gesprochen habt,“ flüsterte Stroche geheimnißvoll, „nicht allein, daß
dieses Pulver nicht kracht, Ihr wißt es ja: es löst an Anderen jede
Hexerei auf. Kein Zweifel, der Hannes macht sich unsichtbar, macht
sich schußfest -- aber vor diesem Pulver“ -- er deutete gegen seine
Brusttasche -- „ist Alles umsonst. Doch, sprechen wir von was Anderem.
-- Ich verwett’ meine arme Seele, wir haben gestern da unten bei Hüttau
den schwarzen Hannes gesehen.“
„Na, seid mir aber so gut!“ hauchte der erschrockene Halter.
„Ganz nach der Beschreibung. Dieselbe Figur, dieselben
kohlrabenschwarzen Haar’, derselbe Lodenkittel; und hinkt er nicht am
linken Fuß?“
„Jesses, freilich, freilich!“ versetzte der Halter, „hat ihn a einmal
ein Standar in’s Knie geschossen.“
„Punctum, er ist’s gewesen!“ rief der Student und schlug die Faust
auf den Tisch. Dann faßte er in heller Freude den Genossen an beiden
Rockflügeln: „Bruder, vielleicht gelingt’s uns, den Vogel abzuschießen.
Jetzt bin ich aber tausendmal froh, daß ich eine Portion Pulver zu mir
gesteckt hab’!“ Dann wieder zum Halter: „Na, wie geht’s immer, Vetter?
Mitunter ein wenig wildern, was? Läßt sich denken, ein Gebirgsbewohner.
Nu, ’s ist ja recht.“
„Wohl, wohl, aber --“ fuhr’s jetzt dem Manne heraus, „Studentenpulver
thät Einer halt brauchen. Weil wir schon einmal dabei sind: die Herren
haben ganz gewiß eines im Sack?!“
Der schlaue Student schwieg einen Augenblick. „Nu,“ sagte er dann,
„etwelches trägt man schon bei sich, wenn auch nicht viel, ’s ist ein
kostspielig Ding!“
„Allzuwenig,“ meinte nun der Halter, „wollt’ ich nicht hergeben dafür.
Was thät’ der Schuß denn kosten?“
„Ist ja nichts für Euch,“ sagte Stroche mit der Hand abwehrend. „Der
Schuß kostet einen Thaler.“
Jetzt gab der Halter nicht mehr nach, bis der Studiosus sein braunes
Pulver, sorgsam in Papier gewickelt, hervorgezogen hatte. -- „Es kann
aber höchstens für acht oder zehn Schuß reichen.“ -- Der Mann holte
seine Geldtasche, feilschte eine Weile und murmelte dann: „’s wird die
Herren nicht kränken, aber probiren möcht’ ich’s doch erst.“
„Das versteht sich,“ sagte der Student und sein Auge war durch’s
Fenster auf die gegenüber liegende Felswand gerichtet.
„Bei Gott!“ flüsterte er, „jetzt wird mir die Sach’ schon verdächtig.
Seht Ihr nichts dort? Schon eine Weile kriecht Euch im Gewände so eine
Creatur herum, die -- -- ein Spitzbub will ich sein, wenn das nicht der
leibhaftige schwarze Hannes ist!“
Die anderen Zwei sahen jetzt die Gestalt auch. Der ganze schwarze Kerl,
wie er hinkt und sich duckt und späht -- ’s ist der flüchtige Räuber.
„Der ist unser!“ knurrte Stroche mit leuchtendem Auge, „das ist einmal
ein rechtes Ziel zur Prob’ für’s Pulver. Ich bitt’ Euch, Mann Gottes,
einen Kugelstutzen!“
„Ah na,“ sagte der Duckmichel, „da schieß ich selber.“
„Um so besser, Ihr habt ein gutes Auge. Aber Freund, das Gewehr ist
doch nicht schon geladen?“
„Noch nicht,“ antwortete der Halter, „haben die Herren, wie sie da
heraufgingen, keinen Schuß gehört? Da hab’ ich meinen Stutzen auf einen
Raben losgedrückt.“
„Gut,“ sagte der Student, „nichts schlechter, als wenn die beiden
Pulvergattungen zusammenkommen.“
„So viel weiß ich wohl selber,“ brummte der Michel und lud das Gewehr
mit einer Bleikugel und dem braunen Studentenpulver.
Sie schlichen vor’s Haus. Der Mann im Gewände schien Beeren zu pflücken.
„Man merkt es seiner Sorglosigkeit wohl an, daß er sich für unsichtbar
hält,“ versetzte Frischer.
„Ja, unser Pulver!“ lispelte der Andere, „aber, Vetter, zielet gut, und
wartet bis ich rufe.“
Der Halter spannte das Schloß, und fuhr mit dem Gewehre zur Wange.
Stroche blinzelte entzückt seinem Genossen, dann rief er laut: „Feuer!“
In demselben Augenblicke loderte die Mündung des Laufes, gellend
knallte der Schuß.
Die beiden Studenten stießen einen Schreckruf aus und erbleichten.
Pulverrauch verdeckte ihren Augen, was vorging drüben an der Felswand.
Der Halter aber wendete sich höhnisch gegen den bebenden Stroche: „Ist
das Euer Pulver, das nicht kracht?“
„Was ist geschehen?“ stöhnte dieser, „wie so kann das sein! Da giebt’s
ein Unglück!“
Hierauf stellte sich der Duckmichel, das Gewehr fest auf die Erde
stemmend, gerade vor die Studenten hin und sagte gelassen: „Meint
Ihr denn, Ihr sauberen Herrlein, Unsereiner ist gar so dumm? --
Nasses Pulver schon ist mir zuwider, viel weniger schieß ich mit
Schnupftabak. -- Studentenpulver! Oh, wir kennen den Spaß schon seit
lange! Hab’s auch recht gut gehört, was Ihr da unten im Strupp mit
Eurem Spießgesellen beredet habt. Hab’ mich unterhalten bei Eurer
Gescheitheit. Und so müßt Ihr mir’s schon zu gut halten, daß ich das
echt geladene Zeugel losgeschossen habe, weil mir der Vogel da drüben
einmal gar so prächtig auf der Mücke gesessen ist.“
„Jesus und Maria!“ jammerten die beiden Studenten, „was ist mit unserem
Kameraden geschehen?“
Jetzt löste sich der Rauch und vom Felsen heran eilte Grußing, hoch in
der rechten Hand einen todten Falken haltend, der ihm nach dem Schusse
förmlich in den Schoß gefallen war.
„Den Vogel will ich Euch schenken,“ sagte der Halter, „spannt ihm
hübsch die Flügel aus und nagelt ihn über Eure Bücher an die Wand, daß
Ihr’s ja nicht vergeßt, wie wir Bauersleute gar so abergläubisch und
dumm sind. -- Ist noch Buttermilch anständig?“
Wie Duckmäuser schlichen die drei genarrten Musensöhne davon. Sie leben
heute noch. Geistlich ist keiner geworden; alle drei sind Advocaten
auf dem Lande, haben immer noch viel Courage und wenig Geld. Aber das
Studentenpulver schnupfen sie selber.
[Illustration]
Eine Eisenbahngeschichte.
Und sieben Plagen kamen über Aegypten. -- Es wären sicherlich acht
gekommen, aber die +Eisenbahner+ sind damals noch nicht gewesen.
-- So ergänzte ein Landmann des Gailthales das zweite Buch Moses, zur
Zeit, als sie im Thale die Eisenbahn bauten. Die „Eisenbahner,“ wo sie
das erstemal einfallen, sind der Schrecken der Gegend. Die böhmischen
Erdgraber graben nicht allein dort, wo die Bahn werden soll, sondern
auch auf allen Erdäpfeläckern der Nachbarschaft. Die italienischen
Steinschlager schlagen nicht allein Steine, sondern auch Bauern, wo
sich diese den Fremdlingen entgegenstellen. Aber die schlimmsten dabei
sind die deutschen Ingenieure selbst. Da kommen sie mit ihren Schnüren
und Meßstangen und fahren Dir d’rein, Bauer, über Wiesen, Felder und
Gärten, die bisher Dein und Deiner Vorfahren unangetastetes Eigenthum
sind gewesen. Im Grundbuch steht’s und da ist es fest wie der Erdboden.
Kein Erdbeben und kein Feuer hat dieses Eigenthum angegriffen,
das Wasser hat vielleicht einmal den grünen Rasen zerrissen, aber
den Platz hat es nicht mit fortgeschwemmt. Als vor vielen hundert
Jahren der Dobratsch niedergebrochen war, da hat er wohl das Thal
begraben, aber er hat einen Berg dafür hingestellt, auf dem wieder was
wachsen konnte. Und selbst die Franzosen, als sie da waren, haben
das Eigenthum der Leute geschont. Und jetzt kommen auf einmal die
Ausmesser und sagen: „Hier wollen wir unsere Eisenbahn bauen und diesen
Weidegrund und diesen Garten mußt Du uns dazu geben!“ -- „Nein,“ sagst
Du, „der ist meinen Voreltern nicht feil gewesen und ist auch mir
nicht feil.“ -- „Wir bieten Dir dafür diese oder diese Summe,“ sagt
der Ingenieur, „dann aber +mußt+ Du uns den Grund abtreten!“ --
„Mußt?! Was ist denn das für ein Eigenthum,“ sagst Du, „das man mir in
einem Rechtsstaat nehmen kann, wann man will? Mir ist gerade an diesem
Fleck Erde gelegen und um Geld ist er nicht feil.“
Es hilft Dir nichts, das Gesetz ist stärker, als Dein Wille, Bauer,
und -- das ist gut. -- Wenn’s auf Euch Bauern ankäme, lebten wir
heute noch wie die Wilden und das Eigenthum wäre erst recht nicht
gesichert. Ueberall und zu jeder Zeit, wo es geordnete Staaten gab, hat
der Einzelne zum Wohle des Ganzen opfern müssen. Warum zahlt Ihr die
Steuern, warum laßt Ihr Eure Söhne in den Krieg? Feldfrucht und Söhne
sind doch auch Euer Eigenthum. Ihr seht die Nothwendigkeit des Krieges
nicht ein -- ich auch nicht -- und Ihr gebt doch die Soldaten. Ihr seht
die Nothwendigkeit der Eisenbahnen nicht ein, aber Ihr werdet sie nicht
hindern können, denn alle Welt weiß: da die Eisenbahnen einmal sind, so
müssen sie sein und kein Mensch wird sie mehr aus der Welt schaffen.
Wer sich widersetzt, der geht zugrunde.
Das Gesetz verlangt, daß dem Bauer für ein der Eisenbahn abgetretenes
Grundstück um ein Erkleckliches mehr gezahlt werde, als es unter
Brüdern werth ist. Das Gesetz ist also auf Seite der Bauern, dann aber
zwingt es.
Beim Schotterhans haben sie’s nicht auf den Zwang ankommen lassen und
ist zu Nutz und Frommen eine Geschichte davon zu erzählen.
„Ei geht, ei geht,“ sagt der Schotterhans, „da mögt Ihr reden, was Ihr
wollt, was mein ist, ist mein, und ich geb’ meinen Grund nicht her. Ich
laß mein Haus nicht niederreißen, in dem meine Voreltern gelebt haben;
ich will sterben in dem Haus, in welchem meine Voreltern gestorben
sind.“ Aber die Eisenbahn ist so tracirt, daß dieses Stück Grund gar
nicht zu umgehen ist und just, wo des Schotterhans Haus steht, muß die
Bahn darüber. Das weiß der Hans recht gut. Es ist ihm insgeheim auch
nicht der Vorfahren wegen, man erinnert sich noch, wie er seinen alten
Vater auf dem Todbett behandelt hat. -- Aber der Vorwand ist schlau,
Hans, und viel Geld läßt sich herausschlagen.
Nicht mehr als viertausend Gulden ist die ganze Besitzung werth, das
Haus ist schon im Einfallen. Aber man bietet dem Hans achttausend.
„Nein!“ schreit der und denkt: „Haben müssen sie’s, sonst können sie
ihre ganze Eisenbahn nicht bauen.“
„Nun denn, Schotterhans, wie viel verlangt Ihr eigentlich für dieses
armselige Anwesen, das kaum zehn Klafter in der Breite hat?“
Da nimmt der Hans den Mund voll und sagt: „+Sechzehntausend
Gulden+.“
-- Gut, denkt sich der Ingenieur, bei sechzehntausend Gulden hört seine
Pietät auf. Die Bahn hier geht auf einem Damm. Was kostet eine Brücke
über Haus und Grund des Schotterhans? -- Hier wird eine eiserne Brücke
gebaut und der Hans kann im Hause seiner Vorfahren leben und sterben.
Nach wenigen Monaten braust über das Dach des Schotterhauses das
Locomotiv hin. Der Hans starrt das schwarze Ungeheuer drohend an. Es
pfeift auf ihn.
Der Hans will Proceß führen; die Doctoren weisen ihn ab, die Leute
lachen ihn aus. Grund und Boden gehören ihm, aber nicht der Raum über
seinem Giebel.
Um tausend Gulden möchte er nun das Anwesen unter der Brücke verkaufen.
Er findet keinen Käufer. Er wird wahnsinnig und stirbt -- wie er’s
stets gewünscht hatte -- im Hause seiner Vorfahren.
[Illustration]
Naturforscher auf der Alm.
Im Nachsommer des Jahres 1875 war’s, als eines Tages in einem
steierischen Almwirthshause helle Verwunderung herrschte.
Der alte Fritz, der krumme, bucklige Botengeher, sonst ein gar
ernsthafter Mann, hatte die Mär gebracht: „Die Naturforscher sind im
Land!“
„Was?“ schrie Alles.
„Sie kommen gar auf die Alm.“
„Wer?“
„Sie rücken schon an.“
„Du heiliger Sanct Sebastiani!“ rief hierauf die hübsche Almwirthin und
sog nach altem Brauch aus ihrem Pfeifchen, das zu ihrer heute schier
vornehmen Aufgeputztheit freilich nicht recht passen wollte; aber sie
hat’s einmal im Mund und wir können nichts machen. Um ihre rothen
Lippen ist’s Schade, daß sie geräuchert werden. „Redlich wahr,“ rief
sie, „es ist kein Fried’ auf der Welt. Eh’ vor Zeit ist alle fingerlang
der Türk’ da. Nachher ist der Franzosenrummel g’wesen. D’rauf rücken
gar die Preußen an, und jetzt wären auf einmal die -- die -- wie hast
gesagt, wie heißt der Feind?“
„Du närrische Frau Wirthin, Du!“ rief der alte Botengeher, „das ist ja
kein Feind nicht!“
„Was +denn+? So red’, wenn Du was weißt!“
„Die Naturforscher, das sind lauter hochgelehrte Männer, Wirthin, denk’
Dir g’rad einmal den alten Schulmeister von der Radau. Du weißt, der
hat schneeweiße Haar und thut rechtschaffen Tabak schnupfen; hat aber
-- mußt wissen -- seine großen Glasaugen auf und sitzt Tag und Nacht
bei seinen alten Büchern und G’schriften, und ist ein gar gelehrter
Herr, und ein bissel zaubern --“ der Fritz ließ einen forschenden Blick
umherschießen -- „’s selb’ kann er auch.“
Die Wirthin saß recht breit auf einem Stuhle da, hielt die Arme über
dem Busen gekreuzt, in einer Hand die Pfeife, und that nichts, als den
Kopf schütteln.
Der Bote schob das leere Schnapsgläschen vor sich über den Tisch hin:
„Geh’, Almwirthin, noch ein paar Tröpfel von Deinem guten Geist.“
„Alle guten Geister lobt unser Schickbot’,“ rief ein Schalk unter den
Halterleuten, die beim Ofen saßen.
„Ja Du, und daß ich Dir’s sag’, Frau Wirthin,“ fuhr der Fritz fort,
„die Naturforscher, das sind halt auch so weißhaarige Herren, wie
der Radauer Schulmeister; haben aber -- rath’ ich -- noch größere
Glasaugen, wie der, weil sie ja noch viel mehr Bücher lesen und viel
gelehrter sind und noch viel flinker zaubern können. Ja, Leut’, ’s ist
kein Spaß nit, die Naturforscher haben die Welt erfunden!“
Jetzt schlug die Wirthin ihre Hände zusammen, daß es klatschte: „Die
Welt haben sie erfunden?! -- Na, Du, Fritzl, die Welt, die hat der Gott
Vater erschaffen!“
Der Fritzl nippte von dem neu angekommenen „guten Geist“, den der
Almwirth selber aus Ingwerwurzeln brannte. „Der Gott Vater!“ murmelte
er dann vor sich hin, „kann eh’ sein. -- Aber -- nachher möcht’ ich
schier wetten, daß der Gott Vater selber zu den Naturforschern gehört.“
„Geh’, geh’!“ rief Einer vom Ofen her, „bist leicht auch so Einer, der
einen neuen Glauben aufbringen will?“
„Nu, nu,“ besänftigte der Alte, „sag’s halt nach, wie ich’s gehört
hab’. Dahinter ist schon was und die Naturforscher sind im Land, das
läßt sich nicht leugnen. In der Grazerstadt drin haben sie die alten
Herren recht in Ehren gehalten. Den ganzen Schloßberg, hab’ ich gehört,
hätten sie vor Freud’ angezunden über und über -- so viel hätten sie
beleuchtet. Bei allen Fenstern -- und es giebt viel Fenster in so einer
Stadt -- hätten sie die Fahnen herausgereckt und Einer hätt’ gar auf
die Dominikanerkirchthurmspitz’ eine Fahn’ gesteckt. -- Muß wohl was
dahinter sein, Unsereiner kann sich das nicht auslegen.“
So hatte der Fritz erzählt und desweg die helle Verwunderung im
Almwirthshaus.
Da war zufällig die Agatl, die junge Schwaigerin (Sennin) von der
Schoberalm im Hause gewesen, als der Bote Solches und Mehreres lautbar
gemacht hatte. Und Agatl ging jetzt gedankenvoll, wie noch selten,
ihrer Hütte zu. -- Wenn es richtig war, daß die uralten, hochgelehrten
Herren kommen auf die Alm und ’leicht auch in die Schoberhütte, dann
mag sie wohl was vorrichten. Butter und Käs werden so Leut’ nicht
mögen. Da stellt sie’s schon gescheiter an. Das Stubengesiedel scheuert
sie rein ab und den Tisch deckt sie mit einem blühweißen Tuch und
stellt eingefrischte Gentianen und Herbstzeitlosen drauf, und etwa noch
etliche Heiligenbildchen dazu, daß die ehrwürdigen Herren sehen, die
Schwaigerin Agatl weiß, was sich schickt. -- Dann hat sie -- die Agatl
-- auch noch extra was mit ihnen zu reden.
So wird’s gedacht. Dann naht der Tag des Ereignisses. --
-- Die Gelehrten waren von allen Gauen Deutschlands zusammen gekommen
in die freundliche Murstadt, um sich gegenseitig kennen zu lernen,
schöne Reden zu halten und auf das Wohl der Wissenschaft und auf
die Einigkeit des großen deutschen Vaterlandes steierischen Wein zu
trinken. Welch’ ein Aufsehen hatte es daher gemacht, als zu Graz in
jenen Tagen, in welchen an den Wohnungen aller Freisinnigen Kränze
prangten und Fahnen flatterten, auch an der hohen Thurmspitze der
Dominikanerkirche eine schwarzgelbe Fahne wehte -- eine Huldigung
der freien Wissenschaft. Alle frommen Herzen waren außer sich über
diesen unerhörten Frevel der Dominikanermönche; am entsetztesten und
rathlosesten aber waren -- diese Dominikanermönche selbst. Sie waren
unschuldig an der Beflaggung ihrer Kirche, die Fahne war über Nacht
auf die Thurmspitze gekommen, und zwar auf ganz unerklärliche Weise.
Kein Gerüste und keine sonstige Spur war an dem Thurme zu sehen und die
Flagge oben am römischen Kreuze wehte in salbungsvoller Jubelstimmung
hoch über der festlichen Stadt. Die geistlichen Herren hielten Rath,
wie das arge Zeichen möglichst rasch da oben entfernt werden könne.
„Ein Gerüste bauen,“ meinte ein Sachverständiger, „kostet aber
zweihundert Gulden.“
„Diese verfluchten Heiden!“ rief Einer.
„Wer den Fetzen ohne Gerüst hinaufgeschafft hat,“ sagte ein Anderer,
„der soll ihn auch ohne Gerüste wieder herabtragen.“
Aber wer hat den „Fetzen“ hinaufgeschafft? Wo ist der Thäter? Die
Polizei fahndete nach demselben, entdeckte ihn aber nicht. Endlich
am zweiten Tage, nachdem sich Graz an der Dominikanerfahne sattsam
belustigt und die Mönche sich daran sattsam geärgert hatten und immer
noch rath- und thatlos waren, nachdem aber Viele auch die Muthmaßung
ausgesprochen hatten, es sei ja möglich, daß der liberale Orden der
Dominikaner es mit der neuen Wissenschaft halte -- meldete sich ein
alter Militär-Veteran, ein ausgesuchter Turner und Kletterer, und
erklärte sich bereit, für ein gutes Entgelt die Fahne vom Thurme
herabzuholen. Die Dominikaner begrüßten einen solchen Retter in der
Noth mit offenen Armen. Als aber der Veteran lustig an der Außenseite
des Thurmes emporkletterte, oben kunstgerecht die Fahne losband
und dieselbe mit einem lauten „Hoch“ auf die Naturforscher und auf
Oesterreich schwang -- da war es offen, kein Anderer als Der konnte
die Flagge auf die Thurmspitze gepflanzt haben. Das unten versammelte
Volk jauchzte ihm entgegen; doch unter diesen Jauchzenden lauerte auch
die Polizei. Konnte aber die Polizei einen alten, braven Haudegen
fassen, der auf hoher, wenn auch kirchlicher Zinne Oesterreichs Farben
entfaltet und Oesterreich ein Prosit gebracht hatte? Unter den Mönchen
aber war Einer, der die Zähne knirschte und die Faust ballte hinan
gegen den Thurm. Dies sah der alte Soldat; allsogleich band er die
Fahne wieder fest am Kreuze, stieg fröhlich den gefährlichen Weg wieder
herab, die Flagge wehte oben wie vor und eh’, und die Menge umjubelte
den Kletterer.
Nach vielem gütigen Zureden von Seite der Behörde verstand sich
endlich der Veteran, die gute alte Reichsfahne von der Thurmspitze zu
entfernen. Er bekam hierauf selbstverständlich seine reglementsmäßige
„Straf’“, aber seine Richter blinzelten ihm heimlich zu, und dem
wackeren Veteran soll es -- weiß die Fama -- sein Lebtag nie besser
ergangen sein, als in jenen vierzehn Tagen, in welchen er seiner
„gesetzwidrigen Handlung“ wegen im Arrest saß.
Diese Fahnengeschichte, hier als kleine Abschweifung erzählt, war das
Lustigste bei dem Naturforschertage zu Graz. Im Uebrigen waren die
Herren endlich des vielen Fetirens satt; Ausflüge in die schönsten
Landschaften der Steiermark wurden veranstaltet und freudigen Herzens
zogen die Gelehrten den grünen, lebendigen Bergen zu. Nach Hang der
Charaktere, nach Art der Studien theilten sich die Wege. Der eine führt
in die sonnigen Auen des Unterlandes zu alten, merkwürdigen Burgen
und gastlichen Schlössern, zu den Weingärten und Gesundheitsbrunnen;
der andere geht unterirdischen Zielen zu, wo in der Kohle, in den
Versteinerungen die Spuren vergangener Jahrtausende ruhen, oder die
Schätze des Metalls vergraben liegen. Der dritte Weg endlich leitet
empor zu lichten, reinen Höhen, zu interessanten Steinen und Pflanzen,
zu den Naturspielen der Luft und des Lichtes, zu den leichtlebigen
Thieren und zu der kreuzsauberen Agatl. Mancher ist gar mit der Büchse
ausgezogen.
Eine gute Anzahl hatte den Weg auf die Berge gewählt.
Als die Herren gegen die Radau kamen, gesellte sich der Pfarrer des
Ortes zu ihnen, lud sie freundlich in seinen Baumgarten zu einem Glase
Wein mit Zugehör und bat die Gäste schließlich, wenn sie auf der Alm,
wo voraussichtlich viele Landleute versammelt sein würden, etwa irgend
welch’ eine Begrüßung oder Rede zu halten gedächten: sage bei derlei
Reden gefälligst Worte und Abhandlungen zu vermeiden, welche leichtlich
geeignet sein könnten, die guten, einfachen Leute in ihrem alten
Glauben zu verwirren. Er, der Seelsorger, halte diese Bitte für seine
Pflicht. Des Weiteren möge Jeder sagen und thun, was ihm beliebe.
Ueber solche Maßregelung huben einige der Herren an zu murren: „Wenn
uns das freie Wort verboten ist auf den Bergen, wo doch die Freiheit
wohnt, dann lieber verzichten wir auf die Alpenfahrt!“ Und sie kehrten
um, eine Stätte suchend, wo sie nach Herzenslust ihre Stimme ertönen
lassen und ihren pathetischen Gefühlen Luft machen konnten. Der größere
Theil jedoch versprach dem besorgten Seelsorger gern seine kleine Bitte
zu berücksichtigen, maßen ja im Uebrigen ihr Wirkungskreis auf den
Höhen des steierischen Arkadiens ein ganz unbeschränkter war.
Sie kamen zum Almwirthshause, wo der alte Fritz schmunzelnd im Winkel
saß und sich an der Verwirrung der Wirthin ergötzte, die etliche Gläser
in Scherben schlug, bevor es ihr gelang, die begehrten Erfrischungen
auf den Tisch zu schaffen. Sie kamen zu den Halterhütten, wo in allen
Gelassen neugieriges Bauernvolk lauerte, welches, die Gefahrlosigkeit
der Situation einsehend, allmählich hervorschlich. Und sie kamen auch
zur kleinen Behausung der Schwaigerin Agatl.
Agatl wurde, als sie die lustige Gesellschaft nahen sah, irre an der
Welt und an sich selber. -- Alte, weißköpfige, ehrwürdige Herren,
auf Stäbe mühsam gestützt und jeder ein großmächtiges Buch unter dem
Arm -- so hatte sie es erwartet. Und jetzt zog singend und polternd
ein Haufe junger, hübscher, schwarz- und blondbärtiger Männer voll
Heiterkeit und Possen in ihre Hütte ein. Nur, daß sie noch rechtzeitig
die Heiligenbilder unter die Bettdecke verbergen konnte -- da stürmten
sie auch schon in aller Lustigkeit in die Kammer. Die Herren nahmen sie
keck an der Hand und streichelten ihr die erröthenden Wangen; dann
wollten sie Milch und Butter haben für’s Erste; und trieben es lauter
und unbändiger, als die Bauernburschen, wenn sie heraufkamen an den
Sonntagen.
Und das -- meinte die Agatl bei sich -- sollten die Herren sein, die
dem lieben Gott Vater die Welt hätten erschaffen helfen? Das sollten
die großen Gelehrten sein, die -- wie der Fritz erzählt hat -- den
Dampfwagen ausstudirt hätten, und den Telegraph, und das Zacherlpulver,
und den Blitzableiter, und die Sonnenfinsternisse, und die Erdbeben,
und das Photographiren (wie die Agatl ein Bildniß vom Hansel hat),
und die Medicinen, die Salben für Gift und Gall’, und die künstlichen
Kopfhaar’ -- ’s ist ganz verwunderlich, was man schon hört in der Welt
und was die neue Mod’ Alles aufbringt. Und von so leichtfertigen Leuten
soll das Alles kommen? -- Aber sauber sind sie und fein, ’s selb’
muß man ihnen lassen. Der dort mit dem falben Schnurrbart schon gar
-- ist hell noch blutjung. Der kann aber das Handdrücken, wie sie’s
ihr Lebtag noch nicht so kräftig verspürt hat. Die Milchschüssel ist,
gottsdank, so auf den Tisch gestellt, daß er, der Blutjunge, den Rahm
mag „derlangen“. So simulirte die Agatl. --
Herr Doctor Willibald war er benamset, derselbige, welcher bei
seiner Ankunft der jungen lebfrischen Schwaigerin so wacker die Hand
gedrückt hatte. -- Ein leiser Gegendruck, den er aber doch erklecklich
wahrgenommen hatte, sagte ihm, daß er hier ein günstiges Object für
seine Forschungen gefunden haben dürfte. Doctor Willibald war nämlich
nicht blos Naturforscher, sondern insgeheim auch ein bißchen Philosoph
und Aesthetiker und erforschte in des Menschengeschlechtes schönerer
Hälfte gern die Herzen und Nieren.