Der Rinleger Sepp ist ein alter Spintisirer, der erklärt Alles, der

weiß auch, warum an Samstagen die Weibsleute keinen Feierabend haben,

sondern bis spät in die Nacht in Haus und Scheuer beschäftigt sind,

während die Mannsleute schon ihren Vergnügungen nachgehen, oder ihrer

Ruhe obliegen. „Denen mit dem langen Haar und mit dem kurzen Verstand

hat Gott desweg die Samstagsrast versagt, weil sie doch nicht thäten

rasten, sondern vor dem Spiegel stehen und Haar flechten und Hoffart

betreiben. Da ist’s gescheiter, Kübel waschen, Töpfe scheuern und

Fußboden reiben. Wollen sie schon was putzen, so ist’s von wegen der

himmlischen Freud’ besser, sie putzen was Anderes, als sich selber.“

Das Maidle soll noch mit dem Garnsträhn fertig werden, der über

den Haspel gespannt ist; denn wenn über den Sonntag im Hause ein

unabgezogener Faden bleibt, sei’s am Rocken, sei’s am Haspel, sei’s am

Spulen, sei’s beim Nähkorb -- so kommt gleich die Maus der Gertrudis

und beißt den Faden ab oder webt allerlei Verdruß hinein.

Die Anderlacherin hat eben auch keine Ruh’, sie ist ein recht

„g’schmackiges“ (anmuthiges) Weibchen, sie schafft an der Wiege. ’s ist

ein süß’ Geschäft, süßer als Feierabend. --

Das sagt auch die alte Ahndl (Großmutter), die sich ebenfalls um die

Wiege zu thun macht und nicht eher Frieden findet, als bis sie den

Platz erobert hat. Der „süße Namen“ ~JI[±▼]IS~, der zu Häupten der

Wiege gemalt ist, macht’s nicht aus; aber das Büberle, das Lieberle,

das drinnen liegt! Geschaukelt will der kleine Martin sein, wenn er den

Leuten den Gefallen thun soll, jetzt, da noch die sonnengoldigen Bäume

zum Fenster hereinschauen, schon zu schlafen.

„Kindlein haben gut schlafen,“ meint die Ahndl, „Kindlein träumen immer

vom Himmelreich.“

Sie schaukelt und singt:

„Nutz Heidl, mei Schatz,

Auf’m Ofen steht die Katz,

Die schwarze und die weiße,

Die will das Büble beiße.

Nutz hei ab, nutz hei ab,

Das Katzl lauft den Steig ab,

Lauft ein schwarzes Hündl nach,

Beißt dem Katzl ’s Fußel ab.

Nutz Heidl

Grüne Stäudl

Rothe Beerl dran,

’s Büble schlaft schon.“

Das alte Mütterlein lullt sich dabei schier selber in den Schlaf, das

Martinele hingegen thut die Aeuglein hell auf und zappelt mit den

Beinchen unter der Decke und just heut’ will es nicht zur Ruh’ kommen.

’s ist aber auch kein Fried’ im Haus -- ein ketzerhaftes Poltern

vor der Thür und schnurgerade will der Hund von der Kette ab und --

sonst doch so ein gescheites Thier -- bellt er und winselt heute, wie

närrisch.

„Geh’ Maidle, schau, was draußen hergeht.“

Das Maidle macht kaum die Thür auf: „Herr Jesseles, der Franzel!“

Ein Geschrei durch’s kleine Haus: „Der Franzel ist da!“

Ein Herbeistürzen aus der Küche, aus der Kammer, vom Hofe herein.

Nur der Vater -- so sehr ihm auch die Freude aus den Augen leuchtet

-- trottet langsam, er weiß, der Junge läuft ihm nicht davon. Die

Mutter, schier schämig vor dem Herrn Sohn, wischt mit der Schürze den

Arm, daß er tauglich wird zum Willkomm; sie denkt: ein bissel wird

sie wohl schon geweiht sein, seine Hand. Das geschäftige Maidle hat

ihm die Reisetasche abgenommen und den Regenschirm -- gottlob, diesen

Regenschirm! Vom Kronenwirth die Burga bringt den Handsack herein. So

kommen sie zusammen..

„Gott Ehr’ und Dank, daß Du nur da bist!“ schreit die Mutter.

„Grüß’ Gott, Franzel!“ sagt der Vater schmunzelnd.

Der Franz sagt gar nichts, er lächelt nur ein wenig und da hat er

richtig noch seine beiden Grübchen hinter den Mundwinkeln! -- Man weiß

nicht, ob sie sich Alle die Hände gedrückt haben; Kuß hat’s keinen

gesetzt. So ein Küssen ist nicht der Brauch dort im Gebirge, wo die

Tannen wachsen.

Die Ahndl ist im ersten Freudenschreck in den hintersten Ofenwinkel

gerannt und an ihre Rockfalte hat sich das größere Knäblein geschmiegt,

dem ist diese Rockfalte zu aller Zeit der sicherste Hort. Nun schleicht

das Mütterchen mählich hervor und luget unter der Achsel dessen durch,

der dort Vater, hier Sohn ist, ihr Kind, das ihr die anderen Kleinen in

den Arm gelegt. Sie luget auf den Franzel hin.

„Gewachsen!“ murmelt sie, „gottunmöglich gewachsen!“ Und endlich fällt

sie drein mit ihren Herzensworten und hält dem schönen heimkehrenden

Enkel zitternd die alten Hände entgegen.

„Und bist heut’ schon von Bruneck her?“ fragt der Anderlacher. Drauf

ist die Sprache vom Wege und daß er rechtschaffen steil ist und ob der

Brunecker Postmeister den Schimmel vom Kronenwirth noch habe? -- Was

schiert er sich jetzt um solche Sachen, der Anderlacher, aber er will

reden und es fällt ihm gar nichts Anderes ein. Das alte Mütterlein kann

sich länger nicht mehr halten. „Du Franzel“, lispelt sie dem Jungen zu,

„jetzt haben wir aber Einen im Haus, den Du noch gar nicht kennst!“

„Ja richtig!“ sagt der muntere Student, „der Pfarrer hat mir’s

geschrieben, hat sich der Kerl noch nicht getrollt?“

Sie schauen sich gegenseitig an.

„Sicherlich wieder so ein Soldat?“

Jetzt wendet sich die Mutter, daß der Blick frei wird auf die Wiege,

jetzt hebt sie das kleinwinzige Martinele auf: „Ja, Franz, +der+

ist gekommen, dieweilen Du z’Innsbruck bist gewesen.“

Da macht der Bursche große Augen: Der!

„Er will Dein Bruder sein,“ sagt die Mutter.

Der Franz ist still und macht ein merkwürdig herziges Gesicht. --

Noch in der Reiserüstung streckt er lächelnd die Arme aus nach dem

Brüderchen. Aber der Kleine sträubt sich baß, stemmt das nackte

Händchen trotzig gegen des Angreifers Brust, dann halb in Furcht und

halb im Vertrauen blickt er ihm wie sinnend in’s braune Auge und jetzt

will’s ihm schier bedünken, dem kleinen Martinele, der junge Mann hätte

gute Aehnlichkeit mit dem Tonele, mit dem Maidle und Allen.

Der Maler -- Franz Defregger ist sein Name -- hat diese liebliche Scene

geschaut und in einem Bilde, „Die Brüder“ genannt, zu unserer Lust

dargestellt.

Und das kleine Martinele, ein wenig zurückhaltend noch, aber im Ganzen

nicht ungern trachtet es hinüber zu Dem, der es so liebherzig anblickt.

Glücklich ist die Mutter und der Vater luget gar stolz und vergnügt auf

seine zwei Buben, als wollt’ er zu jedem der beiden sagen: Schau, da

hab’ ich auch noch so Einen! -- Ja, Gottlob, die Tiroler kommen nicht

ab; unter der Alm stehen sie nach der Orgelpfeife, und der Rosenkranz,

noch ist er nicht zu Ende! Drauf schielt er so schalkhaft hin, was sich

der zwölfjährige Bursch’ nur dabei denken mag. Und dem Großmütterchen

wird jetzt warm bis in die Zehenspitzen hinab und sein altes Auge

leuchtet noch einmal auf und sein Fühlen ist Segen und nichts als

Segen für die Brüder, die sich so gefunden. Wie ihre Arme, so sind

nun ihre Leben in einander verschlungen, sie werden zusammenstehen in

unlöslicher Brüderlichkeit auf dieser harten Welt. Großmutter sieht

den Tag, da steht das Martinele vor dem Altare in der Kirche zu St.

Agnes, aber nicht mehr so klein als heute; zu seiner Seite die Braut,

rechtschaffen und schön -- und aus der Sacristei kommt der Bruder,

der geistliche Herr, und giebt, treuen, feuchten Auges wie heute, dem

Martinele das, was er selbst nicht hat -- ein liebes Weib.

[Illustration]

Als Hans der Grethe schrieb.

„Ist sie daheim, die Kühgretl?“ rief eine schnarrende Männerstimme zum

Fensterchen herein in den Stall, „ein Briefel von der Post hätt’ ich

da, gehört der Margarethe Krautwascherin. Schreibst Dich ja so, Gretl?“

Die junge, rothwangige und flachshaarige Magd, die just unter der

scheckigen Kuh saß, den Melkzuber zwischen den Beinen, erhob sich

jetzt: „Die bin ich, die Gretl, ja freilich bin ich sie, und von wegen

-- gelt, Er ist so gut und thut ein Eichtl warten, da muß ich wohl den

Bauern fragen, ich sag’, ’s steht wo zu lesen und er wird’s wissen, wie

ich mich schreiben laß’. Mich däucht wohl, Krautwascherin, ja, mich

deucht wohl.“ Und etwas leiser, zutraulicher: „Auf dem Briefel steht’s

’leicht d’rauf? Und von wem denn?“

„Gar von einem Kaiserlichen. Ist zu weiten Landen, kann selber nicht

mehr durch’s Fensterl rucken, ruck halt Du, sein Briefel, hinein. Wirst

ihn nix kennen, Gretl, Hans Kinigl heißt er.“

„Uh Jessas, aber na!“ jauchzte das Mädchen auf, „bin ich aber

erschrocken! Auweh!“ Die Milch sickerte zur Hälfte auf die Streu. Dann

leise murmelnd: „Jetzt hab’ ich aber Schaden than, uh mei, jetzt hab’

ich Schaden than!“

Der Bote war fort. Die Gretl wischte ihre Arme und Finger säuberlich

an der Schürze ab, und nahm dann völlig furchtsam das Brieflein vom

Fensterbrett. Sie guckte es an, sie kehrte und wendete es: „Mein

Lebtag, der Hansl hat geschrieben. Und verpetschirt ist er auch, ganz

verpetschirt. Wer macht mir ihn auf? Ich nicht, ich trau’ mich nicht

d’rüber.“ Sie guckte noch lange, sie ging in den dunkelsten Winkel,

weil die Scheckige gar so interessirlich herüberglotzte. „Brauchst

derweilen just nicht Alles zu wissen.“ Im Geheimsten öffnete sie

den Brief mit Müh’ und Noth -- was er denn schreibt, wie’s ihm denn

geht? Gesund wird er mir leicht doch sein. -- Daß er gar zuletzt muß

kriegführen gehen!?

Die Kuh schellte an der Kette und schnupperte. Sie kannte den Hans

recht gut; wie er in derselbigen Nacht stecken blieben ist im Fenster,

das ist eine dicke Glasscheiben gewesen.

Endlich war der Brief offen, entfaltet und überrascht rief die Gretl

aus: „Der Närrisch, das ist aber ein rechter Närrisch!“ Sein Conterfei

war oben an der Ecke des Briefes, sein leibhaft Conterfei mit dem

Czako, dem weißen Röckel und der blauen Hose, frisch und hell gemalt,

und der Schnurrbart dabei. „Jegerl, uh mein! Aber sauber ist er,

freilich wohl rechtschaffen sauber. Und wie er ihm gewachsen ist, so

viel gewachsen, der Schnauzbart! -- Na, der Hansl, was wird er denn

schreiben? -- Jessas, jetzt kann ich nicht lesen! Wer hätt’ mir’s denn

gelernt? Daß so ein Briefel kunnt kommen, auf so was hätt’ Eins von

Klein auf ja gar keine Gedanken. Aber na, daß ich nicht lesen kann!“

Sie preßte das Papier wohl zum Mund und langsam glitt die Hand damit

nieder gegen den Busen so jung, und zart -- ließ den Brief dort ruhen.

Plötzlich aber zuckte sie ihn weg: „Sapperwald, Hansl, das darf nicht

sein! Nein, Hansl, das darf nicht sein!“ Und noch lebhafter flüsternd:

„Ich bitt’ Dich um Alles in der Welt, sein darf’s nicht!“ -- Dann

später, wie aus einem Traum erwachend, ruhig: „Weil Eins meint, er

wär’s selber -- wie er da so sauber gemalt ist.“

So lehnte sie im dunkeln Winkel an ihrem Bettchen. Da zeterte draußen

vom Hause her plötzlich eine Stimme: „Gretl, ja weiger, was ist denn

das heut’, bist ’leicht in den Milchzuber gefallen? Hast keinen Fuß

nit? Hast keinen? So ein junges Mädel wie Du, hat meine Mutter allfort

gesagt, soll nit so lang müßig sein, als eine Taube ein Korn aufpickt.

Ich, wie ich in den jungen Jahren bin gewesen, über drei Zäun’ bin ich

gesprungen, hab’ ich ein Federl sehen liegen. Und heutzutag -- Muß ich

Dir weiter helfen vom Kuhstall heraus?“

Die Bäuerin war’s. Schnell verbergen den Brief unter dem blauen

Busenlatz, an dem heut’ ein Schnürchen war zersprungen, und der Arbeit

zu. Im Dienst, im Bauerndienst! ’s ist halt eine schwere Sach’; wenn

so ein Mägdelein auf einen Buben wollt’ denken, beileib nit, das wär’

Sünd’, so viel Sünd’!

Die Gretl hat an demselbigen Tag Alles verkehrt angefaßt. Die Streu

im Hof kratzte sie mit der Mehlschaufel zusammen, und als sie auf

der Tenne Korn in den Mühlsack fassen sollte, wollte sie es mit der

Streugabel thun, und als sie zu Mittag die Suppe salzen sollte, da hat

sie das ganze Salzfaß in den Waschkessel geschüttet. Sie hatte ja das

ungelöste Räthsel des Schreibens auf dem Herzen -- die arme Gretl.

Am Nachmittag, als sie die galten zwei Kühe einspannte und damit auf

die Granitzwiese um Futter fuhr, sagte sie zu sich selbst: „Die Christl

kunnt schon lesen, sie braucht ja ein Betbüchel in der Kirch’, die

Christl.“

Die Christl war des Schwanenwirths Weiddirn, die an Kirchtagen auch die

Gäste bedienen half, die auch den Hans Kinigl kannte, rechtschaffen gut

kannte. Und die Christl war Gretl’s G’spanin, wenn’s am Frohnleichnam

zum Kranzelaufsetzen kam. Indeß, ohne daß Eine von der Andern wußte,

allbeide waren dem Hansl verbunden; er hat nie was d’rein geredet, wenn

sie, weiß gekleidet, das Kranzel im Haar, bei der Procession gewesen

sind; er hat, wie’s ja Recht und Sitte ist, die Knöpfchen seines

Rosenkranzes abgebetet und nicht ein Wörtl hat er geplaudert.

So ist er nachher gestellt worden, haben ihn abgemessen -- er ist halt

lang genug gewesen -- ist blieben beim Militär. Ein sauberer Soldat ist

er worden, der Kaiser nimmt halt von seinem Land’ die schönsten Leut’.

Ich thät’s auch. Jetzund ist seitdem schon ein ganzer Sommer vorbei.

Die zwei Kühe trotteten hin über den Steinweg, der Granitzwiese zu, und

der Karten knatterte und die Gretl, die drauf saß und in süßen Gedanken

war, wurde recht arg dabei geschüttelt. Freilich so ein Schütteln und

Hopsen ließe man sich gefallen, wenn Eins nur das Lesen hätt’ gelernt.

Versterben kunnt man, hat man seinen Brief in der Hand und weiß nicht,

was er Einem schreibt.

Sie war schon dort, wo der Wald aufhört und die Wiese anhebt -- that

sie auf einmal einen Juchschrei und sprang vom Karren. Sie hatte die

Christl gesehen, die hinter dem Zaun drüben Eschenlaub sammelte.

„Bist ’leicht auch da, Christl?“ schrie sie hinüber, „geh’, magst nicht

ein Eichtl herüberhupfen zu mir, ich zieh’ Dir zwei Stangen aus.“

Aber die Stangen waren störrig und die Lücke in dem Zaun nicht so

leicht gemacht. So lehnten sich Beide nur daran und ließen die Stangen

und Stecken, wie sie waren, dazwischen.

„Wirst es nicht meinen, ich hab’ was Neues bei mir,“ sagte die Gretl

freudestrahlend, „einen Soldatenbrief von Hans -- ja von Hans,

freilich, und sein Pultree (Porträt) ist auch dabei, und für mich, für

die Margaretha Krautwascherin gehört er, der da -- der Soldatenbrief.“

Die Christl hatte mit beiden Händen emporgezuckt: „Geh’, laß schauen!“

Sie sah den gemalten Krieger an. Sie steckten die Köpfe zusammen,

Christl’s Hände zitterten fast und wollten der Andern das Papier aus

den Fingern zerren.

„Na, Du, auslaß ich ihn nit!“ sagte Gretl, „aber dasselb’ bitt ich

Dich, lesen thu mir ihn; kannst dafür wissen, was d’rin steht. Gelt,

Christl, lesen, das wirst mir nicht versagen, nit, gelt?“

Da versetzte die Andere: „Weißt, Gretl, das ist halt so, sagen will ich

Dir’s wohl, wie’s ist. Drucklesen schon, aber Schriftlesen, weißt, das

hab’ ich halt nicht gelernt. Vom Herzen gern, daß ich’s thät.“

Die Gretl war durch dieses Wort niedergeschlagen. „Ja so,“ sagte sie

dann kleinlaut, „das Schriftlesen, dasselb’ kannst nicht. Das ist mir

aber schon rechtschaffen unlieb; jetzt, was heb ich an? -- Ja so, nur

Drucklesen. Und Schriftlesen, dasselb’ nicht, meinst. Nu, wenn Du’s

halt nicht kannst. Aber na, ich weiß mir jetzt frei keinen Rath. Ich

weiß mir keinen Menschen in der Gemein und ich trau’ mich nicht;

freilich trau’ ich mich nicht. -- Ging Dir halt nicht von statten,

meinst, das Schriftlesen? Wenn Du’s aber dennoch in Gottesnamen thät’st

probiren -- leicht ging’s, Christl.“

„Einen thät’ ich wohl wissen, der’s kunnt,“ sagte die Christi nach

einigem Nachdenken, ein wenig unsicher, wie lauernd; „will Dir’s wohl

sagen, der alt’ Schmiedrochel ist ein grundgelehrter Mann.“

„Der alt’ Schmiedrochel, meinst?“

„Kennst ihn doch, den alten, tauben Mann -- stocktaub -- kennst ihn ja.“

„Freilich wohl, aber -- Christl, weißt, das ist so, der soll’s halt nit

wissen, das mit dem Hansl. Mein Vormund ist er, der Rochel.“

„Um so besser,“ rief die Christl.

„Nein, ich -- weißt, er soll’s halt nicht wissen, und -- wirst steh’n

bleiben, Scheckin! Obst mir gleich steh’n bleibst, Scheckin! -- Er

leid’ts nicht, daß ich mit dem Hansl was hab’ -- ich weiß, daß er’s

nicht leid’t -- freilich nit.“

„So braucht er auch von der ganzen Geschicht’ nichts zu wissen,“

sagte die Christl wie schalkhaft; „mußt ihn den Brief denn gerad’

+still+ lesen lassen? +Laut+ soll er ihn lesen, Dir vorlesen

soll er ihn, und ich sag’ Dir’s, bei seiner Taubheit, er versteht kein

Wort davon -- kein Wort.“

Da hob die Gretl ihr frisches einfältiges Gesichtchen: „Meinst? Ja --

weißt, ich versteh’ das zu wenig, hab’ mein Lebtag keinen Buchstaben

angeschaut, mein Lebtag keinen. Aber, ich hätt’ doch gemeint, wenn er

den Brief selber lesen thät’, daß er’s ’leicht wissen kunnt, was d’rin

steht.“

„Aber ich bitt’ Dich gar schön, Gretl, was Du heut’ für einen Unsinn

redest! Wenn er laut liest und kein Wort hört, wie soll denn das sein,

auf alle Mittel und Weis’!“

„Ja freilich wohl, ich laß’ Dir’s gern gelten.“

„Sagst halt, mußt ihm’s aber ordentlich in’s Ohr schreien, mir thät’

er zugehören, der Brief, von meiner Muhm in Kirchbach, und ich hätt’

Dich damit geschickt und ließ ihn bitten, er soll Dir ihn lesen, daß Du

mir’s kunnt’st sagen, was d’rin steht.“

„Das ist gescheit -- wird wohl gescheit sein,“ versetzte die Gretl,

„bist ein’ ausbündige Dirn, Du. Du wärst die Erst’ bei der Hochzeit,

thät’ mich der Hansl heiraten. -- Wie’s aber grasen, meine Küh; wollen

’leicht das Futter lieber im Magen, wie auf dem Karren heimbringen.

Schaut völlig so aus. Dank Dir Gott, Christl, für den guten Rath, und

laß Dir Zeit und Weil zum Laubrechen -- ja, laß Dir Zeit!“

Das Mädchen eilte zu den Kühen, mähte das Futter, füllte den Karren in

hoher Schichte, spannte an, fuhr heim.

Die Christl aber lauerte hinter dem Zaun und kicherte: „leicht ist

sie wirklich so dumm und zeigt den Brief ihrem Vormund. Und weiß der

alte Luzifer die Geschicht von Hans und Gretl, nachher stehen die

Zwei nimmer zusammen. Nachher, mein lieber, sauberer Schatz, weiß der

Briefbot’ mein Fensterl auch zu finden. Hi, Hansl, hott, Gretl!“ Und

laut: „Kei (kippe) die Fuhr nicht um, Gretl!“

„Selb gieb ich schon Acht, freilich, selb gieb ich schon Acht!“ rief

diese noch aus dem Walde zurück.

Die gute Gretl ging neben ihren Kühen her. Wieder zog sie das Briefchen

hervor: „Schau, Scheckin, das schickt mir der Hans!“ Sie hielt das

Papier den Rindern hin, diese glotzten es an, lesen konnten auch sie

nicht.

Und als es Feierabend war, schlich die Gretl fort vom Haus, wo sie

diente, und hinein in die Thalschlucht gegen die kleine Schmiede. Aus

dem Schornstein sprühten Funken, der Alte war noch in der Werkstatt.

Mit Bangen und Zagen nahte sie ihrem Vormund, ihrer einzigen Stütze,

seitdem Vater und Mutter gestorben.

„Die Dirn ist da,“ brummte er, als sie in die Schmiede trat. Mägde und

Weibervolk genug, aber „Dirn“ gab’s ihm nur eine einzige auf der Welt,

seine Mündel; Dirn, das war ihm der zärtliche Ausdruck für Schützling,

Tochter, Kind.

Ehe das Mädchen noch ordentlich über die Schwelle kam, es stolperte

schier, rief es: „Von der Schwanenwirth-Christl bin ich geschickt, den

Brief da soll mir der Vatermann lesen und laut, das ich’s ihr kann

sagen, der Schwanenwirth-Christl.“

Dreimal mußte es die Worte dem Alten in’s Ohr schreien, ehe dieser

seine rußigen, mächtigen Glasaugen hervorholte.

„Was wird’s denn sein? So einen Brief lesen, wird auch just keine

Hexerei sein!“ Er machte sich aber doch wichtig.

„Von der Schwanenwirth-Christl ihrer Muhm’ ist er!“ rief das Mädchen

befangen schnell.

Der Alte wendete sich gegen die ausschnaufende Esse, daß der Brief, den

er nun öffnete, roth beleuchtet war: „Kreuz und Eisenstern übereinand,

da ist ja gar ein Kaiserjäger oben!“

„Halt ja, ein Soldat, halt ja,“ zitterte die Gretl, „der

Schwanenwirth-Christl ihrer Muhme ihr Sohn.“ --

„Der Schwanenwirth-Christl ihrer --“

„Muhme ihr Sohn. Ja freilich, freilich wohl. Laut, nur gleich laut

lesen, weil -- weil ich nicht recht Zeit hab’. Muß gleich wieder heim,

aber gleich wieder.“

Der Alte verstand kein Wort. Er las bereits. Mit dem einen Fuß trat er

den Blasebalg, daß er an der Esse eine Leuchte hatte. Mit dem andern

stand er fest, recht fest. „Du verschwefelt’s Volk!“ rief er plötzlich.

„Also vorlesen soll ich Dir die Schrift, vorlesen? Recht gern.

Innigstgeliebte Margaretha! -- steht’s geschrieben.“

Da war’s dem Mädchen wie zum Umfallen. -- Taub ist er freilich, aber so

heraus hat er’s geschrieen, er kunnt’s verstanden haben. „Just gar so

laut, dasselb’ ist keine Nothwendigkeit, Vatermann.“

„Ich grüße Dich tausendmal und wünsche, daß Dich mein Schreiben in

bester Gesundheit antreffen möge. Ich bin Gott sei Dank gesund und

mache Dir zu wissen, und daß ich vor etlichen Tagen zum Corporal

avancirt bin und ich in ein’ Jahr auf Urlaub zu Haus kommen werde,

was mich wegen Deiner so freut, vielgeliebte Margaretha, und ich

denk’ bereits Tag und Nacht auf Dich, und Dein Zellerpreverl trage

ich auf der Brust, daß mich mit Gottes Hilf’ kein’ Kugel trifft. So

schau’ ich aus, wie das Gemal (Gemälde) da oben, und ich bitte Dich,

daß Du mir getreu bleibst, und glaube der Leut’ Reden nicht, weil

sie einen Neid haben auf uns Zwei. Und ich möcht’ auch wissen, das

von der letzten Kirchweih, wie ich fortgangen bin, wird Dir nicht

geschadet haben.“ Der Alte hielt inne, starrte das Mädchen an. Dieses

sagte mit einer packenden Keckheit: „Hör schon, Vatermann, recht gut

hör ich, freilich!“ Und der Alte fuhr fort: „Und sei so gut, thue auf

mein tuchenes Gewand schauen, von wegen die Schaben, und schreib’ mir

paar Zeilen, wie es Dir geht und was Neues ist, und für den Brief

brauchst nicht zahlen. Und auf Dich kann ich nicht vergessen bis in

den Tod, innigstgeliebte Margaretha, und so vielmal als Stern sein am

Himmelszelt und Tropfen im Meer und Blümlein auf der Welt, sollst Du

von mir gegrüßet sein. Halt mir nichts für Uebel, und ich schließe mein

Schreiben im Schutze Gottes und verbleibe bis in’s kühle Grab

Dein

Johann Kinigl,

Corporal, 27. Infant.-Reg. König der Belgier.“

Der alte Schmiedrochel schüttelte sehr lange den Kopf. -- „Von der

Muhme das!“ sagte er endlich.

„Ja,“ rief die durch den Brief entzückte Gretl, „der

Schwanenwirth-Christl ihrer --“

„Dirn!“ rollte jetzt die Stimme des Alten dazwischen wie ein

niederstürzender Eisenklumpen. Da sah die gute Gretl Alles verrathen,

verloren. Still war’s, nur der Blasebalg pfauchte.

„Er hat mir’s versprochen,“ hauchte das Mädchen, ihre Finger

ineinanderhäkelnd und sehr laut, „’s Heiraten hat er mir versprochen

und es hat so sein müssen, weil der Herr Pfarrer hat predigt, die Ehen

werden im Himmel geschlossen.“

„Ja, und die Thorheiten auf Erden begangen. Heiraten! Und einen

Habenichts vom Militär! Hörst, Einer, der einmal den Tornister auf dem

Buckel trägt, gewöhnt sich den Höcker nicht mehr ab, hängt, hat er

sonst nichts, den Bettelsack um.“

„’s schickt sich nicht, daß ich was red’, Vatermann, aber mich

deucht halt, rechtschaffen fleißig bei der Arbeit wär’ der Hansl,

rechtschaffen fleißig und brav; thut nicht trinken und nicht spielen;

kann schreiben wie der Herr Verwalter und thut manigsmal gern in den

Büchern lesen --“

„Ja, in solchen ’leicht, wo man die Blätter mit dem Knie umwendet.

Marsch in Deinen Stall, Dirn! -- Mein Lebtag hab’ ich noch kein Mädl

gesehen, das Einen heiraten will, der gar nicht da ist. -- Kommt der

Hans heim und er red’t noch wie heut’, und Du hast ein’ ehrliche Frag’

-- ich halt Dich nit auf. Jetzt weg mit dem Wisch da, den brauch’ ich

nit!“

Glückselig erfaßte sie das Papier und seine Hand zu Dank und eilte

ihrem Hofe zu.

Am nächsten Sonntag besorgte der Vatermann das Antwortsschreiben in

ihrem Namen:

„Lieber Hans!

Das Schreiben laß bleiben. Kommst heim, bist brav, sollst mich haben.

Margaretha Krautwascherin.“

Wie war sein Brief so gut und treu und „gottsunmöglich“ schön, und

wie war diese Antwort so kurz und kalt. Die Gretl litt viel Marter

und Pein, aber sie vermochte nichts über den Alten, nur daß sie noch

heimlich zwei Blümlein in den Brief zu schmuggeln verstand. Ein

Vergißmeinnicht und eine brennende Lieb’.

Wie ein Kaiserjäger fensterln ging.

Heimweh, wie ein Alpenkind! So geht das Wort. Das Wort ist begründet;

ist’s aber auch das Heimweh? Wer möchte sich nur so sehr sehnen nach

den Felsen, nach den Wäldern, nach den Hängen, die den Menschen alle

Bequemlichkeit versagen, die ihm kein gutes Stück Brot und keinen

Tropfen Wein geben.

Aber das Alpenland umarmt und speist sein Kind mit reiner, leichter

Luft, erquickt es mit frischer, klarer Quelle, und zu tausendmal ist’s

wahr: das Alpenkind, das lebt von der Luft.

Wenn der Bergsohn in der Fremde weilt, und es kommt das Heimweh in

sein Herz, und er denkt an seinen fernen Ort und an seine Menschen

zurück, und er denkt wohl gar an ein Wesen, das er mehr liebt, als all’

die Anderen, dann steht’s trüb um ihn; und wenn er den Gedanken nicht

unterdrücken kann, so wächst und wächst derselbe und erschwert das

Gemüth und wird zur Pein.

Feierabende: Lustige und finstere Geschichten · 第 3 / 29 段