Die englischen und portugiesischen Ansiedler haben nur die Europa

gegenüberliegenden Küsten bevölkert; die Castilianer dagegen sind gleich

zu Anfang der Eroberung über die Kette der Anden gedrungen und haben

selbst in den am weitesten nach West gelegenen Landstrichen

Niederlassungen gegründet. Nur dort, in Mexico, Cundinamarca, Quito und

Peru, fanden sie Spuren einer alten Cultur, ackerbauende Völker,

blühende Reiche. Durch diesen Umstand, durch die rasche Zunahme einer

eingeborenen Gebirgsbevölkerung, durch den fast ausschließlichen Besitz

großer Metallschätze, und durch die Handelsverbindungen mit dem

indischen Archipel, die gleich mit dem Anfang des sechzehnten

Jahrhunderts in Gang kamen, erhielten die spanischen Besitzungen in

Amerika ein ganz eigenes Gepräge. In den östlichen, von den englischen

und portugiesischen Ansiedlern in Besitz genommenen Landstrichen waren

die Eingeborenen umherziehende Jägervölker. Statt, wie auf der Hochebene

von Anahuac, in Guatimala und im obern Peru, einen Bestandtheil der

arbeitsamen, ackerbauenden Bevölkerung zu bilden, zogen sie sich vor den

vorrückenden Weißen größtentheils zurück. Man brauchte Arbeiterhände,

man baute vorzugsweise Zuckerrohr, Indigo und Baumwolle, und dieß, mit

der Habsucht, welche so oft die Begleiterin des Gewerbfleißes ist und

sein Schandfleck, führte den schändlichen Negerhandel herbei, der in

seinen Folgen für beide Welten gleich verderblich geworden ist. Zum

Glück ist auf dem Festlande von spanisch Amerika die Zahl der

afrikanischen Sklaven so unbedeutend, daß sie sich zur

Sklavenbevölkerung in Brasilien und in den südlichen Theilen der

Vereinigten Staaten wie 1 zu 5 verhält. Die gesammten spanischen

Colonien, mit Einschluß der Inseln Cuba und Portorico, haben auf einem

Areal, das mindestens um ein Fünftheil größer ist als Europa, nicht so

viel Neger als der Staat Virginien allein. Mit den vereinigten Ländern

Neuspanien und Guatimala liefern die Hispano-Amerikaner das einzige

Beispiel im heißen Erdstrich, daß eine Nation von acht Millionen nach

europäischen Gesetzen und Einrichtungen regiert wird, Zucker, Cacao,

Getreide und Wein zumal baut, und fast keine Sklaven besitzt, die dem

Boden von Afrika gewaltsam entführt worden.

Die Bevölkerung des neuen Continents ist bis jetzt kaum etwas stärker

als die von Frankreich oder Deutschland. In den Vereinigten Staaten

verdoppelt sie sich in dreiundzwanzig bis fünfundzwanzig Jahren; in

Mexiko hat sie sich, sogar unter der Herrschaft des Mutterlandes, in

vierzig bis fünfundvierzig Jahren verdoppelt. Ohne der Zukunft allzuviel

zuzutrauen, läßt sich annehmen, daß in weniger als anderthalbhundert

Jahren Amerika so stark bevölkert seyn wird als Europa. Dieser schöne

Wetteifer in der Cultur, in den Künsten des Gewerbfleißes und des

Handels wird keineswegs, wie man so oft prophezeien hört, den alten

Continent auf Kosten des neuen ärmer machen; er wird nur die

Consumtionsmittel und die Nachfrage darnach, die Masse der productiven

Arbeit und die Lebhaftigkeit des Austausches steigern. Allerdings ist in

Folge der großen Umwälzungen, denen die menschlichen

Gesellschaftsvereine unterliegen, das Gesammtvermögen, das

gemeinschaftliche Erbgut der Cultur, unter die Völker beider Welten

ungleich vertheilt; aber allgemach stellt sich das Gleichgewicht her,

und es ist ein verderbliches, ja ich möchte sagen gottloses Vorurtheil,

zu meinen, es sey ein Unheil für das alte Europa, wenn auf irgend einem

andern Stück unseres Planeten der öffentliche Wohlstand gedeiht. Die

Unabhängigkeit der Colonien wird nicht zur Folge haben, sie zu isoliren,

sie werden vielmehr dadurch den Völkern von alter Cultur näher gebracht

werden. Der Handel wirkt naturgemäß dahin, zu verbinden, was

eifersüchtige Staatskunst so lange auseinandergehalten. Noch mehr: es

liegt im Wesen der Civilisation, daß sie sich ausbreiten kann, ohne

deßhalb da, von wo sie ausgegangen, zu erlöschen. Ihr allmähliges

Vorrücken von Ost nach West, von Asien nach Europa, beweist nichts gegen

diesen Satz. Ein starkes Licht behält seinen Glanz, auch wenn es einen

größerm Raum beleuchtet. Geistesbildung, die fruchtbare Quelle des

Nationalwohlstands, theilt sich durch Berührung mit; sie breitet sich

aus, ohne von der Stelle zu rücken. Ihre Bewegung vorwärts ist keine

Wanderung; im Orient kam uns dieß nur so vor, weil barbarische Horden

sich Egyptens, Kleinasiens bemächtigt hatten, und Griechenlands, des

einst freien, der verlassenen Wiege der Cultur unserer Väter.

Die Verwilderung der Völker ist eine Folge der Unterdrückung durch

einheimischen Despotismus oder durch einen fremden Eroberer; mit ihr

Hand in Hand geht immer steigende Verarmung, Versiegung des öffentlichen

Wohlstands. Freie, starke, den Interessen Aller entsprechende

Staatsformen halten diese Gefahren fern, und die Zunahme der Cultur in

der Welt, die Mitwerbung in Arbeit und Austausch bringen Staaten nicht

herab, deren Gedeihen aus natürlicher Quelle fließt. Das gewerbfleißige

und handeltreibende Europa wird aus der neuen Ordnung der Dinge, wie sie

sich im spanischen Amerika gestaltet, seinen Nutzen ziehen, wie ihm die

Steigerung der Consumtion zu gute käme, wenn der Weltlauf der Barbarei

in Griechenland, auf der Nordküste von Afrika und in andern Ländern, auf

denen die Tyrannei der Ottomanen lastet, ein Ende machte. Die einzige

Gefahr, die den Wohlstand des alten Continents bedrohte, wäre, wenn die

innern Zwiste kein Ende nahmen, weiche die Production niederhalten und

die Zahl der Verzehrenden und zu gleicher Zeit deren Bedürfnisse

verringern. Im spanischen Amerika geht der Kampf, der sechs Jahre,

nachdem ich es verlassen, ausgebrochen, allmählich seinem Ende entgegen.

Bald werden wir unabhängige, unter sehr verschiedenen Verfassungsformen

lebende, aber durch das Andenken gemeinsamer Herkunft, durch dieselbe

Sprache und durch die Bedürfnisse, wie sie von selbst aus der Cultur

entspringen, verknüpfte Völker auf beiden Ufern des atlantischen Oceans

wohnen sehen. Man kann wohl sagen, durch die ungeheuren Fortschritte in

der Schifffahrtskunst sind die Meeresbecken enger geworden. Schon jetzt

erscheint unsern Blicken das atlantische Meer als ein schmaler Canal,

der die neue Welt und die europäischen Handelsstaaten nicht weiter

auseinander hält, als in der Kindheit der Schifffahrt das Mittelmeer die

Griechen in Peloponnes und die in Ionien, auf Sicilien und in Cyrenaica

auseinander hielt.

Allerdings wird noch manches Jahr vergehen, bis siebzehn Millionen, über

eine Länderstrecke zerstreut, die um ein Fünftheil größer ist als ganz

Europa, durch Selbstregierung zu einem festen Gleichgewicht kommen. Der

eigentlich kritische Zeitpunkt ist der, wo es lange Zeit unterjochten

Völkern auf einmal in die Hand gegeben ist, ihr Leben nach den

Erfordernissen ihres Wohlergehens einzurichten. Man hört immer wieder

behaupten, die Hispano-Amerikaner seyen für freie Institutionen nicht

weit genug in der Cultur vorgeschritten. Es ist noch nicht lange her, so

sagte man dasselbe von andern Völkern aus, bei denen aber die

Civilisation überreif seyn sollte. Die Erfahrung lehrt, daß bei Nationen

wie beim Einzelnen das Glück ohne Talent und Wissen bestehen kann; aber

ohne läugnen zu wollen, daß ein gewisser Grad von Aufklärung und

Volksbildung zum Bestand von Republiken oder constitutionellen

Monarchien unentbehrlich ist, sind wir der Ansicht, daß dieser Bestand

lange nicht so sehr vom Grade der geistigen Bildung abhängt, als von der

Stärke des Volkscharakters, vom Verein von Thatkraft und Ruhe, von

Leidenschaftlichkeit und Geduld, der eine Verfassung aufrecht und am

Leben erhält, ferner von den örtlichen Zuständen, in denen sich das Volk

befindet, und von den politischen Verhältnissen zwischen einem Staate

und seinen Nachbarstaaten.

Wenn die heutigen Colonien nach ihrer Emancipation mehr oder weniger zu

republikanischer Verfassungsform hinneigen, so ist die Ursache dieser

Erscheinung nicht allein im Nachahmungstrieb zu suchen, der bei

Volksmassen noch mächtiger ist als beim Einzelnen; sie liegt vielmehr

zunächst im eigenthümlichen Verhältniss, in dem eine Gesellschaft sich

befindet, die sich auf einmal von einer Welt mit älterer Cultur

losgetrennt, aller äußern Bande entledigt sieht und aus Individuen

besteht, die nicht Einer Kaste das Uebergewicht im Staate zugestehen.

Durch die Vorrechte, welche das Mutterland einer sehr beschränkten

Anzahl von Familien in Amerika ertheilte, hat sich dort durchaus nicht

gebildet, was in Europa eine Adelsaristokratie heißt. Die Freiheit mag

in Anarchie oder durch die vorübergehende Usurpation eines verwegenen

Parteihauptes zu Grunde gehen, aber die wahren Grundlagen der Monarchie

sind im Schooße der heutigen Colonien nirgends zu finden. Nach Brasilien

wurden sie von außen hereingebracht zur Zeit, da dieses gewaltige Land

des tiefsten Friedens genoß, während das Mutterland unter ein fremdes

Joch gerathen war.

Ueberdenkt man die Verkettung menschlicher Geschicke, so sieht man

leicht ein, wie die Existenz der heutigen Colonien, oder vielmehr wie

die Entdeckung eines halb mensehenleeren Continents, auf dem allein eine

so erstaunliche Entwicklung des Colonialsystems möglich war,

republikanische Staatsformen in großem Maßstab und in so großer Zahl

wieder ins Leben rufen mußte. Nach der Anschauung berühmter

Schriftsteller sind die Umwandlungen auf dem Boden der Gesellschaft,

welche ein bedeutender Theil von Europa in unsern Tagen erlitten hat,

eine Nachwirkung der religiösen Reform zu Anfang des sechzehnten

Jahrhunderts. Es ist nicht zu vergessen, daß in diese denkwürdige Zeit,

in der ungezügelte Leidenschaften und der Hang zu starren Dogmen die

Klippen der europäischen Staatskunst waren, auch die Eroberung von

Mexico, Peru und Cundinamarca fällt, eine Eroberung, durch die, wie sich

der Verfasser des Esprit des lois so schön ausdrückt, das Mutterland

eine unermeßliche Schuld auf sich genommen, die es der Menschheit

abzutragen hat. Ungeheure Provinzen wurden durch castilianische

Tapferkeit den Ansiedlern aufgethan und durch die Bande gemeinsamer

Sprache, Sitte und Gottesverehrung verknüpft. Und so hat denn durch das

merkwürdigste Zusammentreffen von Ereignissen die Regierung des

mächtigsten und unumschränktesten Monarchen Europas, Carls V., die Keime

ausgestreut zum Kampfe des neunzehnten Jahrhunderts und den Grund gelegt

zu den staatlichen Vereinen, die, eben erst ins Leben getreten, uns

durch ihren Umfang und die Gleichförmigkeit der dabei herrschenden

Grundsätze in Erstaunen setzen. Befestigt sich die Emancipation des

spanischen Amerika, wie man bis jetzt mit allem Grund hoffen darf, so

sieht ein Meeresarm, der atlantische Ocean, auf seinen beiden Ufern

Regierungsformen, die, so grundverschieden sie sind, einander nicht

nothwendig feindselig gegenübertreten. Nicht allen Völkern beider Welten

mag dieselbe Verfassung zum Heile gereichen; der wachsende Wohlstand

einer Republik ist kein Schimpf für monarchische Staaten, so lange sie

mit Weisheit und Achtung vor den Gesetzen und den öffentlichen

Freiheiten regiert werden.

Seit die Entwicklung der Schifffahrtskunst und die sich steigernde

Thätigkeit der Handelsvölker die Küsten der beiden Festländer einander

näher gerückt haben, seit die Havana, Rio Janeiro und der Senegal uns

kaum entlegener vorkommen als Cadix, Smyrna und die Häfen des baltischen

Meeres, nimmt man Anstand, die Leser mit einer Ueberfahrt von der Küste

von Caracas nach der Insel Cuba zu behelligen. Das Meer der Antillen ist

so bekannt wie das Becken des Mittelmeers, und wenn ich hier aus meinem

Seetagebuch einige Beobachtungen niederlege, so thue ich es nur, um den

Faden meiner Reisebeschreibung nicht zu verlieren und allgemeine

Betrachtungen über Meteorologie und physische Geographie daran zu

knüpfen. Um die wechselnden Zustände der Atmosphäre recht kennen zu

lernen, muß man am Abhang der Gebirge und auf der unermeßlichen

Meeresfläche beobachten; in einem Forscher, der seinen Scharfsinn im

Befragen der Natur lange nur im Studirzimmer geübt hat, mögen schon auf

der kleinsten Ueberfahrt, auf einer Reise von den Canarien nach Madera,

ganz neue Ansichten sich gestalten.

Am 24. November um neun Uhr Abends gingen wir auf der Rhede von Nueva

Barcelona unter Segel und fuhren um die kleine Felseninsel Borrachita

herum. Zwischen derselben und Gran Borracha ist eine tiefe Straße. Die

Nacht brachte die Kühle, welche den tropischen Nächten eigen ist und

einen angenehmen Eindruck macht, von dem man sich erst Rechenschaft

geben kann, wenn man die nächtliche Temperatur von 23 bis 24 Graden des

hunderttheiligen Thermometers mit der mittleren Tagestemperatur

vergleicht, die in diesen Strichen, selbst auf den Küsten, meist 28 bis

29 Grad beträgt. Tags darauf, kurz nach der Beobachtung um Mittag,

befanden wir uns im Meridian der Insel Tortuga; sie ist, gleich den

Eilanden Coche und Cubagua, ohne Pflanzenwuchs und erhebt sich

auffallend wenig über den Meeresspiegel. Da man in neuester Zeit über

die astronomische Lage von Tortuga Zweifel geäußert hat, so bemerke ich

hier, daß Louis Berthouds Chronometer mir für den Mittelpunkt der Insel

0°49′40″ westwärts von Nueva Barcelona ergab; diese Länge ist aber doch

wohl noch ein wenig zu weit westlich.

Am 26. November. — Windstille, auf die wir um so weniger gefaßt waren,

da der Ostwind in diesen Strichen von Anfang Novembers an meist sehr

stark ist, während vom Mai bis Oktober von Zeit zu Zeit die Nordwest-

und die Südwinde auftreten. Bei Nordwestwind bemerkt man eine Strömung

von West nach Ost, welche zuweilen zwei, drei Wochen lang die Fahrt von

Carthagena nach Trinidad beschleunigt. Der Südwind gilt auf der ganzen

Küste von Terra firma für sehr ungesund, weil er (so sagt das Volk) die

fauligten Effluvien aus den Wäldern am Orinoco herführt. Gegen neun Uhr

Morgens bildete sich ein schöner Hof um die Sonne, und im selben Moment

fiel in der tiefen Luftregion der Thermometer plötzlich um 3½ Grad. War

dieses Fallen die Folge eines niedergehenden Luftstroms? Der einen Grad

breite Streif, der den Hof bildete, war nicht weiß, sondern hatte die

lebhaftesten Regenbogenfarben, während das Innere des Hofes und das

ganze Himmelsgewölbe blau waren ohne eine Spur von Dunst.

Wir verloren nachgerade die Insel Margarita aus dem Gesicht, und ich

versuchte die Höhe der Felsgruppe Macanao zu bestimmen. Sie erschien

unter einem Winkel von 0°16′35″, woraus sich beim geschätzten Abstand

von 60 Seemeilen für den Glimmerschieferstock Macanao eine Höhe von etwa

660 Toisen ergäbe, und dieses Resultat[^190] läßt mich in einem

Erdstrich, wo die irdischen Refractionen so gleichförmig sind,

vermuthen, daß wir uns nicht so weit von der Insel befanden, als wir

meinten. Die Kuppel der Silla bei Caracas, die in Süd 62° West liegen

blieb, fesselte lange unsern Blick. Mit Vergnügen betrachtet man den

Gipfel eines hohen Berges, den man nicht ohne Gefahr bestiegen hat, wie

er nach und nach unter den Horizont sinkt. Wenn die Küste dunstfrei ist,

muß die Silla auf hoher See, den Einfluß der Refraction nicht gerechnet,

auf 33 Meilen zu sehen seyn.[^191] An diesem und den folgenden Tagen war

die See mit einer bläulichten Haut bedeckt, die unter dem

zusammengesetzten Microscop aus zahllosen Fäden zu bestehen schien. Man

findet dergleichen Fäden häufig im Golfstrom und im Canal von Bahama, so

wie im Seestrich von Buenos Ayres. Manche Naturforscher halten sie für

Reste von Molluskeneiern, mir schienen sie vielmehr zerriebene Algen zu

seyn. Indessen scheint das Leuchten der See durch sie gesteigert zu

werden, namentlich zwischen dem 28. und 30. Grad der Breite, was

allerdings auf thierischen Ursprung hindeutete.

Am 27. November. Wir rückten langsam auf die Insel Orchila zu; wie alle

kleinen Eilande in der Nähe der fruchtbaren Küste von Terra firma ist

sie unbewohnt geblieben. Ich fand die Breite des nördlichen Vorgebirges

11°51′44″ und die Länge des östlichen Vorgebirges 68°26′5″ (Nueva

Barcelona zu 67°4′48″ angenommen). Dem westlichen Cap gegenüber liegt

ein Fels, an dem sich die Wellen mit starkem Getöse brechen. Einige mit

dem Sextanten aufgenommene Winkel ergaben für die Länge der Insel von

Ost nach West 8,4 Seemeilen (zu 950 Toisen), für die Breite kaum

3 Seemeilen. Die Insel Orchila, die ich mir nach ihrem Namen als ein

dürres, mit Flechten bedecktes Eiland vorgestellt hatte, zeigte sich

jetzt in schönem Grün; die Gneißhügel waren mit Gräsern bewachsen. Im

geologischen Bau scheint Orchila im Kleinen mit der Insel Margarita

übereinzukommen; sie besteht aus zwei, durch eine Landzunge verbundenen

Felsgruppen; jene ist ein mit Sand bedeckter Isthmus, der aussieht, als

wäre er beim allmähligen Sinken des Meeresspiegels aus dem Wasser

gestiegen. Die Felsen erschienen hier, wie überall, wo sie sich einzeln

steil aus der See erheben, weit höher, als sie wirklich sind; sie sind

kaum 80 bis 90 Toisen hoch. Gegen Nordwest streicht die Punta rasa

hinaus und verliert sich als Untiefe im Wasser. Sie kann den Schiffen

gefährlich werden, wie auch der Mogote, der, zwei Seemeilen vom

westlichen Cap, von Klippen umgeben ist. Wir betrachteten diese Felsen

ganz in der Nähe und sahen die Gneißschichten nach Nordwest fallen und

von dicken Quarzlagern durchzogen. Von der Verwitterung dieser Lager

rührt ohne Zweifel der Sand des umgebenden Strandes her. Ein paar

Baumgruppen beschatten die Gründe; oben auf den Hügeln stehen Palmen mit

fächerförmigem Laub. Es ist wahrscheinlich die Palma de sombrero der

Llanos (Corypha tectorum). Es regnet wenig in diesen Strichen, indessen

fände man auf der Insel Orchila wahrscheinlich doch einige Quellen, wenn

man sie so eifrig suchte, wie im Glimmerschiefergestein auf Punta Araya.

Wenn man bedenkt, wie viele dürre Felseneilande zwischen dem 16. und

26. Grad der Breite im Archipel der kleinen Antillen und der

Bahama-Inseln bewohnt und gut angebaut sind, so wundert man sich, diese

den Küsten von Cumana, Barcelona und Caracas so nahe gelegenen Eilande

wüste liegen zu sehen. Es wäre längst anders, wenn sie unter einer

andern Regierung als unter der von Terra firma ständen. Nichts kann

Menschen veranlassen, ihre Thätigkeit auf den engen Bezirk einer Insel

zu beschränken, wenn das nahe Festland ihnen größere Vortheile bietet.

Bei Sonnenuntergang kamen uns die zwei Spitzen der Roca de afuera zu

Gesicht, die sich wie Thürme aus der See erheben. Nach der Aufnahme mit

dem Compaß liegt der östlichste dieser Felsen 0°19′ westwärts vom

westlichen Cap von Orchila. Die Wolken blieben lange um diese Insel

geballt, so daß man ihre Lage weit in See erkannte. Der Einfluß, den

eine kleine Landmasse auf die Verdichtung der 800 Toisen hoch

schwebenden Wasserdünste äußert, ist eine sehr auffallende Erscheinung,

aber allen Seefahrern wohl bekannt. Durch diese Ansammlung von Wolken

erkennt man die Lage der niedrigsten Inseln in sehr bedeutender

Entfernung.

Am 29. November. Bei Sonnenaufgang sahen wir fast dicht am

Meereshorizont die Kuppel der Silla bei Caracas noch ganz deutlich. Wir

glaubten 39 bis 40 Meilen (Lieues) davon entfernt zu seyn, woraus, die

Höhe des Berges (1350 Toisen), seine astronomische Lage und den

Schiffsort als richtig bestimmt angenommen, eine für diese Breite etwas

starke Refraction zwischen ¹⁄₆ und ¹⁄₇, folgte. Um Mittag verkündeten

alle Zeichen am Himmel gegen Nord einen Witterungswechsel; die Luft

kühlte sich auf einmal auf 22°8 ab, während die See an der Oberfläche

eine Temperatur von 25°6 behielt. Während der Beobachtung um Mittag

brachten daher auch die Schwingungen des Horizonts, der von schwarzen

Streifen oder Bändern von sehr veränderlicher Breite durchzogen war,

einen Wechsel von 3 bis 4 Minuten in der Refraction hervor. Bei ganz

stiller Luft fing die See an hoch zu gehen; Alles deutete auf einen

Sturm zwischen den Caymanseilanden und dem Cap San Antonio. Und wirklich

sprang am 30. November der Wind auf einmal nach Nordnordost um, und die

Wogen wurden ausnehmend hoch. Gegen Nord war der Himmel schwarzblau, und

unser kleines Fahrzeug schlingerte um so stärker, da man im Anschlagen

der Wellen zwei sich kreuzende Seen unterschied, eine aus Nord, eine

andere aus Nordnordost. Auf eine Seemeile weit bildeten sich Wasserhosen

und liefen rasch von Nordnordost nach Nordnordwest. So oft die

Wasserhose uns am nächsten kam, fühlten wir den Wind stärker werden.

Gegen Abend brach durch die Unvorsichtigkeit unseres amerikanischen

Kochs Feuer auf dem Oberleuf aus. Es wurde leicht gelöscht; bei sehr

schlimmem Wetter mit Windstößen, und da wir Fleisch geladen hatten, das

des Fettes wegen ungemein leicht brennt, hätte aber das Feuer rasch um

sich greifen können. Am 1. December Morgens wurde die See allmählig

ruhiger, je mehr sich der Wind in Nordost festsetzte. Ich war zu dieser

Zeit des gleichförmigen Ganges meines Chronometers ziemlich gewiß; der

Capitän wollte aber zur Beruhigung einige Punkte der Insel St. Domingo

peilen. Am 2. December kam wirklich Cap Beata in Sieht, an einem Punkt,

wo wir schon lange Wolkenhaufen gesehen hatten. Nach Höhen des Achernar,

die ich in der Nacht aufnahm, waren wir 64 Seemeilen davon entfernt. In

dieser Nacht beobachtete ich eine sehr interessante optische

Erscheinung, die ich aber nicht zu erklären versuche. Es war über zwölf

ein halb Uhr; der Wind wehte schwach aus Ost; der Thermometer stand auf

23°2, der Fischbein-Hygrometer auf 57°. Ich war ans dem Oberleuf

geblieben, um die Culmination einiger großen Sterne zu beobachten. Der

volle Mond stand sehr hoch. Da auf einmal bildete sich auf der Seite des

Mondes, 45 Minuten vor seinem Durchgang durch den Meridian, ein großer

Bogen in allen Farben des Spectrums, aber unheimlich anzusehen. Der

Bogen reichte über den Mond hinaus; der Streifen in den Farben des

Regenbogens war gegen zwei Grad breit und seine Spitze schien etwa 80

bis 85 Grad über dem Meereshorizont zu liegen. Der Himmel war vollkommen

rein, von Regen keine Spur; am auffallendsten war mir aber, daß die

Erscheinung, die vollkommen einem Mondregenbogen glich, sich nicht dem

Mond gegenüber zeigte. Der Bogen blieb 8 bis 10 Minuten, scheinbar

wenigstens, unverrückt; im Moment aber, wo ich versuchte, ob er durch

Reflexion im Spiegel des Sextanten zu sehen seyn werde, fing er an sich

zu bewegen und über den Mond und Jupiter, der nicht weit unterhalb des

Mondes stand, hinabzurücken. Es war zwölf Uhr vierundfünfzig Minuten

(wahre Zeit), als die Spitze des Bogens unter dem Horizont verschwand.

Diese Bewegung eines farbigen Bogens setzte die wachhabenden Matrosen

auf dem Oberlauf in Erstaunen; sie behaupteten, wie beim Erscheinen

jedes auffallenden Meteors, »das bedeute Sturm.« Arago hat die Zeichnung

dieses Bogens in meinem Reisetagebuche untersucht; nach seiner Ansicht

hätte das im Wasser reflektirte Bild des Mondes keinen Hof von so großem

Durchmesser geben können. Die Raschheit der Bewegung ist ein weiteres

Moment, das diese Erscheinung, die alle Beachtung verdient, ebenso

schwer erklärlich macht.

Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents. Band 4. · 第 27 / 29 段