gab es zunächst einen starken Schreck und meine alte, wohlbegründete
Vorstellung von Turmfalkens Verhalten gegenüber ihrer befiederten
Mitwelt erhielt einen neuen Stoß. Auf der inneren Ecke des Sockels
der zweiten Säule stand Frau Turmfalk und zerfleischte einen kleinen
Vogel. Nur ein paar Augenblicke zögerte ich – dann trat ich näher, die
Alte verscheuchend. Und nun sah ich auf der erwähnten Ecke die Reste
von _drei_ Vögeln liegen! Es waren nur noch die hintersten Rumpfteile
und die Beine übrig. Konturfedern fehlten vollständig, so daß an ein
Erkennen der Arten aus der Ferne nicht zu denken war. Ich gestehe,
daß mir in diesem Augenblicke wenig daran gelegen war; dagegen trieb
mich ein aufkommender Gedanke dazu, nachzusehen, was während meiner
Abwesenheit vermutlich im Neste geschehen war; und richtig: Es waren
zwei Junge ausgekommen, das zweite wahrscheinlich erst kurz vor meinem
Eintreffen, da noch die Eischale im Neste lag, die gewöhnlich kurz
nach dem Auskriechen der Jungen von den Alten vorsichtshalber aus dem
Nest entfernt wird. Die beiden Jungen verlangten heftig, wenn auch
mit recht schwacher und heiserer Stimme nach Nahrung, und das bot
mir zugleich die Erklärung für die unerhörten Mordtaten der Eltern!
Sie wurzelten in der Fürsorge der Alten um die Jungen, deren Hunger
zu stillen, oder kurz, deren Erhaltung auch bei den Vögeln ein so
starker Naturtrieb ist, daß sie selbst vor dem Schlimmsten nicht
zurückschrecken. Ich erwog ferner, daß die so überaus ungünstige kalte
und nasse Witterung unter den sonst in Überzahl auftretenden Feldmäusen
sehr stark aufgeräumt hatte, daß der oft fette und hohe Stand der
Wiesen und Felder die wenigen Feldmäuse ebenso barg wie die Käfer usw.,
die gleichfalls gern von Turmfalkens verspeist werden. Ja, ich dachte
auch daran, daß es gerade jetzt einem Bruchteil des deutschen Volkes
ähnlich erging wie Turmfalkens, indem er lediglich aus drückender Not
Diebstähle oder vielleicht noch Schlimmeres begeht, um das eigene Leben
und das der Kinder zu retten! – Nachdem ich mich auf diese Weise selbst
etwas beruhigt hatte, widmete ich meine Aufmerksamkeit den beiden neuen
Ankömmlingen, natürlich mit Hilfe des Spiegels. Sie trugen zunächst nur
ein schneeweißes Hemdchen, das aus sehr zarten Flaumfedern bestand, von
denen die verhältnismäßig großen schwarzen Augen des einen Nestlings
auffallend abstachen, während die des andern noch geschlossen waren.
Hilflos lagen die Kleinen im Nest neben den übrigen drei Eiern, dazu
tobte ein sehr kalter Sturmwind durch das offene »Kinderzimmer«, so daß
ich die Rückkehr der fürsorglichen, schützenden und wärmenden Alten
nicht länger verzögern wollte und eiligst wegging.
Zwei Tage später fiel mein erster Blick auf einen auf der bewußten Ecke
liegenden, wiederum fast aufgezehrten Vogel; es war allem Anschein nach
eine Lerche. Im Nest dagegen gewahrte ich einen dritten Nachkommen. Die
zarten, fast tonlosen Stimmen klangen mir wie gjeg und gjej.
Am Sonnabend, dem 16. Juni, fand ich kein Beutetier vor, dafür aber
lagen auf dem Boden von Turmfalkens Wohn- beziehungsweise Kinderzimmer
zahlreiche Federn, von denen der Sturm mir einige zutrieb. Es waren
die Schwanzfedern eines Grünfinken, der sicherlich kurz vorher von den
Jungen verspeist worden war. Ihre Zahl war auf vier gestiegen, während
das fünfte Ei noch keinerlei Veränderung zeigte.
Montag, den 18. Juni, traf ich zum ersten Male Herrn Turmfalk, der eine
graublaue Kopfbedeckung trug, bei seinen Kindern an. Auf der mehrfach
erwähnten Sockelecke, die entschieden die Rolle eines Anrichtetisches
spielte, lag endlich einmal eine Maus, und zwar eine Waldwühlmaus. Es
war ein schönes Stück mit braunrotem Pelz, aber ohne Kopf, der wie
mit einem Messer abgeschnitten zu sein schien. Sonst war an dem Tiere
nichts geschehen. Das Kleid der jungen Turmfalken war noch schön weiß,
der Schnabel ganz hell, die Wachshaut gelb, die Augenlider heugrünlich.
Der Hunger schien, dem andauernden Schreien nach, sehr groß zu sein. Es
dauerte auch nicht lange, da kam der Alte, der kurz nach meiner Ankunft
unter zahlreichen ki...-Rufen (~a~₃–~h~₃) abgestrichen war, zurück,
und zwar mit den Resten eines Vogels. Ich hörte noch einige leise gjij
und gjäj des Alten; von der Fütterung konnte ich leider nichts sehen.
Einige Zeit danach saß das Elternpaar wieder drüben an der bekannten
Stelle des Kreuzturms.
Bei meinem nächsten Besuch am 21. Juni traf ich Frau Turmfalk beim
Füttern ihrer Jungen an, die schon lebhaft auf sie einstürmten,
obgleich sie auf den Beinen noch sehr schwach waren. Vorsichtig gab
die Mutter einem jeden die Bissen unter Kreuzung der Schnäbel in die
weit aufgesperrten Rachen. Was verfüttert wurde, konnte ich aus meinem
Versteck jedoch nicht erkennen. Nach der Fütterung deckte die Alte das
junge Volk wieder mit ihrem wärmenden Körper zu, was bei der naßkalten
Witterung sehr nötig war. Leider wurde die Alte nach einiger Zeit
meiner ansichtig und strich ab, wobei sie jedoch nicht mehr so erregt
war wie früher; erst vom Kreuzturm her drangen ein paar ki...-Reihen
und wriiii-Rufe an mein Ohr. Auf dem »Anrichtetisch« lag wieder das
letzte Überbleibsel eines kleinen Vogels. Dann trat natürlich der
Spiegel in Tätigkeit, und da entdeckte ich sofort, daß außer dem Ei
nur noch _drei_ junge Turmfalken da waren! Wohin das vierte Junge
gekommen war, blieb rätselhaft. Es gab wohl nur zwei Möglichkeiten:
entweder war es krank gewesen beziehungsweise verendet und die Alten
hatten es dann beseitigt, oder es war, vielleicht als das Jüngste
und Schwächste, von den Dohlen, die sich gerade in jenen Tagen viel
um den Rathausturm herumtrieben, geraubt worden. Die übrigen drei
Kleinen hatten schon wieder Fortschritte gemacht; besonders das eine
– wahrscheinlich älteste – sah schon andauernd sehr gespannt zu mir
herauf: in dem kleinen Vogelköpfchen war das Bewußtsein beziehungsweise
das Erkenntnisvermögen erwacht und der Geist begann seine Tätigkeit.
Am 25. Juni war wiederum der Vater am Nest. Es beteiligten sich also –
wie es sich gehört – beide Eltern an der Aufzucht der Kinder. Von Beute
war nichts zu sehen. Die immer grauer gewordenen Flaumfedern waren
ebenso wie der ganze Körper stark gewachsen. Vom späteren Obergewand,
den sogenannten Konturfedern, ragten nur die Schwanzfedern etwas hervor
und zeigten bereits die breite schwarze Binde vor dem schmalen sehr
hellen, aber nicht weißen Endsaum. Da das letzte Ei immer noch nicht
ausgebrütet war und es außerhalb des Nestes lag, fischte ich es mittels
eines an einem langen Stabe befestigten kleinen Pappkästchens, wie sie
zum Aufbewahren von kleinen Filmrollen dienen, heraus. Es zeigte keine
Spur der Bebrütung. Eiweiß und Dotter waren noch tadellos erhalten und
völlig geruchlos; es war also ein sogenanntes Windei, das seinerzeit
nicht befruchtet worden war. Die Länge betrug 4,0 Zentimeter, die
Breite 3,2 Zentimeter.
[Illustration: Abb. 1 =Junge Turmfalken= im Alter von ungefähr zwei
Wochen, schräg von oben aufgenommen]
Interessant war das Verhalten der jungen Vögel, über die ich weglangen
mußte. Sie suchten den Eindringling abzuwehren, indem sie die Schnäbel
so weit wie möglich aufsperrten und fauchende Geräusche hören ließen.
Ja, sie lehnten sich sogar stark rückwärts und arbeiteten mit hackenden
Bewegungen des scharfen Schnabels und mit rasch sich folgendem
blitzartigen Vorschnellen der krallenbewaffneten Beine gegen den
vermeintlichen Feind. Ich gestehe, daß ich glücklich war, nicht mit der
Hand in die Nähe der Jungen gekommen zu sein; sie hätte sicher ein paar
tüchtige »Treffer« erhalten. Nachdem die kleine Gesellschaft sich etwas
beruhigt hatte, wagte ich eine Aufnahme mittels einer mir freundlichst
zur Verfügung gestellten »Icarette« (6×6). Es geschah auf gut Glück, da
einmal eine sehr freihändige Augenblicksaufnahme nötig und dabei ein
sicheres Einstellen in bezug auf Richtung und Entfernung kaum möglich
war. Dazu hing der Himmel voll schwerer, dunkler Wolken. (Siehe Abb.
1.)
Von den späteren Besuchen, bei denen ich die Jungen in der Regel
allein antraf, so daß ich nicht mehr in dem Maße störte wie früher,
sei nur noch einiges erwähnt. Am 2. Juli hatte die Natur an dem
Hauptkleide schon wieder weiter gearbeitet. Die Schwung-, Eckflügel-
und Schulterfedern ragten schon stark aus dem Daunenkleide heraus,
nur ihr unterer Teil steckte noch in der Scheide. Während ich den
photographischen Apparat zur neuen Aufnahme vorbereitete, kam die
Alte und fütterte. Mit der nötigen Zurückhaltung konnte ich wieder
schön beobachten, ohne jedoch die Art der Nahrung selbst feststellen
zu können. Die Jungen ließen dabei ihre Stimme reichlich hören, die
früheren kjej und kjij waren zu kiiiiije geworden (mit etwas sirrender
tonlicher Beigabe). Der Apparat erregte später die gespannteste
Aufmerksamkeit der Jungen. Sie reckten erstaunt die Hälse und nahmen
teilweise auch sofort die bereits erwähnte Verteidigungsstellung
ein, doch hatten sie sich in dem Augenblick, in dem ich den Apparat
in die richtige Stellung gebracht zu haben glaubte, schon wieder
etwas beruhigt. (Leider ist die Aufnahme infolge des sehr trüben,
regnerischen Wetters mißlungen.) Am 4. Juli erhielt mein Besuch eine
sehr schmerzliche Einleitung. Als ich am Fuße des Turms kurze Zeit
wartete, bemerkte ich in einer Ecke des Hofs einen toten jungen
Turmfalken, der sicherlich abgestürzt war. Tatsächlich traf ich oben
nur noch zwei Jungvögel an, welche je auf einer inneren erhöhten
Ecke der Säulensockel saßen. Der dritte mochte wohl eine äußere Ecke
erklommen haben und vielleicht beim Herabspringen über den Rand
hinabgestolpert sein, waren doch die Jungen auf den Beinen noch
sehr unsicher, und irgend etwas zum Anklammern war nicht vorhanden.
Auf ihrem erhöhten Sitze konnte ich die zwei Jungvögel durch den
gegenüberliegenden Spalt recht gut beobachten. Neue, in der Hauptsache
rotbraune Federn waren zum Beispiel auf dem Oberrücken durchgekommen
und auf der Unterseite verlief je ein ganz schmaler Federstreifen neben
der Mittellinie und von den Seiten des Halses nach den Weichen. Kopf
und Unterrücken, Bürzel, Oberschenkel und fast die ganze Unterseite
waren ebenso wie die Flügelhäute noch von dichten und auffallend
großen Flaumfedern bedeckt, die den Vögeln ein verhältnismäßig
recht struppiges Aussehen gaben. Die so sehr starke Entwicklung des
Daunenkleides dürfte mit der überaus kalten und nassen Witterung in
Verbindung stehen, ist doch die diesjährige Junidurchschnittstemperatur
um 4,21° hinter der des Vorjahres zurückgeblieben![3] Ein bescheidener
Annäherungsversuch meinerseits ließ besonders den einen fauchenden
Jungvogel die schon oben geschilderte Verteidigungsstellung einnehmen
und dazu sehr energische wriiiii-, wriiiii-Rufe ausstoßen. Also auch
die Stimme hatte Fortschritte gemacht!
Hiernach sammelte ich noch ein paar zum Teil ältere Gewölle, die sich
durch ihre Größe als von den Eltern herrührend erwiesen. Sie enthielten
neben Mäusehaaren wieder einige Knochenreste, darunter besonders einige
Oberschnäbel (~Os intermaxillare~) von Kleinvögeln, sowie spärliche
chitinöse Überbleibsel von einem Lauf- und einem Mistkäfer.
Am 9. Juli war das Oberkleid der beiden Jungen so weit fertig, daß
das graue Hemd nur noch an einer Stelle – nämlich am Unterrücken –
heraussah. Nicht ohne Mühe konnte ich ein paar Unterschiede in der
Kleidung der Jungen feststellen. Bei dem einen war auf dem Schwanz ein
bläulicherer Schein sichtbar als beim andern. Außerdem zeigten seine
Wangen einen vom vorderen unteren Augenrand hinter dem Schnabelwinkel
schräg nach unten und hinten verlaufenden schwarzen Streifen, der
bei dem andern Jungvogel weniger hervortrat. Im übrigen trugen die
beiden Geschwister die gleiche Kleidung, und zwar eine ganz ähnliche
wie ihre Mutter, wobei daran erinnert sei, daß auch bei uns Menschen
die kleinen Knaben oft mädchenhafte Kleider tragen. Sehr interessant
war der Charakterunterschied der beiden Jungen. Während das eine sich
mehr oder weniger gleichgültig, ja stumpf verhielt, war das andre sehr
leicht erregbar; es setzte sich beim geringsten Anlaß zur Wehr und
fauchte, als ob es schon ans Leben ginge. Eine photographische Aufnahme
ließ es sich dagegen, obschon unter gespanntester Aufmerksamkeit, ruhig
gefallen. (Siehe Abb. 2.)
[Illustration: Abb. 2 =Die letzten zwei jungen Turmfalken= im Alter von
ungefähr vier Wochen]
Weitere Beobachtungen verschob ich auf einen späteren Tag, da ich
fürchtete, durch allzu starke Beunruhigung die Jungen zu einem zu
zeitigen Abflug zu veranlassen, der einen tödlichen Absturz zur Folge
haben könnte. Doch hatte ich die Rechnung ohne die beiden Jungen
gemacht; denn als ich wiederkam, war das eine schon ausgeflogen und
das andre schien auch nicht mehr lange daheim bleiben zu wollen. Ohne
daß ich ihm zu nahe getreten wäre, begab es sich bald nach einer
vorspringenden Ecke eines der Säulensockel, wohin ich ihm nicht einmal
mittels des Spiegels folgen konnte.
So setzte es meinen Beobachtungen ein Ziel und es wäre eigentlich
nichts weiter zu berichten, wenn der fast völlig erwachsene
letzte Sproß von Turmfalkens mir nicht noch ein paar ansteigende
dsiririririririri wie zum Abschied zugerufen hätte, als wolle er damit
zugleich kundtun, daß er nunmehr die Sprache seiner Eltern völlig
beherrsche und fähig sei, an ihrer Seite ins Leben hinauszutreten.
In der Tat hatte er bei meinem letzten Besuch den ersten Schritt in
die weite Welt gewagt. Er saß drüben allein auf dem Kreuzturm an einer
andern Stelle, als die Eltern für gewöhnlich einzunehmen pflegten.
Diese waren wahrscheinlich mit dem andern Jungen auf die Jagd nach dem
täglichen Fleisch weit über das Weichbild der Stadt hinausgeflogen,
wohin unser Nesthäkchen noch nicht zu folgen wagte.
Mir blieb sonach nichts weiter übrig, als der verlassenen Wohnung von
Turmfalkens einige Blicke zu widmen und ein paar herumliegende Gewölle
der Jungen zu sammeln. Das erstere machte keine Freude: Der Boden und
die Wände waren in einer fürchterlichen Weise beschmutzt. Ich fand
keinen Vergleich; nur französische Kulturvertreter sollen stellenweise
an der Ruhr in ähnlicher Weise »gehaust« haben! Regen, Wind und
Schnee werden hoffentlich das ihrige tun, um Turmfalkens Wohnung bis
zum nächsten Frühjahr wieder in den Stand zu setzen. Die Gewölle
bestanden zu meiner Freude fast durchweg aus Haaren der Feldmaus, was
wahrscheinlich mit der für die Jagd derselben günstiger gewordenen
Witterung zusammenhing. Nur in dem einen fand sich ein Zwischenkiefer
eines sehr kleinen Vogels. Mit diesem Befund stimmte überein, daß
ich bei meinen letzten Besuchen bei Turmfalkens auf dem Anrichte-
beziehungsweise Vorratstische nur je eine tote Feldmaus hatte liegen
sehen.
Zum Schluß noch eine Bemerkung: Viel Glück und Freude haben ja
Turmfalkens mit ihren Kindern nicht gehabt. Das eine wird totgeboren,
das andre ist schwächlich und stirbt oder wird gar geraubt und das
dritte stürzt tödlich verunglückend ab, so daß von fünf Kindern nur
die kleinere Hälfte am Leben bleibt! Doch wollen wir uns trösten.
Wie bei uns Menschen die Natur immer wieder ausgleichend wirkt, wenn
nicht die verruchte menschliche Entsittlichung dazwischen tritt, so
gibt es auch bei den Vögeln viele Fälle, wo die an sich zahlreiche
Nachkommenschaft durch alle Unbilden und Fährnisse der ersten Zeit
glücklich hindurchkommt, so daß trotz mancher störender Vorkommnisse
die Erhaltung der Art dauernd gewährleistet bleibt. Möge unsre
Turmfalkenfamilie alle Nöte des Winters glücklich überstehen, so daß
sie wenigstens in einem Paare zu der alten Wohnstätte auf dem Dresdner
Rathausturm zurückkehren kann; möchten aber auch die allgemeinen
Witterungsverhältnisse des nächsten Jahres derart sein, daß Turmfalkens
nicht nötig haben, ihren Speisezettel noch einmal in bedenklicher Weise
abzuändern![4]
Fußnoten:
[2] Nachdruck nur mit Einwilligung des Verfassers gestattet.
[3] Nach Berechnungen des Statistischen Amtes waren die in
Betracht kommenden Temperaturen 1922: 16,52° und 1923:
12,31°.
[4] Nicht unterlassen möchte ich, auch an dieser Stelle
der Hausverwaltung des Rathauses für das freundliche
Entgegenkommen und die Erleichterungen meiner Beobachtungen
auf dem Rathausturm meinen besten Dank auszusprechen.
Die kursächsischen Postmeilensäulen
Erster Nachtrag mit vier Aufnahmen des Verfassers von ~Dr.~ _Kuhfahl_,
Dresden-A 1
Das Postwesen Augusts des Starken, das ich samt seinen steinernen
Überresten vor Jahresfrist zu schildern versuchte (Heft 4 bis 6,
1922), hat in heimatliebenden Kreisen augenscheinlich großes Interesse
erregt, so daß mir in vielen Dutzenden von Zuschriften eine Menge von
Ergänzungen aus allen Teilen des einstigen kursächsischen Staatsgebiets
zugegangen sind.
Bekanntlich liegen die Anfänge eines geordneten Postverkehrs jetzt
zweihundert Jahre zurück. Gegenüber andren unklaren geschichtlichen
Vorgängen zählt diese Frage also zu den jüngsten, und man kann
angesichts ihres geringen Alters wohl gar nicht einmal von einer
wirklichen Erforschung der steinernen Postmeilenzeichen sprechen.
Obendrein sind wir durch die aktenmäßigen Unterlagen, die uns bis auf
wenige Ausnahmen erhalten blieben, über die Absichten und die Maßnahmen
Augusts des Starken und seines Landesgeometers Zürner seit 1722 bis in
die Einzelheiten genau unterrichtet, so daß sich eine geschichtliche
Darstellung des ganzen Unternehmens mit voller Sicherheit und
Vollständigkeit geben läßt.
Tatsächlich liegen seit hundert Jahren auch bereits die verschiedensten
Schilderungen vor, aber die praktische Seite der Sache ist bis heute
lückenhaft geblieben, denn es fehlen bereits aus augusteischer Zeit
urkundliche Belege oder andere Anhaltepunkte dafür, inwieweit die
kurfürstlichen Befehle im Laufe der Jahre oder Jahrzehnte wirklich in
die Tat umgesetzt, d. h. wieviel und an welchen Punkten nun wirklich
die verlangten Postmeilenzeichen errichtet worden sind.
Die dreiundachtzig Aktenhefte aus den Jahren 1722 ff., die heute in den
Staatsarchiven von Dresden, Berlin und Magdeburg aufbewahrt werden,
sind alphabetisch nach Städtenamen und Amtsbezirken geordnet. Einige
Dutzend mögen verloren gegangen sein, denn es fehlen nicht allein die
ersten drei Buchstaben, sondern auch viele Orte, die sicherlich schon
damals mit dem Poststraßennetz in Beziehung gestanden haben oder in
Wirklichkeit, wie Altenberg, Aue, Bärenstein, Bischofswerda, Krakau bei
Königsbrück, Pegau usw., mit Distanzsäulen versehen worden sind.
Wenn es einerseits also verschiedene Städte mit Postsäulen gibt,
deren Entfernungsangaben, Inschriftsentwürfe, Kostenanschläge oder
dergleichen urkundlich nicht auf uns gekommen sind, so kann man
anderseits freilich aus dem bloßen Vorhandensein eines Aktenfaszikels
noch längst nicht mit Sicherheit darauf schließen, daß die städtische
Distanzsäule oder die Reihe der Straßenzeichen nun auch tatsächlich in
der anbefohlenen Weise errichtet worden sei, denn die kostspieligen
Pläne des prunkliebenden Fürsten fanden bei den Untertanen eine
ziemlich abfällige Kritik.
Während Zürner ursprünglich die Weisung hatte, in jeder Stadt vor
jede Torausfahrt eine große _Wegsäule_ setzen zu lassen, auf der
die Entfernungen der auslaufenden Straßen dutzendweise eingemeißelt
werden sollten, mußte dieser Plan angesichts der ablehnenden Haltung
sämtlicher einzelner Stadtverwaltungen stark eingeschränkt werden. Fast
alle Aktenfaszikel enthalten nämlich einen ehrerbietigsten Protest
des betreffenden Bürgermeisters, in dem die Leere des Stadtsäckels
und die Armut der Bürgerschaft dargestellt und um Befreiung von der
neuen Last gebeten wird. Der Bescheid des Kurfürsten geht dann
nach Zürners eigenhändigem Entwurfe zumeist dahin, daß gnadenweise
statt mehreren Torsäulen nur eine Marktsäule angeschafft oder daß in
besonderen Fällen nur zwei bis drei der wichtigeren Tore besetzt werden
sollten. Die meisten Aktenhefte schließen mit diesem Bescheid und nur
selten finden sich Kostenanschläge, Steinmetz- und Maurerrechnungen,
Fuhrlohnquittungen, Gesamtabrechnungen oder ähnliche Papiere, aus denen
man auf die wirkliche Aufstellung der _Distanzsäulen_ in der Stadt
schließen kann.
Auch über den Ausbau der _Meilenbezeichnung an den Poststraßen_ geben
die Akten nur vereinzelt sichere Auskunft.
Interessante ausführliche _Baurechnungen_ und Aktengebühren enthält
z. B. das Faszikel Frauenstein (XXXI. ~F~ 26 35547) über die drei
Meilensäulenmodelle an den Straßen nach Dippoldiswalde und nach
»Döplitz«. Wir finden da für Viertelmeilsäule Nr. 53 folgende Posten:
5 Th. 8 gl. Lohn für ¼ M Säule einschl. Maler und Bildhauer
4 gl. Ladtegeldt beim Aufladen im Steinbruch
2 gl. 4 ₰ Neubefestigung der Säule
9 gl. 3 eiserne Dübel
16 gl. Einmachen der Dübel
1 Th. 12 gl. Lohn an Maurermeister für Grund, beim Auf- und
Abladen zugegen zu sein u. s. w.
––––––––--------
9 Th. 22 gl. 4 ₰
In andren Akten werden vom Fiskus auch die Werkzeichnungen und
Kupferstiche (vgl. Mitt. Abb. 1, S. 72, 1922) noch mit drei Groschen
in Rechnung gesetzt und umfängliche Gebühren für die Aktenführung
eingestellt.
Neben andern ausführlichen Abrechnungen liefern uns ferner die
_Reiseberichte Zürners_ aus späteren Jahren manchen Beweis über
Vorhandensein und Beschaffenheit der Straßenzeichen. 1724 wurde
z. B. auf einer Revisionsfahrt Dresden–Dippoldiswalde–Frauenstein
festgestellt: »Die Säulen 4 bis 10 wackeln. Schrift schlecht. Schlecht
gestrichen.« Der Viertelmeilenstein mit der Zahl neun und dem Jahr
1723 ist heute inmitten Dippoldiswalde selbst aufgestellt und stammt
zweifellos von einer Außenstrecke. Ein Ratsbericht vom 27. Juli 1725
erwähnt eine Distanzsäule vor dem Obertor und eine Viertel- und eine
Halbmeilensäule auf der Dresdner und Gebirgischen Hauptlandstraße
im Weichbild. Mit einer zweiten Distanzsäule vor dem Niedertor wird
die Stadt durch Reskript vom 18. September 1725 jedoch nach vielen
Verhandlungen verschont.
Ähnliche Berichte über Verfall, Zerstörung, Wiederaufrichtung und
Vorhandensein der Straßensäulen finden wir zwar noch in mehreren
Aktenstücken; ein Gesamtbild von der planmäßigen Besetzung der
Poststraßen läßt sich aber daraus nicht entnehmen, so daß wir auch
hier, ähnlich wie bei den Stadtsäulen, über den einstigen Bestand
völlig im Unklaren bleiben.
Wenn man also heute nach zweihundert Jahren ein Verzeichnis der
übriggebliebenen Postzeichen aus allen Teilen des Landes aufstellen
will, so ist man trotz ihres geringen Alters doch genau wie bei einer
wirklichen Altertumsforschung darauf angewiesen, allerwärts aufs
Geratewohl zu suchen und zu fragen. Neben der Umschau in der Natur
können Bilder, Reisebeschreibungen, Pressenotizen und Ansichtskarten
vielleicht auf die richtige Spur leiten. So finden wir z. B. auf
Aquarellbildern im Oschatzer Museum die beiden verschwundenen
Distanzsäulen vor dem Spitaltore und vor der Gottesackerkirche oder auf
einem Stadtbild von Nossen einen Halbmeilenstein am rechten Muldenufer
abgebildet. Bei manchen persönlichen Mitteilungen ist zumeist Vorsicht
geboten; so hatte ich ohne eigne Nachprüfung aus der Literatur zwei
Distanzsäulen am Parktor von Schloß Lichtenwalde bei Chemnitz unter
Nr. 22 und 23 meines Verzeichnisses von 1922 aufgenommen. Als ich sie
nachträglich noch aufsuchen wollte, war nichts von ihnen zu sehen
und der Schloßherr versicherte mir, daß auch nie eine solche Säule
auf seinem Besitztum gestanden habe. Hier liegt wahrscheinlich eine
Verwechslung mit den zwei Säulen am Moritzburger Schlosse vor; jene
beiden Nummern sind also zu streichen.
Gleichfalls nicht zu finden ist die Viertelmeilenplatte Nr. 73 an
der Wasserschänke bei Röhrsdorf. Nach Auskunft der Bewohner soll sie
überhaupt nicht dort gestanden haben und ist infolgedessen ebenfalls im
Verzeichnis zu tilgen.
Mit solchen Fehlern, denen ich später noch andre anzufügen habe,
muß man erfahrungsgemäß bei allen Erkundigungen rechnen, die nicht
ausschließlich auf eignem Augenschein beruhen, aber trotzdem bleibt
solche Umfrage das einzig wirksame Mittel und die Forschung läßt
sich – besonders in heutiger Zeit – nur betreiben, wenn es gelingt,
eine möglichst große Zahl ortskundiger Helfer für die Sache zu
interessieren. Da dies aber nur auf dem Wege durch die Presse möglich
ist, so mag es nicht verwunderlich erscheinen, wenn meine erste
Veröffentlichung, bei der ich insgesamt neunundsiebzig Distanzsäulen
und Meilenzeichen zusammengebracht hatte, nicht nur zu verbessern,
sondern auch verschiedentlich zu ergänzen ist.
Neben steinernen Bruchstücken in Museen oder Privatbesitz oder neben
Meilenzeichen an entlegenem Orte haben sich drei wohlerhaltene
_städtische Distanzsäulen_ gefunden, die zwar an ihrem Platze täglich
von allen Einheimischen gesehen werden, in der heimatlichen Literatur
aber für den Sammler bisher nicht zu finden waren. Infolgedessen glaube
ich auch heute nicht, daß die Sammlung mit diesem ersten Nachtrag
völlig erschöpft sein wird, sondern bitte, mit wiederholtem Dank
an alle Einsender, auch künftig um Beschreibung weiterer Funde. –
Ergänzende Mitteilungen über die Jahreszahlen einiger Distanzsäulen hat
mir Eisenbahninspektor Bernhard Meinke gemacht. Demnach ist in Tabelle
~A a~, ~b~, Heft 4/6, 1922 nachzutragen:
Johanngeorgenstadt 1728, Jöhstadt 1730, Königstein 1727,
Marienberg 1727, Penig 1733, Guben 1736, Ullersdorf am Queis
1725.