Anmerkungen zur Transkription
Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter und
unterstrichener Text ist _so ausgezeichnet_. Im Original in
Antiqua gesetzter Text ist ~so markiert~. Im Original fetter
Text ist =so dargestellt=.
Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
Buches.
Landesverein Sächsischer
Heimatschutz
Dresden
Mitteilungen
Heft
4 bis 6
Monatsschrift für Heimatschutz, Volkskunde und Denkmalpflege
Band XII
_Inhalt_: Straße und Fuhrwerk im Müglitztal – Janko – Holznot
und Waldesschönheit – Mein Wacholderhübel – Von meinen Besuchen
bei den höchsten Herrschaften von Dresden – Die kursächsischen
Postmeilensäulen – Osterreiten zu St. Marienstern – Volkskundler
und Enthusiast – Eine sächsische Afrika-Expedition vor zweihundert
Jahren – Am Dresdner Altmarkt
Einzelpreis dieses Heftes M. 850000.—, Bezugspreis für einen Band
(aus 12 Nummern bestehend) M. 3500000.—,
für Behörden und Büchereien M. 1200000.—.
Mitglieder erhalten die Mitteilungen kostenlos,
_Mindest_monatsbeitrag M. 100000.—,
freiwillige Einschätzung erbeten
Geschäftsstelle: Dresden-A., Schießgasse 24
Postscheckkonto: Leipzig 13987, Dresden 15835
Stadtgirokasse Dresden 610
Bankkonto: Commerz- und Privatbank, Abteilung Pirnaischer Platz,
Dresden
Bassenge & Fritzsche, Dresden
Dresden 1923
_Dresden_, den 17. August 1923
An unsre werten Mitglieder!
Ein neues Heft und dadurch viel Freude in den Kreisen der
Heimatliebenden! Wie sehr unsre Hefte erwartet werden, konnten wir
besonders in der letzten Zeit merken. Täglich kamen mindestens
fünfundzwanzig bis dreißig Nachfragen; denn es rechneten wohl viele
in der jetzigen Zeit äußerster wirtschaftlicher Not mit einem
vollständigen Erliegen auch unsrer Mitteilungen. Wir haben in
letzter Zeit tüchtig gearbeitet, um Werte zu schaffen, damit uns die
Überwindung der jetzigen Zeit ein klein wenig leichter fällt, und wir
einen Vorsprung haben, um nichts von dem einzubüßen, was unsre Bewegung
seit 1914, seit ihrer Gründung herausgibt und veranstaltet.
Selbstverständlich ist, daß die Monatsbeiträge zu unserm Verein der
Geldentwertung entsprechend aufgebessert werden müssen, und wir hoffen,
daß sich niemand dieser Erkenntnis entzieht.
_Dieses Heft unsrer Mitteilungen, das keine Einschränkung gegenüber
früheren Heften aufzuweisen hat, kostet uns mit Papier, Klischees
und Druckkosten vier Milliarden Mark; dazu kommen die Versandkosten
einschließlich Postgeld in Höhe von einer Milliarde Mark, so daß unsre
Selbstkosten für dieses Heft fünf Milliarden Mark betragen._
Den wirtschaftlichen Verhältnissen entsprechend, unsren Ausgaben
einigermaßen anpassend, mußten wir uns entschließen, _einen monatlichen
Mindestbeitrag von 100000 Mark zu erheben und unsre Mitglieder zu
bitten, wenn irgend möglich, sofort nach Erhalt dieses Heftes uns den
Beitrag für drei Monate, also zusammen mindestens 300000 Mark auf
unser Postscheckkonto (Dresden 15835, Leipzig 13987, Stadtgiro 610)
zu überweisen_. Alle diejenigen Mitglieder, die noch keine laufenden
Beiträge in diesem Jahre zahlten, müssen wir bitten, den vom August ab
gültigen Beitrag von monatlich 100000 Mark ab 1. Januar d. J. bereits
zum Ausgleich der Geldentwertung zu zahlen.
Wir bitten, beim Lesen dieser Zeilen die Zahlen mit den vielen
Nullen nicht als Geldzahlen anzusehen, sondern vielmehr zu bedenken,
was wir uns heute für 100000 Mark kaufen können, dann werden alle
unsre Mitglieder sich überzeugen, daß bei der Bemessung auch dieses
Mindestbeitrages auf viele andere große Einnahmen Rücksicht genommen
wurde; denn sonst könnten wir mit ¹/₈ Pfund Margarine monatlich nicht
auskommen, bieten wir doch unsren Mitgliedern jährlich in unsren
Mitteilungen Werte von heute 3500000 Mark, denn bei einem Grundpreis
von 5 Mark, multipliziert mit der heutigen Schlüsselzahl von 700000,
ergibt sich dieser Tagespreis.
Wir werden wie bisher auf die wirtschaftlich Schwachen, auf die
Kleinrentner, auf die vielen Bedauernswerten, die in der Zugehörigkeit
zu unsrem Verein, in unsrer Zeitschrift, das letzte Bindeglied mit
der Heimat, mit der Scholle, besitzen, mit den Erwerbslosen, mit den
Lehrlingen und Schülern, in der Beitragszahlung Rücksicht walten lassen
und sozial denken und handeln, so, wie dies stets von uns geübt wurde.
Auch diesmal hoffen wir zuversichtlich, daß uns das Durchhalten
ermöglicht wird, und wir wollen nach Kräften arbeiten, damit dem
Sachsenland, als einzigen in den deutschen Gauen, die Bewegung, der
Verein für die Heimat, mit seinen Veröffentlichungen, mit seinen
Vorträgen, mit seinem Wirken und Schaffen erhalten bleibt. – Wir bitten
rasch zu handeln und _keine_ Entwertung der Beträge eintreten zu
lassen. Denkt, fühlt und handelt für uns, für die sächsische Heimat.
Dank und deutschen Gruß!
Landesverein Sächsischer Heimatschutz
Band XII, Heft 4/6 1923
[Illustration: Landesverein Sächsischer Heimatschutz
Dresden]
Die Mitteilungen des Vereins werden in Bänden zu 12 Nummern
herausgegeben
Abgeschlossen am 1. Juni 1923
Straße und Fuhrwerk im Müglitztal
Von _A. Eichhorn_, Glashütte
In tiefer Wildnis träumte einst das Tal den »Mogelicz«. Herabgestürzte
Felsblöcke vereint mit entwurzelten urhaften Baumleibern stauten
oft das Wasser des felsbeengten Waldflusses. Baum, Stein und Wasser
machten das Tal unwegsam und zwangen Huf und Rad sich andren Weg zu
suchen. Aus den Hammerwerken am blockgefüllten Flusse schleppten
sich die Eisenkarren mühsam auf die Höhenwege. Das war zu der Zeit,
da rußige Hammerknechte mit schwerem Eisengerät am Schmiedefeuer
schafften, das Klingen aus der Hammerschmiede sprang, von den nahen
Felsen zurückprallte und sich mit neuem Hammerschall vertönte. Das war
in jenen Jahrhunderten, da hier schwarzbekittelte Schatzgräber mit
Hammer, Schlägel und Bergeisen die Erze aus dunklem Felsengange lösten
und Albinus schrieb: »Das dritte und fürtrefflichste Eisen wird zu
Lawenstein vnd Berggießhübel vnd Glaßhütten gemacht«. Lasttiere trugen
aus den Mahlmühlen auf dem »Eselssteig« und andren schmalen Pfaden das
Mehl in die Bauerndörfer. Über die Höhen liefen Straßen. Aber gar arg
waren die Höhenstraßen beschaffen, die vom Elbtal nach dem Erzgebirge
führten. Geifernde Zugtiere zerrten unter Fluch und Prügel den Wagen
aus schlammigem Loch, um nach wenigen Wagenlängen gleiche Marter zu
überwinden. Und war der Höhenweg gezwungen, das wegsperrende Tal zu
durchqueren, so folterte steinigter Hangweg, wurzelüberflochten und
wasserzerrissen, Mensch und Tier bis zur Erschöpfung. Eine lasttragende
Brücke führte selten zum Gegenhang. Durch geröllstrotzende Furt knarrte
der Wagen. Und wenn Schmelzwässer im Felsental in tollen Wellensprüngen
gurgelten, dann kam zu all den Mühen noch eine qualvollere Wartezeit.
Nur eine _feste_ Brücke überspannte schon vor vier Jahrhunderten
die Müglitz: die Kurfürst-Moritz-Brücke in Glashütte (Abb. 1). Aus
dem Urgestein der Uferfelsen und Sandsteinquadern gefügt, trotzte
sie durch Jahrhunderte dem zuzeiten wütenden Wasserprall und dient
zur Stunde gleichem Zwecke wie in längst vergangnen Tagen. Aus dem
pestbefallenen Freiberg war Herzog Moritz mit Gefolge ins einsame
Bergstädtchen Glashütte geflüchtet. Sechs Wochen hindurch genoß er
die Gastfreundschaft der Bergleute, die 1545 dafür ihren Lohn in der
_steinernen_ Brücke über die Müglitz erhielten.
[Illustration: Abb. 1 =Kurfürst-Moritz-Brücke in Glashütte= (Aufnahme
von Max Nowack, Dresden)]
Jahrhundertelang dienten die Höhenstraßen im östlichen Erzgebirge dem
Verkehr vom Kamm bis hinab zum Elbstrom und umgekehrt. Da kam auch für
das Müglitztal die Stunde, in der ihm seine Unwegsamkeit und Stille
genommen ward. Es war im Jahr 1846, als man bei Weesenstein im Tal
anfing zu graben, Erde aufzuwerfen und Steine zu klopfen. Achtzehn
Jahre hindurch galt es zu graben, Ufermauern zu formen, Felsstücke
abzusprengen, Bäume zu fällen, Quarzporphyr aus den Gängen zu brechen,
die den Gneis durchziehen, um Straßenschotter zu gewinnen. 1864 wurde
die letzte Teilstrecke von Lauenstein bis Geising vollendet. Weit über
fünfhunderttausend Mark kostete die neue Talstraße von Mügeln bis
Geising, eine gewaltige Summe für jene Zeiten.
[Illustration: Abb. 2 =Botenfuhrwerk aus Altenberg bei der Rast= (Nach
einem alten Negativ)]
Nun bewegten sich die Fuhrwerke von der »Pirnaischen Chaussee«
aus im Tale hinauf zum Grenzwald. Bestimmte Rastorte wählten die
Botenfuhrleute. Vor dem Gasthof in Häselich hält auf unserm Bilde
der Botenfuhrmann (Abb. 2). Eine Ruhepause muß er seinen Pferden
gönnen nach anstrengender, talaufgerichteter Zugarbeit. Ein gar
langes Fuhrwerk ist solch ein Frachtwagen mit Gespann. Nur auf so
wohlgepflegter und allmählich steigender Fahrbahn, wie sie die
Müglitztalstraße einst bot, vermochten zwei muskelstramme Gäule die
Last zum Gebirgskamm zu bringen. Auch wurde der Wagen von Ort zu
Ort von warengefüllten Kisten, Fässern und Säcken entlastet. Dann
meisterten zwei Zugtiere auch die steile Straße von Geising nach
Altenberg. Wohl waren mitunter mehr als zwei Pferdekräfte notwendig,
den überplanten Lastwagen kammwärts zu ziehen, gegen die Mühen auf den
einstigen Höhenstraßen war die Fahrt im Tale angenehm.
[Illustration: Abb. 3 =Große Bogen der Müglitztalstraße zwischen
Glashütte und Schüllermühle vom Hahneberg aus gesehen= (Aufnahme von
Max Nowack, Dresden)]
1855 kam auch der gelbe Wagen ins Müglitztal. Sechs Reisenden gab
er zur Mitfahrt Platz. Elf Neugroschen forderte der Postillon von
jedem Fahrgast für die Strecke von Glashütte nach Mügeln. Die Boten,
die ehedem »über die Berge« auf der Straße durch Lungwitz und
Kreischa dreimal wöchentlich nach Dresden gingen, um im »Königlichen
Hofpostamte« die »Glashütter Post« abzuholen, waren nun ihrer
anstrengenden Märsche ledig. An den Dresdner Markttagen rollten auch
dreispännig neunsitzige Wagen von Glashütte nach Mügeln. 1857 fuhr am
15. März zum erstenmal die Postkutsche von Glashütte nach Lauenstein.
Sieben Neugroschen verlangte der »Schwager« für diese Fahrstrecke. Es
waren reizbietende Fahrten für die Reisenden in einem Tale, darinnen
die Straße gar oft zum Richtungswechsel (Abb. 3) gezwungen wird und in
scharfen Bogen sich krümmt um arg zerfressene, jäh sich verstürzende
Felsen; da im Hartung der Frost die felsenüberrieselnden Wasser
fesselt, daß sie sich zu vielformigen Eismassen wandeln und die langen
Eisstangen mit den wenigen Lichtboten der Wintersonne ein glitzerndes
Farbenspiel treiben und der grimme Forstriese die Tröpfchen des
flüssigen Elementes, die dem »Ursohn« in die feinsten Äderchen seines
geschichteten Körpers dringen, in festen Stoff verwandelt, der das
beengende Gehäus sprengt, an glutheißen Sommertagen Millionen anderer
Äderchen geweitet werden und das Urgestein stetig zermürben; da Fels
und Wurzel sich fest verbrüdern, so daß selten ein Baum vom Felsen
nicht widerstand, wenn die baumfällenden Winterstürme ihre Kraft am
heimischen Wald erproben; da in Gilbhardtstagen der große Farbenmeister
seine kräftigsten Farben verschenkt und den Mischwald an den Talhängen
in allen Farbenfeuern auflodern läßt. Sinnende Fahrgäste kamen zum
Genuß dieser Talschönheiten, denn sie waren auf der wohlgebauten
Müglitztalstraße nicht zu den Leiden verdammt, die Postreisende
vergangener Jahrhunderte auf den schlechten Landstraßen erdulden
mußten. An einem Nebelungsabend des Jahres 1890 war es, als die
Posthalterei Glashütte zum letzten Male eine Fahrpost nach Mügeln und
Geising abgehen ließ. Im Tale war die »eiserne Straße« fertig geworden,
auf ihr fuhr das »Zügle« und übernahm die Postarbeit. Und mit der
Talstraße laufen seit der letzten Jahrhundertwende noch viele metallne
Wege parallel, in denen der Mensch mit »Blitzschrift« seine Gedanken
talauf und talab jagt. Noch einmal lebte die Postkutschenzeit für
kurze Zeit auf, als die niedergehenden Wasser im Heumond 1897 Straße,
Brücken und Eisenbahn zerstörten. Nur »über die Berge« konnte der Wagen
fahren: Glashütte–Kunnersdorf–Hausdorf–Maxen–Sürßen–Dohna–Mügeln.
Nur Postsachen sollten auf diesen Fahrten mitgenommen werden. Doch
der »Schwager« konnte die leeren Plätze in seinem Wagen nicht immer
leiden und ließ sie durch manchen »blinden« Fahrgast besetzen (Abb.
4). Ja sogar »über den Berg« mußte er einige Tage fahren, um vom
Hammergut Gleißberg im Müglitztale, wohin die Postsachen aus den
»oberen« Orten gebracht wurden, nach dem zehn Minuten talab gelegenen
Glashütte zu kommen, da die Talstraße auf dieser kurzen Strecke
gerade nicht befahrbar war. Wenn wir uns auf dem Bilde den steilen,
dazu überaus steinigten Weg zum Hahneberg hinauf anschauen und im
Geiste sehen, wie die Pferde auf diesem jahrhundertalten Fußweg von
Glashütte nach Johnsbach die Postkutsche aufwärts zerren, um aus dem
Müglitztal ins Prießnitztal zu gelangen, dann wird uns einmal die
große Verkehrshemmung bewußt, die jene gewaltige Wasserflut plötzlich
brachte, zum andern auch ein schwaches Abbild dafür, welche Anstrengung
zerfurchte und steile Hangwege vergangner Jahrhunderte für Fuhrmann
und Zugtier brachten. Erst als das zerstörte Menschenwerk an Straße
und Brücken im Tale wieder hergerichtet war, fuhr die Post »unten« und
nahm auch Personen mit. Über zwei Monate flackerte »die alte Zeit«
noch einmal auf, um dann für immer zu verlöschen. Im Herbstmond des
Vorjahres trat auch der Postwagenführer jener Tage heraus aus unsrer
Zeit. Nur die Postmeilensäule an der Müglitztalstraße weckt zuweilen
die Erinnerung an die ehemaligen Verkehrsverhältnisse. Ursprünglich
stand die Säule mitten in der Stadt, wie aus einer Urkunde vom Jahre
1764 hervorgeht (Abb. 5).
[Illustration: Abb. 4 =Alter Weg von Glashütte nach Johnsbach über den
Hahneberg vom »Kanzelfelsen« aus gesehen= (Aufnahme von Max Nowack,
Dresden)]
Gegenwärtig sind Holzstoff-, Rinden-, Heu- und Brotwagen eigenartige
Fuhrwerke fürs Müglitztal. Seit dem Kriege kam, wie überall, das
Lastauto hinzu.
[Illustration: Abb. 5 =Postmeilensäule in Glashütte= (Nach einem alten
Negativ)]
Abb. 6. Wie Tuchballen wird der Holzstoff gerollt. Hochaufgeschichtet
lagert er auf dem Wagen, der nach dem Bahnhof Glashütte fährt. Seitdem
Friedrich Gottlob Keller die Holzstoffpapierbereitung erfunden hatte,
wandelte mancher Kleinmüller des Tales seine Mahlmühle in eine
Holzschleiferei um. Schleif_mühlen_ waren diese Betriebe, denn das
Mühlrad bedeutete für sie das Lebensrad. Als aber auf der »eisernen
Straße« die Kohle ins Tal gebracht wurde, da bekam das Wasser im
Dampf einen gewaltigen Gehilfen, der ihm im trocknen Sommer und
kalten Winter die Arbeit abnahm, lange Hauptantriebskraft blieb, bis
in unsren Tagen die »über Land gejagte Kraft« den Dampf abzulösen
beginnt. Die Eisenbahn ist auch der Grund dafür, daß der Wanderer ganz
selten einem Holzstoffuhrwerk auf der siebenstündigen Talwanderung
von Mügeln (Heidenau) bis Geising begegnet, da Gleisanschluß den
Eisenbahnwagen bis in den Hofraum der Fabrik fahren läßt und hier die
Erzeugnisse sogleich hineingeladen werden. Nur auf dem kurzen Wegstück
von Glashütte bis Bärenhecke wird es möglich sein, ein Fuhrwerk mit den
gelblichen, feuchten Holzstoffballen zu sehen. Die Fahrt zum Bahnhof
geschieht aber nicht an jedem Tage.
[Illustration: Abb. 6 =Holzstoffuhrwerk auf der Fahrt zum Bahnhof
Glashütte=
(Aufnahme des Verfassers)]
(Abb. 7.) Fichtenrinden, seltener Eichenrinden, holte der Lohmüller
mit seinen Leuten von heimischen Holzschlägen. Unterm Schuppendach
und auch auf dem Oberboden des Hauses trocknen die gerbstoffhaltigen
Rollschalen. Im düsteren, gebälkigen und gar staubigen Mahlraume
wandelt sie das Schneidmesser zu Lohe, die der Häutezurichter als
Gerbmittel kauft. Eine besondere Freude ist es für den Heimatfreund,
wenn er einen Rindenwagen sieht, denn nur noch zwei Lohmühlen,
viertelstündlich geschieden, liegen am oberen Müglitzlauf, und nur an
wenigen Tagen im Jahre wird Arbeit fürs Mühlrad geholt.
[Illustration: Abb. 7 =Zwei Rindenwagen vor der Büttnermühle (Lohmühle)=
(Aufnahme des Verfassers)]
(Abb. 8.) Vierzig Zentner des kräuterreichen Gebirgsheues ruhen in
getürmter Last auf dem Wagen, ästezerrend, mitunter auch ästeknickend,
wenn ein Gegenfahrzeug die Hälfte der Fahrbahn verlangt. Und kommt
die glückliche Zeit der Obstreife, oh, zu welch einem willkommenen
Äpfelpflücker wandelt sich dann der Heuwagen in Kinderaugen! An des
Tales geringster Weite, am schwersten Fahrstück für den Fuhrmann hält
auf unserm Bilde der Heuwagen. In scharfer Krümmung umläuft die Straße
den überhängenden Felsen, und die hohe Ufermauer kündet von schwerer,
erdaufschüttender Arbeit. Kommt hier ein andres Fuhrwerk talauf
gefahren, dann ritzen die vorspringenden Zacken des Wittigschloßfelsens
die heuschützende Plane. Wohnung und Schutz soll dieser Fels dem
Raubritter Wittig und seinen Raubbrüdern gegeben haben in jener
Zeit, da maßlose Wildnis dieses Land deckte. Eine geschichtliche
Heimatschrift erzählt: »In alten Zeiten, als die ›böhmischen
Wälder‹ durch ihre Räuberbanden berüchtigt waren und das Faustrecht
herrschte, gab es auch viele Raubschlösser, und eins der festesten und
verrufensten war das, welches der Raubritter Wittig auf obenerwähnten
starken Felsen erbaut hatte. Dieser Wittig machte das ganze Land Meißen
unsicher und trieb es mit seiner Bande so frech, daß die Markgrafen
von Meißen es deswegen hatten ›öffentlich auskündigen lassen, daß, were
diesen Räuber ihnen entweder lebendig oder todt überantwurten würde,
derselbe einer großen und möglichen Bitte Vergünstigung haben sollte‹«.
Woher kommt der Heuwagen, der hier an geschichtlich denkwürdiger und
geographisch eigenartiger Stätte hält? Aus der Bergstadt Altenberg. Im
Heumond schreiten die Mäher über die Bergwiesen um den Geising, und
all die bunten Gebirgskräuter sterben unter zischendem Stahle. Schnell
gilt es auf den Wiesen der Kammorte zu heuen. Die dunkelste Farbe trägt
diese Gegend auf Sachsens Niederschlagskarte. Schon im Herbstmond hetzt
oft zerfetzter Nebelflug am basaltnen Wetterberge vorüber. Und wenn
der Bergwinter auf den Wiesen lastet, dann erinnert der Heuwagen den
Talsiedler an ihre Sommerbuntheit, wie sie so wundersam leuchtete kurz
vor den Tagen, in denen der Sensentod über die Hänge ging. Mehr als
ihr Vieh brauchte, heimsten die Gebirgler an Heu ein, darum brachten
Botenfuhrleute den überschüssigen Erntesegen aus Altenberg, Geising,
Zinnwald, Fürstenau, Fürstenwalde und Bärenstein an bestimmten Tagen
im Wochenlauf in die Hauptstadt des Landes zum Heumarkt. Zwölfmal
überholte dabei der lange Weiser den kurzen auf Fuhrmanns Taschenuhr.
Und heute? Nur selten fährt noch ein Heuwagen vom Gebirge zum Elbufer.
Der Heubedarf nahm auf dem Markt erheblich ab, als das Lastauto
die Zugtiere großer Betriebe ablöste. Der Häusler »droben« braucht
jetzt meist selbst seine Bergwiesenernte. Immer mehr Sommergäste
weilen in den Kammorten, und da er sie mit stärkender Ziegen- oder
Kuhmilch bewirtet, so stellt er mehr Vieh in seinen Stall. Da kann
kein Heu mehr verkauft werden. Nahe gerückt ist der Tag, an dem das
letzte Heufuhrwerk vom Grenzwalde das Tal hinab fährt und damit für
den Heimatfreund die wehmutsbange Stunde, in der er ein Stück alte
Talschönheit für immer hinwegfahren sieht.
[Illustration: Abb. 8 =Heufuhrwerk aus Altenberg=
(Aufnahme des Verfassers)]
Regelmäßig fährt ein brauner Brotwagen auf der Talstraße. Jeden
Dienstag zur bestimmten Stunde rollt er über die Brücke vor der
Schüllermühle, um das Mühlenbrot ins Nachbarstädtchen Glashütte zu
bringen. Wenn die Seiten- oder Hintertür geöffnet wird, dann gucken
aus vielen Fächern die braunen »Laibe« heraus. Ein Geländer auf dem
Wagendache läßt die Körbe nicht herunterfallen.
[Illustration: Abb. 9 =Blick nach der Dittersdorfer Straße (links) und
ins Kohlbachtal (rechts)=
(Aufnahme von Max Nowack, Dresden)]
Regelmäßig fährt seit ungefähr einem Jahr ein neues Botenfuhrwerk im
Tale, das »Tänzlerauto«. Es kommt aus Dresden und bringt Kisten und
Säcke mit Lebensmitteln zu den Kaufleuten, Messing und Eisenstangen
in die mechanischen Werkstätten. Vor dem Laden des Ofensetzers werden
Ofenkacheln, Ofentüren, Ofenroste und auch eiserne Öfen abgeladen.
Auch mit Bierfässern, Benzinkannen, Leiterwagen, Nähmaschinen,
Fahrrädern, Möbelstücken und vielen anderen schweren Lasten eilt das
neue Botenfuhrwerk zu Berg und zu Tal. Montag, Mittwoch und Freitag
sind seine Fahrtage. Auch mit »Anhänger« fährt es seit einiger Zeit.
Recht müssen wir dem alten Fuhrmann geben, wenn er uns erzählt,
daß seine Gäule einst leichtes Ziehen auf der glatten Fahrbahn der
Müglitztalstraße hatten, sich in unsern Tagen aber tüchtig mühen
müssen, um die gleiche Last fortzubewegen, denn arg zerfahren wird die
Straße von den mancherlei Kraftfahrzeugen.
(Abb. 9.) Will der Heimatfreund noch einmal einen leisen Nachklang an
die Einsamkeit des »Mogelicztales« empfinden, so macht er sich zum Gast
der Seitentäler, da auch zerfressene Felsen zum Bache treten und Geröll
und Blockwerk das Wasser zwingt vom schnellen Lauf ein wenig auszuruhen
oder über sich dahinschießen läßt zu kleinem Fall und kreisendem
Wirbel. Da wohlgewachsene Baumgestalten die Hänge hinabsteigen und im
munter lärmenden Bach ihre Wurzeln baden. Da er den eigenen Reiz der
Waldbachpflanzen spürt, als Vogelfreund zuweilen noch den Eisvogel beim
Fischen belauschen kann und zuletzt auf sumpfigen Quellwiesen anlangt,
wandert er dem Wasser entgegen. Trebnitzgrund, Kohlbachtal, möge euch
im Zeitenlauf noch lange eure Schönheit und Stille bewahrt bleiben,
kommenden Geschlechtern zu körperlicher und geistiger Gesundung!
Janko
Liebe Brüder und Schwestern vom Heimatschutz!
Laßt mich heute mit Euch einen Gewinn teilen, der mir geworden ist!
Wenn Ihr dabei denkt, ich hätte in der Staatslotterie gewonnen, dann
seid Ihr auf dem Holzwege; denn das ist mir seit zwanzig Jahren noch
nicht einmal geschehen, obwohl ich eine Nummer spiele, die meinem
verstorbenen Vater als Gesangbuchslied im Traume eingekommen ist. Aber
vernehmt meine Geschichte und schreibt wieder, ob mein Gewinn nicht
auch des Teilens wert sei.
Im vorigen Sommer unternehme ich eine Ausfahrt ins Storchenland und
komme da am Nordostrande unsres Sachsenlandes in so manches Dorf, das
leider nur noch kümmerliche Spuren ehemaliger Storchenherrlichkeit
aufweist. Bedauerlich ist es ganz besonders, daß für diesen Niedergang
auch die Unvernunft so mancher Krone der Schöpfung verantwortlich ist.
Doch hört: In der Woche vom 20. August erhalte ich von einwandfreier
und zuverlässiger Storchenseite die bestimmte Nachricht: Wir machen uns
auf die Flügel (ein Storch kann nicht gut sagen: wir machen uns auf die
Beine oder auf die Socken). Darum losgeradelt.
In den Teichen von Königswartha sehe ich manch stimmungsvolles
Storchenbild. Schade, daß ich kein Herr Bernhardt aus Dresden bin, der
mit Kamera und Film arbeitet. Es wären herzerquickende Bilder geworden.
In der Woche vorher muß es im Orte noch schöner ausgesehen haben. Da
haben sich etwa fünfzig Störche vor der Abreise gegen Abend auf Essen,
Türmen und auf allem, was sonst noch an hervorragenden Gebäudeteilen
aufzutreiben war, niedergelassen, um der Nachtruhe zu pflegen.
Jetzt nach Krinitz bei Neschwitz! Dort lerne ich den Janko kennen. Ihr
hättet einen Heidenspaß gehabt, wenn Ihr dabeigewesen wäret, wie er
mir vorgestellt wurde. Auf dem Scheunendache des Storchenvaters Trähne
klappern im Neste zwei Störche. Unten auf der Düngerstätte liegt auch
einer im schönsten Nichtstun. Er hat sich schön bequem ausgestreckt
und nimmt ein Sonnenbad. Um ihn her Hühner, Tauben, Gänse, Spatzen,
Schwalben, ab- und zugehende Menschen, die der Erntearbeit obliegen. Er
mag denken: Ich bin Herr im Hofe. Euch kenne ich alle.
Beim Öffnen des niedrigen Hofgatters hebt er den Kopf und blinzelt mich
an. Ich komme ihm näher. Da läßt er ein eigentümlich ziehendes Pfeifen
hören. Vater Trähne kommt, nimmt einen kleinen blauen Krug zur Hand,
klappert darauf und ruft: Janko. Sofort ist Janko, das ist nämlich der
Storchenjüngling, auf den Beinen und mit zwei bis drei Gleitsprüngen
steht er vor uns. Mich beachtet er zunächst gar nicht. Ich bin ja auch
nicht seinesgleichen, auch nicht einmal ein Frosch. Der Krug ist ihm
wichtiger. Sicher fährt sein Schnabel bis auf den Krugboden hinab.
Nichts darin, völlig leer! Er pfeift wieder, aber diesmal mit einem
etwas ärgerlichen Klang, aus dem auch so etwas wie Enttäuschung zu
hören ist. Dann aber verlegt er sich auf gütliches Zureden. Er stellt
sich gerade, guckt uns an, verbeugt sich ein über das andre Mal, wobei
er streng darauf achtet, daß keiner von uns beiden zu kurz kommt. Dann
ein Appell an das Gefühl. Er schreitet auf uns zu, legt seinen Hals an
unsre Beine und läßt sich graulen. Wieder geht das Hoftor. Zwei Jungen
haben auf den Schwarzwasserwiesen einen Frosch gefangen. Janko kennt
seine Lieferanten ganz genau. Schon steht er vor den Jungen und nimmt
unter Verbeugungen die Gabe in den Schnabel. Gravitätisch stolziert er
vor mir auf und ab. Ich versuche sein Zutrauen zu gewinnen, indem ich
ihn im schönsten Hochdeutsch einmal Johann, dann Johannes, Johannchen,
Johanneschen, Hans und Hänschen rufe. Er achtet meiner nicht. Ihn muß
ich wendisch anreden. Auf Janko hört er sofort. Als ich ihm meinen
Ausweis vorzeige, wird er gesprächig und erzählt mir:
»Ich, Janko, wurde geboren im Frühjahr 1922 als das erste von vier
Geschwistern im Neste auf der neugedeckten Scheune meines Pflegevaters
Trähne. Anfangs ging alles gut. Aber von einem unverständigen Schießer
wurde meine Mutter weggeschossen. Mein Vater konnte allein nicht mehr
Nahrung für vier hungrige Schnäbel schaffen. Das Geklapper dreier
Schnäbel verstummte. Auch meines wurde schwächer und schwächer.
Schließlich blieb auch der Vater weg. In der höchsten Not schob
sich eine Leiterspitze über den Nestrand. Eine Hand warf meine drei
verhungerten Geschwister auf den Dung. Mich nahm sie behutsam zur Erde
hinab. Ich wurde gekröpft, geazt, gefüttert mit Kaulquappen, Fröschen,
Schlangen, Fischen, Mäusen u. dgl. Alles ist mir gut bekommen. Nur
an Heringen vergreife ich mich nicht wieder. Ich bekam davon nicht
nur einen gewaltigen Durst, sondern sogar recht schlimme Magen- und
Darmbeschwerden. Jetzt sorgt das ganze Dorf vom jüngsten Buben bis zum
ältesten Mütterlein für mich. Hunger habe ich einen ganz vorzüglichen.
An die sechzig Frösche kann ich verdrücken. Hinaus mag ich nicht gern.
Ich bin bei meinen Storchgenossen nicht gut angeschrieben. Also bleibe
ich, wo ich bin. Ich verstehe nur nicht, warum meine Pflegeeltern so
oft zu mir sagen: ›Janko, Janko! Was machen wir nur mit dir? Der Herbst
rückt immer näher, nach ihm der Winter.‹ Neulich wurde die Sache ganz
dumm. Da hieß es: ›Janko, entweder du gewöhnst dich an Kartoffeln mit
Apern, oder du mußt nach Dresden in den zoologischen Garten!‹ Beides
ist so ganz und gar nicht nach meinem Geschmack. Ich werde lieber
abrücken. Und du siehst mir gerade aus, als wolltest du mich vierter
Klasse nach Dresden bugsieren. Daraus wird nichts. Nichts für ungut.
Gehab dich wohl!« Sprach’s, drehte mir den Rücken zu und stelzte davon.
Er hat auch Wort gehalten. Er fühlte die Kraft seiner Schwingen, lernte
sie gebrauchen, zog immer weitere Kreise bei seinen Ausflügen und fand
den Anschluß nach dem Süden. Zuvor ward sein Fuß mit einem Ringlein
geschmückt.
Vor Ostern dieses Jahres war ich wieder in Krinitz. Die Jugend hatte
einen Storchenposten auf den Wiesen gesehen. Sofort erscholl der Ruf:
_Unser_ Janko ist wieder da! Von Mund zu Mund ging das Wort. Aber es
war kein Janko. Seine Pflegeeltern fragen sich angesichts des Nestes:
»Ob er wohl wiederkehren wird?« Hoffentlich kommt er wieder, damit ich
noch mehr von ihm erzählen kann. Ich muß ganz offen gestehen, daß mein
erster Blick bei Postsachen danach geht, ob eine Nachricht aus Krinitz
mir Jankos Wiederkehr meldet.
Liebe Brüder und Schwestern! Das wäre eine Tiergeschichte, wie Ihr
sie vielleicht auch in ähnlicher Art selbst erlebt habt. Aber mein
Gewinn? Das ist die Bekanntschaft der Pflegeeltern unsres Jankos. Es
sind einfache Leute. Aber sie haben einen Idealismus, der nicht häufig
anzutreffen ist. Sie reden nicht von Heimat- und Naturschutz, fragen
nicht danach, ob das jetzt Mode, ob dabei irgendwelcher Vorteil zu
erlangen sei, aber sie handeln aus innerem Triebe heraus für Heimat-
und Naturschutz. Aus ihrem Tun spricht eine Selbstverständlichkeit,
die rührend ist. Beim Umdecken der Scheune wurde es für ganz
selbstverständlich angesehen, daß auf das neue Dach auch wieder ein
neues Rad als Unterlage für das Storchnest kommen müsse. Von den
dadurch entstandenen hohen Kosten konnte ich von ihnen nichts erfahren,
nur von anderer Seite habe ich einige Zahlen zu hören bekommen.
Und wenn Eure Augen auf diesem Hofe die Reihe der besetzten
Schwalbennester erblicken, ferner die Schar der ungebetenen Spatzen,
die sich als Untermieter unterm Storchnest eingenistet haben, dann
die zwei Störche, die als zweite Mieter das verlassene Nest bezogen
haben, sich aber auch furchtlos auf dem Hofe bewegen, wenn endlich
die Hausfrau noch zeigt, wie ein kleines Maikätzchen darum betteln
kann, daß ihm aus einer kleinen Puppenmilchflasche Milch durch den
Gummisauger gegeben werden möchte, wenn Ihr schließlich Gelegenheit
habt, solche Beispiele praktischen Naturschutzes nicht nur als einen
vereinzelten Fall, sondern als verhältnismäßig oft wiederkehrend in den
Kreisen der ländlichen Bevölkerung ansprechen zu können, dann müßt Ihr
alle glauben an den endlichen Sieg des Heimat- und Naturschutzgedankens
und Euch geloben, dafür auch weiterhin Kraft, Zeit und Kosten zu
opfern. So ist es mir gegangen. Dieser Aufschwung meiner Begeisterung
ist mein Gewinn. Den sollt Ihr teilen mit Eurem
Lucas Karl aus Meißen.
Holznot und Waldesschönheit[1]
Von Forstmeister _Otto Feucht_
Jeder spürt es am eignen Leibe, wie ungenügend die Holzversorgung
ist – trotz den wahnsinnigsten Preisen. Das Baugeschäft liegt still,
das einfachste Holzgerät ist kaum mehr erschwinglich, alle Zeitungen
klagen über den Mangel an Papierholz, und das Brennholz will erst recht
nirgends ausreichen. Früher brauchte sich doch niemand besondre Sorgen
zu machen, wie er seinen mittelbaren und unmittelbaren Holzbedarf
decke. Warum ist das heute so ganz anders, obwohl doch der Wald eine
der wenigen Rohstoffquellen ist, die uns der »Friedensvertrag« gelassen
hat? Ist wirklich nur der Waldbesitzer schuld an der Not, der mit dem
Einschlag zurückhält, um höhere Preise zu erzielen?
Dieser Vorwurf, der selbst in ernst zu nehmenden Kundgebungen immer
wieder in der Öffentlichkeit auftaucht, zeigt aufs deutlichste, wie
wenig die Bedeutung des Waldes für die deutsche Volkswirtschaft, wie
wenig die Forstwirtschaft nach Wesen und Eigenart richtig erkannt wird.
Trotz aller Liebe zum deutschen Wald, oder vielleicht auch gerade
deshalb, weil vielen von uns der Gedanke noch ganz ungewohnt ist, den
Wald nicht bloß ideell zu werten, denken wir nicht darüber nach, was
der Wald als Ort der Erzeugung von Rohstoffen für uns ist, was er
leisten und was er _nicht_ leisten kann.
Deutschland hat vor dem Kriege rund zweiundsiebzig Millionen
Festmeter (Kubikmeter) Holz im Jahre selbst verbraucht, also ohne
die Ausfuhr an Holz oder Holzwaren zu rechnen. Davon hat es rund
ein Fünftel durch Einfuhrüberschuß bezogen, vier Fünftel selber
erzeugt. Der Inlandverbrauch verteilte sich auf Bau- und Schnittholz
mit zwanzig, Brennholz dreißig, Grubenholz sieben, Papierholz sechs
und Schwellenholz drei Millionen; den Rest von sieben Millionen
verarbeiteten die Maschinenbauer und Werkzeugschreiner, die Wagner,
Fahrzeugbauer, Küfer, Schnitzer und Flechter, die Dreher und
Spielwarenhersteller, ferner Landwirtschaft und Gartenbau, Verkohlung
und Destillation. Alle diese Zwecke rufen auch heute nach Erfüllung,
ja durch die Kriegsfolgen sind neue hinzugekommen, wie die Herstellung
der Gerbstoffextrakte und der Stapelfaser. Andre aber haben ihren
Bedarf ungeheuer vermehrt, denn, wie ein rasch verbreitetes Schlagwort
heißt: »Holz muß Kohle und Eisen ersetzen«. Im ganzen also trotz der
Einschränkung der Bautätigkeit und einiger anderer Holz verarbeitender
Industrien doch ein gewaltiger Mehrbedarf an Holz gegenüber der Zeit
vor dem Kriege!
Nun ist aber unsere eigene Waldfläche durch Gebietsverluste
geschmälert. Vor dem Krieg entfiel im Durchschnitt ein Hektar
Waldfläche auf vier Einwohner, heute haben sich fünf darein zu teilen;
das Verhältnis von Erzeugungsfläche und Verbraucherzahl hat sich also
um ein Viertel verschlechtert. Dazu kommen die große Einschränkung
der Einfuhr auf der einen Seite, die maßlosen Holzlieferungen an
den Feindbund infolge des »Friedensvertrags«, sowie die Ausfuhr von
Holzwaren und Holzstofferzeugnissen zur Beschaffung von Devisen auf
der anderen Seite, und nicht zuletzt die privaten Schiebungen ins
besetzte Gebiet und darüber hinaus, deren Menge sich jeder Schätzung
entzieht.
Wer diese Umstände alle bei sich überlegt und dabei daran denkt, daß
sein eigener Hausbedarf eigentlich größer ist als früher, der wird sich
nicht mehr fragen, warum die Holznot so groß, das Holz so teuer ist. –
Aber warum schlägt man denn nicht einfach so viel Holz, bis der Bedarf
gedeckt ist, wir haben ja doch Wald genug? Es ist in der Tat versucht
worden, diesen Gedanken durch gesetzlich angeordneten Mehreinschlag
im ersten Jahre nach dem Kriege zur Ausführung zu bringen. Aber man
hat bald gesehen, wohin das führt, und daß die Sachverständigen recht
hatten, die davor warnten. Eine geringe Erhöhung des Einschlags in
Notjahren kann verantwortet werden in der Hoffnung auf Ausgleich in
späteren Jahren. Wollten wir aber den Einschlag so erhöhen, daß der
Markt _fühlbar_ für den Verbraucher entlastet würde, dann stünden wir
in kurzer Zeit vor dem Nichts. Müßte etwa die Kohle ganz durch Holz
ersetzt werden, so müßte innerhalb drei bis vier Jahren der gesamte
Holzvorrat unsrer sämtlichen Wälder in den Ofen wandern! Das ist zwar
technisch gar nicht durchführbar, aber die Rechnung zeigt deutlich die
Größe der Gefahr!
Wenn wir überhaupt _Volks_wirtschaft treiben wollen, dann dürfen wir
unter keinen Umständen davon abgehen, daß nicht mehr Holz jährlich
genutzt wird, als zuwachsen kann. Sonst zehren wir vom Kapital, und
dessen Ertrag wird von Jahr zu Jahr geringer, während unser Bedarf doch
steigt und immer steigen wird. Und die Hoffnung, etwaige Übernutzungen
in späteren glücklichen Zeiten durch erhöhte Einfuhr ausgleichen
zu können, steht auf recht schwachen Füßen. Denn die Vorräte der
Holzüberschußländer schwinden ungeheuer zusammen.
Unsre Wälder sind eben nicht so unerschöpflich, wie wir gern glauben
möchten, und das Holz wächst nicht so rasch und nicht so »ganz von
selbst«, wie dies die meisten noch immer annehmen. Wer denkt denn
daran, daß eine Tanne hundert bis hundertundzwanzig Jahre alt werden
muß, bis sie gutes Nutzholz liefert, daß selbst die schwächeren Papier-
oder Grubenhölzer, ja auch das Brennholz, im allgemeinen mindestens
fünfzig bis achtzig Jahre lang heranwachsen müssen? Und wenn man
Waldbestände vorzeitig, in ihrer besten Leistungsfähigkeit, dem
Holzhunger zum Opfer bringt, wenn man hochwertige Nutzhölzer kurzerhand
im Ofen verbrennt, wer denkt dabei daran, welch unermeßliche Werte
dadurch verloren gehen, nicht dem Geldbeutel des Waldbesitzers, sondern
dem gesamten _Volks_vermögen?
Und die bange Sorge erhebt sich, die heute _jeden_, nicht mehr
den Fachmann allein, angeht: Wie werden unsere Wälder in wenigen
Jahrzehnten aussehen, wenn die Ansprüche von allen Seiten so
weitergehen, so rücksichtslos Erfüllung heischen? Werden wieder wie in
früheren Jahrhunderten nach Zeiten der Not und Teuerung Heide und Moor
sich recken und die verwüsteten Waldflächen für sich beanspruchen? Wird
es unserer Forstwirtschaft gelingen, all den maßlosen Anforderungen
einigermaßen gerecht zu werden und das Schlimmste zu verhüten? Und wenn
dies gelingt, wie wird es mit der natürlichen Schönheit des deutschen
Waldes stehen, des viel verherrlichten, viel gepriesenen Waldes? Wird
das dann überhaupt noch _Wald_ sein, oder werden wir nur Holzäcker
und Balkenfelder zu sehen bekommen, endlose, haarscharf ausgerichtete
Reihen reiner Kiefern und Fichten, deren es heute schon übergenug gibt,
zum Schauder aller Natur- und Heimatfreunde?
Ein kurzer Rückblick wird die Antwort erleichtern: Solange die
Bevölkerung noch schwach, Industrie und Handel wenig entwickelt waren,
brauchte niemand in Deutschland an Holz zu sparen. Der Wald gab, was
man brauchte, aus dem Vollen. Erst allmählich im Verlauf der letzten
Jahrhunderte, als Kriegslasten und Ausfuhrhandel in bisher unerhörtem
Maße die Wälder gelichtet hatten, als die Übergriffe der großenteils
ganz auf Kosten des Waldes betriebenen Ausbreitung der Landwirtschaft
sein Wiederaufkommen fast unmöglich machten, fing man an einzusehen,
wohin die Sorglosigkeit führte. Aus der Not heraus begannen die Anfänge
einer Forst_wirtschaft_ zu erstehen, der wiederum sich bald eine
Forst_wissenschaft_ zur Seite stellte. Die vielerorts noch bis ins
neunzehnte Jahrhundert herein erschreckend verwüsteten Waldungen wurden
künstlich ergänzt, die Nutzung nach bestimmten Plänen geregelt. Die
neue Erkenntnis, daß man auch die Waldnatur meistern könne, führte,
wie immer und überall im Leben, alsbald zur Überschätzung dieser
Möglichkeiten. Auf ein Jahrhundert hinaus glaubte man, dem einzelnen
Bestand genau vorschreiben zu können, wie er zu wachsen, und wann
er erntereif zu sein hätte. Ein geradlinig abgegrenztes Stück des
Waldes nach dem andern wurde völlig kahl geschlagen und nachher wieder
angesät oder ausgepflanzt, wobei reine, nur aus einer einzigen Holzart
bestehende und in sich gleichalte Bestände das Ziel wurden, genau nach
dem Vorbild der Landwirtschaft. Das Verfahren hatte gegenüber der
alten Raubwirtschaft zweifellos die Vorzüge der Übersichtlichkeit, der
leichten Nutzungsregelung und Überwachung. Von Nachteilen aber war
zunächst nichts zu spüren; diese traten erst spät und allmählich in
Erscheinung.
Zuerst mußte man die Wahrnehmung machen, daß diese gleichförmigen
Bestände sehr wenig widerstandsfähig waren gegen Gefahren aller Art,
wie sie durch Sturm, Feuer, Schnee, Insekten u. a. bedingt werden. Die
Mahnrufe einzelner, die den gemischten Bestand, den mehr naturgemäßen
Wald forderten, wurden wieder gehört. Aber zum Durchbruch kam diese
Richtung doch erst in jüngster Zeit, als noch der zweite, weit
folgenschwerere Nachteil offenkundig wurde: die Verschlechterung des
Bodenzustands und damit das Nachlassen der Erzeugungskraft.
Der Ackerboden wird Jahr für Jahr umgepflügt und dadurch auf die ganze
Wurzeltiefe durchlüftet, dazu durch Düngung bereichert und durch
planmäßigen Fruchtwechsel leistungsfähig erhalten. All das ist im
Walde nicht in gleicher Weise möglich und muß daher anderswie erreicht
werden. Gewiß sind die Bedürfnisse der Waldbäume bescheidener als die
der Feldgewächse, gewiß ist der Wald ein selbständiger Organismus, der
sich im großen Ganzen als natürliche Pflanzenformation, im Gegensatz
zum Feld, aus sich selber heraus forterhalten kann. Aber wenn wir
gewaltsam in seinen Lebensgang eingreifen, seine Lebensverhältnisse
künstlich verändern, wie wir das in der steigenden Nutzung tun und noch
viel mehr tun müssen, um seine Ertragsfähigkeit zu steigern – dann
müssen wir unbedingt auch die Grundlagen seines Gedeihens in unsere
Obhut nehmen und dürfen nicht einfach zusehen, wie und was etwa »von
selber wächst«.
Und damit kommen wir zum Kernpunkt unserer Frage, nach dem Aussehen
des künftigen Waldes. Wenn wir den Ertrag unserer Wälder steigern
wollen – und wir müssen das um rund ein Drittel erreichen! – so ist
das nur möglich durch sorgfältig verfeinerte Wirtschaft, die den Wald
nicht mit den Augen des Mathematikers oder Finanzmannes als toten
Stoff ansieht, vielmehr in ihm ein lebendes Wesen anerkennt, dessen
Ansprüchen und dessen von Ort zu Ort wechselnden Bedürfnissen sie ins
einzelne nachgeht, um ihnen jeweils die günstigsten Bedingungen zu
schaffen. Alle die Forderungen, die heute einmütig von den Vertretern
der Wissenschaft und der Wirtschaft erhoben werden, wie Bodenpflege,
Bestandsmischung, möglichste Naturverjüngung, d. h. Selbsterneuerung
der Bestände aus Samen unter Ausschluß minderwertiger Rassen, haben
_eine_ gemeinsame Voraussetzung. Das ist die Abkehr vom Großkahlschlag,
von jeder künstlichen, das gesunde Wachstum schädigenden Zwangsjacke!
Damit ist aber für das Aussehen unserer Heimat alles gewonnen,
was überhaupt gewonnen werden kann. Die rücksichtslos das Gelände
zerreißenden Kahlschläge, die schnurgeraden, trostlos öden
Balkenfelder ohne Leben und Abwechslung, das an Ausrottung grenzende
Zurückdrängen so mancher schöner, eng mit der Heimat verbundener
Baumarten, all die mancherlei Vergewaltigungen der Natur, die das
Gefühl freien, unberührten Waltens nicht mehr aufkommen ließen, sie
sollen alle der Vergangenheit angehören? Die Forderungen höchster
Wirtschaftlichkeit und Wahrung natürlicher Schönheit, die so oft scharf
aufeinanderprallen, im Wald einmütig auf dem gleichen Wege, nach dem
gleichen Ziel? Ist das nicht ein heller Lichtstrahl in trübster Zeit
für jeden Freund der Heimat?
Auf die technische Seite dieser Grundforderungen näher einzugehen,
ist hier nicht der Platz, aber wie sie sich in unserm Sinne für das
Aussehen des Waldes auswirken, soll an einigen Beispielen angedeutet
werden. Bodenpflege bedeutet die Aufgabe, dem Boden die Eigenschaften
eines guten _Wald_bodens zu erhalten oder neu zu schaffen, ihn nicht
zum Heide-, Grasland- oder Moorboden werden zu lassen. Er soll bedeckt
bleiben, geschützt durch das Kronendach der Bäume und, wo das zu hoch
oben oder nicht dicht genug ist, durch Unterwuchs. Die jährlichen
Abfälle der Vegetation müssen ihm erhalten werden, soweit sie sich
zu gutem Humus zersetzen können, denn dies ist die Voraussetzung
zur Erhaltung des nötigen Kleinlebens im Boden (Edaphon), ohne das
kein Gedeihen möglich ist. Also darf diese »Bodenstreu« nur in den
Ausnahmefällen entfernt werden, in denen sie sich nicht zersetzen
kann und dem Wald eher schadet als nützt. Die Laubstreu muß dem Walde
belassen werden, wenn sein Ertrag nicht zurückgehen soll. Ständig
ausgerechte Wälder verarmen unter unseren Augen, die Bodenflora
verschwindet und mit ihr alles Kleintierleben. Der Boden wird fest
und verdichtet, der ganze Wald verödet. – Daß _gemischte_ Bestände
mehr Abwechslung bieten als die öden Gassen reiner Kiefern- oder
Fichtenstangen, das bedarf keiner näheren Ausführung. Die beiden
genannten Bäume werden nach wie vor unsere wichtigsten Holzerzeuger
bleiben; aber die Mischung mit Laubholz, vor allem mit Buche, die heute
aus rein technischen Rücksichten zur Steigerung der Erzeugung erstrebt
wird, ist gleichzeitig auch rein landschaftlich hochwillkommen.
Sorgfältige _Bestandspflege_, die fortgesetzt die gutveranlagten,
zuwachsreichsten Stämme begünstigt, schafft dem Auge erfreulichere
Bilder als die Massenanzucht des Mittelmäßigen. Die Begünstigung der
_Naturverjüngung_ verlangt das Herausarbeiten schöner Baumkronen,
die blühen und fruchten können, unbehindert von Nachbarn, und das
»Überhalten« geeigneter Bäume (besonders Kiefern) zur nachträglichen
Ergänzung der Bestockung. Der üble Eindruck roher Holzschlächterei kann
nicht entstehen, wo der Boden schon von jungem Nachwuchs bedeckt ist,
dem das Herausholen des alten Holzes Raum gibt zur Entfaltung.
Freilich von heute auf morgen kann das alles nicht zur Tat werden. Bei
dem langsamen Wachstum der Bäume braucht es lange Zeit. Wir dürfen
auch nicht übersehen, daß vielfach durch ungünstige Verhältnisse eine
waldschädliche Waldbehandlung geradezu erzwungen wird. Da ist einmal
der Mangel an _geschulten_ Kräften, nicht bloß an Wirtschaftern,
sondern mehr noch an Holzhauern und Holzfuhrleuten, und was noch
schlimmer ist, der Mangel an lernwilligen Kräften. Wird das Holz durch
Bequemlichkeit und Unfähigkeit des Holzhauers so geworfen, daß die
Stämme beim Fallen oder beim Herausbringen an die Wege den vorhandenen
Jungwuchs zerstören müssen, so ist die Mühe vieler Jahre und Jahrzehnte
umsonst.
Aber die größte Gefahr ist die, daß alle Einsicht und Absicht gar
nicht verwirklicht werden _kann_, daß alle Mühe und Sorge der
Wirtschafter durchkreuzt wird durch den unwiderstehlichen Zwang äußerer
Not oder durch kurzsichtige Rücksichten innerpolitischer Art, sei’s
gegenüber der am Lebensmark des Waldes zehrenden landwirtschaftlichen
Bevölkerung, sei’s gegenüber den brennholzheischenden Massen der
Städter. Die Erkenntnis, um was es geht in den nächsten Jahren, muß die
weitesten Kreise durchdringen. Nicht »nur« die Schönheit unserer Wälder
steht auf dem Spiel, nicht »nur« das natürliche Aussehen _des_ Teiles
unsrer Heimat, der den allermeisten Volksgenossen noch den einzigen
Zusammenhang mit der Kraft des Mutterbodens verleiht, nein, um viel
mehr noch wird es gehen, um das Fortbestehen der Wälder überhaupt, um
die Frage, ob Deutschland die in seinem Waldboden steckenden Kräfte
erhalten kann, oder ob es der gleichen Waldverödung anheimfallen soll,
wie längst schon die Länder seiner westlichen Nachbarn und die Länder
am Mittelmeer.
Fußnoten:
[1] Wir entnehmen diese sehr beachtenswerten Ausführungen,
mit Erlaubnis des Verlags dem »Kosmos«, Heft 2, 1923
(Franckesche Verlagsbuchhandlung, Stuttgart).
[Illustration]
Mein Wacholderhübel
von _Paul Apitzsch_, Ölsnitz i. V.
(Aus dem bei Franz Neupert, Plauen, im Herbst erscheinenden
südvogtländischen Wanderbuche: »Wo auf hohen Tannenspitzen«)
Ein moderner österreichischer Schriftsteller, Arman Reis, stellt die
Behauptung auf, daß »der Gegenwartsmensch in der Länderkunde der reine
Gehirnathlet sei und daß er das Ungesehene und Unbegriffene kübelweis
seinem Gedächtnisse einverleibe«. Und in der Kenntnis der Heimat, füge
ich hinzu, krankt er an chronischer Überbescheidenheit, so daß er die
Hydrographie und Topographie Afghanistans, die Zoologie und Mineralogie
Belutschistans besser kennt als die pflanzlichen und tierischen
Lebewesen des Straßengrabens, der an seinem Hause vorüberführt. Es wird
höchste Zeit, daß eine starke und allem Anschein nach erfolgreiche
und nachhaltige literarische und pädagogische Strömung heranbraust,
um die Überschätzung fremder und die Unterschätzung heimischer Natur,
Kultur und Kunst in gesunde Bahnen zu leiten. Mag das Auge sich weiden
am Firnglanze des Hochgebirges. Es soll sich auch freuen können beim
Anblicke der bescheidenen Waldkuppen des deutschen Mittelgebirges. Mag
das Ohr sich berauschen am Branden der Adria. Es soll auch Gefallen
finden am murmelnden Bächlein des Heimatwaldes. Mag der Mund preisen
die stolzen steinernen Zeugen der vergangenen Kultur Italiens. Er
soll auch Worte finden zum Ruhme der Schönheit heimischer Kunstwerke
und Kulturwerte. Und sie ist so schön, die Heimatscholle. Nicht nur
in ihren Glanzstücken und anerkannten Sehenswürdigkeiten. Auch in
ihren abseits gelegenen und unbeachtet schlummernden Einzelheiten und
Kleinigkeiten.