Die erste Bearbeitung der Platte muß energisch eingeleitet werden,

soll die ganze Prozedur nicht allzuviel Zeit in Anspruch nehmen. Bei

kleineren Platten ist es am besten, wenn man die ganze Arbeit mit

einer breiten Schlichtfeile von mittelfeinem Hieb abfeilt; das geht

sehr rasch und schadet der Platte bei geschickter Hantierung nicht.

Die Länge der Feile muß die Platte beträchtlich überragen, damit man

sie bequem handhaben kann. Bei richtiger Führung der Feile ist eine

vom Feilenhieb herrührende Riefung der Oberfläche des Kupfers nicht

zu befürchten. Ätzungen auf größeren Platten würden zum Ausfeilen

sehr langer Feilen bedürfen; hier arbeitet man besser mit dem

Schabeisen. Man beschafft es sich, indem man wieder eine Dreikantfeile

(siehe Seite 67) kauft und sie in der schon beschriebenen Weise vom

Messerschmied schleifen läßt, jedoch nicht wie beim Polierstahl mit

abgerundeten, sondern mit scharfen Kanten. Hohlschliff ist nicht

notwendig, ebensowenig ein Polieren des Werkzeuges. Mit den Kanten

dieses Instrumentes wird die Ätzung ausgeschabt, jedoch darf nicht

vergessen werden, große glatte Stellen (z. B. die Luft und dergl.)

auch zu bearbeiten, da sonst die Platte ungleich dick aus der Arbeit

hervorgehen würde. Ist die letzte Spur der Striche von der Platte

verschwunden, so wird die Arbeit des Schleifens mit Blaustein[6]

begonnen. Es ist dies ein in jeder Werkzeughandlung erhältlicher

Stein von prismatischer Form, die eine Fläche, mit der man arbeitet,

muß absolut eben sein. Neue Steine erfüllen diese Forderung meist

nicht, sie müssen erst auf einer anderen, harten Fläche ausgearbeitet

werden. Beabsichtigt man im Anfang eine energischere Wirkung, so kann

der Blaustein erst mit feinem Bimssteinpulver angewendet werden.

Schleift man die Kupferplatte jedoch mit Bimsstein vor, so ist die

separate Anschaffung von Bimssteinpulver überflüssig. Das Schleifen

mit Bimsstein und Blaustein geschieht auf einem starken Brett

mit reichlichem Zuguß von Wasser parallel den Kanten der Platte.

Schließlich kommt der Blaustein allein zur Anwendung und die Glätte

kann bis zu einem recht hohen Grade getrieben werden; dabei muß die

Platte fleißig gespült werden, damit man das gänzliche Verschwinden

sämtlicher Ritzen und Kratzer sicher beobachten kann. Der Blaustein

wird seiner Längsachse parallel über die Platte geführt und zwar mit

einer seiner beiden Breitseiten. Schließlich wird die Platte endgültig

gespült und abgetrocknet.

[6] Am schnellsten geht diese Arbeit mit einem prismatischen

Karborundstein von statten.

Auf einer anderen, trockenen Unterlage wird nun dieselbe -- im rechten

Winkel zur letzten Schliffrichtung -- mit einer Bürste aus feinem

Stahldraht (erhältlich in Eisenhandlungen) weiterbearbeitet. (Abb. 16).

Auch zu den Diagonalen parallel kann gebürstet werden. Die Glätte der

Platte steigert sich nun zusehends und kann durch die Anwendung des

flachgehaltenen Polierstahles noch gehoben werden; er wird in einer zu

sich stets parallelbleibenden, eventuell einer zweiten dazu senkrechten

Richtung über die Platte geführt und hinterläßt darauf eine äußerst

dichte Strichlage.

[Illustration: Abb. 16. Stahldrahtbürste.]

Endlich werden auch diese Striche getilgt, indem man die Platte

mittelst eines mit Filz überspannten Brettchens, einer sogenannten

Filzfeile, unter Anwendung von Globuspasta[7] poliert.

[7] In Ermanglung dieser tut es wohl auch eine Pasta aus Öl mit

Engelrot, Kohlenpulver oder Schieferpulver.

Die Platte ist zu neuer Arbeit bereit, bedarf aber behufs Aufbringen

des Ätzgrundes noch einer auf Seite 11 beschriebenen gründlichen

Entfettung.

Wer aus irgend einem Grunde diese Arbeit nicht verrichten kann,

der lasse seine Kupferplatte bei einem Messerschmied oder in einer

Plattier-Anstalt blank schleifen.

9. Strich und Ton.

So sehr auch zugegeben werden muß, daß unsere Technik in ihrer

bisher beschriebenen Ausübung geeignet erscheint, dem Künstler ein

Ausdrucksmittel zu sein, das ihm gestattet, sein Innerstes vor dem

Beschauer aufzutun, so ist doch und namentlich heute nicht mehr die

Nadel allein das ganze Rüstzeug des Radierers.

Freilich, der Anfänger wird mit verdienter Freude seine Fortschritte

mit der Nadel begrüßen und es wäre falsch, wollte man behaupten, daß

der Nadel allein höhere künstlerische Wirkungen und der Ausdruck der

Stimmungen versagt seien.

Schon der Anfänger, wenn er das erste Herzklopfen überstanden hat, wird

mit seiner Nadel einer beabsichtigten Wirkung beizukommen suchen, indem

er ihre Handhabung solange verändert, bis ihre Wirkung seinem Empfinden

entspricht, und darin liegt schon soviel Persönlichkeit! Bald führt er

die Nadel, namentlich die Beschneidfeder, nach Art der kalten Nadel

Furchen schneidend über die Fläche, bald läßt er sie, steilgehalten, in

Punktreihen, statt in kontinuierlichem Strich über das Kupfer springen.

Hierin hat er schon ein Mittel in der Hand, in Ton zu arbeiten, denn

eine gekreuzte Strichlage wird bei springend geführter Nadel nicht

störend empfunden. Und Ton ist ja das Endziel jedes malerisch, also

farbig Empfindenden.

Denn wenn auch -- technisch -- eine Arbeit mit der Nadel rein in

Konturen denkbar ist, die Ziele der Radierung liegen doch fernab von

trockenem Zeichnen in Umrissen und magerem Schatten in Strichlagen.

Wenn der Anfänger die ersten Beweise steigenden Könnens begrüßt hat,

empfindet er in der Ausdrucksweise eine Lücke, die auszufüllen ihn

verlangt. Zahllos schier sind die Mittel, die uns zu Gebote stehen,

die Kupferfläche derart zu bearbeiten, daß uns der Abdruck nicht als

Skelett der Zeichnung allein, sondern den verbindenden Ton grauer

Flächen bringt.

In den Tiefen zuerst verlangt es uns nach sammetartig homogenem Ton.

So dicht auch die Strichlage hier gehalten werden kann, immer und

namentlich bei Flächen größerer Ausdehnung entsprechen den notwendigen

Stegen, die die Striche trennen müssen, im Abdrucke lichten Stellen,

die sogenannten Flammen, die oft recht störend wirken können. Bei

Flächen von schmälerer Gestalt hilft man sich bisweilen mit der

»springenden Nadel«, wenn man diese mit tüchtigem Nachdruck führt.

Auch die Schneidefeder leistet vorzügliche Dienste. Größere Flächen

werden mittelst Beizemitteln getont. Zu solchen Beizemitteln zählt

die Schwefelmilch, ein lichtgelbes feines Mehl, welches jede Drogerie

vorrätig hat. Dieses Mehl wird mit Öl zu einem Brei verrieben und

auf die zu tonende Fläche aufgetragen. Das Auftragen kann mit einem

Haarpinsel erfolgen; rascher und intensiver zeigt sich die Wirkung,

wenn man, mit sorgfältiger Achtnahme auf die Begrenzung der zu

tonenden Fläche, den Brei mit einem Leinwandfleckchen, welches um den

Zeigefinger gespannt ist, auf der betreffenden Stelle verreibt. Bei

Flächen von bestimmter Begrenzung arbeitet man am besten mit einem

Papierwischer (Kreidewischer). Die Wirkung dieser Beize besteht in

einer infolge schwacher Ätzung erzielten feinen Aufrauhung der allzu

glatten Stellen des Kupfers. Sofort nach erreichter Wirkung muß diese

Beize mit reinem Öl vom Kupfer entfernt werden.

Alle solche Beizmittel sind eigentlich nur als eine ergänzende

Nacharbeit des Hauptvorganges aufzufassen, denn sie sind ihrer Natur

entsprechend nicht dazu angetan, den Gesamtcharakter, den Aufbau einer

Radierung, wesentlich zu verändern.

Anders sieht es mit den sogenannten maschinellen Mitteln der Ätzkunst

aus. Ihre Anwendung bestimmt von vornherein die Stimmung, den Charakter

des Werkes, und von ihrer zielbewußten, taktvollen Anwendung hängt der

künstlerische Wert einer Arbeit vornehmlich ab.

Hier möchte ich der Meinung entgegentreten, daß maschinelle Mittel bei

einer Radierung von der Hand zu weisen wären, »weil sie unkünstlerisch

seien.«

Ein Beispiel: Ein Porträt, eine Landschaft, ist auf getontem

Naturpapier gearbeitet, die Lichter in Weiß aufgesetzt. Ja noch mehr:

die Farbe des Papiers ist sogar der Stimmung des Bildes angepaßt. --

Und dieser Farbenton des Papiers, ist er vielleicht nicht auch ein

maschinelles Mittel, das dem Künstler fertig zu Gebote steht? Und ihrer

Anwendung wegen vielleicht das Beginnen unkünstlerisch? Wenn nicht,

dann wird auch der Radierung ein solches Mittel nicht verwehrt werden

dürfen, wenn es die Ausdrucksfähigkeit der Technik erhöht. Freilich

muß künstlerischer Geschmack bei einer solchen Arbeit Pate gestanden

sein, freilich muß der Radierer schon lange _vor_ Beginn seiner Arbeit

über die Anwendung seiner Mittel im Klaren sein, soll das Ende vom

wohlüberlegten und trefflich disponierten Anfang, von zielbewußtem

Aufbau uns erzählen! Dieses Ziel besteht eben in der harmonischen

Verquickung der beiden Begriffe: Strich und Ton. Eine Radierung kann

gewiß auf den Strich allein aufgebaut sein; dann ist es ein Motiv,

welches des Tons nicht bedarf. Ebenso kann eine Arbeit auch auf die

Wirkung des Tones berechnet sein. (Man denke nur an eine Nebelstimmung

oder eine trübe Winterlandschaft und dgl.) In der Mitte der beiden

Extreme jedoch steht die Arbeit, welche auf das gegenseitig ergänzende

Zusammenwirken von Strich und Ton berechnet ist; sei es, daß der

Ton die Zeichnung als eine Art graue Lasur überzieht, oder, daß ein

hauptsächlich in Tonqualitäten wirkendes Bild mittelst der Nadel

bloß an markanten Stellen in seiner Wirkung gehoben wird. -- Welche

Fülle von Wegen zum Ziele!

[Illustration: Karlskirche in Wien

Original-Radierung von Alois Seibold]

Unter maschinellen Mitteln verstehen wir Mittel, welche uns gestatten,

über die Platte einen gleichmäßigen Ton von verschiedener Textur

auszubreiten. Die Elemente können Punkte oder Striche sein, je nach der

Entstehungsart des erzielten Effektes. Bei der Radierung in unserem

Sinne beschränkten sich die dazu erforderlichen Arbeiten auf eine

zweckmäßige Behandlung des auf der Platte befindlichen Ätzgrundes.

Eine der ältesten Arten in Ton zu arbeiten besteht darin, daß man auf

die grundierte, heißgehaltene Platte mittelst eines Siebes Steinsalz

streut. Die feinen Körnchen bleiben am weichen Ätzgrund kleben

und sinken bei weiterer Erhitzung der Platte in der geschmolzenen

Firnisschicht bis auf das blanke Kupfer. Die wieder erkaltete Platte

gelangt nun in ein Gefäß mit Wasser. Die Salzkörnchen werden hierin

ausgelaugt und lassen in der Firnisschicht feine Löcher zurück, welche

bis aufs Kupfer reichen und dem Ätzwasser später Zutritt auf die blanke

Platte gewähren. (»Aquatinta«).

Eine ähnliche Wirkung hat Schmirgelpapier, welches in der Art, wie wir

unsre Probedrucke herstellen, mit dem Beinstab an die grundierte Platte

gedrückt wird. (Abb. 13). Die scharfkantigen Körnchen durchlöchern in

zahllosen Stichen den Ätzgrund und legen das Kupfer für die Ätzung

bloß.

Wohl noch wenig bekannt ist das Tonen mit der Stahldrahtbürste.

(Abb. 16).

Die grundierte, kalte Platte wird auf den Tisch gelegt und mit einer

gestielten feinen Stahldrahtbürste (siehe Abb. 16) sachte geschlagen,

wobei die Kupferplatte mit der linken Hand fortwährend zu drehen ist,

damit die Wirkung gleichmäßig erfolge. Die Verletzungen des Ätzgrundes

haben nämlich die Form zarter kurzer Strichelchen von bestimmter

Richtung. Das Drehen der Platte mit der linken Hand soll also das

Vorherrschen einer gewissen Richtung der Strichelchen verhüten.

Eine derart behandelte Platte kann nun eventuell noch vor der Ätzung

auch mit der Nadel bearbeitet werden. Lichter sind selbstverständlich

vorher mit Pinselfirnis zu decken (sogenannte »Reservagemethode«).

Abgestuftes Ätzen mittelst Deckfirnis erlaubt dann noch einen Reichtum

an Tonstärken zu entwickeln, doch soll auch hier ein gewisses Maß

nicht überschritten werden, damit der Reiz der Kontraste dadurch nicht

verschleiert werde.

Das fertige Blatt wird von manchem Radierer noch weiter »bearbeitet«.

Die noch weiche, verwischbare Druckfarbe wird mit Wischern an gewissen

Stellen vertrieben, verwischt, die Striche auseinandergeschmiert,

um so etwas wie »_Ton_« zu erzielen; doch nicht genug damit: Mit

dem Radiergummi werden auf dem fertigen Blatt lichte Wolken --

hervorgezaubert. Was bleibt da noch übrig von der Schönheit dieser

Technik? Dem Laien, der in die Geheimnisse dieser Kunstweise nicht

eingeweiht, ist es nicht zur Last zu legen, daß solche Blätter mit

Erfolg kursieren können. Wenn aber der Berufene selbst um eines groben

Effektes willen die Reinheit des Stiles hingibt und an der Verwilderung

einer Technik arbeitet, die in ihren _echten_ Mitteln ohnehin so

unerschöpflich reich und schön ist, so ist dies ein bedauernswerter,

von vielen Kunsthändlern protegierter Tiefstand, dem der Einzelne durch

konsequente Pflege des reinen Stiles entgegenarbeiten kann und muß.

10. Wege und Ziele.

Wie mannigfaltig sich das Arbeiten gestalten kann, das haben wir bei

verschiedenen Gelegenheiten ersehen können, und je mehr der Radierer

mit ernstem Fleiß alle Ausdrucksweisen sich zu eigen zu machen sucht,

desto vielverzweigter sieht er die Wege sich auftun, die zum Ziele

führen.

Vor allem ist es das _Wie_, mit welchem wir ringen in heißem Bemühen.

Grundfalsch wäre es, wollte ich wähnen, erschöpfend über diese

Technik geschrieben zu haben, denn verschieden wie die Gesichter der

Menschen sind die Ausdrucksweisen, sie sind eben der treue Spiegel der

Persönlichkeit.

Als die Radierung noch ein Reproduktionsverfahren war, dem es zukam,

Kunstwerke größeren Stiles einem weiteren Publikum zugänglich zu

machen, da lag ihre Ausübung in strengen Normen und es mußte so sein;

was sollte auch dort ein persönlicher Ausdruck, wo es galt, eine

Aufgabe zu erfüllen, die heute der photographischen Kamera zufällt!

Da mußte der Radierer selbstlos zurücktreten und seine Art hinter der

Aufgabe verbergen. Es lag viel Handwerkliches in dieser Kunst, die so

willig war, fremdes Licht leuchten zu lassen mit ihren Mitteln, die

dazu berufen sind, eine ganz eigene Sprache zu reden, eine Sprache, die

dem Künstler aus dem Herzen kommt. An diese Erkenntnis knüpft sich

der Aufschwung der modernen Radierung; sie wurde Selbstzweck und jeder

Strich, früher vom Zwange einer notwendigen Norm dirigiert, er wird zum

Wort, zum trotzigen, eigensinnigen vielleicht, das uns aber der Seele

des Künstlers, seinem Empfinden nachfühlen läßt.

[Illustration: »Überfahrt«, Original-Radierung von Alois L. Seibold]

Wer wollte da noch von Arbeitsregeln sprechen, wer die Hände über dem

Kopf zusammenschlagen, wenn er erfährt, daß der Meister vielleicht,

einer Empfindung folgend, die gewöhnliche Schreibfeder zum Radieren

benutzt oder mit den scharfen Kanten einer abgebrochenen Nadel

arbeitet? Nimmer kann ein Lehrbuch über irgend eine Kunsttechnik

mehr wollen als »Gehen lehren«; der es gelernt hat, wird seinen Weg

finden, wenn ernstes Streben ihn beseelt. Es soll ja damit gewiß nicht

gesagt sein, daß der Anfänger sich sobald als möglich nach einer recht

»originellen« Ausdrucksweise umsehen soll; das wäre erbärmlicher

Manierismus, weitab von jener Liebe zur Natur, die darzustellen, wie

sie sich in unsrer Seele spiegelt, unsere höchste Aufgabe sein soll.

Ohne äußeres Hinzutun wird die künstlerische Ader sich regen und der

Hand, ihr unbewußt, Gesetze diktieren, nach denen sie arbeite. Denn

bei fast keiner anderen Technik kann das Inhaltliche so unabhängig von

manueller Fertigkeit zu uns sprechen als bei der Radierung.

Und das Inhaltliche ist es auch, welches der ganzen Technik Seele

verleihen soll; denn wie hier die Ausdrucksform vom _rein Malerischen_

beherrscht werden muß, so ist das _Erzählende_ das Impuls gebende

Moment für das _Inhaltliche_.

Kein Zufall ist es, daß unsre größten Radierer auch die größten Grübler

waren, vom Forschergeiste Dürers, vom Altmeister Rembrandt herauf bis

zu unserer Modernsten einem.

Und soviel auch errungen, jeder macht’s für sich noch einmal mit, und

jemehr er nach Ausdruck ringt, umso lieber wird ihm diese trotzige,

spröde Technik, die sich ihre Geheimnisse von jedem ihrer Pfleger

neu abringen läßt und dies mit so manchem Goldkörnchen einer neuen

Ausdrucksmöglichkeit lohnt.

Wenn die Arbeit disponiert, was gibt es da nicht noch alles zu

denken, zu überlegen! Schon beim Grundieren fragen wir uns: »Was für

Druckfarbe? Was für Papierfarbe?« Da heißt’s schon beim ersten Strich

allen diesen Faktoren Rechnung zu tragen und die Arbeit dem Endzweck

anzupassen! Wie anders muß gearbeitet werden für getontes als für

weißes Papier, für warmtonige als für kühlwirkende Druckfarbe!

Man versuche es nur einmal, eine für weißes Papier berechnete Platte

auf farbiggetontem abzudrucken oder umgekehrt!

Und doch ist das Wie noch nicht allein der Endzweck, das Ziel! Was

dem Pinsel oft versagt bleibt zu bilden mit seinen reichen Mitteln,

das wird auf der Kupferplatte zu reinem Erguß, das offenbart sich

in der Lapidarschrift der Nadel mit überzeugender Kraft und Wärme.

Menschenbeobachtung, dieses hehre Problem, es zeigt uns stets neue

Ziele; und wieder ist es die Radierung, die das _Momentane_ des

Erschauten festzuhalten berufen ist. Und wenn nun auch die Hand des

Einen mit plebeischer Derbheit zugreift, das Erschaute zu bilden, wenn

das weichere Naturell des Andern mildere Töne anzuschlagen weiß, immer

fühlen wir den Reiz eines intimeren Verkehrs mit dem Künstler auf uns

wirken, wenn wir uns in die Anschauung solcher Blätter versenken.

Eines möchte ich auch gern dem Lernenden mit auf den Weg geben und wie

ich glaube, wird mir jeder künstlerisch Empfindende zustimmen: »_Nie

soll das Radieren eine Kopierarbeit sein, nie sollen die Mittel ihrer

Sprache einer andern als ihrer eigenen Sache dienen!_« Ich habe den

Anfänger vor dem Kopieren von Photographien gewarnt, (siehe Seite 20),

es hat seine triftigen Gründe: Mit ihren ungezählten Abstufungen in den

Tonstärken ist sie wirklich nicht geeignet, Klarheit in das Arbeiten

des Anfängers zu bringen; ihn verwirrt die Vielheit, zumal er den Ton,

auf den ja jedes Lichtbild aufgebaut ist, in ein System von Strichen

bringen müßte, eine Sache, die die Schwierigkeiten, die bei den ersten

Versuchen zu überwinden sind, nur vermehren würde.

Denn wenn auch die Bildidee, der Impuls zu einem Kunstwerk, aus einer

_Anschauung_ entspringen kann, das Denken an die Bewältigung mit dem

_Material_ ist doch erst das eigentlich Schöpferische.

* * * * *

_Schönheit in der Natur -- Schönheit des Materials -- es sind zwei

Welten; sie zusammenzwingen in ein Menschenwerk, das ist »Kunst«, und

daß mit dem geeigneten Material der erschöpfende Ausdruck für den

Impuls gefunden werde._ Ist es nicht denkbar, daß ein an und für sich

herrliches Motiv, -- sei es landschaftlicher oder figuraler Art --, zur

bitteren Enttäuschung des mit sich selbst Gerechten und Strengen trotz

meisterhafter Technik nicht jene Erfüllung bringt, die er sich von ihm

versprach? Wie oft ist ein Werk allein wegen unrichtiger Formatwahl

verfehlt! Es gibt Motive, die durchgeführt in kleinen Dimensionen zum

köstlichen Juwel werden können, und die auf großem Format all’ ihren

Reiz verlieren würden. Aber mehr noch als dieses bestimmt die _Wahl des

Materials_ das Schicksal des Werkes.

Nicht jedes Motiv, nicht jede Bildidee eignet sich gleich gut für eine

Durchführung in Aquarell, in Holzschnitt, für eine Radierung oder für

ein Ölgemälde. Für den Radierer ergibt sich daraus der Schluß, daß

er nicht ohne Überlegung an sein Werk gehen darf. Linienschönheit,

Tonschönheit, das sind die Mittel, mit denen die Radierung arbeitet.

Sie wird zum erschöpfenden Ausdruck, wenn sie im Motiv, in der Idee,

Verwandtes findet und dieses mit ihren Mitteln also zu einer höheren

Einheit erheben kann.

[Illustration: Pieta

Original-Radierung von Alois L. Seibold]

Dann wird neben der Idee auch das Material zu uns sprechen wie eine

lebendige Sprache. Dann genießen wir nicht als Nebensache den feinen,

matten Strich, den beruhigenden Ton und -- nicht zuletzt auch den

Reiz des eigenartigen Glanzes, den die Metallfläche dem Druckpapier

verleiht --, die Freude am schönen Material.

Beantwortet sich aus diesen Betrachtungen nicht wie von selbst die

Frage nach der zulässigen Größe einer Radierung.

Man sieht in Ausstellungen hie und da Radierungen, deren eine Bildkante

fast einen Meter erreicht! Sind solche Riesenformate -- Bravourarbeiten

-- künstlerisch gerechtfertigt? Ist der zarte Ton der Druckfarbe

geeignet, in solchen Dimensionen zu wirken? Das geheimnisvolle

Weben, dem nachzugehen vielleicht den Hauptreiz bei der Betrachtung

von Radierungen bildet, erstirbt, wenn man von einem Werk dieser

Technik zurücktritt -- und zurücktreten muß man, wenn ein Bild einmal

80 × 100 ~cm~ mißt. Wenn wir eine Radierung betrachten, dann wollen wir

in dem Blatte lesen, im wahrsten Sinne des Wortes, lesen all’ das, was

der Künstler mit der Nadel ins Metall geschrieben, lesen, wie ihm dabei

war, alle Leidenschaftlichkeit, alle Schaffenslust; und Strich für

Strich mitfühlen, was da geschrieben steht von einer in Arbeitsfreude

vibrierenden Hand!

Dabei wollen wir aber doch auch nicht den steten Überblick über das

Ganze missen; ergeben sich da bei Rücksichtnahme auf den Bau und die

Fähigkeiten des menschlichen Auges die Grenzen der Bildgröße nicht von

selbst? --

Ein Ölgemälde 30 × 40 ~cm~ nennen wir ein »Bildchen«. Eine Radierung

von derselben Bildgröße nennen wir ein »großes Blatt« -- wie

kommt das? Oder wie kommt das, daß eine Radierung in bescheidenen

Dimensionen fesselnd, wuchtig und kraftstrotzend wirken kann und eine

Riesenradierung daneben schlaff und leer?

Wer sein Material kennt, dessen Schönheit versteht, seine Vorzüge und

Schwächen, dem wird es nicht widerfahren, daß er es an Aufgaben zwingt,

vor denen es versagen oder doch zum mindesten die Eigenart einbüßen muß.

* * * * *

Ich habe an früheren Stellen empfohlen, bei der Arbeit auf

Kontrastwirkungen Bedacht zu nehmen.

Dem Anfänger muß neben der Schulung der Technik an sich auch

diejenige des Auges angelegen sein. Es muß sich an die Wirkungen der

verschiedenen Materialmöglichkeiten gewöhnen, soll es imstande sein,

scharf zu urteilen und Gutes von Unbrauchbarem -- wie doch beides der

Werdegang des Radierers notwendig mit sich bringt -- zu scheiden.

Solches wird bei kontrastreichem Vortrag besser als bei einer mehr

flachen Ausdrucksweise erreicht. Daß damit nicht etwa gesagt sein

soll, daß eine Radierung unter allen Umständen Kontrastwirkung

aufweisen muß, ist wohl einleuchtend; denn eine schleierige

Wirkung kann ja gegebenenfalls zur beabsichtigten Stimmung gerade

erforderlich sein. Doch das sind Dinge, über die man Bücher schreiben

möchte -- oder nichts --; Hier hört das Lehren auf, hier tritt das

künstlerisch-schöpferische Empfinden in sein unantastbares Recht.

11. Das fertige Blatt.

Die Radierung: Ein Leitfaden und Ratgeber · 第 4 / 5 段