Als Guido nun aber zur Gertrudis beten konnte, die im Nonnenmantel auf

dem Altare stand, da wurde es ihm besser. Er grub Torf und stieg jeden

Tag hinauf zur Capelle und betete für den alten Israeliten und seinen

Sohn und auch auf die gute Meinung, daß er endlich einmal den Schatz

auf der Moorheide entdecke.

Aber als Guido älter und älter wurde, da hub es an, ihm wieder

schlechter zu werden und als er endlich dem Alter nahte, in welchem

der Jude mit dem grauen Barte gewesen sein mochte, da begann es in

seinem Kopfe zur Nachtszeit gräulich Spectakel zu treiben, und stetig

stand der Jude am Bett und zerrte ihm die Decke vom Leib und hüllte

ihn zu mit seinem langen grauen Bart. Und das war ein böser Bart und

jedes Haar war ein giftig Schlänglein, das fürchterlich nagte und biß.

Vergebens rief Guido die heilige Gertrudis; aber eine brave Nonne geht

zur Nachtszeit in keines Mannes Zimmer. Gertrudis kam nicht.

So raffte sich denn der Torfstecher in seiner Verzweiflung einmal von

seinem ruhelosen Lager auf und eilte im Mondscheine auf den Birkenberg

zur Capelle. In derselben fiel er nieder auf die Erde und rief mit

lauter Stimme:

„Gertrudis, meine Schützerin, steh mir bei! In jeder Nacht kommt er zu

mir, der alte Jude, der Samuel Amsel, und will sein Geld wieder haben!“

Siehe, da erhob sich hinter dem Altare plötzlich eine Stimme: „Der

Samuel Amsel! Wo ist er? Wo ist mein Vater?“

Ein junger Mann sprang hervor. Ein Mann, der schon mehrmals in der

Gegend gesehen worden war, als Jäger, oder wie er Pflanzen und Steine

sammelte und das Gebirge untersuchte. Es war ein schöner, freundlicher

Junge und er genoß vielen Respect bei den Leuten. Auch auf die

Moorheide war er gekommen und hatte darauf mit Instrumenten hantirt,

als ob er ebenfalls den Schatz suchen wollte. Ja, mehr noch, vor der

Hütte des Torfstechers, die im Wäldchen stand, war er mehrmals schon

gesessen und hatte mit Guido’s Nichtchen geplaudert, das gar hübsch und

gescheit und viel manierlicher war, als der Alte.

Es war im Städtchen bei einer Muhme erzogen worden und nur zur

Sommerszeit manchmal beim Oheim im Einödhäuschen. Guido hatte sich aber

nicht getraut, den Jüngling zur Rede zu stellen darüber, weshalb dieser

auf der Moorheide so herumsteche oder auf der Bank bei seiner Nichte

sitze. Und so hatte sich der junge Mann auch nicht verantwortet und

überhaupt niemals näher mit dem Alten verkehrt.

Oft hatte sich der Geologe, als welcher der fremde junge Mann in

der Gegend herumging, so weit in’s Gebirge verstiegen, daß er keine

Menschenwohnung fand und im Freien übernachten mußte. So hatte er auch

gestern spät Abends auf dem einsamen Birkenberge in der stets offenen

Capelle Obdach gesucht und sich hinter dem Altare in seinen Mantel

geschlagen, bis zur Morgenfrühe, da er wieder weiterziehen wollte. Er

ruhte gut auf dem Stein. Freilich kam auch zu ihm der Jude mit dem

grauen Barte, der ihm seit vielen Jahren verschollen war; doch er kam

in lieber, freundlicher Traumgestalt, denn es war sein Vater.

Da er nun aber plötzlich des Vaters und seinen Namen rufen gehört

hatte, fuhr er empor und auf den Alten zu, der angstgemartert vor dem

Altare lag. Guido war wortlos vor Schreck, er stöhnte und bat mit den

Händen um Gnade.

Er hat Alles gestanden. Und eine Inschrift auf dem noch vorhandenen

ledernen Täschchen hat Alles erwiesen. „Was soll es weiter,“ sagte

der fremde Mann, „mich verlangt nur meines Vaters Grab zu wissen. Geld

hätte mich nicht gehoben, das muß eigene Arbeit thun.“

„Oh!“ rief der Alte verwirrt. „Wenn Du der Jacob Amsel bist, so ist die

Kirche Dein; sie ist von Deines Vaters Geld erbaut. Aber die Gertrudis

schenk’ mir heraus, die muß mir auf der Moorheide was helfen suchen.“

„Das Kirchlein schenke ich den Gläubigen,“ sagte der Geologe, „auf der

Moorheide aber giebt es sonst nichts zu suchen, als was Du lange schon

gefunden hast. Du alter Torfgräber, seit vielen Jahren hast Du vom

Schatze der Heide gezehrt.“

Der junge Gelehrte hatte bei dem Gerichte Fürbitte gethan, daß der

alte, einfältige Mann seine letzten Tage noch im Sonnenlichte verleben

durfte. Hingegen hat er um dessen sittiges Nichtchen gefreit und

dasselbe in den Banden der Ehe mit sich geführt. Das Kirchlein steht

heute noch auf dem Birkenberge. Der Geologe läßt es vor Verfall

bewahren, ihm ist es das theure Denkmal der Sterbestätte seines Vaters.

Er selbst aber hat aus der Erde Tiefe schon manchen Schatz gehoben,

den der Torfgräber in seinem Wahne vergebens würde gesucht haben. Von

allen Schätzen der liebste aber war ihm sein Mariechen. Den legte er

als echter Judensohn auf gute Zinsen an, und es verging kein Jahr, ohne

daß Interessen fällig wurden. Der alte Jacobssegen ging reichlich in

Erfüllung.

[Illustration]

Sanct Josef der Zweite.

Wenn es erlaubt ist, es zu leben, so ist es doch auch erlaubt,

es zu erzählen. Wer’s nicht glauben will, der komme mit mir in’s

Kärntnerland, in das Thal der Gurk.

In diesem Thale lebt Josef der Zweite.

Koloman der Zimmermann ist ein frommer Mann; er macht jeden Tag um

ein Stündlein früher Feierabend als seine Gesellen, um aus ~P.~

M. Vogel’s Heiligen-Legende die Lebensbeschreibung des betreffenden

Tagesheiligen zu lesen und sich an dem dazugehörigen „Lehrstück und

Nachfolge“ zu erbauen. Koloman ist ein großer Freund der Heiligen

Gottes und seit lange her schon ist es sein ernstlicher Entschluß,

in ihre Fußstapfen zu treten, ihnen ähnlich zu werden. Der Entschluß

ist sogar ausgeführt worden. Nur begann der Koloman nicht mit seinem

eigenen Namenspatrone, von dem in dem ganzen Buche nicht eine einzige

Zeile zu finden, sondern -- und zum Unglücke -- mit der Nachfolge

des heiligen Paulus, des heiligen Augustinus, und führte mit Salbung

und Ausdauer ein rechtes Heiden- und Luderleben; als es jedoch zur

Bekehrung und Buße kommen sollte, da wählte er sich wieder irgend einen

anderen Heiligen als Vorbild; und würden es nur seine Mittel erlaubt

haben, er hätte sich am liebsten an die heiligen Könige, Fürsten und

Päpste gehalten, deren Nachfolge jedem guten Christen allzeit noch am

erquicklichsten war.

Indeß kam Koloman der Zimmermann auf keinen grünen Zweig; da sagte ihm

einmal sein Beichtvater, ein alter Priester:

„Koloman, Du möchtest Dir’s bequem machen und auf einer Rosensänfte in

den Himmel getragen werden; oh, Du bist ein Feiner! Koloman, Du bist

ein Heide über und über!“

Bei Gott, das war grob. Koloman wartete gar nicht auf das Kreuz der

Absolution, er stürzte vom Beichtstuhl hintan und beschloß, sich einen

anderen Seelenfreund zu suchen.

Nicht gar weit davon, in einem Kloster, lebt ein junger frommer

Priester, ein sanftmüthiger und demüthiger Mann, ein blasser,

mildäugiger Jüngling, ein heiliger Aloisius von der kleinen Kopfglatze

an bis hinab zur großen Zehe.

Zu diesem ging nun Koloman der Zimmermann, und wählte ihn zu seinem

Beichtvater.

„Ja, mein Freund im Herrn,“ sagte der neue Seelenarzt und fuhr mit

dem weißen Sacktuch über sein friedenumstrahltes Antlitz, „ja, mein

Freund, es ist wohl nöthig, Ihr müßt Euch einen bestimmten Heiligen

als Vorbild wählen und bei demselben verbleiben in allen Versuchungen

und Widerwärtigkeiten dieses Lebens, bis Euch Gott die Krone der

Auserwählten auf das Haupt wird setzen.“

„Wenn mir der geistliche Herr halt etwa so einen Handsamen thät

wissen!“ meinte der Koloman.

„Wählt Euch den heiligen Aloisius,“ rief der Beichtvater.

„Selb’ nicht,“ sagte Koloman, „selb’ ist ja schon zu spät.“

„Schade,“ versetzte der Priester, „aber vielleicht den heiligen

Johannes in der Wüste?“

„Wollt’ mir gleich gefallen, thät ich nur den wilden Honig und die

Heuschrecken ein bißle lieber essen.“

„So entschließt Ihr Euch wohl für einen heiligen Blutzeugen und

Märtyrer; da haben wir die glorreichsten Exempel an St. Stefanus, St.

Paulus, St. Laurentius, St. Bartholomä --“

„Dem die Haut abgezogen ist worden?“ unterbrach der Koloman.

„Hingegen steckt er jetzt in einer himmlischen Haut!“ rief der

Priester; „und wir haben ferner den heiligen Andreas, wir haben St.

Blasius, wir haben die Nothhelfer und vierzig Märtyrer -- nun?“

Der Koloman schüttelte nur so den Kopf. -- Wohl wahr, diese Welt

sei grundschlecht, aber gerade übel sei sie nicht, und wisse er,

der Koloman, nur, daß ihn der Herr auch wieder bei Zeiten vom Tode

auferwecken wolle, er würde sich gern den heiligen Lazarus zum Vorbilde

nehmen.

„Ja, mein Freund, wenn Ihr mit solchen Prätensionen kommt, so ist

Euch schwer zu rathen,“ sagte der junge Beichtvater und lächelte voll

Sanftmuth. „Wolltet Ihr nicht, wie die heilige Elisabeth, Euer Hab und

Gut den Armen, oder wie die heilige Hema, die, wie Ihr wißt, besonders

in diesen Bergen hochverehrt wird, Euer Vermögen der Kirche weihen?“

„Gern,“ sagte der Koloman, „aber im Testament, wenn’s noch Zeit wär’

und mein Weib nichts dagegen hätt’.“

„Ihr lebt im Ehestand?“ fragte der Priester völlig überrascht.

„Ja, bisweilen, und so seit ein paar Jährchen her,“ antwortete der

Koloman; „angerathen ist’s mir worden, daß ich heiraten sollt’, und

der heilige Büßer Franziskus, lese ich, ist auch verheiratet gewesen.“

Der Priester schwieg ein Weilchen.

„Ah, Freund,“ sagte er dann, „Ihr habt noch weit dahin, Euch von den

irdischen Begierden frei zu machen. Im Vereine mit Euerer Ehegattin

müßt’ Ihr gegen den Bösen streiten. -- Euer Weib geht doch auch häufig

zur heiligen Beichte?“

„Recht passabel,“ sagte der Koloman, „und wenn’s leicht ging’, so

möcht’ ich auch sie mit mir in den Himmel hinaufschleppen.“

„Ein neuer Beweis Eueres christlichen Sinnes,“ bemerkte der

Beichtvater; „wie wäre es doch, lieber Freund, wenn Ihr dem heiligen

Josef nachfolgen wolltet? Auch Josef war ein Ehemann und ein Mann nach

dem Herzen Gottes --“

„Und Zimmermann!“ rief der Koloman aus, „Zimmermann wie ich. Ja, das

ist ausgezeichnet, auf den heiligen Josef hatt’ ich bei Gott ganz

vergessen; freilich, freilich, der ist der Rechte, und -- nicht wahr,

Hochwürden,“ setzte er kleinlaut bei, „geschehen ist ihm nichts? --

gesteinigt, enthauptet, oder so was? -- nicht? -- Punctum, beim Josef

verbleib’ ich.“

In Folge dieses vortrefflichen Vorsatzes wurde dem Koloman die

Lossprechung „von allen seinen Sünden“ ertheilt; „Auch von den

zukünftigen?“ fragte er noch in äußerst unbedachter Weise, allein der

Beichtvater hatte zum Glücke schon den Schuber geschlossen.

Als Koloman heim zu seinem jungen Weibchen kam, erzählte er viel Gutes

und Schönes von dem frommen Ordenspriester, und sofort begann er sein

Haus nach dem biblischen Style der heiligen Familie einzurichten.

Er führte das Zimmerhandwerk fort, hobelte und leimte und war

gottesfürchtig dabei. Auch lebte er eine Zeit lang in Entsagung;

und sein Weib -- das sich auch den jungen Klostergeistlichen zum

Beichtvater erwählt hatte, -- theilte mit ihm gern diese Entsagung, und

so führten sie ein beschauliches und erbauliches Leben.

Koloman hatte den Frieden des Leibes und der Seele; und einmal brachte

ihm sein Weib einen Lilienstamm -- (es war aber eine Zwiebeldolde) --

nach Hause, auf daß er ganz und gar der zweite heilige Josef sei.

Zu diesem Zwecke hatte sich der Koloman auch den Bart wachsen

lassen, und in seiner Stube trug er gern einen langen, farbigen Rock

und Sandalen an die Füße gebunden. Tabakschnupfen konnte er wohl

nur insgeheim, hingegen wußte er, wenn Jemand zugegen war, sehr

salbungsvoll zu hobeln und hatte auch häufig die Augen gegen Himmel

gerichtet, außer wenn ihm irgend welcher Arbeitslohn in die Hand gelegt

wurde, da guckte er sofort auf das Geld, ob nicht etwa ein falscher

Silberzehner dabei.

So verging die Zeit. Wohl alltäglich las der Koloman sein Capitel aus

der Heiligen-Legende, aber allen Büßern und Märtyrern sagte er es in’s

Gesicht: „Ihr Hascherle, was seid Ihr gegen mich? Ich bin Josef, der

Sohn Isak’s, der Sohn Jacob’s!“

Da geschah es einmal, daß Maria, sein Weib zu ihrem Manne sagte:

„Koloman, hast gutes Kirschbaumholz liegen?“

„Warum?“ versetzte er.

„Nein, ich frag’ nur,“ antwortete das Eheweib und blickte demüthig zur

Erde und beschäftigte sich mit den Häkelchen ihrer Joppe.

Nach mehreren Tagen sagte sie wieder: „Koloman, wenn Du Kirschbaumholz

liegen hättest, so ein Wieglein könntest Du einmal zimmern.“

Der Sohn Isak’s und Jacob’s machte ein langes Gesicht: „Eine Wiege?

Wieso denn? -- Wieso denn das, Maria?“

Sie zuckte die Achseln und schlug ihre Augen demuthsvoll zu Boden.

Der Koloman ging verstört umher, las die Legende, sann, las wieder --

stützte sein grauendes Haupt lange auf die Hand.

Sollte denn diese Familie thatsächlich so fromm sein, daß Zeichen und

Wunder an ihr geschähen?

„Warum nicht?!“ fuhr der Zimmermann auf und eilte sofort schnurstracks

zum Seelenfreunde, ihm freudig zu erzählen, was in seinem Hause

geschehen.

Der junge Priester ging eben im Klostergarten spazieren, und als er

den Koloman so aufgeregt und hastig auf sich zueilen sah, setzte er

seine Füße aus, so weit es die Kutte nur gestattete, und floh durch das

Buschwerk davon.

In der „heiligen“ Familie kam ein Kindlein an. Der Nährvater giebt es

genug auf Erden, aber wer insonderheit Sanct Josef den Zweiten zu sehen

wünscht, im Gurkthale, wie gesagt. Und als Lilienzweig -- ein welker

Zwiebelstengel ist das Zeichen seines Hauses.

Der Wolfl von Kirchberg.

Sie ist übel beleumundet, die Jungfrau zu Feistritz. Sie hat seinerzeit

viele Männer zugrunde gerichtet. Sie ist jetzt eine alte Jungfer,

trägt eine eiserne Pfaid und schmachtet für ihre bösen Thaten, die sie

voreinst begangen, seit vielen Jahren schon im Burgverließ zu Feistritz

am Wechsel.

Ich bin dazumal -- es war vor Jahren -- an den Schauerdenkmalen

menschlicher Grausamkeit still und hastig vorübergeeilt, habe mich der

Natur zugewendet, die so schön und erfreulich ist. Durch das Otterthal

bin ich gezogen dem Wasser entlang, habe vor mir die duftblauen

Berghänge gesehen mit den schimmernden Sandriesen und die grauen,

regenschweren Wolken des Himmels darüber. Und hier auf dem Hügel in

der Stille und Einsamkeit steht eine Kirche, uralt und ehrwürdig zu

schauen. Ihre Mauern sind röthlich wie Gold, tragen Spuren von alter

Tage Noth, von des Feuers Wuth, von der Türken Gewalt. Die gothischen

Fenster sind ausgebrochen, da starrt die Dunkelheit hervor, und Eulen

und Fledermäuse sind des Herrn Anbeter in diesem Gotteshause. Ein

schlankes Thürmchen ragt über den dachlosen Wänden und grüßt hinan zu

den bewaldeten Höhen des Otters und zu den Zinnen des Wechsels.

Das ist die Wolfgangskirche bei Kirchberg. Unterhalb des Hügels an der

Straße steht ein Opferstock mit der Inschrift: „Frommer Christ, opfere

hier zum Wiederbaue der Wolfgangskirche!“

Ein Maidlein kam des Weges, das schlug zuerst ein regelschönes Kreuz

über sein junges, hellblühendes Gesicht; dann that es sein Sacktuch

hervor und an einer Ecke desselben band es einen Knopf auf, wickelte

eine kleine Münze heraus und ließ sie in den Opferstock kollern. Das

war ein gar schauerlich hohles Hallen in dem Kasten, und ich trat

zu dem Mädchen und sagte: „Es ist schön, daß die Jungfer auch ihr

Scherflein zur Wiederherstellung dieser prächtigen Kirche beiträgt,

aber wenn der heilige Wolfgang nicht hilft, die blutigen Heller der

Vorübergehenden werden es nimmer vermögen.“

„Der heilige Wolfgang wird schon helfen!“ antwortete das Mädchen, und

leise für sich setzte es bei: „Der +muß+ helfen, ’s kann gar nicht

anders sein.“

Dann that es noch einen unsteten Blick zur Kirche empor und schritt

hastig fürbaß.

Nicht weit davon im Orte Kirchberg steht ein Baum, der viele

hundert Jahre älter ist als die alte Kirche auf dem Hügel, er ist

wohl der älteste Baum in unserem Vaterlande: sie nennen ihn die

tausendjährige Linde. Auf einer Bank im Schatten dieser Linde saß ein

Bauernbursche und trank Most. Er legte seine geschlossenen Fäuste

schwer auf den Tisch und brütete vor sich hin. Oben rauschte es in dem

undurchdringlichen Laub, der Flügel einer Lindenblüthe tanzte nieder

und fiel in das Glas hinein. Der Bursche hob seinen Kopf und murmelte:

„Mit dem ist mir nicht geholfen. Was anders will ich haben!“

Er trank sein Glas zur Neige; ich setzte mich zu ihm, da wollte er sich

sogleich erheben. Aber die Kellnerin kam mit einem frischen Glase, das

er schon früher begehrt haben mochte; so ließ er sich wieder auf den

Sitz nieder.

„Fortweg bin ich ein ordentlicher Mensch gewesen, und jetzt werde ich

ein Lump!“ murmelte er. Er war sehr roth im Gesichte und seine großen

dunkeln Augen blinzelten lebhaft. Es war ein hübscher, intelligent

aussehender junger Mann.

„Das wäre aber doch schade!“ erlaubte ich mir der Bemerkung des jungen

Mannes zu entgegnen.

„Ja freilich ist’s schad’!“ lachte er, schon etwas erhitzt von dem

Getränke. „Wer weiß, wie viel Lumpen unter diesem Baume schon gesessen

sind. Ich bin der Erste und der Letzte nicht, dem’s so geht. Ich hab’

kein Haus und Hof und kein Geld, und desweg verleg’ ich mich jetzund

auf’s Saufen.“

Ich schwätzte hin und schwätzte her, und da erfuhr ich’s endlich: der

Vater seiner Herzliebsten, ein reicher, starrtrotziger Grundbesitzer,

habe zu ihm gesagt: „Du Wolfl, bis in der alten Wolfgangskirche wieder

ein Altar steht, laß’ ich Dich davor mit meiner Tochter trauen. Und

eher nit!“ Es war ein förmlich Gelöbniß.

Aber in der Wolfgangskirche, wo der Altar stehen sollte, lag ein

großer Schutthaufen, wuchsen Brennnesseln darauf. Die frommen Christen

sollten die Kirche wieder aufbauen! Eher denn das geschieht, wachsen

auf dem Wechsel die Feigen. Dem Burschen war schon ein gescheiter

Gedanke gekommen; er hatte an den Besitzer von Kirchberg und der

Wolfgangskirche -- an den Erzbischof Rauscher nach Wien -- ein

Brieflein geschrieben: „Gnaden bischöflicher Herr! Die christlichen

Leut’ in Kirchberg und auch in der Gegend herum möchten so gern die

alte Kirche wieder haben und zum heiligen Wolfgang darin beten, und

auch für den guten bischöflichen Herrn. Wollte Er nur was geben um

Gottes willen, daß die Kirche wieder könnte hergestellt werden; der

hochwürdige Bischof thät sich damit eine hohe Stufe in den Himmel

bauen.“

Was war die Antwort auf dieses Schreiben? -- Die Leute könnten auch in

der neuen Kirche beten, und er, der Erzbischof, brauche keine Stufen in

den Himmel, er fahre mit Roß und Wagen hinein. -- Das heißt, so hatte

dem Wolfl einmal geträumt; in Wahrheit war gar kein Brief und gar keine

Antwort.

Der Wolfl hatte mir so seine traurige Geschichte erzählt, wir

wurden gute Bekannte, und letztlich begleitete er mich hinauf zur

Hermannshöhle. Aber den heiligen Wolfgang brachte er nicht mehr aus dem

Kopf, und er erzählte, wie der Mann Gottes als Einsiedler in dieser

Höhle gelebt habe, wie große Mirakel darin geschehen seien, wie aber

mit der Zeit die Menschen so schlecht geworden, daß sie gar den Eingang

in die heilige Höhle nicht mehr gefunden hätten und daß erst viele

hundert Jahre nachher ein armer Hirte diese Grotte wieder entdeckt habe.

Nach solchen Erörterungen krochen wir in den Berg. Eiskalte Luft wehte

uns entgegen und der Wolfl zündete eine Fackel an. Durch hohe, schmale

Gänge schritten wir, da weitete sich der Raum; wir standen still und

sahen und hörten die Natur arbeiten in ihrer geheimen Werkstatt. Schier

traumhaft und kindisch ist hier die Natur. Mit Kalkstein, aus dem sie

sonst die gewaltigsten Gebirge aufgeführt hat, treibt sie hier ein

Kleingewerbe, oder vielmehr sie spielt damit; sie hat dem Menschen

seine Künste abgelauscht und will sie vorwitzig betreiben. Da ist sie

Bergmann und zieht Schachte und Stollen, da ist sie Baumeister und

führt Tempel und Hallen auf; da ist sie Bildhauer und schafft die

seltsamsten, launigsten Gebilde; aber sie schämt sich ein wenig damit,

denn sie hat eine etwas ungeübte Hand für derlei und sie will ihre

Spielereien verstecken in die hintersten Winkel.

Der Mensch hat sie doch gefunden und er bestaunt die Natur, die selbst

in ihren kleinsten Zügen Größeres schafft als eben der Mensch mit all’

seiner Macht. Und wie sie schalkhaft thut, die große Schöpferin hier in

der Erde Schoß! Da macht sie einen Frosch aus Kalk und einen Todtenkopf

aus Stein. Dann fällt ihr das Treiben der Leute ein und sie thut völlig

ernsthaft, die Schäkerin, und formt eine Glocke, eine Kanzel, eine

Pickelhaube -- aber ehe das Ding noch fertig, verwischt sie es schon

wieder, als ärgere sie sich selbst über das kindische Treiben. Der

Mensch kommt ihr aber gar so voreilig entgegen mit seiner Phantasie und

lügt ihr die stolzesten Wasserfälle, die schwellendsten Weintrauben

heraus, und Alles, was er selber träumt, das sieht er hier bei mattem

Fackelschein in den Tropfsteinen. Der Riesen-Hermaphrodit allerdings,

der ist ohne alle Phantasie zu finden, und die Natur versteckt sich

dahinter und kichert.

Plötzlich standen wir vor einem Sumpf, in dessen Wasser sich unsere

Fackel spiegelte. „Das ist der Teich,“ sagte mein Begleiter; „’s ist

ein kleiner Bub’ in der Gegend, der zieht sich mutternackt aus und

badet sich da drin, wenn er dafür einen Sechser kriegt. Wenn die Wiener

kommen, da verdient sich der Bub’ einen Haufen Geld; den ganzen Tag

schwappelt er da im Wasser herum, und das soll bei so einer Beleuchtung

was Wunder seltsam anzuschauen sein. Die Wiener haben den Buben so

verführt, und bei der nächstletzten Osterbeicht ist er desweg nicht

losgesprochen worden.“

Wir gingen und krochen lange Zeit hin und her, stiegen auf und nieder,

Hunderte von Stufen; und als wir in einer schauerlichen Grotte standen,

voll grauer Zacken und wüster Spalten und ungemessener Tiefen, da sagte

mein Bursche: „Gucket da hinab, da geht’s schnurgerad’ der Höllen zu.

Wüßt’ ich gewiß, daß ich mein Herzlieb nit und gar nit thät kriegen --

mitsammt der Fackel wollt’ ich mich hinabstürzen zu dieser Stund!“

Und ein wenig später faßte er mich am Arm und rief: „Ihr seid gewiß

reich oder mit dem Bischof wohlan. Geht, lasset mir die Wolfgangskirche

bauen und einen Trau-Altar hineinsetzen, sonst fahren wir allbeid’ in

die Höllen hinab!“

Dann lachte er und sagte: „Ja, das ist eine Zeit, und mit dem Spaß muß

man sich die Verzagtheit vertreiben. Wie närrisch, wollt’ ich mich denn

in die Höll’ stürzen, so lang’s noch Wirthshäuser giebt auf der Welt!

Trinken will ich und meinen Rock und meine Hosen vertrinken, aber in

der Pfaid will ich hingehen zu ihrem Herrn Vater und sagen: ‚Schaut den

saubern Lumpen an, den habt Ihr zuweg gebracht!‘“

Als wir wieder eine Weile gegangen waren in dem unterirdischen

Labyrinth, da hing plötzlich eine Laterne nieder vor unserer Nase. Der

Wolfl zündete die Laterne an und zog sie durch einen Strick zur Höhe.

Sie tanzte an Tropfsteingebilden und Felsmassen empor, bis das Licht

nur ein winziges Sternchen war, und dann fragte er mich, ob ich an die

Höhe glaube.

Bald darauf deutete mein Führer durch eine enge Spalte, aus welcher uns

die ewige Nacht entgegenstarrte: „Hier ist der Weg nach Kranichsberg.“

Die Höhle sollte sich bis in das eine Stunde entfernte Schloß

Kranichsberg erstrecken?

Der Wolfl behauptete es. Zur Türkenzeit hätten sich die Leute vom

Schlosse aus in diese Höhlen geflüchtet.

„Und jetzt kommt, jetzt sollt’ Ihr was Schönes sehen!“ sagte der

Bursche, ließ mich eine hohe Leiter hinansteigen und führte mich durch

eine sehr enge, feuchte Kluft, in welcher fallende Tropfen an der

Fackel zischten. Dann krochen wir durch niedrige Engen, und nun erlosch

plötzlich die Flamme. Jetzt waren wir in der dichtesten Finsterniß und

weiß Gott wie tief unter der Erde! Der Wolfl lachte, stieß ein Brett

beiseite, und siehe -- das helle, holdselige Tageslicht und das weite

Thal und der grüne Wald lächelten uns entgegen.

„Wen die Welt nimmer freut, der muß nur einmal in so ein Loch

hinabkriechen,“ bemerkte mein Bursche, „hab’s allweg so gehalten, und

letztlich ist Einem doch der helle Tag lieber wie Alles miteinander.“

Bauersleute thun sonst selten solche Reden, darum überraschten sie mich

an diesem Burschen. „Ja,“ sagte er, „wenn’s Einem halt nicht gut geht,

so denkt man über Vieles nach; und jetzt schaut Euch den Berg einmal

von auswendig an, er ist nicht uneben, ist grün über und über; man

soll’s nicht glauben, daß es da drin so schauderhaft sein kann.“

Feierabende: Lustige und finstere Geschichten · 第 5 / 29 段