ich mich von dem tiefverzagten und doch schalkhaften Burschen trennte,
sagte ich zu ihm: „Nur alleweil wacker, lieber Freund! Siehe, Du hast
stetig den Berg vor Augen, den sie Wechsel heißen. Auch mit Dir kann
sich noch ein guter Wechsel ereignen und ’leicht kommt doch noch ein
Mann, der in der Wolfgangskirche Dir den Altar der Liebe baut.“
Es ist ein prophetisch Wort gewesen. Ein paar Jahre danach kam ich
wieder in die Gegend, da hatte das alte Gotteshaus auf dem Hügel ein
schimmerndes Schindeldach, und im Innern, wo der Schutthaufen gelegen,
stand ein freundlicher Altar.
Ich weiß nicht, ob der brave Dechant des Ortes um das starre Gelöbniß
des reichen Bauers wußte und ob ihn die Liebesnoth des armen Wolfl
dauerte -- doch er ließ milde Gaben sammeln und davon die alte Kirche
wieder herstellen.
Zum Glücke war der Wolfl mittlerweile doch kein „Lump“ geworden, wie es
sein heilig Fürnehmen gewesen, sondern ein braver, fleißiger Bursche
geblieben. Und vor dem neuen Altar in der alten Wolfgangskirche ist er
mit seinem Herzlieb getraut worden.
Heute mag er nimmer hinabsteigen in die Höhle, denn es freut ihn die
Welt hier oben.
[Illustration]
Der Junge und der Alte.
„Na, na, Seppel, das mußt nicht thun. So was muß der Christenmensch
meiden. Für’s Erst’ bist noch zu jung, und für’s Zweit’, wenn Einer alt
genug ist, denk’ auf die Sünd’! Auf die Sünd’ mußt denken, Seppel! --
Die anderen jungen Leut’ wären auch so, meinst? Schlecht genug, Seppel.
Du mußt gescheiter sein. Kunnt’st Dich leicht in’s Elend setzen,
nachher ist’s zu spat, nachher denkst an die Vatersred’ und kannst Dir
nimmer helfen. Denk’ auf die Kümmernuß! Weiberknecht sein, Tag und
Nacht arbeiten, daß Kein’s verhungert! Ja, mein Du, wenn +das+
nicht wär! Die Sünd’ und die Sorg’! Wirst nit so dumm sein und mit
+solchen+ Rössern spazieren fahren. Thät’st mir derbarmen! Blutig
thät’st mir derbarmen! Heut’ ist’s noch früh genug. Ich, wenn ich der
gescheit’ Seppel thät sein -- auf der Stell’ ging ich ihr absagen.“
„Zuweg soll denn ich Keine gern haben, das möcht’ ich wissen. Der Vater
hat doch auch Eine genommen.“
„Scham’ Dich, Seppel, daß Du mir Deine Mutter nachred’st (mißgönnest)!
Du bist dabei gewiß nicht zu kurz kommen. Auf Deiner Mutter wachst
heut’ der grün’ Wasen, die laß mir in Ruh’!“
„So meint der Vater, daß ich’s sollt’ sein lassen?“
„Daß Du’s sollst sein lassen, Seppel. Schau fleißig zum Arbeiten und
Beten, schmeckt Dir des Tag’s das Essen und des Nachts der Schlaf
-- hast keine Anfechtungen. Und kannst es schon gar nicht g’rathen
(entbehren), daß Du was thust, das unnöthig ist, so rauch wegen meiner
ein Pfeife Tabak. Nur mit keiner Weibaten gieb Dich ab.“
„Und just eine Weibate hätt’ ich mögen.“
„Weil Du ein Trutzbock bist! Hell mir zu Trutz! Ich sag’ Dir’s in
Güten, Seppel: Du bist noch minderjährig, vergiß nicht, wer Dein Vater
ist.“
„Gewiß nicht. Ich bedenk’s auch, +warum+ er’s ist.“
„So! Ich versteh’s, was Du meinst, Giftmaul. Ist das die Ehrfurcht, die
Du Deinem Vater schuldig bist? Bursch’, bring’ mich nicht in’s Grab!“
„Ich sag’ nichts mehr, ich bin schon still, und jetzt geh’ ich
schlafen.“
Das ist zwischen dem alten Toni-Bürsch und seinem
dreiundzwanzigjährigen Sohn die Abendunterhaltung gewesen.
Der Alte betete sein Abendgebet; das erste Paternoster weihte er seinem
Sohn, das zweite derselbigen, die sein Seppel gern sah; das dritte für
sein verstorbenes Weibel, daß es in Frieden ruhen bleibe; das vierte
betete er um einen guten Schlaf für sich selber, denn er hatte großen
Kummer von wegen Derselbigen, die seinen Jungen in Versuchung führte.
Der Seppel that aber nicht, wie er gesagt hatte; er ging in den
Haarspinnhof und klopfte dort an das Kammerfenster der Christine.
„Gieb Fried, Dein Angehen mag ich nicht leiden!“ begehrte die Christine
drinnen auf, aber so leise, daß es Niemand im Hause hören konnte.
„Was redest denn, Christl, wenn Du noch nicht wissen kannst, was ich
will,“ sagte der Seppel, „ich bin nur da, daß ich Dir’s sag: mit uns
Zwei -- was wir ausgeredet haben -- ist’s dieweilen noch nichts. Ich
verlieb’ mich nicht, ich bin noch eppas zu jung. Wart’ halt; wenn’s mir
gach einfallt, daß ich komm’!“
Sie sagte kein Wort, und er ging davon. Und war zufrieden mit seiner
Feinheit -- Die Christine sah er gern, das stand fest, wie die Erde.
Aber sie war eine Kalte. So viel jung und sauber, aber so viel kalt.
Wenn Eine auf jede Frage nichts als „na“ sagt, so ist das keine
Sach’. Jetzt hat er ihr abgesagt -- sie soll nur warten, ’leicht wird
sie wärmer -- und im Grunde sind Beide noch so jung, daß sie nichts
versäumen. Dieweilen wird er großjährig und hernach hat der Vater
nichts mehr dreinzureden. Auf seinen Vater muß der Mensch doch achten,
auf daß es ihm wohlgehe. Und von wegen der Erbschaft auch. -- Deswegen
war’s fein vom Seppel, und wenn Einer so in rechter Friedsamkeit weiter
lebt und all’ Tag seine Uhr aufzieht, so wird er nach und nach doch
großjährig. Nachher stellt er sich mit ausgespreizten Beinen hin vor
den Vater, steckt die Hände in die Hosentaschen, so tief es geht und
sagt: „Na Vater, itzo wollen wir halt einmal probiren, wie’s mit den
Weibsbildern ausschaut. Ist der Vatersegen zu haben, so wird’s uns
g’freuen; ist er nicht zu haben, so soll’s desweg keine Feindschaft
geben.“ -- Beim Seppel kommt’s ja doch nur mehr auf ein Jahr an, daß
es ein Schaltjahr ist, wird auch zu verwinden sein, wird die Christine
noch um einen Tag wärmer. Der Seppel vertreibt die Zeit auf einem
Holzschlag drüben im Neuviertel, und kommt nicht oft heim. Deswegen ist
Einer Mann, daß er seine Sach’ derwarten kann.
Es war ganz genau, wie er sich’s gedacht hatte, das Jahr wurde täglich
um einen Tag kürzer, und die Christine im Haarspinnhof täglich um
einen Tag wärmer. Da erhielt der Bursch eines Tages Nachricht, der
Toni-Bürsch lasse sagen, der Seppel möge einmal heimkommen, möge doch
auf den Vater nicht ganz vergessen.
Das ist auch wahr, dachte der Sohn, auf meinen Vater darf ich nicht
vergessen, jung ist er auch nicht mehr; wenn der Mensch einmal im
Siebenundsechzigsten steckt, denkt er halt auf’s Testamentmachen. --
Und geht heim, und findet den Vater, Gottlob, rechtschaffen gesund und
rührig, und der Mann hat einen Schneider im Haus. Der Schneider macht
ein kohlschwarzes Tuchgewand; im Vorhause zimmert der Tischler aus
sechs Brettern...
„Aber, Vater, wer wird denn auf so was denken?“ sagt der Sohn.
„Willst mich Du zuletzt noch gar bevormunden?“ sagt der Vater, „ein
solches Leben gefreut mich nicht mehr. Ich denk’ ich bin alt genug
dazu.“
„Warum nicht gar! Wie der Vater jetzt ausschaut: noch dreißig Jahr
dermacht er’s.“
„Verhoff’s. Für weniger laßt sich’s der Mensch kein nußbaum’nes Ehebett
kosten. -- Wirst wohl bei der Hochzeit sein, Seppel!“
„Ja, wer -- wer denn?“ fragte der Sohn.
„Mein lieber Bub’,“ sagte jetzt der Alte und blickte den jungen Mann
liebreich an, „ich hab’s bedacht und Du hast mir so viel arg derbarmt.
Keine Mutter haben, ein Waisel sein -- ’s ist eine arme Sach’.
Nachher, wenn man’s bedenkt, ich brauch’ auch wen, gesetzt, daß ich
gesund bin, und gesetzt, daß ich einmal mühselig werd’. Und auch eine
Sündhaftigkeit ist’s, so ein lediges Daherleben, und es sind die jungen
Gedanken noch da.“
Jetzt antwortete der Seppel: „Das verstehe ich nicht. Wenn bei mir
etwa einmal die jungen Gedanken da wären, gleich thät’s heißen: Denk’
auf die Sünd’! Auf die Sünd’ mußt denken, Seppel. Was hat der Vater
denn gesagt, wie ich selbunder die Christel hab’ wollen nehmen? Das
vierte Gebot hat müssen herhalten und die Sündhaftigkeit. Bei mir
ist’s Gernhaben sündhaft, bei Euch das Alleinbleiben, jetzt möcht’ ich
wissen, wie Einer dem Teufel auskommt.“
„Kommt ihm nicht aus, Seppel, hast Recht!“ sagte der Alte, „aber zeigen
muß ich sie Dir doch, Deine neue Mutter. Hab’ sie da im Stübel d’rin.
Geh’, Christel, geh’ heraus ein wengel!“ Stand sie da.
Dem Seppel ist im ersten Augenblick so dumm gewesen, als wenn ihm ein
härener Sack über den Kopf geworfen worden wäre. Als er sie aber eine
Weile angeglotzt hatte, sagte er: „Soll das eine Fopperei sein?“
Sie schüttelte den Kopf, als wie Eine, die nein sagen will.
Da wendete sich der Sohn zum Vater und sprach: „Vater hin, Vater her,
jetzt red’ ich anders. Ihr habt die Unrechte erwischt, das ist die
Meine. Die laß ich nicht aus, ehevor setzt’s was!“
„Das Geschrei ist nicht vonnöthen,“ sagte der Alte verbissen, „wir sind
auf gleich und haben uns ehrlich Wort gegeben. Aber wenn sie meint! Ich
bin nicht der Mensch, der wen zwingt und ’s kommt nur d’rauf an, daß
sie es selber ausspricht, welchen sie haben will, den Jungen oder den
Mann.“
Der Seppel bebte vor Zorn, aber er bezwang sich und fragte die
Christine: „Na, welchen denn?“
„Der bei mir bleibt, und das Gernhaben nicht verschiebt über’s Jahr.
Bildest Dir was ein auf Dein Jungsein! Wir fragen bei Euch Mannsleuten
nicht viel um’s Alter, mußt wissen, aber bei uns Weibsbildern hat’s
Eil!“
„Das ist Recht!“ machte der Alte, „Christel, thu’ ihm’s nur tüchtig
sagen. Hätt’ sich früher um Dich sollen bekümmern; der Lecker, jetzt
möcht’ er was dreinreden.“
„Ich werd’ noch mehr dreinreden!“ rief der Seppel und stellte sich
fürchterlich vor dem Vater auf.
„Du sei still!“ fuhr die Christine drein und schob den Burschen bei
Seite, „er ist Dein Vater. Aber der meine ist er nicht, und ich red’.“
„Hast schon Recht, Christel, red’ Dich nur aus, ist mir allemal
lieber,“ drauf der Alte.
„Wird Dir schon genug werden, Toni-Bürsch,“ sagte sie, „Dein ehrlich
Wort? Na, ich bedank’ mich! Du hätt’st mich sauber drankriegt; jetzt,
und noch zu rechter Zeit seh’ ich’s ein, Du bist ein Falscher!“
Er fing ihren Arm und rief: „Wohl gewiß nicht, Christel, ich schau
Keine an, außer Dir!“
„Das glaub’ ich gern, aber gegen Dein eigen Kind bist falsch. Bis
auf die jetzige Stund’ hab’ ich’s nicht gewußt, daß Du den Seppel
von mir hintan gehalten hast, weil es Dich selber noch gelust’ nach
einer jungen Dirn. Die Höll’ hast ihm heiß gemacht; und dieweil er
Dir nachgeben und Vaters wegen die Liebste verlassen hat, wirfst ihm
heut’ vor, daß er sich besser um mich hätt’ kümmern sollen. Er ist eine
Lettfeigen, aber er ist ein gutes Kind; Du bist ein schlechter Vater
und kunntst leicht ein noch schlechterer Mann sein. Toni-Bürsch, von
Dir hab’ ich genug!“
Der Schneider war aufgesprungen, der Tischler hobelte nicht mehr -- es
bleibt ja Alles aus!
„Macht’s nur weiter, Handwerkerleut,“ sagte der Seppel, „wird schon
Anwerth haben. Die Christel nimmt mich.“
„Das mußt erst sehen,“ sagte diese -- und war fort.
-- Standen Vater und Sohn sich gegenüber und sahen sich an.
„Geh, Seppel, thu’ nicht so grimmig schauen,“ sagte der Alte süß,
„einen Spaß wirst doch verstehen.“
„Ist mir lieb. Ein Spaß soll’s gewesen sein, will auf nichts Anderes
denken. Aber von heut’ an bin ich großjährig.“
Der Alte ließ es gelten und redete nichts mehr drein. An einem der
nächsten Tage ging der Seppel zur Christine und sagte: „Dirndl, der
Schneider und der Tischler sind fertig.“
Nun --? Was sagte sie dazu? Es war ihr recht.
[Illustration]
Graf Adlerstamm auf der Hahnenjagd.
Im Ramsauerthale steht die alte moosbärtige Fichte, an welcher das
Wunder geschehen ist. Dort hat der Graf Adlerstamm den Hahn und der
Preiner-Michel den Bock geschossen.
Im Frühjahre war’s, als der Graf in Nimrods kecker Rüstung in’s Thal
fuhr. Der Oberförster -- Hans Schrödinger heißt er, der uns nachher
die Geschichte erzählt -- hatte für Jagd und Wild zu sorgen. Er
war rathlos. In die nahe Holzknechthütte ging er hinüber, hieß den
Vorhacker, den Preiner-Michel mit sich, und als sie allein durch den
Wald gingen, und der Michel seinen Tabaksbeutel vom Rücken herüberzog,
wo er ihn im Gurte stecken hatte, und seine Pfeife füllte, sagte der
Förster: „Möcht’ ich wissen, wie wir das anfangen.“
„Ist was anzufangen?“ fragte der Michel.
„Der Graf ist da und will morgen Früh einen Auerhahn schießen.“
„Dem gehört die Jagd, der kann’s thun.“
„Der kann’s +nicht+ thun,“ sagte der Oberförster.
„Warum? Heuer giebt’s ja Hähne genug, weiß selber einen oder zwei. Der
Herr Graf muß halt gut auf den Stand geführt werden.“
„Das ist zu wenig, mein Lieber, der Graf trifft nichts. Es muß was
geschehen. Jetzt, denk’ Dir einmal, ist’s heuer das zehnte Jahr, daß
der Herr auf den Hahn kommt, und hat noch nicht ein einzig Federl
geschossen. Er wird Dir endlich verzagt, verkauft die Jagd, und das
wär’ arg; Du weißt, Michel, er giebt --“ und machte mit den zwei
Gebefingern eine bedeutsame Geste. „Kurz, er muß morgen den Hahn
schießen. Aber wie, Freundchen, wie? Wenn ich mir das nur anzuschicken
wüßt’.“
„Binden wir ihm den Hahn auf den Baumwipfel,“ meinte der
Preiner-Michel, nahm seine angestopfte Pfeife zwischen die Vorderzähne
und steckte den Tabaksbeutel wieder in den Gurt.
„Anbinden,“ sagte der Förster, „d’ran habe ich schon gedacht, aber es
ist zu wenig; er trifft ihn nicht.“
„Wenn er zwei- und dreimal hinaufbrennen kann?“
„Trifft ihn nicht. Der Graf ist kurzsichtig, das weißt, hat keinen
festen Ansatz und keine sichere Hand und keine Geduld und Ruh’; dem
fehlt nicht mehr, als Alles zum Jäger.“
„Nachher kunnt ich keinen Rath geben,“ sagte der Michel.
„Es giebt nur Ein Mittel,“ versetzte der Förster mit leiser Stimme, als
traute er nicht einmal den Bäumen, „und weil es das einzige ist, so muß
es ausgeführt werden.“
„Nachher ist’s ja recht.“
„Aber dazu brauch’ ich Dich, Michel. Los’ einmal.“
Und sie blieben stehen und der Förster brachte dem Vorhacker was bei.
„Na Du,“ sagte dieser plötzlich laut auflachend, „das thu’ ich
+nicht+!“
„Kannst es ganz ruhig thun; ’s ist gar keine Gefahr. Er schießt zum
mindesten eine Klafter weit an Dir vorbei.“
„Zu dem Geschäft such’ Dir einen Andern, Förster.“
„Nun, zu Deiner Beruhigung -- Du weißt ja, daß ich dem Herrn den
Büchsenspanner abgebe -- werde ich das Gewehr blind laden.“
„Das ist eine Red’. Jetzt hast mich. Wo will der Herr Graf den Hahn
schießen?“
„Oben im Donnerwald, etwa bei der Zwiselfeichten. Je weiter und
schwieriger der Weg, desto größer das Vergnügen. Kennst ja das, von den
hohen Herren. Und um drei Uhr, wo’s g’rad noch die rechte Finstern hat.
Nicht vergessen auf’s Balzen!“
„Ist recht.“
Sie verabredeten noch Manches und verloren sich im Walde. --
Um Mitternacht wird der Herr Graf höflich geweckt. Er beladet sich
mit Allem, was dem alten Jägersmann an den Leib steht. Und wenn der
Förster meint, das oder das sei heute nicht nöthig, so sagt der Graf
fürsichtig, ’s wär’ immerhin besser, man hätt’s bei sich. Es ist eine
klare stille Nacht.
„Excellenz!“ sagte der Förster unterwegs, „heut’ gilt’s Einen. Ich
sag’s. So schön ist mir noch Keiner gestanden, wie der heutige.“
„Soll Sein Schade nicht sein. Doch -- hat Er’s gehört, jetzt? Ist das
nicht ein Schuß gewesen?“
„Wahrhaftig,“ lachte der Förster, „auf’s Haar wie ein Schuß; das hat
mich anfangs auch immer getäuscht. Nein, Excellenz-Herr, eine Lawine
ist im Höllgraben drüben abgegangen. Das ist um diese Zeit nichts
Seltenes.“
Je höher sie emporkamen gegen den Donnerwald, desto leiser wurde ihr
Gespräch. Als sie bei der Rothbuche waren und horchten, hörten sie
das erstemal balzen. Nun hub das Laufen an, um dann, während der Hahn
wieder schwieg, starr wie ein Baumstrunk still zu stehen.
So waren die beiden Jäger allmählich zur Zwiselfeichten gekommen, in
dessen buschigem Gewipfel das Thier schnalzte und balzte, daß es eine
Lust war.
Der Förster führte den Grafen auf den rechten Standpunkt und fragte
flüsternd, ob er dort oben den Hahn wohl sehe.
„Wohl, wohl! ’s ist ein sakrisch mächtiger Kerl.“
„Natürlich, das schwarze Bündel dort ist der Baumwipfel. Daneben, der
kleine Punkt....“
„Gut, gut!“ entgegnete rasch der Graf und fuhr mit dem Schaft zur
Wange. -- Puff! war auch schon der Knall da. Man meinte, schier zu
früh, aber siehe -- diesmal Glück! Das Thier rauschte herab von Ast zu
Ast und schwer fiel es nieder auf den Boden.
Der Graf sprang hinzu, jauchzte, jubelte; es war auch ein prächtiger
Vogel. -- Das Telegraphenamt! Allsogleich berichten der Gemahlin, den
Freunden: Vivat, den Hahn geschossen. Morgen großer Schmaus! --
Ein herrlicher Vogel fürwahr! und gerade mitten in die Brust getroffen!
Aber -- was hängt doch daran? An den Klauen hängt ein Knollen --
was das sein mag? -- Sogleich ist Licht gemacht -- welch’ eine
Erscheinung?! In die Klauen verhakt lag ein vollgedunsener Tabaksbeutel.
„Verdammter Esel!“ fluchte der Förster für sich und rasch setzte er
bei: „Der erste Fall in meiner Praxis, Excellenz-Herr, wo mir das
vorkommt, was erzählt wird, daß Auerhähne bisweilen in die Nähe der
Holzarbeiter dringen und verschiedene Gegenstände, die die Leute
irgendwo bei Seite gelegt, mit sich forttragen. Ich wette, diese
Tabaksblase ist ein solcher Raub. Seltsam, seltsam!“
Der Graf starrte drein und sagte kein Wort. Den Vogel ließ er liegen;
auf dem kürzesten Weg eilte er dem Bahnhofe zu. Und der Michel
kletterte verzagt von der Zwiselfeichten, von welcher er früher den
todten Vogel herabgeschleudert hatte.
„Was kann denn ich dafür!“ betheuerte er dem Förster, „Ihr seid zu
früh dagewesen. Wie der Schuß fällt, hängt der Vogel noch fest an
meinem Gurt. Ich reiß’ ihn eilends los, nu, und hab’ halt meinen
gottverblitzten Beutel mit hinabgeworfen.“
In acht Tagen war das Revier verkauft.
[Illustration]
Studentenpulver.
Da gingen einmal drei Studenten auf Vacanzen. Sie machten eine
Bergreise im Salzburgischen und hatten viel Courage und wenig Geld.
Der Eine, Markus Frischer, hatte in Berchtesgaden wohl eine kleine,
zierliche Dose herausgefeilscht und dieselbe hübsch mit Schnupftabak
gefüllt, um dem zu besuchenden Pfarrer in Sanct Barbara damit ein
Geschenk zu machen. Das sollte bei dem geistlichen Herrn -- einem
weitläufigen Verwandten Frischer’s -- eine feine Aufnahme und noble
Bewirthung bezwecken. Als sich der Herr „Vetter“ aber nur mit einem
einzigen Glase sauren Weines und etlichen Stücklein Brotes, die er
selber vorschnitt, einstellte, ließ der Enttäuschte in den Wirren des
Abschiednehmens die Berchtesgadner Dose heimlich wieder mitgehen.
Dann kamen sie in’s Pinzgauische hinüber, in das Wildschützenland.
„Hier wohnen lauter fromme Leute,“ sagte Studio Grußing, Candidat der
Juristerei, der größte und kühnste von den Dreien, „in den Bauernhöfen,
wo wir zusprechen, wollen wir fleißig geistlich werden und einstens
unsere heiligen Messen lesen für die Wohlthäter. Werden dabei nicht
verhungern, versteht Ihr? Aber Geld! Es giebt pulverisirte Tausender
genug zerstreut im Lande, es wäre beim Zeus doch schmählich für so drei
Kreuzköpfeln --“
„Freunde!“ rief Stroche, der älteste und verschlagenste vom Kleeblatt,
„Ihr wißt, ich kenne diese Gegend und die Leute, die ihres Aberglaubens
wegen so berühmt sind, wie etwa die Oberammergauer ihrer Passionsspiele
halber. Es giebt anderswo auf der ganzen Welt keine Pinzgauer mehr. --
Und jetzt habe ich eine Idee.“
„Ah, Ideen hast Du viele,“ rief Grußing, „zeige endlich nur einmal,
daß Idealisten auch praktisch sein können, denn die böse Welt will das
nicht glauben.“
„Ich werde sie überzeugen,“ versetzte Stroche trocken. „Frischer,
willst Du mir zum allgemeinen Besten Deinen Schnupftabak zur Verfügung
stellen? Die Dose magst für Deine alten Tage behalten. -- Und Du,
Bruder Grußing, willst Du Dich einmal ein bißchen todtschießen lassen?“
„Oh, mit Vergnügen!“ rief der Gefragte.
„Schön,“ sagte Stroche, „so werden wir morgen Geld haben. -- Der
schwarze Hannes ist wieder ausgebrochen, merkt Euch das!“
Sie lugten ihn an und dachten: Ist ein komischer Kautz, der Stroche.
Dann stiegen die Drei in’s Gebirge hinan, einem Hirtenhause zu, das
versteckt war zwischen Wald und Wänden. Unterwegs hatte Stroche mit dem
„Jusdoctor“ viel zu reden, und es wurden in einem Versteck die Kleider
umgekehrt und der Plaid in Form eines alten Bauernmantels aufgeheftet,
es wurde mit ausgepreßtem Kräutersaft das Gesicht Grußing’s braun
gefärbt, es wurde das Hinken auf dem linken Fuß eingeübt und Mehreres
dergleichen. Dann gingen die Zwei, Stroche und Frischer, in die
Halterhütte. Der Halter -- Duckmichel hießen sie ihn -- war ein
kleiner, rühriger und doch unbeholfen und blöd aussehender Mann; nur
in dem stets halbgeschlossenen Auge hatte er jene stechende Gluth, die
bei fanatischen und abergläubischen Leuten so häufig zu bemerken ist.
Und die ganze Hütte war inwendig mit geweihten Weidenzweigen, Amuleten,
Alraunen u. s. w. behangen.
Die beiden Studenten -- Stroche war nicht ganz fremd im Hause -- wurden
mit bäuerlicher Höflichkeit, die ein Gemisch ist von Naivetät und
Koketterie, empfangen und mit Brot, Butter und süßer Milch bewirthet.
-- Thäten allbeide auf geistlich studiren, hätten ein heißes Jahr
hinter sich -- die siebente Schul’, wo der Theolog mit dem Teufel die
erste Bekanntschaft machen müsse.
„So, so,“ sagte der Duckmichel und klopfte an dem Fingernagel des
Daumens die Asche seiner Pfeife aus. „So, so! Thuen die Herren nur
essen und trinken! Gesegne Gott, wir haben noch was in der Kammer.
Ist wohl vergunnt! -- Die siebente Schul’, die schwarz’ Schul’,
heißt’s, mein’ ich --? Na, gelt, weiß es ja. -- Viel dicker auf’s
Brot streichen, junger Herr, die Butter! Recht schad’, daß uns der
Honig ist gar worden. -- Schau, schau. -- Vor nächst Jahren sind auch
einmal so Herren heroben gewesen; die haben dem Nachbar da unten,
dem Schlederer-Ferl -- heißt er -- der Müh werth ein bissel ein
Studentenpulver gegeben.“
„Aha,“ murmelte Stroche seinem Genossen einen recht absichtlich
vielsagenden Blick zuwerfend, „ägyptisches Pulver meint er.“
Der Halter lugte und lauerte, war überzeugt, sie hätten Studentenpulver
bei sich. Dieses ist ein gezaubertes Schießpulver, das nicht knallt --
für Wildschützen eine gute Sach’.
Stroche erhob sich nun einmal und ging hinaus in’s Gebüsch, wo Grußing
im Brombeerlaub lag. „Du,“ flüsterte er zu diesem, „es geht prächtig,
der Dummkopf ist allein zu Hause und er hat selber von dem Pulver
angefangen. Puppe Dich eilig in Deinen Räuberstaat, schleiche dort auf
die Felsbank, und pflück’ Erdbeeren so lange, bis ich vor der Hütte
laut rufe: „Feuer!“ Dann wird der Hahn knacken und wie Du das hörst, so
stürze zusammen -- vergiß nicht drauf!“
Es war schon früher Alles verabredet gewesen, und so genügte die kurze
Weisung, nach welcher Stroche sogleich wieder in’s Haus eilte. Darauf
kam der Halter mit Ingwerbranntwein. Der Student blickte zum Fenster
hinaus auf die gegenüberstehende Felswand.
Der Duckmichel hätte gern vom Studentenpulver gesprochen, man merkte es
ihm an. Er redete so herum von Venedigerkapseln, deren Feuer den Schuß
die doppelte Weite trägt; von Suchkugeln, die jenes Ziel -- sei es wo
immer -- aufsuchen, an welches der Schütze beim Losdrücken denkt. Dann
fragte er: was denn immer Neues in der Welt?
„Neues genug, aber nicht viel Gutes,“ sagte Stroche, auf die gewohnte
Sprechart der Landleute eingehend. „Habt’s schon gehört, in der
Kufsteinerfestung -- der schwarze Hannes ist wieder ausgebrochen.“
„Soll’s doch wahr sein?“ rief der Halter, und blinzelnd: „+Der+
braucht den Hörndlbuben (Bezeichnung für den Teufel).“
„Siehst Du, der Mann sagt’s auch!“ rief der eine Student dem andern zu.
„Sakra, bei dem wär’ ein Geld zu verdienen!“
„Wieso das, mit Verlaub?“ fragte der Halter und machte einen langen
Hals gegen den Sprecher, auf daß dieser das Ohr für die Antwort näher
hätte.
„Ei!“ versetzte Stroche, „sind ja doch dreihundert Ducaten auf des
Räubers Kopf gesetzt!“
Der Halter schlug einen Lacher: „Den einbringen! Da müßt’ Einer ein
wenig mehr können, als Birnen sieden.“
„Na, mit gewöhnlichen Mitteln geht es nicht, das geb’ ich zu,“ sagte
der Student, und zu seinem Genossen: „Aber das Aegyptische, das thät’s
wohl!“
„Weil --“ meinte nun der Duckmichel angelegentlich, „weil wir schon
davon reden, wie ist das, mit dem Aegyptischen?“