Vom 3. zum 5. November verbrachten wir wieder einige sehr angenehme Tage

auf der Halbinsel Araya, über dem Meerbusen von Cariaco, Cumana

gegenüber, deren Perlen, deren Salzlager und unterseeische Quellen

flüssigen, farblosen Steinöls ich schon oben beschrieben habe.[^186] Wir

hatten gehört, die Indianer bringen von Zeit zu Zeit natürlichen Alaun,

der in den benachbarten Bergen vorkomme, in bedeutenden Massen in die

Stadt. An den Proben, die man uns zeigte, sah man gleich, daß es weder

Alaunstein war, ähnlich dem Gestein von Tolfa und Piombino, noch jene

haarförmigen, seidenartigen Salze von schwefelsaurer Thon- und

Bittererde, welche Gebirgsspalten und Höhlen auskleiden, sondern

wirklich Massen natürlichen Alauns, mit muschligtem oder unvollkommen

blättrigem Bruch. Man machte uns Hoffnung, daß wir die Alaungrube im

Schiefergebirg bei Maniquarez finden könnten: Eine so neue geognostische

Erscheinung mußte unsere ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen. Frater

Juan Gonzalez und der Schatzmeister Don Manuel Navarete, der uns seit

unserer Ankunft auf dieser Küste mit seinem Rath beigestanden hatte,

begleiteten uns auf dem kleinen Ausflug. Wir gingen am Vorgebirge Caney

ans Land und besuchten wieder das alte Salzwerk, das durch den Einbruch

des Meeres in einen See verwandelt worden, die schönen Trümmer des

Schlosses Araya und den Kalkberg Barigon, der, weil er gegen West

schroff abfällt, ziemlich schwer zu besteigen ist. Der Salzthon,

vermischt mit Erdpech und linsenförmigem Gyps, und zuweilen in einen

schwarzbraunen, salzfreien Thon übergehend, ist eine auf dieser

Halbinsel, auf der Insel Margarita und auf dem gegenüberliegenden

Festland beim Schloß San Antonio in Cumana sehr verbreitete Formation.

Sehr wahrscheinlich hat sie sogar zum Theil die Spalten und das ganze

zerrissene Wesen des Bodens veranlaßt, das dem Geognosten auffällt, wenn

er auf einer der Anhöhen der Halbinsel Araya steht. Die aus

Glimmerschiefer und Thonschiefer bestehende Cordillere derselben ist

gegen Nord durch den Canal von Cubagua von der ähnlich gebildeten

Bergkette der Insel Margarita getrennt; gegen Süd liegt der Meerbusen

von Cariaco zwischen der Cordillere und der hohen Kalkgebirgskette des

Festlandes. Der ganze dazwischen liegende Boden scheint einst mit

Salzthon ausgefüllt gewesen zu seyn, und vom Meere beständig

angefressen, verschwand ohne Zweifel die Formation allmählig und aus der

Ebene wurden zuerst Lagunen, dann Buchten und zuletzt schiffbare Canäle.

Der neueste Vorgang am Schlosse Araya beim Einbruch des Meeres in das

alte Salzwerk, die Form der Lagune Chacopata und ein vier Meilen langer

See, der die Insel Margarita beinahe in zwei Stücke theilt, sind

offenbare Beweise dieser allmähligen Abspülungen. Im seltsamen Umriß der

Küsten, im Morro von Chacopata, in den kleinen Inseln Caribes, Lobos und

Tunal, in der großen Insel Coche und dem Vorgebirg Carnero und dein »der

Manglebäume« glaubt man auch die Trümmer einer Landenge vor sich zu

haben, welche einst in der Richtung von Nord nach Süd die Halbinsel

Araya und die Insel Margarita verband. Auf letzterer verbindet nur noch

eine ganz niedrige, 3000 Toisen lange und nicht 200 Toisen breite

Landzunge gegen Nord die zwei unter dem Namen Vega de San Juan und

Macanao bekannten Berggruppen. Die Laguna grande auf Margarita hat gegen

Süd eine sehr enge Oeffnung und kleine Canoes kommen »arastradas,« das

heißt über einen Trageplatz, über die Landzunge oder den Damm im Norden

hinüber. Wenn sich auch heutzutage in diesen Seestrichen das Wasser vom

Festland zurückzuziehen scheint, so wird doch höchst wahrscheinlich im

Laufe der Jahrhunderte entweder durch ein Erdbeben oder durch ein

plötzliches Anschwellen des Oceans die große langgestreckte Insel

Margarita in zwei viereckigte Felseneilande zerfallen.

Bei der Besteigung des Cerro del Barigon wiederholten wir die Versuche,

die wir am Orinoco über den Unterschied zwischen der Temperatur der Luft

und des verwitterten Gesteins gemacht hatten. Erstere betrug gegen 11

Uhr Vormittags, des Seewinds wegen, nur 27 Grad, letztere dagegen 49°6.

Der Saft in den Fackeldisteln (Cactus quadrangularis) zeigte 38-41°;

soviel zeigte ein Thermometer, dessen Kugel ich in den fleischigten,

saftigen Stamm der Cactus hineinsteckte. Diese innere Temperatur eines

Gewächses ist das Produkt der Wärme des Sandes, in dem die Wurzeln sich

verbreiten, der Lusfttemperatur, der Oberflächenbeschaffenheit des den

Sonnenstrahlen ausgesetzten Stammes und der Leitungsfähigkeit des

Holzes. Es wirken somit sehr verwickelte Vorgänge zum Resultat zusammen.

Der Kalkstein des Barigon, der zu der großen Sandstein- und

Kalkformation von Cumana gehört, besteht fast ganz aus Seeschalthieren,

die so wohl erhalten sind, wie die in den andern tertiären Kalkgebilden

in Frankreich und Italien. Wir brachen für das königliche Cabinet zu

Madrid Blöcke ab, die Austern von acht Zoll Durchmesser, Kammmuscheln,

Venusmuscheln und Polypengehäuse enthielten. Ich möchte Naturforscher,

welche bessere Paläontologen sind, als ich damals war, auffordern, diese

Felsenküste genau zu untersuchen. Sie ist europäischen Fahrzeugen, die

nach Cumana, Guayra oder Curacao gehen, leicht zugänglich. Es wäre von

großem Interesse, auszumachen, ob manche dieser versteinerten Mollusken-

und Zoophytenarten noch jetzt das Meer der Antillen bewohnen, wie es

Bonpland vorkam, und wie es auf der Insel Timor und wohl auch bei

Grand-Terre auf Guadeloupe der Fall ist.

Am 4. November um 1 Uhr Nachts gingen wir unter Segel, um die natürliche

Alaungrube aufzusuchen. Ich hatte den Chronometer und mein großes

Dollond’sches Fernrohr mit eingeschifft, um bei der Laguna chica,

östlich vom Dorfe Maniquarez, die Immension des ersten Jupiterstrabanten

zu beobachten. Daraus wurde indessen nichts, da wir des widrigen Windes

wegen nicht vor Tag hinkamen. Nur das Schaufpiel des Meerleuchtens,

dessen Pracht durch die um unsere Pirogue gaukelnden Delphine noch

erhöht wurde, konnte uns für diese Verzögerung entschädigen. Wir fuhren

wieder über den Strich, wo auf dem Meeresboden aus dem Glimmerschiefer

Quellen von Bergöl brechen, die man sehr weit riecht.[^187] Bedenkt man,

daß weiter nach Ost, bei Cariaco, warme unterseeische Quellen so stark

sind, daß sie die Temperatur des Meerbusens an der Oberfläche erhöhen,

so läßt sich wohl nicht bezweifeln, daß das Bergöl aus ungeheuren Tiefen

wie herauf destillirt wird, daß es aus den Urgebirgsbildungen kommt,

unter denen der Herd aller Vulkanischen Erschütterungen liegt.

Die Laguna chica, ist eine von steil abfallenden Bergen umgebene Bucht,

die mit dem Meerbusen von Cariaco nur durch einen engen, 25 Faden tiefen

Canal zusammenhängt. Es sieht aus, als wäre sie, wie auch der schöne

Hafen von Acapulco, durch ein Erdbeben gebildet. Ein kleiner flacher

Uferstrich scheint darauf hinzudeuten, daß die See sich hier vom Lande

zurückzieht, wie an der gegenüberliegenden Küste von Cumana. Die

Halbinsel Araya verengert sich zwischen den Vorgebirgen Mero und las

Minas auf 1400 Toisen und ist bei der Laguna chica von einem Seestrich

zum andern etwas über 4000 Toisen breit. Diese unbedeutende Strecke

hatten wir zurückzulegen, um zum natürlichen Alaun und zum Vorgebirge,

genannt Punta de Chuparuparu, zu gelangen. Der Gang ist nur darum

beschwerlich, weil gar kein Weg gebahnt ist und man zwischen ziemlich

tiefen Abgründen über völlig kahle Felsgräten mit stark fallenden

Schichten gehen muß. Der höchste Punkt liegt gegen 220 Toisen hoch, aber

die Berge zeigen, wie so häufig auf felsigten Landengen, die seltsamsten

Bildungen. Die Tetas de Chacopata und de Cariaco, halbwegs zwischen der

Laguna chica und der Stadt Cariaco, sind wahre Spitzberge, die von der

Platform des Schlosses in Cumana aus ganz frei zu stehen scheinen.

Dammerde findet sich in diesem Landstrich nur bis zur Höhe von 30 Toisen

über dem Meer. Oft regnet es 15 Monate lang gar nicht;[^188] fallen aber

auch nur ein paar Tropfen Wasser unmittelbar nach der Blüthe der

Melonen, der Wassermelonen und Kürbisse, so tragen dieselben, trotz der

anscheinenden Trockenheit der Luft, Früchte von 60 bis 70 Pfund. Ich

sage die anscheinende Trockenheit der Luft, denn aus meinen

hygrometrischen Beobachtungen geht hervor, daß in Cumana und Araya die

Luft fast zu neun Zehntheilen mit Wasserdunst gesättigt ist. Diese

zugleich heiße und feuchte Luft speist die vegetabilischen Quellen, die

kürbisartigen Gewächse, die Agaven und Melocactus, die halb im Sand

vergraben sind. Als wir die Halbinsel im vorigen Jahr besuchten,

herrschte da furchtbarer Wassermangel. Die Ziegen, die kein Gras mehr

fanden, gingen zu Hunderten zu Grunde. Während unseres Aufenthalts am

Orinoco schien sich die Reihefolge der Jahreszeiten völlig umgekehrt zu

haben. Es hatte in Araya, auf Cochen, sogar auf der Insel Margarita

reichlich geregnet, und diese Güsse machten noch in der Erinnerung den

Einwohnern so viel zu schaffen, als den Physikern in Europa ein

Aerolithenfall.

Unser indianischer Führer kannte kaum die Richtung, in der wir den Alaun

zu suchen hatten; die eigentliche Lagerstätte war ihm ganz unbekannt.

Dieser Mangel an Ortskenntniß ist hier fast allen Führern eigen, die der

faulsten Volksklasse angehören. Wir liefen fast auf Gerathewohl sieben,

acht Stunden zwischen den Felsen herum, auf denen nicht das Geringste

wuchs. Der Glimmerschiefer geht zuweilen in schwarzgrauen Thonschiefer

über. Auch hier fiel mir wieder die ungemeine Regelmäßigkeit im

Streichen und Fallen der Schichten auf. Sie streichen Nord 50 Grad Ost

und fallen unter einem Winkel von 60—70° nach Nordwest. Dieses

allgemeine Streichungsverhältniß hatte ich auch am granitischen Gneiß

bei Caracas und am Orinoco, an den Hornblendeschiefern bei Angostura

beobachtet, sogar an den meisten secundären Formationen, die wir

untersucht. Auf sehr weite Strecken bilden die Schichten denselben

Winkel mit dem Meridian des Orts; sie zeigen einrn Parallelismus (oder

vielmehr Loxodromismus), der als eines der großen geognostischen Gesetze

zu betrachten ist, die durch genaue Messung zu ermitteln sind. Gegen das

Cap Chuparuparu zu sahen wir die Quarzgänge im Glimmerschiefer mächtiger

werden. Wir fanden welche, ein bis zwei Klafter breit, voll kleiner

büschelförmiger Krystalle von Titanerz. Vergeblich suchten wir darin

nach Cyanit, den wir in Blöcken bei Maniquarez gefunden. Weiterhin

erscheinen im Glimmerschiefer nicht Gänge, sondern kleine Schichten von

Graphit oder Kohlenstoffeisen. Sie sind 2—3 Zoll dick und streichen und

fallen genau wie die Gebirgsart. Mit dem Graphit im Urgebirge tritt zum

erstenmal in den Gebirgsschichten der Kohlenstoff auf, und zwar als

nicht an Wasserstoff gebundener Kohlenstoff. Er ist älter als die Zeit,

wo sich die Erde mit monocotyledonischen Gewächsen bedeckte.

Von diesen öden Bergen herab hatten wir eine großartige Aussicht auf die

Insel Margarita. Zwei Berggruppen, die bereits genannten, der Macanao

und die Vega de San Juan, steigen gerade aus dem Wasser auf. In der

letzteren, der östlichsten, liegt der Hauptort der Insel, la Asuncion,

der Hafen Pampatar und die Dörfer Pueblo de la Mar, Pneblo del Norte und

San Juan. Die westliche Gruppe, der Macanao, ist fast ganz unbewohnt.

Die Landenge, welche diese gewaltigen Glimmerschiefermassen verbindet,

war kaum sichtbar; sie erschien durch die Luftspiegelung verzogen und

man erkannte dieses Zwischenglied des Landes, durch das die Laguna

grande läuft, nur an zwei kleinen zuckerhutförmigen Bergen, die unter

dem Meridian der Punta de Piedras liegen. Weiter herwärts sahen wir auf

den kleinen öden Archipel der vier Morros del Tunal, der Caribes und

Lobos hinab.

Nach langem vergeblichem Suchen fanden wir endlich, ehe wir zur

Nordküste der Halbinsel Araya hinabgingen, in einer ungemein schwer

zugänglichen Schlucht (Aroyo del Robalo) das Mineral, das man uns in

Cumana gezeigt hatte. Der Glimmerschiefer ging rasch in kohlenhaltigen,

glänzenden Thonschiefer über. Es war Ampelit; das Wasser (denn es gibt

hier kleine Quellen, und kürzlich hat man selbst beim Dorfe Maniquarez

eine gefunden) war mit gelbem Eisenoxyd geschwängert und hatte einen

zusammenziehenden Geschmack. Die anstehenden Felswände waren mit

ausgewitterter haarförmiger schwefelsaurer Thonerde bedeckt, und

wirkliche zwei bis drei Zoll dicke Schichten natürlichen Alauns strichen

im Thonschiefer fort, so weit das Auge reichte. Der Alaun ist weissgrau,

an der Oberfläche etwas matt, im Innern hat er fast Glasglanz; der Bruch

ist nicht faserigt, sondern unvollkommen muschligt. An nicht starken

Bruchstücken ist er halb durchsichtig. Der Geschmack ist süßlicht,

adstringirend, ohne Bitterkeit. Ich fragte mich noch an Ort und Stelle,

ob dieser so reine Alaun, der ohne die geringste Lücke eine Schicht im

Thonschiefer bildet, gleichzeitig mit der Gebirgsart gebildet, oder ob

ihm ein neuerer, so zu sagen secundärer Ursprung zuzuschreiben ist, wie

dem salzsauren Natron, das man zuweilen in kleinen Gängen an Stellen

findet, wo hochsöhlige Salzquellen durch Gyps- oder Thonschichten

hindurchgehen? Nichts weist aber hier auf eine Bildungsweise hin, die

auch noch gegenwärtig vorkommen könnte. Das Schiefergestein hat

lediglich keine offene Spalte, zumal keine, die dem Streichen der

Blätter parallel liefe. Man fragt sich ferner, ob dieser Alaunschiefer

eine dem Urglimmerschiefer von Araya aufgelagerte Uebergangsbildung ist,

oder ob er nur dadurch entsteht, daß die Glimmerschieferschichten nach

Zusammensetzung und Textur eine Veränderung erlitten haben? Ich halte

letztere Annahme für die wahrscheinlichere; denn der Uebergang ist

allmählig und Thonschiefer und Glimmerschiefer scheinen mir hier einer

und derselben Formation anzugehören. Das Vorkommen von Cyanit, Titanerz

und Granaten, und daß kein lydischer Stein, daß nirgends ein

Trümmergestein zu finden ist, scheinen die Formation, die wir hier

beschreiben, dem Urgebirge zuzuweisen.

Als sich im Jahr 1783 bei einem Erdbeben im Aroyo del Robalo eine große

Felsmasse abgelöst hatte, lasen die Guayqueries in los Serritos 5—6 Zoll

starke, ungemein durchsichtige und reine Alaunstücke auf. Zu meiner Zeit

verkaufte man in Cumana an Färber und Gerber das Pfund zu zwei Realen

(ein Viertheil eines harten Piasters), während der spanische Alaun zwölf

Realen kostete. Dieser Preisunterschied rührte weit mehr von

Vorurtheilen und von Hemmungen im Handel her, als davon, daß der

einheimische Alaun, der vor der Anwendung durchaus nicht gereinigt wird,

von geringerer Güte wäre. Derselbe kommt auch in der Glimmer- und

Thonschieferlette an der Nordwestküste von Trinidad vor, ferner auf

Margarita und beim Cap Chuparuparu nördlich vom Cerro del Distiladero.

Die Indianer lieben von Natur das Geheimniß, und so verheimlichen sie

auch gern die Orte, wo sie den natürlichen Alaun graben; das Mineral muß

aber ziemlich reich sehn, denn ich habe in ihren Händen ganz ansehnliche

Massen auf einmal gesehen. Es wäre für die Regierung von Belang,

entweder das oben beschriebene Mineral oder die Alaunschiefer, die damit

vorkommen, ordentlich abbauen zu lassen. Letztere könnte man rösten und

sie zur Auslaugung an der glühenden tropischen Sonne gradiren.

Südamerika erhält gegenwärtig seinen Alaun aus Europa, wie ihn Europa

seinerseits bis zum fünfzehnten Jahrhundert von den asiatischen Völkern

erhielt. Vor meiner Reise kannten die Mineralogen keine andern

Substanzen, aus denen man, geröstet oder nicht, unmittelbar Alaun

(schwefel- saures Alaunerdekali) gewann, als Gebirgsarten aus der

Trachytformation und kleine Gänge, welche Schichten von Braunkohlen und

bituminösem Holz durchsetzen. Beide Substanzen, so verschiedenen

Ursprungs sie sind, enthalten alle Elemente des Alauns, nämlich

Thonerde, Schwefelsäure und Kali. Die alaunhaltigen Gesteine im Trachyt

verschiedener Länder rühren unzweifelhaft daher, daß schwefligtsaure

Dämpfe die Gebirgsart durchdrungen haben. Sie sind, wie man sich in den

Solfataren bei Puzzuoli und auf dem Pic von Teneriffa überzeugen kann,

Produkte einer schwachen, lange andauernden vulkanischen Thätigkeit. Das

Wasser, das diese alaunhaltigen Gebirgsarten vulkanischer Herkunft

durchdringt, setzt indessen keine Massen natürlichen Alauns ab; zur

Gewinnung desselben müssen die Gesteine geröstet werden. Ich kenne

nirgends Alaunniederschläge, ähnlich denen, wie ich sie aus Cumana

mitgebracht; denn die haarförmigen und fasrigten Massen, die man in

Gängen in Braunkohlenschichten findet (an den Ufern der Egra, zwischen

Saatz und Commothau in Böhmen) oder sich in Hohlräumen (Freienwalde in

Brandenburg, Segario in Sardinien) durch Auswitterung bilden, sind

unreine Salze, oft ohne Kaki, vermengt mit schwefelsaurem Ammoniak und

schwefelsaurer Bittererde. Eine langsame Zersetzung der Schwefelkiese,

die vielleicht als eben so viele kleine galvanische Säulen wirken, macht

die Gewässer, welche die Braunkohle und die Alaunerde durchziehen,

alaunhaltig. Aehnliche chemische Vorgänge können nun aber in Ur- und

Uebergangsschiefern so gut wie in tertiären Bildungen stattfinden. Alle

Schiefer, und dieser Umstand ist sehr wichtig, enthalten gegen fünf

Procent Kali, Schwefeleisen, Eisenperoxyd, Kohle u. s. w. So viele

ungleichartige Stoffe, in gegenseitiger Berührung und von Wasser

befeuchtet, müssen nothwendig Neigung haben, sich nach Form und

Zusammensetzung zu verändern. Die ausgewitterten Salze, welche in der

Schlucht Robalo die Alaunschiefer in Menge bedecken, zeigen, wie sehr

diese chemischen Vorgänge durch die hohe Temperatur dieses Klimas

gefördert werden; aber — ich wiederhole es — in einem Gestein ohne

Spalten, ohne dem Streichen und Fallen seiner Schichten parallel

laufende Hohlräume ist ein natürlicher, seine Lagerstätte völlig

ausfüllender, halbdurchsichtiger Alaun mit muschligtem Bruch als

gleichen Alters mit der einschließenden Gebirgsart zu betrachten.

Nachdem wir lange in dieser Einöde unter den völlig kahlen Felsen

umhergeirrt, ruhten unsere Blicke mit Lust auf den Malpighia- und

Crotonbüschen, die wir auf dem Wege zur Küste hinab trafen. Diese

baumartigen Croton waren sogar zwei neue, durch ihren Habitus sehr

interessante, der Halbinsel Araya allein angehörige Arten.[^189] Wir

kamen zu spät zur Laguna chica um noch eine andere Bucht weiter

ostwärts, als Laguna grande oder del olispo vielberufen, besuchen zu

können. Wir begnügten uns, dieselbe von den sie beherrschenden Bergen

herab zu bewundern. Außer den Häfen von Ferrol und Acapulco gibt es

vielleicht keinen mehr von so sonderbarer Bildung. Es ist eine von Ost

nach West dritthalb Seemeilen lange, eine Seemeile breite geschlossene

Bucht. Die Glimmerschieferfelsen, die den Hafen einschließen, lassen nur

eine 250 Toisen breite Einfahrt. Ueberall findet man 15 bis 20 Faden

Wassertiefe. Wahrscheinlich wird die Regierung von Cumana diese

geschlossene Bucht und die von Mochima, die acht Seemeilen ostwärts von

der schlechten Rhede von Nueva Barcelona liegt, einmal zu benützen

wissen. Navaretes Familie erwartete uns mit Ungeduld am Strand, und

obgleich unser Canoe ein großes Segel führte, kamen wir doch erst bei

Nacht nach Maniquarez.

Wir blieben nur noch vierzehn Tage in Cumana. Da wir alle Hoffnung

aufgegeben hatten, ein Postschiff aus Corunna eintreffen zu sehen, so

benützten wir ein amerikanisches Fahrzeug, das in Nueva Barcelona

Salzfleisch lud, um es auf die Insel Cuba zu bringen. Wir hatten

sechzehn Monate auf diesen Küsten und im Innern von Venezuela

zugebracht. Wir hatten zwar noch über 50,000 Francs in Wechseln auf die

ersten Häuser in der Havana; dennoch wären wir hinsichtlich der baaren

Mittel in großer Verlegenheit gewesen, wenn uns nicht der Statthalter

von Cumana vorgeschossen hätte, so viel wir verlangen mochten. Das

Zartgefühl, mit dem Herr von Emparan ihm ganz unbekannte Fremde

behandelte, verdient die höchste Anerkennung und meinen lebhaftesten

Dank. Ich erwähne dieser Umstände, die nur unsere Person betrafen, um

die Reisenden zu warnen, daß sie sich nicht zu sehr auf den Verkehr

unter den verschiedenen Colonien desselben Mutterlandes verlassen. Wie

es im Jahr 1799 in Cumana und Caracas mit dem Handel stand, hätte man

einen Wechsel leichter auf Cadix und London ziehen können, als auf

Carthagena de Indias, die Havana oder Vera Cruz.

Am 16. November verabschiedeten wir uns von unsern Freunden, um nun zum

dritten male von der Mündung des Busens von Cariaco nach Nueva Barcelona

überzufahren. Die Nacht war köstlich kühl. Nicht ohne Rührung sahen wir

die Mondscheibe zum letztenmal die Spitzen der Cocospalmen an den Ufern

des Manzanares beleuchten. Lange hingen unsere Blicke an der weißlichten

Küste, wo wir uns nur ein einziges mal über die Menschen zu beklagen

gehabt hatten. Der Seewind war so stark, daß wir nach nicht ganz sechs

Stunden beim Morro von Nueva Barcelona den Anker auswarfen. Das

Fahrzeug, das uns nach der Havana bringen sollte, lag segelfertig da.

Siebenundzwanzigstes Kapitel.

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Allgemeine Bemerkungen über das Verhältniß des neuen zum alten

Continent. — Ueberfahrt von den Küsten von Venezuela nach der Havana.

Als ich nach meiner Rückkehr nach Deutschland den »Essai politique sur

la nouvelle Espagne« herausgab, veröffentlichte ich zugleich einen Theil

des von mir über den Bodenreichthum von Südamerika gesammelten

Materials. Diese vergleichende Schilderung der Bevölkerung, des

Ackerbaus und des Handels aller spanischen Colonien wurde zu einer Zeit

entworfen, wo große Mängel in der gesellschaftlichen Verfassung, das

Prohibitivsystem und andere gleich verderbliche Mißgriffe in der

Regierungskunst die Entwicklung der Cultur niederhielten. Seit ich

auseinandergesetzt, welch unermeßliche Hülfsmittel den Völkern des

gedoppelten Amerika durch ihre Lage an sich und durch ihren

Handelsverkehr mit Europa und Asien in Aussicht ständen, sobald sie der

Segnungen einer vernünftigen Freiheit genößen, hat eine der großen

Umwälzungen, welche von Zeit zu Zeit das Menschengeschlecht aufrütteln,

die gesellschaftlichen Zustände in den von mir durchreisten gewaltigen

Ländern umgewandelt. Gegenwärtig theilen sich, kann man wohl sagen, drei

Völker europäischer Abkunft in das Festland der neuen Welt: das eine,

das mächtigste, ist germanischen Stammes, die beiden andern gehören nach

Sprache, Literatur und Sitten dem lateinischen Europa an. Die Theile der

alten Welt, die am weitesten gegen West vorspringen, die iberische

Halbinsel und die britannischen Inseln, sind auch diejenigen, deren

Colonien die bedeutendste Ausdehnung haben; aber ein viertausend Meilen

langer, nur von Nachkommen von Spaniern und Portugiesen bewohnter

Küstenstrich legt Zeugniß dafür ab, wie hoch sich die Völker der

Halbinsel im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert durch ihre

Unternehmungen zur See über die andern seefahrenden Völker

emporgeschwungen hatten. Die Verbreitung ihrer Sprachen von Californien

bis an den Rio de la Plata, auf dem Rücken der Cordilleren wie in den

Wäldern am Amazonenstrom ist ein Denkmal nationalen Ruhms, das alle

politischen Revolutionen überdauern wird.

Gegenwärtig überwiegt die Bevölkerung des spanischen und portugiesischen

Amerika die von englischer Race ums Doppelte. Die französischen,

holländischen und dänischen Besitzungen auf dem neuen Continent sind von

geringem Umfang; zählt man aber die Völker her, welche auf das Geschick

der andern Halbkugel Einfluß äußern können, so sind noch zwei nicht zu

übergehen, einerseits die Ansiedler slavischer Abkunft, die von der

Halbinsel Alaska bis nach Californien Niederlassungen suchen,

andererseits die freien Afrikaner auf Haiti, welche wahr gemacht haben,

was der Mailänder Reisende Benzoni schon im Jahr 1545 vorausgesagt. Daß

die Afrikaner auf einer Insel, zweieinhalbmal größer als Sicilien, im

Schoße des Mittelmeeres der Antillen hausen, macht sie politisch um so

wichtiger. Alle Freunde der Menschheit wünschen aufrichtig, daß eine

Civilisation, welche wider alles Erwarten nach so viel Gräueln und Blut

Wurzel geschlagen, sich fort und fort entwickeln möge. Das russische

Amerika gleicht bis jetzt nicht sowohl einer Ackerbaucolonie als einem

der Comptoirs, wie sie die Europa zum Verderben der Eingeborenen auf den

Küsten von Afrika errichtet. Es besteht nur aus Militärposten, aus

Sammelplätzen für Fischer und sibirische Jäger. Allerdings ist es eine

merkwürdige Erscheinung, daß sich der Ritus der griechischen Kirche auf

einem Striche Amerikas festgesetzt hat, und daß zwei Nationen, welche

das Ost- und das Westende von Europa bewohnen, Russen und Spanier,

Nachbarn werden auf einem Festlande, in das sie auf entgegengesetzten

Wegen gekommen; aber beim halb wilden Zustand der Küsten von Ochotsk und

Kamtschatka, bei der Geringfügigkeit der Mittel, welche die asiatischen

Häfen liefern können, und bei der Art und Weise, wie bis jetzt die

slavischen Colonien in der neuen Welt verwaltet worden, müssen diese

noch lange in der Kindheit verharren. Da man nun bei

nationalökonomischen Untersuchungen gewöhnt ist, nur Massen ins Auge zu

fassen, so stellt es sich heraus, daß das amerikanische Festland

eigentlich nur unter drei große Nationen von englischer, spanischer und

portugiesischer Abkunft getheilt ist. Die erste derselben, die

Angloamerikaner, ist zugleich nach dem englischen Volk in Europa

diejenige, welche ihre Flagge über die weitesten Meeresstrecken trägt.

Ohne entlegene Colonien hat sich ihr Handel zu einer Höhe

aufgeschwungen, zu der niemals ein Volk der alten Welt gelangt ist, mit

Ausnahme desjenigen, das seine Sprache, den Glanz seiner Literatur,

seine Arbeitslust, seinen Hang zur Freiheit und einen Theil seiner

bürgerlichen Einrichtungen nach Nordamerika hinübergetragen hat.

Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents. Band 4. · 第 26 / 29 段