als der Kaufmannssohn und der Oberlehrer des Ortes auch täglich ihren
Humpen beim Wirthstöchterlein tranken. Und das war um so verdächtiger,
als gedachten Herren eine Nachbarschänke weit handsamer gelegen gewesen
und der Wein in derselben zumeist viel vorzüglicher war, als das starke
Getränke des Schladernwirths, das zum großen Theile weiter oben im
Gebirge noch die Mühlen und Holzsägen trieb. Aber der Schladernwirth
brachte jedes Getränke an den Mann, wenn er nur sein schwarzäugig
Töchterlein Kellnerin sein ließ.
Das letzte Glas schenkte Fronele dem Herrn Pastor ein. Man sagt, er
habe es nicht ausgetrunken, sondern habe, unbeschadet von demselbigen
Glase, mit dem Mädchen und dem Schladernwirth den Hochzeitstag
besprochen.
Gut soll die Hochzeit ausgefallen sein, doch hätten der junge
Kaufmannssohn und der Oberlehrer des Ortes sich dabei viel zu oft die
Ehre genommen, mit der Braut zu tanzen. Da brach der Herr Pastor --
es war zur frühen Nachmittagsstunde -- das Fest plötzlich ab und fuhr
mit seinem Fronele davon. Beim Kaufmann kaufe sie nichts, lesen und
schreiben könne sie, und er, der Pastor Meneschild, wolle mit seiner
Braut allein sein. Von jeher war der Pastor ein Freund des Hochgebirges
und im Hochgebirge wollte er seine Brautnacht feiern. Lustig rollte der
Wagen durch das Thal, Gegenden zu, von denen die Braut sagte, sie seien
sehr, sehr romantisch. Aber den guten Pastor Meneschild interessirte
heute kein Stein, ergriff kein Wasserfall, rührte kein Röhren der
Hirsche und Springen der Rehe. Den rechten Arm schlang er um seine
junge Frau, mit dem linken deutete er auf eine noch ziemlich ferne
Berghöhe: „Dort hinter jenem Berge, Fronele, liegt das Alpendörfchen,
wo wir weilen werden. Du glaubst es gar nicht, wie es dort schön ist.“
Doch war es nicht so leicht, hinter den Berg zu kommen. Die Wege wurden
steiniger, zerrissener, hie und da stürzte ein Wildbach nieder von
den Höhen, denn im Hochgebirge schmolz der Schnee. Der Wagen mußte
umkehren; das junge Ehepaar drang zu Fuße weiter und Meneschild trug
sein herzig Bräutchen buchstäblich auf den Händen über manche Schlucht,
über manches Wasser.
Ein Holzhauer kam des Weges, der erbot sich, mit seinen kräftigen Armen
die junge Frau über die unwirthlichsten Stellen zu geleiten. Der
Pastor schoß einen wüthenden Blick; was will denn dieser Mensch? Ich
werde die junge Frau schon selber führen.
Der Weg ging durch malerische Schluchten einem entgegenbrausenden
Wildbache entlang. Manches Donnern hallte in den Wänden, denn weiter
drin im Gebirge stürzte manche Schnee- und Erdlawine nieder. Das junge
Ehepaar rastete auf einem Stein. „Nicht wahr, das ist eine prächtige
Hochzeitsreise, Fronele?“ sagte der Pastor und wiegte das Weibchen auf
seinen Knieen.
„Ja freilich,“ antwortete das Fronele, „und wann gehen wir wieder nach
Schladernbach zurück?“
„Du süßes Kind!“ entgegnete der Pastor, „bin ich Dir nicht genug?“
„Ei ja freilich bist Du mir genug!“ rief die Braut und tätschelte mit
beiden Händen die glatten Wangen des Pastors, wie sie es als Schänkin
gewohnt war, „Du bist ja mein Meneschild, schau, Du bist mein lieber
Schatz!“
„Und Raum ist in der kleinsten Hütte!“ flüsterte der selige Pastor.
Sie gingen weiter; Fronele mußte das Kleid schürzen, es rieselte viel
Wasser über den Weg. Selten dürften so zarte Jungfrauenfüße diesen
rauhen Bergpfad noch betreten haben.
Der Wildbach wurde reißender und schwoll von Minute zu Minute. Und
endlich kam unser Pärchen zu einem gar verfänglichen Punkt. Rechts
hatte es die Wände und Klüfte eines Steinbruches, links den wüthenden
Gebirgsbach, an dem jenseitigen Ufer unter dem Schatten eines
Waldhanges stand eine Hütte. An dieser Stelle nun führte der Steig
vermittelst eines schmalen Steges über den Fluß.
Der Pastor blieb stehen, starrte auf den schwanken Stegbaum, an welchem
schon die Wellen brandeten und sagte in feierlichem Tone:
„Da stehen die --“
„Ochsen am Berge!“ ergänzte Fronele.
„Nein, am Wasser!“ berichtigte Herr Meneschild. „Rutschen wir auf allen
Vieren hinüber, Fronele, Du bist eine flinke Schänkin, Du bist das
Wasser gewohnt.“
„Nicht als Schänkin,“ gab die junge Frau den Spott zurück, „aber bei
Deinen Predigten hab ich das Schwimmen gelernt.“
„Du Blitzmädel, Du!“ rief der Pastor lustig drein, „nicht sowohl
meine Predigten sind wässerig gewesen, als aber meine Zähne haben mir
gewässert, sah ich das Fronele sitzen im Kirchenstuhl.“
So waren sie guter Dinge; und von der Hütte her kamen ein paar Männer,
Steinbrecher nach ihrem Aussehen, starke, verwegene Kerle; diese
sollten nun dem Paare über das Wasser helfen. Sie prüften den Steg;
der Eine trat ein paar Schritte auf den bereits gefährdeten Baum und
streckte der ängstlich anrückenden jungen Frau die Hand entgegen.
„Der Herr soll dieweilen nur drüben bleiben,“ rief der Mann, „für drei
Leut’ hält’s der Sakra nimmer!“
Sofort happerte das Fronele über den brausenden Bach und kam an der
Hand des Steinschlägers glücklich an das jenseitige Ufer.
In demselben Augenblick aber, als der Mann schon zum zweiten Wagestück
Anstalt machte, fluthete donnernd ein gewaltiger Schwall heran,
Steine und Eisstücke und entwurzelte Bäume brausten nieder, hochauf
bäumte sich der Steg und ging mit den wilden Fluthen -- den Weg alles
Zeitlichen.
Der Pastor hatte -- um nicht selbst von dem Strome erfaßt zu werden --
zurückspringen müssen, schier bis an die Wand. Nun er sah, der Steg war
davongeschwemmt, und an diesem Abende plötzlich gelöst auf Erden, was
Vormittag im Himmel gebunden worden -- da schlug er die Hände zusammen
über dem Haupte.
Die Männer jenseits des Wassers aber lachten derb und riefen, er,
der Herr Pastor, möge sich gedulden, diese Fluth sei nur die Folge
der Schneelawinenstürze und würde in wenigen Stunden vorüber sein;
einstweilen möge er um das junge Frauchen keine Sorge hegen, es könne
ausruhen in der Hütte und werde nach Möglichkeit gepflegt werden. Er,
der Herr Pastor, selber möge sich in eine der Felsnischen setzen, und
die Nacht, die ja nicht sehr lang sei, wohlgeschützt daselbst zubringen.
Auch Fronele legt ihre hohlen Händchen an den Mund und rief herüber,
aber ihre Worte waren in dem Brausen des Wassers nicht zu verstehen.
Sie wurde von den zwei Waldmännern in die Hütte geführt; der Pastor
konnte es durch das Gestrüppe nicht sehen, ob sie willig ging, oder
ob sie sich sträubte. Nun hub er an, und eilte das tosende Ufer auf
und ab, aber er fand keine Brücke, die ihn hätte hinübergetragen in
das gelobte Land. Und endlich konnte er gar nicht mehr vorwärts, das
noch immer wachsende Gewässer erfüllte die ganze Breite und Länge der
Schlucht; und er mußte wieder umkehren zum Steinbruch, wo er doch zum
Mindesten das Dach der Klause sah. Wüthend nahm er seinen Stock und
peitschte die Fluthen, wie jener morgenländische Feldherr; „was der
Himmel zusammengefügt!“ rief er aus, „das sollst du nicht trennen!“ --
Aber ach, die Elemente sind von jeher heidnisch gewesen, und so haben
auch die Alpenwässer den Bibelspruch nicht verstanden, haben immer
wüster gewirthschaftet, und von einem Hinüberkommen konnte gar keine
Rede sein. Es begann bereits zu dunkeln.
Vor wenigen Wochen hatte der Pastor eine sehr schöne Predigt gehalten
über den Werth und die Macht der Resignation. Er hatte dazumal an
Einen Fall nicht gedacht: an eine Brautnacht ohne Braut; und die
Resignation drohte nun der Verzweiflung zu weichen. Drohte aber nur,
denn der Pastor Meneschild war stark. Er kletterte ein wenig den Felsen
hinan, ob er nicht etwa doch durch das Fenster der Hütte seine Ehefrau
erblicken könnte. Wohl kamen sie nun wieder aus der Klause hervor, die
Männer, und auch Fronele mit ihnen.
„Fronele!“ seufzte der Pastor, da fiel etwas neben ihm nieder und
zischte in demselben Augenblick in Flammen auf. Zündhölzchen hatten sie
drüben an einen Stein gebunden und herübergeworfen, damit sich Robinson
im Steinbruche Feuer machen konnte. Aber die Hölzchen entzündeten
sich im Falle und verbrannten auch ein Streifchen Papier, auf welches
Fronele einige Worte geschrieben hatte. Nur den süßen Namen „Fronele“
hatte das Feuer noch übrig gelassen in der Ecke, und diesen küßte nun
der Pastor mit unsäglicher Inbrunst. Hierauf versuchte er, sich in
Ergebenheit zu üben und machte Feuer. Das Feuer leuchtete hell in den
Felsen und zeigte von fern nur, was der Einsiedler that, während das,
was jenseits des Wassers vorging, in um so größerem Dunkel lag.
Wieder sauste ein Ding durch die Luft und bald auch ein zweites, ein
drittes, Knollen fielen neben dem Pastor nieder und einer flog ihm
sogar an den Kopf. -- „Was? bewerfen sie mich noch mit Steinen, diese
Vermaledeiten!“ brach er aus, aber bei näherer Prüfung waren es keine
Steine, waren es Erdäpfel, die ihm mit dem Bedeuten, daß er sie zum
Nachtmahl braten möge, zugeworfen worden waren.
Das rührte den guten Pastor und er gedachte mit frommem Sinne des
Mannafalles in der Wüste.
Mit möglichster Gelassenheit genoß er dieses sein Abendmahl, dann
horchte er, ob von der Steinschlägerhütte herüber denn gar nichts
zu hören sei. Es rauschten die Fluthen, es donnerten die Lawinen im
Gebirge; eine große Wildheit war in der ganzen Natur; nur die Sterne
standen am Himmel.
Und daß der Himmel zu all’ dem noch lächeln konnte, das ärgerte den
Herrn Pastor am meisten; die Zähne biß er aufeinander, und so legte er
sich in einer Nische auf den Sand. Aber es war kein Ruhen und Rasten;
sein Lebtag hatte er nichts so Hartes empfunden als dieses steinerne
Bett. Ja, diese Nacht, die man sonst nicht zu den unangenehmsten
Nächten im Leben zählt, hat der gute Pastor Meneschild stets als die
schrecklichste Zeit seines Erdenwallens bezeichnet.
Um Mitternacht, in Folge eines sehr beunruhigenden Traumes, stand
er auf und wollte in den Fluß springen; aber unverrichteter Sache
kletterte er wieder in seine Nische zurück. In seiner Nische kniete er
nun hin und betete, und lachte letztlich hell auf darüber, daß er durch
die Hochzeit zu einem Einsiedler in der Felsenhöhle geworden sei.
Spätere Betrachtungen widmete er den Steinschlägern; die Männer
hatten ihm just nicht sehr jung, aber auch nicht sehr alt geschienen;
bärtig und sonngebräunt von Aussehen, mochten sie herb und keck sein,
wie ihre Eisenhämmer. Mag schon ein Mann solchen Leuten im Walde
nicht gern begegnen, um wie viel wehrloser muß ihnen ein zartes Weib
gegenüberstehen. Die goldenen Ohrgehänge wären noch zu verschmerzen --
aber wenn sie ihr den Brautring raubten...!
Nochmals sprang der Pastor auf und eilte hinab zu dem Fluß. Und siehe,
in der Morgendämmerung sah er’s, das Wasser hatte abgenommen, gewaltige
Steinblöcke, von Gischten umbraust, ragten aus der Fluth. Mit der
Tollkühnheit eines Verzweifelten sprang er in schrecklichen Sätzen von
einem Stein zum andern über den Fluß, und wie ein Löwe, der seinen
Zwinger durchbricht, stürzte er der Hütte zu.
Die Thür war in Angeln offen, kein Mensch zu Hause. Vier bis fünf
leere, zerdrückte Strohnester grinsten ihm entgegen; des Weiteren keine
Spur von einem Bewohner.
„Entführt!“ stöhnte der arme Pastor und Hören und Sehen wollte ihm
vergehen.
Da war es zur selbigen Stunde, daß ein helles Jauchzen erscholl drüben
im Steinbruch. Herr Meneschild schlug sein umflortes Auge auf, und
siehe, dort drüben, wo er diese entsetzliche Nacht verbracht, standen
die Steinschläger und bei ihnen das Fronele.
Und in demselben Augenblicke kamen zwei geschwätzige Weiber mit
Klaubholzbündeln hinter der Hütte herabgestiegen. Diese gaben sich
mit Bücklingen dem Herrn Pastor als die Weiber der Steinschläger zu
erkennen, die Früh in den Wald gegangen wären, um Holz zum Kochen
der Morgensuppe zu sammeln. Ihre Männer aber seien noch früher
aufgebrochen, um mit der jungen Frau Pastorin, die in der Heuscheune
gut geschlafen habe, weiter unten einen Steg über den Bach zu suchen
und auf diese Weise zeitig in den Steinbruch zu gelangen.
Und nun war neuerdings das Wasser zwischen den Eheleuten. Einen zweiten
kühnen Sprung über die noch immer wüthenden Fluthen fand der Pastor
nicht für gerathen und so harrte er im Angesichte seiner jungen Frau,
bis ein neuer Steg geschlagen war. Dann aber stürzten sie sich in die
Arme, als wären sie aus verschiedenen Welttheilen zusammengekommen.
Nachdem sie hierauf in der kleinen Hütte ein Frühstück genossen und
sich von der Steinschläger-Familie zartsinnige Verschwiegenheit erbeten
hatten, kehrten sie zurück nach Schladernbach und rühmten laut die
kleine Hochzeitspartie im Gebirge.
In Schladernbach hatte es die Nacht zuvor einen Stegbaum ausgeschwemmt.
Der Herr Pastor erkannte ihn insgeheim als den weggerissenen Steg vom
Steinbruch. Er erstand das boshafte Stück Holz und will daraus zu Trutz
eine Wiege bauen lassen.
[Illustration]
Der Fremde im Vaterhause.
Die Thür geht auf, in den Saal tritt der Institutsvorsteher.
„Anderlacher Franz!“ ruft er.
„Hier!“ antwortet ein zwölfjähriger Junge aus dem Pusterthale. Ja, das
war der Anderlacher Franz, der Sohn des Hegers „unter der Alm“, den
sein Vater nach Innsbruck geschickt hatte, um „geistlich“ zu werden.
„Ein Brief!“ sagte der Vorsteher.
„O je!“ riefen die andern Jungen, „ein blinder -- der hat keine rothen
Augen!“
Der Anderlacher Franz war fast der Einzige im Institut, der niemals
einen jener Briefe bekam, welche durch die fünf rothen Augen des
Petschafts den Empfänger so freundlich anlachen. Franzens Vater wußte
nicht, daß ein Mensch, wenn er zu essen und zu trinken, ein Gewand
und ein Dach hat, auch noch Geld brauchen könne. Sein Bauernhaus lag
im Gebirge -- für ein Bauernhaus zu hoch, für eine Almwirthschaft zu
tief, für ein „Kleingütel“ gerade recht. Macht nichts. Wenn aus diesem
Hause ein geistlicher Herr hervorgeht, dann hat es mehr, als seine
Schuldigkeit gethan.
Nun, der kleine Franz drängte sich freudig zwischen seinen Collegen
durch, um den Brief in Empfang zu nehmen.
Damit begab er sich eilig hinaus auf den langen Gang zu einer Stelle,
wo durch das Hoffenster Licht hereinfiel; er wollte nicht, daß ihm beim
Lesen ein neugieriges Auge über die Achsel gucke. Das Schreiben war
zwar von seinem Vater, aber es war doch wieder nicht von seinem Vater
-- und die Genossen brauchen es nicht zu wissen, daß sein Vater nicht
schreiben kann.
Und richtig, der Franz kennt die Schrift sogleich -- der Herr Pfarrer
von St. Agnes ist es wieder. Der gute alte Herr hat den Jungen selbst
nach Innsbruck gebracht und seitdem schreibt er ihm Alles nach, was
daheim vorgeht und was Vater, Mutter, Ahne, Schwester und Bruder ihm
sagen lassen.
In dem heutigen Brief steht Folgendes:
„Lieber Franzel!
Ich hoffe, daß Dich diese Worte in guter Gesundheit finden werden,
wie Du ja vernünftig bist, dieses größte Geschenk Gottes dankbar zu
behüten.
Durch das Semesterzeugniß, welches Du Deinem letzten Briefe
beigelegt, hast Du den Deinen und mir eine rechte Freude gemacht.
Besonders freut es mich, daß es mit dem Latein so gut geht; das
Rechnen wird sich schon machen. Nur fort so, lieber Franz! Bei
Deinen Eltern ist Alles wohlauf, Dein Vater sagte mir, daß die
Großmutter schon die Wochen zählt, bis Du auf die Vacanzen kommst.
Es sind deren nur mehr neun. Wir wollen dann recht heiter sein
und darfst mir nicht jeden Tag auf den Berg hinauf, bleibst im
Pfarrhof, und bis dahin wird auch die neue Kugelbahn fertig sein.
Bei Deinen Eltern daheim wirst ohnehin keinen Platz haben. Dein
Vater, scheint es, will Dir die Sache nicht schreiben, aber ich muß
Dir’s doch verrathen, was daheim vorgeht.
Vor einiger Zeit -- ich glaube, es ist schon drei Monate -- haben
sie bei Dir daheim Einquartierung erhalten. Es ist unbequem und
ganz absonderlich. Ein junger Mensch ist gekommen und der hat sich
festgesetzt und läßt sich gar nicht mehr fortbringen. Und das
nicht genug, er nimmt das ganze Haus in Anspruch und will bedient
sein; ist dazu noch unglaublich wählerisch an Nahrung und Allem,
was man ihm aus Güte thut -- kurzum, er spielt den Herrn im Hause.
Die Leute müssen noch freundlich mit ihm umgehen und allerlei
Rücksichten beobachten -- ich weiß nicht, ob sich der junge Student
mit diesem Menschen wird vertragen können.
Nun, es wird sich Alles thun, Franzel, bleibe nur hübsch brav und
vergiß nicht auf Deine Eltern und auf Deinen väterlichen Freund
Josef Paumgartner,
Curat zu St. Agnes.“
Dem Briefe beigelegt, in ein feines Papier gewickelt, war ein
Guldenschein, über den sich der Knabe den Kopf zerbrach, was der
Pfarrer von St. Agnes aus der Stadt dafür geschickt haben wollte. Im
Schreiben fand sich darüber keine Bemerkung.
Aber noch mehr Kopfzerbrechens verursachte dem Burschen der Bericht
über den seltsamen, fremden Menschen, der in sein Elternhaus gekommen
sein soll. Warum ihn nur der Vater nicht fortschickte, wenn er so
herrisch und zuhabig ist? Im Hause ist ohnehin nicht überflüssig viel
Sach’, was soll noch ein Fremder mitschmarotzen! Ob denn der Vater
etwa einen Gläubiger hat, der sich so unsauber eindrängt? Ob er nicht
gar etwa das Haus an Jenen verkauft hat? -- Nein, nein, heimlich, das
thut der Vater nicht. Der hat kein Geheimniß vor der Mutter und die
Mutter hätte sicherlich Alles schreiben lassen.
Oder? --
Jetzt hatte er’s und das war’s, das mußte es sein -- albern, daß es
ihm früher nicht eingefallen. Ein Executions-Soldat. Hatte der Vater
nicht so oft erzählt von Executions-Soldaten, die vom Amte dem Bauer
in’s Haus geschickt werden, wenn der nicht zur rechten Zeit die Steuer
erschwingen kann? Werden in’s Haus geschickt und bleiben sitzen und
lassen sich gut geschehen und spielen den Herrn, bis das Geld erlegt
wird. Und da bläht sich hernachen so Einer auf, und je mehr er --
sagt der Vater -- in der Kasern’ hat kuschen müssen, desto närrischer
stranzt er sich und muß Alles zuweg sein, was er verlangt. -- Der
Franzel selber hatte einen solchen Schüsselreiter gekannt. Ein Kroat
war’s, konnte auf deutsch nur Braten, Butter und Kuchen sagen und wenn
die Mutter nicht jeden Tag damit aufzuwarten vermochte, Etliches auf
deutsch gotteslästerlich fluchen. Der Vater fand sich beim Steueramt
um einige Gulden im Rückstand, weil das für dasselbe Jahr verkäufliche
Stück Vieh in einen Abgrund gestürzt war. Nun blieb der Soldat so
lange im Haus, bis der Anderlacher bei guten Nachbarsleuten das Geld
zusammengebracht hatte. Das währte wochenlang, der Kroat aß dreimal so
viel auf, als was das Steuergeld ausmachte, lag größtentheils auf der
Ofenbank und vernebelte des Vaters Tabak oder er ging im Kuhstalle um
und stellte der Magd nach, die vor ihm kreischend davonlief, wie die
Henne vor dem Geier. Bis endlich das Steuerbüchel gedeckt war, hatte
der Kerl auf gut deutsch schelten gelernt und ohne „Vergeltsgott“ und
ohne „Dankdirgott“ ist er davon gegangen.
Kein Zweifel, so Einer hält auch jetzt das Elternhaus belagert, so
Einer liegt ihnen auch jetzt in der Schüssel, auf der Ofenbank und weiß
Gott wo sonst überall herum.
In einem nächsten Brief nach Hause stellte der Anderlacher Franz unter
anderen die zwei Fragen: „Ist der lästige Mensch noch im Haus und was
soll ich dem Herrn Pfarrer für den geschickten Gulden einkaufen?“
Antwortete wieder der Pfarrer: „Der Mensch ist immer noch im Hause
und der Gulden, lieber Franzel, gehört Dein. Wenn ich Dir’s nicht
geschrieben habe, so hättest Du Dir’s selber denken können. Heute liegt
das Geld zur Heimreise bei; sei vorsichtig. Im Posthause zu Brixen
frage dem Hans Halbscheid nach, mit dem fahre bis Bruneck. Wir erwarten
Dich mit Freuden.“
Ein herzensguter Mann, der Herr Pfarrer -- aber diese verdächtige
Einquartierung daheim!
Die Vacanzen sind da.
Als der Franzel sein Zeugniß bekommt, muß er an sich halten, daß er
nicht laut aufjauchzt; das thäte sich im Lehrsaal doch nicht schicken.
Der Franzel ist in seiner Classe der Erste.
„Das giebt noch einen Bischof,“ scherzte der Professor. „Vor Zeiten
zwar hat man den Frömmsten dazu gemacht, aber heute steckt man den
Gescheitesten unter die Schnabelhaube. Mußt Dir aber nichts einbilden,
Anderlacher.“
Bischof hin und Bischof her -- der Franzel geht jetzt heim auf die Alm.
Da giebt’s Vogelfangen zu stellen, Forellen zu fischen, zu reiten auf
des Kronenwirths Braunen und die Kugelbahn ist auch fertig! Vielleicht
läßt sich sogar mit dem Executionssoldaten was anfangen: leiht er nur
sein Gewehr -- im Schachen giebt’s Spatzen.
Flink packt er seine sieben Sachen in eine Handtasche, hängt um sein
graues Jäcklein mit dem Sammtkragen, das Seitentäschchen, birgt noch
die Reisedecke in den Wagen und den großen Regenschirm. Oh, dieser
Regenschirm ist seine Pein; was hat er dieses Schirmes wegen schon für
Verfolgung ausstehen müssen! Aber die Mutter hat’s nicht anders gethan,
hat gesagt, als er fort nach Innsbruck ging, sie hätte keine ruhige
Stund’, wenn er den Regenschirm nicht mitnehme, man wisse niemals, was
für ein Wetter einfalle. So nahm der Junge das Unding, das größer war,
als er selber, unter den Arm und trug es in die schöne Stadt Innsbruck.
Dort bei den Collegen ging das Gehetze los, sie nannten ihn den
Paraplui-Jackel und wenn er den Schirm einmal aufspannte, so drängte
sich die ganze johlende Rotte unter denselben herbei und sie stießen
ihn hin und her wie Böcke. Es war keine Ruhe, bis der arme Franzel den
Schuldiener bat, das rothe Ungeheuer zu verbergen. Aber wie die Mutter
gesagt hatte, daß er den großen Regenschirm mit nach Innsbruck nehmen
solle, so hatte der Vater ihm eingeschärft, daß er denselben wieder
nach Hause bringen müsse. Darum wählte nun der Student zur Abreise eine
dunkle Abendstunde und noch einmal schwang er sein Tuchkäppchen mit dem
glänzenden Schildchen zum Scheidegruß der schönen Hauptstadt von Tirol
-- und fröhlich ging’s der Heimat zu.
Was waren ihm die Berghöhen so sonnig und die Morgenschatten so
thaufrisch! Was wuchsen ihm an den Füßen die Flügel, gleich dem
steinernen Knaben auf dem Hause der Handelsschule zu Innsbruck, was
ging ihm das Herz auf!
An der Siller schnitt er sich einen Haselstock, den braucht er
unterwegs, und kommt er heim, so mag’s etwan auch nicht schaden, wenn
der fremde Mensch sieht, er bringe so was mit.
* * * * *
Am Samstag-Abend ist’s, vor Jakobi.
Im Hause unter der Alm ist’s schon um drei Uhr Feierabend. Der
Samstag-Abend gehört unserer lieben Frauen. Der Hausvater läßt die
Arbeit im Walde ruhen, kommt hemdärmelig, wie er an Sommertagen stets
umgeht, in’s Haus. Auf dem Filz hat er auch immer die Hahnenfeder, die
holt er sich gelegentlich selber von der Luft herab. Mit heiler Haut
kommt er selten vom Hage heim, hat’s an den Kleidern keinen Riß, so
giebt’s am Finger eine Schramme. Es ist wohl wahr, er ringt mit der
Arbeit trotz, wenn er dabei ist. Ihr seht auch kein Fleckel an seiner
Hand, an seiner stets luftigen Brust, an seinem Gesicht, auf welchem
nicht einmal eine Wunde war. Vernarbt und verwegen sieht er aus, der
knorbelige Mann mit dem buschigen Schnurrbart; da er jetzt in die Stube
tritt, sagt er zu seinem Weibe: „Du, Mutter, klenk’ (nadle) mir das
Leible z’samm!“
Wahrhaftig, das Leible ist arg auseinander, aber die Hausfrau setzt
sich auf den Schemel: „Na, duck’ Dich her, Vater!“ und bald ist Alles
geschlichtet.
Jetzt schickt er sich an, seine Pfeife zu laden -- geschnitzt hat sie
der Rinleger-Sepp. Und das barfüßige Tonele muß mit dem funkelnden
Stahlzänglein in die Küche um eine glühende Kohle. Dieweilen kommt
schon das Büble gesprungen, klettert auf des Vaters Knie, will „reiten
nach Wien, in die Kaiserstadt hin“, und das Maidle kettet dienstfertig
des Vaters Lendengurt loser und das Kleinste -- das erst seit Kurzem
seine eigenen Händchen entdeckt hat, und wie sie brauchbar sind zum
Anpacken -- langt nach der Pfeifen-Quaste oder gar kecklich nach dem
„Schnauzbart“, unter dem von Zeit zu Zeit -- der Anderlacher ist
haushälterisch im Genuß -- ein dünnes Rauchwirbelchen hervorquillt. So
sitzt er mitten unter den Seinen und schaut ernsthaft drein -- aber
inwendig, da schmunzelt sein Herz. Er spricht nicht von Glück, aber er
hat es.
Warum nur die Weibsleute keinen Feierabend haben?