auf der Halbinsel Araya, über dem Meerbusen von Cariaco, Cumana
gegenüber, deren Perlen, deren Salzlager und unterseeische Quellen
flüssigen, farblosen Steinöls ich schon oben beschrieben habe.[^186] Wir
hatten gehört, die Indianer bringen von Zeit zu Zeit natürlichen Alaun,
der in den benachbarten Bergen vorkomme, in bedeutenden Massen in die
Stadt. An den Proben, die man uns zeigte, sah man gleich, daß es weder
Alaunstein war, ähnlich dem Gestein von Tolfa und Piombino, noch jene
haarförmigen, seidenartigen Salze von schwefelsaurer Thon- und
Bittererde, welche Gebirgsspalten und Höhlen auskleiden, sondern
wirklich Massen natürlichen Alauns, mit muschligtem oder unvollkommen
blättrigem Bruch. Man machte uns Hoffnung, daß wir die Alaungrube im
Schiefergebirg bei Maniquarez finden könnten: Eine so neue geognostische
Erscheinung mußte unsere ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen. Frater
Juan Gonzalez und der Schatzmeister Don Manuel Navarete, der uns seit
unserer Ankunft auf dieser Küste mit seinem Rath beigestanden hatte,
begleiteten uns auf dem kleinen Ausflug. Wir gingen am Vorgebirge Caney
ans Land und besuchten wieder das alte Salzwerk, das durch den Einbruch
des Meeres in einen See verwandelt worden, die schönen Trümmer des
Schlosses Araya und den Kalkberg Barigon, der, weil er gegen West
schroff abfällt, ziemlich schwer zu besteigen ist. Der Salzthon,
vermischt mit Erdpech und linsenförmigem Gyps, und zuweilen in einen
schwarzbraunen, salzfreien Thon übergehend, ist eine auf dieser
Halbinsel, auf der Insel Margarita und auf dem gegenüberliegenden
Festland beim Schloß San Antonio in Cumana sehr verbreitete Formation.
Sehr wahrscheinlich hat sie sogar zum Theil die Spalten und das ganze
zerrissene Wesen des Bodens veranlaßt, das dem Geognosten auffällt, wenn
er auf einer der Anhöhen der Halbinsel Araya steht. Die aus
Glimmerschiefer und Thonschiefer bestehende Cordillere derselben ist
gegen Nord durch den Canal von Cubagua von der ähnlich gebildeten
Bergkette der Insel Margarita getrennt; gegen Süd liegt der Meerbusen
von Cariaco zwischen der Cordillere und der hohen Kalkgebirgskette des
Festlandes. Der ganze dazwischen liegende Boden scheint einst mit
Salzthon ausgefüllt gewesen zu seyn, und vom Meere beständig
angefressen, verschwand ohne Zweifel die Formation allmählig und aus der
Ebene wurden zuerst Lagunen, dann Buchten und zuletzt schiffbare Canäle.
Der neueste Vorgang am Schlosse Araya beim Einbruch des Meeres in das
alte Salzwerk, die Form der Lagune Chacopata und ein vier Meilen langer
See, der die Insel Margarita beinahe in zwei Stücke theilt, sind
offenbare Beweise dieser allmähligen Abspülungen. Im seltsamen Umriß der
Küsten, im Morro von Chacopata, in den kleinen Inseln Caribes, Lobos und
Tunal, in der großen Insel Coche und dem Vorgebirg Carnero und dein »der
Manglebäume« glaubt man auch die Trümmer einer Landenge vor sich zu
haben, welche einst in der Richtung von Nord nach Süd die Halbinsel
Araya und die Insel Margarita verband. Auf letzterer verbindet nur noch
eine ganz niedrige, 3000 Toisen lange und nicht 200 Toisen breite
Landzunge gegen Nord die zwei unter dem Namen Vega de San Juan und
Macanao bekannten Berggruppen. Die Laguna grande auf Margarita hat gegen
Süd eine sehr enge Oeffnung und kleine Canoes kommen »arastradas,« das
heißt über einen Trageplatz, über die Landzunge oder den Damm im Norden
hinüber. Wenn sich auch heutzutage in diesen Seestrichen das Wasser vom
Festland zurückzuziehen scheint, so wird doch höchst wahrscheinlich im
Laufe der Jahrhunderte entweder durch ein Erdbeben oder durch ein
plötzliches Anschwellen des Oceans die große langgestreckte Insel
Margarita in zwei viereckigte Felseneilande zerfallen.
Bei der Besteigung des Cerro del Barigon wiederholten wir die Versuche,
die wir am Orinoco über den Unterschied zwischen der Temperatur der Luft
und des verwitterten Gesteins gemacht hatten. Erstere betrug gegen 11
Uhr Vormittags, des Seewinds wegen, nur 27 Grad, letztere dagegen 49°6.
Der Saft in den Fackeldisteln (Cactus quadrangularis) zeigte 38-41°;
soviel zeigte ein Thermometer, dessen Kugel ich in den fleischigten,
saftigen Stamm der Cactus hineinsteckte. Diese innere Temperatur eines
Gewächses ist das Produkt der Wärme des Sandes, in dem die Wurzeln sich
verbreiten, der Lusfttemperatur, der Oberflächenbeschaffenheit des den
Sonnenstrahlen ausgesetzten Stammes und der Leitungsfähigkeit des
Holzes. Es wirken somit sehr verwickelte Vorgänge zum Resultat zusammen.
Der Kalkstein des Barigon, der zu der großen Sandstein- und
Kalkformation von Cumana gehört, besteht fast ganz aus Seeschalthieren,
die so wohl erhalten sind, wie die in den andern tertiären Kalkgebilden
in Frankreich und Italien. Wir brachen für das königliche Cabinet zu
Madrid Blöcke ab, die Austern von acht Zoll Durchmesser, Kammmuscheln,
Venusmuscheln und Polypengehäuse enthielten. Ich möchte Naturforscher,
welche bessere Paläontologen sind, als ich damals war, auffordern, diese
Felsenküste genau zu untersuchen. Sie ist europäischen Fahrzeugen, die
nach Cumana, Guayra oder Curacao gehen, leicht zugänglich. Es wäre von
großem Interesse, auszumachen, ob manche dieser versteinerten Mollusken-
und Zoophytenarten noch jetzt das Meer der Antillen bewohnen, wie es
Bonpland vorkam, und wie es auf der Insel Timor und wohl auch bei
Grand-Terre auf Guadeloupe der Fall ist.
Am 4. November um 1 Uhr Nachts gingen wir unter Segel, um die natürliche
Alaungrube aufzusuchen. Ich hatte den Chronometer und mein großes
Dollond’sches Fernrohr mit eingeschifft, um bei der Laguna chica,
östlich vom Dorfe Maniquarez, die Immension des ersten Jupiterstrabanten
zu beobachten. Daraus wurde indessen nichts, da wir des widrigen Windes
wegen nicht vor Tag hinkamen. Nur das Schaufpiel des Meerleuchtens,
dessen Pracht durch die um unsere Pirogue gaukelnden Delphine noch
erhöht wurde, konnte uns für diese Verzögerung entschädigen. Wir fuhren
wieder über den Strich, wo auf dem Meeresboden aus dem Glimmerschiefer
Quellen von Bergöl brechen, die man sehr weit riecht.[^187] Bedenkt man,
daß weiter nach Ost, bei Cariaco, warme unterseeische Quellen so stark
sind, daß sie die Temperatur des Meerbusens an der Oberfläche erhöhen,
so läßt sich wohl nicht bezweifeln, daß das Bergöl aus ungeheuren Tiefen
wie herauf destillirt wird, daß es aus den Urgebirgsbildungen kommt,
unter denen der Herd aller Vulkanischen Erschütterungen liegt.
Die Laguna chica, ist eine von steil abfallenden Bergen umgebene Bucht,
die mit dem Meerbusen von Cariaco nur durch einen engen, 25 Faden tiefen
Canal zusammenhängt. Es sieht aus, als wäre sie, wie auch der schöne
Hafen von Acapulco, durch ein Erdbeben gebildet. Ein kleiner flacher
Uferstrich scheint darauf hinzudeuten, daß die See sich hier vom Lande
zurückzieht, wie an der gegenüberliegenden Küste von Cumana. Die
Halbinsel Araya verengert sich zwischen den Vorgebirgen Mero und las
Minas auf 1400 Toisen und ist bei der Laguna chica von einem Seestrich
zum andern etwas über 4000 Toisen breit. Diese unbedeutende Strecke
hatten wir zurückzulegen, um zum natürlichen Alaun und zum Vorgebirge,
genannt Punta de Chuparuparu, zu gelangen. Der Gang ist nur darum
beschwerlich, weil gar kein Weg gebahnt ist und man zwischen ziemlich
tiefen Abgründen über völlig kahle Felsgräten mit stark fallenden
Schichten gehen muß. Der höchste Punkt liegt gegen 220 Toisen hoch, aber
die Berge zeigen, wie so häufig auf felsigten Landengen, die seltsamsten
Bildungen. Die Tetas de Chacopata und de Cariaco, halbwegs zwischen der
Laguna chica und der Stadt Cariaco, sind wahre Spitzberge, die von der
Platform des Schlosses in Cumana aus ganz frei zu stehen scheinen.
Dammerde findet sich in diesem Landstrich nur bis zur Höhe von 30 Toisen
über dem Meer. Oft regnet es 15 Monate lang gar nicht;[^188] fallen aber
auch nur ein paar Tropfen Wasser unmittelbar nach der Blüthe der
Melonen, der Wassermelonen und Kürbisse, so tragen dieselben, trotz der
anscheinenden Trockenheit der Luft, Früchte von 60 bis 70 Pfund. Ich
sage die anscheinende Trockenheit der Luft, denn aus meinen
hygrometrischen Beobachtungen geht hervor, daß in Cumana und Araya die
Luft fast zu neun Zehntheilen mit Wasserdunst gesättigt ist. Diese
zugleich heiße und feuchte Luft speist die vegetabilischen Quellen, die
kürbisartigen Gewächse, die Agaven und Melocactus, die halb im Sand
vergraben sind. Als wir die Halbinsel im vorigen Jahr besuchten,
herrschte da furchtbarer Wassermangel. Die Ziegen, die kein Gras mehr
fanden, gingen zu Hunderten zu Grunde. Während unseres Aufenthalts am
Orinoco schien sich die Reihefolge der Jahreszeiten völlig umgekehrt zu
haben. Es hatte in Araya, auf Cochen, sogar auf der Insel Margarita
reichlich geregnet, und diese Güsse machten noch in der Erinnerung den
Einwohnern so viel zu schaffen, als den Physikern in Europa ein
Aerolithenfall.
Unser indianischer Führer kannte kaum die Richtung, in der wir den Alaun
zu suchen hatten; die eigentliche Lagerstätte war ihm ganz unbekannt.
Dieser Mangel an Ortskenntniß ist hier fast allen Führern eigen, die der
faulsten Volksklasse angehören. Wir liefen fast auf Gerathewohl sieben,
acht Stunden zwischen den Felsen herum, auf denen nicht das Geringste
wuchs. Der Glimmerschiefer geht zuweilen in schwarzgrauen Thonschiefer
über. Auch hier fiel mir wieder die ungemeine Regelmäßigkeit im
Streichen und Fallen der Schichten auf. Sie streichen Nord 50 Grad Ost
und fallen unter einem Winkel von 60—70° nach Nordwest. Dieses
allgemeine Streichungsverhältniß hatte ich auch am granitischen Gneiß
bei Caracas und am Orinoco, an den Hornblendeschiefern bei Angostura
beobachtet, sogar an den meisten secundären Formationen, die wir
untersucht. Auf sehr weite Strecken bilden die Schichten denselben
Winkel mit dem Meridian des Orts; sie zeigen einrn Parallelismus (oder
vielmehr Loxodromismus), der als eines der großen geognostischen Gesetze
zu betrachten ist, die durch genaue Messung zu ermitteln sind. Gegen das
Cap Chuparuparu zu sahen wir die Quarzgänge im Glimmerschiefer mächtiger
werden. Wir fanden welche, ein bis zwei Klafter breit, voll kleiner
büschelförmiger Krystalle von Titanerz. Vergeblich suchten wir darin
nach Cyanit, den wir in Blöcken bei Maniquarez gefunden. Weiterhin
erscheinen im Glimmerschiefer nicht Gänge, sondern kleine Schichten von
Graphit oder Kohlenstoffeisen. Sie sind 2—3 Zoll dick und streichen und
fallen genau wie die Gebirgsart. Mit dem Graphit im Urgebirge tritt zum
erstenmal in den Gebirgsschichten der Kohlenstoff auf, und zwar als
nicht an Wasserstoff gebundener Kohlenstoff. Er ist älter als die Zeit,
wo sich die Erde mit monocotyledonischen Gewächsen bedeckte.
Von diesen öden Bergen herab hatten wir eine großartige Aussicht auf die
Insel Margarita. Zwei Berggruppen, die bereits genannten, der Macanao
und die Vega de San Juan, steigen gerade aus dem Wasser auf. In der
letzteren, der östlichsten, liegt der Hauptort der Insel, la Asuncion,
der Hafen Pampatar und die Dörfer Pueblo de la Mar, Pneblo del Norte und
San Juan. Die westliche Gruppe, der Macanao, ist fast ganz unbewohnt.
Die Landenge, welche diese gewaltigen Glimmerschiefermassen verbindet,
war kaum sichtbar; sie erschien durch die Luftspiegelung verzogen und
man erkannte dieses Zwischenglied des Landes, durch das die Laguna
grande läuft, nur an zwei kleinen zuckerhutförmigen Bergen, die unter
dem Meridian der Punta de Piedras liegen. Weiter herwärts sahen wir auf
den kleinen öden Archipel der vier Morros del Tunal, der Caribes und
Lobos hinab.
Nach langem vergeblichem Suchen fanden wir endlich, ehe wir zur
Nordküste der Halbinsel Araya hinabgingen, in einer ungemein schwer
zugänglichen Schlucht (Aroyo del Robalo) das Mineral, das man uns in
Cumana gezeigt hatte. Der Glimmerschiefer ging rasch in kohlenhaltigen,
glänzenden Thonschiefer über. Es war Ampelit; das Wasser (denn es gibt
hier kleine Quellen, und kürzlich hat man selbst beim Dorfe Maniquarez
eine gefunden) war mit gelbem Eisenoxyd geschwängert und hatte einen
zusammenziehenden Geschmack. Die anstehenden Felswände waren mit
ausgewitterter haarförmiger schwefelsaurer Thonerde bedeckt, und
wirkliche zwei bis drei Zoll dicke Schichten natürlichen Alauns strichen
im Thonschiefer fort, so weit das Auge reichte. Der Alaun ist weissgrau,
an der Oberfläche etwas matt, im Innern hat er fast Glasglanz; der Bruch
ist nicht faserigt, sondern unvollkommen muschligt. An nicht starken
Bruchstücken ist er halb durchsichtig. Der Geschmack ist süßlicht,
adstringirend, ohne Bitterkeit. Ich fragte mich noch an Ort und Stelle,
ob dieser so reine Alaun, der ohne die geringste Lücke eine Schicht im
Thonschiefer bildet, gleichzeitig mit der Gebirgsart gebildet, oder ob
ihm ein neuerer, so zu sagen secundärer Ursprung zuzuschreiben ist, wie
dem salzsauren Natron, das man zuweilen in kleinen Gängen an Stellen
findet, wo hochsöhlige Salzquellen durch Gyps- oder Thonschichten
hindurchgehen? Nichts weist aber hier auf eine Bildungsweise hin, die
auch noch gegenwärtig vorkommen könnte. Das Schiefergestein hat
lediglich keine offene Spalte, zumal keine, die dem Streichen der
Blätter parallel liefe. Man fragt sich ferner, ob dieser Alaunschiefer
eine dem Urglimmerschiefer von Araya aufgelagerte Uebergangsbildung ist,
oder ob er nur dadurch entsteht, daß die Glimmerschieferschichten nach
Zusammensetzung und Textur eine Veränderung erlitten haben? Ich halte
letztere Annahme für die wahrscheinlichere; denn der Uebergang ist
allmählig und Thonschiefer und Glimmerschiefer scheinen mir hier einer
und derselben Formation anzugehören. Das Vorkommen von Cyanit, Titanerz
und Granaten, und daß kein lydischer Stein, daß nirgends ein
Trümmergestein zu finden ist, scheinen die Formation, die wir hier
beschreiben, dem Urgebirge zuzuweisen.
Als sich im Jahr 1783 bei einem Erdbeben im Aroyo del Robalo eine große
Felsmasse abgelöst hatte, lasen die Guayqueries in los Serritos 5—6 Zoll
starke, ungemein durchsichtige und reine Alaunstücke auf. Zu meiner Zeit
verkaufte man in Cumana an Färber und Gerber das Pfund zu zwei Realen
(ein Viertheil eines harten Piasters), während der spanische Alaun zwölf
Realen kostete. Dieser Preisunterschied rührte weit mehr von
Vorurtheilen und von Hemmungen im Handel her, als davon, daß der
einheimische Alaun, der vor der Anwendung durchaus nicht gereinigt wird,
von geringerer Güte wäre. Derselbe kommt auch in der Glimmer- und
Thonschieferlette an der Nordwestküste von Trinidad vor, ferner auf
Margarita und beim Cap Chuparuparu nördlich vom Cerro del Distiladero.
Die Indianer lieben von Natur das Geheimniß, und so verheimlichen sie
auch gern die Orte, wo sie den natürlichen Alaun graben; das Mineral muß
aber ziemlich reich sehn, denn ich habe in ihren Händen ganz ansehnliche
Massen auf einmal gesehen. Es wäre für die Regierung von Belang,
entweder das oben beschriebene Mineral oder die Alaunschiefer, die damit
vorkommen, ordentlich abbauen zu lassen. Letztere könnte man rösten und
sie zur Auslaugung an der glühenden tropischen Sonne gradiren.
Südamerika erhält gegenwärtig seinen Alaun aus Europa, wie ihn Europa
seinerseits bis zum fünfzehnten Jahrhundert von den asiatischen Völkern
erhielt. Vor meiner Reise kannten die Mineralogen keine andern
Substanzen, aus denen man, geröstet oder nicht, unmittelbar Alaun
(schwefel- saures Alaunerdekali) gewann, als Gebirgsarten aus der
Trachytformation und kleine Gänge, welche Schichten von Braunkohlen und
bituminösem Holz durchsetzen. Beide Substanzen, so verschiedenen
Ursprungs sie sind, enthalten alle Elemente des Alauns, nämlich
Thonerde, Schwefelsäure und Kali. Die alaunhaltigen Gesteine im Trachyt
verschiedener Länder rühren unzweifelhaft daher, daß schwefligtsaure
Dämpfe die Gebirgsart durchdrungen haben. Sie sind, wie man sich in den
Solfataren bei Puzzuoli und auf dem Pic von Teneriffa überzeugen kann,
Produkte einer schwachen, lange andauernden vulkanischen Thätigkeit. Das
Wasser, das diese alaunhaltigen Gebirgsarten vulkanischer Herkunft
durchdringt, setzt indessen keine Massen natürlichen Alauns ab; zur
Gewinnung desselben müssen die Gesteine geröstet werden. Ich kenne
nirgends Alaunniederschläge, ähnlich denen, wie ich sie aus Cumana
mitgebracht; denn die haarförmigen und fasrigten Massen, die man in
Gängen in Braunkohlenschichten findet (an den Ufern der Egra, zwischen
Saatz und Commothau in Böhmen) oder sich in Hohlräumen (Freienwalde in
Brandenburg, Segario in Sardinien) durch Auswitterung bilden, sind
unreine Salze, oft ohne Kaki, vermengt mit schwefelsaurem Ammoniak und
schwefelsaurer Bittererde. Eine langsame Zersetzung der Schwefelkiese,
die vielleicht als eben so viele kleine galvanische Säulen wirken, macht
die Gewässer, welche die Braunkohle und die Alaunerde durchziehen,
alaunhaltig. Aehnliche chemische Vorgänge können nun aber in Ur- und
Uebergangsschiefern so gut wie in tertiären Bildungen stattfinden. Alle
Schiefer, und dieser Umstand ist sehr wichtig, enthalten gegen fünf
Procent Kali, Schwefeleisen, Eisenperoxyd, Kohle u. s. w. So viele
ungleichartige Stoffe, in gegenseitiger Berührung und von Wasser
befeuchtet, müssen nothwendig Neigung haben, sich nach Form und
Zusammensetzung zu verändern. Die ausgewitterten Salze, welche in der
Schlucht Robalo die Alaunschiefer in Menge bedecken, zeigen, wie sehr
diese chemischen Vorgänge durch die hohe Temperatur dieses Klimas
gefördert werden; aber — ich wiederhole es — in einem Gestein ohne
Spalten, ohne dem Streichen und Fallen seiner Schichten parallel
laufende Hohlräume ist ein natürlicher, seine Lagerstätte völlig
ausfüllender, halbdurchsichtiger Alaun mit muschligtem Bruch als
gleichen Alters mit der einschließenden Gebirgsart zu betrachten.
Nachdem wir lange in dieser Einöde unter den völlig kahlen Felsen
umhergeirrt, ruhten unsere Blicke mit Lust auf den Malpighia- und
Crotonbüschen, die wir auf dem Wege zur Küste hinab trafen. Diese
baumartigen Croton waren sogar zwei neue, durch ihren Habitus sehr
interessante, der Halbinsel Araya allein angehörige Arten.[^189] Wir
kamen zu spät zur Laguna chica um noch eine andere Bucht weiter
ostwärts, als Laguna grande oder del olispo vielberufen, besuchen zu
können. Wir begnügten uns, dieselbe von den sie beherrschenden Bergen
herab zu bewundern. Außer den Häfen von Ferrol und Acapulco gibt es
vielleicht keinen mehr von so sonderbarer Bildung. Es ist eine von Ost
nach West dritthalb Seemeilen lange, eine Seemeile breite geschlossene
Bucht. Die Glimmerschieferfelsen, die den Hafen einschließen, lassen nur
eine 250 Toisen breite Einfahrt. Ueberall findet man 15 bis 20 Faden
Wassertiefe. Wahrscheinlich wird die Regierung von Cumana diese
geschlossene Bucht und die von Mochima, die acht Seemeilen ostwärts von
der schlechten Rhede von Nueva Barcelona liegt, einmal zu benützen
wissen. Navaretes Familie erwartete uns mit Ungeduld am Strand, und
obgleich unser Canoe ein großes Segel führte, kamen wir doch erst bei
Nacht nach Maniquarez.
Wir blieben nur noch vierzehn Tage in Cumana. Da wir alle Hoffnung
aufgegeben hatten, ein Postschiff aus Corunna eintreffen zu sehen, so
benützten wir ein amerikanisches Fahrzeug, das in Nueva Barcelona
Salzfleisch lud, um es auf die Insel Cuba zu bringen. Wir hatten
sechzehn Monate auf diesen Küsten und im Innern von Venezuela
zugebracht. Wir hatten zwar noch über 50,000 Francs in Wechseln auf die
ersten Häuser in der Havana; dennoch wären wir hinsichtlich der baaren
Mittel in großer Verlegenheit gewesen, wenn uns nicht der Statthalter
von Cumana vorgeschossen hätte, so viel wir verlangen mochten. Das
Zartgefühl, mit dem Herr von Emparan ihm ganz unbekannte Fremde
behandelte, verdient die höchste Anerkennung und meinen lebhaftesten
Dank. Ich erwähne dieser Umstände, die nur unsere Person betrafen, um
die Reisenden zu warnen, daß sie sich nicht zu sehr auf den Verkehr
unter den verschiedenen Colonien desselben Mutterlandes verlassen. Wie
es im Jahr 1799 in Cumana und Caracas mit dem Handel stand, hätte man
einen Wechsel leichter auf Cadix und London ziehen können, als auf
Carthagena de Indias, die Havana oder Vera Cruz.
Am 16. November verabschiedeten wir uns von unsern Freunden, um nun zum
dritten male von der Mündung des Busens von Cariaco nach Nueva Barcelona
überzufahren. Die Nacht war köstlich kühl. Nicht ohne Rührung sahen wir
die Mondscheibe zum letztenmal die Spitzen der Cocospalmen an den Ufern
des Manzanares beleuchten. Lange hingen unsere Blicke an der weißlichten
Küste, wo wir uns nur ein einziges mal über die Menschen zu beklagen
gehabt hatten. Der Seewind war so stark, daß wir nach nicht ganz sechs
Stunden beim Morro von Nueva Barcelona den Anker auswarfen. Das
Fahrzeug, das uns nach der Havana bringen sollte, lag segelfertig da.
Siebenundzwanzigstes Kapitel.
=============================
Allgemeine Bemerkungen über das Verhältniß des neuen zum alten
Continent. — Ueberfahrt von den Küsten von Venezuela nach der Havana.
Als ich nach meiner Rückkehr nach Deutschland den »Essai politique sur
la nouvelle Espagne« herausgab, veröffentlichte ich zugleich einen Theil
des von mir über den Bodenreichthum von Südamerika gesammelten
Materials. Diese vergleichende Schilderung der Bevölkerung, des
Ackerbaus und des Handels aller spanischen Colonien wurde zu einer Zeit
entworfen, wo große Mängel in der gesellschaftlichen Verfassung, das
Prohibitivsystem und andere gleich verderbliche Mißgriffe in der
Regierungskunst die Entwicklung der Cultur niederhielten. Seit ich
auseinandergesetzt, welch unermeßliche Hülfsmittel den Völkern des
gedoppelten Amerika durch ihre Lage an sich und durch ihren
Handelsverkehr mit Europa und Asien in Aussicht ständen, sobald sie der
Segnungen einer vernünftigen Freiheit genößen, hat eine der großen
Umwälzungen, welche von Zeit zu Zeit das Menschengeschlecht aufrütteln,
die gesellschaftlichen Zustände in den von mir durchreisten gewaltigen
Ländern umgewandelt. Gegenwärtig theilen sich, kann man wohl sagen, drei
Völker europäischer Abkunft in das Festland der neuen Welt: das eine,
das mächtigste, ist germanischen Stammes, die beiden andern gehören nach
Sprache, Literatur und Sitten dem lateinischen Europa an. Die Theile der
alten Welt, die am weitesten gegen West vorspringen, die iberische
Halbinsel und die britannischen Inseln, sind auch diejenigen, deren
Colonien die bedeutendste Ausdehnung haben; aber ein viertausend Meilen
langer, nur von Nachkommen von Spaniern und Portugiesen bewohnter
Küstenstrich legt Zeugniß dafür ab, wie hoch sich die Völker der
Halbinsel im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert durch ihre
Unternehmungen zur See über die andern seefahrenden Völker
emporgeschwungen hatten. Die Verbreitung ihrer Sprachen von Californien
bis an den Rio de la Plata, auf dem Rücken der Cordilleren wie in den
Wäldern am Amazonenstrom ist ein Denkmal nationalen Ruhms, das alle
politischen Revolutionen überdauern wird.
Gegenwärtig überwiegt die Bevölkerung des spanischen und portugiesischen
Amerika die von englischer Race ums Doppelte. Die französischen,
holländischen und dänischen Besitzungen auf dem neuen Continent sind von
geringem Umfang; zählt man aber die Völker her, welche auf das Geschick
der andern Halbkugel Einfluß äußern können, so sind noch zwei nicht zu
übergehen, einerseits die Ansiedler slavischer Abkunft, die von der
Halbinsel Alaska bis nach Californien Niederlassungen suchen,
andererseits die freien Afrikaner auf Haiti, welche wahr gemacht haben,
was der Mailänder Reisende Benzoni schon im Jahr 1545 vorausgesagt. Daß
die Afrikaner auf einer Insel, zweieinhalbmal größer als Sicilien, im
Schoße des Mittelmeeres der Antillen hausen, macht sie politisch um so
wichtiger. Alle Freunde der Menschheit wünschen aufrichtig, daß eine
Civilisation, welche wider alles Erwarten nach so viel Gräueln und Blut
Wurzel geschlagen, sich fort und fort entwickeln möge. Das russische
Amerika gleicht bis jetzt nicht sowohl einer Ackerbaucolonie als einem
der Comptoirs, wie sie die Europa zum Verderben der Eingeborenen auf den
Küsten von Afrika errichtet. Es besteht nur aus Militärposten, aus
Sammelplätzen für Fischer und sibirische Jäger. Allerdings ist es eine
merkwürdige Erscheinung, daß sich der Ritus der griechischen Kirche auf
einem Striche Amerikas festgesetzt hat, und daß zwei Nationen, welche
das Ost- und das Westende von Europa bewohnen, Russen und Spanier,
Nachbarn werden auf einem Festlande, in das sie auf entgegengesetzten
Wegen gekommen; aber beim halb wilden Zustand der Küsten von Ochotsk und
Kamtschatka, bei der Geringfügigkeit der Mittel, welche die asiatischen
Häfen liefern können, und bei der Art und Weise, wie bis jetzt die
slavischen Colonien in der neuen Welt verwaltet worden, müssen diese
noch lange in der Kindheit verharren. Da man nun bei
nationalökonomischen Untersuchungen gewöhnt ist, nur Massen ins Auge zu
fassen, so stellt es sich heraus, daß das amerikanische Festland
eigentlich nur unter drei große Nationen von englischer, spanischer und
portugiesischer Abkunft getheilt ist. Die erste derselben, die
Angloamerikaner, ist zugleich nach dem englischen Volk in Europa
diejenige, welche ihre Flagge über die weitesten Meeresstrecken trägt.
Ohne entlegene Colonien hat sich ihr Handel zu einer Höhe
aufgeschwungen, zu der niemals ein Volk der alten Welt gelangt ist, mit
Ausnahme desjenigen, das seine Sprache, den Glanz seiner Literatur,
seine Arbeitslust, seinen Hang zur Freiheit und einen Theil seiner
bürgerlichen Einrichtungen nach Nordamerika hinübergetragen hat.