Die meisten der Herren Naturforscher hatten sich draußen gelagert, „wo

klingen alle Auen“. Dort erfreuten sie sich eines gesegneten Mahles

mit Naturbraten und Naturwein, erfreuten sich der Naturschönheit und

zwanglosen Natürlichkeit. Allmählich zogen sich die Landleute herbei,

wurden zutraulich, zeigten den gelehrten Herren „Donnerkeile“, die

in der Erde gefunden worden, „Irrwurzeln“, die im Walde wüchsen und

Jeden, der „unbesinnt“ darauf trete, von dem rechten Weg ab und in die

Irre führten; zeigten Walpurgisblümlein und Marienkraut, mit denen

man „wetter- und butterhexen“ kann, zeigten „Hexeneier“, wie sie auf

Moorheiden zu finden, und mehr solch’ merkwürdige Dinge, mit denen sie

den gelehrten Herren etwas Neues vorlegen wollten, das gewißlich bisher

noch nicht erforscht worden wäre. Aber die Herren waren mit Allem

schon bekannt. Den Donnerkeil nannten sie Bergkrystall, das Hexenei

war ihnen ein Pilz. Ueber die Irrwurzeln lachten sie und sagten: „Ihr

lieben Leute steigt Euer ganzes Leben auf Irrwurzeln herum.“ Der Herr

Doctor Willibald hingegen behauptete kurz und entschieden: es gebe

gar keine Irrwurzel; das, was der Aberglaube so nenne, sei blos die

Wurzel des Weiderich. -- Uebrigens kümmert sich der junge Mann weder um

den Weiderich, noch um seine Genossen, noch um die paar Jägersleute,

die ein todtes Reh vorbeischleppten, welches sie einem Wildschützen

abgejagt hatten. Während die Anderen draußen lustig essen und trinken,

sitzt er am Herde bei der Schwaigerin und schwätzt.

„Agatl,“ sagte er, konnte aber den Namen nicht mundgerecht aussprechen,

weil er von den Gegenden der Mitternacht kam, in welchen die Zunge

schon ein wenig anders gewachsen ist, als in dem sangreichen

Himmelsstriche der Alpen, „Agatl, Sie sind ein prächtiges Mädchen!“

„Eh’, Du Tollpatsch!“ rief die junge Schwaigerin aus, „wird der Herr

noch eine Weil’ Sie zu mir sagen! Bin ja kein Stadtfräulein nicht.“

Hierauf sind sie Du und Du zusammen geworden.

Als das Agatl mit seinem Korbe hinab in die Matten ging, um den Kühen

grünes Futter für den Abend zu holen, begleitete sie der junge Doctor

und sah ihr zu, wie sie all’ die schönen Pflanzen und Blumen, die der

Botaniker so sorgsam hegt, so genau studirt, so haarklein beschreibt

in den Büchern; die der Dichter so rührend besingt und die das Rind

so gern frißt -- mit der Sense niedermähte. Noch versuchte der junge

Gelehrte dem Mädchen einige Blumen zu erklären; sie ließ ihm aber

nichts gelten, sie hatte ihre eigene Naturgeschichte.

„Ja,“ sagte sie, „jetzt, das sind die Liebfrauenschühlein, die ziehen

die verstorbenen Jungfrauen an, wenn sie in’s Himmelreich eingehen. Und

das ist der Herzensschlüssel, den man den hübschen Buben auf den Hut

stecken muß, dann schauen sie um, auf dem Kirchweg, wenn Eins hinten

drein geht. Und das ist die brennende Lieb’, die alle sieben Jahr’ nur

einmal treibt. Und das -- kennst Du das auch nicht? -- das ist die

blühende Untreu.“

„Das trifft man auch unten an,“ bemerkte der Naturforscher.

„Ja,“ sagte sie, „das wächst überall.“

„Bei Dir kann man ja allerhand lernen,“ versetzte der Gelehrte.

„Oh, wegen deswegen,“ antwortete das Mädchen, „ich weiß schon noch

mehr; aber mir fällt’s jetzt nicht ein.“

Die Herren dort drüben auf der Au richteten sich an zum Abzuge. Die

Agatl merkte es und sagte leise und vertrauensvoll zum jungen Doctor:

„Wollt’ gern, Du bliebst bei mir bis zum Abend!“

Groß und innig war das Auge, mit dem sie ihn jetzt anblickte, und ein

Hauch der Schwermuth lag in dem Worte: „Ich wollt’, Du bliebst bei mir!“

„Du herziges Kind!“ lispelte Willibald, „meine Kameraden mögen ziehen,

wohin sie wollen, ich bleibe bei Dir!“ Er drückte ihr wieder die Hand

-- die rechte und die linke, und preßte sie und walkte sie eine Weile

in der seinen. Sie sah ihm dankend in das Angesicht.

Die übrigen Herren hatten mit ihren funkelnden Instrumenten noch

allerlei Beobachtungen angestellt; sie hatten das Wasser der Quelle

geprüft -- es roch aber nach gar nichts. Sie hatten herumgehämmert an

den Steinen und nichts gefunden, als daß sie Funken gaben, wenn man in

sie dreinhieb. Und endlich hatten sich die Forscher zwischen den Zerben

und Schwaighütten hin verloren.

Herr Doctor Willibald blieb zurück. Er sah in stiller Glückseligkeit

dem flinken, heiteren und blühenden Mädchen bei dessen Arbeiten zu.

Sein Auge ergötzte sich an ihrem glatten, schlanken Halse, an welchem

auch nicht die mindeste Spur von einem Kropfe war, wie solche doch der

Naturbeschreibung nach in Steiermark gut gedeihen sollten. Er ergötzte

sich an ihren Flachshaaren und trillerte sogar das Liedchen, er wolle

wegen „dem Dirndl sein Flachshaarl ein Spinnradl werden“. Er ergötzte

sich an ihrem rothen Lippenpaar, zwischen welches sie ein Steinnelkchen

gelegt hatte. Er ergötzte sich an ihren runden Armen, über welche

die weißen Aermel zurückgeschlagen waren bis über das Grübchen des

Ellbogens hinein. Er ergötzte sich an der jugendlichen milden Hebung

des Busens, an der ganzen anmuthsreichen, geschmeidigen Gestalt. Mit

einem Wort, er ergötzte sich an der Almerin.

Als es draußen endlich zu dunkeln begann und der Gelehrte noch immer

in seine Naturstudien versunken war, kam der Hirte mit den Kühen von

der Weide und leitete sie in die Ställe; kam auch ein junger Bursche

mit einer Gemse auf dem Rücken den Berg heran und fragte unsern

Willibald, ob er in der Hütte übernachten wolle. Dieser brummte ein

unverständliches Wort; der Bursche schritt fürbaß und begab sich

rückwärts in den Stallboden. Agatl stand an dem flackernden Herdfeuer

und ihre Wangen waren doppelt roth und ihre Augen leuchteten doppelt --

sie war doppelt schön.

Schier ein bißchen schämig hatte sie ihren Gast aus den fernen

Mitternachtsgegenden gefragt, was sie ihm aus ihrer kleinen

Vorrathskammer für den Abend vorsetzen dürfe. „Agatl,“ hatte der Herr

geantwortet, „ich esse mit Dir aus Einer Schüssel.“

Darauf war der Abend immer dunkler und die Schwaigerin immer verlegener

geworden. Sie hatte ein vielgroßes Anliegen. -- Aber es ist halt

schwer, mit so einem weltfremden Herrn. -- Freilich ein großer

Gelehrter! Wissen thät’ er sicher was gegen die böse Sach’....

Endlich schlich sie vom Herde gegen den Tisch, fuhr über denselben

mit der Schürze und es lag doch kein Staub darauf. Dann ging sie zum

Fenster und sah hinaus; ’s war all’ stockfinster. Dann ging sie zur

Wanduhr und wollte dieselbe aufziehen, war aber ohnehin das Gewicht

ganz oben, weil sie es erst vor zehn Minuten aufgerollt hatte.

Endlich ging sie zum Butterkübel und blieb davor eine Weile stehen

und lugte verstohlen gegen Willibad hin. Und schießlich that sie ein

paar Schritte zu demselben und flüsterte: „Jetzt, Herr, wenn ich

rechtschaffen bitten dürft’, daß Er ein bissel mit mir ginge -- lang’

thäten wir uns nicht aufhalten.“

Der junge Mann ging mit ihr -- leisen Schrittes und im Herzen

Erwartung. Sie führte ihn in den Stall. Sie leitete ihn an der Hand

zwischen den Streuschichten und Futterhaufen hin. Und als sie im

Finstern waren, hauchte das Mädchen dem Fremden zu, er möge doch recht

Acht geben, daß er nicht falle. Hierbei zündete sie die Laterne an und

sie standen vor den Kühen.

„Die da,“ sagte nun die Agatl mit einem schweren Athem, und deutete

auf ein braunes Rind mit großem Euter, „die da wär’s halt. Was hab’

ich sie nicht mit Weihwasser angesprengt über und über! Jeden Tag drei

Palmkatzel geb’ ich ihr auf den nüchternen Magen, ’s schlägt nicht an

und ’s will nicht schlaunen. Dreidoppelt muß es verhext sein, das arme

Vieh, ich kann’s anders nicht glauben. Seit Bartelmei her giebt sie

schon die blutrothe Milch. Jetzt, was ist zu machen?“

Der Doctor war verstimmt, er schüttelte das Haupt. Da setzte sich die

Schwaigerin auf den einfüßigen Stuhl und molk das braune Rind. Und in

der That, die Milch war ganz röthlich.

Kurz sprach der Naturforscher seine Meinung aus, der Zustand hätte

nicht viel zu bedeuten; es gebe ein Kraut, das, von den Kühen

genossen, die rothe Farbe in die Milch bringe. Auch könne eine kleine

Ueberfütterung daran schuld sein. Er nehme sich für die Auskunft ein

Küßchen. Sie wendete nichts dagegen ein; als sich Willibald aber

anschickte, sein Honorar zu holen, da rief die Agatl hell: „Hansel!“

Sogleich guckte ein Blondkopf durch eine Wandlücke von der Scheune

heraus. Es war der Bursche, den Willibald Tags zuvor als Jäger mit der

Gemse gesehen hatte. Jetzt sagte der Hansel: „Soll ich Dir was, Agatl?“

„Daß ich Dir’s sag’, morgen kommen die Küh’ auf die Oberweid’,“ rief

das Mädchen.

„Das weiß ich ja eh’,“ brummte der Bursche, und zog sich wieder zurück.

Einen Augenblick war’s still und der Erzähler vermuthet, es habe sich

im ganzen Stalle nachgerade gar nichts geregt. Doch nahmen die Dinge

allmählich eine solche Gestalt an, daß die Agatl abermals mit scharfer

Stimme den Namen „Hansel“ rief.

Als der Hansel da war, sagte mißmuthig der Herr Doctor Willibald: „Ja,

wie bemerkt, von einer Zersetzung durch die Hitze wird sie kommen, die

rothe Milch. Adieu!“

Und er ging nachdenklich davon. Unterwegs nach Radau hinab murmelte

er mehrmals zu sich selber: „Ich habe heute behauptet, daß es keine

Irrwurzeln gebe, und bin an diesem Tage selbst auf eine solche

getreten.“

Die Agatl und der Hansel aber blieben oben.

[Illustration]

Eine mit Geld.

Der Junge, der Samuel, trieb’s, -- er trieb die Ziegen auf die Weide

und hütete sie.

Er suchte sich Himbeeren auf und Brombeeren, und aß, und war er satt,

so pflückte er sie in einen Korb, und war der Korb voll, so aß er

wieder, und war er das anderemal satt, so legte er sich in den Schatten

und schlief. Schlief und träumte von Roß und Reiter, oder von der

Marianka, oder von seinem Vater mit den Silberlingen.

Diese Silberlinge!

Diese sollen noch von dem dreißigjährigen Krieg hergerührt haben --

vielleicht eines braven oder schlimmen Söldners Sold; den Besitzer

wechselt das Geld, aber es ist ihm niemals anzusehen, in wessen Händen

es gewesen ist; und so weiß man auch von der Geschichte der Silberlinge

nichts Rechtes. So viel steht fest: aus jener kriegerischen Zeit

stammend, waren sie gewohnt, vergraben zu sein. Und so hielt sie der

Sammel -- der alte -- denn begraben, nicht in einem ehernen Sarge,

sondern in einer eisernen Wiege, denn nicht todt waren sie, sondern

im Schlafe lagen sie und einer glorreichen Urständ schlummerten sie

entgegen. Doch sollten sie -- wie Kaiser Rothbart -- so lange als

möglich schlummern und nur zur Zeit der größten Noth geweckt werden.

Das war der für den alten Graben-Sammel alleinseligmachende Glaube und

diese Religion lehrte er auch seinem Sohn.

Und als der Alte starb, sagte er zum Jungen: „Mich -- thust am besten

-- grabst ein, aber den Schatz -- wenn Du einmal auf ihn anstehst

-- grabst aus. Er liegt oben unter der Söllertann’ vom Stamm gegen

Sonnenaufgang fünf Schuh tief vergraben. Thu’ ihn grüßen!“

Der junge Sammel that’s, legte den Vater in die Kühle und sah sich

nach dem Schatz um. Es war in der Richtigkeit, in einem eisernen Topf

wohl verwahrt, verdeckt mit Stein, verklebt mit Harz, ruhten friedlich

neben einander und über einander die lieben Silberlinge, die Bildnisse

jener Fürsten und Feldherren, die voreinst so mörderisch gegen einander

Krieg geführt hatten. Der junge Erbe dachte nicht sowohl daran, wer sie

waren, sondern weit mehr daran, wie viele ihrer sein mochten im Topfe.

Er zählte die Silberhäupter, so ehrwürdig alt, und wieder so jugendlich

glatt und klingend. Es war eine große Heerschaar; der junge Sammel

hätte damit ohne Blutvergießen einen siegreichen Feldzug halten können.

Aber er beschloß, den schweren Eisentopf wieder in die fünf Schuh tiefe

Rast zu legen, und nach des Vaters Wort die Recken erst zu rufen zur

Zeit der Noth.

Er konnte demnach fröhlich die Ziegen weiden und sorglos unter dem

Schatten ruhen -- zuweilen sogar bei den Seinen in der Nähe der

Söllertanne.

Unter ihr selbst aber nie -- schon um keinen Verdacht zu erregen. Die

Tanne stand nicht auf seinem, sondern auf des Söllerbauers Grund.

Der Graben-Sammel hatte keine Scholle zu eigen. Doch war der Schatz

unter der Tanne gut geschirmt, selbst wenn der Baum zusammenbrechen

sollte, selbst wenn -- kurz in allen Fällen. Der Boden war steinig

und unfruchtbar und nur von wilden Büschen bewachsen; da konnte es

Niemandem einfallen, zu pflanzen, zu ackern -- und selbst in diesem

Falle lag die eiserne Wiege so tief, daß sie nicht entdeckt werden

konnte.

Es hätte sich Alles fein geschlichtet -- wäre nur die Marianka nicht

gewesen.

In den ersten Jahren ging’s ja noch. Da gesellte sich der Sammel --

wollte er sich überhaupt gesellen -- gern zum Förster, der oft durch

den Wald kam und Verschiedenerlei zu erzählen wußte von Hirschen, Rehen

und Raubvögeln. Je größer der Sammel wurde, desto reizender beschrieb

der Förster das Pürschen und desto nachdrücklicher warnte er den Jungen

vor dem Wildern. Das verdroß den Sammel, und er ging dem Jäger nicht

mehr zu, er lag im Waldschatten und dachte an die Marianka.

„Was lobt er mir denn die Jägerei, wenn sie mir verboten ist! Bei der

Marianka hat er nichts zu loben und nichts zu verbieten. Die Marianka,

das ist +mein+ Revier.“

Die Marianka war die Tochter des rothen Fok, eines Einwanderers aus

dem Böhmerlande, der seit etlichen Jahren beim Söllerbauer wohnte, das

Teichgraben, Pechsammeln und Branntweinbrennen betrieb, rothe Haare,

einen rothen Bart, ein rothes Gesicht, einen rothen Namen und eben auch

die blühende Tochter Marianka hatte.

Die Marianka war beim Söllerbauer als Schafhalterin, und kam schon die

Zeit heran, wo die Hirtin weniger sicher ging vor den Burschen, als die

Schafe vor den Wölfen.

’s war kein Wunder -- bei meiner Treue! Wenn sie stand auf dem Hügel

und Schelmenliedchen sang, oder wenn sie saß, gelehnt an einen Stein

und sann und im Sinnen einschlummern wollte, da war sie werth, daß man

sie lieb hatte, da war sie werth, daß man sie herzte, und da war sie im

Stande, daß sie Einem eine kecke Ohrfeige gab.

Das war’s ja! Wem’s passirt ist, der denkt nicht gern daran, wem’s

nicht passirt ist, wie etwa dem Sammel, der denkt an’s Mädchen im

Walde, an sein Weilen bei ihr -- aber spricht nicht gern davon.

Der Sammel und die Marianka -- nun, Ihr mögt Euch’s ja denken. Am

liebsten hätte der Grabenbursch auch +diesen+ Schatz vergraben --

so eifersüchtig war er. Ihr erging es nicht besser, und wären wir jetzt

mitten in der Liebesgeschichte.

Da sagte der rothe Fok eines Tages zum Graben-Sammel: „Na, junger Kerl,

willst sie nehmen, die Marianka?“

„Was giebst d’rauf?“ fragte der Bursche.

„Was ich d’rauf geb’? So groß ist Deine Lieb’?“ begehrte der Fok auf.

„Was ich d’rauf geb’? Nicht einen Knopf. Erstens hab’ ich nichts, und

hätt’ ich was, so thät’ ich’s zweitens selber brauchen. Mein Alles ist

die Marianka, und was sie kostet, das muß sie werth sein.“

Schlich der Sammel davon. Aber nach etlichen Tagen erhielt der Fok

durch den Schulbuben des Söllerbauers folgenden Brief:

„Lieber Fok!

Ich liebe die Marianka von Herzen und mit Schmerzen, und sie

heiraten ist mein ernstlicher Willen, aber umsonst thue ich’s

nicht. Ein Weib, das Geld hat, bleibt lang’ schön, hat mein Vater

gesagt. Ich weiß Keine, aber ich such’ Eine mit Geld; denn ich habe

auch nichts. So lang’, bis ich eine Rechte finde, werde ich die

Marianka noch lieb haben. Dein aufrichtiger

Sammel.“

So ein Brief da!

Aber der Fok war nicht einmal sehr überrascht. Er gewann Achtung vor

dem Burschen. Was der Sammel wollte -- war es nicht ganz ehrenwerth?

Die reichsten Leute thun’s, Vernunftheirat nennen sie’s. -- Die Armen

haben um so mehr Grund dazu. Eine mit Geld!

Anders ging’s dem Liebhaber. Der war dem Schulbuben eine lange Strecke

nachgelaufen, um ihm den Brief wieder abzunehmen. Der Knabe aber

meinte, der Sammel wolle den Botenlohn wieder zurück haben; er lief

daher, was er konnte, um sich und den Botengroschen in Sicherheit und

das Schreiben an den rechten Mann zu bringen. Der Grabenbursche war nun

in Verzweiflung; denn plötzlich war ihm jetzt das -- was man Herz nennt

-- rebellisch geworden und rief: Jetzt hast Alles verdorben. Ist mir

die Marianka hin, so lauf’ ich Dir auch davon, häng’ Du an meinerstatt

den Geldbeutel in die Brust!

Den Geldbeutel? Die Silberlinge?

In einer Mondnacht ging der Sammel hinauf zur Söllertanne, grub den

Topf aus, zählte die Münzen, ob er’s denn wagen dürfe, mit ihnen den

kostspieligen Ehestand anzutreten. Jammerschade wär’s wohl um dieses

schöne Geld! -- Er grub es noch tiefer ein und murmelte: „Wird’s wie

der Will’, ihr bleibt da drin liegen. -- +Ich+ hab’ zwei Hände,

+sie+ hat zwei Hände, sind deren vier, der Mägen dieweilen nur

zwei. Mit Gotteshilf’ dürft’s gehen auch ohne Topf.“ --

Freilich hat er nicht bedacht, daß Tannenbäume Ohren haben können,

insonderheit wenn Pechschaber sitzen im Geäste. Pechschaber, die in der

Nacht schaben, weil es ihnen beim Tag nicht immer erlaubt ist.

Zur selbigen Zeit -- er wurde gesehen -- ging der Fok einmal wie

gewöhnlich mit seinem Pechsack aus -- und hatte auch eine großmächtige

Kraue bei sich.

Und der Sammel ließ es nun ein Weilchen anstehen, spähte aber an

Sonntagen nach den Mädchen der Gegend aus. Die Wohlhabenden waren meist

schon versprochen, weil die Mehrzahl der Burschen so liebt, wie der

Sammel. Die Reichen waren hochmüthig, weil die Mehrzahl der Mädchen so

denkt, als wie die Burschen: Lieb’ ohne Geld ist kein Schick auf der

Welt. -- Zudringlich und fügsam waren nur die Armen, die Häßlichen und

die Alten. Die Marianka -- die arme -- wurde ganz blaß und tiefäugig

vor Kränkung, und alle Gedankensünden, die sie am Osterfeste zu

beichten hatte, betrafen den Grabenburschen.

Oft und oft ging sie hinaus in den finsteren Wald und hatte fromme

Vorsätze und bekränzte das alte Muttergottesbild, welches an einer

Eiche hing, auf die gute Meinung, daß ihr der liebe, verteufelte Sammel

nicht sollte verloren gehen.

Der Sammel hütete stets seinen Schatz unter der Tanne. Nun eben ja,

warum nicht?

Da sah er eines Tages im Frühling, wie der Söllerbauer auf seinen

Feldern die ausgeackerten Steine sammeln und dieselben unter der

Söllertanne zusammenführen ließ. -- Da haben sie gut liegen, wenn sonst

auch nichts will wachsen.

Bald war über den vergrabenen Silberlingen des Sammel ein breiter,

hoher Steinhaufen geschichtet. Im ersten Augenblick entsetzte sich

der junge Mann darüber, im zweiten dachte er: Was denn? Um so besser

geschützt ist das Geld; und mir soll das ein Zeichen sein, daß ich

einer Heirat wegen die schönen, alten Silbernen nicht heben werde.

Er litt Liebesnoth, schien aber an das Freien nicht mehr zu denken.

Da kam eines Tages der Fok zu ihm: „Na, Bärenhäuter, hast denn keine

Schneid’ mehr? Willst die Marianka?“

„Zahlst die Hochzeit? Zahlst die Kinderschuh’?“

„Die Hochzeit, bei meiner Seel’, die zahl’ ich. Und die Kinder

verliebter Leut’ gehen barfuß. Aberst -- daß ich Dir’s schon sag’ --

zubind’ ich ihn nicht, den Geldbeutel, vor meiner Tochter! Ist auch

nicht +viel+ d’rin, etlich’ Gulden des Jahr’s -- so lang mir der

Herrgott die Gesundheit schenkt -- etlich’ Gulden fallen schon aus. Ein

Hunderter zum Anfangen -- was meinst?“

Ein Hunderter zum Anfangen, da kann man schon was meinen!

„Ist eine Red’, Fok,“ sagte der Sammel, „ich pack’ sie zusamm’!“

„Eine Red’!“

Ein Wort -- ein Mann. Das Wort war für den Fok, der Mann für die

Marianka.

Bald darauf wurde das Kirchenthor bekränzt. Das waren die Kränze,

welche das Muttergottesbild im Walde der Marianka zurückerstattete --

die Hochzeitskränze.

Am Tage nach der Hochzeit legte der Fok einen nagelneuen Hunderter auf

den kleinen Tisch im Grabenhäuschen, dabei drückte er das eine Auge zu,

so daß die Marianka sagte: „’s wird nicht der letzte sein, Sammel, so

oft er ein Auge zuthut, ist allemal was dahinter.“

Da hat der Mann das Weib in Freuden umfangen. Mitunter ist die Liebe

ein Feuer, das mit Geld genährt werden muß. Gar manche wärmende

Herthaflamme in Stadt und Land würde ohne solche Nahrung verlöschen.

Um dieselbe Zeit war’s, daß sich der Fok das unfruchtbare Stück

Boden an der Söllertanne erwarb, sich hart am Steinhaufen eine Hütte

aufrichtete und eine kleine Branntweinbrennerei anlegte. Auf den nahen

Wildflächen wuchsen so viele Vogel-, Heidel- und andere Beeren und

allerlei wilde Baumfrüchte, aus denen der gescheite Fok mit seiner

Retorte den guten Geist hervorzubeschwören verstand, der in ihnen stak.

Der Schwiegersohn wußte wieder nicht, sollte er sich ärgern oder

freuen darüber, daß der Alte seinen Silberschatz gewissermaßen in

Belagerungszustand versetzt hatte, doch kam der Sammel auch hierin

wieder folgendermaßen in’s Reine: Der Schatz ist sicher unter dem

Steinhaufen, aber er ist noch sicherer, wenn neben dem Steinhaufen

wer wohnt. Nur zu wissen braucht er nichts davon, mein lieber

Schwiegervater, der Branntweinbrenner. -- Der Sammel fürchtete

nur Eins: es könnte der Fok auf dem Steinhaufen einmal ein blaues

Flämmlein sehen, oder ein geisterhaftes Winseln hören, wie derlei an

Stellen, wo Geld vergraben liegt, gern vorkommt. Er fragte daher den

Branntweinbrenner einmal: „Glaubt der Vater Fok an Geister?“

„Freilich,“ antwortete Jener, „ich leb’ ja davon, und -- nimmt man’s

recht, Du auch.“

„Und was denkt Er über der Leut’ Reden von vergrabenen Schätzen?“

„Narr!“ rief der rothe Fok, „wer wird denn seinen Schatz vergraben! Vor

Zeiten hat man’s gethan; heutzutag braucht Jeder den seinen im Haus.“

Der Sammel war beruhigt. -- Der Alte weiß nichts von seinen Silbernen

in der Erde. -- Er, der Sammel, kam zwar auch nicht zu ihnen, denn der

Fok ist fast immer zu Weg und der Steinhaufen läßt sich heimlich nicht

so leicht abtragen. -- So mag das Geld in Gottesnamen ruhen bis auf

spätere Zeiten. Der Graben-Sammel braucht’s jetzt ja nicht; er verdient

sich, sie verdient sich und jedes Jahr kriegen sie ein Sümmchen vom

Schwiegervater.

’s ist eine prächtige Ehe. Ein paar Kindlein rücken an, sie brauchen

nicht barfuß zu gehen. So lieb ist’s, wenn sie mit ihrer Mutter auf’s

Feld trappeln, und sie weist ihnen die Frucht, die aus der Erde herauf

steigt, wo sie vor Monaten begraben worden war. Das Vöglein pickt noch

Korn auf. Die Marianka ahnt nichts von einem zu tief vergrabenen Korn,

das ein schlauer Vogel ausgehoben und auf fruchtbares Erdreich gebracht

hat. Des Sonntags, wenn das Ehepaar in die Kirche geht, sieht es ganz

stattlich aus und der Pfarrer stellt es als Muster allen Eheleuten

auf. Zu einem guten Theil war es wohl der jährliche Geldbetrag, der

das Glück in’s Grabenhäuschen brachte, indem er davon die Noth und den

Kummer verbannt hielt. Die Leutchen arbeiteten und sparten, sowie es

der Sammel gewohnt war und die Marianka gelernt hatte, und wäre das

insoweit eine ganz moralische Erzählung.

Im neunten Jahre ihrer Ehe sagte der Sammel einmal zu seinem Weibe:

„Was ich ein Narr war, daß ich Dich ohne Geld nicht hab’ nehmen wollen!

Du bist ein treues Weib, ein arbeitsames, ein häusliches Weib, eine

rechtschaffene Mutter. Du bist mein Schatz und einmal will ich Dir noch

eine rechte Freude machen. Marianka, ich habe ein Geheimniß -- noch von

meiner Junggesellenschaft her.“

Die Marianka erschrak. Aus seiner Junggesellenschaft? Das kann was

Sauberes sein. --

Der Fok war betagt geworden. Stundenlang saß er auf dem Steinhaufen und

sein rothes Haar wurde fahl, und seine Wangen waren noch roth, wenn die

Enkelkinder spielten am Steinhaufen zu seinen Füßen.

„Ihr Kinder,“ sagte er einmal, „was wird’s sein, wenn Euer Aehndl

(Großvater) nicht mehr dasitzt auf der Wacht, wenn Euer Vater die

Steine auseinanderwirft?“

Einige Tage nachher war er gestorben, war todt gefunden worden draußen

im Walde und auf der Bahre heimgetragen und begraben.

Gestorben, begraben -- und von dieser Zeit an blieb das Jahrgeld aus.

Der Fok hatte nichts hinterlassen, als die Bretterhütte, die armselige

Schnapsbrennerstätte und ein paar alte Plutzer.

Da dachte der Sammel: Wie gut es ist, wenn man sein Erspartes hat!

Jetzt will ich meinem braven Weibe die Freude machen.

Und eines Abends nahm er den Spaten und den Korb und sagte zu ihr:

„Also jetzt geh’ ich!“

„Wo willst denn heut noch hin?“

Da war er schon davon. In der Vollmondnacht ging er zur Söllertann’,

warf den Steinhaufen auseinander, grub die Erde auf -- sie lag nicht

allzufest, doch gab’s ein schweres Stück Arbeit. Schon klang der

Finkenschlag aus der Tanne und der Sammel war noch immer nicht beim

Topf. Er verdoppelte seine Hast, bohrte tiefer und tiefer -- und wenn

er durch die ganze Weltkugel ein Loch graben muß -- der Sakermenter

wußte, daß sie rund ist -- er giebt’s nicht auf, bis er den Schatz

gefunden. Endlich, als über dem fernen Waldessaum das Morgenroth

glühte, war der Schatz erreicht.

Dieser fand sich gut verwahrt und mit Harz verklebt, aber als ihn der

Sammel hob, war er schreckhaft leicht. Mit zitternder Hand riß er den

Deckel herab, und siehe -- siehe -- alles Silber war dahin.

Hingegen aber!

Feierabende: Lustige und finstere Geschichten · 第 8 / 29 段