angegriffen von der Hitze in den Llanos, an die wir längst gewöhnt
waren, als von den Sandwinden, die auf die Länge schmerzhafte Schrunden
in der Haut verursachen. Vor sieben Monaten hatten wir auf dem Wege von
Cumana nach Caracas ein paar Stunden am Morro von Barcelona angelegt,
einem befestigten Felsen, der dem Dorfe Pozuelos zu nur durch eine
Landzunge mit dem Festlande zusammenhängt. Im Hause eines reichen
Handelsmanns von französischer Abkunft, Don Pedro Lavie, fanden wir die
freundlichste Aufnahme und Alles, was zuvorkommende Gastfreundschaft
bieten kann. Lavie war beschuldigt worden, den unglücklichen España, als
er im Jahr 17096 sich als Flüchtling auf dieser Küste befand,
aufgenommen zu haben, und wurde auf Befehl der Audiencia aufgehoben und
nach Caracas ins Gefängniß geführt. Die Freundschaft des Statthalters
von Cumana und die Erinnerung an die Dienste, die er dem aufkeimenden
Gewerbfleiß des Landes geleistet, verhalfen ihm wieder zur Freiheit. Wir
hatten ihn im Gefängniß besucht und uns bemüht ihn zu zerstreuen; jetzt
hatten wir die Freude, ihn wieder im Schooße seiner Familie zu finden.
Seine physischen Leiden hatten sich durch die Haft verschlimmert, und er
erlag, bevor der Tag der Unabhängigkeit Amerikas angebrochen war, den
sein Freund Don Josef España bei seiner Hinrichtung verkündigt hatte.
»Ich sterbe,« sprach dieser Mann, ein Mann, wie geschaffen zur
Durchführung großer Unternehmungen, »ich sterbe eines schimpflichen
Todes; aber in Kurzem werden meine Mitbürger mit Ehrfurcht meine Asche
sammeln und mein Name wird mit Ehren genannt werden.« Diese merkwürdigen
Worte wurden am 8. Mai 1799 auf dem großen Platze zu Caracas gesprochen;
sie wurden mir noch im selben Jahr von Leuten mitgetheilt, von denen
manche Españas Absichten so sehr verabscheuten, als andere sein Loos
betrauerten.
Schon oben[^179] war von der Bedeutung des Handels von Nueva Barcelona
die Rede. Die kleine Stadt, die im Jahr 1790 kaum 10,000 Einwohner, im
Jahr 1800 über 16,000 hatte, wurde 1637 von einem catalonischen
Conquistador, Juan Urpin, gegründet. Man versuchte damals, aber
vergeblich, der ganzen Provinz den Namen Neu-Catalonien zu geben. Da auf
unsern Karten häufig zwei Städte statt Einer, Barcelona und Cumanagoto,
angegeben sind, oder man diese zwei Namen für gleichbedeutend hält, so
erscheint es nicht nutzlos, die Quelle dieses Irrthums hier anzugeben.
An der Mündung des Rio Neveri stand früher eine indianische, von Lucas
Faxardo im Jahr 1588 gebaute Stadt, unter dem Namen San Cristoval de los
Cumanagotos. Dieselbe war nur von Eingeborenen bewohnt, die von den
Salzwerken bei Apaicuare hieher gezogen waren. Im Jahr 1637 gründete
Urpin zwei Meilen herwärts vom innern Lande mit einigen Einwohnern von
Cumanagoto und vielen Cataloniern die spanische Stadt Nueva Barcelona.
Vierunddreißig Jahre lang lagen die Nachbargemeinden in beständigem
Streit, bis im Jahr 1671 der Statthalter Angulo es dahin brachte, daß
sie sich an einer dritten Baustelle vereinigten, wo nunmehr die Stadt
Barcelona steht, die nach meinen Beobachtungen unter dem 10°6′52″ der
Breite liegt. Die alte Stadt Cumanagoto ist im Lande vielberufen wegen
eines wunderthätigen Bildes der h. Jungfrau,[^180] das, wie die Indianer
erzählen, im hohlen Stamm eines Tutumo, oder alten Flaschenkürbisbaums
(Crescentia Cujete) gefunden worden ist. Dasselbe wurde in Procession
nach Neu-Barcelona gebracht; aber so oft die Geistlichkeit mit den
Bewohnern der neuen Stadt unzufrieden war, entfloh es bei Nacht und
kehrte in den Baumstamm an der Mündung des Flusses zurück. Dieses Wunder
hörte nicht eher auf, als bis man den Mönchen von der Regel des heiligen
Franciscus ein großes Kloster (das Collegium der Propaganda) gebaut
hatte. Wir haben oben gesehen, daß der Bischof von Caracas in einem
ähnlichen Fall das Bild Unserer lieben Frau de los Valencianos in die
bischöflichen Archive bringen ließ, und daß es dort dreißig Jahre unter
Siegel blieb.
Das Klima von Barcelona ist nicht so heiß als das von Cumana, aber
feucht und in der Regenzeit etwas ungesund. Bonpland hatte die
beschwerliche Reise über die Llanos ganz gut ausgehalten; er war wieder
ganz bei Kräften und seine große Thätigkeit die alte; ich dagegen war in
Barcelona unwohler als in Angostura, unmittelbar nachdem die Reise auf
den Flüssen hinter uns lag. Einer der tropischen Regen, bei denen bei
Sonnenuntergang weit auseinander außerordentlich große Tropfen fallen,
hatte mir ein Unwohlseyn zugezogen, das einen Anfall des Typhus, der
eben auf der Küste herrschte, befürchten ließ. Wir verweilten fast einen
Monat in Barcelona, im Genuß aller Bequemlichkeiten, welche die
aufmerksamste Freundschaft bieten kann. Wir trafen hier auch wieder den
trefflichen Ordensmann, Fray Juan Gouzales, dessen ich schon oft erwähnt
habe, und der vor uns am obern Orinoco gewesen war. Er bedauerte, und
mit Recht, daß wir auf den Besuch dieses unbekannten Landes nur so
wenige Zeit hatten verwenden können; er musterte unsere Pflanzen und
Thiere mit dem Interesse, das auch der Ungebildetste für die Produkte
eines Landes hat, wo er lange gelebt. Fray Juan hatte beschlossen, nach
Europa zurückzukehren und uns dabei bis auf die Insel Cuba zu begleiten.
Wir blieben fortan sieben Monate beisammen; der Mann war munter,
geistreich und dienstfertig. Wer mochte ahnen, welches Unglück seiner
wartete! Er nahm einen Theil unserer Sammlungen mit; ein
gemeinschastlicher Freund vertraute ihm ein Kind an, das man in Spanien
erziehen lassen wollte; die Sammlungen, das Kind, der junge Geistliche,
Alles wurde von den Wellen verschlungen.
Zwei Meilen südostwärts von Nueva Barcelona erhebt sich eine hohe
Bergkette, die sich an den Cerro del Bergantin lehnt, den man von Cumana
aus sieht.[^181] Der Ort ist unter dem Namen Aguas calientes bekannt.
Als ich mich gehörig hergestellt fühlte, unternahmen wir an einem
frischen, nebligten, Morgen einen Ausflug dahin. Das mit
Schwefelwasserstoff geschwängerte Wasser kommt aus einem quarzigen
Sandstein, der demselben dichten Kalkstein ausgelagert ist, den wir beim
Morro untersucht hatten. Die Temperatur desselben ist nur 43°2 (bei
einer Lufttemperatur von 27°); es fließt zuerst vierzig Toisen weit über
den Felsboden, stürzt sich dann in eine natürliche Höhle, dringt durch
den Kalkstein und kommt am Fuß des Berges, am linken Ufer des kleinen
Flusses Narigual wieder zu Tage. Durch die Berührung mit dem Sauerstoff
der Luft schlagen die Quellen viel Schwefel nieder. Die Luftblasen,
welche sich stoßweise aus den Thermen entwickeln, habe ich hier nicht
gesammelt, wie in Mariara. Sie enthalten ohne Zweifel viel Stickstoff,
weil der Schwefelwasserstoff das in der Quelle aufgelöste Gemenge von
Sauerstoff und Stickstoff zersetzt. Die Schwefelwasser von San Juan, die
wie die am Bergantin aus dem Kalkstein kommen, haben auch nur eine
geringe Temperatur (31°3), während im selben Landstrich die
Schwefelwasser von Mariara und las Tricheras (bei Portocabello), die
unmittelbar aus dem granitischen Gneiß kommen, 58°9 und 90°4 heiß
sind.[^182] Es ist als ob die Wärme, welche die Quellen im Erdinnern
angenommen, abnähme, je weiter sie aus dem Urgebirge in die
aufgelagerten secundären Formationen gelangen. Unser Ausflug zu den
Aguas calientes am Bergantin endete mit einem leidigen Unfall. Unser
Gastfreund hatte uns seine schönsten Reitpferde gegeben. Man hatte uns
zugleich gewarnt, nicht durch den kleinen Fluß Narigual zu reiten. Wir
gingen daher über eine Art Brücke oder vielmehr an einander gelegte
Baumstämme, und ließen unsere Pferde am Zügel hinüberschwimmen. Da
verschwand das meinige auf einmal; es schlug noch eine Weile unter dem
Wasser um sich, aber trotz alles Suchens konnten wir nicht ausfindig
machen, was den Unfall veranlaßt haben mochte. Unsere Führer
vermutheten, das Thier werde von den Caymans, die hier sehr häufig sind,
an den Beinen gepackt worden seyn. Meine Verlegenheit war sehr groß;
denn bei dem Zartgefühl und dem großen Wohlstand unseres Gastfreundes
konnte ich kaum daran denken, ihm einen solchen Verlust ersetzen zu
wollen. Lavie ging unsere Betroffenheit näher als der Verlust seines
Pferdes, und er suchte uns zu beruhigen, indem er, wohl mit
Uebertreibung, versicherte, wie leicht man sich in den benachbarten
Savanen schöne Pferde verschaffen könne.
Die Krokodile sind im Rio Neveri groß und zahlreich, besonders der
Mündung zu; im Ganzen aber sind sie nicht so bösartig als die im
Orinoco. In der Gemüthsart dieser Thiere beobachtet man in Amerika
dieselben Contraste wie in Egypten und Nubien, wie man deutlich sieht,
wenn man die Berichte des unglücklichen Burckhard und die Belzonis
aufmerksam vergleicht. Nach dem Culturzustand der verschiedenen Länder,
nach der mehr oder weniger dichten Bevölkerung in der Ruhe der Flüsse
ändern sich auch die Sitten dieser großen Saurier, die auf trockenem
Lande schüchtern sind und vor dem Menschen sogar im Wasser fliehen, wenn
sie reichliche Nahrung haben und der Angriff mit einiger Gefahr
verbunden ist. In Nueva Barcelona sieht man die Indianer das Holz auf
sonderbare Weise zu Markt bringen. Große Scheite von Zygophyllum und
Cäsalpinia werden in den Fluß geworfen; sie treiben mit der Strömung
fort und der Eigenthümer mit seinen ältesten Söhnen schwimmt bald hier
bald dorthin, um die Stücke, die in den Krümmungen des Flusses stecken
bleiben, wieder flott zu machen. In den meisten amerikanischen Flüssen,
in denen Krokodile vorkommen, verböte sich ein solches Verfahren von
selbst. Die Stadt Barcelona hat nicht, wie Cumana, eine indianische
Vorstadt, und sieht man hie und da einen Indianer, so sind sie aus den
benachbarten Missionen, oder aus den über die Ebene zerstreuten Hütten.
Beide sind nicht von caraibischem Stamm, sondern ein Mischvolk von
Cumanagotos, Palenques und Piritus, von kleinem Wuchs, untersetzt,
arbeitsscheu und dem Trunk ergeben. Der gegohrene Manioc ist hier das
beliebteste Getränk; der Palmwein, den man am Orinoco hat, ist an den
Küsten so gut wie unbekannt. Es ist merkwürdig, wie in den verschiedenen
Erdstrichen der Mensch, um den Hang zur Trunkenheit zu befriedigen,
nicht nur alle Familien monocotyledonischer und dicotyledonischer
Gewächse herbeizieht, sondern sogar den giftigen Fliegenschwamm (Amanita
muscaria), von dem die Koriäken denselben Saft zu wiederholten malen
fünf Tage hinter einander trinken, worauf sie aus ekelhafter Sparsamkeit
gekommen sind.[^183] Die Paketboote (correos), die von Corunna nach der
Havana und nach Mexico laufen, waren seit drei Monaten ausgeblieben. Man
vermuthete, sie seyen von den englischen Kreuzern aufgebracht worden. Da
wir Eile hatten, nach Cumana zu kommen, um mit der ersten Gelegenheit
nach Vera Cruz gehen zu können, so mietheten wir (am 26. August 1800)
ein Canoe ohne Verdeck (Lancha). Solcher Fahrzeuge bedient man sich
gewöhnlich in diesen Strichen, wo ostwärts vom Cap Codera die See fast
nie unruhig ist. Die Lancha war mit Cacao beladen und trieb
Schleichhandel mit der Insel Trinidad. Gerade deßhalb glaubte der Eigner
von den feindlichen Fahrzeugen, welche damals alle spanischen Hafen
blokirten, nichts zu fürchten zu haben. Wir schifften unsere
Pflanzensammlungen, unsere Instrumente und unsere Affen ein und hofften
bei herrlichem Wetter eine ganz kurze Ueberfahrt von der Mündung des Rio
Neveri nach Cumana zu haben; aber kaum waren wir im engen Canal zwischen
dem Festland und den Felseneilanden Borracha und Chimanas, so stießen
wir zu unserer großen Ueberraschung auf ein bewaffnetes Fahrzeug, das
uns anrief und zugleich auf große Entfernung einige Flintenschüsse auf
uns abfeuerte. Es waren Matrosen, die zu einem Caper aus Halifax
gehörten, und unter ihnen erkannte ich an der Gesichtsbildung und der
Mundart einen Preußen, aus Memel gebürtig. Seit ich in Amerika war,
hatte ich nicht mehr Gelegenheit gehabt, meine Muttersprache zu
sprechen, und ich hätte mir wohl einen erfreulicheren Anlaß dazu
gewünscht. Unser Protestiren half nichts und man brachte uns an Bord des
Capers, der that, als ob er von den Pässen, die der Gouverneur von
Trinidad für den Schmuggel ausstellte, nichts wüßte, und uns für gute
Prise erklärte. Da ich mich im Englischen ziemlich fertig ausdrücke, so
ließ ich mich mit dem Capitän in Unterhandlungen ein, um nicht nach
Neuschottland gebracht zu werden; ich bat ihn, mich an der nahen Küste
ans Land zu setzen. Während ich in der Cajüte meine und des Eigners des
Canoes Rechte zu verfechten suchte, hörte ich Lärm auf dem Verdeck.
Einer kam und sagte dem Capitän etwas ins Ohr. Dieser schien bestürzt
und ging hinaus. Zu unserem Glück kreuzte auch eine englische Corvette
(die Sloop Hawk) in diesen Gewässern. Sie hatte durch Signale den
Capitän des Capers zu sich gerufen, und da dieser sich nicht beeilte
Folge zu leisten, feuerte sie eine Kanone ab und schickte einen
Midshipman zu uns an Bord. Dieser war ein sehr artiger junger Mann und
machte mir Hoffnung, daß man das Canoe mit Cacao herausgeben und uns des
andern Tags werde weiter fahren lassen. Er schlug mir zugleich vor, mit
ihm zu gehen, mit der Versicherung, sein Commandant, Capitän Garnier von
der königlichen Marine, werde mir ein angenehmeres Nachtlager anbieten,
als ich auf einem Fahrzeug aus Halifax fände.
Ich nahm das freundliche Anerbieten an und wurde von Capitän Garnier
aufs höflichste ausgenommen. Er hatte mit Vancouver die Reise an die
Nordwestküste gemacht, und Alles, was ich ihm von den großen Katarakten
bei Atures und Maypures, von der Gabeltheilung des Orinoco und von
seiner Verbindung mit dem Amazonenstrom erzählte, schien ihn höchlich zu
interessiren. Er nannte mir unter seinen Officieren mehrere, die mit
Lord Macartney in China gewesen waren. Seit einem Jahre war ich nicht
mehr mit so vielen unterrichteten Männern beisammen gewesen. Man war aus
den englischen Zeitungen über den Zweck meiner Reise im Allgemeinen
unterrichtet; man bewies mir großes Zutrauen und ich erhielt mein
Nachtlager im Zimmer des Capitäns. Beim Abschied wurde ich mit den
Jahrgängen der astronomischen Ephemeriden beschenkt, die ich in
Frankreich und Spanien nicht hatte bekommen können. Capitän Garnier habe
ich die Trabantenbeobachtungen zu verdanken, die ich jenseits des
Aequators angestellt, und es wird mir zur Pflicht, hier dem aufrichtigen
Danke für seine Gefälligkeit Ausdruck zu geben. Wenn man aus den Wäldern
am Cassiquiare kommt und Monate lang in den engen Lebenskreis der
Missionäre wie gebannt war, so fühlt man sich ganz glücklich, wenn man
zum erstenmal wieder Männer trifft, die das Leben zur See durchgemacht
und auf einem so wechselvollen Schauplatz den Kreis ihrer Ideen
erweitert haben. Ich schied vom englischen Schiff mit Empfindungen, die
in mir unverwischt geblieben find und meine Anhänglichkeit an die
Laufbahn, der ich meine Kräfte gewidmet, noch steigerten.
Am folgenden Tag setzten wir unsere Ueberfahrt fort und wunderten uns
sehr über die Tiefe der Canäle zwischen den Caracasinseln, die so
bedeutend ist, daß die Corvette beim Wenden fast an den Felsen streifte.
Welch ein Contrast im ganzen Ansehen zwischen diesen Kalkeilanden, die
nach Richtung und Gestaltung an die große Katastrophe erinnern, die sie
vom Festlande losgerissen, und jenem vulkanischen Archipel nordwärts von
Lancerota,[^184] wo Basaltkuppen durch Hebung aus dem Meer
emporgestiegen scheinen! Die vielen Alcatras, die größer sind als unsere
Schwanen, und Flamingos, die in den Buchten fischten oder den Pelikans
ihre Beute abzujagen suchten, sagten uns, daß wir nicht mehr weit von
Cumana waren. Es ist sehr interessant, bei Sonnenaufgang die Seevögel
auf einmal erscheinen und die Landschaft beleben zu sehen. Solches
erinnert an den einsamsten Orten an das rege Leben in unsern Städten
beim ersten Morgengrauen. Gegen neun Uhr Morgens befanden wir uns vor
dem Meerbusen von Cariaco, welcher der Stadt Cumana als Rhede dient. Der
Hügel, aus dem das Schloß San Antonio liegt, hob sich weiß von der
dunkeln Bergwand im Innern ab. Mit lebhafter Empfindung sahen wir das
Ufer wieder, wo wir die ersten Pflanzen in Amerika gepflückt und wo ein
paar Monate darauf Bonpland in so großer Gefahr geschwebt hatte.
Zwischen den Cactus, die zwanzig Fuß hoch in Säulen- oder Candelaberform
dastehen, kamen die Hütten der Guayqueries zum Vorschein. Die ganze
Landschaft war uns so wohl bekannt, der Cactuswald, und die zerstreuten
Hütten, und der gewaltige Ceibabaum, unter dem wir bei Einspruch der
Nacht so gerne gebadet. Unsere Freunde kamen uns aus Cumana entgegen;
Menschen aller Stände, die auf unsern vielen botanischen Excursionen mit
uns in Berührung gekommen waren, äußerten ihre Freude um so lebhafter,
da sich seit mehreren Monaten das Gerücht verbreitet hatte, wir haben an
den Ufern des Orinoco den Tod gefunden. Anlaß dazu mochte Bonplands
schwere Krankheit gegeben haben, oder auch der Umstand, daß unser Canoe
durch einen Windstoß oberhalb der Mission Uruanas beinahe umgesehlagen
wäre.
Wir eilten, uns dem Statthalter Don Vicente Emparan vorzustellen, dessen
Empfehlungen und beständige Vorsorge uns auf der langen, nunmehr
vollendeten Reise so ungemein förderlich gewesen waren. Er verschaffte
uns mitten in der Stadt ein Haus,[^185] das für ein Land, das starken
Erdbeben ausgesetzt ist, vielleicht zu hoch, aber für unsere Instrumente
ungemein bequem war. Es hatte Terrassen (azoteas), auf denen man einer
herrlichen Aussicht auf die See, auf die Landenge Araya und auf den
Archipel der Caracas-, Picuita- und Borracha-Inseln genoß. Der Hafen von
Cumana wurde täglich strenger blokirt und durch das Ausbleiben der
spanischen Postschiffe wurden wir noch drittehalb Monate festgehalten.
Oft fühlten wir uns versucht, auf die dänischen Inseln überzusetzen, die
einer glücklichen Neutralität genossen; wir besorgten aber, hätten wir
einmal die spanischen Colonien verlassen, möchte es schwer halten, dahin
zurückzukommen. Bei den umfassenden Befugnissen, wie sie uns in einer
guten Stunde zu Theil geworden, durfte man sich auf nichts einlassen,
was den Lokalbehörden mißfallen konnte. Wir wendeten unsere Zeit dazu
an, die Flora von Cumana zu vervollständigen, den östlichen Theil der
Halbinsel Araya geognostisch zu untersuchen und eine ansehnliche Reihe
von Trabantenimmersionen zu beobachten, wodurch die auf anderem Wege
gefundene Länge des Orts bestätigt wurde. Wir stellten auch Versuche an
über ungewöhnliche Strahlenbrechung, über Verdunstung und
Luftelektricität.
Die lebenden Thiere, die wir vom Orinoco mitgebracht, waren für die
Einwohner von Cumana ein Gegenstand lebhafter Neugier. Der Kapuziner von
Esmeralda (Simia chiropotes), der im Gesichtsausdruck so große
Menschenähnlichkeit hat, Und der Schlafaffe (Simia trivirgata), der
Typus einer neuen Gruppe, waren an dieser Küste noch nie gesehen worden.
Wir dachten dieselben der Menagerie im Pariser Pflanzengarten zu; denn
die Ankunft einer französischen Escadre, die ihren Angriff auf Curaçao
hatte mißlingen sehen, bot uns unerwartet eine treffliche Gelegenheit
nach Guadeloupe. General Jeannet und der Commissär Bresseau, Agent der
vollziehenden Gewalt auf den Antillen, versprachen uns, die Sendung zu
besorgen. Aber Affen und Vögel gingen auf Guadeloupe zu Grunde, und nur
durch einen glücklichen Zufall gelangte der Balg des Simia chiropotes,
der sonst in Europa gar nicht existirt, vor einigen Jahren in den
Pflanzengarten, nachdem schon früher der Couxio (Simia satanas) and der
Stentor oder Alouato aus den Steppen von Caracas (Simia ursina), die ich
in meinem Recueil de zoologie et d’anatomie comparées abgebildet,
daselbst angekommen waren. Die Anwesenheit so vieler französischer
Soldaten und die Aeußerung politischer und religiöser Ansichten, die
eben nicht ganz mit denen übereinstimmten, durch welche die Mutterländer
ihre Macht zu befestigen meinen, brachten die Bevölkerung von Cumana in
gewaltige Aufregung. Der Statthalter beobachtete den französischen
Behörden gegenüber die angenehmen Formen, wie der Anstand und das innige
Verhältniß, das damals zwischen Frankreich und Spanien bestand, sie
vorschrieben. Auf den Straßen sah man die Farbigen sich um den Agenten
des Direktoriums drängen, der reich und theatralisch gekleidet war; da
aber Leute mit ganz weißer Haut, wo sie sich nur verständlich machen
konnten, mit unbescheidener Neugier sich auch darnach erkundigten, wie
viel Einfluß auf die Regierung von Guadeloupe die französische Republik
den Colonisten einräume, so entwickelten die königlichen Beamten
doppelten Eifer in der Verproviantirung der kleinen Escadre. Fremde, die
sich rühmten frei zu seyn, schienen ihnen überlästige Gäste, und in
einem Lande, dessen fortwährend steigender Wohlstand auf dem
Schleichverkehr mit den Inseln beruhte und auf einer Art
Handelsfreiheit, die man dem Ministerium abgerungen, erlebte ich es, daß
die Hispano-Europäer sich nicht entblödeten, die alte Weisheit des
Gesetzbuchs (leyes de Indias), dem zufolge die Hafen keinen fremden
Fahrzeugen geöffnet werden sollen außer in äußersten Nothfällen, bis zu
den Wolken zu erheben. Ich hebe diese Gegensätze zwischen den unruhigen
Wünschen der Colonisten und der argwöhnischen Starrheit der herrschenden
Kaste hervor, weil sie einiges Licht auf die großen politischen
Ereignisse werfen, welche, von lange her vorbereitet, Spanien von seinen
Colonien oder — vielleicht richtiger gesagt — von seinen überseeischen
Provinzen losgerissen haben.