielt er die längste Zeit des kurzen Tages sorgsam geschlossen --
stand ja doch der „goldene Hirsch“ offen zu jeglicher Stunde. Jener
goldene Hirsch, den der wackere Küster einmal in einer sinnigen Rede
verherrlicht hatte: „Der Hirsch gemahnt an uns selbst, die wir uns
sehnen nach dem Kruge, wie der Hirsch nach der Quelle. Das Goldene an
dem Hirschen versinnlicht uns, daß der Wirth zum „goldenen Hirschen“
eitel Gold begehrt von seinen Hirschen, denen, während sie im Hirschen
sitzen, daheim von den Weibern bisweilen die Geweihe aufgesetzt werden.
Darum lebe der Hirsch! Er lebe hoch!“
Der ehrenwerthe Küster Thomas Reckenschlauch trug an seinen Geweihen
eben nicht schwer -- ihm war das Trinken schon lieber, als das Küssen
-- so trank er und trank wie ein Abelsberger.
Da geschah es eines Abends, oder vielmehr eines Morgens, als es --
wie er so schön sagte -- „vom Zechen zum Blechen kam,“ daß er sein
Geldbeutelchen vermißte. Gottswahrhaftig, das lag daheim bei seinem
Weibe. Bevor er aber noch den „goldenen Hirschen“ um einen Credit
angehen will bis auf morgen -- eigentlich nur bis auf heute -- bis er
nach Hause geht, sich ausschläft und wiederum kommt -- entdeckt er in
seiner Hosentasche das Opfergeld für den Thurmbau, das er Tags zuvor
erst aus dem Opferstock genommen hatte, wie er es allwöchentlich zu
thun pflegt. Das reicht für die Zeche -- es bleibt sogar noch etwas
übrig.
Was? Uebrig bleiben? Nein, das läßt sich ein Abelsberger nicht
nachsagen. Was nützt die Thurmspitze, wenn der Thurm versoffen ist!
„He, Wirthshaus! Frisch eingeschenkt, wir bleiben sitzen.“
Und als es morgen ward und der letzte Knopf vertrunken war -- der
letzte Knopf vom Thurmgeld -- da stand der Küster Thomas Reckenschlauch
auf. That aber nicht gut daran, denn auf der Stelle wollte er wieder
umfallen. Indeß, es ging und der Weg schräg über den Kirchplatz hin war
nicht zu verfehlen. Anfangs allerdings hielt sich der Küster etwas zu
sehr rechts, um später ein bißchen zu viel nach links abzuschwenken.
Als er mitten auf den Platz kam, blieb er stehen, so gut es ging und
starrte auf den Kirchthurm hin und begann zu kichern. -- „’s ist
richtig“, stammelte er, „das Thurmgeld -- er steht schon -- der zweite.
Ach -- der Tausend, was das schön ist! Ganz wie in Neudorf! Hi, hi!
Zwei Thürme auf der Abelsberger Kirchen!“
Und taumelte entzückt nach Hause.
Eine angenehmere und billigere Bauart giebt’s nicht. Und nachdem nun
der ehrenwerthe Küster Thomas Reckenschlauch die Entdeckung gemacht
hat, wie man in Abelsberg Thürme baut, so soll es nicht allzuselten
geschehen, daß er sein Geldbeutelchen beim Weibe daheim läßt und
zufällig immer nur die Wochenausbeute vom Opferstock im Sack hat -- und
daß er dann beim Nachhausegehen regelmäßig auf der Kirche den zweiten
Thurm neben dem ersten stehen sieht.
Und der Küster räth es Jedem, der in Abelsberg zwei Thürme haben will:
„Geh’ hin und thu’ desgleichen!“
Zu Abelsberg beim Spielchen.
Sollte es zwar nicht erzählen, denn ich hab’s nicht gesehen. Sie
schlossen sich dabei ein -- der Herr Pfarrer von Abelsberg und sein
Bruder, der Hochbergreichhofer. In der Oberstube saßen sie und
ließen sich’s gut geschehen und spielten Karten. Aber nicht etwa ein
verbotenes Spiel! -- i bewahre -- beim Pfarrer! „Brandeln“, „Zwicken“,
ein wenig „Mauscheln“ mitunter, das war der Zeitvertreib.
„Na, ich dank’ schön für einen solchen Zeitvertreib!“ sagt zwar der
Hochbergreichhofer, kommt aber nichtsdestoweniger jeden Sonntag von
seinem Berg herab, läßt sich zur Jause laden, versitzt den ganzen
Nachmittag bei seinem Herrn Bruder und verspielt jedesmal sein ganzes
Geld.
Hingegen muß er stets auf dem Ehrenplatz sitzen, an der Wand auf
weicher Lederbank, während der Pfarrer ihm gegenüber mit dem Holzstuhl
fürlieb nimmt. Und hernachen -- wie schon angedeutet worden -- ganz
abgeschlossen waren sie doch nicht von der Welt. Die Köchin durfte
in die Oberstube -- und das lohnt sich im Pfarrhof immer, denn mit
leeren Händen erscheint so ein Frauchen selten. Sie ist ja Herrin
der Küche und von Allem was dazu gehört, und an ihrem Schürzenband
hängen die Kellerschlüssel. Was also den alten Wein anbelangt -- er
war ein Jahrgänger mit dem Hochbergreichhofer, der in dem gesegneten
Vierunddreißiger-Jahr zu dieser Welt gekommen war -- und was die gut
geräucherten Schinken betrifft und den Gugelhupf und den Kaffee, und
dann den wohlgetrockneten Knaster, den sie aus langen Pfeifen rauchten,
so konnte der brave Hochbergreichhofer das Sonntagsspielchen bei seinem
Herrn Bruder nimmer missen. Mit Speis’ und Trank suchte er sich, so gut
es ging, zu entschädigen für die Zwanziger, die aus seinem weltlichen,
hundsledernen Geldbeutel allzu frommen Sinnes dem geistlichen Herrn
zusprangen. Der Hochbergreichhofer hatte doch das Kartenspielen von
Jugend auf getrieben und war nicht arg dabei zu Schaden gekommen. Aber
im Pfarrhofe versagte ihm das Glück.
Trotzdem ging er jeden Sonn- und Feiertag zum Nachmittagssegen und
machte nach demselben den kleinen Besuch beim Herrn Bruder, den er erst
spät Abends häufig mit etwas verrücktem Schwerpunkte verließ.
„Grüß’ Dich, grüß’ Dich, Bruder!“ empfing ihn der Pfarrer, „setz’ Dich
doch auf Deinen Platz.“
„Aber immer auf dem Polstersitz, nein, Bruder, das geht doch nicht; der
geistlichen Weih’ gehört die Ehr’ zu!“
„Bitte, Du bist der Gast! Nur keine solchen Umstände!“
So oftmals der edle Wettstreit, bis endlich Jeder stets wieder auf dem
alten Fleck saß bei der Gottesgab und beim Gebetbuch des Teufels, wie
der Herr Pfarrer die Spielkartenblätter nannte. Und wenn dann das gut
gebratene Schweinerne kam, so schob der Pfarrer Messer und Gabel hin
und rief: „Bruder, stich die Sau!“ Das that der Hochbergreichhofer wohl
hier in Natur, aber in den Karten vermochte er’s selten. Oft genug kam
ihm ein guter Trumpf in die Hand, aber der geistliche Herr spielte mit
so schlauer Berechnung, daß der Bauer einmal rief: „Du, Herr Bruder,
geistlich Weih’ ausgenommen, Du hast falsche Karten!“
„Lapp!“ lachte der Pfarrer, „das kannst ja anders machen. Nimm für’s
nächstemal +Deine+ Karten mit.“
„Das ist eine Red’.“
„Aber, was ich Dir sagen wollt’, Bruder. Am nächsten Sonntag geh’ nicht
in die Predigt, ich rath’ Dir’s.“
„Ja, hörst, wesweg soll ich denn nicht in die Predigt gehen?“
„Weißt Bruder, nächsten Sonntag ist das Evangeli von dem ungerechten
Haushälter und da muß ich einmal gegen das Kartenspielen predigen. Die
Leut’ wissen Deine Passion, kunnt Dir unangenehm sein in der Kirch’.“
Ging der Hochbergreichhofer also nicht in die Predigt; die Leute aber
sagten nach derselben: „Scharf ist’s niedergangen heut’, höllisch
scharf, und seinen Bruder hat er gemeint. Ist er nicht in der Kirch’
gewesen, der Hochbergreichhofer?“
Der aber ging wie gewöhnlich zum Nachmittagssegen und hatte richtig
sein eigenes Spielkartenbüschel bei sich. Er traute dem Herrn Bruder
nicht mehr recht; der hatte beim Spiel auch immer einen so schiefen
Blick, sah ihn an und sah doch wieder an ihm vorbei -- ein rechter
Judasblick, die geistlich’ Weih’ in Ehr’!
Und als er in die Stube trat, rief der Pfarrer: „Na, grüß’ Dich,
Bruder, setz’ Dich wieder auf Dein Platzl. Hast Karten bei Dir?“
Sie spielten mit den Karten des Hochbergreichhofers; der Pfarrer hatte
wieder den schielenden Blick, der dem Partner wohl über die Achsel,
aber nie in’s Auge sehen konnte, und der Bauer verlor, wie immer.
Da kam diesem plötzlich der Zorn: „Was schaust mir denn nicht in’s
Gesicht, Pfarrer? Hast ein schlechtes Gewissen?“
Zum Glück kam in diesem Augenblick die Köchin mit dem gebratenen Huhn.
Sie war noch ein recht reputirliches Frauenzimmer und allerweil woltern
nett angezogen. Heute hatte sie gar eine Pfingstrose im Haar, that
einen Blick über den Hochbergreichhofer hin an die Wand und ordnete die
Rose.
Was denn da ist, an der Wand? dachte der Bauer, wendete sich und sah --
den Spiegel.
Die Faust mit dem Kartenfächer fest auf den Tisch gepreßt erhob er sich
langsam -- starrte in den Spiegel, in welchem sein ganzes Kartenspiel
offen lag -- starrte dem Pfarrer in’s Angesicht und murmelte: „Jetzt,
Herr Bruder, jetzt bin ich gescheit. Ja, hörst, wenn Du einen Kameraden
hast, der mir in die Karten schaut, nachher -- nachher glaub’ ich’s
gern!“
Der geistliche Herr that einen schreckhaft lauten Lacher. „Endlich!“
rief er, „endlich einmal! Na, Zeit ist es, daß Du gescheit worden bist.
Hättest mir aber noch eine Weil’ stillgehalten unter dem Spiegel, wär’
mir nicht unlieb gewesen, hätten +von+ Deinem Gelde noch lange gut
gegessen und getrunken.“
„Und wär’ Dein Spitzbubenstückel +gar+ nicht aufgekommen, so wär’s
Dir noch lieber gewesen!“ sagte der Hochbergreichhofer.
„Geh’, gift’ Dich nicht!“ rief der Pfarrer und lachte noch immer, „laß’
uns jetzt essen und trinken, heut’ wird es das letztemal sein, daß Du
die Jause zahlst.“
Ein Abelsberger Kalbskopf.
Der Tabak-Simerl lehnte an seinem Tabakskasten und hatte -- gestehen
wir’s offen, denn es läßt sich nicht leugnen -- einen Rausch. Auf
dem Kasten stand eine Flasche, die sich in dem Verhältnisse, als sie
geleert worden war, verdoppelt hatte, so daß sie jetzt dastand -- zwei
in eins und eins in zwei -- wie die siamesischen Brüder.
Es war zwölf Uhr Mittags. Da schellte es an der Thür. Der Postbote trat
ein und überreichte dem Tabak-Simerl ein Briefchen. Der Simerl that’s
mit umständlicher Mühe auseinander und las nicht ohne Umstände:
„Lieber Freund und Simerl!
Bei uns ist gemetzgert worden. Erweis’ mir die Ehr’ und komm’ heute
Mittags 11 Uhr zu mir zum Kalbskopf.
Mit Grüßen
Jakob K.
Bäckermeister.“
„Das ist schön von ihm,“ dachte oder sagte der Simerl zu sich, „daß
er mich zu seinem Kalbskopf einladet. Aber um +eilf+ Uhr, und
jetzt ist’s schon +zwölf+! Du verfluchte Post! Ob er mir’s nicht
zu Fleiß thut, dieser sikraments Postschreiber, dieser neue, der mir
jetzt auch schon den Tabak wegnehmen will, und gar anhebt die Leut’
zu rasiren, mir zu Trutz ihnen das letzte Haar auskratzt mit Putz und
Stingel, daß gar kein’s mehr wachst, und ich verdursten kann, wie ein
Schwamm auf dem Ofen; zu Fleiß, daß er mir meine Briefe alle verspätet
zuschickt. Keinen rostigen Pfennig verwett’ ich, er unterschlagt mir
auch noch welche. Dem thu’ ich noch was an! Vor der Hand soll er’s
jetzt erfahren, wie’s taugt, wenn man gefoppt wird. Einen Narren muß er
mir machen, und giften muß er sich heut’, und ausgelacht muß er werden
vom ganzen Dorf. Ich thu’ ihm’s an, oh, ich bin nicht so dumm!“
D’rauf setzte er sich hin und schrieb an den Postbeamten folgende
Zeilen:
„Lieber Postschreiber!
Bei uns ist gemetzgert worden. Erweisen mir die Ehr’ und kommen
heut’ Mittags um 1 Uhr zu mir zum Kalbskopf.
Mit Grüßen
Jacob K.
Bäckermeister.“
Vor dem Fenster ging gerade ein Söhnlein des Bäckermeisters vorüber,
das rief er an: „Du Bübel! Du gehst ja an der Post vorbei. Gelt, Du
bist so gut und giebst mir den Brief geschwind dem Postschreiber
hinein. Da hast einen Kreuzer, der gehört Dein.“
Das Knäblein lief mit dem Briefchen zum Postbeamten. Der Tabak-Simerl
lachte sich in die Faust.
Und als es Eins geschlagen hatte, ging er hin und schlich um das
Haus des Bäckers Jacob und lugte durch das Fenster, wie dumm der
Postschreiber dastehen werde, wenn er zum Kalbskopf erscheine und hören
müsse, der Kalbskopf sei schon vor zwei Stunden verspeist worden, auch
wäre der Postschreiber gar nicht dazu geladen gewesen.
Aber als der Simerl durch’s Fenster guckte, da sah er, wie der Bäcker
Jacob und der Postbeamte in heiterster Laune beim Kalbskopf und beim
Weine saßen.
„’s ist einmal gedeckt für einen Zweiten,“ lachte der Bäckermeister,
„und ist’s der Eine nicht, so ist’s der Andere. Und will ich’s
aufrichtig sagen: Sie, Herr Postmeister, sind mir lieber als wie
der alte besoffene Griesgram. Aber, wissen Sie was, machen wir
Bruderschaft: Sollst leben!“
Lustig stießen sie an und der Simerl zog mit langer Nase ab. Er
konnte sich das Ding gar nicht zurechtlegen. Noch einmal las er seine
Einladung zum Kalbskopf, und nun klärte sich’s auf. Da stand’s ja
schwarz auf weiß, genau, wie er’s selbst dem Postschreiber geschrieben
hatte: „Erweis’ mir die Ehr’ und komm’ heute Mittags um 1 Uhr --“
Wie der Irrthum möglich war? Der Tabak-Simerl hatte in seinem Dusel den
Einser +doppelt+ gelesen.
Diesen Kalbskopf vergißt er nimmer, man könnte sagen: er liegt ihm im
Magen, trotzdem, oder eben, weil ihn ein Anderer speiste; aber nein,
der Simerl hat eher das Gefühl, als wie wenn ihm das Ding auf den
Schultern säße. -- In solch’ ungewissen Stunden schleicht er hinab zu
seinem Kellerfäßchen und entschädigt sich mit
„Trinken, trinken,
Bis die Aeuglein sinken.“
Die Abelsberger der Majestät.
„Geschehen muß was!“ sprach der Vorstand im hohen Rathe zu Abelsberg,
„denn warum muß was geschehen? Weil uns oberen Orts ist kundgemacht
worden, daß sie in drei Tagen durchfährt. Sie hat’s gern, wenn was ist,
und von den Abelsbergern wird was erwartet.“
„Aber was! Ich hab’ noch keinen blassen Nebel davon,“ rief der
Hirschenwirth, „ist Dir was eingefallen, Vorstand?“
„Bei einem Haar wär’ mir was eingefallen,“ berichtete dieser, „just ein
klein bissel ist mir die Nacht zu kurz worden. Die ganz’ Nacht hab’ ich
mich zerstudirt, daß mein Weib schon toll ist worden, und g’rad wie mir
was will in den Kopf kommen, geht der Morgenstern auf, und aus ist’s,
gar ist’s mit dem Simuliren.“
„Darf ich reden?“ fragte der Färbermeister.
„So viel Du willst,“ sagte der Vorstand, „ich weiß eh nichts mehr.“
So sagte der Färber: „Was werden wir denn machen? Ich denk’, so
ein Volksfest richten wir her; die Oberziller Musikbande, den
Zitternschlager-Maxl, einen Triumphbogen da oben bei der Mauth, ein
Paar Baumkraxler, ein paar rinnende Weinbrunnen und wenn sie kommen,
daß ein feister Ochs niedergeschlagen wird auf dem Platz!“
Die Idee war groß, er blickte in die Runde des hohen Rathes. Aber der
Rath Hufschmied stand auf und sagte: „Das ist nichts, das hat sie
hundertmal schon gesehen und besser, als wir’s zuweg bringen. Das
Triumphbogenbauen ist keine Kunst, wo so viel G’reisig zu Handen ist,
als wie bei uns, und das Ochsenniederschlagen auch nicht. Wir müssen
in die Zeitung hineinkommen! Wir müssen was machen, was die Majestät
noch nicht gesehen hat, was Kopf und Fuß hat und was den Abelsbergern
Ehr’ macht. -- Na ja, versteht sich, daß ich was weiß. Unser Volk im
Feiertag, in seinen Lustbarkeiten vorstellen, auf das halt’ ich nichts;
die Herrschaften, wenn sie nie was Anderes sehen, thäten ’leicht
glauben, hierzuland hätten wir alleweil Sonntag. Bei ihrer Arbeit muß
man den Leuten zuschauen; das wird die hohen Herrschaften unterhalten
und sie lernen was dabei. Desweg sag’ ich, daß wir da ober Abelsberg an
beiden Seiten der Landstraße in Gruppen die Arbeiter, als den Landmann,
den Handwerker, den Jäger, den Halter, den Holzhauer und wie sie halt
alle sind, mit ihren Verrichtungen aufstellen -- und wenn die Wägen
kommen, sollen die Leut’ flink arbeiten. Das ist mein Rath.“
Der Mann, der die Schrift führte, wollte sofort in die Chronik
schreiben, daß am 24. August des Jahres 1828 nach Christi Geburt im
Rathe zu Abelsberg eine gescheite Rede gehalten worden wäre. Der
Vorstand nahm nun das Wort und sagte: „Ich halte nichts darauf, daß
unser Volk allemal im Feiertag und Lustbarkeit da ist. Die hohen
Herrschaften lernen nichts dabei. Den Leuten muß man bei ihren Arbeiten
zuschauen, und so ist meine Meinung, daß da oben an der Landstraße
Arbeitsleute aufgestellt werden sollen: der Bauer, der Schlosser, der
Rastelbinder und wie sie halt alle nacheinander her sind -- und daß sie
fleißig arbeiten, wenn die Wägen vorüberfahren. -- Sein die Manner mit
mir einverstanden?“
„Vorstand!“ rief ihm der Rath Schneider zu, „für das wirst Du Baron!“
Der Hufschmied machte ein langes Gesicht. Der Vorschlag des Vorstandes
wurde angenommen. --
Nun gab’s ein paar Tage lang Arbeit über Arbeit. -- Den Rastelbinder
brauche man eigentlich nicht dabei, bedeutete man dem Vorstand, denn
es wäre keine einheimische Figur, die käme nur so zu gelegener Zeit
aus Schlovakien daher. Aber der Handel und Wandel des Landes müsse
zum Ausdrucke kommen, daß die Majestät ein vollständiges Bild von dem
Leben und Treiben der Bevölkerung gewinne. Es wäre nur zu verhüten,
daß nichts dabei vorkäme, was auf den Landesvater einen unangenehmen
Eindruck machen könne.
Und am vierten Tage sollte die Durchfahrt des Kaisers Franz
stattfinden. Des alten Kaisers Franz, der noch auf keiner Eisenbahn
fahren konnte, der im Gerüttel seiner Wagen, im Ceremonientaumel seines
Gefolges, im plebejischen Staube der Straßen über Land reisen mußte,
wollte er die Zustände seines Reiches prüfen und von seinen treuen
Völkern einmal Huldigungen entgegennehmen.
Er hatte Feste und Aufzüge, ihm zur Ehr’ gebracht, nicht ungern, denn
für gar Manches war ihm das Bewußtsein seiner Kaiserwürde eine hohe
Genugthuung.
So bewegte sich um 11 Uhr des 28. August die Wagenburg gen Abelsberg
heran. Eine halbe Stunde vor dem Städtchen begannen die Wunder. Auf
dem Felde ackerten Bauern und säeten Korn; gleich daneben klangen die
Sicheln der Schnitter, die Sensen der Mähder und die Arbeiter hatten
ihre bunteste Sonntagstracht an.