Als ich am 11. Juni höchst erwartungsvoll zu Turmfalkens aufstieg,

gab es zunächst einen starken Schreck und meine alte, wohlbegründete

Vorstellung von Turmfalkens Verhalten gegenüber ihrer befiederten

Mitwelt erhielt einen neuen Stoß. Auf der inneren Ecke des Sockels

der zweiten Säule stand Frau Turmfalk und zerfleischte einen kleinen

Vogel. Nur ein paar Augenblicke zögerte ich – dann trat ich näher, die

Alte verscheuchend. Und nun sah ich auf der erwähnten Ecke die Reste

von _drei_ Vögeln liegen! Es waren nur noch die hintersten Rumpfteile

und die Beine übrig. Konturfedern fehlten vollständig, so daß an ein

Erkennen der Arten aus der Ferne nicht zu denken war. Ich gestehe,

daß mir in diesem Augenblicke wenig daran gelegen war; dagegen trieb

mich ein aufkommender Gedanke dazu, nachzusehen, was während meiner

Abwesenheit vermutlich im Neste geschehen war; und richtig: Es waren

zwei Junge ausgekommen, das zweite wahrscheinlich erst kurz vor meinem

Eintreffen, da noch die Eischale im Neste lag, die gewöhnlich kurz

nach dem Auskriechen der Jungen von den Alten vorsichtshalber aus dem

Nest entfernt wird. Die beiden Jungen verlangten heftig, wenn auch

mit recht schwacher und heiserer Stimme nach Nahrung, und das bot

mir zugleich die Erklärung für die unerhörten Mordtaten der Eltern!

Sie wurzelten in der Fürsorge der Alten um die Jungen, deren Hunger

zu stillen, oder kurz, deren Erhaltung auch bei den Vögeln ein so

starker Naturtrieb ist, daß sie selbst vor dem Schlimmsten nicht

zurückschrecken. Ich erwog ferner, daß die so überaus ungünstige kalte

und nasse Witterung unter den sonst in Überzahl auftretenden Feldmäusen

sehr stark aufgeräumt hatte, daß der oft fette und hohe Stand der

Wiesen und Felder die wenigen Feldmäuse ebenso barg wie die Käfer usw.,

die gleichfalls gern von Turmfalkens verspeist werden. Ja, ich dachte

auch daran, daß es gerade jetzt einem Bruchteil des deutschen Volkes

ähnlich erging wie Turmfalkens, indem er lediglich aus drückender Not

Diebstähle oder vielleicht noch Schlimmeres begeht, um das eigene Leben

und das der Kinder zu retten! – Nachdem ich mich auf diese Weise selbst

etwas beruhigt hatte, widmete ich meine Aufmerksamkeit den beiden neuen

Ankömmlingen, natürlich mit Hilfe des Spiegels. Sie trugen zunächst nur

ein schneeweißes Hemdchen, das aus sehr zarten Flaumfedern bestand, von

denen die verhältnismäßig großen schwarzen Augen des einen Nestlings

auffallend abstachen, während die des andern noch geschlossen waren.

Hilflos lagen die Kleinen im Nest neben den übrigen drei Eiern, dazu

tobte ein sehr kalter Sturmwind durch das offene »Kinderzimmer«, so daß

ich die Rückkehr der fürsorglichen, schützenden und wärmenden Alten

nicht länger verzögern wollte und eiligst wegging.

Zwei Tage später fiel mein erster Blick auf einen auf der bewußten Ecke

liegenden, wiederum fast aufgezehrten Vogel; es war allem Anschein nach

eine Lerche. Im Nest dagegen gewahrte ich einen dritten Nachkommen. Die

zarten, fast tonlosen Stimmen klangen mir wie gjeg und gjej.

Am Sonnabend, dem 16. Juni, fand ich kein Beutetier vor, dafür aber

lagen auf dem Boden von Turmfalkens Wohn- beziehungsweise Kinderzimmer

zahlreiche Federn, von denen der Sturm mir einige zutrieb. Es waren

die Schwanzfedern eines Grünfinken, der sicherlich kurz vorher von den

Jungen verspeist worden war. Ihre Zahl war auf vier gestiegen, während

das fünfte Ei noch keinerlei Veränderung zeigte.

Montag, den 18. Juni, traf ich zum ersten Male Herrn Turmfalk, der eine

graublaue Kopfbedeckung trug, bei seinen Kindern an. Auf der mehrfach

erwähnten Sockelecke, die entschieden die Rolle eines Anrichtetisches

spielte, lag endlich einmal eine Maus, und zwar eine Waldwühlmaus. Es

war ein schönes Stück mit braunrotem Pelz, aber ohne Kopf, der wie

mit einem Messer abgeschnitten zu sein schien. Sonst war an dem Tiere

nichts geschehen. Das Kleid der jungen Turmfalken war noch schön weiß,

der Schnabel ganz hell, die Wachshaut gelb, die Augenlider heugrünlich.

Der Hunger schien, dem andauernden Schreien nach, sehr groß zu sein. Es

dauerte auch nicht lange, da kam der Alte, der kurz nach meiner Ankunft

unter zahlreichen ki...-Rufen (~a~₃–~h~₃) abgestrichen war, zurück,

und zwar mit den Resten eines Vogels. Ich hörte noch einige leise gjij

und gjäj des Alten; von der Fütterung konnte ich leider nichts sehen.

Einige Zeit danach saß das Elternpaar wieder drüben an der bekannten

Stelle des Kreuzturms.

Bei meinem nächsten Besuch am 21. Juni traf ich Frau Turmfalk beim

Füttern ihrer Jungen an, die schon lebhaft auf sie einstürmten,

obgleich sie auf den Beinen noch sehr schwach waren. Vorsichtig gab

die Mutter einem jeden die Bissen unter Kreuzung der Schnäbel in die

weit aufgesperrten Rachen. Was verfüttert wurde, konnte ich aus meinem

Versteck jedoch nicht erkennen. Nach der Fütterung deckte die Alte das

junge Volk wieder mit ihrem wärmenden Körper zu, was bei der naßkalten

Witterung sehr nötig war. Leider wurde die Alte nach einiger Zeit

meiner ansichtig und strich ab, wobei sie jedoch nicht mehr so erregt

war wie früher; erst vom Kreuzturm her drangen ein paar ki...-Reihen

und wriiii-Rufe an mein Ohr. Auf dem »Anrichtetisch« lag wieder das

letzte Überbleibsel eines kleinen Vogels. Dann trat natürlich der

Spiegel in Tätigkeit, und da entdeckte ich sofort, daß außer dem Ei

nur noch _drei_ junge Turmfalken da waren! Wohin das vierte Junge

gekommen war, blieb rätselhaft. Es gab wohl nur zwei Möglichkeiten:

entweder war es krank gewesen beziehungsweise verendet und die Alten

hatten es dann beseitigt, oder es war, vielleicht als das Jüngste

und Schwächste, von den Dohlen, die sich gerade in jenen Tagen viel

um den Rathausturm herumtrieben, geraubt worden. Die übrigen drei

Kleinen hatten schon wieder Fortschritte gemacht; besonders das eine

– wahrscheinlich älteste – sah schon andauernd sehr gespannt zu mir

herauf: in dem kleinen Vogelköpfchen war das Bewußtsein beziehungsweise

das Erkenntnisvermögen erwacht und der Geist begann seine Tätigkeit.

Am 25. Juni war wiederum der Vater am Nest. Es beteiligten sich also –

wie es sich gehört – beide Eltern an der Aufzucht der Kinder. Von Beute

war nichts zu sehen. Die immer grauer gewordenen Flaumfedern waren

ebenso wie der ganze Körper stark gewachsen. Vom späteren Obergewand,

den sogenannten Konturfedern, ragten nur die Schwanzfedern etwas hervor

und zeigten bereits die breite schwarze Binde vor dem schmalen sehr

hellen, aber nicht weißen Endsaum. Da das letzte Ei immer noch nicht

ausgebrütet war und es außerhalb des Nestes lag, fischte ich es mittels

eines an einem langen Stabe befestigten kleinen Pappkästchens, wie sie

zum Aufbewahren von kleinen Filmrollen dienen, heraus. Es zeigte keine

Spur der Bebrütung. Eiweiß und Dotter waren noch tadellos erhalten und

völlig geruchlos; es war also ein sogenanntes Windei, das seinerzeit

nicht befruchtet worden war. Die Länge betrug 4,0 Zentimeter, die

Breite 3,2 Zentimeter.

[Illustration: Abb. 1 =Junge Turmfalken= im Alter von ungefähr zwei

Wochen, schräg von oben aufgenommen]

Interessant war das Verhalten der jungen Vögel, über die ich weglangen

mußte. Sie suchten den Eindringling abzuwehren, indem sie die Schnäbel

so weit wie möglich aufsperrten und fauchende Geräusche hören ließen.

Ja, sie lehnten sich sogar stark rückwärts und arbeiteten mit hackenden

Bewegungen des scharfen Schnabels und mit rasch sich folgendem

blitzartigen Vorschnellen der krallenbewaffneten Beine gegen den

vermeintlichen Feind. Ich gestehe, daß ich glücklich war, nicht mit der

Hand in die Nähe der Jungen gekommen zu sein; sie hätte sicher ein paar

tüchtige »Treffer« erhalten. Nachdem die kleine Gesellschaft sich etwas

beruhigt hatte, wagte ich eine Aufnahme mittels einer mir freundlichst

zur Verfügung gestellten »Icarette« (6×6). Es geschah auf gut Glück, da

einmal eine sehr freihändige Augenblicksaufnahme nötig und dabei ein

sicheres Einstellen in bezug auf Richtung und Entfernung kaum möglich

war. Dazu hing der Himmel voll schwerer, dunkler Wolken. (Siehe Abb.

1.)

Von den späteren Besuchen, bei denen ich die Jungen in der Regel

allein antraf, so daß ich nicht mehr in dem Maße störte wie früher,

sei nur noch einiges erwähnt. Am 2. Juli hatte die Natur an dem

Hauptkleide schon wieder weiter gearbeitet. Die Schwung-, Eckflügel-

und Schulterfedern ragten schon stark aus dem Daunenkleide heraus,

nur ihr unterer Teil steckte noch in der Scheide. Während ich den

photographischen Apparat zur neuen Aufnahme vorbereitete, kam die

Alte und fütterte. Mit der nötigen Zurückhaltung konnte ich wieder

schön beobachten, ohne jedoch die Art der Nahrung selbst feststellen

zu können. Die Jungen ließen dabei ihre Stimme reichlich hören, die

früheren kjej und kjij waren zu kiiiiije geworden (mit etwas sirrender

tonlicher Beigabe). Der Apparat erregte später die gespannteste

Aufmerksamkeit der Jungen. Sie reckten erstaunt die Hälse und nahmen

teilweise auch sofort die bereits erwähnte Verteidigungsstellung

ein, doch hatten sie sich in dem Augenblick, in dem ich den Apparat

in die richtige Stellung gebracht zu haben glaubte, schon wieder

etwas beruhigt. (Leider ist die Aufnahme infolge des sehr trüben,

regnerischen Wetters mißlungen.) Am 4. Juli erhielt mein Besuch eine

sehr schmerzliche Einleitung. Als ich am Fuße des Turms kurze Zeit

wartete, bemerkte ich in einer Ecke des Hofs einen toten jungen

Turmfalken, der sicherlich abgestürzt war. Tatsächlich traf ich oben

nur noch zwei Jungvögel an, welche je auf einer inneren erhöhten

Ecke der Säulensockel saßen. Der dritte mochte wohl eine äußere Ecke

erklommen haben und vielleicht beim Herabspringen über den Rand

hinabgestolpert sein, waren doch die Jungen auf den Beinen noch

sehr unsicher, und irgend etwas zum Anklammern war nicht vorhanden.

Auf ihrem erhöhten Sitze konnte ich die zwei Jungvögel durch den

gegenüberliegenden Spalt recht gut beobachten. Neue, in der Hauptsache

rotbraune Federn waren zum Beispiel auf dem Oberrücken durchgekommen

und auf der Unterseite verlief je ein ganz schmaler Federstreifen neben

der Mittellinie und von den Seiten des Halses nach den Weichen. Kopf

und Unterrücken, Bürzel, Oberschenkel und fast die ganze Unterseite

waren ebenso wie die Flügelhäute noch von dichten und auffallend

großen Flaumfedern bedeckt, die den Vögeln ein verhältnismäßig

recht struppiges Aussehen gaben. Die so sehr starke Entwicklung des

Daunenkleides dürfte mit der überaus kalten und nassen Witterung in

Verbindung stehen, ist doch die diesjährige Junidurchschnittstemperatur

um 4,21° hinter der des Vorjahres zurückgeblieben![3] Ein bescheidener

Annäherungsversuch meinerseits ließ besonders den einen fauchenden

Jungvogel die schon oben geschilderte Verteidigungsstellung einnehmen

und dazu sehr energische wriiiii-, wriiiii-Rufe ausstoßen. Also auch

die Stimme hatte Fortschritte gemacht!

Hiernach sammelte ich noch ein paar zum Teil ältere Gewölle, die sich

durch ihre Größe als von den Eltern herrührend erwiesen. Sie enthielten

neben Mäusehaaren wieder einige Knochenreste, darunter besonders einige

Oberschnäbel (~Os intermaxillare~) von Kleinvögeln, sowie spärliche

chitinöse Überbleibsel von einem Lauf- und einem Mistkäfer.

Am 9. Juli war das Oberkleid der beiden Jungen so weit fertig, daß

das graue Hemd nur noch an einer Stelle – nämlich am Unterrücken –

heraussah. Nicht ohne Mühe konnte ich ein paar Unterschiede in der

Kleidung der Jungen feststellen. Bei dem einen war auf dem Schwanz ein

bläulicherer Schein sichtbar als beim andern. Außerdem zeigten seine

Wangen einen vom vorderen unteren Augenrand hinter dem Schnabelwinkel

schräg nach unten und hinten verlaufenden schwarzen Streifen, der

bei dem andern Jungvogel weniger hervortrat. Im übrigen trugen die

beiden Geschwister die gleiche Kleidung, und zwar eine ganz ähnliche

wie ihre Mutter, wobei daran erinnert sei, daß auch bei uns Menschen

die kleinen Knaben oft mädchenhafte Kleider tragen. Sehr interessant

war der Charakterunterschied der beiden Jungen. Während das eine sich

mehr oder weniger gleichgültig, ja stumpf verhielt, war das andre sehr

leicht erregbar; es setzte sich beim geringsten Anlaß zur Wehr und

fauchte, als ob es schon ans Leben ginge. Eine photographische Aufnahme

ließ es sich dagegen, obschon unter gespanntester Aufmerksamkeit, ruhig

gefallen. (Siehe Abb. 2.)

[Illustration: Abb. 2 =Die letzten zwei jungen Turmfalken= im Alter von

ungefähr vier Wochen]

Weitere Beobachtungen verschob ich auf einen späteren Tag, da ich

fürchtete, durch allzu starke Beunruhigung die Jungen zu einem zu

zeitigen Abflug zu veranlassen, der einen tödlichen Absturz zur Folge

haben könnte. Doch hatte ich die Rechnung ohne die beiden Jungen

gemacht; denn als ich wiederkam, war das eine schon ausgeflogen und

das andre schien auch nicht mehr lange daheim bleiben zu wollen. Ohne

daß ich ihm zu nahe getreten wäre, begab es sich bald nach einer

vorspringenden Ecke eines der Säulensockel, wohin ich ihm nicht einmal

mittels des Spiegels folgen konnte.

So setzte es meinen Beobachtungen ein Ziel und es wäre eigentlich

nichts weiter zu berichten, wenn der fast völlig erwachsene

letzte Sproß von Turmfalkens mir nicht noch ein paar ansteigende

dsiririririririri wie zum Abschied zugerufen hätte, als wolle er damit

zugleich kundtun, daß er nunmehr die Sprache seiner Eltern völlig

beherrsche und fähig sei, an ihrer Seite ins Leben hinauszutreten.

In der Tat hatte er bei meinem letzten Besuch den ersten Schritt in

die weite Welt gewagt. Er saß drüben allein auf dem Kreuzturm an einer

andern Stelle, als die Eltern für gewöhnlich einzunehmen pflegten.

Diese waren wahrscheinlich mit dem andern Jungen auf die Jagd nach dem

täglichen Fleisch weit über das Weichbild der Stadt hinausgeflogen,

wohin unser Nesthäkchen noch nicht zu folgen wagte.

Mir blieb sonach nichts weiter übrig, als der verlassenen Wohnung von

Turmfalkens einige Blicke zu widmen und ein paar herumliegende Gewölle

der Jungen zu sammeln. Das erstere machte keine Freude: Der Boden und

die Wände waren in einer fürchterlichen Weise beschmutzt. Ich fand

keinen Vergleich; nur französische Kulturvertreter sollen stellenweise

an der Ruhr in ähnlicher Weise »gehaust« haben! Regen, Wind und

Schnee werden hoffentlich das ihrige tun, um Turmfalkens Wohnung bis

zum nächsten Frühjahr wieder in den Stand zu setzen. Die Gewölle

bestanden zu meiner Freude fast durchweg aus Haaren der Feldmaus, was

wahrscheinlich mit der für die Jagd derselben günstiger gewordenen

Witterung zusammenhing. Nur in dem einen fand sich ein Zwischenkiefer

eines sehr kleinen Vogels. Mit diesem Befund stimmte überein, daß

ich bei meinen letzten Besuchen bei Turmfalkens auf dem Anrichte-

beziehungsweise Vorratstische nur je eine tote Feldmaus hatte liegen

sehen.

Zum Schluß noch eine Bemerkung: Viel Glück und Freude haben ja

Turmfalkens mit ihren Kindern nicht gehabt. Das eine wird totgeboren,

das andre ist schwächlich und stirbt oder wird gar geraubt und das

dritte stürzt tödlich verunglückend ab, so daß von fünf Kindern nur

die kleinere Hälfte am Leben bleibt! Doch wollen wir uns trösten.

Wie bei uns Menschen die Natur immer wieder ausgleichend wirkt, wenn

nicht die verruchte menschliche Entsittlichung dazwischen tritt, so

gibt es auch bei den Vögeln viele Fälle, wo die an sich zahlreiche

Nachkommenschaft durch alle Unbilden und Fährnisse der ersten Zeit

glücklich hindurchkommt, so daß trotz mancher störender Vorkommnisse

die Erhaltung der Art dauernd gewährleistet bleibt. Möge unsre

Turmfalkenfamilie alle Nöte des Winters glücklich überstehen, so daß

sie wenigstens in einem Paare zu der alten Wohnstätte auf dem Dresdner

Rathausturm zurückkehren kann; möchten aber auch die allgemeinen

Witterungsverhältnisse des nächsten Jahres derart sein, daß Turmfalkens

nicht nötig haben, ihren Speisezettel noch einmal in bedenklicher Weise

abzuändern![4]

Fußnoten:

[2] Nachdruck nur mit Einwilligung des Verfassers gestattet.

[3] Nach Berechnungen des Statistischen Amtes waren die in

Betracht kommenden Temperaturen 1922: 16,52° und 1923:

12,31°.

[4] Nicht unterlassen möchte ich, auch an dieser Stelle

der Hausverwaltung des Rathauses für das freundliche

Entgegenkommen und die Erleichterungen meiner Beobachtungen

auf dem Rathausturm meinen besten Dank auszusprechen.

Die kursächsischen Postmeilensäulen

Erster Nachtrag mit vier Aufnahmen des Verfassers von ~Dr.~ _Kuhfahl_,

Dresden-A 1

Das Postwesen Augusts des Starken, das ich samt seinen steinernen

Überresten vor Jahresfrist zu schildern versuchte (Heft 4 bis 6,

1922), hat in heimatliebenden Kreisen augenscheinlich großes Interesse

erregt, so daß mir in vielen Dutzenden von Zuschriften eine Menge von

Ergänzungen aus allen Teilen des einstigen kursächsischen Staatsgebiets

zugegangen sind.

Bekanntlich liegen die Anfänge eines geordneten Postverkehrs jetzt

zweihundert Jahre zurück. Gegenüber andren unklaren geschichtlichen

Vorgängen zählt diese Frage also zu den jüngsten, und man kann

angesichts ihres geringen Alters wohl gar nicht einmal von einer

wirklichen Erforschung der steinernen Postmeilenzeichen sprechen.

Obendrein sind wir durch die aktenmäßigen Unterlagen, die uns bis auf

wenige Ausnahmen erhalten blieben, über die Absichten und die Maßnahmen

Augusts des Starken und seines Landesgeometers Zürner seit 1722 bis in

die Einzelheiten genau unterrichtet, so daß sich eine geschichtliche

Darstellung des ganzen Unternehmens mit voller Sicherheit und

Vollständigkeit geben läßt.

Tatsächlich liegen seit hundert Jahren auch bereits die verschiedensten

Schilderungen vor, aber die praktische Seite der Sache ist bis heute

lückenhaft geblieben, denn es fehlen bereits aus augusteischer Zeit

urkundliche Belege oder andere Anhaltepunkte dafür, inwieweit die

kurfürstlichen Befehle im Laufe der Jahre oder Jahrzehnte wirklich in

die Tat umgesetzt, d. h. wieviel und an welchen Punkten nun wirklich

die verlangten Postmeilenzeichen errichtet worden sind.

Die dreiundachtzig Aktenhefte aus den Jahren 1722 ff., die heute in den

Staatsarchiven von Dresden, Berlin und Magdeburg aufbewahrt werden,

sind alphabetisch nach Städtenamen und Amtsbezirken geordnet. Einige

Dutzend mögen verloren gegangen sein, denn es fehlen nicht allein die

ersten drei Buchstaben, sondern auch viele Orte, die sicherlich schon

damals mit dem Poststraßennetz in Beziehung gestanden haben oder in

Wirklichkeit, wie Altenberg, Aue, Bärenstein, Bischofswerda, Krakau bei

Königsbrück, Pegau usw., mit Distanzsäulen versehen worden sind.

Wenn es einerseits also verschiedene Städte mit Postsäulen gibt,

deren Entfernungsangaben, Inschriftsentwürfe, Kostenanschläge oder

dergleichen urkundlich nicht auf uns gekommen sind, so kann man

anderseits freilich aus dem bloßen Vorhandensein eines Aktenfaszikels

noch längst nicht mit Sicherheit darauf schließen, daß die städtische

Distanzsäule oder die Reihe der Straßenzeichen nun auch tatsächlich in

der anbefohlenen Weise errichtet worden sei, denn die kostspieligen

Pläne des prunkliebenden Fürsten fanden bei den Untertanen eine

ziemlich abfällige Kritik.

Während Zürner ursprünglich die Weisung hatte, in jeder Stadt vor

jede Torausfahrt eine große _Wegsäule_ setzen zu lassen, auf der

die Entfernungen der auslaufenden Straßen dutzendweise eingemeißelt

werden sollten, mußte dieser Plan angesichts der ablehnenden Haltung

sämtlicher einzelner Stadtverwaltungen stark eingeschränkt werden. Fast

alle Aktenfaszikel enthalten nämlich einen ehrerbietigsten Protest

des betreffenden Bürgermeisters, in dem die Leere des Stadtsäckels

und die Armut der Bürgerschaft dargestellt und um Befreiung von der

neuen Last gebeten wird. Der Bescheid des Kurfürsten geht dann

nach Zürners eigenhändigem Entwurfe zumeist dahin, daß gnadenweise

statt mehreren Torsäulen nur eine Marktsäule angeschafft oder daß in

besonderen Fällen nur zwei bis drei der wichtigeren Tore besetzt werden

sollten. Die meisten Aktenhefte schließen mit diesem Bescheid und nur

selten finden sich Kostenanschläge, Steinmetz- und Maurerrechnungen,

Fuhrlohnquittungen, Gesamtabrechnungen oder ähnliche Papiere, aus denen

man auf die wirkliche Aufstellung der _Distanzsäulen_ in der Stadt

schließen kann.

Auch über den Ausbau der _Meilenbezeichnung an den Poststraßen_ geben

die Akten nur vereinzelt sichere Auskunft.

Interessante ausführliche _Baurechnungen_ und Aktengebühren enthält

z. B. das Faszikel Frauenstein (XXXI. ~F~ 26 35547) über die drei

Meilensäulenmodelle an den Straßen nach Dippoldiswalde und nach

»Döplitz«. Wir finden da für Viertelmeilsäule Nr. 53 folgende Posten:

5 Th. 8 gl. Lohn für ¼ M Säule einschl. Maler und Bildhauer

4 gl. Ladtegeldt beim Aufladen im Steinbruch

2 gl. 4 ₰ Neubefestigung der Säule

9 gl. 3 eiserne Dübel

16 gl. Einmachen der Dübel

1 Th. 12 gl. Lohn an Maurermeister für Grund, beim Auf- und

Abladen zugegen zu sein u. s. w.

––––––––--------

9 Th. 22 gl. 4 ₰

In andren Akten werden vom Fiskus auch die Werkzeichnungen und

Kupferstiche (vgl. Mitt. Abb. 1, S. 72, 1922) noch mit drei Groschen

in Rechnung gesetzt und umfängliche Gebühren für die Aktenführung

eingestellt.

Neben andern ausführlichen Abrechnungen liefern uns ferner die

_Reiseberichte Zürners_ aus späteren Jahren manchen Beweis über

Vorhandensein und Beschaffenheit der Straßenzeichen. 1724 wurde

z. B. auf einer Revisionsfahrt Dresden–Dippoldiswalde–Frauenstein

festgestellt: »Die Säulen 4 bis 10 wackeln. Schrift schlecht. Schlecht

gestrichen.« Der Viertelmeilenstein mit der Zahl neun und dem Jahr

1723 ist heute inmitten Dippoldiswalde selbst aufgestellt und stammt

zweifellos von einer Außenstrecke. Ein Ratsbericht vom 27. Juli 1725

erwähnt eine Distanzsäule vor dem Obertor und eine Viertel- und eine

Halbmeilensäule auf der Dresdner und Gebirgischen Hauptlandstraße

im Weichbild. Mit einer zweiten Distanzsäule vor dem Niedertor wird

die Stadt durch Reskript vom 18. September 1725 jedoch nach vielen

Verhandlungen verschont.

Ähnliche Berichte über Verfall, Zerstörung, Wiederaufrichtung und

Vorhandensein der Straßensäulen finden wir zwar noch in mehreren

Aktenstücken; ein Gesamtbild von der planmäßigen Besetzung der

Poststraßen läßt sich aber daraus nicht entnehmen, so daß wir auch

hier, ähnlich wie bei den Stadtsäulen, über den einstigen Bestand

völlig im Unklaren bleiben.

Wenn man also heute nach zweihundert Jahren ein Verzeichnis der

übriggebliebenen Postzeichen aus allen Teilen des Landes aufstellen

will, so ist man trotz ihres geringen Alters doch genau wie bei einer

wirklichen Altertumsforschung darauf angewiesen, allerwärts aufs

Geratewohl zu suchen und zu fragen. Neben der Umschau in der Natur

können Bilder, Reisebeschreibungen, Pressenotizen und Ansichtskarten

vielleicht auf die richtige Spur leiten. So finden wir z. B. auf

Aquarellbildern im Oschatzer Museum die beiden verschwundenen

Distanzsäulen vor dem Spitaltore und vor der Gottesackerkirche oder auf

einem Stadtbild von Nossen einen Halbmeilenstein am rechten Muldenufer

abgebildet. Bei manchen persönlichen Mitteilungen ist zumeist Vorsicht

geboten; so hatte ich ohne eigne Nachprüfung aus der Literatur zwei

Distanzsäulen am Parktor von Schloß Lichtenwalde bei Chemnitz unter

Nr. 22 und 23 meines Verzeichnisses von 1922 aufgenommen. Als ich sie

nachträglich noch aufsuchen wollte, war nichts von ihnen zu sehen

und der Schloßherr versicherte mir, daß auch nie eine solche Säule

auf seinem Besitztum gestanden habe. Hier liegt wahrscheinlich eine

Verwechslung mit den zwei Säulen am Moritzburger Schlosse vor; jene

beiden Nummern sind also zu streichen.

Gleichfalls nicht zu finden ist die Viertelmeilenplatte Nr. 73 an

der Wasserschänke bei Röhrsdorf. Nach Auskunft der Bewohner soll sie

überhaupt nicht dort gestanden haben und ist infolgedessen ebenfalls im

Verzeichnis zu tilgen.

Mit solchen Fehlern, denen ich später noch andre anzufügen habe,

muß man erfahrungsgemäß bei allen Erkundigungen rechnen, die nicht

ausschließlich auf eignem Augenschein beruhen, aber trotzdem bleibt

solche Umfrage das einzig wirksame Mittel und die Forschung läßt

sich – besonders in heutiger Zeit – nur betreiben, wenn es gelingt,

eine möglichst große Zahl ortskundiger Helfer für die Sache zu

interessieren. Da dies aber nur auf dem Wege durch die Presse möglich

ist, so mag es nicht verwunderlich erscheinen, wenn meine erste

Veröffentlichung, bei der ich insgesamt neunundsiebzig Distanzsäulen

und Meilenzeichen zusammengebracht hatte, nicht nur zu verbessern,

sondern auch verschiedentlich zu ergänzen ist.

Neben steinernen Bruchstücken in Museen oder Privatbesitz oder neben

Meilenzeichen an entlegenem Orte haben sich drei wohlerhaltene

_städtische Distanzsäulen_ gefunden, die zwar an ihrem Platze täglich

von allen Einheimischen gesehen werden, in der heimatlichen Literatur

aber für den Sammler bisher nicht zu finden waren. Infolgedessen glaube

ich auch heute nicht, daß die Sammlung mit diesem ersten Nachtrag

völlig erschöpft sein wird, sondern bitte, mit wiederholtem Dank

an alle Einsender, auch künftig um Beschreibung weiterer Funde. –

Ergänzende Mitteilungen über die Jahreszahlen einiger Distanzsäulen hat

mir Eisenbahninspektor Bernhard Meinke gemacht. Demnach ist in Tabelle

~A a~, ~b~, Heft 4/6, 1922 nachzutragen:

Johanngeorgenstadt 1728, Jöhstadt 1730, Königstein 1727,

Marienberg 1727, Penig 1733, Guben 1736, Ullersdorf am Queis

1725.

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XII, Heft 4-6 · 第 3 / 7 段