Meilenzeichen sei auf die heutige Anlage verwiesen und hierzu noch
folgende Bemerkungen angeknüpft.
Für das Städtchen _Frankenberg_ gibt ein kurfürstlicher Erlaß vom 20.
November 1773 (Akten XXXI ~F~ 25 35547) auf Ansuchen die Genehmigung,
daß an Stelle mehrerer Torsäulen nur eine Marktsäule mit sämtlichen
Entfernungsangaben zu errichten sei. Die Verhandlungen darüber
zogen sich aber dann noch mehrere Jahre hin und die Akten endigen
schließlich, ohne ein Ergebnis erkennen zu lassen. In Übereinstimmung
mit der mündlichen Überlieferung, die noch heute in der Stadt fortlebt,
kann man also annehmen, daß der Obelisk ursprünglich am Marktplatz
gestanden hat. Um 1820 ist er bei Errichtung des Marktbrunnens nach
der Altenhainer Straße gebracht und vor etwa vierzig Jahren nochmals
nach seinem heutigen Platz südlich der Kirche versetzt worden.
Ausbesserungen sind 1909 und 1922 mit großem Geschick vorgenommen
worden, sodaß die Inschriften bis heute lesbar blieben. Da sie
ein besonders interessantes Bild von den Verkehrsbeziehungen und
Verkehrsmöglichkeiten eines sächsischen Landstädtchens in damaliger
Zeit bieten und nebenbei auch die Schwierigkeiten der brückenlosen
Straßen bei den regelmäßigen Überschwemmungen der Gebirgsflüsse
kennzeichnen, seien sie hier wiedergegeben:
1. an der Seite nach der Kirche:
Beym Baue nauß
Von Frankenberg nach
Sachsenburg St. ⁵/₈
Mittweyda 2 St. ¾
Rochlitz 6 St. ¼
1) Leipzig 16 St. ¼
Merseburg 27 St. ³/₈
9) Langensalza 53 St.
–––––––––––––-
7) Halla 29 St. ¹/₈
–––––––––––––-
1) Colditz 9 St. ½
Grimma 13 St.
–––––––––––––-
Leißnig 7 St. ⁷/₈
Wermsdorff 11 St. ⁵/₈
1) Torgau 8 St.
3) Wittenberg 28 St. ½
–––––––––––––-
Waldheim 4 St.
–––––––––––––-
Haynichen 3 St.
Döbeln
–––––––––––––-
1) Nossen ³/₈
2) Meißen 0 St. ¾
–––––––––––––-
2) Dresden 13 St. ¾
4) Budissin
1) Moritz
2. an der Seite nach der Stadtbrauerei und
3. wiederholt an der Seite nach der Kirchgasse:
Am Gasthoffe nauß
Von Frankenberg nach
1) Freyberg 6 St.
2) Dressden 13 St. ¾
––––––––––––––––––
Oederan 2 St. ⁷/₈
Sayda 8 St.
Brix 16 St.
––––––––––––––––––
Zur Altenh. Gasse nauß
Augustburg 3 St.
1) Marienberg 8 St.
Grenze 11 St.
Commothau 14 St.
Prag 36 St.
––––––––––––––––––
Bey großen Wasser
Flöhbrücke 1 St. ½
1) Chemnitz 4 St. ¹/₈
1725
4. an der Seite nach dem Handelschulgarten:
Durchs Wasser von Frankenberg nach
1) Chemnitz 3 St. ¹/₈
2) Annaberg 10 St. ⁵/₈
–––––––––––––
Schlettau 11 St.
Wiesenthal 15 St. ¹/₈
Grenze 11 St.
Carlsbad 21 St. ⁶/₈
–––––––––––––
2) Stollberg 7 St. ¹/₈
3) J. G. Stadt 16 St. ¹/₈
–––––––––––––
3) Schneeberg 11 St. ⁷/₈
–––––––––––––
2) Zwickau 10 St. ¾
1) Reichenbach 15 St. ⁷/₈
4) Plauen 20 St. ¾
Grenze 11 St.
5) Hoff 26 St. ¾
Nürnberg 62 St.
–––––––––––––
1) Poenig 6 St.
Zeitz 16 St.
3) Naumburg 22 St.
–––––––––––––
2) Mittweida 2 St. ⁷/₈
1) Leipzig 16 St.
Die zweite Distanzsäule ist für das Städtchen _Grünhain_ nachzutragen.
Im Aktenstück Grünhayn (~rep XXXI G~ 45 35553) finden wir die
Nachbarorte Schlettau, Zwönitz, Elterlein und Geyer mitbehandelt. Von
der Schlettauer Säule, die nach einem Erlaß vom 21. Februar 1727 an
Stelle von drei Torsäulen auf den Markt gesetzt werden sollte, habe ich
bis jetzt keine Spur entdecken können. Dagegen wurden die drei andern
Stadtsäulen bereits früher als vorhanden aufgeführt.
[Illustration: Abb. 1 =Erneuerte Distanzsäule in Frankenberg=]
Das Grünhainer Stück ist aus weißem Granit gefertigt und zeigt die
Formen eines Distanzobelisken ohne den plastischen Wappenzierat;
es sollte nach einem Befehl vom 20. Dezember 1723 vor dem Amtshaus
aufgestellt werden, ist also augenscheinlich später nach dem jetzigen
Platz an der Straße versetzt worden. Der Streit um die Kosten, der
übrigens auch durch einen umfänglichen Schriftwechsel aktenmäßig
bestätigt wird, lebt im Volksmunde, wie man mir mehrfach berichtete,
in folgender Gestalt weiter: Der Staat habe die versprochene Beihilfe
verweigert. Daraufhin hätten die Grünhainer das Wappenstück mit dem
kurfürstlichen und königlich polnischen Schildern zerschlagen, auch
habe man die Entfernungen gegen Chemnitz, Lößnitz und Schneeberg nicht
einmeißeln lassen und die Säule am Amtshaus weggenommen, um sie auf
städtischen Boden zu stellen.
Auf eine dritte wohlgepflegte Distanzsäule stoßen wir schließlich
in _Pegau_ an der Elsterbrücke. Ein Aktenheft von Pegau ist nicht
vorhanden, doch ergibt sich aus verschiedenen örtlichen Mitteilungen,
daß der Obelisk seit 1723 hier am Leipziger Tor gestanden hat, während
ein zweiter sich am Obertor befand. Der letztere ist seit 1873
verschwunden, während der andere durch den Verschönerungsverein unter
Beihilfe des Stadtsäckels und des Landesamts für Denkmalspflege mehrere
Male sorgfältig ergänzt und erneuert worden ist. Dabei hat man im
Jahre 1898 zum Regierungsjubiläum des Königs Albert, das verstümmelte
Wappenstück durch ein neues aus Nebraer Stein ersetzt und im Jahre 1922
farbig bemalt.
Diese drei städtischen Distanzsäulen sind bezeichnenderweise die
einzigen nachgemeldeten Funde von guter Beschaffenheit; alles übrige
stellt nur Bruchstücke und verstümmelte Reste dar. Da aber auch diese
geeignet sind, das einstige Bild vervollständigen zu helfen, so mögen
sie kurz geschildert werden.
Die _Tharandter_ Säule ist mit einem sechzig Zentimeter hohen, leidlich
erhaltenen Wappenteil erhalten, das am Mühlgraben gegenüber dem
Kurhaushotel bei einer kleinen Brücke aufgepflanzt ist.
Von einer der _Meißner_ Torsäulen steht der sechsundachtzig Zentimeter
hohe konische Teil mit Wappen und Inschriften jetzt im Privatgarten
Liebenecke bei Cossebaude. Angeblich stammt das Stück vom Lommatzscher
Tor und aus dem Jahre 1722.
Ein zwei Meter langes Bruchstück der Stadtsäule hat sich in
_Frauenstein_ in einem Privatgarten am Treffpunkte von Bahnhof und
Freiberger Straße erhalten. Auf Grund eines kurfürstlichen Erlasses
vom 7. Oktober 1723 wurde dem kleinen Bergstädtchen nachgelassen,
eine einzelne Marktsäule an Stelle von vier Torsäulen anzuschaffen.
Dieselbe Genehmigung erhielt nach dem gleichen Aktenheft im Jahre 1727
auch der Nachbarort Sayda; bei beiden Orten fehlt aber der aktenmäßige
Anhalt dafür, ob die Befehle ausgeführt worden sind. Während in Sayda
sich augenscheinlich nichts von der Distanzsäule erhalten hat, ist
in Frauenstein durch privates Interesse des früheren Bürgermeisters
das Wappenstück und der anschließende konische Stein mit verwitterten
Inschriften aus dem Schutt des großen Stadtbrandes von 1869 gerettet
worden.
Das Wappenstück einer Distanzsäule erwähnte ich früher als Nr. 5 des
Verzeichnisses im Hausflur des Rathauses von _Elstra bei Kamenz_.
Der Stein zeigt einen seltsamen rhombischen Durchschnitt und weist
noch einen eisernen Bolzen auf, mit dem er auf dem unteren Stück
des Obelisken eingelassen gewesen ist. Aktenmäßige Unterlagen sind
hier ebensowenig vorhanden, wie für das meterhohe Mittelstück
einer Distanzsäule, das im Heimatmuseum der benachbarten Stadt
_Bischofswerda_ steht (Nr. 60 des Verzeichnisses, Heft 4/6, 1922).
Die Inschrift 1724 und viele Entfernungsangaben, z. B. Reichenbach
36 Stunden, Hof 46 Stunden usw., sind gut erhalten und lassen darauf
schließen, daß der Stein wirklich aus Bischofswerda stammt.
Einige kümmerliche Bruchstücke des Wappenteiles wurden mir aus
_Lommatzsch_ gemeldet. Nach der allgemeinen augusteischen Anweisung
sollten auch dort zunächst vier große Distanzsäulen vor den vier
Toren aufgestellt werden; auf das Gesuch des Rates vom 1. September
1725 genehmigte der Kurfürst jedoch, daß nur eine Säule am Markt
und »tüchtige Armensäulen vor den Toren« gesetzt würden. Die
handgroßen Trümmer von Krone und Wappenspiegeln, die seit vierzig
oder fünfzig Jahren im Giebel einer Scheune des Apothekengrundstücks
an der Promenade eingemauert stecken, stammen also zweifellos von
dieser Marktsäule, die man hier, wie an manch anderem Orte, bei den
fiskalischen Chausseebauten um die Mitte des vorigen Jahrhunderts
beseitigt hat. Da sich aber doch nach den Beispielen von Frauenstein
und Lommatzsch auch anderwärts hier und da ein vernünftiger Mensch
gefunden haben könnte, der ein altersgraues Kunstwerk vor der
Vernichtung bewahrte, so verlohnt es sich vielleicht in mancher kleinen
und mittleren Stadt noch weitere Nachsuche nach solchen Teilstücken zu
halten.
Man mag dabei besonders auf die konischen Längsteile der Distanz- und
Meilensäulen achten, die mehrmals schon als Steinbank oder Türschwelle
wiederentdeckt worden sind.
Von den =Postmeilenzeichen= an der Straße sind gleichfalls noch eine
Anzahl unbekannter aber meistenteils unvollständiger Stücke zum
Vorschein gekommen.
Der schlanke Obelisk für die ganze Meile steht in _Schönfeld_ an der
»hohen Straße« von Großenhain nach Königsbrück, an der übrigens auch
noch eine Halbmeilensäule bei Sacka und ein Viertelmeilenstein bei
Quersa neu entdeckt wurden. Die Schönfelder Säule trägt gleich den
andern beiden den Namenszug und die Zahl 1722. Sie dient als Wegweiser
in der Nähe der Kirche und besteht nur noch aus dem konischen Teil,
während der Unterbau fehlt.
Eine andere Meilensäule wurde mir aus _Frankenhausen_ an der Pleiße
gemeldet. Posthorn und Jahreszahl 1726 sind sichtbar; der Rest der
Inschrift dagegen stark verwittert. Von dem leidlich erhaltenen Denkmal
ist die Spitze in etwa Meterlänge verschwunden und nur der eiserne
Verbindungsdübel noch sichtbar.
Über =Halbmeilensäulen= außerhalb Sachsens ist mir eine Meldung aus
Halle zugegangen, die ich nicht selbst nachprüfen konnte. An der
Landsberger Kunststraße, drei Kilometer nördlich _Kölsa_, soll sie bei
P. 109 der Generalstabskarte am nördlichen Straßenrand stehen und der
Deckplatte beraubt sein.
Über die _Halbmeilensäule im Wermsdorfer Staatsforstrevier_ (Nr. 77
des Verzeichnisses von 1922) sei bemerkt, daß ich bei einem Besuch im
Herbst 1922 die Deckplatte am Boden liegend fand, so daß auch dies
einzige vollständige Stück nun nachträglich Schaden erlitten hat.
[Illustration: Abb. 2 =Rest einer Meilensäule in Schönfeld= bei
Großenhain]
Eine andere Halbmeilensäule, die beim Kunststraßenbau ausnahmsweise
nicht zu Schotter gehackt worden ist, findet sich an der »Hohen
Straße« Großenhain–Königsbrück, und zwar wenige Schritte westlich des
Wegkreuzes _Sacka_–Glauschnitz, Tauscha–Röhrsdorf. Der Stein steht
ohne den üblichen Unterbau und ohne Deckplatte am Grabenrand und trägt
die Inschrift 1722.
Ein völlig modellgerechtes Stück, das am Fuß und Kopf ergänzt worden
ist, trifft man seit Herbst 1922 an der Kunststraße Freiberg–Oederan
bei Kilometer 6,4, gegenüber dem Oederaner Schützenhaus. Es verdankt
dem Architekten Reinhard Kempe in Oederan seine Auferstehung. Das
Mittelstück hatte dort seit undenklichen Zeiten als Bank gedient und
fiel dem Entdecker durch seine konische Form auf. Beim Umwenden kam
die nach unten liegende Inschrift »~AR.~ Oederan ½ St., Chemnitz
5¼ St. [Posthorn] 1722« zutage und ließ den Ursprung erkennen.
Der Erzgebirgsverein Oederan und das Landesamt für Denkmalpflege
stellten die Geldmittel für die Ergänzung und Wiederaufstellung
zur Verfügung und so ist durch gemeinsame Bemühungen dort an der
großen erzgebirgischen Querstraße, inmitten einer schönen Baumgruppe
wenigstens ein vollständiges Beispiel für die Nachwelt erhalten worden.
[Illustration: Abb. 3 =Ergänzte und wieder aufgestellte Halbmeilensäule
am Schützenhaus von Oederan=]
Noch größer als die Zahl der Halbmeilensäulen, ist die der
wiederentdeckten Viertelmeilensteine.
Außerhalb Sachsens wurde mir – in Verbindung mit einer Halbmeilensäule
– eine Viertelmeilenplatte am Westrande der Kunststraße Halle–Landsberg
bei _Gerbisdorf_, und zwar hundert Meter nördlich vom Südwestende des
Dorfes gemeldet. Sie soll dem einstigen Modell in Umriß, Profilierung
und Größenverhältnissen durchaus ähnlich sein. Die Sockelplatte liegt
daneben im Grase und die Inschriften erscheinen kaum noch leserlich.
Ein anderes Viertelmeilenzeichen mit der Zahl 1722 steht an der schon
mehrmals erwähnten »Hohen Straße« auf Flur _Quersa_ am Wegkreuz
Schönfeld–Quersa, Lampertswalde–Mühlbach. Es ist stark verwittert und
ohne Unterbau und Oberteil einfach am Feldrand aufgerichtet.
Ein guterhaltener Viertelmeilenstein vom Jahre 1724, dem jedoch die
dreieckige Oberplatte fehlt, findet sich bei Schwarzenberg am Wegkreuz
Antonstal–Unterrittersgrün, Crandorf und _Breitenbrunn_. Er hält die
richtige Entfernung zu dem Meilenobelisk von Crandorf ein und dürfte
zu einem alten Gebirgsübergang gehört haben. Vielleicht lohnt es sich,
gerade dort in den einsameren Gebirgswäldern, die vom Kunststraßenbau
verschont blieben, noch eine Suche nach weiteren Steinen in südlicher
Richtung vorzunehmen.
Eine Porphyrplatte mit Posthorn, Namenszug und 1722 steht jetzt im
Rittergutsgarten zu Kötteritzsch bei Großbothen. Der Rittergutsbesitzer
~Dr.~ Becker hat das Teilstück vor etwa fünfundzwanzig Jahren im
Straßengraben des Weges Kötteritzsch–Großbothen in halbversunkenem
Zustand aufgefunden und auf sein Grundstück gerettet. Das
Viertelmeilenzeichen mag, ebenso wie die Meilensäule von Ballendorf (am
Weg Lausigk–Colditz), zu einer Verbindung von Leipzig über Grimma nach
Colditz gehört haben.
Ein andres rechteckiges Hauptstück mit Posthorn, Namenszug und 1727 ist
in die Stützmauer an der Straße von Bahnhof _Wolkenstein_ nach Drehbach
in etwa fünfhundert Meter Entfernung vom Bahnhof eingebaut. Mehrere
andere Funde sind noch aus dem Verzeichnis, Anlage ~b~, zu entnehmen.
Neben all diesen neuentdeckten Postmeilenzeichen, von deren
Vorhandensein ich mich entweder zumeist persönlich oder durch
vorgelegte Photographien überzeugt habe, sind mir noch eine Anzahl
weiterer Stücke gemeldet worden, deren Zusammenhang mit der
augusteischen Poststraßenbezeichnung fraglich erscheint und noch
der Prüfung bedarf. So sah ich bei meinem nachträglichen Besuch im
Wermsdorfer Staatsforst, daß die vermeintliche Viertelmeilenplatte auf
Forstabteilung 25 (Nr. 78 des Verzeichnisses von 1922) dem vorigen
Jahrhundert und seinen Chausseebauten entstammt und nichts mit August
dem Starken zu tun hat. Auch sonst werden diese Meilensteine von 1830,
die im Gegensatz zum originalgetreuen Viertelmeilenzeichen keine
Spitze sondern einen walzenförmigen Abschluß und zwei gußeiserne
Kronen an den Seitenflächen tragen, sehr häufig mit der kurfürstlichen
Poststraßenbezeichnung verwechselt, so daß ich manches der mir
mitgeteilten Fundstücke nicht aufnehmen konnte. –
[Illustration: Abb. 4 =Rest eines Viertelmeilensteins bei Quersa=]
Neuere Drucksachen über die Postzeichenfrage im allgemeinen
sind mir nicht zu Gesicht gekommen, sehr groß dagegen ist die
Zahl älterer Kupferstiche, Holzschnitte und Gemälde, auf denen
verschwundene oder vorhandene Meilensteine als Schmuckstück des
Landschafts- und Städtebildes erscheinen. Ich muß es aber – schon
aus Sparsamkeitsrücksichten – unterlassen, das frühere unter ~B b~
begonnene Literaturverzeichnis fortzuführen, zumal die Aufzählung all
dieser schwer erreichbaren Bücher oder Einzelblätter wohl wenig
praktischen Wert hätte. Besondere Entdeckungen wären damit heutzutage
ebensowenig in der Landschaft zu machen, wie mit Hilfe der Standorte,
die aus einigen Akten hervorgehen; habe ich doch sogar auf vielen
Fußwanderungen, Rad- und Autofahrten bereits vergeblich nach denjenigen
lückenhaften Reihen von Meilenzeichen gesucht, die der Oberreitsche
Landesatlas zu Anfang des vorigen Jahrhunderts – also hundert Jahre
nach ihrer Errichtung – noch als vorhanden nachweist. Wenn es also auch
sehr interessant sein mag zum Beispiel auf den Dresdner Stadtplänen
Heßlers von 1833 noch die Distanzsäulen am Pirnaischen Schlag, am
Bautzener Platz und Leipziger Tor durch ~M. S.~ bezeichnet zu finden,
oder in einer Chemnitzer Stadtbeschreibung von E. Weinhold die
Obelisken an der Annaberger Straße und Zwickauer Straße abgebildet zu
sehen, so steht bekanntermaßen dort nirgends ein Stein mehr.
Weiteres planmäßiges Forschen auf Grund bildlicher und literarischer
Unterlagen hat also keinen Zweck, dagegen mögen die bekanntgewordenen
und die noch ans Licht kommenden Stücke aller Art und Größe in Zukunft
um so sorgfältiger erhalten bleiben.
Anlage I
Nachtragsverzeichnis vorhandener Postmeilensäulen
~a~) Distanzsäulen
80. _Aue._ Bruchstück, Granit. Mitt. XI 7./9. Früher am Markt.
81. _Frankenberg_ [1725]. An der Kirche. 1909 und 1922
erneuert. Frankenberger Tageblatt vom 26. September 1909.
82. _Frauenstein._ Ohne Spitze und Postament. Im Privatgarten
an der Freiberger Straße beim Bahnhof.
83. _Grünhain._ Früher am Amtshaus. Jetzt an der Hauptstraße.
Weißer Granit.
84. _Lommatzsch._ Unbedeutende Bruchstücke des Wappenstücks.
Eingemauert in der Apothekenscheune an der Promenade.
85. _Pegau_ [1723]. An der Leipziger Straße bei der
Elsterbrücke. Sandstein. 1898 und 1922 erneuert. Pegauer
Zeitung vom 4. Juni 1923.
86. _Tharandt._ Wappenstück. Am Mühlgraben in der Nähe des
Kurbadhotels. Sandstein.
~b~) Meilenzeichen
87. _Breitenbrunn_ [1724]. bei Schwarzenberg. Viertelmeilstein.
Ohne Deckplatte. Am Wegkreuz Breitenbrunn–Krandorf,
Antonstal–Unterrittersgrün.
88. _Frankenhausen_ [1726]. an der Pleiße. Meilensäule ohne
Spitze.
89. _Gerbisdorf_ bei Halle. Viertelmeilplatte an der
Kunststraße Halle–Landsberg. Nördlich des Dorfes.
90. _Großhennersdorf_ bei Herrnhut. Meilensäule an der Straße
nach Bernstadt, südlich der Fichtelschenke. 3,20 Meter hoch.
_Kölsa_ bei Halle. Halbmeilensäule? An der Kunststraße bei ~P~
109 der Karte 1 : 100000.
_Kötteritzsch_ bei Lausigk. Viertelmeilplatte ohne Spitze und
Unterbau. Seit fünfundzwanzig Jahren im Rittergutsgarten.
_Neukirchen_ an der Pleiße. Meilensäule? Zwischen Friedhof und
Rittergut.
_Oederan._ Halbmeilensäule. An der Kunststraße nach Freiberg
bei Kilometer 6,4.
_Quersa_ [1722]. bei Großenhain. Viertelmeilstein ohne
Auf- und Untersatz am Wegkreuz Quersa–Schönfeld,
Lampertswalde–Mühlbach.
_Sacka_ [1722]. bei Königsbrück. Halbmeilensäule ohne
Deckplatte und Unterbau. Achtzig Meter westlich vom
Straßenkreuz Sacka–Glauschnitz, Tauscha–Röhrsdorf.
_Schönfeld_ [1722]. bei Großenhain. Meilensäule. Ohne Unterbau.
Als Wegweiser bemalt. An der Dorfstraße bei der Kirche.
_Wolkenstein._ [1727]. Viertelmeilplatte. Eingemauert in der
Straßenböschung nach Drehbach. Fünfhundert Meter vom
Bahnhof Wolkenstein.
_Zschopau._ Zerbrochene Meilensäule. An der Straße
Marienberg–Zschopau bei Einmündung der Straße von
Börnichen. In zwei Teilen am Boden liegend.
Osterreiten zu St. Marienstern
Von _Karl Lucas_, Meißen
Kindheitserinnerung steht vor mir: Osterreiter auf der Straße nach
Schwarzadler zwischen Storcha und Radibor. Wie habe ich damals erstaunt
und verwundert die schönen Pferde mit den wundervollen Mähnen und
Schweifen, mit dem feinen Zaumzeug und dann die bunten Fahnen beschaut.
Das andre war mir Knirps von acht bis zehn Jahren unverständlich. Dann
bin ich immer stolz gewesen, wenn vom Osterreiten in der Wendei die
Rede war. Ich konnte sagen: »Ja, das habe ich schon gesehen.« Da stieg
mein Ansehen unter den Chorschülern der Sophienkirche zu Dresden. Ich
mußte manches davon erzählen. Ob ich dabei ganz wahr geblieben bin, ob
meine Phantasie mit mir durchgegangen ist, ich vermag es heute nicht
mehr zu sagen; die es damals mit angehört haben, wohl auch nicht mehr.
Es ist schon lange her. Die Heimat sah mich wieder, neun Jahre lang.
Dann trug mich das Lebensschifflein an ein andres Ufer. Doch ich weiß
meinen Fuß immer wieder nach der alten Heimat zu lenken. Sind es die
Berge, sind es die Täler, die Wasser, die Lebenden, die Toten? Ich
vermag es nicht zu sagen. Die Heimat hat mich, ich habe sie. Und ich
bin froh dabei. _~Salve Lusatia!~_
[Illustration: Abb. 1 =Abteigebäude und Klosterkirche St. Marienstern=
(Aufnahme A. Heinicke, Freiberg)]
Kloster Marienstern wollte ich schauen, und zu mehreren Malen habe
ich dort geweilt. Die Stille des Klosterhofes nahm mich gefangen.
Links die Kirche mit ragendem Turme. Dann die Klosterhäuser, profanem
Besuche verschlossen, der Löwenbrunnen (böhm. Löwe, aus der Zeit
der Zugehörigkeit der Lausitz zu Böhmen), Bäume, Blumenbeete, ein
Rasenrondel, ragende Heilige. Rechts stehen die Gebäude, die des Leibes
Notdurft sichern helfen. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, er lebt
auch nicht vom Wort allein. Hinterm Sägegatter der feine stille Garten:
schmiegsame Wege, stille Weiher, dazu ein Kranz von Wiesen und Büschen;
da und dort versteckt ein ~Ecce homo~, eine ~Maria benedicta~ und doch
auch ~mater dolorosa~. Im Kircheninnern gedämpftes Licht, Sonnenglanz
an bunten Scheiben, schlanke Pfeiler, Weihrauchdüfte, stille Beter,
auf einer Bank im Angesichte des Hochaltars ich Weltkind mitten innen.
Nicht schlug das Kreuz mir meine Hand, nicht netzt’ geweihtes Wasser
mir die Stirn. Das Knie ging nicht zur Beuge mir, kein Rosenkranz, der
durch die Finger glitt. Und doch! Ich hatt’ mich selbst vergessen, war
nicht mehr ich, war irgendwer, war irgendwas, war irgendwo. Die Nonnen
eilten still geschäftig mit Blumen da und dorten hin, nie fehlend der
befohlnen Ehrerbietung vor dem und jenem, das mir rätselhaft verblieb.
Mit Blumen schmückten sie des Altars Stufen, die Simse und wo sonsten
Platz noch war. Weiße, reichgestickte Decken wurden ausgewechselt.
Alles still, auch ich.
Sind es die strebenden Pfeiler, die den Sinn vom Boden in die
Unendlichkeit hinaus zu lösen vermögen, daß wir uns fühlen, frei von
allen Schranken unsers Ichs, als ein dienend Glied in dem Zusammenhang
des Weltenalls? Ich weiß, daß das gleiche Gefühl bei mir einkehrte in
der Oybiner Ruine, über deren dachlose Mauern die Baumkronen zu einem
grünen Baldachin zusammenstrebten; in der Bautzener Nikolairuine, in
der zur Winterszeit der weiche Schnee alles abrundend deckte, und über
der der dunkle Himmel in seltner Sternenpracht mit den ragenden Wänden
in der Finsternis zu einem Bauwerk von unendlicher Höhe zu verschmelzen
schien; im hohen Walde zur frühsten Morgenstunde, wenn goldne Tinten
den Himmel übergossen, wenn Sonnenfünkchen im Taubehang der Baumwipfel
sich badeten, während über See und Heide noch der düstre Nebel dampfte.
Wieder sah ich Marienstern, als ich am Karfreitag vom Wohlaer Ländchen
her nach Osten fuhr. Auf den Feldern, in denen reiche Sonnenwärme
neues Leben weckte, stampften schweren Schrittes stattliche Pferde mit
eingeflochtenen Mähnen und Schweifen. Ostersamstag. In Bautzen zeigten
sich Wagen, vor denen Pferde gelöste, schön gekräuselte Mähnen und
lange Schweife im Lockengewirr zur Schau trugen. Euch werde ich morgen
alle wieder schauen!
[Illustration: Abb. 2 =Ruhepause der Crostwitzer Osterreiter bei
Schweinerden=
(Aufnahme J. Ostermaier, Blasewitz)]