(_Gegen die Coulissen gewendet._) Geh’, Schecklo, geh’, Alle

####################################################################

Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der 1886 erschienenen Buchausgabe

so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische

Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und

regional gefärbte Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original

unverändert; fremdsprachliche Passagen wurden nicht korrigiert.

Umlaute in Großbuchstaben (Ä, Ö, Ü) werden als Umschreibungen (Ae,

Oe, Ue) dargestellt.

Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Bearbeiter der Übersichtlichkeit

halber an den Anfang des Textes verschoben. Die Fußnote wurde an

das Ende des betreffenden Abschnitts gesetzt.

In der Erzählung ‚Der Fremde im Vaterhause‘ wird ein Symbol

verwendet, welches aus einem Plus-Minus-Zeichen (±) mit einem

darunter liegenden Dreieck mit nach unten zeigender Spitze

(▼) besteht. Dieses Symbol wird in der vorliegenden Version

folgendermaßen dargestellt: [±▼].

Besondere Schriftschnitte wurden in der vorliegenden Fassung mit

den folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:

kleinere Schrift: _Unterstriche_

Fettdruck: =Gleichheitszeichen=

gesperrt: +Pluszeichen+

Antiqua: ~Tilden~

####################################################################

Feierabende.

Lustige und finstere Geschichten

von

P. K. Rosegger.

Vierte Auflage.

[Illustration]

Wien. Pest. Leipzig.

A. Hartleben’s Verlag.

1886.

(Alle Rechte vorbehalten.)

Inhalt.

+Erster Theil+: Lustige Geschichten.

Seite

+Sommerabende+ 5

Das Mirakelkreuz 7

Der Schäfer von der Birkenheide 27

Herrn Pastor Meneschild’s Hochzeitsreise 37

Der Fremde im Vaterhause 46

Als Hans der Grethe schrieb 58

Wie ein Kaiserjäger fensterln ging 69

Arthur heißt er 76

Eine Schatzgräberhistorie 82

Sanct Josef der Zweite 89

Der Wolfl von Kirchberg 95

Der Junge und der Alte 103

Graf Adlerstamm auf der Hahnenjagd 110

Studentenpulver 115

Eine Eisenbahngeschichte 123

Naturforscher auf der Alm 127

Eine mit Geld 141

Die Abelsberger Chronik 153

Der Burgermeister von Abelsberg 153

Der Brückenwirth zu Abelsberg 160

Der Schulmeister von Abelsberg 165

Der Thurmbau zu Abelsberg 169

Zu Abelsberg beim Spielchen 173

Ein Abelsberger Kalbskopf 177

Die Abelsberger der Majestät 179

Die Abelsberger Touristen 184

Ein Abelsberger auf dem Vesuv 191

Das reiche Jahr eines Abelsbergers 200

Ein junger Abelsberger in der Residenz 204

Eine Abelsberger Heiratsgeschichte 206

Der Abelsberger Baßgeigenkrieg 210

Wie Abelsberg bekehrt worden ist 217

Eine Abelsberger Katze 223

Zu Abelsberg wieder wer geworden 226

Ein Abelsberger Heutrog 228

+Zweiter Theil+: Finstere Geschichten.

+Winterabende+ 233

Ein Weg zur Schuld 237

Die guldene Grethe 286

Der Waldbrand 308

Hier auf dieser Straßen hat mich Gott verlassen 334

Es reigt in Lust ein Liebespaar 346

Trotzköpfe 365

Am Fenster der Liebsten 376

Was der Franz Schlager für ein Wildpret schoß 387

Der Gang zur Mutter 394

Mein einziger Sohn 408

Der Sündensteg 422

Der Thürmer von Münsterwald 442

Aga 461

Drei Stunden vor dem Sterben 469

I. Theil.

Sommerabende.

Lustige Geschichten und die Abelsberger Chronik.

Sommerabende.

Zu den besten Dingen dieses Lebens -- alle Arbeitenden wissen es --

gehört der Feierabend. Er ist besser als der Feiertag, denn die Ruhe

durch die Ermüdung nach vollbrachter Arbeit, die Ergötzung ist verklärt

durch das Bewußtsein erfüllter Pflicht, und daß dem Feierabend etwa der

Ruhetag folgt, ist ein Vorzug, dessen sich der Feiertag selbst nicht zu

erfreuen pflegt.

Solchen Feierabenden widme ich dieses Buch. Der erste Theil desselben

ist heiter, wie ein Sommerabend. Wer aber den Genuß des Sommerabends

dem lustigen Theile dieses Büchleins vorzieht, dem ist der Verfasser

auch nicht böse, er wartet mit seinen kleinen Geschichten gern, bis

die Stunde kommt, in welcher Jemand etwas Lustiges zu brauchen hat.

Die kleinen Erzählungen und Schalkheiten sind in aller Herren Länder

zerstreut gewesen; ist den losen Dingern zwischen dem lächerlich

ernsten und grausam vernünftigen Zeug, das ihre Nachbarschaft war,

unheimlich geworden, sie hielten sich für bedrückt, verlangten

Befreiung und ein kleines Reich für sich zu bilden. Weil sie bisweilen

ein wenig ungezogen und boshaft waren, so ließ man sie ziehen -- und

ist auf solche Weise diese Ansiedlung „Lustige Geschichten“ entstanden.

Jetzt verlegen sie sich auf Wohlthun, denn Frohsinn verkürzt die Zeit

und verlängert das Leben.

Nicht überflüssig wird es aber sein, mein Leser, wenn Du auch Deinen

eigenen Humor mitbringst, denn für einen guten Spaß gehören allemal

Zwei: Einer, der ihn macht, und Einer, der ihn versteht.

Der Verfasser.

[Illustration]

Das Mirakelkreuz.

Eine dramatische Idylle.

Personen:

=Brandsteiner=, Besitzer eines Bauernhofes.

=Rosel=, seine Tochter.

=Peter=, Großknecht bei Brandsteiner.

Abendliche Gebirgsgegend. Rechts ein dichtverzweigter Baum, an

dessen Stamm ein Marienbild in Form der Martertafeln hängt. Im

Hintergrunde Wiesengelände, ganz rückwärts Hochgebirge.

1. Scene.

+Rosel+

(_kommt von rechts in schmucker, aber nicht zu bunter Bauerntracht,

Kittel von blauer Farbe, Schürze braun und weiß gesprenkelt, mit

Kopftuch, in Hemdärmeln, welche über den Ellenbogen zurückgestreift

sind. Einen Heurechen über der Achsel._)

Wär’s halt in Gott’snamen wieder Samstag und Feierabend. Und für

mich schon gar, für mich hat die Werktagszeit jetzt ein End’ und der

Feierabend, der anhebt, dauert wer weiß wie lange.

(_Man hört einige jauchzende Töne einer Flöte_).

Ja, da steht er beim Zaun und bläst die Seitenpfeifen.

+Peter+

(_aus dem Hintergrunde rechts. In Gebirgstracht: Hohe Bundschuhe,

grüne Strümpfe, Lederhosen hellrothen Brustfleck mit grünem

Hosenträger, grünem Hut, in Hemdärmeln, eine Heugabel über der

Achsel, die Flöte in der Hand_).

Mein tausendliebs Pfeiferl, wenn du einmal jodelst, so tanzen alle

Heuschöber, so fangen alle Engel im Himmel zu hupfen an.

(_Auf den Baum spähend._)

Meine Drosselschlingen da oben. Leer ist sie. Meinetwegen, der Vogel

gehört ja in die freie Luft, dazu hat er die Flügel. Unsereins hat eh’

keine Federn. Unsereins -- bei meiner Treu, wenn ich der lieb’ Herrgott

wär g’west, wie wollt’ ich aus so einer ellenlangen Wochen kamod sechs

funkelnagelneue Sonntäg g’macht haben und den siebenten hätt’ ich als

Draufgab geben. -- Jegerl, die Rosel! Was guckst denn alleweil in’s

Gras hinein? Weißt heut’ kein saubers G’sangl?

+Rosel.+

Sollst es gleichwohl wissen, daß es mir die Stimm’ verschlagen hat.

+Peter+ (_lustig_).

Stimm’ verschlagen!

Und hätt’s mir gleich die Stimm’ verschlag’n,

So thät ich blasen und Zithern schlag’n,

Die Samstagnacht, die Samstagnacht,

Wo jede Grill’ ihr Liedel singt,

Wo jeder Bua zum Dirndl springt,

Wo jeder Heuschreck Musi macht!

+Rosel.+

Ich bitt’ Dich gar schön, hör’ mir auf, ich kenn’ mich nit aus und ich

mag auch Dein’ Seitenpfeifen nit leiden; ’s thut mir davon der Kopf so

weh und ’s hebt mir die Brust zu zittern an. (_Für sich_:) Mein Herz

möcht’ zerspringen, hör’ ich ihn spielen!

+Peter.+

Nu halt ja, wenn Du schon wehleidig bist, kann’s ja lassen!

(_Steckt die Flöte in den Hosenträger._)

Aber jetzt in gescheiter Weis, Dirndl, hast Dir’s überlegt? Schau,

laß mich nit mehr lang’ fragen und warten, beim Warten kriegt gar der

ewige Jud weiße Haar. Schau, Roserl, für was wären wir denn zusammen

aufg’wachsen, für was thät ich dienen in Dein’ Vater sein’ Haus,

für was thät ich mein klein derspart Sachel nit glei vertrinken und

verspielen, wenn ich nit alleweil auf was G’scheiter’s thät warten.

Wenn ich Dich nit wüßt’, wär’ ich schon lang’ ein Lump! Schau, Roserl!

+Rosel.+

Red’st aber heut’ wieder unbesinnt daher. Hast ’leicht geschlafen seit

Peter und Pauli?!

+Peter.+

Nu, ich glaub’ nit!

+Rosel.+

Und hast es nit g’hört singen von den Spatzen auf dem Dach? Sollst es

wohl wissen, ich geh’ in ein Haus, wo alleweil Sonntag ist.

+Peter+ (_lustig_).

Du, Roserl, da nimm’ mich mit!

+Rosel.+

Ja, Du Hupfinsfeld, Du thätst just passen hinein. -- Daß ich Dir’s

sag’, Peter, wir haben nichts miteinander zu schaffen -- ich muß in’s

Kloster.

+Peter+ (_ironisch_).

Geh! In’s Kloster willst! Hast Recht, dort brauchst nit zu schwitzen im

Heu’n und beim Kornschnitt, dort hast ein’ Schatten.

+Rosel.+

Wärst ’leicht Du auch mein Feind, der mir das noch schwerer machen

möcht’, was ich so schon kaum ertragen kann. --

+Peter.+

Wer mehr tragt, als er mag, der ist ein Narr, hat mein Vater gern

g’sagt. Wirf’s ab, was Dich druckt, gleich ist Dir leichter. -- In’s

Kloster, bei meiner Treu, was die Leut’ heutzutag’ für närrische

Gedanken kriegen! -- Schau, Roserl, daß ich Dir’s sag’, Du bist eine

saubere, eine rechtschaffene Dirn, Du arbeitest für Drei und denkst für

Zehn. Wie der lieb’ Herrgott Deine Händ’ erschaffen hat, da hat er nit

gemeint, daß Du mit denselben alleweil den Rosenkranz wutzeln sollst

und wie er Dir den Kopf aufgesetzt, hat er an eine rührsame Hauswirthin

denkt, und wie er Dir Dein Herzerl eingelegt -- Roserl, denk nach, was

mag ihm dabei eingefallen sein? -- Bei meiner Seel’, schad’ wär’s um

Dich!

+Rosel.+

Meinst ich hätt’s nit auch schon bedacht? Aber es bleibt mir kein

Ausweg -- ich bin verschenkt. Mein Vater hat mich in einer bösen Stund

versprochen in’s Haus Gottes hinein; wenn er jetzt sein Wort wieder

zurücknehmen wollt’, so könnt’ er ’leicht Schaden nehmen an seiner

armen Seel’. Ich selber will mich nicht fragen, will mir denken, die

Kirchenglocken klingen tausendmal schöner, als die Kühglocken -- --

freilich wohl, meine lieben Küh auf der Weid’, und gar du, meine

Schecklo -- wie ich dich vergeß, das weiß ich nicht. Wer bringt dir den

Klee, wer wird’s bedenken, daß du den Sauerampfer nit magst, wer legt

dir die Streu, wie’s dir recht ist!

+Peter.+

Und meinetwegen schaust ’leicht gar nit um? ’s kann sein, ’s hätt’ mich

mein Vater auch verschenkt -- und Roserl, ich geh’ mit Dir!

+Rosel.+

Möcht’ wissen, für was Eins Dich brauchen thät!

+Peter.+

Weißt, Dirn, ’s gibt kein Käferl auf der Gassen und kein Steindl auf

der Straßen, das kein Anwerth hätt’. -- Zu was Eins mich brauchen thät?

-- Die Meßnerei studir’ ich! Du singen und beten in Deiner Zellen, ich

dazu den Glockenstrick reißen von Früh’s Morgen bis in die späte Nacht

hinein -- Du, wir thäten was ausrichten! Spaß und Ernst, Roserl, mich

bringst nimmer weg von Dir! So schau, magst mich denn gar nit?

+Rosel.+

Wennst wegen dem meinst, grad feind will ich Dir nit sein. Wennst kein

dalkerter Bub wärst -- ein anderer statt Dein thät das recht Steigl

’leicht gar noch finden.

+Peter.+

Blind bin ich auch nit, Gott sei Dank, und Dein Sperreden kunnst

justament lassen.

+Rosel.+

Ein Anderer thät statt mit der armen Dirn -- mit’m Vater reden.

+Peter+ (_jauchzend_).

Das hab’ ich ja gewußt, daß Du mein Herzkäferl bist! Mit dem Alten

komm’ ich schon auf gleich!

(_Rechts ab._)

+Rosel+ (_allein_).

(_Ihm nachblickend._) Wenn er zu früh schreit, so fürcht’ ich, er wird

zu früh heiser. (_Sinnend._) Sauber gewachsen ist er -- na, da steh’

ich und hab’ närrische Gedanken und vergeß’ auf meine Küh. Ich seh’s

schon, ich taug’ nimmer auf d’Welt. -- Die Schecklo wird freilich wohl

dreinschauen! Will ihr’s schon auseinandersetzen, sie ist a g’scheit’s

Vieh, wird’s einsehen. Je, heut’ sind meine Küh noch all’ oben im

Waldschlag. Soll ich ’leicht wieder ’s Heimgang-Liedl singen, daß sie

mir kommen? Hart ankommt’s mir heut’, das Singen, aber na:

Das Landleb’n

Hat Gott geb’n

So heiter und froh,

Darum preisen

Die Weisen

Das Landleb’n so hoch!

Auf den Bergen,

In den Thälern,

Auf den Wiesen im Grün,

Da fliegen

Kleine Englein

Mit Röselein hin.

Sie kommen

Wohl her aus

Dem himmlischen Paradeis,

Sie bringen

Die Blümlein

Dem Landleb’n zum Preis.

(_Links singend ab._)

2. Scene.

+Der Brandsteiner+

(_tritt von links auf. Hohe Bundschuhe, weiße, grobwollene

Strümpfe, verblaßte Lederhose, braune Weste mit grünem Hosenträger,

blaues Barchentjäckchen, auf dem schon halb ergrauten Haar

eine buntgestreifte Zipfelmütze, deren Quaste über die Achsel

herabgeht. Der ganze Anzug muß abgeschossen aussehen, weil er das

Werktagskleid ist. Der Mann ist eine rauhe, derbe Gestalt, die

Bewegungen sind ungelenk und sehr langsam. -- Er hat ein kurzes

Pfeiflein im Munde und schlägt mit Stein und Schwamm Feuer._)

(_Murmelnd._) Schon eine sakrische G’schicht das! Sein Lebtag zu früh

soll sich Eins nichts vornehmen. Wie wenn er mir’s z’Fleiß thät, der

dort oben! Von morgen ist der reich’ und angesehen Brandsteiner allein

auf sein’ Hof. -- ’s Weib liegt im Freithof, die Dirn ist davon. --

Wennst nit brennen willst, so laß’s bleiben, bitten werd’ ich dich nit!

(_Schleudert Stein und Schwamm von sich._)

Die Dirn sagt mir nit ja und nit nein. Irr kunnt Einer werd’n. -- Aber

er hat Recht, mein Bruder, der Pfarrer, was a Schickung ist, ist a

Schickung; gegen unsern Herrgott kommt Einer nit auf, der geht sein’

eigenen Kopf nach -- alleweil sein’ eigenen -- und ’s wird schon ’s

Beste sein.

(_Man hört von rechts auf einer Flöte ein lieblich-melodisches

Lied._)

Blast mir der Bua schon wieder das G’sangl -- er kann’s halt nit

lassen. Weil -- (_bewegt_) weil mir ’s Wasser in die Augen kommt -- was

ich einmal nit will. Ich muß mein’ Mann stellen. Aber Gott tröst’ Dein’

Seel’, mein lieb’s Weibl, ’s ist halt Dein G’sangl, hast es alleweil

gar so, gar so gern g’sungen.

(_Peter tritt auf._)

Hab’ nichts dagegen, Bua, wannst das Stückl blast, +kann+

nichts dagegen haben, aber in Ehren halt mir’s und nit zum Gspaß und

Zeitvertreib brauch mir’s! Weißt, Peter, Du wurd’st mir’s nit glauben,

aber richtig ist’s: Das Stückl und Liedl hat mich und mein Weib

z’sammbracht vor fünfundzwanzig Jahren und wie oft, wie oft haben

wir’s nachher gesungen miteinand, bis der Schaufelmann den Takt dazu

geschlagen hat und -- (_unwillig_) ei, geh’ mir weg, mag gar nit d’ran

denken!

+Peter+ (_für sich_).

’s Eisen wär warm.

+Brandsteiner.+

In so weit recht, daß D’ da bist. (_Vertraulich._) Laß was red’n mit

Dir, Peter! Hab’ Dir sagen wollen, daß Du morgen um eine neue Dirn

umschaust.

+Peter.+

Dirn? Für wen?

+Brandsteiner.+

Bei wem bist denn? Ich brauch’ eine Dirn für’s Haus, für den Stall.

Frag’ um, morgen auf dem Kirchplatz!

+Peter+ (_trotzig_).

Das thu’ ich nit.

+Brandsteiner.+

Um eine handsame, fleißige, kennst Dich ja aus bei dem Weibervolk. --

Was schaust denn so sauer, hast ein Wespennest g’schluckt?

+Peter.+

Acht Jahr hab’ ich Euch gedient, Bauer, und Ihr seid zufrieden mit mir

gewesen. Ich weiß recht gut, was einem Knecht ansteht, heut’ aber --

Brandsteinbauer, ich verlang’ meinen Feierabend, und für den Sonntag

laß’ ich mir nichts schaffen. Daß ich Euch um eine Dirn umschau, das

thu ich nit!

+Brandsteiner.+

Du Tollpatsch, was hast denn?

+Peter.+

Weil ich keine find’ für die Rosel, weil keine gewachsen ist in der

Pfarr’ für die Rosel, weil auf der Welt keine mehr aufsteht für die

Rosel, weil es eine Sünd’ und Schand’ ist, Bauer --

+Brandsteiner+ (_heftig_).

Bist mir still!

+Peter.+

Nein, ich red’. O, jetzt ist Feierabend, jetzt bin ich mein eigener

Herr und nicht Euer Knecht und ich trau’ mich wohl, daß ich Euch

sag’: Wenn Ihr die Rosel in das Kloster schickt, so habt Ihr kein

Gewissen und kein Herz im Leib, so betrügt Ihr den Herrgott im hohen

Himmel oben, so raubt Ihr Euch selber aus, so bringt Ihr auf eine

saubere Manier Eure Tochter um’s Leben. Und ich bleib’ kein’ Stund’

mehr in Eurem Haus und ich geh’ zum Gericht und verklag’ Euch, und

ich geh’ zum Pfarrer, daß er Euch nit losspricht bei der Beicht, und

ich bitt’ meinen Namenspatron, den heiligen Petrus, daß er Euch zur

letzten Stund’ die Himmelsthür versperrt und ich -- bei Gott und allen

Heiligen, das größte Unrecht ist’s auf dem weiten Erdboden!

+Brandsteiner.+

(_mit den Händen seinen Kopf haltend_).

Sie verfluchen mich! Und ich kann’s nit ändern, bei meiner armen Seel’,

und wir wissen uns All’ miteinander nit zu helfen!

+Peter+ (_dumpf_).

’s ist mir so herausbrochen, Bauer, und wenn Ihr mich niederschlagt und

wenn wir zu Grunde gehen All’ miteinander -- mir schon alleseins. Sagen

hab’ ich Euch’s müssen.

+Brandsteiner+ (_milder_).

Kunnst ’leicht mein bester Freund sein, Peter, meinen thät’st es nit

schlecht, aber versteh’n thust es nit. Ich versteh’s ja selber nit, ’s

ist Keiner auf der Welt, der ’s wenden kunnt. Schau an dieses Kreuz auf

dem Eichbaum, da hab’ ich’s gelobt, vor fünfundzwanzig Jahren, daß die

Rosel in’s Kloster geht.

+Peter.+

So eine Lug reden, Bauer, das steht Euch gar nit gut an. Vor

fünfundzwanzig Jahren habt Ihr noch gar keine Rosel gehabt. Ich weiß

ihr Alter recht gut!

+Brandsteiner.+

Schreist auch gleich so herrisch dazwischen, wie ein Unhold. -- Weil

wir schon reden, laß’ Dir’s erzählen. Steht Dir gut an, wennst ihm

zuhörst, dem alten Mann, hast ja selber noch nichts erfahren. Zu

derselben Zeit, wie ich im heiligen Brautstand gewesen bin, da ist

unten auf der Bachwiesen, wo Ihr heut’ das Heu habt geschöbert, noch

der finstere Wald gestanden und die ganze Gegend herum ist eine halbe

Wildniß gewesen. Rechtschaffen gern bin ich gangen zu meiner Braut

in’s Dörfel hinab und oft ist schon die stockfinster Nacht da, wie

ich heraufsteig zu mein’ Haus. Da ist einmal, kannst mir’s glauben,

Peter, dieselbe Stund’ geht mir mein Lebtag nit aus dem Kopf -- ist

einmal, wie ich so daher trott, hinterrücks ein ketzermäßiges Pfnausen

gewesen -- saust mir ein großmächtiger Bär nach. Ich, das weißt,

heb’ Dir an zu laufen, verlob’ mich in der Geschwindigkeit auf den

Luschariberg, aber das Haus mag ich nit mehr derreichen. Just, daß ich

noch zu rechter Zeit den Baum dort derlang -- mich hinaufstemm, ist

das Schindvieh schon da. Morgen zeig’ ich Dir den Schuh, Peter, wo er

hineingebissen hat; aber nit grad den Schuh, den Fuß hätt’ er auch

gern noch dazubeißen mögen. Ich in der Todesangst mach’ das heilige

Vornehmen: Ein geweihtes Kreuz laß’ ich aufrichten auf diesem Baum,

daß Jeder, der vorbeigeht, sein Vaterunser betet. Aber der Bär, wild

wie ein höllisches Thier, hat brummt und brüllt und seine Augenräder

haben gefunkelt, daß es ein Graus war. Gewühlt hat er im Erdboden

und gescharrt an der Baumrinden, daß die Fetzen sind geflogen und --

Jesus, Peter, wenn Du das gesehen hätt’st! Zu steigen hat er ang’hebt

hinauf nach dem Stamm und ich hab’ sein gluthheißes Schnauben schon

g’spürt in allen Gliedern. Ich wohl gleich dem Wipfel zu, aber die

Bestie mir nach und alle Aeste haben sich bogen. Herrgott in Dein’

Reich! schrei ich, wenn ich Dir schon die heilige Kirchfahrt verricht’

auf den Luschariberg, wenn ich Dir schon das Kreuz aufstell’ zur Ehr

Deines bittern Leidens -- was willst Du noch! Was soll ich Dir geben,

daß Du mich errettest aus dieser Noth! -- Sterben, mein Peter, sterben

will halt kein Mensch, und doch gar zu bitter wär’s im glücklichen

Brautstand! Da fällt mir’s ein in der höchsten Bedrängnuß: Mein Kind,

meinen Erstgebornen schenk’ ich Dir, Du himmlischer Herr! -- --

(_Ruhiger_): Und schau, wie ich das Wort so hab’ ausgerufen, da hör’

ich schon die Leut’ vom Haus, wie sie herbeieilen und es blitzt schon

der Schuß und das wilde Ungeheuer kugelt zusammen. -- Das ist der

letzte Bär gewesen, den sie in unserer Gemein erschossen haben. -- Die

Kirchfahrt hab’ ich verrichtet, das Kreuz hab’ ich aufgestellt am Baum

-- jetzt hab’ ich noch das Letzt’ zu thun.

+Peter.+

Ihr seid gut an mit unserem Herrgott, Brandsteinbauer, und ich halt,

es läßt sich ein vernünftig Wörtl mit ihm reden. Bin der Meinung, daß,

wenn Ihr ihm sagen thät’s, ’s wär’ Euer einzig Kind; Ihr hättet ihm den

Erstgebornen versprochen und nit den Letztgebornen -- so wär’ ich der

Meinung -- --

+Brandsteiner.+

Ja, Peter, wenn ich’s wissen thät, daß er nit etwa Unrecht verstund’.

-- Wenn’s ein Bübel gewesen wäre, mein Erstgeborner, nu, so hätt’

ich ihn in die Studie geben, wäre ein geistlicher Herr worden, wie

mein Bruder, der Pfarrer; das hätt’ sich geschickt und hätt’ uns Ehr’

bracht. Weil’s aber ein Dirndl hat sein müssen, so heißt’s mit ihm in’s

Kloster hinein. Weiß mir keinen andern Weg.

+Peter.+

Nu, halt ja. Weil wir denn schon so von der Rosel reden, ’leicht geht

sie ungern fort von heim und von ihrem Vater -- leicht ist sonst auch

noch wer da, den sie nicht gern verläßt -- weil’s in so einer G’mein

allerhand Leut’ giebt. ’s kunnt sich wunderlich schicken, daß ich

selber so Einen wissen thät.

+Brandsteiner.+

Bist ein herzensguter Bursch, Peter!

+Peter.+

Gelt! Nu, nachher kunnt ich ihn ja nennen.

+Brandsteiner.+

Aber zeitweis steckst Du Deine Nasen ein wenig weiter, als sie lang

ist. Die Rosel weiß, wie’s steht, ist ihr Lebtag ein frommes Kind

gewesen und thut’s vom Herzen gern.

+Peter.+

Nu ja, Bauer, hab’ halt gemeint, weil ich just dabei bin, daß ich mich

ausred’ --

+Brandsteiner.+

Gar nit vonnöthen, Peter. Wenn ich in der Wirthschaft Deinen Rath

brauch’, so laß’ ich Dich schon rufen. Was ich aber mit mir und mein’

Kind abzumachen hab’, dafür weiß ich meinen Bruder, den Herrn Pfarrer.

Der versteht’s. ’s ist ein Glück für die Rosel, sagt er, wenn sie so

der Welt Gefahr entflieht. Und Gottes Braut zu sein, da kann kein

Mensch auf Erden höher steigen. Freilich wohl wird’s richtig sein.

Unsereins hat nit studirt und kann sich die Sach’ nit so auslegen.

+Peter.+

Und Ihr wollt Eure alten Täg in der Einschicht verleben und der große

alte Brandsteinerhof soll in fremder Leut’ Händ’ kommen?

+Brandsteiner.+

Der Mensch hat sein Leben vom Herrn, hat seine Kinder vom Herrn, hat

sein Vermögen und Alles vom Herrn. Ich opfer’ das meine wieder auf zu

seiner Ehr’. Dieselb’ Meinung hat auch mein Bruder, der Herr Pfarrer.

-- Du aber, Peter, laß’ Dir kein graues Haar wachsen, wir führen

derweil die Wirthschaft fort und das Korn wird geschnitten auch ohne

die Dirn. Vergiß’ auf morgen nit, was ich g’sagt hab’!

(_Neigt sich, aber nicht auffällig, vor dem Kreuz, rechts ab._)

+Peter+ (_allein_).

Das Korn wird geschnitten auch ohne die Dirn. -- (_Sich auf die Stirne

schlagend._) Warum, du dalkerter Bub’, hast ihm’s nit gesagt, was

+nit+ sein wird, ohne die Dirn! Warum, du Blödling, hast ihm’s nit

g’sagt, daß du morgen vom Haus gehst und zu den Soldaten, daß du dich

niederschießen laßt auf dem weiten Feld, weil du ja so kein Heimatland

hast und keinen Werth, weil keine Glückseligkeit mehr sein soll auf der

Welt, weil der Mensch nur z’weg ist, daß das Korn geschnitten wird!

(_Auf das Kreuz hinblickend._) Das Mirakelkreuz! Weil’s dahier einen

Bären niederbrennt haben. Soll ’leicht gar noch ein Vaterunser beten

davor? Ich brauch’ Dich nit! (_Spöttisch._) Und boshaft ist er auch

noch! Nit nur, daß er das kindisch’ Gelöbniß nit hätt’ sollen annehmen,

schenkt er dem Bauer nur ein einzig’ Kind, und ein Dirndl dazu, damit

nur Alles recht zuwider hergehen soll. Ah, meinetwegen! Mag mit dem

Herrgott keine Händel anfangen; er wird’s schon einmal einsehen.

(_Ein Geräusch auf dem Baum._) Aha, jetzt hat’s Einen! Armes Flederl,

g’rad zum Feierabend hat’s Dich erwischen müssen. ’s mag Eins aus dem

Erdboden kriechen oder in den Lüften fliegen, vom Unglück, vom Unglück

ist halt Kein’s frei. ’leicht hast gar wollen Dein’ Schatz aufsuchen im

Laub. Nu wart, Kleiner, für heut’ schenk’ ich Dir’s. Und ein andermal

sei gescheit und geh’ nimmer in die Fallen.

(_Steigt auf den Baum._)

3. Scene.

(_Es beginnt zu dunkeln. Im Hochgebirge des Hintergrundes dämmert

nach und nach ein Alpenglühen auf. Man hört von der Ferne das

Geschelle der heimziehenden Heerde._)

+Rosel+

(_tritt links auf mit einem Blumenstrauß_).

(_Gegen die Coulissen gewendet._) Geh’, Schecklo, geh’, Alles mußt

auch nit haben. Das Sträußl kriegst mir heut’ nit, das kriegt wer

Anderer. (_Zu sich_:) Hart genug kommt’s mir an, und bei meiner Treu’,

ich bin eine kindische Gredl! Aber probirn thu ich’s doch. Zu der ich

jetzt geh’, die hat einen heiligen Namen. Die Trösterin der Betrübten

will ich sie heißen, ’s kunnt sein, es ging doch gut aus. Für Uebel

nehmen kann sie mir’s nit. -- Schecklo, ’leicht bleiben wir nachher

beinand’. -- (_Zagend gegen das Kreuz._) Wenn ich wissen thät! -- Das

Mirakelkreuz ist’s freilich wohl; Herrgott ist auch keiner d’ran. Ja,

wenn ich wissen thät! -- All’ mein Lebtag hab’ ich die Red’ g’hört, vor

einem Kreuz ohne Herrgott thät auch ein sündhaft Gebet was derlangen.

-- Beim Herrgott richt’ ich nichts aus mit meiner Bitt’, dem hat’s mein

Vater versprochen. So schleich ich jetzt zu unserer lieben Frau. --

Nein, aber -- wenn ich wissen thät! --

(_Tritt ganz zum Bilde und beginnt es langsam mit den Blumen zu

zieren._)

Weil heut’ die heilige Samstagnacht, so hätt’ ich Dir die Blümlein

bracht, Nagerln sind’s und Rosmarin und Herzenstrost und Immergrün

und Vergißmeinnicht zur schönsten Zier, Du liebe Jungfrau Maria! Nit,

daß ich’s sag’, aber wie Du bist, giebt’s gar keine schönere Frau im

Himmel und auf Erden. Und die Röselein stehen Dir gar so gut; wer wird

sie bringen und wer wird Dich zieren, wenn ich nimmer bin? Ich hätt’s

gethan mit Sorgen und Freuden, aber ich muß ja fort in’s Kloster

gehen. Ich hoff’ Dich wohl auch dort zu finden, aber so finster ist

dasselbige Haus, daß ich mein’, ’s kunnt Dir leicht lieber sein in der

schönen guldenen Welt, unter dem grünen Baum. Wie wollt’ ich dableiben

bei Dir und zu jeder Samstagnacht ein Kränzlein winden. -- Nachher,

wenn ich’s bedenk’, daß mit der Zeit auch mein Vater alt wird und

schwach -- möcht’ wissen, wer ihm beistünd’ in seiner Mühsal! -- Und

deswegen, in’s Kloster will ich halt nit gehen. Mein’ Vater getrau

ich’s nit zu sagen, der hat’s mit dem lieben Herrgott schon Alles

ausgemacht. Und weil mir so angst und bang ist, so komm’ ich zu Dir,

Maria rein, und thät Dich bitten zu tausendmal, daß Du meinetwegen

redest mit Deinem Sohn. Du, wenn Du willst, bringst es leicht zuweg,

daß der Handel wieder zurückgeht. Und das soll er bedenken, Dein lieber

Sohn Jesus, wenn er schon einmal so +viel+ gethan hat, daß er den

Leuten zu Lieb’ am Kreuz gestorben ist, so wird er sich wegen meiner

Bitt’ schon auch nit aufhalten. Er steht auf mich nit an. Ich bin eine

einfältige Dirn, beim Beten schlaf’ ich ein und bin gar sündhaft noch

dazu, und in’s Kloster, ich sag’s rund heraus -- in’s Kloster taug’ ich

nit. Du Maria rein, bist die Himmelskönigin und hast das größte Recht;

Dein göttlicher Sohn ist ein gutes Kind, der wird Dir Deine Fürbitt’

gewiß nit abschlagen. (_Stürzt nieder auf die Knie._) ’s ist ja nit von

Stein, Dein Herz, und Du wirst mich nit verlassen in meiner Noth!

(_In der Ferne läutet das Abendglöcklein. Alpenglühen._)

(_Leise._) Ist das schon Deine Stimm’, Dein Jawort? So bedank’ ich mich

viel hundertmal, und sag’ vergelt’s Gott bis in den Himmel hinauf!

(_Zutraulicher._) Und nachher, Du liebe, gnadenvolle Mutter Maria,

weil wir so weit richtig und bekannt sein thäten, so hätt’ ich halt

noch eine schöne Bitt’. ’s ist nur z’weg’n dem, weil ich -- wenn ich’s

auch meiner Tag nit will sagen -- die Seitenpfeifen gar so von Herzen

gern hör’ -- und -- aber für übel nehmen mußt mir’s einzig nit, schau,

Du unsere liebe Frau; daß ich eine kindische Gredl bin, das weißt

gleichwohl schon lang’ -- und Dein lieber Sohn auch. Und ich hätt’

g’meint, weil ich schon einmal ein Dirndl bin, und weil’s schon heißt,

daß der Herrgott ’s Büaberl z’wegen Unsereins g’macht, so wurd er’s

nit verlangen, daß -- ’s ist halt just so eine Sach’ und ich red’ mich

rechtschaffen hart! Uh mein, uh mein! (_Leise zum Bilde._) Der Peter

liegt mir im Sinn! -- ’s ist nur z’wegen dem, weil ich mich allein nit

ausweiß. Treusein, dasselb’ thät ich versprechen von Herzen gern --

4. Scene.

+Brandsteiner+

(_der gehorcht hatte, sichtlich bewegt, aber schmollend_).

Immer eine Andere thät zu dieser Stund’ den englischen Gruß beten! Aber

versteht sich, Du mußt extra was haben. Kannst ein saubers Gebetl da,

wer hat Dir’s denn g’lernt?

+Rosel+

(_nach einem kurzen Kampf mit sich, dem Vater an die Brust

fallend_).

Mein Vater, zu tausend Gott’swillen, ich weiß mir nimmer zu helfen! Die

Brust möcht’ mir auseinander springen vor lauter Angst und Weh!

+Brandsteiner.+

Du kindisch, Du kindisch, jetzt hebst mir auf einmal so an! Was hast es

nit gleich gsagt? Wenn ich weiß, daß Du nit willst fort von heim, ja so

knie ich halt nieder vor diesem Kreuz und bettel dem lieben Herrgott

mein Wort wieder ab. Wenn er denn schon meint, es müßt gelöst werden,

mein Leben kunnt er ja nehmen dafür. Wenn nur Eins wär’, daß ich im

Frieden leben und sterben kunnt, wenn er nur ein Zeichen thät geben bei

diesem Baum, bei diesem Kreuz, daß er einverstanden wär’ mit meiner

Bitt’!

(_Ein kurzes Rauschen auf dem Baum._)

+Rosel+ (_lebhaft_).

Vater, ein Vogel ist geflogen!

+Brandsteiner.+

Sei still’, es ist schon dämmerig, ’s kunnt eine Fledermaus sein g’west.

+Rosel+

(_gegen das Alpenglühen_).

Was das für Zeichen sind, Vater, meiner Tag hab’ ich den hohen

Steinkogel nit so rosenroth brennen gesehen.

+Brandsteiner+ (_für sich_).

’s ist grad, wie wenn sich das Felsengebirg für mich schämen thät, daß

ich +dem+ dort oben mein Wort nit will halten. O, wenn zu dieser

Stund’ nur Eins von Allen, die heimgegangen sind vor mir, zurückkommen

thät auf ein Wörtl, nur auf ein Sterbenswörtl, mit der Botschaft, wie

ich d’ran bin!

(_Von dem Baume hört man leise das lieblich-melodische Lied auf der

Flöte._)

+Brandsteiner+ (_jauchzend_).

Jessas, Jessas, mein G’spiel und mein Brautliedl! Mein herzgetreu’s

Weib giebt mir ’s Zeichen! Hast mich denn doch noch verstanden und

giebst mir mein Wort wieder z’ruck, Du gütiger Herrgott im Himmel.

(_Lachend, eine Thräne im Auge_). Hab’ Dich schon g’seh’n, der

Peter ist oben! Ist ja allseins, meiner Seel, ’s ist ja allseins --

+wie+ der Bot’ heißt! Geh, geh, so steig aba, bist schon sicher,

heut’ ist kein Bär nimmer da!

+Peter+

(_hüpft vom Baum herab_).

Hätt’s auch nimmer ausgehalten länger da oben; ist gar ein verzauberter

Baum, jed’s Astl fangt zu plaudern an, schier g’freuliche G’schichten.

Das ist a Baum!

+Rosel+

(_schämt sich, zu sich_).

Mein Eid, jetzt hat er Alles g’hört. Alles hat er g’hört!

+Peter.+

Und weil das schon so ein närrischer Baum ist, auf dem allerhand

Gelöbnisse wachsen, so hab’ ich mir selber gleich auch lustig ein’s

ababeutelt. Wenn ich die Rosel zum Weib krieg’, hab’ ich g’sagt, bei

meiner armen Seel’, so zünd’ ich alle Samstag zur Feierabendzeit ein

gluthrothes Amperl an, da beim Mirakelkreuz. Ja, ein g’weicht’s Lichtel

muß unsere liebe Frau dennoch wohl haben. Und das werd’s einsehen,

Brandsteinbauer, mit der lieben Frau kann Ein’s kein’ Feindschaft

anheben und das Nachtlichtl könnt’s ihr nit nehmen!

+Brandsteiner+ (_für sich_).

Bin selber so gewesen; im Liedl von ihr steht meine ganze Jugend

geschrieben.

+Rosel+ (_verlegen_).

Dasselb’ wär völlig auch mein Gedanken, ’s wär’ eine Schand’ und ein

Spott und ’leicht auch eine großmächtige Sünd’, und ich denk’, das

Nachtlichtl muß man ihr freilich wohl zukommen lassen.

+Brandsteiner+ (_lustig_).

Nachher ging’s aus, nachher wär’ ich nimmer allein und -- -- ich

kenn’ mich selber nit vor lauter Freud’! -- Jetzt muß der Jung’ schon

gescheiter sein wie der Alt’; ich will kein’ Schuld haben und Du magst

selber schau’n, Peter, wie Du mit +Dem+ dort oben auf gleich

kommst!

+Peter.+

Ich komm’ auf gleich, dasselb’ fürcht ich mich nit. (_Gegen Rosel._)

+Der+ Erstgeborne taugt für die Leut’: aber ich denk’, die Rosel

ist nicht der letzt’ Erstgeborne auf dem Brandsteinerhof; ’leicht ist

später einmal Einer dabei, der sich besser schickt in’s Haus Gottes

hinein.

+Rosel+

(_ihm den Mund verhaltend_).

Ich bitt’ Dich gar schön, thu’ nichts versprechen; ’s kunnt auch keiner

dabei sein -- ging die z’widere G’schicht von vorn’ wieder an.

+Brandsteiner.+

’s ist vorbei -- sie geben nimmer nach. In Gott’snam’, weil’s denn

schon ist! Nachher hätt’ All’s seinen Theil; -- aber mein Bruder, der

Pfarrer --?

+Peter.+

Der kommt auf den Ehrenplatz bei der Hochzeitstafel!

(_Vorhang fällt._)

[Illustration]

Der Schäfer von der Birkenheide.

Der Schäfer von der Birkenheide war ein Schäfer nach dem Herzen

Gottes. Er war im Verhältniß zu anderen Schäfern blutjung und im

Verhältniß zu seinen Schafen steinalt. Er hatte gelbgoldiges Haar,

das er sich alljährlich zur Herbstschur mit der breiten Wollenscheere

vom Haupte schnitt. Er war schlank und hoch gewachsen, wie die weißen

Birkenstämme, zwischen welchen er den Sommer hindurch lebte und die

Schäflein weidete. Von diesen Birkenstämmen schälte er eines Tages ein

zartes weißes Rindenhäutchen los und schrieb darauf die Worte: „An die

Gais-Esther im Fischgraben. Es ist mein guter Rath, daß Du Deine Gaisen

auf die Birkenheide treibst. Hierum giebt es Brombeerlaub, das mögen

wir nicht alles überkommen. Ich laß Dich schön grüßen.

Titus, der Schäfer auf der Birkenheide.“

„Da schau, das schreib ich der Esther,“ sagte er zu seinem Freunde, dem

grauen Widder, der ihm über die Achseln schnupperte.

„Halt her!“ blökte der Widder, und als ihm der Brief nahe genug war, um

lesen zu können, fraß er ihn auf.

Das gute Verhältniß der beiden Freunde war nun für lange Zeit gestört

und die Esther kam nicht auf die Birkenheide. Der Widder genoß unter

seinen Schafinnen vergnügliche Zeiten; aber dem Schäfer war das Herz

schwer, und als sich einmal eine Ziege aus dem Fischgraben auf die

Birkenheide verirrte, herzte sie der Titus und flüsterte ihr in die

Ohren: „Thu’ mir die Esther grüßen!“

„Thu’ es selber!“ mäckerte die Gais und lief davon.

Und am nächsten Samstag that er’s selber. „Esther,“ sagte er, „ich muß

Dir was anvertrauen, ich bin ein Narr.“

„Je, das weiß ich schon lang’!“ lachte die Esther.

„Laß mich nur ausreden; Narr vor lauter Lieb’ zu Dir.“

Da jauchzte die Esther schier auf vor Lachen und lief weg.

Der arme Titus hielt sich den Kopf mit beiden Händen, denn der wollte

auch davonlaufen und den Schäfer allein lassen mit seinem blutenden

Herzen. „Ach, hätte ich meinem Vater gefolgt!“ klagte er, „wäre ich ein

Seelenhirt geworden anstatt ein Schafhirt! Nun sehe ich’s wohl, die

Welt ist eitel.“

Er war gar nicht dumm, der Titus; er war belesen und that spintisiren,

wie es schon so Schäferbrauch; zuweilen zwar sah er ein wenig blöde und

albern aus, aber er war ein Schalk und Philosoph durch und durch. --

Krieg’ ich schon mein Mädel nicht, so werd’ ich gar ein Pfaff!

Es giebt Leute, die erst dann nach der christlichen Heiligkeit streben,

wenn sie mit der Welt umgeworfen haben. So ein Fuchs war also auch

der Titus. Nicht gar weit von der Birkenheide in einem alten Schlosse

wohnte ein Häuflein grauer Brüder. Sonntags predigen und Werktags

betteln war ihr ehrsam Handwerk, und es gab keine Gasse und keine

Straße in der Gegend, in deren Staub nicht die Sandalen der grauen

Brüder zu verspüren waren.

Da saßen in der Klause auf der Birkenheide einmal zwei Männer zusammen,

so ein grauer Bruder und unser Schäfer. Der graue Bruder ließ sein

behendig Redewerk klappern und fuhr mit den Händen bekräftigend

hin und her, auf und nieder. Der Schäfer that nichts, als fort und

fort gemächlich das Haupt neigen: er glaube Alles, er sei mit Allem

einverstanden.

Zuletzt, als sie auseinander gingen, wattirte der Titus all die zahl-

und grundlosen Säcke des ehrwürdigen Bruders mit Schafwolle aus. Es war

die ganze Herbstschur.

Und als der Pater fort war, ging der Titus mit verschlungenen Armen

unstet über die Heide und zählte an den Tagen und Stunden, die ihn noch

von der Aufnahme und Einweihung in den geistlichen Stand trennten.

Dann zog er ein Büchelchen aus der Tasche, das er zum Gegengeschenk

für die Herbstschur bekommen hatte. Das Büchelchen war tausendmal mehr

werth als die Herbstschur, denn es war das Brevier; aber des Schäfers

Gedanken wollten nicht weilen in den vergriffenen Blättern, sie

flatterten wie Schmetterlinge weit in der Gottesluft herum, tänzelten

um die weißen Birkenstämme, um die blökende Heerde, flimmerten gar

in den Fischgraben hinab und umgaukelten die Gais-Esther. -- Ja, Die

wird gucken, wenn sie hört, der Titus wird ein geistlicher Herr! Ja,

nachher wird sie’s glauben, daß in einem Schäfer auch was stecken kann.

Ja, nachher wird ihr leid sein. Ja, geschieht ihr schon recht! -- Bei

seiner ersten Predigt wird sie gewiß auch dabei sein. Ja, die erste

Predigt! Ja, die muß er sich wohl prächtig einstudiren.

Der Schäfer stieg auf eine Felswand und blickte mit Befriedigung nieder

auf die Schafheerde, die sich unten versammelte. Hierauf hub er an zu

reden:

„Geliebte Brüder im Herrn!“ Er machte eine Pause, dann wiederholte er

die Worte noch einmal, redete aber nicht weiter. Er stand lange auf

dem Felsen und wendete sein Haupt nach allen Himmelsgegenden; aber

er schwieg. Sein Schweigen hatte eine kleine Ursache -- es fiel ihm

nachgerade gar nichts ein. Die Schafe schüttelten ihre Wolle, so viel

ihnen die gestrige Scheere noch am Leibe gelassen hatte; sie waren

enttäuscht. Sie hatten gemeint, der Schäfer wolle ihnen vom Felsen

herab gesalzene Brotstücke zuwerfen, wie er sonst zuweilen that. Nun

versicherte er sie blos seiner Brüderlichkeit. Sie gingen blökend

auseinander.

Der Titus aber tröstete sich: Mach’ dir nichts d’raus, daß du dermalen

noch nicht weiter kannst im Worte Gottes. Erst bei der Salbung kommt

der heilige Geist über dich. Sanct Peter ist ein Fischer gewesen

und ist ein grundgescheiter Apostel geworden; und doch ist nach dem

Sprichwort ein einziger Fischer dreimal so dumm wie drei Schäfer

zusammen.

Der Titus hatte, wie die allermeisten Schäfer, eigentlich sein Lebtag

zu den Barfüßern gehört; ja er trug nicht einmal Bindesohlen, und

wenn er sich einen Scherben oder einen Splitter in die Fußsohlen

stieß, so schnitt er ihn gelassen mitsammt einem Stück Haut heraus

und pfiff dabei, etwa wie ein Schuster, der eine alte Schuhsohle

zertrennt. Die härene Kutte ist wärmer wie eine Zwilchjacke, „die

mehr Fenster hat, als das Kaiserhaus“ und durch welche der innere

Mensch an allen Ecken und Enden herauslugt. Ferner ist erbetteltes

Brot sorgloser zu genießen, besonders wenn man es in ein Gläschen Wein

tunkt, als Hirtenkost, die heute eine Seuche vergiftet, morgen ein

Dieb davonträgt. Also was konnte der Titus verlieren? Das Predigen und

Beichthören sammt allem Zubehör bringt der Geist. Vielleicht wird der

Titus gar noch Oberer!

Am Vorabende des Michaelfestes war’s. Der Titus hatte seine Schafe

bereits in die Sicherheit des Stalles gebracht, und zwar zum

letztenmal. Er hatte seinem Bauer wie der ganzen Welt heute den Dienst

aufgesagt. Morgen geht’s in’s Kloster und das Novizenjahr hebt an. An

diesem letzten Abende ging der Titus noch einmal in die Birkenheider

Kirche, in der er getauft und gefirmt worden war; es war ihm feierlich

zu Muthe; und sollte er ja selbst noch taufen und die Sacramente

spenden, wie der geistliche Herr Caplan, der dort vom Pfarrhof-Fenster

herabschaut und als Prediger und Beichtvater weit und breit berühmt ist.

Die Kirche war leer und weitete sich bereits in der abendlichen

Dämmerung. Zuerst kniete der Schäfer in seinen Stuhl und betete. Es

war ihm sehr ernst mit dem Gebet und sein Entschluß stand fester als

je. Dann stieg er die Stufen des Altars empor, breitete die Hände

auseinander und sagte: ~Dominus vobiscum!~ Sogleich aber erschrak

er über den Frevel, den er trieb, und trollte sich von den Stufen herab.

Dort an dem Pfeiler prangt die Kanzel; die vier Evangelisten stehen

Wacht und darüber auf dem „Hut“ schwebt der heilige Geist. So möchte

der Titus doch herzlich gern wissen, wie sich’s auf einem wahrhaftigen

Predigtstuhle steht. Und es ist ja sonst kein Mensch in der Kirche,

der darob ein Aergerniß nehmen könnte. Husch ist der Schäfer auf der

Kanzel. Nu, da geht freilich eine andere Luft und Alles fühlt sich so

geweiht an und vom heiligen Geiste tropft schon die Eingebung nieder.

Hätt’ ich euch nur da, Ihr sündhaften Birkenheider, Ihr; niederpredigen

wollt’ ich Euch, daß All’ des Teufels wär’! dachte sich Titus, wartete

aber nicht, bis sie kamen, sondern stieg würdigen Schrittes wieder zu

den leeren Kirchenstühlen nieder.

Dort im Winkel neben dem Taufstein steht der Beichtstuhl. Außen auf

dem Bänklein ist der Schäfer schon gekniet. Inwendig ist er aber noch

nie gesessen. Am Altare ist der Geistliche der Opferpriester, auf der

Kanzel der Apostel, hier im Beichtstuhle ist er an Gottes Statt, also

der liebe Herrgott selber. Was aus einem Menschen nicht Alles werden

kann! Aber wunderlich muß sich’s doch sitzen da d’rin, auf des lieben

Herrgotts Kanzleisessel. Husch hockt der Titus im Beichtstuhl und legt

sich halb aus Vorwitz, halb zum Schutze gegen den Teufel die vorhandene

Stola um den Nacken. Zwar ist es da noch finsterer wie draußen und man

riecht die Sünden aus allen Fugen und Ecken. Gar gemüthlich ist das

nicht. Schon will der Schäfer den Beichtstuhl wieder verlassen, als

ein Weiblein in die Kirche torkelt und sich unweit vom Beichtstuhle

in eine Bank setzt. Jetzt kann der Titus nicht hervorkriechen, die

Alte verlästerte ihn in ganz Birkenheid als einen Frevler. Es heißt

also noch ein wenig sitzen bleiben anstatt Gottes; das Weiblein hat

nur ein paar Vaterunserchen auf dem Herzen und wird wohl bald wieder

davonhumpeln.

Aber, anstatt dieses davonhumpelte, humpelten zehn andere daher und

bald kam auch jüngeres Volk, Mädchen, Männer und Kinder, und die

Kirchenstühle füllten sich und die Leute thaten ihre Rosenkränze

hervor, und zuletzt kam gar der Meßner und zündete zahlreiche Kerzen an.

Dem Schäfer wurde sehr unbehaglich; er that den dunkelblauen Vorhang

ein bißchen herfür, daß sie ihn doch zum Mindesten nicht sehen konnten,

wenn er schon während der ganzen Vesper im Beichtstuhle sitzen bleiben

mußte.

An der Sacristeithür klingelt’s, die Orgel beginnt zu tönen, der Herr

Pfarrer tritt zum Altar. Der Titus spürt einen gewaltigen Stich im

Herzen. Das ist die Michaeli-Andacht, und bald kommt jetzt der Caplan,

um Beicht zu hören. Sollte aber der Schäfer hervortreten vor Aller

Augen, vor Alter Zungen, die in alle Weiten reden: Was hat denn Der im

Beichtstuhl gemacht? Noch gehört er nicht hinein, oder ist er ein Narr

oder gar ein schlechter Mensch? -- Nein, er bleibt im Versteck, und

wenn der Caplan wirklich kommt, so verkriecht er sich unter den Sitz

hinein; jetzt gilt’s klug zu sein auf alle Mittel und Weis’.

Langsam näher und näher rückten die Leute dem Beichtstuhl. Ein hübsches

demüthiges Mägdlein schob sich sachte und sachte vor und suchte ein

wenig, und so gut es die Bescheidenheit erlaubte, hinter den Vorhang

zu gucken, ob der geistliche Herr wohl schon sitze. Richtig, es rührt

sich die blaue Stola. Das Mädchen hält sofort sein weißes, zierlich

geglättetes Handtuch sittsam vor den Mund und hüstelt sich aus; und als

sonach das Herz entkorkt ist, kniet sie nieder auf das Bänklein und

reckt das Köpfchen gegen das vergitterte Beichtfenster.

Der gute Schäfer ist in Todesangst. Zu erkennen geben kann er sich

um keinen Preis. Durch ein Unbeachtetseinlassen des Beichtkindes

auffallend machen darf er sich auch nicht. Sollt’ er nun also den

Beichtvater spielen? Es wäre der entsetzlichste Frevel, aber -- giebt

es einen andern Ausweg? Und ist der Titus nicht schon Priester im

Herzen? Er meint es nicht schlecht, er legt nur so ein bißchen das Ohr

an’s Gitter und braucht ja das Beichtkind nicht anzuhören, es nicht

loszusprechen.

Zu allem Glücke ist es im Beichtstuhle sehr finster; die Orgel klingt,

Alles ist in der Andacht. Mit dieser einen sündigen Magd wird der Titus

doch wohl fertig werden.

So legte er denn das Ohr an’s Gitter.

Das Mädchen ließ gar nicht lange auf sich warten. Zuerst kam das

Gebet von der offenen Schuld; dann kam ein Häuflein Sünden, lauter

Scheidemünzen, wie sie so jedes ordentliche Beichtkind hat und haben

muß. Dann stockte es.

Der Schäfer saß auf glühenden Kohlen. Es ist kein Grund da, um die

Lossprechung zu verweigern; und spricht er los, so läuft sie hin und

empfängt die Communion. Richtig, sie ist beim Abendgebet eingeschlafen,

hat sie gesagt; ja, dann kann keine Lossprechung ertheilt werden,

ehe sie sich gebessert hat. Schon will das der Titus mit verstellter

Stimme sagen, da kommt das Beichtkind noch mit etwas vor. Es stottert

und schluchzt. -- „Ja, und dann, Hochwürden, daß -- daß ich halt den

Liebsten nicht vergessen kann,“ fährt das Mädchen heraus. „Und es läßt

mir keine Ruh’ bei Tag und Nacht, und ich weiß, es soll nicht sein und

ich hab’ mir’s selber gethan, ich bin übermüthig gewesen und er hat

gemeint, ich mag ihn nicht und jetzt geht er in’s Kloster.“

Der Schäfer fährt zurück und lugt. Gottswahrhaftig es ist die

Gais-Esther vom Fischgraben.

„Ich hab’ mir’s selber gethan,“ klagt das Mädchen wieder, „und jetzt

weiß ich mir bei meiner Seel’ nit zu helfen und vergessen kann ich ihn

halt nimmer.“

Sie schweigt und harrt erwartungsvoll, was ihr der Beichtvater wohl

rathen mag.

Diesem wird’s schier selber dumm und er meint, der ganze Beichtstuhl

hebe an mit ihm zu tanzen. Aber im Kerne ist der Titus eben gerade kein

Narr, er merkt es sogleich, was diese Stunde bedeutet. Sein Herz drückt

er mit aller Gewalt hinab unter die Bank. Dann lehnt er sich so hin und

murmelt abgewendeten Antlitzes: „Hm, hm, das ist freilich bös’. Da

müssen wir mehr darüber reden, liebes Kind, weißt Du was, komm heute

um’s Gebetläuten in des Pfarrers Obstgarten.“

Das Mädchen schwieg eine Weile, dann stotterte es ängstlich: „Wär schon

recht, ja, Hochwürden, aber im Obstgarten ist halt kein Beichtstuhl

nicht und keinem Menschen will ich meine Sach’ anvertrauen, als nur dem

lieben Herrgott.“

Da war es dem Schäfer im Beichtstuhl, als müsse er hell aufjauchzen.

„Dein Liebster ist gewiß der Schäfer von der Birkenheide?“ fragte er

flüsternd.

„Ei freilich ja, der Titus halt.“

„So kann ich Dir’s im Beichtstuhl sagen, er hat mich ja gebeten d’rum,

der Schäfer ist bei mir in der Beicht gewesen; er geht nur desweg’

in’s Kloster, weil er Dich nicht kriegt; der läuft Dir noch nach in

Dein Haus; denn schau wie er Dich lieb hat, Esther, glauben kannst es

nimmer!“

Zum Glück hatte der Organist dem heiligen Michael zu Lieb’ alle zwölf

Register aufgezogen, und so verstand die Esther den leidenschaftlichen

Ausbruch des Beichtvaters nur halb. Und dem aus Rand und Band

gekommenen Schäfer dünkte es die höchste Zeit, daß er das Kreuz schlage

und den Schieber zuklappe. Die Orgel schwieg, die Vesper war aus, die

Leute bliesen ihre Lichter ab und verließen nach und nach die Kirche.

Auch die Esther schlich dem Ausgange zu, voll Sorg’ und Liebesnoth --

und heut’ ist ihr am Beichtstuhl das Herz nicht leichter geworden.

Der Schäfer entschlüpfte seinem unheimlichen Verstecke, und als er

wieder unter freiem Himmel stand im kühlen Berghauch und Abendroth und

die Stämme der Birkenheide dort oben wie glühende Nadeln leuchteten,

da that er einen Athemzug, mit dem er ein ganzes, neues, glückseliges

Leben einsog.

Und wie der Beichtvater gesagt hatte, der Schäfer lief dem Mädchen noch

an diesem Abende nach in ihr Haus -- „denn schau, wie Der Dich lieb

hat, Esther, glauben kannst es nimmer!“

Sie hat’s aber doch geglaubt und nach wenigen Tagen erhielten die

grauen Brüder auf Birkenrinde geschrieben den Bericht: „Ich kann nicht

kommen, ich hab’ mir ein Weib genommen und bleibe der Schäfer von der

Birkenheide.“

[Illustration]

Herrn Pastor Meneschild’s Hochzeitsreise

In den Maien ist’s gut freien, hatte der junge Pastor Meneschild, der

Curat von Schladernbach gedacht, hatte sich ein Weibchen genommen in

den Maien.

Selbiges Weibchen war ihm lang genug arg im Wege gewesen bei den

Sonntagspredigten; und wie der Aar mit seinem Blicke das Hühnervieh

bannt, daß es vor Schreck und Angst erstarrt, so hatte das große

schwarze Auge des Wirthstöchterleins vom Kirchenstuhl aus den sonst

sehr erbaulichen Vortrag des Predigers oft nachgerade derart gehemmt,

daß der gute Meneschild erröthend und erbleichend mitten im Text sein

„Ewigkeit Amen“ sagte.

Feierabende: Lustige und finstere Geschichten · 第 1 / 29 段