Der Himmel schlug einen grauen Mantel um. Der Wind pfiff kälter und

kälter. Beim Osterwasserholen am Ostermorgen war es empfindlich

frisch. Aber nach dem Kloster wird gefahren. Über Feldwege geht es

zur Kamenzer Straße. Sie ist belebter als je: Radfahrer, Motorfahrer,

Automobile vom Zwergwagen bis zum Ungetüm, Pferdegeschirre, Fußgänger

beiderlei Geschlechts, Gruppen von Wandervögeln mit bunten Wimpeln und

Klampfen, alles in buntem Wechsel, alles in einer Richtung. Von allen

Wegen und Stegen biegen sie ein nach dem Kloster. Einzelne Reiter im

Festgewand auf geschmückten Rossen werden überholt. Wendische Frauen

und Mädchen in Volkstracht zu Fuß und zu Rade geben der hastenden

Masse eine neue Abwechslung. Deutsche, wendische Laute klingen an

unser Ohr. Aber auch in andren Zungen der Welt wird gesprochen. Je

näher wir ans Kloster herankommen, desto beängstigender schwillt die

Menge, desto größer wird der Lärm. An der Klostermauer entlang steht

Kraftwagen an Kraftwagen. Auf der Straße staut sich die Menge. Man

muß die Feste feiern, wie sie fallen. Man muß Geschäfte machen, wenn

sie gehen. So denkt jeder in Marienstern, in Kuckau. Gärten aller

Art, Schuppen, Hausfluren, alles muß heute zinsen: Einstellung von

Fahrrädern. Wir sind froh, daß uns Einwohner mit einnehmendem Wesen

der Sorge um unsre acht Stahlrosse entheben wollen. Der Obolus ist

valutagemäß. Vor dem Eingang zum Klosterhof eine Menschenmauer. Nur

schwierig ist der Eingang zu gewinnen. Nur langsam, ganz langsam

weicht die Mauer, wenn Autohupen das Stimmengewirr übertönen. Der

Klosterhof ist heute glatt verwandelt. Kopf an Kopf staut sich die

Menge an dem Straßenring um das Rasenrondel. Rasenflächen, Gebüsche,

alles wird betreten. Wo sonsten Ruhe Wohnung hat, wo fromme Übung

nur des Tagewerks Gleichmaß unterbricht, da schwirrt, da lärmt die

Menschenmenge. Sie wogt und brandet, sie drängt zur Kirchenpforte.

»Dem Nächsten zur Wehr!« Ja warum, du Feuerwehrmann, hast du diesen

Wahlspruch? Nun wehre dem und der lieben Nächsten den Zugang zum

Innern der Kirche, der stürmisch, fast widerlich stürmisch unter

Ausnutzung sämtlicher Ellenbogen und dergleichen begehrt wird. Pure

Neugier heißt die meisten sich den Eingang erzwingen und denen, die zur

Andacht wollen, die ernste Stimmung stören. Zum Seitenpförtchen an der

linken Seite tritt die Menge nach kurzer Zeit wieder aus. Stelle dich

hinter diese Leute und höre, wovon ihnen der Mund übergeht. Schweigen

darüber ist wirklich Gold, Reden davon nicht einmal Papier. Zu einem

wirklichen Erlebnis religiöser, künstlerischer oder sonst welcher Art

ist bei dieser Unruhe niemand gekommen. Auf dem Straßenring halten die

Osterreiter. An die siebzig Paare mögen es sein. Prächtige Pferde mit

ausgesprochenen Ramsesnasen sind vorhanden. Not ist keinem anzusehen.

Faltenlos strafft sich die Haut über dem Fleisch. Der Mähnenbusch und

der wallende Schweif tragen zur Zier noch hellfarbene Schleifen und

bunte Blumen. Der Kopf schwenkt auf und nieder. Das Zaumzeug klirrt.

Des Reiters Hand tätschelt den Pferdehals. Aber die Unruhe ist nicht

zu dämpfen. Die Vorderhufe scharren den Boden, die Nüstern schnauben.

Eins dreht im Kreise. Das Zaumzeug der meisten ist mit Pilgermuscheln

besetzt. Die Satteldecken zeigen in ihren Ecken das Bild des kreuz-

oder fahnetragenden Lammes. Die Reiter, alte wie junge, sind ganz

Würde. Manchem sieht man es an, daß er einst als Gardereiter gedient

hat. Auf den breiten Ackerpferden ist es gewiß keine Kleinigkeit, eine

stramme Haltung zu bewahren. Andre verraten auf den ersten Blick, daß

sie einen solchen festlichen Aufzug vor so zahlreichen Zuschauern zum

erstenmal mittun. Die bunten Kirchenfahnen schlagen im scharfen Winde.

Vom Kruzifixus, den einer trägt, weht es weiß und goldig. Endlich kommt

das Glockenzeichen. Der Vorsänger setzt plötzlich mit weittragender

Stimme ein. Bald wird der Klang von allen Reitern aufgenommen und

Stanył je horje Jězus Khryst, alleluja.

Khwalmy Boha, alleluja!

Wot smojej’ martry ćežkeje, alleluja.

Khwalmy Boha, alleluja!

Wšitkich je wón nas zwjeselił, alleluja!

Khwalmy Boha, alleluja!

(Auferstanden ist Herr Jesus Christ, halleluja.

Loben wir Gott, halleluja!

Von seiner schweren Marter, halleluja.

Loben wir Gott, halleluja!

Alle hat er uns erfreut, halleluja.

Loben wir Gott, halleluja!)

tönt litaneienhaft über den Klosterhof. Der Lärm der andren verstummt.

Manche versuchen den Text zu erfassen und sind schier verwundert, daß

ihnen das nicht gelingt, bis auf das Halleluja. Nach und nach kommt das

Bewußtsein, daß wendische Worte erklingen. Der Sang ebbt ab. Er erhebt

sich wieder in neuer Kraft, zweimal, dreimal, vielmal. Inzwischen hat

sich der Zug in Bewegung gesetzt. Dreimal reiten sie um das Rondel und

verlassen dann den Hof, um hinauszureiten in die Fluren. Da kommt auch

wieder Leben in die Massen. Die Eindrücke werden in Worte gekleidet.

Wahrscheinliches und Unwahrscheinliches wird vom Osterreiten berichtet.

Zumeist werden Bemerkungen daran geknüpft, die nur zu gut verraten,

daß die meisten von dem tiefen Sinn, der in dem Saatreiten verborgen

liegt, keine Ahnung haben. Auch Ausrufe der Enttäuschung werden laut.

Neben mir steht ein Ehepaar aus Frankfurt a. M., wahrscheinlich zur

Verwandtschaft derer von Neureich und Raffke gehörig. Beide sind in die

zahlreichen Umhüllungen gewickelt, die einen Automobilbesitzer, der

da weiß, was er seinem Auto schuldig ist, notwendigerweise zunehmen

lassen müssen an – Umfang. »Nun, wenn es weiter nichts ist!« so flötet

sie ihr Männchen an, »das ist ja schade um das viele Benzin!« Auch ein

Gesichtswinkel, in dem man sich zum Osterreiten einstellen kann.

[Illustration: Abb. 3 =Prozession der Crostwitzer Osterreiter durch

Schweinerden=

(Aufnahme J. Ostermaier, Blasewitz)]

Ein Zug Saatgänger bahnt sich durch die Menge. Auch hier Gesang in

Oktavenabstand von barhäuptigen Männern, von Frauen und Kindern. Sie

verschwinden im Innern der Kirche. Wieder war vorübergehend Ruhe.

Wieder erhebt sich der mühsam gedämpfte Lärm der Zuschauer. Nach

geraumer Zeit kommen die Crostwitzer Osterreiter an. Dasselbe Bild wie

vorher. Die Reiter sitzen aber schon lange im Sattel. Ihre Stimmen

haben schon viel hergeben müssen. Darum wird in einer Pause ein

frischer Trunk Klosterbier gespendet. Frisch war der Trunk auf alle

Fälle. Wenn das Bier noch so ist wie früher, dann war er auch gut.

[Illustration: Abb. 4 =Rast der Crostwitzer Osterreiter auf einem

Gutshofe in Schweinerden=

(Aufnahme J. Ostermaier, Blasewitz)]

Nachdem auch diese Reiter den Klosterhof wieder verlassen haben,

verläuft sich die Menge. Autohupen, Fahrradklingeln, Peitschen,

menschliche Stimmen lassen sich im freien Wettbewerb der Kräfte hören.

Froh ist, wer endlich dem Gewühle entronnen ist und die freie Straße

erreicht hat. Von links schallen die Klänge der »Stanył je horje Jězus

Khryst, alleluja!« herüber. Auf einem Feldwege tauchen erst bunte

Kirchenfahnen, dann Reiter und endlich der ganze Zug auf, der als

erster Marienstern verlassen hat.

[Illustration: Abb. 5 =Ankunft von Osterreitern vor dem

Zisterzienserinnenkloster St. Marienstern=

(Klostermauer an der Chaussee Bautzen–Kamenz Sa.)

(Aufnahme A. Heinicke, Freiberg)]

Osterreiten, Saatreiten. Es ist eine schöne Sitte aus alter Zeit, so

sagen die einen. Andre meinen, daß es eine rein katholische Sitte

sei, die mit Bittgängen, Wallfahrten usw. auf eine Stufe zu stellen

sei. Da bei uns in Sachsen dieser Brauch sich nur in den katholischen

Gegenden erhalten hat, so scheint diese Ansicht auch begründet zu sein.

In der Hauptsache aber sind Urteile und Ansichten zu hören, die eine

völlige Verständnislosigkeit gegenüber diesem Brauch im besonderen

wie gegenüber den Osterbräuchen im allgemeinen ohne Einschränkung

ausdrücken. Auch ein großer Teil der ländlichen Bevölkerung hat das

Bewußtsein des tieferen Sinnes dieser Bräuche verloren. Das wird den,

der die Entwicklung der letzten Jahrzehnte, ja Jahrhunderte aufmerksam

betrachtet, nicht verwundern. Die große Masse des Volkes ist dem

Boden entfremdet, von ihm entwurzelt. Die Entwicklung der Städte und

Industriebezirke brachte eine Anhäufung der Menschen auf beschränktem

Raume mit sich. Auch die ländliche Bevölkerung hat einen ähnlichen

Prozeß durchgemacht. Nachdem das Joch der Hörigkeit von ihr genommen

worden war, haben es einzelne verstanden, durch Bauernlegen immer mehr

Grund und Boden in ihre Hand zu bringen. Es ist berechnet worden,

daß in Preußen etwa ein Drittel des Bauernlandes in die Hand des

Großgrundbesitzes geraten ist. Eine Änderung im Grundeigentum konnte in

der Hauptsache nur durch Enteignungsgesetze vorgenommen werden, wenn

der reichlich enggefaßte Begriff des öffentlichen Interesses gegeben

war. Straßenbau, Bahnbau usw. waren solche Dinge, die ein erfolgreiches

Eingreifen ermöglichten. Die Spekulation machte aus dem Grund und

Boden ein Spekulationsobjekt. Die persönliche Verpflichtung dem Grund

und Boden gegenüber fehlt solchen Spekulanten ganz. Dagegen waren in

alteingesessenen Bauerngeschlechtern, auch wenn die Betriebe noch so

ökonomisch geleitet wurden, diese Bindungen rein gefühlsmäßiger Art

vorhanden. Eine Verbesserung oder »Melioration« des Besitzes wurde

mehr um des Bodens selbst willen vorgenommen als in der Hoffnung, durch

diese eine Wertsteigerung herbeizuführen und daraus möglichst bald

einen rein persönlichen Gewinn herauszuschlagen. Der Besitz war nicht

jedem Meistbietenden gegenüber feil. Der Erbe, das Geschlecht verspürte

den Segen dieser großzügigen Auffassung. Dieses Gefühl, ich bin nur

der Sachwalter meines Besitzes für die, die nach mir kommen, schuf die

Eigenschaften, die dazu berechtigten, den Beruf des Landwirtes als den

edelsten unter den rein praktischen Berufen anzusprechen. Der Bauer

war bodenfest. Leider geht diese verpflichtende Auffassung mehr und

mehr verloren. Heute wird auch die Landwirtschaft industrialisiert,

amerikanisiert. Stand früher nur der amerikanische Landwirt mit diesem

rein geschäftsmäßigen Brauch mit dem Industriellen Europas auf einer

Stufe, so können wir heute dasselbe Bestreben bei uns wahrnehmen. Das

aber will uns noch nicht in den Kopf, daß wir so das alte Bauerntum zum

Industrierittertum übergehen sehen sollen. Wir vermissen dann gerade am

Bauer die Eigenschaften, die ihn sonst auszeichneten. Mit Recht wird

darum in Bauernkreisen gegen diese Landflucht und Stadtsucht geeifert.

Bodenständigkeit im Sinne der Alten, Verpflichtung der einzelnen gegen

die Familie, der Familie gegen das Geschlecht, des Geschlechts gegen

den Stamm, des Stammes gegen das Volk, des Volkes gegen seinen Grund

und Boden, ohne den es ohnmächtig ist, aus dem es durch die einzelnen

Familien seine Kraft schöpft. So stellt der jeweils Lebende dann

nichts andres dar als das Sinnbild des lebenden Bodens, der in der

Vergangenheit das erwachsen ließ, was heute lebt. Der Lebende ist die

Summe der erfüllten oder nicht erfüllten Pflichten der Vergangenen.

Er soll sie tragen und sich verpflichtet fühlen von Familie über

Geschlecht und Stamm dem Volk und dessen Grund und Boden.

Nun muß offen zugestanden werden, daß sich in der Jetztzeit auch

Umwälzungen vorbereiten und vollziehen, die gerade das Verhältnis des

einzelnen zum Grund und Boden bessern wollen. Bodenreform, Siedlung,

Eigenheim, Erbbaurecht, um nur einiges zu nennen. Es ist das alte Lied,

daß dann harmonische Ruhe besteht, wenn Form und Inhalt einer Sache im

Einklang stehen. So auch hier.

Wenn die Form den Inhalt, der eine andere Form verlangt, in ihr zu

bleiben zwingt, dann entstehen notwendigerweise ebensolche Reibungen,

wie wenn eine neue Form einem alten Inhalt aufgezwungen wird. Je

verständnisvoller der Schrei nach dem Boden von den maßgebenden

Stellen vernommen wird, desto ruhiger wird sich der Umwandlungsprozeß

vollziehen, um so eher wird ein harmonischer Zustand wieder

herbeigeführt werden können zum Besten für alle.

Dann wird vielleicht einmal der einzelne, der jetzt solchen alten

Bräuchen verständnislos gegenübersteht, dieselbe oder ähnliche

innerliche Bewegungen erleben, die als Ausgangspunkt dieser Bräuche

anzusprechen sind, nämlich die Sicherung der eigenen Scholle

vor feindlichen Einflüssen. Dann werden diese alten Bräuche

nicht absterben, sondern – wenn auch in andren, zeitgemäßen

Erscheinungsformen – ihre Auferstehung feiern.

Wir wissen, daß unsre Vorfahren einst den erworbenen Grund und Boden

mit Feuer umschritten, wenn sie ihn in Besitz nahmen. Er sollte

gereinigt werden. Alle schädigenden Dämonen sollten verbannt werden.

Diese anfänglich nur einmalige Handlung wurde schließlich jährlich

beim Beginn der Feldarbeit und des Weideauftriebes vorgenommen, also im

Frühling. Darum auch die verschiedenen Termine von vor Ostern bis zum

Himmelfahrtstage. Man umschritt nicht mehr die Felder, man umritt sie

unter strenger Einhaltung der vorgeschriebenen Einzelhandlungen. Nach

nordgermanischen Quellen wurde Feuer umhergetragen, nach altdeutschen

Quellen können auch Götterbilder an die Stelle des Feuers getreten,

auch beides verwendet worden sein. Die Kirchenversammlungen eifern

fortgesetzt gegen diese Flurumgänge. Das Volk läßt nicht ab davon.

Darum verzichtet die Kirche auf die Ausrottung und hieß den Priester

mit dem Kruzifixus oder dem Schutzheiligen des Ortes oder der Maria im

feierlichen Zuge die Fluren segnend durchwandeln. Gesang, Glockenklang

begleitete die Schar. Lärmen, Poltern, Schlagen, Feuern, Fegen dienten

aber bereits in vorchristlicher Zeit zur Vertreibung der schädigenden

Dämonen oder Geister oder Seelen, die gerade vor Ostern eine ihrer

Urlaubszeiten hatten. In evangelischen Gegenden verblaßten die Bräuche

nach und nach. Am längsten hat sich das Ostersingen der Kinder noch

gehalten.

Wenn es unsrer Zeit gelingen sollte, den Landhunger zu stillen, dann

wird mancher dieselben Gedanken und Gefühle in sich verspüren, wenn

er sein Besitztum umschreitet, wie die Saatgänger und Saatreiter von

ehedem und von heute. Jedes Jahr wird er wünschen, daß der Boden den

in ihn verarbeiteten Fleiß und Schweiß mit guter Ernte segnen möge. Ob

das mit dem Priester oder ganz allein oder mit der Familie geschieht,

spielt dabei keine Rolle. Es bleibt eine Zwiesprache mit seinem Besitz,

der ihm neue Kraft, neues Leben schenken soll, also ein religiöses

Erlebnis: Verbundensein und Verpflichtetfühlen der Scholle gegenüber

als Nutznießer der Vergangenheit, als Vorarbeiter der Zukunft.

Noch eins ist mir beachtlich. Das ist der soziale Zug im Saatreiten.

Nicht der einzelne wünscht den Segen für seine Flur, sondern das ganze

Dorf, zwei Dörfer, eine ganze Landschaft. Einer fühlt sich dem andern

verpflichtet. Gleichmäßig soll der Boden den Segen auf die verteilen,

die er trägt.

Mag auch unsere Zeit, wenn sie den Landhunger einzelner zu stillen

vermag, dafür sorgen, daß diese nicht satt werden und träge und die

andern vergessen, sondern daß in allen das Verbindlichkeitsgefühl den

andern gegenüber wachbleibe wie unter den Saatreitern von Marienstern

und anderwärts.

Volkskundler und Enthusiast

Weite Kreise unsres Volkes bringen in der Gegenwart der Volkskunde

und ihren Stoffen mehr oder weniger aufrichtige Teilnahme entgegen.

Ja, wer den literarischen Markt als einen Gradmesser der vorhandenen

seelischen Bedürfnisse betrachtet, kann mit gutem Gewissen von einer

Hochkonjunktur der Werte sprechen, die von den Komplexen Heimat und

Volkstum bezeichnet werden. Der Grund dieser Erscheinung ist leicht

zu erkennen. Ein Volk, das vom Mutterleibe aus beherrschend seine

Glieder über die ganze Welt ausstreckte, mußte seine Hauptenergien

auf die Expansionsbewegungen der Glieder verwenden, hatte nicht Zeit,

dem Herzschlage seiner Brust zu lauschen. Nun ist die weltumspannende

energische Gestalt unsrer Volkskraft in ein klägliches Gebilde

zusammengeschrumpft, nun ist der Erdleib unsres Landes verstümmelt

worden; grausam zurückgeworfen von allem Drängen nach außen, finden wir

uns fassungslos in unserm Innern wieder. Und wie aus schwerer Betäubung

Erwachende greifen wir mechanisch nach dem, was uns am nächsten ist.

Und erst als die Starre unsrer Augen weicht, erkennen wir, daß wir in

unsern Händen Köstlichkeiten halten.

Die Menschen, die in einem innern Verhältnis zur Volkskunde stehen,

scheiden sich in zwei Typen. Der eine ist der des Volkskundlers. Er

tritt mit Objektivität und wissenschaftlichem Rüstzeug an seinen

Gegenstand heran. Seine Haupteinstellung ist im weitesten Sinne

kulturhistorisch. Dabei ist der Begriff kulturhistorisch nicht nur im

Sinne des Vergangenen zu verstehen. Für den wahrhaften Volkskundler

ist die Erkennung und Darstellung der unzähligen Lebensformen mit

ihren Ausstrahlungen innerhalb des lebendigen Volkes eine mindestens

ebenso wichtige Aufgabe wie Sammlung und Bearbeitung der Niederschläge

der Vergangenheit. Der Volkskundler leistet der Soziologie und

Volkswirtschaft wertvollste Dienste. In der seelischen Struktur des

Volkskundlers ist neben der theoretischen Einstellung ein starker

Gefühlseinschlag erkennbar. Diese Gefühlsschwingungen schaffen den

liebenswürdigen, lebenverstehenden und darum belebenden Typus des

gelehrten Volkskundlers, den wir alle kennen. Aber diese Gefühlsmomente

sind gebändigt in kritischer Beherrschung.

Neben dem Volkskundler steht heute als eine weitverbreitete Erscheinung

der Enthusiast. Besonders in gewissen Kreisen der Jugendbewegung ist

er zu finden. Seine Einstellung den volkskundlichen Werten gegenüber

ist durchaus gefühlsmäßig. Zwei Seelenhaltungen kreuzen sich und

ballen sich zu einer Einheit in seinem Innern: die ästhetische und

die nationale. Dieser Komplex wird von einem schwärmerischen Willen

in überwiegender Weise in die Vergangenheit getrieben. Da in dieser

Seelenstruktur gewisse Ähnlichkeiten mit der einiger Vertreter der

romantischen Bewegung vor reichlich hundert Jahren liegen, wollen wir

diesen Typus den romantischen Enthusiasten nennen. Der romantische

Enthusiast flieht die harte, nüchterne, individualistisch zerstiebte

deutsche Gegenwart. Er haßt die Zivilisation. In der deutschen

Vergangenheit, wie er sie sieht, findet er Kultur. Da herrschen strenge

Bindungen im Staatsleben, in Religion, Kunst, Gesellschaft. Und in

diese würdig-heiteren Zeiten sehnt er sich zurück. Allen Denkmalen

irgendwelcher Art, die aus diesen vergangenen Jahrhunderten bis zu uns

gekommen sind, zollt er rückhaltlose Bewunderung, stumme oder laute

Ehrerbietung. Elegisch ist die Grundstimmung seines Geistes. Sein Wille

wird aktiv, wenn er altes Volksgut zu neuem Leben zu erwecken sucht.

Von diesem romantischen Enthusiasten wollen wir einen andern

enthusiastischen Typus scheiden. Auch dieser wendet seine seelische

Kraft der deutschen Vergangenheit zu, aber er kennt nicht die

schwärmerische Melancholie des erstgeschilderten Typus. Sein Wille

erstrebt Gestaltung der deutschen Gegenwart und Zukunft durch deutsche

Vergangenheit. Da suchen die überschwenglichsten Geister in schauender

Ekstase die Urform deutschen Wesens zu erfassen, da trachten die

kühleren, besonneneren danach, die Kristallisationsgesetze der

Leibwerdung deutschen Geistes zu erkennen, beide aber beschauen

die deutsche Vergangenheit, um mit den gewonnenen Einsichten als

Richtlinien die deutsche Gegenwart zu gestalten. Nichts Abgestorbenes,

Entblutetes soll wieder verlebendigt werden, aber die machtvolle Kraft

deutschen Wachstumgesetzes soll neue Ringe, neue Äste, Laubwölbung

und Früchte hervortreiben. Wir grüßen dich, deutsche Jugend- und

Manneskraft, die an diesem Werke wirkt.

_Friedrich Sieber_, Löbau.

Eine sächsische Afrika-Expedition vor zweihundert Jahren

Von ~Dr.~ _Martin Große_, Dresden

Heimatboden und Heimatgeschichte gehören unauflöslich zusammen, und

so ist es recht und billig und dankenswert, daß der Landesverein

Sächsischer Heimatschutz nicht nur die heimatliche _Landschaft_ »allen

Gewalten zum Trotz« zu erhalten sich bestrebt, sondern daß er auch die

Förderung heimatlicher _Geschichte_ sich angelegen sein läßt und seine

»Mitteilungen« bereitwilligst der Erörterung kulturgeschichtlicher

Fragen öffnet. Dadurch lernt der außerhalb der grün-weißen Grenzpfähle

so gern bespöttelte Sachse sein Land und Volkstum lieben und stolz sein

auf das, was vergangene Jahrhunderte an wertvollem und erhaltenswertem

Kulturgut geschaffen haben.

Schon von diesem allgemeinen Gesichtspunkt aus gesehen, ist es sehr

verdienstlich, daß ~Dr.~ Koepert die Geschichte des Jägerhofes zu

Dresden bearbeitet hat. Der in Heft 10/12 (Bd. XI) veröffentlichte

Aufsatz, der die Baugeschichte, die kurfürstliche Menagerie, das

Jagdwesen usw. behandelt, führt aber auch aus der sächsischen

Heimat hinaus in den dunkeln Erdteil Afrika, indem er sich ziemlich

ausführlich mit der Hebenstreitschen Expedition nach Nordafrika

(1731/33) befaßt. Der Verfasser stützt sich dabei ausschließlich

auf den im Jahre 1865 von dem damaligen Archivdirektor K. von Weber

im Archiv für sächsische Geschichte (Bd. III) veröffentlichten

Bericht, während ihm eine im Jahre 1902 erschienene Arbeit[5], die

ausschließlich jene Reise zum Gegenstande hat, unbekannt geblieben zu

sein scheint.

Von den Hebenstreitschen Reisebriefen an den Kurfürsten August

den Starken erschien die eine Hälfte gedruckt 1783, die andere,

wichtigere gar erst 1865 in dem erwähnten Weberschen Auszuge. Einer

von Hebenstreits Reisebegleitern war _Christian Gottlieb Ludwig_,

damals ~stud. med.~ in Leipzig. 1709 in Brieg (Schlesien) geboren

und aus dürftigsten Verhältnissen stammend, verlebte er eine

sorgenschwere Kindheit und Studienzeit. Nach der afrikanischen Reise

vollendete er seine Studien und starb 1773 in Leipzig als Professor

der Medizin, Dekan und Mitglied vieler gelehrter Gesellschaften.

Die literarischen Fähigkeiten des jungen Ludwig erfreuten sich der

wohlwollenden Förderung Gottscheds. 1765/66 war der junge Goethe

regelmäßig Tischgast des Ludwigschen Hauses und hat dort vor allem in

naturwissenschaftlicher Beziehung mancherlei Anregung erhalten.

Erst zu Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts führte ein glücklicher

Zufall zur Entdeckung des von Ludwig verfaßten, wertvollen

handschriftlichen Reiseberichts in der Universitätsbibliothek zu

Leipzig (»~Observationes miscellaneae Durante Itinere Africano

Scriptae~, 1731/33«). Dieses Reisetagebuch von vierhundert

engbeschriebenen Quartseiten Umfang als Hauptquelle und andere

neuaufgefundene Akten und Handschriften lassen die sächsische

Afrikaexpedition von 1731/33 in einem ganz anderen Licht erscheinen

als früher. Die von einem sächsischen Fürsten ausgesandte, aus

sechs wissenschaftlich gebildeten Mitgliedern bestehende, in

einem großen Stil angelegte und nur zu wissenschaftlichen Zwecken

bestimmte Expedition eröffnet das Zeitalter der _wissenschaftlichen_

Forschungsreisen.

Es kann nicht Zweck dieses Aufsatzes sein, auf die Reise selbst

einzugehen, so wichtig ihre Stellung in der Geschichte der Entdeckungen

ist, wohl aber dürfte manchen unsrer engeren Landsleute die Vor- und

Nachgeschichte jener einzig dastehenden sächsischen Afrika-Expedition

interessieren.

Das Archiv der Generaldirektion der Staatssammlungen enthält

ein _bisher unveröffentlichtes_ Aktenstück, das sich auf die

Hebenstreitsche Afrikareise bezieht. Es umfaßt u. a. eine

Zusammenstellung Hebenstreits über seine und seiner Reisebegleiter

Pflichten, eine »Beylage derer Sachen, welche insonderheit anzuschaffen

mich äußerst bemühen werde« (~Quadrupedia~, ~Volabilia~, ~Insecta~,

~Pisces~, ~Partes animalium~, Vegetabilien, Marinische Gewächse,

Mineralien). Der in demselben Aktenstück befindliche ausführliche

_Reiseplan_, den Hebenstreit dem König überreichte, läßt uns einen

Begriff gewinnen, welche vielseitigen Aufgaben die Reisegesellschaft

zu erledigen sich vorgenommen hatte. Da dieser Reiseplan für die

Geschichte der Naturwissenschaften und der Forschungsreisen gleich

wichtig ist, sei er hier in seiner ganzen Ausdehnung wiedergegeben, und

das um so mehr, als er bisher noch niemals veröffentlicht worden, also

gänzlich unbekannt geblieben ist. Er hat folgenden Wortlaut:

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XII, Heft 4-6 · 第 5 / 7 段