Hingegen lagen im Topfe nagelneue Banknoten -- nagelneue, die erst vor

wenigen Monaten in Umlauf gekommen waren. -- Und als sie der Sammel in

wirrer Aufregung zählte und wieder zählte, da gaben sie eine bedeutend

höhere Summe, als jene des Silbers gewesen war. Und tief unten auf dem

Boden des Topfes lag ein beschriebener Zettel:

„Mußt mir schon verzeihen, Schwiegersohn, daß ich von den Jahreszinsen

Deines eigenen Geldes die Aussteuer meiner Tochter bestritten habe. Ich

selbst bin arm wie eine Kirchenmaus, und Euch Zwei hätte ich doch gern

glücklich gesehen. Ganz sind die Zinsen darauf nicht hingegangen, den

Rest lege ich hier in den Topf zum Capital, das durch den Austausch

des Silbers um’s Papier selbst eine größere Ziffer bekommen hat. Der

Topf ist neun Jahre lang leer gewesen. Ich hätte anstatt der Banknoten

auch das Sparkassebüchel hineinlegen können, aber Du weißt etwan gar

nicht, was das ist, und hättest es im Zorne können vertilgen. --

Schwiegersohn, treib’s fort, wie ich’s getrieben habe, laß’ das Geld

wachsen, es arbeitet für Dich und Deine Kinder, und sei nicht übel auf

den alten Fok, der es gut mit Euch gemeint hat.“

„O, du alter, siebendoppelter Fuchs! Hast Du mich aber was zum Narren

gehalten!“ brummte der Sammel, und in demselben Athem: „Na, vergelt’

Dir’s Gott, vergelt’ Dir’s Gott!“

Das Loch warf er mit Steinen voll; die Banknoten trug er heim zu seinem

Weibe: „Siehst Du, daß ich mein Erspartes hab’!“

„Jeses und Josef, wie +so+ denn?!“

„Verliehen war’s!“

Und hat sie in dem guten Glauben belassen, als wäre ihre Aussteuer die

heilige Ersparniß ihres Vaters gewesen.

Wer heute freien mag, ich rathe ihm des Graben-Sammel’s älteste Tochter

an, eine Brave, Saubere -- Eine mit Geld!

[Illustration]

Die Abelsberger Chronik.

Der Burgermeister von Abelsberg.

Das Jagdrecht ist eine prächtige Sache; aber ich kenne viele

Grundbesitzer und Gemeinden, die es nicht ausüben. Es leite die

Jagdlustigen von der Berufsarbeit ab -- sagen sie -- es verführe die

Jugend zum Müßiggang, und die kostspielige Passion wäre nicht so

bald mehr aus dem Kopf zu bringen; es verlocke zur Uebervortheilung

des Nachbars, gar zu Diebstählen, und es koste manchem ungeschickten

Schützen seine gesunden Glieder oder die eines Anderen. Und schließlich

ginge bei willkürlicher Selbstbenützung der ganze Wildstand zugrunde.

Sie verpachten daher das Revier und zahlen mit dem Pachtschilling ihre

Steuern.

Die Abelsberger denken nicht so; sie sind viel zu liberal. Die

Abelsberger haben in ihren Wäldern gejagt, so lange noch das Pulver

nicht hätte knallen sollen; und sie sollten es jetzt unterlassen, da

es krachen und ganz ungenirt von allen Wänden wiederhallen darf? Nein.

Die Abelsberger üben das Jagdrecht selber aus. Es gibt kein höheres

Fest, als wenn sie Jagdtag haben; da setzt’s Hallodria, Räusche, Püffe,

Abenteuer, kurz alles Mögliche, nur kein Wildpret. Das Wildpret haben

die Wildschützen in Sicherheit gebracht.

Ach, die Wildschützen, die sind eine Landplage für die guten

Abelsberger. Der Gemeindevorstand -- sie heißen ihn „Burgermeister“ --

der Burgermeister also und sein Bursche mögen noch so streng sein --

es hilft nichts. Und wollten sie die Wilddiebe alle einsperren, so

-- -- wären in Abelsberg ’leicht die bravsten Leute die längste Zeit

auf Viehhandel aus oder auf Kornkauf oder auf Wallfahrten oder auf

sonst was; und so -- munkelt man -- könnte es sich zutragen, daß

eines Tages die Kinder keine Schule hätten und daß zum Sonntag der

Gottesdienst ausbliebe, weil -- der Herr Pfarrer verreist.

’s ist eine böse Sach’, und der Burgermeister, ein Ehrenmann über und

über, bricht in ein gräßliches Fluchen aus, wenn eine Gesellschaftsjagd

schlecht ausfällt, und der ganze Gemeinderath flucht mit, daß, von

den Flüchen mehr erschreckt als von den Schüssen, allenfalls ein

allerletztes Häslein noch eilig über die Grenze setzt.

Jagdaufseher war der Gemeindediener, aber der Gemeindediener war nicht

mehr sehr gut zu Fuß, denn im rechten Bein hatte er die Gicht, und das

linke war ihm vor Jahren in Böhmen abgeschossen worden. -- So war’s

voreh’; dann ist’s anders geworden.

Es war weise vom Burgermeister, als er eines Tages im Rathe

folgendermaßen das Wort ergriff: „Daß ich sag’, nach meinem Versteh’n:

Die Jagd, verpachten thun wir’s nit; denn wegen warum? Unsere Buben

werden Soldaten, die müssen das Schießen lernen!“ Patriotisch war

er immer, der Abelsberger Vorstand; und dann fuhr er fort: „Aber

das sag’ ich, nach meinem Versteh’n, einen schärferen Jagdwachter

müssen wir haben. Ich rath’, wir lassen einen Militärsmann kommen,

einen Ausgedienten; so Einer ist respectabel und kann laufen. Die

Gemeindedienerei betreibt er uns auch; so Einer ist pünktlich und

kostet nicht viel. Ich sag’, wir machen Ja darüber.“

Sie machten Ja darüber.

Etliche Tage nachher trat der Soldaten-Schorsch das Amt an. Er war ein

Veteran, kernfrisch und baumstark und feinschneidig, schleppte einen

langen klirrenden Säbel -- Gemeindegut -- und trug einen wuchtigen

Schnurrbart, der keck aufgespitzt war, wenn sich der Mann in guter

Laune befand, der aber schauderlich zerzaust sich über die Backen

hinaussträubte, wenn der Mann wild war; und wenn er in’s Fluchen

gerieth, da standen selbst den Abelsbergern die Haare gegen Himmel. Das

war nun der neue Gemeindediener und der „Jagdwachter“.

„Daß Er’s weiß, Schorsch,“ redete ihn der Burgermeister bald nach

der Aufnahme an, „wenn Er seine Sach’ in Ordnung hält, so kommen wir

gut miteinander ab. Wird sich bei mir nit zu beklagen haben. Einmal

hat Er die Kanzlei rein zu halten; unter dem verwichenen Diener ist

meine Stube da fortweg ein Schweinstall gewesen. Weiters hat Er die

Gemeindeschriften zu vertragen. Um Mitternacht, wenn Sperrstunde ist,

muß Er von Wirthshaus zu Wirthshaus gehen. Ist wo ein Raufhandel, so

muß Er dabei sein. Die freie Zeit muß Er im Wald umgehen, und das mag

Er sich hinter die Ohren schreiben: wenn ein Stück Wildpret fehlt, so

wird Er darum hergenommen. Wenn Er einen Wildschützen sieht, einfangen!

Und ist’s wer immer, hört Er, Schorsch, ist’s wer immer -- einfangen

und in den Arrest treiben. Verstanden?“

Der Schorsch legte seine Hand an das Ohr, dann schritt er kerzengerade

und mit rasselndem Säbel davon.

Versah sein Amt gut, der neue Gemeindediener. Er reinigte die Kanzlei,

daß sie blank wie eine Wachtstube war; er „vertrug“ die Schriften,

anfangs freilich einigemale ganz buchstäblich; zur Sperrstunde ging er

in die Wirthshäuser, wo ihn sogar mehrmals der Burgermeister einlud, an

seinem Tische Platz zu nehmen, und bei jedem „Raufen“ war der Schorsch

dabei. Bei solcher Pflichttreue verfehlte der leutselige Vorstand

nicht, seinem neuen Diener mitunter einen freien Tag zu gönnen, an

welchem sich derselbe nach Wunsch und Wahl gütlich thun konnte.

An einem solchen Tage im Herbste war es auch, daß der Schorsch,

nachdem er sich vom Dienste losgemeldet hatte, mit einer gewaltigen

Commißpfeife zwischen den Zähnen, gelassen in den Wald hinaus

schlenderte. Er ließ sich gehen, und wenn er aus dem großen Tiegel

schmauchte, so wichen ihm vor den Häusern auch die Bauern nicht aus.

Wenn der Mann sonst aber im Soldatenschritt einher marschirte, die

Zähne aufeinanderbiß und mit den finsteren Augen dreinstach, da hatte

er gefährliche Steuerbogen in der Tasche.

Heute hatte er den Schnapsplutzer drin, und damit strich er in den

schattigen Wald hinaus. -- Wenn ich einen Hirsch sehe, dachte er bei

sich, so macht mir das Spaß, und sehe ich einen Wilddieb, so bin ich

auch heute der Diener meines Herrn.

So stieg er immer weiter durch die Wälder hinan und in die Wildniß

hinein. Und als er gegen eine hohe Felswand kam, an welcher wilder

Epheu emporrankte, an welcher hoch das knorrige Nest eines Habichts

klebte, fand der Schorsch die Wand so romantisch, daß er sich in ihrem

Schatten niederließ und seinen Plutzer entkorkte. -- Es wäre ein

anmuthiges Stündchen geworden, da hörte er plötzlich einen Schuß.

Sofort war der Soldat auf den Beinen. Den Säbel hob er empor, daß er

nicht klapperte im Gestein und Gewurzel, und so schlich er der Richtung

zu, in welcher der Schuß gefallen war.

Nach einigem Suchen fand er was. Im Waldesdunkel kauerte ein Mann

und weidete einen erschossenen Rehbock aus. Und der Mann war der

Burgermeister von Abelsberg. -- Wie? Ist denn heute Jagdtag? fragte

sich der Schorsch. Kreuz-Bomben und Mordsstern, heute ist +nicht+

Jagdtag. Halt, Kerlchen, wir Zwei werden näher bekannt. -- Aber es

ist ja der Burgermeister! -- rief in ihm eine andere Stimme. -- Thut

nichts, dachte sich der Gemeindediener wieder, wer wildert, ist ein

Wilddieb. Was er sonst noch ist, ist mir alleseins. Das Schießen ist

jetzt nicht erlaubt; gestern erst hat der Vorstand das neue Verbot

ausgeschickt. Und thät er’s redlich, so brauchte er das Gewehr nicht zu

zerlegen, das dort stückweis im Busche steckt. Ah, mein Herr, desweg

hast Du heute den Wildwächter beurlaubt! Nun, wollen anfangen. --

Wenn’s aber der Burgermeister selber ist! warnte noch einmal die andere

Stimme. -- Halt! flüsterte der Schorsch, und stemmte seinen Zeigefinger

mitten auf die Stirne hin. Hat er mir nicht selber eingeschärft, der

Ertappte sei +wer immer+: einfangen! -- Des höllischen Satans will

ich sein, wenn das nicht eine Falle für mich ist. Er hat mich abgespäht

und will versuchen, ob ich ein treuer, unbestechlicher Bursche bin.

Nicht aufsitzen, Schorschl! Fein angespielt! Nur nicht aufsitzen!

Etliche Secunden später schlug der Gemeindediener dem eifrig

fleischernden Vorsteher keck die flache Hand auf die Achsel: „He da!“

Fast kollerte der Wilderer vor Schreck über und über.

„Aufstehen!“ commandirte der Soldat, „wir gehen mitsammen.“

„Aber, Schorsch, aber Schorschl!“ stotterte der Ertappte, „es ist ja --

es war ja --“

„Rehbock über die Achsel! Flink!“ rief der Diener mit schneidiger

Stimme.

„Na, so thu’ Er -- hi, hi -- -- thu’ Er doch die Augen auf, Schorschl!“

„Ich mach’ keinen Unterschied.“

„Aber -- Er sieht’s ja, hi hi, ein Spaß, ein kleiner Spaß --“

„Im Namen des Gesetzes arretirt!“

„Aber, so mach’ Er keine Dummheiten, Schorsch!“

„Marsch!“

„Hör’ Er! Das verbitte ich mir!“

„Ich brauche Gewalt!“ knirschte der Wildwächter und griff an den Säbel.

Aus seinen Augen funkelte der Zorn, unter seinem zerfetzten Schnurrbart

wirbelten die haarsträubendsten Flüche hervor.

Im Cabinet, in der Kanzlei ist der Gescheitere Herr; im Walde ist’s der

Stärkere. Höhergestellte, einflußreiche Personen lassen sich bisweilen

erbitten, aber ein so alter Soldatenkerl ist nicht zu bestechen. Die

Feder sträubt sich, es zu schreiben, daß der Herr Burgermeister von

Abelsberg als eingefangener Wilddieb mit dem Gemeindediener Schorsch

gehen und den Rehbock selbst auf dem Rücken mitschleppen mußte.

Der Vorstand machte mehrmals unterwegs die unglaublichsten Versuche,

sich aus dem Arg zu ziehen. Mit dem Ausreißen und Fliehen war’s ein-

für allemal nichts, denn der schwere Bock war ihm so fest auf den

Buckel geschnallt, daß der solcher Strapazen ungewohnte Mann froh sein

mußte, wenn ihn das heillose Thier nicht zu Boden ritt. Mit Drohungen

richtete er nichts aus; dabei blieb der Schorsch ganz gleichmüthig;

ist’s eine Falle für mich, dachte er, so darf ich nicht eingehen, und

ist der Herr Vorstand ein wahrhaftiger Dieb, so muß ich ihn stellen.

Da versuchte es der Arretirte mit Versprechungen; hundert Stück feine

Cigarren für’s Erste; eine goldene Sackuhr für’s Zweite; und endlich,

da sie dem schönen Abelsberg immer näher kamen, seine älteste Tochter

für’s Dritte. Die Folge davon war, daß der Soldat in Wuth ausbrach und

mit geballter Faust dem Rehbock einen solch’ derben Schlag versetzte,

daß der Burgermeister darunter taumelte.

Und als sie endlich zur Linde kamen, wo die ersten Häuser von Abelsberg

anheben, blieb der Vorstand stehen, klopfte mit steifem Arm dem

Gemeindediener auf die Achsel und lächelte: „Brav, Schorschl! Er hat

die Prüfung glänzend bestanden, Er ist ein wackerer Mann; Er ist bei

uns sein Lebtag lang versorgt.“

„Wohl,“ schmunzelte der Soldat, „’s hat aber auch Müh’ gekostet,

und deswegen möchte ich eine Zeugenschaft haben, daß die Sach’

pflichtgetreu ausgeführt worden ist.“

„Ei, das werde ich Ihm gern bestätigen und die Abelsberger wissen ja

vom Jux; aber die Schulkinder dürfen uns so nicht sehen, weiß Er, die

Kinder -- des Respectes wegen, versteht Er?“

„Mit Verlaub!“ sagte der Schorsch gemessen, „die Schulkinder sollen es

wissen, daß in Abelsberg auch der Burgermeister eingesperrt wird, wenn

er stiehlt. -- Marsch!“

Mitten durch den Marktplatz trieb er den wankenden Vorstand dem

Gemeindehause zu. Bald waren sie umrungen von lärmendem, höhnendem

Volke. Einige Gemeinderäthe eilten herbei; vor diesen salutirte der

Schorsch:

„Vermelde gehorsamst, daß ich hier einen Wilddieb eingebracht habe!“

Bei der Sitzung sahen sich die Väter der Gemeinde mit großen Augen

an und murmelten: „So hätt’s uns auch geschehen können. -- Der

Soldaten-Schorsch ist ein prächtiger Kerl, den müssen wir bei seinem

Regiment recommandiren. Abelsberg ist für ihn kein Platz.“

Und am nächsten Tage ist der Rehbock verzehrt worden im Festsaale

des Gemeindehauses. Noch lange werden die Abelsberger von ihrem

Burgermeister sprechen, „der sich herabgelassen, auf eigene Rechnung

und Gefahr die Rechtschaffenheit eines Jagdwachters zu erproben“.

Der Burgermeister ist mit solcher Lösung zufrieden.

Der Brückenwirth zu Abelsberg.

Der Brückenwirth zu Abelsberg war ein etwas heruntergekommener Mann;

nicht sowohl weil er früher oben auf der Hirschau das große Bauerngut

besessen hatte und jetzt herunten an der Brücke Haus hielt, als

vielmehr weil das Hirschengut voll Reichthum gewesen war, während das

Brückenwirthshaus halb im Wasser und ganz in Schulden stak.

Das Wasser thut’s freilich nicht, würde Martin Luther gesagt haben. Ich

bin nicht so gelehrt, wie der Martin Luther, sage aber kühnlich: Der

Wein thut’s auch nicht immer. Der Brückenwirth hatte Wein, ja sogar

sehr viel Wein getrunken, aber für ihn lag im Weine nicht die Wahrheit,

sondern die Armuth.

Herabgekommen, blutarm, voll von Schulden, Saufaus! das waren so

die Bezeichnungen, unter denen der Brückenwirth schmachtete. Ja,

schmachtete! Wie konnte er so viele Schulden haben? Seit er den

Hirschenhof verkauft und das Wirthshaus gepachtet hatte, wollte ihm

kein Mensch was borgen. Ihm fehlte nur Eins, um ein wohlhabender Mann

zu sein -- der Credit.

Der Kaufmann in Abelsberg hatte kein anderes Capital, als den Credit,

aber der betrieb sein großes weitverzweigtes Geschäft, das trug ihm

Zinsen und er war ein reicher Mann, eine Stütze der Gemeinde, ein

Förderer der Künste, ein Weltmann, der lebte und leben ließ. Der

Brückenwirth wußte, daß er um keinen Heller weniger besaß, als der

reiche Kaufmann, daß er aber trotzdem ein Bettler war. Solches legte er

sich so nahe an’s Herz, daß er vor Schwermuth in eine harte Krankheit

verfiel.

Dem Arzte vertraute er’s, daß die Welt doch schön sei, und daß er

nichts so ungern thue, als sterben. Der Arzt versetzte, er solle daran

nicht denken, er, der Doktor, wolle seine Schuldigkeit schon thun.

Aber der Nachbar war da, der ließ bei dem Kranken anfragen, welche

Sorge er -- der Brückenwirth -- getroffen hätte, daß er -- der Nachbar

-- zu seinem letzt’halbjährigen Pacht käme.

„Ich habe für Alle Sorge getragen,“ sagte der Brückenwirth mit

schwacher Stimme, „wenn ich nur nicht Alles, aber gar Alles auf die

letzte Stunde verschoben hätt’! -- Ist er denn nicht da?“

„Wer?“ fragten ihn die Anwesenden.

„Der Notar. Den Notar will ich da haben. Und daß er Tinte und Feder

mitbringt.“

Der letzte Wille also! Der Notar läßt nicht auf sich warten, und

Tinte und Feder hat der Mann immer im Sack. Zeugen lassen sich auch

finden; ganz Abelsberg wollte dabei sein, um zu hören, was denn der

Brückenwirth für eine Hinterlassenschaft haben werde.

„Seine Schulden verschreibt er den Gläubigern,“ hieß es.

„Nur seine Gurgel möchte ich haben, die ist an ihm das Beste,“ rief

ein Spaßvogel. Dieweilen machte drinnen in der Krankenstube der

Brückenwirth sein Testament.

„Hätt’s lieber auch verkaufen sollen, die Liegenschaften von meinem

seligen Weib,“ sagte er, „die Wirthschaft ist unter fremden Händen

nicht besser geworden; alle Jahr’ einmal hinreisen, das ist zu wenig

gewesen. -- Nu, in Gott’snam’. Was da ist, das will ich redlich

verwenden. Kinder sind keine. Sind um und um keine da. So, jetzt thu’s

der Herr aufschreiben.“

Die Feder war schon lange naß gewesen.

„Die Neudorfer,“ hub der Kranke an, „die haben jetzt drei

Kirchenglocken; so wollen die Abelsberger viere haben. Die vierte soll

angeschafft werden. Nachher -- das auch aufschreiben: Beim hintern

Altar -- der heiligen Magdalena thut ein frischer Anstrich noth, hat

schon so viel abgefärbt, letzt’ Zeit her. -- Das Schulhaus braucht ein

neues Dach. Für’s Armeleuthaus will ich -- daß tausend Gulden kommen

sollen. Und extra eine Stiftung von wieder tausend Gulden für arme

Waisenkinder aufschreiben. -- Nix danken, Leut’, nix danken. Wer’s hat,

der kann’s ja wohl geben, und um so lieber, wenn er fort muß von dieser

Welt, und er sich den Himmel kann kaufen. -- Aufgeschrieben ist’s?

Nachher wär’s so weit richtig. Und -- wenn sie mich auf die Bank legen,

so thut’s suchen im Bettstroh....“

Er war erschöpft und schwieg. Sofort verbreitete es sich in Abelsberg

und der Ortsschneider rannte von Haus zu Haus und verkündete es

frohlockend: „Der Bruckenwirth -- wer hätt’ sich das vorgestellt!

Viertausend Gulden im Sommer (er wollte wegen Neigung zum reinen

Hochdeutschen nicht sagen: in Summa) hat er zu wohlthätigen Zwecken

vermacht! Ja Leut’, bei Dem seiner Leich’ müssen die Abelsberger

was thun. Der große Conduct mit Musik! Nur jammerschad’, daß wir

die vierte Glocke nit schon haben; aber wollen ja nichts auslassen,

so geizige Leut’, ehvor sie hin sind.“ Er hielt inne, war selbst

erschrocken über die Wendung seines Gedankenganges. Und die Abelsberger

trafen vielseitige Vorbereitungen zu einem prachtvollen Begräbniß.

Windlichter! Flor! Die Weiber flochten an Kränzen; der Schulmeister

zeichnete ein Grabmal mit der Aufschrift:

„Dem großen Wohlthäter der Gemein’

Herrn Hans Michel Scherger

Widmen diesen Stein

Die dankbaren Abelsberger.“

„Wenn er nur stirbt!“ bemerkte der Schuster Ferdl bedenklich.

In demselben Augenblicke klang die Glocke auf dem Thurme.

„Verschieden!“ murmelte der Schneider und zog wehmuthsvoll seine Haube

vom Kopfe.

Es war aber nur die Eilfglocke, welche die Abelsberger alltäglich um

die Mittagszeit zum Essen rief.

Der Brückenwirth lebte noch; lebte sogar am Abende noch. In

derselben Nacht ließ die Schusterin ihre Hausthür offen; sie war die

„Leichanlegerin“ von Abelsberg. Aber sie wurde nicht geholt. Der

Doctor war die ganze Nacht bei dem Kranken geblieben; trotzdem fühlte

sich der Brückenwirth am nächsten Morgen besser.

Und nach vierzehn Tagen war er gesund.

Jetzt gaben sich die Leute die Thür in die Hand, um den Genesenen zu

beglückwünschen; und Jeder versicherte, es wäre ihm so viel unendlich

hart gewesen, dieweilen der Herr Scherger auf dem Krankenbett gelegen,

und Mancher gestand, er hätte gar heimlich eine heilige Mess’ gezahlt

auf die gute Meinung, daß halt die Krankheit nicht übel ausgehen

sollt’, na, und weil Ein’s das nicht mitansehen kunnt, wenn der best’

Mensch von der ganzen Gemein’ hinaus auf den Friedhof getragen werden

thät.

„Das habe ich gar nicht gewußt, daß mich die Abelsberger gleichwohl

so viel gern haben,“ sagte der Brückenwirth. Aber jetzt erfuhr er’s

mit tausend Freuden, wie gut es ihm die Leute meinten, wie sie ihm

beisprangen in Allem mit Rath und That. Das Brückenwirthshaus war

nun stets besucht, der Wirth geehrt. Bei der nächsten Wahl wurde er

Gemeinderath. Da das Geschäft besser ging, so zahlte er allmählich

seine Schulden. Die Gläubiger wollten das Geld kaum nehmen: sie wüßten

es nirgends so gut aufgehoben als beim Brückenwirth.

Oft bei verschlossenen Thüren las der Wirth sein Testament. -- Na, es

war ja recht: wenn die Abelsberger eine vierte Kirchenglocke haben

wollen, so soll eine angeschafft werden; der Magdalena thut ein

Anstrich noth; es schaut schon gar überall das Holz aus ihr hervor.

Das Schulhaus braucht ein neues Dach -- es ist ja wahr! und wer wollte

nicht, daß das Armenhaus tausend Gulden bekäme und so auch die armen

Waisenkinder? Wer’s hat, der kann’s geben. Suchen mögen sie, wenn er

auf der Bank liegt, suchen im Bettstroh....

Gefunden hätten sie freilich nichts.

Aber jetzt, wenn er stirbt, werden sie auch was finden. Der Credit war

durch das Testament hergestellt und dasselbe Testament hat heute, wenn

der Herr Hans Michel Scherger mit Tod abgeht, volle Inhaltlichkeit und

Rechtskraft. Die vierte Glocke hängt schon heute auf dem Thurm; sie

läutet Manchem zum Verscheiden, aber der Brückenwirth lebt und ihr

Klang verkündet immer wieder neu seinen Credit.

Der Schulmeister von Abelsberg.

War ein revolutionärer Geist, der alte Schulmeister von Abelsberg.

Wie die Welt war, so gefiel sie ihm nicht, und wie sie ihm gefallen

mochte, so war sie nicht. Und das that in seinem Herzen bitterlich

graben. Gegen die Schulkinder hatte er nichts, die waren ihm nur

der etwas unfruchtbare Acker, aus dem sein saures Brot erwuchs. Im

Schweiße seines Angesichtes bearbeitete er die spröden Furchen der

Schulbankreihen mit dem Spaten seines Linealscheites, und jätete

Unkraut und säete Weizen -- zumeist taube Körner, die keine Keimkraft

hatten. In Gottes Namen!

Aber die Eltern von den Kindern. Da stak’s! Schickten sie dem

Schulmeister Brot, so wollte er Würste, und gaben sie Würste, so

verlangte er Schinken. Und bekam er Schinken, so sagte er, es wäre eine

Schande, daß man ihm nicht auch den Krenn dazu reichte. Oftmals kriegte

er aber gerade den Krenn allein, wenn ihm Einer oder der Andere derb

die Meinung sagte.

Der Herr Pfarrer war ihm auch nicht recht. Beim Altar war er ihm

zu still, da konnte der Schulmeister nicht respondiren. Bei der

Predigt war er ihm zu laut, denn der alte Herr predigte häufig von

den Tugenden der Sanftmuth und Genügsamkeit, und wenn er Beispiele

dieser Tugenden anführte, so deutete er nie gegen das Chor, wo der

Schulmeister stand. Auf den Amtmann hatte er eine besondere Galle.

Der gewann beim Kartenspielen dem Schulmeister das Geld ab und hielt

sich für seine Kinder einen Hauslehrer. Wer wird den Hauslehrer nur

zahlen? Der Amtmann nicht, die Gemeinde wird ihn zahlen. Das ist eine

Schmarotzerei, so ein Amtmann muß fallen. Freilich paßt Keiner besser

für das Abelsberg-Schildburg, als dieser Herr, dem wider Willen schon

allerlei Abelsberger Stückeln gelungen waren. Gescheite Amtmänner

giebt’s anderwärtig; der hiesige ist ein abgedankter Feldwebel. Schon

gut.

Den finstersten Ingrimm aber hegte der Schulmeister gegen den

Gutsherrn, der im Winter zwar in der Residenz lebte, im Sommer aber

auf Hoch-Abelsberg wohnte und sich zu allerlei Gelegenheiten mit

Volksaufzug und Blumensträußen und Kranzmädchen feiern ließ, als wie

ein Herrgott. Was hat der hohe Herr im alten Schloß den Pfarrer und

den Amtmann zu Tische zu laden, zu seinen Jagden, Scheibenschießen

und anderen Festlichkeiten zu ziehen, wenn der Schulmeister daheim

bleiben muß! Soll der Lehrer des Volkes denn ewig am Hungertuche nagen?

Will man den Unterricht unterdrücken, damit sich die Dummheit und die

Gewalt um so breiter machen kann? Wohlan! Es kommt eine andere Zeit!

Die Großen wird man von ihrer Höhe stürzen...! -- Darum sagte ich:

ein revolutionärer Geist. Und so kam es, daß der Schulmeister etwas

mißliebig war bei den Leuten.

Und eines Tages im Winterfasching, als der Schulmeister eben die

Geige von der Wand nahm, um damit im Wirthshause bei einer Freimusik

aufzuspielen und sich so ein paar Groschen für die Fastnacht

zusammenzufiedeln -- ging die Thüre auf. Der besäbelte Gemeindediener

und der befrackte Amtmann traten herein, und Letzterer bedeutete dem

Schulmeister, daß heute das Geburtsfest des hochgebornen, wohledlen und

gestrengen Gutsherrn wäre.

Feierabende: Lustige und finstere Geschichten · 第 9 / 29 段