Am 23. Juli langten wir in der Stadt Nueva Barcelona an, weniger

angegriffen von der Hitze in den Llanos, an die wir längst gewöhnt

waren, als von den Sandwinden, die auf die Länge schmerzhafte Schrunden

in der Haut verursachen. Vor sieben Monaten hatten wir auf dem Wege von

Cumana nach Caracas ein paar Stunden am Morro von Barcelona angelegt,

einem befestigten Felsen, der dem Dorfe Pozuelos zu nur durch eine

Landzunge mit dem Festlande zusammenhängt. Im Hause eines reichen

Handelsmanns von französischer Abkunft, Don Pedro Lavie, fanden wir die

freundlichste Aufnahme und Alles, was zuvorkommende Gastfreundschaft

bieten kann. Lavie war beschuldigt worden, den unglücklichen España, als

er im Jahr 17096 sich als Flüchtling auf dieser Küste befand,

aufgenommen zu haben, und wurde auf Befehl der Audiencia aufgehoben und

nach Caracas ins Gefängniß geführt. Die Freundschaft des Statthalters

von Cumana und die Erinnerung an die Dienste, die er dem aufkeimenden

Gewerbfleiß des Landes geleistet, verhalfen ihm wieder zur Freiheit. Wir

hatten ihn im Gefängniß besucht und uns bemüht ihn zu zerstreuen; jetzt

hatten wir die Freude, ihn wieder im Schooße seiner Familie zu finden.

Seine physischen Leiden hatten sich durch die Haft verschlimmert, und er

erlag, bevor der Tag der Unabhängigkeit Amerikas angebrochen war, den

sein Freund Don Josef España bei seiner Hinrichtung verkündigt hatte.

»Ich sterbe,« sprach dieser Mann, ein Mann, wie geschaffen zur

Durchführung großer Unternehmungen, »ich sterbe eines schimpflichen

Todes; aber in Kurzem werden meine Mitbürger mit Ehrfurcht meine Asche

sammeln und mein Name wird mit Ehren genannt werden.« Diese merkwürdigen

Worte wurden am 8. Mai 1799 auf dem großen Platze zu Caracas gesprochen;

sie wurden mir noch im selben Jahr von Leuten mitgetheilt, von denen

manche Españas Absichten so sehr verabscheuten, als andere sein Loos

betrauerten.

Schon oben[^179] war von der Bedeutung des Handels von Nueva Barcelona

die Rede. Die kleine Stadt, die im Jahr 1790 kaum 10,000 Einwohner, im

Jahr 1800 über 16,000 hatte, wurde 1637 von einem catalonischen

Conquistador, Juan Urpin, gegründet. Man versuchte damals, aber

vergeblich, der ganzen Provinz den Namen Neu-Catalonien zu geben. Da auf

unsern Karten häufig zwei Städte statt Einer, Barcelona und Cumanagoto,

angegeben sind, oder man diese zwei Namen für gleichbedeutend hält, so

erscheint es nicht nutzlos, die Quelle dieses Irrthums hier anzugeben.

An der Mündung des Rio Neveri stand früher eine indianische, von Lucas

Faxardo im Jahr 1588 gebaute Stadt, unter dem Namen San Cristoval de los

Cumanagotos. Dieselbe war nur von Eingeborenen bewohnt, die von den

Salzwerken bei Apaicuare hieher gezogen waren. Im Jahr 1637 gründete

Urpin zwei Meilen herwärts vom innern Lande mit einigen Einwohnern von

Cumanagoto und vielen Cataloniern die spanische Stadt Nueva Barcelona.

Vierunddreißig Jahre lang lagen die Nachbargemeinden in beständigem

Streit, bis im Jahr 1671 der Statthalter Angulo es dahin brachte, daß

sie sich an einer dritten Baustelle vereinigten, wo nunmehr die Stadt

Barcelona steht, die nach meinen Beobachtungen unter dem 10°6′52″ der

Breite liegt. Die alte Stadt Cumanagoto ist im Lande vielberufen wegen

eines wunderthätigen Bildes der h. Jungfrau,[^180] das, wie die Indianer

erzählen, im hohlen Stamm eines Tutumo, oder alten Flaschenkürbisbaums

(Crescentia Cujete) gefunden worden ist. Dasselbe wurde in Procession

nach Neu-Barcelona gebracht; aber so oft die Geistlichkeit mit den

Bewohnern der neuen Stadt unzufrieden war, entfloh es bei Nacht und

kehrte in den Baumstamm an der Mündung des Flusses zurück. Dieses Wunder

hörte nicht eher auf, als bis man den Mönchen von der Regel des heiligen

Franciscus ein großes Kloster (das Collegium der Propaganda) gebaut

hatte. Wir haben oben gesehen, daß der Bischof von Caracas in einem

ähnlichen Fall das Bild Unserer lieben Frau de los Valencianos in die

bischöflichen Archive bringen ließ, und daß es dort dreißig Jahre unter

Siegel blieb.

Das Klima von Barcelona ist nicht so heiß als das von Cumana, aber

feucht und in der Regenzeit etwas ungesund. Bonpland hatte die

beschwerliche Reise über die Llanos ganz gut ausgehalten; er war wieder

ganz bei Kräften und seine große Thätigkeit die alte; ich dagegen war in

Barcelona unwohler als in Angostura, unmittelbar nachdem die Reise auf

den Flüssen hinter uns lag. Einer der tropischen Regen, bei denen bei

Sonnenuntergang weit auseinander außerordentlich große Tropfen fallen,

hatte mir ein Unwohlseyn zugezogen, das einen Anfall des Typhus, der

eben auf der Küste herrschte, befürchten ließ. Wir verweilten fast einen

Monat in Barcelona, im Genuß aller Bequemlichkeiten, welche die

aufmerksamste Freundschaft bieten kann. Wir trafen hier auch wieder den

trefflichen Ordensmann, Fray Juan Gouzales, dessen ich schon oft erwähnt

habe, und der vor uns am obern Orinoco gewesen war. Er bedauerte, und

mit Recht, daß wir auf den Besuch dieses unbekannten Landes nur so

wenige Zeit hatten verwenden können; er musterte unsere Pflanzen und

Thiere mit dem Interesse, das auch der Ungebildetste für die Produkte

eines Landes hat, wo er lange gelebt. Fray Juan hatte beschlossen, nach

Europa zurückzukehren und uns dabei bis auf die Insel Cuba zu begleiten.

Wir blieben fortan sieben Monate beisammen; der Mann war munter,

geistreich und dienstfertig. Wer mochte ahnen, welches Unglück seiner

wartete! Er nahm einen Theil unserer Sammlungen mit; ein

gemeinschastlicher Freund vertraute ihm ein Kind an, das man in Spanien

erziehen lassen wollte; die Sammlungen, das Kind, der junge Geistliche,

Alles wurde von den Wellen verschlungen.

Zwei Meilen südostwärts von Nueva Barcelona erhebt sich eine hohe

Bergkette, die sich an den Cerro del Bergantin lehnt, den man von Cumana

aus sieht.[^181] Der Ort ist unter dem Namen Aguas calientes bekannt.

Als ich mich gehörig hergestellt fühlte, unternahmen wir an einem

frischen, nebligten, Morgen einen Ausflug dahin. Das mit

Schwefelwasserstoff geschwängerte Wasser kommt aus einem quarzigen

Sandstein, der demselben dichten Kalkstein ausgelagert ist, den wir beim

Morro untersucht hatten. Die Temperatur desselben ist nur 43°2 (bei

einer Lufttemperatur von 27°); es fließt zuerst vierzig Toisen weit über

den Felsboden, stürzt sich dann in eine natürliche Höhle, dringt durch

den Kalkstein und kommt am Fuß des Berges, am linken Ufer des kleinen

Flusses Narigual wieder zu Tage. Durch die Berührung mit dem Sauerstoff

der Luft schlagen die Quellen viel Schwefel nieder. Die Luftblasen,

welche sich stoßweise aus den Thermen entwickeln, habe ich hier nicht

gesammelt, wie in Mariara. Sie enthalten ohne Zweifel viel Stickstoff,

weil der Schwefelwasserstoff das in der Quelle aufgelöste Gemenge von

Sauerstoff und Stickstoff zersetzt. Die Schwefelwasser von San Juan, die

wie die am Bergantin aus dem Kalkstein kommen, haben auch nur eine

geringe Temperatur (31°3), während im selben Landstrich die

Schwefelwasser von Mariara und las Tricheras (bei Portocabello), die

unmittelbar aus dem granitischen Gneiß kommen, 58°9 und 90°4 heiß

sind.[^182] Es ist als ob die Wärme, welche die Quellen im Erdinnern

angenommen, abnähme, je weiter sie aus dem Urgebirge in die

aufgelagerten secundären Formationen gelangen. Unser Ausflug zu den

Aguas calientes am Bergantin endete mit einem leidigen Unfall. Unser

Gastfreund hatte uns seine schönsten Reitpferde gegeben. Man hatte uns

zugleich gewarnt, nicht durch den kleinen Fluß Narigual zu reiten. Wir

gingen daher über eine Art Brücke oder vielmehr an einander gelegte

Baumstämme, und ließen unsere Pferde am Zügel hinüberschwimmen. Da

verschwand das meinige auf einmal; es schlug noch eine Weile unter dem

Wasser um sich, aber trotz alles Suchens konnten wir nicht ausfindig

machen, was den Unfall veranlaßt haben mochte. Unsere Führer

vermutheten, das Thier werde von den Caymans, die hier sehr häufig sind,

an den Beinen gepackt worden seyn. Meine Verlegenheit war sehr groß;

denn bei dem Zartgefühl und dem großen Wohlstand unseres Gastfreundes

konnte ich kaum daran denken, ihm einen solchen Verlust ersetzen zu

wollen. Lavie ging unsere Betroffenheit näher als der Verlust seines

Pferdes, und er suchte uns zu beruhigen, indem er, wohl mit

Uebertreibung, versicherte, wie leicht man sich in den benachbarten

Savanen schöne Pferde verschaffen könne.

Die Krokodile sind im Rio Neveri groß und zahlreich, besonders der

Mündung zu; im Ganzen aber sind sie nicht so bösartig als die im

Orinoco. In der Gemüthsart dieser Thiere beobachtet man in Amerika

dieselben Contraste wie in Egypten und Nubien, wie man deutlich sieht,

wenn man die Berichte des unglücklichen Burckhard und die Belzonis

aufmerksam vergleicht. Nach dem Culturzustand der verschiedenen Länder,

nach der mehr oder weniger dichten Bevölkerung in der Ruhe der Flüsse

ändern sich auch die Sitten dieser großen Saurier, die auf trockenem

Lande schüchtern sind und vor dem Menschen sogar im Wasser fliehen, wenn

sie reichliche Nahrung haben und der Angriff mit einiger Gefahr

verbunden ist. In Nueva Barcelona sieht man die Indianer das Holz auf

sonderbare Weise zu Markt bringen. Große Scheite von Zygophyllum und

Cäsalpinia werden in den Fluß geworfen; sie treiben mit der Strömung

fort und der Eigenthümer mit seinen ältesten Söhnen schwimmt bald hier

bald dorthin, um die Stücke, die in den Krümmungen des Flusses stecken

bleiben, wieder flott zu machen. In den meisten amerikanischen Flüssen,

in denen Krokodile vorkommen, verböte sich ein solches Verfahren von

selbst. Die Stadt Barcelona hat nicht, wie Cumana, eine indianische

Vorstadt, und sieht man hie und da einen Indianer, so sind sie aus den

benachbarten Missionen, oder aus den über die Ebene zerstreuten Hütten.

Beide sind nicht von caraibischem Stamm, sondern ein Mischvolk von

Cumanagotos, Palenques und Piritus, von kleinem Wuchs, untersetzt,

arbeitsscheu und dem Trunk ergeben. Der gegohrene Manioc ist hier das

beliebteste Getränk; der Palmwein, den man am Orinoco hat, ist an den

Küsten so gut wie unbekannt. Es ist merkwürdig, wie in den verschiedenen

Erdstrichen der Mensch, um den Hang zur Trunkenheit zu befriedigen,

nicht nur alle Familien monocotyledonischer und dicotyledonischer

Gewächse herbeizieht, sondern sogar den giftigen Fliegenschwamm (Amanita

muscaria), von dem die Koriäken denselben Saft zu wiederholten malen

fünf Tage hinter einander trinken, worauf sie aus ekelhafter Sparsamkeit

gekommen sind.[^183] Die Paketboote (correos), die von Corunna nach der

Havana und nach Mexico laufen, waren seit drei Monaten ausgeblieben. Man

vermuthete, sie seyen von den englischen Kreuzern aufgebracht worden. Da

wir Eile hatten, nach Cumana zu kommen, um mit der ersten Gelegenheit

nach Vera Cruz gehen zu können, so mietheten wir (am 26. August 1800)

ein Canoe ohne Verdeck (Lancha). Solcher Fahrzeuge bedient man sich

gewöhnlich in diesen Strichen, wo ostwärts vom Cap Codera die See fast

nie unruhig ist. Die Lancha war mit Cacao beladen und trieb

Schleichhandel mit der Insel Trinidad. Gerade deßhalb glaubte der Eigner

von den feindlichen Fahrzeugen, welche damals alle spanischen Hafen

blokirten, nichts zu fürchten zu haben. Wir schifften unsere

Pflanzensammlungen, unsere Instrumente und unsere Affen ein und hofften

bei herrlichem Wetter eine ganz kurze Ueberfahrt von der Mündung des Rio

Neveri nach Cumana zu haben; aber kaum waren wir im engen Canal zwischen

dem Festland und den Felseneilanden Borracha und Chimanas, so stießen

wir zu unserer großen Ueberraschung auf ein bewaffnetes Fahrzeug, das

uns anrief und zugleich auf große Entfernung einige Flintenschüsse auf

uns abfeuerte. Es waren Matrosen, die zu einem Caper aus Halifax

gehörten, und unter ihnen erkannte ich an der Gesichtsbildung und der

Mundart einen Preußen, aus Memel gebürtig. Seit ich in Amerika war,

hatte ich nicht mehr Gelegenheit gehabt, meine Muttersprache zu

sprechen, und ich hätte mir wohl einen erfreulicheren Anlaß dazu

gewünscht. Unser Protestiren half nichts und man brachte uns an Bord des

Capers, der that, als ob er von den Pässen, die der Gouverneur von

Trinidad für den Schmuggel ausstellte, nichts wüßte, und uns für gute

Prise erklärte. Da ich mich im Englischen ziemlich fertig ausdrücke, so

ließ ich mich mit dem Capitän in Unterhandlungen ein, um nicht nach

Neuschottland gebracht zu werden; ich bat ihn, mich an der nahen Küste

ans Land zu setzen. Während ich in der Cajüte meine und des Eigners des

Canoes Rechte zu verfechten suchte, hörte ich Lärm auf dem Verdeck.

Einer kam und sagte dem Capitän etwas ins Ohr. Dieser schien bestürzt

und ging hinaus. Zu unserem Glück kreuzte auch eine englische Corvette

(die Sloop Hawk) in diesen Gewässern. Sie hatte durch Signale den

Capitän des Capers zu sich gerufen, und da dieser sich nicht beeilte

Folge zu leisten, feuerte sie eine Kanone ab und schickte einen

Midshipman zu uns an Bord. Dieser war ein sehr artiger junger Mann und

machte mir Hoffnung, daß man das Canoe mit Cacao herausgeben und uns des

andern Tags werde weiter fahren lassen. Er schlug mir zugleich vor, mit

ihm zu gehen, mit der Versicherung, sein Commandant, Capitän Garnier von

der königlichen Marine, werde mir ein angenehmeres Nachtlager anbieten,

als ich auf einem Fahrzeug aus Halifax fände.

Ich nahm das freundliche Anerbieten an und wurde von Capitän Garnier

aufs höflichste ausgenommen. Er hatte mit Vancouver die Reise an die

Nordwestküste gemacht, und Alles, was ich ihm von den großen Katarakten

bei Atures und Maypures, von der Gabeltheilung des Orinoco und von

seiner Verbindung mit dem Amazonenstrom erzählte, schien ihn höchlich zu

interessiren. Er nannte mir unter seinen Officieren mehrere, die mit

Lord Macartney in China gewesen waren. Seit einem Jahre war ich nicht

mehr mit so vielen unterrichteten Männern beisammen gewesen. Man war aus

den englischen Zeitungen über den Zweck meiner Reise im Allgemeinen

unterrichtet; man bewies mir großes Zutrauen und ich erhielt mein

Nachtlager im Zimmer des Capitäns. Beim Abschied wurde ich mit den

Jahrgängen der astronomischen Ephemeriden beschenkt, die ich in

Frankreich und Spanien nicht hatte bekommen können. Capitän Garnier habe

ich die Trabantenbeobachtungen zu verdanken, die ich jenseits des

Aequators angestellt, und es wird mir zur Pflicht, hier dem aufrichtigen

Danke für seine Gefälligkeit Ausdruck zu geben. Wenn man aus den Wäldern

am Cassiquiare kommt und Monate lang in den engen Lebenskreis der

Missionäre wie gebannt war, so fühlt man sich ganz glücklich, wenn man

zum erstenmal wieder Männer trifft, die das Leben zur See durchgemacht

und auf einem so wechselvollen Schauplatz den Kreis ihrer Ideen

erweitert haben. Ich schied vom englischen Schiff mit Empfindungen, die

in mir unverwischt geblieben find und meine Anhänglichkeit an die

Laufbahn, der ich meine Kräfte gewidmet, noch steigerten.

Am folgenden Tag setzten wir unsere Ueberfahrt fort und wunderten uns

sehr über die Tiefe der Canäle zwischen den Caracasinseln, die so

bedeutend ist, daß die Corvette beim Wenden fast an den Felsen streifte.

Welch ein Contrast im ganzen Ansehen zwischen diesen Kalkeilanden, die

nach Richtung und Gestaltung an die große Katastrophe erinnern, die sie

vom Festlande losgerissen, und jenem vulkanischen Archipel nordwärts von

Lancerota,[^184] wo Basaltkuppen durch Hebung aus dem Meer

emporgestiegen scheinen! Die vielen Alcatras, die größer sind als unsere

Schwanen, und Flamingos, die in den Buchten fischten oder den Pelikans

ihre Beute abzujagen suchten, sagten uns, daß wir nicht mehr weit von

Cumana waren. Es ist sehr interessant, bei Sonnenaufgang die Seevögel

auf einmal erscheinen und die Landschaft beleben zu sehen. Solches

erinnert an den einsamsten Orten an das rege Leben in unsern Städten

beim ersten Morgengrauen. Gegen neun Uhr Morgens befanden wir uns vor

dem Meerbusen von Cariaco, welcher der Stadt Cumana als Rhede dient. Der

Hügel, aus dem das Schloß San Antonio liegt, hob sich weiß von der

dunkeln Bergwand im Innern ab. Mit lebhafter Empfindung sahen wir das

Ufer wieder, wo wir die ersten Pflanzen in Amerika gepflückt und wo ein

paar Monate darauf Bonpland in so großer Gefahr geschwebt hatte.

Zwischen den Cactus, die zwanzig Fuß hoch in Säulen- oder Candelaberform

dastehen, kamen die Hütten der Guayqueries zum Vorschein. Die ganze

Landschaft war uns so wohl bekannt, der Cactuswald, und die zerstreuten

Hütten, und der gewaltige Ceibabaum, unter dem wir bei Einspruch der

Nacht so gerne gebadet. Unsere Freunde kamen uns aus Cumana entgegen;

Menschen aller Stände, die auf unsern vielen botanischen Excursionen mit

uns in Berührung gekommen waren, äußerten ihre Freude um so lebhafter,

da sich seit mehreren Monaten das Gerücht verbreitet hatte, wir haben an

den Ufern des Orinoco den Tod gefunden. Anlaß dazu mochte Bonplands

schwere Krankheit gegeben haben, oder auch der Umstand, daß unser Canoe

durch einen Windstoß oberhalb der Mission Uruanas beinahe umgesehlagen

wäre.

Wir eilten, uns dem Statthalter Don Vicente Emparan vorzustellen, dessen

Empfehlungen und beständige Vorsorge uns auf der langen, nunmehr

vollendeten Reise so ungemein förderlich gewesen waren. Er verschaffte

uns mitten in der Stadt ein Haus,[^185] das für ein Land, das starken

Erdbeben ausgesetzt ist, vielleicht zu hoch, aber für unsere Instrumente

ungemein bequem war. Es hatte Terrassen (azoteas), auf denen man einer

herrlichen Aussicht auf die See, auf die Landenge Araya und auf den

Archipel der Caracas-, Picuita- und Borracha-Inseln genoß. Der Hafen von

Cumana wurde täglich strenger blokirt und durch das Ausbleiben der

spanischen Postschiffe wurden wir noch drittehalb Monate festgehalten.

Oft fühlten wir uns versucht, auf die dänischen Inseln überzusetzen, die

einer glücklichen Neutralität genossen; wir besorgten aber, hätten wir

einmal die spanischen Colonien verlassen, möchte es schwer halten, dahin

zurückzukommen. Bei den umfassenden Befugnissen, wie sie uns in einer

guten Stunde zu Theil geworden, durfte man sich auf nichts einlassen,

was den Lokalbehörden mißfallen konnte. Wir wendeten unsere Zeit dazu

an, die Flora von Cumana zu vervollständigen, den östlichen Theil der

Halbinsel Araya geognostisch zu untersuchen und eine ansehnliche Reihe

von Trabantenimmersionen zu beobachten, wodurch die auf anderem Wege

gefundene Länge des Orts bestätigt wurde. Wir stellten auch Versuche an

über ungewöhnliche Strahlenbrechung, über Verdunstung und

Luftelektricität.

Die lebenden Thiere, die wir vom Orinoco mitgebracht, waren für die

Einwohner von Cumana ein Gegenstand lebhafter Neugier. Der Kapuziner von

Esmeralda (Simia chiropotes), der im Gesichtsausdruck so große

Menschenähnlichkeit hat, Und der Schlafaffe (Simia trivirgata), der

Typus einer neuen Gruppe, waren an dieser Küste noch nie gesehen worden.

Wir dachten dieselben der Menagerie im Pariser Pflanzengarten zu; denn

die Ankunft einer französischen Escadre, die ihren Angriff auf Curaçao

hatte mißlingen sehen, bot uns unerwartet eine treffliche Gelegenheit

nach Guadeloupe. General Jeannet und der Commissär Bresseau, Agent der

vollziehenden Gewalt auf den Antillen, versprachen uns, die Sendung zu

besorgen. Aber Affen und Vögel gingen auf Guadeloupe zu Grunde, und nur

durch einen glücklichen Zufall gelangte der Balg des Simia chiropotes,

der sonst in Europa gar nicht existirt, vor einigen Jahren in den

Pflanzengarten, nachdem schon früher der Couxio (Simia satanas) and der

Stentor oder Alouato aus den Steppen von Caracas (Simia ursina), die ich

in meinem Recueil de zoologie et d’anatomie comparées abgebildet,

daselbst angekommen waren. Die Anwesenheit so vieler französischer

Soldaten und die Aeußerung politischer und religiöser Ansichten, die

eben nicht ganz mit denen übereinstimmten, durch welche die Mutterländer

ihre Macht zu befestigen meinen, brachten die Bevölkerung von Cumana in

gewaltige Aufregung. Der Statthalter beobachtete den französischen

Behörden gegenüber die angenehmen Formen, wie der Anstand und das innige

Verhältniß, das damals zwischen Frankreich und Spanien bestand, sie

vorschrieben. Auf den Straßen sah man die Farbigen sich um den Agenten

des Direktoriums drängen, der reich und theatralisch gekleidet war; da

aber Leute mit ganz weißer Haut, wo sie sich nur verständlich machen

konnten, mit unbescheidener Neugier sich auch darnach erkundigten, wie

viel Einfluß auf die Regierung von Guadeloupe die französische Republik

den Colonisten einräume, so entwickelten die königlichen Beamten

doppelten Eifer in der Verproviantirung der kleinen Escadre. Fremde, die

sich rühmten frei zu seyn, schienen ihnen überlästige Gäste, und in

einem Lande, dessen fortwährend steigender Wohlstand auf dem

Schleichverkehr mit den Inseln beruhte und auf einer Art

Handelsfreiheit, die man dem Ministerium abgerungen, erlebte ich es, daß

die Hispano-Europäer sich nicht entblödeten, die alte Weisheit des

Gesetzbuchs (leyes de Indias), dem zufolge die Hafen keinen fremden

Fahrzeugen geöffnet werden sollen außer in äußersten Nothfällen, bis zu

den Wolken zu erheben. Ich hebe diese Gegensätze zwischen den unruhigen

Wünschen der Colonisten und der argwöhnischen Starrheit der herrschenden

Kaste hervor, weil sie einiges Licht auf die großen politischen

Ereignisse werfen, welche, von lange her vorbereitet, Spanien von seinen

Colonien oder — vielleicht richtiger gesagt — von seinen überseeischen

Provinzen losgerissen haben.

Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents. Band 4. · 第 25 / 29 段