Wie sieht der Arme aus? Er wandelt und wankt einsam umher, ist blaß und

gebrochen, ist unfähig zu Allem, ist gleichgiltig für Alles, was ihn

umgiebt; er will nicht leben und will nicht sterben, er möchte nicht

im Königsschlosse sein, er möchte nicht im Himmel sein, er möchte

daheim sein. Der Schlaf ist sein Einziges, der Traum führt ihn in die

treue, stille Heimat -- desto qualvoller ist das Erwachen. Er fühlt ein

namenloses Verlassensein, er meint, die Heimat mit allem Lieben und

allen Geliebten sei ihm für immerdar verloren.

Wohl dem, der in solcher Zeit heimkehren kann, wenigstens auf einige

Tage, dadurch wird er geheilt und vermag die Fremde dann zu ertragen.

Wie mancher Junge, den sie zu den Soldaten genommen, ist aus Gemüthsweh

desertirt und in seine Berge geflohen, oder er ist geblieben, hat

geduldet -- ist gestorben. Hätte er in seiner Krankheit auf einige Zeit

heimkehren dürfen, es wäre ihm die entehrende Strafe erspart geblieben,

oder er hätte viele Jahre noch gelebt in der Fremde und in der Heimat

wieder.

Aus vielen ähnlichen Fällen, die mir bekannt sind, will ich hier

einen der gemüthlicheren erzählen, der sich unweit von meiner Heimat

zugetragen hat.

Das Regiment lag in Laibach. Josef Fallner, ich hatte vorzeit manches

Röcklein für ihn gemacht, war dem Regimente zugetheilt, aber er war

befreit vom Tagesdienste und theilweise auch vom Reglement, weil er in

Diensten des Obersten Wenisch stand. Anfangs war das dem Josef nicht

lieb, denn er hätte das Gewehr lieber und sicherer geführt, wie den

Kehrbesen; er hatte zur Fahne geschworen, und nun mußte er des Morgens

mit der Bettblache eines alten Brummbartes wirthschaften. Indeß gab

sich das; denn im Laufe der Zeiten fiel ihm mancher Zwanziger in den

Sack und der überklang das Gebrumme des Obersten stets beiweitem.

Freilich ist das nicht die ganze Geschichte von unserem Kaiserjäger,

sondern erst die Einleitung.

Josef Fallner war jung und verliebt, der Oberst Wenisch aber war alt

und auch verliebt. Wenn nun die beiden Männer in eine und dieselbe

Maid... kurz, es wäre eine närrische Combination und eine tragische

Situation. Indeß die Thatsachen sprechen anders. Die Erwählte des

Obersten war eine große, dicke Dame, die in manchen Stücken lebhaft

der Austria ähnelte, welche der Alte in seinem Zimmer aufgehangen

hatte, nur daß sie viel jünger war und viel älter aussah als besagte

Allegorie. +Josef’s+ Herzensgebieterin aber war sehr jung und

schön und durch und durch sehr liebenswürdig. Alle Augen im ganzen

Krainerland zusammen waren nicht so schön als die ihrigen, und in ganz

Laibach war keine Zuckerbäckerin, die so süße Küsse hatte als sie. Nur

einen Fehler hatte sie, welchen Josef nicht verwinden konnte, sie war

nämlich nicht in Laibach, sondern auf einem Bauerngut bei Mürzzuschlag

in Steiermark.

Freilich bestritt der Kaiserjäger nicht, daß auch er selbst einst dort

lebte, ja sogar dort geboren und assentirt wurde; aber Thatsache blieb

es auch, daß er Minna schon länger als ein halbes Jahr nicht mehr

gesehen hatte.

Wenn der Oberst und die „Austria“ im Kabinet waren, so stand Josef im

Vorzimmer oder er saß wohl auch und sann. Was er sann, das wäre schwer

wiederzugeben, weil er sich dessen selbst nur dunkel bewußt war; aber

er ahnte es und ich ahne es auch, um so mehr, da er aus seinem Brüten

nicht selten plötzlich aufsprang, einen Fensterflügel aufriß und gegen

die Karawanken hinauf rief: „Minna, ich halt’ es nicht mehr aus, ich

desertir’!“

Da war es dem Josef immer, als ob er über das Gebirge und durch die

Lüfte her die Antwort vernommen hätte: „Ja, komm’ nur!“

Zwar nicht zu selten schrieb er ihr Briefe mit Versen und blumigen

Rändern, aber die letzte Zeit her wurden ihm ein paar gar nicht

beantwortet. Er zweifelte zwar nicht an ihrer Treue, aber vielleicht

hatte sie dieselbe im Laufe des halben Jahres einem Andern geschenkt.

Haben nicht gerade die treuesten Mädchen der schönen Tugend genug, um

Viele damit zu beglücken?

Im Frühjahr war’s, da wurde plötzlich das Regiment nach Wien abberufen.

Josef jubelte über diesen Befehl -- jetzt fährt oder marschirt er in

wenigen Tagen an Mürzzuschlag vorüber, sieht seine Heimat und auch

Minna wieder.

Ei, der Kaiserjäger denkt und der Oberst sagt: „Josef, das Regiment

geht nach Wien, auch ich werde per Eilzug nach Wien abreisen; bleib Er

indes da und hüte Er das Haus, längstens in zwei Tagen bin ich wieder

hier. Was glotzt Er denn so blöd drein, Er, Er --“ Er gab dem Diener

einen zweideutigen Namen, der indes Josef’s inneres Leidwesen weder

vermehrte noch verminderte.

Der Kaiserjäger war so aufgeregt, daß er dem Alten nachschwor: „Geh’

nur, Oberst, ich vernichte Dir derweil Deine Austria!“

Aber die Austria ging auch mit nach Wien, nur die wahrhafte Austria,

das Bild blieb, und der arme Josef blieb in diesem Krain, das -- wie

zum Trotze -- alles Schöne sonst hatte, nur seine Minna nicht.

Der Oberst und seine Herrin waren fort, Josef war in den weiten, öden

Gemächern allein. -- Dann schlug er sich auf die Stirne und brüllte:

„Wenn ich närrisch werde, so ist dieser Oberst schuld!“

Jetzt wirbelte der Tambour. Die Musik klang, das Regiment zog durch die

Gassen dem Bahnhofe zu.

In diesem Moment kam unserem verzweifelten Kaiserjäger ein herrlicher

Gedanke, er überlegte ihn nicht erst, er führte ihn gleich aus. Er warf

seinen Mantel und seine Patrontasche um, er stülpte den Tschako auf den

Kopf, er schloß die Thür des Vorzimmers ab, eilte auf die Gasse und

marschirte in „Reih’ und Glied“ mit den Anderen dem Bahnhofe zu.

Die Ausführung des Planes gelang so leicht und ohne alles Hinderniß,

daß einem schreibseligen Erzähler hier kaum etwas zu bemerken übrig

bleibt. Selbst in Mürzzuschlag ging um Mitternacht das Aussteigen, ohne

bemerkt zu werden, das Sichverlieren in den Hallen des Bahnhofes und

das Hineilen über die Flur gegen das bewußte Bauernhaus hinauf einfach

und ohne die geringste Beschwerde.

Jetzt wirst Du an das wohlbekannte Fensterlein klopfen, und Minna wird

es öffnen und ausrufen: „Josef, Josef! Ei, das ist nicht möglich!“

-- Aber es ist doch möglich und Du bist da, und wenn Du sie umarmest

und küssest, so wird sie es begreifen -- aber in zwei Stunden mußt Du

wieder auf dem Bahnhofe sein.

Josef ist glückselig.

Er athmet die frische Alpenluft, er sieht und fühlt die Heimat wieder,

wenn auch im Dunkel; das Heimatland ist selbst mitten in der Nacht

schöner, als die Fremde im klaren Sonnenschein. Und dieses Süße und

Wohlige war doch nur Zierde und Umrahmung zum bewußten Fensterlein.

Jetzt kommt er zum Hause, naht der rückseitigen Kammerwand und klopft

an’s Fensterlein. Es bleibt still. Er klopft mehreremale und lauter;

jetzt hört er etwas im Innern, es ist ein langgezogenes Schnarchen.

„Minna!“ ruft er leise und klopft noch stärker; wenn er wegen Minna

einmal von Laibach nach Mürzzuschlag fährt, so schlägt er wohl auch

noch die Scheibe ein!

In unserem Kaiserjäger steigt schon der Aerger auf, aber in dem Momente

wird seine Aufmerksamkeit vom Fenster ab und auf was Anderes gewendet.

Plötzlich packen ihn nämlich ein paar rauhe Hände am Rockkragen, reißen

ihn zurück, und schon sausen verschiedenartige Körper auf seinen Rücken

nieder. Er stemmt, er wehrt sich, aber der feindlichen Hände sind vier

und sechs geworden. Es läßt sich in einer solchen Situation nicht viel

Vernünftiges denken, aber unter all’ den lebhaften Eindrücken, welche

die sonderbare Umgebung auf Josef machte, rang sich in ihm doch die

Frage empor: „Teufel, wer prügelt mich da?“

Diese Worte waren wie ein Zauberspruch. Wie auf’s Commando ließen die

Hände und die Stöcke ab, und drei Stimmen riefen zugleich: „Himmel und

Erde, der Josef! Aber Josef, wie kommst denn Du hierher?“

Der schob sich den Rock und die zerknitterte Patrontasche zurecht und

brummte.

„Wenn wir Dich etwa geschlagen haben, Josef, so verzeih’ uns, wir haben

gemeint, Du bist der Bachnatzl, der in jeder Nacht zum Fenster unserer

Schwester kommt und Minna keine Ruh’ läßt.“

Da rief der Kaiserjäger lustig aus: „Schwäger, grüß’ Euch! Na, dem

Bachnatzl hat’s ’golten? Schon recht, Schwäger, hättet Ihr ihn nur noch

kräftiger durchgebläut, hättet Ihr ihm seine Säbelbeine abgeschlagen,

diesem verdächtigen Mauser!“

Die Chronik erzählt, daß Josef jubelte -- jubelte über die Schläge, die

er von den Brüdern seiner Minna erhalten, sie waren ja dem verhaßten

Nebenbuhler zugedacht. Wohl erzählt die Chronik auch von einer

zerschlagenen Patrontasche und von blauen Flecken hinter einem grauen

Mantel; aber dies Alles tritt in den Hintergrund, nachdem Josef in der

Stube bei Minna sitzt und die Versicherung vernimmt, daß sie freudig

auf ihn warten will, bis er seine Jahre ausgedient haben werde.

Die drei Brüder Minna’s wollten das ganze Haus aufwecken und schreien:

„Der Josef ist da!“ Aber dieser verbat sich’s. Kaum daß er Minna in

den Armen hielt, so war’s schon wieder Zeit zum Aufbruch. Am Bahnhofe

schlug das Signal des Zuges nach Süden.

Zwölf Stunden später steckte der Kaiserjäger den Schlüssel an die Thüre

des Vorzimmers seines Herrn; es war Alles noch wie gestern.

Noch an demselben Abend kam auch der Oberst von Wien zurück: „Was hat

Er gemacht, Josef, während meiner Abwesenheit?“ fragte er seinen Diener.

„Geschlafen, Herr Oberst,“ war die Antwort, „aber mir hat viel

geträumt.“

„Was hat Er denn für blaue Beulen hinter den Ohren?“

„Weiß Gott, Herr Oberst, ich steige im Traum oft so umher!“

Der Schalk!

Arthur heißt er!

Wenn wir fahren, so brauche ich nicht zu gehen, mochte meine Taschenuhr

gedacht haben, denn als der Zug in den Wiener Südbahnhof brauste

und ich nachsehen wollte, wie viel wir Verspätung gehabt hatten,

fand ich das nette Knödelchen stehen. Ich trieb sie neu auf, ich

laborirte mit einer Stecknadel im Werke, es war vergebens; selbst das

unbeschreibliche Schütteln und Stoßen des Einspänners, der mich in mein

Hotel räderte, war nicht im Stande, die Uhr aus ihrer Betäubung zu

wecken. Sofort begab ich mich noch an demselben Abend, obwohl es schon

spät war, zu einem Uhrmacher; denn meine einzige Begleiterin, die mir

buchstäblich sehr am Herzen lag, die mir Rath und Antwort wußte für

alle Fragen der Zeit, sie durfte nicht krank sein!

Ich fand im ganzen Stadttheil nur mehr eine einzige, kleine

Uhrmacherwerkstatt offen. In derselben saß vor einer grünbeschirmten

Petroleumlampe ein kaum erwachsenes Mädchen, welches eifrig bestrebt

war, die Gehäuse verschiedener Cylinder- und Ankeruhren blank zu machen.

Als ich eintrat, erhob es sich und fragte: „Was wünschen?“

In dem Augenblick, als ich der kleinen Uhrmacherin in’s Auge blickte

und bestrebt war, meinen Wunsch zu proclamiren, fühlte ich in meiner

Westentasche lebhaftes Ticken; aha, jetzt geht sie wieder, dachte ich

mir, aber es war nicht die Uhr, es war mein heftig pochendes Herz

gewesen.

„Mein Fräulein,“ sagte ich, indem ich die Uhr aus der Tasche zog, „sie

will nicht gehen.“

„Schön! Ist sie aufgetrieben?“

Ich fühlte mich im Drange des Momentes berufen, der Kleinen irgend

etwas Artiges zu sagen, denn es gab unter allen Zifferblättern, die an

der Wand herumhingen, keines, das so mild und weiß gewesen wäre, wie

ihr Gesichtchen. Mit lebhaftem Bedauern dachte ich an meinen staubigen

Reiseanzug, an die Wirren meiner Haare; doch welcher müde Reisende

würde noch am Abend wegen eines Geschäftes im Uhrmacherladen Toilette

gemacht haben!

„Aufgetrieben, ja,“ antwortete ich, „mein silbernes Cylinderchen

da spielt offenbar Cabale gegen mich, um in die Hand eines so

liebenswürdigen Fräuleins --“

In diesem Augenblick flog die Thür auf und ein eleganter junger Mensch

trat herein.

„Servus, Malchen! -- Numero sicher?“

„Morgen, Arthur; Papa kann den Moment kommen, er wird mich nach Hause

begleiten!“

Der junge Mann hatte seine Cigarrette auf ein Pult gelegt und mit der

unbefangensten Miene von Wien drückte er dem Fräulein einen Schmatz auf

das liebe Zifferblättchen, welches eben die gute Stunde zeigte.

„Arthur, leb’ wohl! Morgen also!“

„Morgen neun Uhr Abends. Adieu, Herz!“

Der junge Mensch nahm wieder seine Cigarrette und eilte fort.

„Und bis wann wollen Sie sie haben, mein Herr?“ fragte mich das Mädchen

gleichgiltig, indem sie meine Uhr an einen Nagel hing.

„Bis morgen vielleicht,“ sagte ich, „bekomme ich eine Marke?“

„Werden Sie die Uhr selbst holen?“

„Jedenfalls.“

„So brauchen Sie keine Marke. Haben Sie also die Güte, sich morgen im

Laufe des Nachmittags anzufragen! ’schamster Diener!“

Ich stand wieder auf der Gasse und ich dachte nach, wie das sonderbar

ist, wenn ein so reizendes Mädchen plötzlich zu einem „gehorsamen

Diener“ wird.

Am andern Morgen zog sich der Lohndiener meines Hotels eine sehr ernste

Rüge von mir zu, weil er meine Kleider nicht ganz in den gewünschten

Zustand versetzt hatte.

Ich wollte heute einmal Alles sehr blank und glatt haben.

Der hübschen Uhrmacherstochter halber, meint Ihr? I bewahre! Ich hatte

ja Besuche bei Freunden, bei Gönnern vor -- und +wenn’s+ auch ein

wenig der Sackuhr wegen gewesen wäre, die ich heute abzuholen hatte! --

Kurz und gut, der Lohndiener erhielt seine Rüge.

Unmittelbar nach dem Frühstück ließ ich mir die Haare schneiden und las

dabei die Morgenblätter. Das ist von der Natur so weise eingerichtet,

daß, während die Augen Morgenblätter lesen, die Ohren für den ewig

sprudelnden Redequell des Friseurs frei sind. Nachdem dieser den

Rapport entgegengenommen hatte, daß die Haare am Hinterkopfe glatt

zu scheeren und vorn nur zu stutzen seien, begann er, begleitet

von dem Wispern der Scheere, zu sprechen. Fast in einem einzigen

Athemzuge sprach er vom Wetter, vom Theater, von Regenwürmern, von

Arbeiterversammlungen, von Apolloseifen, vom Stefansthurme, von

Schlafröcken, von der Pferdebahn, vom Donaubad u. s. w. -- Plötzlich

rief er aus: „Pardon!“

„Was haben Sie?“

„Soll ich Euer Gnaden nach der neuesten Façon etwa die Locken auch vorn

glatt scheeren?“

„Pfui Teufel, so geschmacklos!“

„Ich dächte, Fieschi?“

„Aber nein, sag’ ich, blos stutzen!“

„Dann bitte ich vielmals um Entschuldigung, Euer Gnaden, es geschah im

Eifer der Unterhaltung, ich hab’ Euer Gnaden ganz glatt geschoren.“

Ich sprang auf, blickte in den Spiegel, taumelte zurück -- Gott im

Himmel, das war nicht geschoren, das war ja förmlich rasirt!

Was war zu machen? Ich klagte nicht, ich fluchte nicht -- in stiller

Resignation verließ ich das Haus und der Hut sank mir tief in die

Stirne.

Die Herren, bei denen ich meine Aufwartung machte, verwanden es; doch,

wo ich Damen vorgestellt wurde, da gab es in einemfort zu lachen;

da wurde der Hund oder der Vogel oder die Katze, oder was Anderes

vorgeschützt, das so „urkomisch“ sei, aber ich wußte wohl, daß es der

geschorene Chinese war, der das Zwerchfell so unwiderstehlich reizte.

Ich suchte nach beruhigenden Gedanken: für den Sommer ist’s am Ende ja

praktisch so, und bis der Winter kommt, ist Alles wieder ausgeglichen;

also nur kein +graues+ Haar wachsen lassen, es wird schon noch

dunkelbraunes kommen!

Sofort durchzog ich wieder mit lustigem Gemüthe die Stadt, bestieg

den Stefansthurm, besuchte einige Galerien und verschaffte mir eine

Eintrittskarte in das Opernhaus.

Gegen Abend begab ich mich in mein Uhrmachergeschäft. Malchen war

wieder da und rieb Gehäuse und Silberketten blank; am Pulte saß ein

mürrisch aussehender alter Mann und feilte an einem Messingdraht.

„Wünschen?“ fragte mich das Mädchen, als ich eingetreten war.

„Vielleicht meine Uhr schon fertig?“

„Haben Sie die Güte -- die Marke!“

„Fräulein verabreichten mir keine, als ich gestern die Uhr da ließ.“

„Werden entschuldigen, mein Herr, bei uns ließen Sie keine Uhr!“

„O gewiß, mein Fräulein, Sie werden sich noch erinnern, es war schon

spät, kurz vor der Sperrstunde, als ich sie brachte.“

„Es war wohl ein Herr da, der mir eine silberne Cylinder übergab.“

„Ja, ja, das war ich.“

„Oh, bitte, Sie irren sich, wenn Sie glauben, daß ich meine Kunden

nicht kenne. Jener Herr, dem ich keine Marke gab, wird seine Uhr

persönlich holen.“

„Will Dir wer was herauslügen, Mali?“ brummte der Alte an seinem Pult.

„Aber sehen Sie mich doch nur an, Fräulein!“ sagte ich.

Sie sah mich an; „jener Herr trug lange dunkle Haare,“ bemerkte sie.

„Du ewiger Himmel, ich war ja beim Haarschneider!“ rief ich, doch der

Alte schrie dazwischen: „Sie, Sie Abenteurer, Sie, wenn Sie nichts

vorzuweisen haben, so haben Sie auch nichts zu holen. ’s ist die

Polizei in der Nähe!“

„Aber Fräulein!“ flehte ich, den Alten vollständig ignorirend, „ich

kann’s ja beweisen, daß ich es war, der die Uhr brachte und dem Sie

keine Marke verabfolgten; -- es war auch sonst noch Jemand da --“

„Du lieber Gott, wie viel Dutzend Jemande kommen des Tags über!“ lachte

das Mädchen.

„Derselbe Jemand aber kam zur späten Abendstunde,“ sagte ich leise,

„und möglich, daß er heute wieder kommt -- +Arthur heißt er+!“

Damit that ich einen kurzen, aber vielsagenden Blick nach dem Alten.

Das Mädchen wurde einen Moment verlegen und meinte dann: „’s wird denn

doch sein; Sie waren da; o, entschuldigen Sie, mein Herr, daß ich Sie

nicht auf den ersten Augenblick -- bitte, da ist Ihre Uhr, hoffe, daß

sie jetzt ganz vortrefflich gehen wird!“

Ohne ein Wort zu sagen, zahlte ich die Kleinigkeit für die Reparatur. --

„Vielmals um Entschuldigung!“ hauchte die schöne Mali nochmals.

„Bitte, bitte!“ entgegnete ich, verließ die Werkstatt und eilte dem

Opernhause zu.

„Arthur heißt er!“ Das war meine Empfangsmarke, mit der ich mich

auswies, daß ich den Tag früher in der Werkstatt war. Und die Uhr --

sie geht heute noch und bringt mir gute und böse Stunden.

Vielleicht macht es schön Malchen so mit Arthur.

[Illustration]

Eine Schatzgräberhistorie.

Kann mich nicht entsinnen, daß die Geschichte von Guido Haidenlang je

noch bei einer Christenlehre erzählt worden wäre. Sie ist aber just

nicht übel und kann zu Nutz und Frommen sein.

Der Guido Haidenlang war ein Torfstecher und hatte dieses Handwerk in

der Hoffnung gewählt, dabei irgend einmal einen vergrabenen Schatz

zu finden. Seitdem seine Annamirl sich über ihn hinweggeheiratet

hatte, mochte er mit lebendigen „Schätzern“ nichts mehr zu thun haben;

hingegen beherzigte er die Sagen von dem unermeßlichen Gold und Silber,

das seit Pharaos Zeiten auf der Moorheide begraben liegen soll.

Oftmals, wenn Guido zur Nachtzeit mit seinem Spaten über die Heide

ging, sah er blaue Lichter flimmern; er eilte ihnen wohl nach, denn so

Lichtlein sind Goldes- und Silberschein und der begrabene Schatz bittet

durch sie um Erlösung. Aber die blauen Flämmchen zogen in die Kreuz

und Krumm, und einmal, da stak der gute Guido jählings bis über seinen

Ledergurt im Sumpf. Das war ein arges Nachtquartier und die Lichter

umkreisten und neckten ihn fürchterlich und der Mann sank tiefer und

tiefer und sein rother Brustfleck mit der leeren Brieftasche stak mit

ihm schon zur Hälfte im Schlamm. So hatte er es wahrhaftig nicht

gemeint, er wollte mit dem Schatz im Sonnenlichte leben, aber nicht mit

demselben lebendig begraben sein. Was that er in seiner Noth, er that

ein Gelübde zur heiligen Gertrudis: „Du großmächtige Schutzfrau gegen

böse Anfechtungen und Hexenspuk, Dir empfehl’ ich meine arme Seel’ und

meinen Leib, der in der Schlammass’ steckt. Hilfst Du mir aus meiner

Noth, so bin ich nicht der Mensch, der Dir das vergessen wollt’. Wirst

sehen und bei meiner sündigen Seelen: ich erbau Dir eine prachtschöne

Capelle oben auf dem Birkenberg!“

Das läßt sich Sanct Gertrudis nicht zweimal sagen; für eine

prachtschöne Capelle streckt sie allfort gern eine Hand aus. So fügte

sie es denn, daß in derselben Nacht ein paar Bauersleute über die

Moorheide gingen, den Guido schreien hörten und ihn aus seiner tiefen

Versunkenheit zogen.

Und Guido war nicht der Mensch, der Wohlthaten so leicht vergessen

konnte. Zwar die Bauersleute stellte er unwirsch zur Rede, was sie

denn zur Nachtzeit auf dem Moore zu suchen hätten? er und er alleinig

sei der Torfstecher. Aber Sanct Gertruden gegenüber fühlte er sich

verpflichtet, sein heilig Wort einzulösen und zu ihrem Ruhme die

prächtigschöne Capelle auf dem Birkenberge zu erbauen. Und wie war

die Bedrängniß nun groß! Seine alleinzige Seele hatte er verpfändet

und keinen guten Groschen Geld hatte er im Vermögen, um das Kirchlein

erbauen zu können. -- Hätte etwa der Leser einen Rath gewußt? Gewiß

nicht; nun also, was giebt es da zu lächeln? -- Der gute Guido wußte

wohl, ihm stand ein böses Leben und Sterben und weiß Gott, was noch

bevor, konnte er sein Versprechen nicht halten. Wenn er um aller

Heiligen willen endlich nur den Schatz fände! Die Capelle zu bauen wär’

ihm zur höchsten Freude.

Aber es verging Jahr und Tag und der Guido stach Torf zu seinem

Unterhalte; doch der Schatz -- es war gerade, als ob der Böse darauf

säße -- den Schatz stach er nicht.

Da stieg er eines Tages traurig hinan zu dem Birkenberge und suchte

noch einmal alle Winkel seines Hirnkastens ab nach einer Idee, wie Geld

zu schaffen für den gelobten Bau.

Auf der Höhe, wo der Waldweg zieht und wo das Kirchlein stehen

sollte, fand der Guido etwas Seltsames. Hier, im hellgrünen duftigen

Heidekraut, von Blüthen umweht, von Hummeln umläutet, lag ein Mensch im

Sterben. Es war ein alter Mann mit langem grauen Barte; er lehnte an

einem großen dunkelgrünen Bündel, hielt eine Hand krampfig an die Brust

und ächzte.

Als dieser den Torfstecher herankommen sah, wendete er sich etwas und

murmelte: „Gelobt sei Gott!“ Dann streckte er zitternd seine Hand aus

und sagte: „Guter Mann, Euch sendet der Herr. Ein Greis muß hier einsam

und hilflos versterben.“

Guido war entsetzt und wollte sich sogleich wenden, aber der alte Mann

bat mit brechender Stimme, ihn nicht zu verlassen. „Sterben,“ stöhnte

er, „sterben kann ich wohl auch allein; aber mein Kind zu weitest

im Ungarland, ein blutarm Studentlein.“ -- Dann zog er mit bebender

Hand ein ledern Täschchen aus dem Brustlatz: „Nehmt es, Ihr guter

Mann Gottes, das ist mein Geld. Mein Sohn wird nach mir forschen, und

wenn Ihr hört, daß wer nach dem Samuel Amsel frägt -- nur mein Jacob

kann’s sein -- so gebt ihm das Geld und sagt, der Vater wär’ jählings

verstorben auf der Wander und Ihr hättet sein letzt’ Wort erfüllt um

Gottes willen. Ich bitte Euch, seid so mein Brudermann und thut mir

das; eine größere Wohlthat könnt Ihr nimmer vollbringen auf Erd’.“

Er starb und Guido hatte das lederne Täschchen in seiner Hand. Und als

nach Tagen die Leiche von anderen Leuten aufgefunden und begraben war,

wie ein Fremdling, bei dem man weder Habe noch Papiere gefunden -- da

saß der Torfstecher in seiner Hütte und öffnete das Täschchen. Es war

Geld darin, viel Geld....

Wie hat hierauf Guido die Sache überlegt? -- Ja, dachte er, das ist

ein Jud’ gewesen; der hat gewiß andere Leut’ um das Geld betrogen. Und

sein Sohn ist auch ein Jud’ und würde das Geld jüdisch verwenden und

damit gewiß andere Leute um noch Mehreres betrügen. So Dinge muß man

abwenden. Ei, wie trifft es sich aber gut! Ich will nichts von dem

Gelde sagen, will davon der heiligen Gertrudis die Capelle bauen lassen

und darin recht fleißig für den Juden und seinen Sohn beten. So ist uns

Allen geholfen.

Darauf sind der Jahre sieben vergangen, da stand auf dem Birkenberge

das neue Kirchlein und leuchtete mit seinen weißen Mauern und seinem

rothen Dache weit in das Land hinaus.

Guido war bewegsam und lächelte freundlich zu dem Lobe der Leute,

das ihm gespendet wurde. Doch war er stets erregt und drängte den

Bildhauer, daß doch auch das Altarbild, die heilige Gertrudis, bald

fertig werde, denn es verlangte ihn schon sehnlichst, in der neuen

Capelle zu der Heiligen zu beten. Es war ihm zur nächtlichen Stunde

zuweilen gar arg zu Muthe. Auch war der alte Jude schon mehrmals zu

seinem Bett gekommen und hatte nach fälligen Zinsen gefragt. So ein

Jude vergißt und vergiebt in Geldsachen nichts, gar nichts und wäre er

gleich zehnmal gestorben.

Feierabende: Lustige und finstere Geschichten · 第 4 / 29 段