sich die nach Bayern führende Staatsstraße hinunter zum _Schwarzen
Teich_. Jenseits desselben steigt sie mählich zum Walde empor. Da,
wo der Wald zur Linken aufhört, steige ich, die Straße hinter mir
lassend, den schwach geneigten Abhang hinauf. Aus dem gebänderten
cambrischen Tonschiefer erheben sich zwei Diabaskuppen, die auf der
geologischen Generalstabskarte Sektion Bobenneukirchen–Gattendorf die
Höhenbezeichnungen 535,4 und 534,2 tragen. Erstere nenne ich _meinen
Wacholderhübel_, letztere meinen Quarzhübel. Ich pflege Punkte, die
ich auf einsamen Wanderungen öfter besuche, zu benennen. Es brauchen
dies nicht immer Namen zu sein, die, wie hier, ein charakteristisches
Merkmal der betreffenden Erdstelle zum Ausdruck bringen. Sie sind
mitunter entstanden in Anlehnung an kleine, völlig unbedeutende, rein
persönliche Erlebnisse und Erinnerungen. Und so habe ich denn, außer
den allgemein bekannten und von alters her festgelegten geographischen
Ortsbezeichnungen, eine Sammlung eigner Benennungen, die keine Karte
kündet, kein menschliches Wesen außer mir kennt.
Also _Wacholderhübel_. Eine einsame Heidekuppe. Kaum merklich
gewölbt, tragen Höhe und Hang vereinzelte Kiefern und Birken. Einen
geschlossenen Waldbestand zu ernähren, würde der kärgliche Boden wohl
schwerlich imstande sein. Das überaus langsame Wachstum der wenigen
Holzgewächse ist eine natürliche Folge des Steinreichtums, der dünnen
Humuskruste und der Nahrungsarmut des Untergrundes. Kiefern und Birken
wachsen mehr in die Breite als in die Höhe. Die ungeschützte Lage und
der rauhe Nordwind haben ihnen gelehrt, bescheiden in ihrem Streben
nach oben zu sein. In ihren Ansprüchen hingegen läßt die Birke die
Bescheidenheit völlig missen. Sie saugt den an und für sich dürren
Boden derart aus, daß eine junge Nadelholzanpflanzung, die von Birken
durchsetzt ist, an Wassermangel leidet und schließlich schonungslos zu
Grunde gehen muß. –
[Illustration: Abb. 1 =Vogtländischer Wacholder in Obergettengrün bei
Adorf= Derselbe Baum, wie unter Abb. 2, aber von oben her gesehen, vom
Häuschen des Schneidermeisters Müller aus. Das Tal ist das Zinnbachtal,
der Zinnbach geht ins Tetterweinbachtal und dieses unterhalb Adorf in
die Elster
(Phot. Curt Sippel, Plauen i. V.)]
Die weiße Birke und die weiße Taube: Symbole der bedrängten und
bescheidenen Unschuld. So schön beide Vergleiche klingen, so falsch
sind sie; und ihre immer wiederkehrende Anwendung in Poesie und Prosa
zeugt von wenig Naturbeobachtung. Es gibt kaum ein unverträglicheres,
selbstsüchtigeres, liebloseres Geschöpf als das »unschuldige Täubchen«.
Und im Unschuldskleide der keuschen Birke verbirgt sich der krasseste
Egoismus eines rücksichtslosen Räubers und Mörders.
_Wacholderhübel._ Schwarzes Gestein steht an. Vor Jahren mögen hier
Steine gebrochen worden sein. Genau auf dem Gipfel des Hügels ist so
ein Bruchloch beständig mit Wasser gefüllt. Buntbauchige Kammolche
beleben an sonnigen Vorfrühlingstagen den Tümpel. Eines der vielen
Naturrätsel, wie diese typischen Wassertiere hier heraufgekommen sein
mögen. Kätzchen von Salweiden treiben auf der unbewegten kleinen
Wasserfläche. Keck wippt eine Bachstelze auf dem einzigen inselartig
herausragenden Felsblock. Im Sommer wuchert weißer Hahnenfuß an den
Rändern. Das dunkle Gestein ringsum ist mit zierlichen Becherflechten
und dünnwebigen Flechtenflecken besät. Und rundherum hochstämmige
Wacholderbüsche. Aus dem Gewirr von Heidekraut und Brombeergerank, aus
dem Teppich von Preiselbeerlaub und Katzenpfötchengefilz recken zwei
bis drei Meter hohe, ernste Wacholderbäumchen kerzengerade empor. Sie
schauen weit hinaus ins Waldland.
[Illustration: Abb. 2 =Vogtländischer Wacholder in Obergettengrün bei
Adorf= Es ist der größte, etwa 5 Meter hohe vogtl. Wacholder, der vor
mehreren Jahren auf meinen Antrag hin unter Schutz genommen wurde. Das
Häuschen dahinter ist das des Herrn Schneidermeisters Gottwald Müller,
der gleichzeitig als nächster Nachbar der vom »Sächs. Heimatschutz«
bestellte »Pfleger« ist (Phot. Curt Sippel, Plauen i. V.)]
Ich liebe ihn, den kraftvollen, wetterharten Wacholder. Nicht das
Ruppige und Struppige, nicht das Stachelige und Widerspenstige, nicht
das Düstere und Unheimliche seines Wesens ist es, was mir ihn wert
macht, sondern seine Anspruchslosigkeit, seine eiserne Zähigkeit, sein
stolzes Selbstbewußtsein im Vertrauen auf ureigene Kraft. Er verschmäht
es, Schutz zu suchen unter dem tiefhängenden Kieferngeäst. Verächtlich
schaut er auf das niedere Pflanzengewirr, das hilfeheischend dort
unterkriecht. Nur vor den beiden gleich wetterfesten Genossen draußen
am Feldrande, vor Schlehdorn und Wildrose, hat er Achtung. Und noch
höher steht der Wacholder als beide. Denn Schlehdorn und Heckenrose
wachsen in Gruppen und Sippen beieinander, nicht allein der lieben
Geselligkeit willen, sondern um gemeinsam den Unbilden und Fährnissen
entgegentreten zu können, während der Wacholder auch dieses Hilfsmittel
von sich weist. Er ist das Sinnbild des starren, zähen, unbeugsamen
Selbstbewußtseins; und auch das Symbol der hastlosen, besonnenen
Entwicklung. Während jede andre Pflanze den Zeitraum vom Frühling
bis zum beginnenden Winter benötigt, um die Früchte zur Reife zu
bringen, braucht der Wacholder zwei Jahre dazu. Im ersten grünt, im
zweiten bläut er sie. Ebenso bedächtig ist er im Wachstum. Die kaum
fingerstarken Stämmchen guckten schon übers Heidekraut, als die jetzt
manneshohen Fichten geboren wurden. Diese Wacholderbäumchen kommen mir
immer vor wie die Liliputaner, jene kleinen Menschen mit den alten
Gesichtern, die mit klugen Augen und feinspöttischer Überlegenheit den
Dünkel der größeren Menschen belächeln.
Im Preiselbeergeäst des Waldbodens sind zahllose Spinnengewebe
ausgespannt. Ich beuge mich nieder und betrachte so ein wagerecht
gehängtes Fangnetz. Drinnen liegt ein dicker Tautropfen. Mit
unheimlicher Schwere zieht die quecksilberne Kugel nach unten. Jeden
Augenblick kann die Katastrophe eintreten. Klopfenden Herzens hockt
der kleine Textilarbeiter am Rande und harrt des Zusammenbruchs seines
kunstvollen Gewebes. Jetzt schießt ein Sonnenstrahl heran und läßt
den gefangenen Tropfen in allen Regenbogenfarben erglühen. Aber das
Spinnlein hat keinen Sinn für Romantik und schwärmt nicht für Rückert
und Robert Schumann, deren Ritornell
– – – – stand im Tau,
Es waren Perlen grau.
Als Sonne sie beschienen,
Wurden sie zu Rubinen
es völlig kalt lassen würde; denn es ist ihm schließlich gleichgültig,
ob der dicke Tautropfen als graue Perle oder als roter Rubin das Netz
durchbricht.
Über den schmalen Heidepfad hastet ein prachtvoller Carabus. Der
glänzende Leib dieses Goldlaufkäfers will mit seinem exotischen
Gefunkel gar nicht in das Ewiggrau des deutschen Heidebodens passen. In
seinem raschen Laufe bemerkt er nicht, wie sein Vetter, der stahlblaue
Roßkäfer, sich um eine eiförmige Pille Hasenlosung bemüht, die auf dem
Heidewege liegt. Die unästhetischen Menschen nennen ihn verächtlich
»Mistkäfer« und vergessen ganz und gar, daß er, in Gemeinschaft mit
Totengräber und Ameise, die Sanitätskolonne des Waldes verkörpert.
Da steht doch der ungebildete Beduine der marokkanischen Wüste
kulturell höher als der dünkelhafte Europäer. Der Sohn der Sahara zollt
einem nahen Verwandten des Mistkäfers, dem pillendrehenden heiligen
Skarabäus göttliche Verehrung. Trotz der hohen Verwandtschaft und
ungeachtet des prächtigen Kleides erfreut sich der Mistkäfer keiner
bedeutenden Hochachtung. Denn einmal umgibt er sich als Mitglied der
Düngerabfuhrgesellschaft mit wunderbarem Parfüm, und zum andern wird
die haarige Unterseite seines Leibes von kleinen, grauen Parasiten
bewohnt. Also in jeder Beziehung ein sogenannter »netter Käfer«. –
Ein auffliegender Trauermantel hebt unsern Blick aus der schwülen
Atmosphäre der Erdnähe in die unbegrenzte Höhe des Äthers. Das
Auge ist geblendet und muß erst, nachdem es die winzige Kleinwelt
des Waldbodens aus kürzester Entfernung beobachtete, auf das weite
Gesichtsfeld eingestellt werden. Es ist eine wundersame Eigenschaft des
menschlichen Auges, daß es befähigt ist, urplötzlich den Übergang vom
Sehen in die Nähe zum Schauen in die Ferne und umgekehrt herzustellen.
Die einzige Unvollkommenheit des Sehorgans, die Begrenztheit des
Gesichtsfeldes, hat menschliche Denkkraft durch Erfindung der
vergrößernden Linse zu mindern gesucht. Mikroskop und Teleskop geben
die Möglichkeit, die Zwerggestalten der Nähe zu erforschen, die
Riesengebilde der Ferne zu bewundern.
Ich starre ins Weite. Waldwelle hebt sich über Waldwelle. Waldkuppe
reiht sich an Waldkuppe. Und da packt sie mich doch, die Sehnsucht nach
der weiten Welt. Ich sträube mich vergebens. Ich bin nicht wert, ein
Verkünder heimischer Schönheit zu sein. Hinter den Waldbergen gegen
Süden schaue ich ferne Schneehäupter und sehe Pinien und Zypressen an
blauen Seegestaden.
War die Betrachtung der nahen Umwelt zufriedenes Genießen, so löst
der Blick in die Ferne qualvolles Sehnen aus. Glücklich der Mensch,
der wunschlos in die Weite zu schauen vermag. Beneidenswert nennen
ihn die einen – bedauernswert die andern. Sonnenfrohe, zufriedene
Alltagskinder, der lichten, leichtblättrigen Birke vergleichbar.
Schwerblütige Grübler und Träumer, Wacholdernaturen, tiefwurzelnd
im Mutterland und doch behutsam tastend zur Höhe strebend. Eng
beieinander wohnen so wesensfremde Menschen. Und so steht auch neben
dem düstern Wacholderhübel mit seinem dunklen Gestein und seinen
an Friedhofszypressen gemahnenden Wacholderpyramiden ein lichter,
freundlicher Gesell: _mein Quarzhübel_. Blendendweißes Gestein steht
an. Hier beginnt im Kambrium ein merkwürdiger Quarzzug, der sich in
einer Breite von wenigen Metern und in einer Länge von 2,4 Kilometern
in genau nordsüdlicher Richtung hinzieht. Der Quarzgang ist nicht
leicht zu verfolgen, da dichte Walderde ihn deckt. Nur wo gerodet
worden ist, liegen zu tausenden die hellen Kiesel wie bleichendes
Gebein. –
Drunten im Tal hebt das Feierabendglöcklein an zu klingen. Über den
Waldkämmen des Haselrainer Platzerberges und des Bobenneukirchner
Pfaffenberges liegt mattgolden der Schimmer des scheidenden Tages.
Und drüben auf meinem Wacholderhübel schluchzt liebesselig eine Amsel
ihr Abendlied.
Von meinen Besuchen bei den höchsten Herrschaften von Dresden[2]
Von _Bernhard Hoffmann_
Die freundlichen Leser und vielleicht mehr noch die Leserinnen dieser
Zeilen werden von vornherein gespannt sein zu erfahren, wer die
»höchsten Herrschaften« von Dresden sind und wo sie wohnen. Es sind
nicht etwa die »höchsten Herrschaften« im alten Sinne, denn die gibt
es auf Grund des allerhöchsten Volkswillens heute nicht mehr. Auch
diejenigen, welche jetzt die höchsten Stellen bekleiden, sind nicht
gemeint. Man könnte ferner an den Kreuztürmer und seine Familie denken,
aber man ist da ebenfalls auf dem Holzwege. Vielmehr handelt es sich um
ein Ehepaar, das von auswärts, und zwar wahrscheinlich von sehr weit
her – möglicherweise gar aus dem Auslande – zugezogen ist und sich
inmitten der Altstadt niedergelassen hat, ohne erst beim Wohnungsamt
um Zuweisung der entsprechenden Räumlichkeiten nachzusuchen. Das soll
ja auch sonst manchmal vorkommen. Aber das Unerhörteste dabei ist,
daß sich das betreffende Ehepaar dem Wohnungsamt auf – oder besser
über die Nase gesetzt hat, so daß es sich tagaus tagein in geradezu
herausfordernder Weise den Herren des Wohnungsamtes vorstellt und
»von oben herab« auf sie niederblickt. Dabei genießt das Paar die
herrlichste, schönste Fernsicht; es ist dem Lärm, Staub und Ruß der
Stadt entrückt, badet sich alltäglich im klarsten Sonnenschein oder
im reinsten Regenwasser, und für alles das zahlt es weder Steuern
noch Abgaben! Ja, das Ehepaar hat sich sogar bald nach seiner Ankunft
eine Wochenstube eingerichtet, in der nach der üblichen Zeit – es ist
kaum zu glauben – Fünflinge zur Welt gekommen sind. Doch da habe ich
schon recht vertrauliche Dinge berührt. Deshalb ist es wohl an der
Zeit, daß ich Namen und Wohnung der höchsten Herrschaften verrate. Es
handelt sich um ein Ehepaar namens Turmfalk, welches in der Höhe des
neunten Stockwerks vom Rathausturm – d. h. etwas über fünfzig Meter vom
Erdboden entfernt – eine, wenn auch bescheidene Wohnung bezogen hat,
wobei es dem Kreuztürmer tatsächlich noch um ein beträchtliches Stück
»über« ist. Schon Anfang März stellte ich Turmfalkens Ankunft fest.
Obgleich ich sonst höheren und höchsten Herrschaften gegenüber immer
eine gewisse Zurückhaltung gewahrt habe, verlangte ich diesmal doch
nach einer näheren Bekanntschaft, natürlich nicht eher, als bis ich
annehmen konnte, daß das Paar hier seßhaft geworden war. Das dauerte
allerdings ziemlich lange, so daß ich erst Anfang Mai einen Besuch
wagte. Zunächst galt es, die Wohnung von Turmfalkens aufzufinden, da
eine polizeiliche Meldung bisher nicht erfolgt war. Ich vermutete
die Wohnung schließlich in einer, meinen Blicken leider nur äußerst
wenig zugänglichen Vertiefung zwischen den Unterbauten eines mächtigen
Säulenpaares an der Wetterseite des Turms. Und richtig! Als ich mich
zwischen einer Brüstung und der Turmmauer etwas emporgearbeitet hatte
und den Kopf ein wenig hinter die eine Säule zu schieben suchte,
strich Frau Turmfalk, die ich sofort an dem Fehlen des Aschgrau in der
Farbe ihres Kleides erkannte, höchst ungehalten ab. Ihrem Ärger gab
sie durch verschiedene Scheltrufe unverhohlenen Ausdruck. Ich vernahm
von ~h~₃ an stark hinaufgezogene wriiiiii und kurze, in der Höhenlage
wechselnde kjig, kjig, oder kig usw. Im ganzen bewegten sich diese Rufe
zwischen ~gis~₃ und ~e~₄. Wohl wagte Frau Turmfalk einmal, in ihr Heim
zurückzukehren, aber eine geringe Bewegung meinerseits verscheuchte
sie sofort wieder, so daß ich selbstverständlicherweise »nicht weiter
stören« wollte und den Rückzug antrat. Nur über ihren Verbleib wollte
ich vorher noch Gewißheit haben. Ich entdeckte sie schließlich mit
dem Glase drüben auf dem Kreuzturm, hoch oben auf der stark gewölbten
Steinkuppel, welche die metallne Turmspitze trägt. Hier saß sie nicht
weit von ihrem Herrn Gemahl, den meine Aufdringlichkeit und die
Erregung seiner Gattin völlig gleichgültig zu lassen schien. In seiner
Nähe sah ich auf den Steinen zahllose weiße und grauweiße abwärts
verlaufende Streifen; es waren die Kotüberreste des Turmfalkenpaares,
das da drüben – ~naturalia non sunt turpia~ – seinen Abort angelegt
hatte; er entbehrte sogar der Spüleinrichtung nicht, die allerdings
nur bei Regengüssen in Tätigkeit trat. Der Abort war zwar von der
eigentlichen Wohnung recht weit entfernt; aber einmal kommt das auch
in den Behausungen der Menschen – besonders auf dem Lande – vor, und
zweitens war diese Entfernung für Turmfalkens ja nur ein – Katzensprung!
Als ich am elften Mai meinen Besuch wiederholte, flog das Weibchen
abermals sofort laut schreiend ab, diesmal weit über Friedrichstadt
hinaus. Ich benutzte die Gelegenheit, die Wohnung von Turmfalkens
soweit als möglich in Augenschein zu nehmen. Leider gelang mir
das, da der Spalt zwischen Mauerwerk und Säule nur ungefähr elf
Zentimeter breit war, sehr wenig. Doch konnte ich feststellen, daß
die ganze Wohnung aus einem einzigen, langgestreckt-rechteckigen,
vorn und oben offenen Raum zwischen den Sockeln des schon erwähnten
Säulenpaares bestand; solch bescheidene Verhältnisse sind ja in
Anbetracht der jetzigen allgemeinen Wohnungsnot leicht verständlich.
Bei ihrer Rückkehr landete Frau Turmfalk an der bewußten Stelle des
Kreuzturms in »seiner« Nähe. Sie hatte sich von draußen ein zweites
Frühstück, wahrscheinlich eine Feldmaus, mitgebracht und verzehrte
sie nun auf ihrem hohen Sitz, indem sie die Beute mit den Krallen
festhielt und ab und zu ein Stück davon losriß. Der Raum zwischen
den bewußten zwei Säulensockeln war demnach nur Wohn-, nicht aber
auch Speisezimmer. Freilich allzustreng war die geschilderte Trennung
nicht durchgeführt. In einer Ecke des »Wohnzimmers« bemerkte ich
eine Anzahl vorwiegend grau gefärbter, länglich ovaler Gebilde von
ungefähr zweieinhalb Zentimeter Länge und reichlich ein Zentimeter
Breite, sogenannte »Gewölle«, die im Magen der Vögel aus unverdaulichen
Teilen der aufgenommenen Nahrung gebildet und durch Speiseröhre und
Schnabel wieder ausgespien worden waren. Bei näherer Untersuchung
einiger Gewölle fand ich, daß sie zum größten Teil aus Mäusehaaren
bestanden, deren Abstammung außerdem durch einen darin steckenden sehr
kleinen Nagezahn erwiesen wurde. Doch ergab sich leider, daß auch
sehr zarte und ein paar derbere Federchen, ja sogar unter anderem ein
Unterschenkelknochen eines kleinen Singvogels in den Gewöllen enthalten
waren, was meiner freundschaftlichen Gesinnung gegen Turmfalkens einen
starken Stoß gab; sie »wilderten« gelegentlich, statt nur ihres Amtes
als »Flurschützen« zu walten! Bald stellte sich eins von Turmfalkens
in ihrem Heim wieder ein. Höchst vorsichtig schlich ich nochmals heran
und hatte diesmal das Glück, den unteren Teil des Obergewandes in fast
greifbarer Entfernung zu sehen, wobei ich bestätigt fand, daß ich auch
diesmal Frau Turmfalk vor mir hatte. Alles andre blieb mir leider
verborgen. Beim Fortgehen wollte mir deshalb keine volle Befriedigung
kommen. Wenn zum Beispiel Frau Turmfalk schon die Wiege für ihre Kinder
hergerichtet oder gar bereits für Zuwachs gesorgt hätte? Wie sollte ich
das sicher feststellen? – Ich hätte ja wohl etwas weiter emporklettern
können, um so einen tieferen Einblick in Turmfalkens Wohnung zu
bekommen. Aber einmal war das bei der gewaltigen Höhe, in der die
Wohnung lag, doch recht gefährlich, und dann hätte man meine Kletterei
von unten aus bemerken und mich für einen, der Selbstmord begehen will,
halten können, wozu ich aber nicht die geringste Lust verspürte, da das
Leben jetzt so überaus schön ist, daß man nicht ohne weiteres von ihm
Abschied nimmt. Es mußte demnach zu obigem Zweck eine ungefährlichere
Methode ersonnen werden. Endlich war der Ausweg gefunden. Zu Hause
wurde alles sorgfältig vorbereitet, und als ich am siebzehnten Mai zum
dritten Male bei Turmfalkens antrat, schob ich einen, an einem schmalen
Brettchen sicher befestigten Handspiegel, der um ein Scharnier drehbar
und deshalb leicht verstellbar war, zwischen Mauerwerk und Säule
hindurch und möglichst weit vor. Groß war jetzt meine Freude, denn Plan
und Vorbereitungen erwiesen sich als vorzüglich. Ich erblickte sofort
im Spiegel bei geeigneter Stellung desselben die Wiege fürs junge Volk
und in ihr zunächst fünf verhältnismäßig große Eier!
Die Wiege bestand aus einem etwas lockeren, flachen Kranz von dünnen
Zweigen und Ästchen, die mit der etwas erdigen Unterlage mehr
oder weniger verschmolzen waren. Im Innern der Wiege fehlte aber
ein wärmendes Federbett vollständig; hingegen bestand der flach
muldenförmige Boden wiederum aus erdigen Teilen. Die Eier waren mehr
rundlich, statt spitz eiförmig, ungefähr vier Zentimeter lang und
drei Zentimeter breit. Sie zeigten eine hell rostbräunliche Färbung
mit vielen dunklen Flecken, Schattierungen usw. Hochbeglückt von dem
Gesehenen zog ich nach wenig Augenblicken den Spiegel zurück und
verbarg mich etwas, um eine baldige Rückkehr von Frau Turmfalk zu
ermöglichen. Andernfalls hätte der starke und verhältnismäßig kühle
Wind die Eier leicht zu sehr erkalten und die Entwicklung des darin
bereits vorhandenen Lebens unterbinden können. Zunächst freilich blieb
Frau Turmfalk noch »drüben«, nicht weit von Herrn Turmfalk, der seine
Kleidung mit dem Schnabel etwas in Ordnung brachte. Dabei sah ich,
daß die schon erwähnten weißgrauen großen Flecken und Streifen auf
der steinernen Wölbung in zwei Gruppen zerfielen. Es schien also dort
ein Abort für Männer und einer für Frauen eingerichtet zu sein, was
mir in den nächsten Augenblicken tatsächlich ~ad oculos~ demonstriert
wurde. Bald danach kam Frau Turmfalk herüber. Während sie beim
Abfliegen mit lautem kikikikikikekeke gescholten hatte, gab sie jetzt
ihrer Befriedigung darüber, daß in ihrem Heim kein Einbruch oder Raub
stattgefunden hatte, durch einzelne langgezogene und leisere kieg und
kiej Ausdruck, so daß ich beruhigt in den Lärm und Strudel der Straßen
zurückkehrte.
Da die Eier sicherlich erst nach dem 11. Mai gelegt worden waren und
die Brutzeit der Turmfalken ungefähr vier Wochen dauert, war mit einer
Veränderung der Lage vor dem 8. oder 9. Juni nicht zu rechnen. Nur auf
Augenblicke weilte ich in der Zwischenzeit einmal auf dem Rathausturm,
um nachzusehen, ob nicht irgendeine Störung bei Turmfalkens eingetreten
war; ich fand aber alles in bester Ordnung. Sonach hätte ich vollauf
zufrieden sein können; und doch bewegte mich schon wieder ein neuer
Gedanke, ein neuer Wunsch! Wie herrlich wäre es, wenn ich trotz aller
Schwierigkeiten von der Wochen- und Kinderstube Turmfalkens ein paar
photographische Aufnahmen machen könnte!
Gedacht – getan! Am 8. Juni ging ich zum ersten Male mit meiner Kamera
an die Arbeit. Beim Anschleichen konnte ich feststellen, daß Frau
Turmfalk auf dem Neste stand und sich langsam im Kreise drehte, was
jedenfalls eine Lagenveränderung der Eier zur Folge hatte. Nach Abflug
der Alten verriet mir der Spiegel, daß sich sonst nichts besonderes
ereignet hatte: Keines der Jungen war ausgeschlüpft. Trotzdem wollte
ich schnell noch eine Aufnahme machen, aber mein Apparat war ein wenig
zu groß., so daß ich ihn nicht durch die Spalte zwischen Säule und
Mauer in eine geeignete Stellung bringen konnte. Ich tröstete mich mit
der Hoffnung, daß es vielleicht noch ein paar Tage dauern würde, ehe
die Jungen auskämen.