Wenn schon in den ruhigen Zeiten, in denen Bonpland und ich das Glück

hatten, die beiden Amerika zu bereisen, die Llanos den Uebelthätern,

welche in den Missionen am Orinoco ein Verbrechen begangen, oder aus den

Gefängnissen des Küstenlandes entsprungen waren, als Versteck dienten,

wie viel schlimmer mußte dieß noch in Folge der bürgerlichen Unruhen

werden, im blutigen Kampfe, der mit der Freiheit und Unabhängigkeit

dieser gewaltigen Länder seine Endschaft erreichte! Die französischen

»Landes« und unsere Heiden geben nur ein entferntes Bild jener

Grasfluren auf dem neuen Continent, wo Flächen von acht und zehntausend

Quadratmeilen so eben sind, wie der Meeresspiegel. Die Unermeßlichkeit

des Raumes sichert dem Landstreicher die Straflosigkeit; in den Savanen

versteckt man sich leichter als in unsern Gebirgen und Wäldern, und die

Kunstgriffe der europäischen Polizei sind schwer anwendbar, wo es wohl

Reisende gibt, aber keine Wege, Herden, aber keine Hirten, und wo die

Höfe so dünn gesäet sind, daß man, trotz des bedeutenden Einflusses der

Luftspiegelung, ganze Tagereisen machen kann, ohne daß man einen am

Horizont auftauchen sieht.

Zieht man über die Llanos von Caracas, Barcelona und Cumana, die von

West nach Ost von den Bergen bei Truxillo und Merida bis zur Mündung des

Orinoco hinter einander liegen, so fragt man sich, ob diese ungeheuren

Landstrecken von der Natur dazu bestimmt sind, ewig als Weideland zu

dienen, oder ob Pflug und Hacke sie eines Tages für den Ackerbau erobern

werden? Diese Frage ist um so wichtiger, da die an beiden Enden von

Südamerika gelegenen Llanos der politischen Verbindung der Provinzen,

die sie auseinander halten, Hindernisse in den Weg legen. Sie machen,

daß der Ackerban sich nicht von den Küsten von Venezuela Guyana zu, sich

nicht von Potosi gegen die Mündung des Rio de la Plata ausbreiten kann.

Die dazwischen geschobenen Steppen behalten mit dem Hirtenleben einen

Charakter von Rohheit und Wildheit, der sie isolirt und von der Cultur

der schon lange urbar gemachten Landstriche fern hält. Aus demselben

Grunde wurden sie im Freiheitskriege der Schauplatz des Kampfes zwischen

den feindlichen Parteien und sahen die Einwohner von Calabozo fast unter

ihren Mauern das Geschick der verbündeten Provinzen Venezuela und

Cundinamarca sich entscheiden. Ich will wünschen, daß man bei den

Grenzbestimmungen der neuen Staaten und ihrer Unterabtheilungen nicht

zuweilen zu bereuen habe, die Bedeutung der Llanos außer Augen gesetzt

zu haben, sofern sie dahin wirken, Gemeinheiten auseinander zu halten,

welche durch gemeinsame Interessen auf einander angewiesen sind. Die

Steppen würden, wie Meere oder die Urwälder unter den Tropen, als

natürliche Grenzen dienen, wenn sie nicht von Heeren um so leichter

durchzogen würden, da sie mit ihren unzähligen Pferde-, Maulthier- und

Viehherden Transport- und Unterhaltsmittel aller Art bieten.

Nirgends in der Welt ist die Bodenbildung und die Beschaffenheit der

Oberfläche so fest ausgeprägt; nirgends äußern sie aber auch so

bedeutenden Einfluß auf die Spaltung des Gesellschaftskörpers, der durch

die Ungleichheit nach Abstammung, Farbe und persönlicher Freiheit schon

genug zerrissen ist. Es steht nicht in der Macht des Menschen, die

klimatischen Unterschiede zu ändern, die aus der auf kleinem Flächenraum

rasch wechselnden Bodenhöhe hervorgehen, und welche die Quelle des

Widerwillens sind, der zwischen den Bewohnern der der terra caliente und

denen der terra fria besteht, eines Widerwillens, der auf Gegensätzen im

Charakter, in Sitten und Gebrauchen beruht. Diese moralischen und

politischen Einflüsse machen sich besonders in Ländern geltend, wo die

Extreme von Landhöhe und Tiefland am auffallendsten sind, wo Gebirge und

Niederungen am massenhaftesten auftreten und sich am weitesten

ausdehnen. Hieher gehören Neu-Grenada oder Cundinamarca, Chili und Peru,

wo die Incasprache reich ist an treffenden, naiven Ausdrücken für diese

klimatischen Gegensätze in Temperament, Neigungen und geistigen

Fähigkeiten. Im Staate Venezuela dagegen bilden die »Montaneros« in den

Hochgebirgen von Bocono, Timotes und Merida nur einen unbedeutenden

Bruchtheil der Gesammtbevölkerung, und die volkreichen Thäler der

Küstenkette von Caracas und Caripe liegen nur drei- bis vierhundert

Toisen über dem Meer. So kam es, daß, als die Staaten Venezuela und

Neu-Grenada unter dem Namen Columbia verschmolzen wurden, die bedeutende

Gebirgsbevölkerung von Santa Fe, Popayan, Pasto und Quito, wo nicht

ganz, doch über die Hälfte durch den Zuwachs von acht- bis

neunmalhunderttausend Bewohnern der terra caliente aufgewogen wurde. Der

Oberflächenzustand des Bodens ist nicht so unveränderlich als seine

Reliefbildung, und so erscheint es als möglich, daß die scharfen

Gegensätze zwischen den undurchdringlichen Wäldern Guyanas und den

baumlosen, grasbewachsenen Llanos eines Tags verschwinden könnten; aber

wie viele Jahrhunderte brauchte es wohl, bis ein solcher Wechsel in den

unermeßlichen Steppen von Venezuela, am Meta, am Caqueta und in Buenos

Ayres merkbar würde? Die Beweise, die der Mensch von seiner Macht im

Kampfe gegen die Naturkräfte in Gallien, in Germanien und in neuerer

Zeit in den Vereinigten Staaten, immer aber außerhalb der Tropen,

gegeben hat, kann nicht wohl als Maßstab für die voraussichtlichen

Fortschritte der Cultur im heißen Erdstrich dienen. Es war oben davon

die Rede, wie langsam man mit Feuer und Axt Wälder ausrodet, wenn die

Baumstämme 8 bis 16 Fuß dick sind, wenn sie im Fallen sich an einander

lehnen, und wenn das Holz, vom unaufhörlichen Regen befeuchtet, so

ungemein hart ist. Die Frage, ob die Llanos oder Pampas urbar zu machen

sind, wird von den Colonisten, die darin leben, keineswegs einstimmig

bejaht, und ganz im Allgemeinen läßt sich auch gar nicht darüber

entscheiden. Die Savanen von Venezuela entbehren größtentheils des

Vortheils, den die Savanen in Nordamerika dadurch haben, daß sie der

Länge nach von drei großen Flüssen, dem Missouri, dem Arkansas und dem

Red River von Natchitoches durchzogen werden; durch die Savanen am

Araure, bei Calabozo und am Pao laufen die Nebenflüsse des Orinoco, von

denen die östlichsten (Cari, Pao, Acaru und Manapire) in der trockenen

Jahreszeit sehr wasserarm find, nur der Quere nach. Alle diese Flüsse

reichen nicht weit gegen Nord, so daß in der Mitte Steppen, weite,

entsetzlich dürre Landstriche (bancos und mesas) bleiben. Am

culturfähigsten sind die westlichen, von der Portuguesa, vom Masparro

und Orivante und den nahe bei einander liegenden Nebenflüssen derselben

bewässerten Striche. Der Boden besteht aus mit Thon gemengtem Sand über

einer Schicht von Quarzgeschieben. Die Dammerde, die Hauptnahrungsquelle

der Gewächse, ist aller Orten sehr dünn; sie erhält so gut wie keinen

Zuwachs durch das dürre Laub, das in den Wäldern der heißen Zone abfällt

wie in den gemäßigten Klimaten, wenn auch nicht so streng periodisch.

Seit Jahrtausenden wächst aber auf den Llanos weder Baum noch Buschwerk;

die einzelnen, in der Savane zerstreuten Palmen liefern sehr wenig von

jener Kohlen- und Wasserstoffverbindung, von jenem Extractivstoff, auf

dem (nach den Versuchen von Saussure, Davy und Braconnot) die

Fruchtbarkeit des Bodens beruht. Die geselligen Gewächse, die in den

Steppen fast ausschließlich herrschen, sind Monocotyledonen, und es ist

bekannt, wie stark die Gräser den Boden aussaugen, in den sie ihre

Wurzeln mit dicht gedrängten Fasern treiben. Diese Wirkung der

Killingia-, Paspalum- und Cenchrusarten, aus denen der Rasen besteht,

äußert sich überall gleich; wo aber das Gestein beinahe zu Tag kommt, da

ist der Boden verschieden, je nachdem er auf rothem Sandstein oder auf

festem Kalkstein und auf Gyps liegt; so wie je nachdem die periodischen

Ueberschwemmungen an den tiefsten Stellen Erdreich angeschwemmt haben,

oder das Wasser von den kleinen Plateaus die wenige Dammerde vollends

weggespült hat. Bereits bestehen mitten im Weideland einzelne

Pflanzungen an Stellen, wo sich fließendes Wasser oder ein paar Büsche

der Mauritiapalme fanden. Diese Höfe, bei denen man Mais und Manioc

baut, werden sich bedeutend vermehren, wenn es gelingt, mehr Bäume und

Gebüsch fortzubringen.

Die Dürre der Mesas[^171] und die große Hitze, die darauf herrscht,

rühren nicht allein von der Beschaffenheit ihrer Oberfläche und der

örtlichen Reverberation des Bodens her; ihre klimatischen Verhältnisse

hängen ab von der Umgebung, von der ganzen Steppe, von der die Mesas ein

Theil sind. Bei den Wüsten in Afrika oder in Arabien, bei den Llanos in

Südamerika, bei den großen Heiden, die von der Spitze von Jütland bis

zur Mündung der Schelde fortstreichen, beruht die feste Begrenzung der

Wüsten, der Llanos, der Heiden großentheils auf ihrer unermeßlichen

Ausdehnung, auf der Kahlheit dieser Landstriche in Folge einer

Umwälzung, welche den früheren Pflanzenwuchs unseres Planeten vernichtet

hat. Durch ihre Ausdehnung, ihr ununterbrochenes Fortstreichen und ihre

Masse widerstehen sie dem Eindringen der Cultur, behalten sie, als wären

sie in das Land einschneidende Buchten, ihren festen Uferumriß. Ich

lasse mich nicht auf die große Frage ein, ob in der Sahara, diesem

Mittelmeer von Flugsand, der Keime des organischen Lebens heutzutage

mehr werden. Je ausgebreiteter unsere geographischen Kenntnisse wurden,

desto zahlreicher sahen wir im östlichen Theil der Wüste grüne Eilande,

mit Palmen bedeckte Oasen zu Archipelen sich zusammendrängen und den

Caravanen ihre Häfen öffnen; wir wissen aber nicht, ob seit Herodots

Tode der Umriß der Oasen nicht fortwährend derselbe geblieben ist.

Unsere Geschichtsbücher sind von zu kurzem Datum und zu unvollständig,

als daß wir der Natur in ihrem langsamen, stetigen Gange folgen könnten.

Von diesen völlig öden Räumen, von denen ein gewaltsames Ereigniß die

Pflanzendecke und die Dammerde weggerissen hat, von den syrischen und

afrikanischen Wüsten, die in ihrem versteinerten Holz noch die Urkunden

der erlittenen Veränderungen aufweisen, blicken wir zurück auf die mit

Gräsern bewachsenen Llanos. Hier ist die Erörterung der Erscheinungen

dem Kreise unserer täglichen Beobachtungen näher gerückt. In den

amerikanischen Steppen angesiedelte Landwirthe sind hinsichtlich der

Möglichkeit eines umfassenderen Anbaus derselben ganz zu den Ansichten

gekommen, wie ich sie aus dem klimatischen Einfluß der Steppen unter dem

Gesichtspunkt als ununterbrochene Flächen oder Massen hergeleitet habe.

Sie haben die Beobachtung gemacht, daß Heiden, die rings von angebautem

oder mit Holz bewachsenem Lande umgeben sind, nicht so lange dem Anbau

Widerstand leisten, als Striche vom selben Umfang, die aber einer weiten

Fläche von gleicher Beschaffenheit angehören. Die Beobachtung ist

richtig, ob nun das eingeschlossene Stück eine Grasflur ist, oder mit

Heiden bewachsen, wie im nördlichen Europa, oder mit Cistus, Lentisken

und Chamärops, wie in Spanien, oder mit Cactus, Argemone und Brathys wie

im tropischen Amerika. Einen je größeren Raum der Pflanzenverein

einnimmt, desto stärkeren Widerstand leisten die geselligen Gewächse dem

Anbau. Zu dieser allgemeinen Ursache kommt in den Llanos von Venezuela

der Umstand, daß die kleinen Grasarten während der Reife der Saamen den

Boden aussaugen, ferner der gänzliche Mangel an Bäumen und Buschwerk,

die Sandwinde, deren Gluthhitze gesteigert wird durch die Berührung mit

einem Boden, der zwölf Stunden lang die Sonnenstrahlen einsaugt, ohne

daß je ein anderer Schatten als der der Aristiden, Cenchrus und Paspalum

darauf fällt. Die Fortschritte, welche der große Baumwuchs und der Anbau

dicotyledonischer Gewächse in der Umgebung der Städte, zum Beispiel um

Calabozo und Pao, gemacht haben, beweisen, daß man der Steppe Boden

abgewinnen könnte, wenn man sie in kleinen Stücken angriffe, sie nach

und nach von der Masse abschlöße, sie durch Einschnitte und

Bewässerungscanäle zerstückte. Vielleicht gelänge es, den Einfluß der

den Boden ausdörrenden Winde zu verringern, wenn man im Großen, auf 15

bis 20 Morgen, Psidium, Croton, Cassia, Tamarinden ansäete, Pflanzen,

welche trockene, offene Stellen lieben. Ich bin weit entfernt zu

glauben, daß der Mensch je die Savanen ganz austilgen wird, und daß die

Llanos, die ja als Weiden und für den Viehhandel so nutzbar sind, jemals

angebaut seyn werden, wie die Thäler von Aragua oder andere den Küsten

von Caracas und Cumana nahe gelegene Landstriche; aber ich bin

überzeugt, daß ein beträchtliches Stück dieser Ebenen im Laufe der

Jahrhunderte, unter einer den Gewerbfleiß fördernden Regierung, das

wilde Aussehen verlieren wird, das sie seit der ersten »Eroberung« durch

die Europäer behauptet haben.

Dieser allmählige Wechsel, dieses Wachsen der Bevölkerung werden nicht

nur den Wohlstand dieser Länder steigern, sie werden auch auf die

sittlichen und politischen Zustände günstigen Einfluß äußern. Die Llanos

machen über zwei Dritttheile des Stücks von Venezuela oder der alten

Capitania general von Caracas aus, das nördlich vom Orinoco und Rio

Apure liegt. Bei bürgerlichen Unruhen dienen nun aber die Llanos durch

ihre Oede und den Ueberfluß an Nahrungsmitteln, die ihre zahllosen

Herden liefern, der Partei, welche die Fahne des Aufruhrs entfalten

will, zugleich als Schlupfwinkel und als Stützpunkt. Bewaffnete Banden

(Guerillas) können sich darin halten und die Bewohner des Küstenlandes,

des Mittelpunktes der Cultur und des Bodenreichthums, beunruhigen. Wäre

nicht der untere Orinoco durch den Patriotismus einer kräftigen,

kriegsgewohnten Bevölkerung hinlänglich vertheidigt, so wäre beim

gegenwärtigen Zustand der Llanos ein feindlicher Einfall auf den

Westküsten doppelt gefährlich. Die Vertheidigung der Ebenen und spanisch

Guyanas hängen aufs Engste zusammen, und schon oben, wo von der

militärischen Bedeutung der Mündungen des Orinoco die Rede war, habe ich

gezeigt, daß die Festungswerke und die Batterien, womit man die

Nordküste von Cumana bis Carthagena gespickt hat, keineswegs die

eigentlichen Bollwerke der vereinigten Provinzen von Venezuela sind. Zu

diesem politischen Interesse kommt ein anderes, noch wichtigeres und

dauernderes. Eine erleuchtete Regierung kann nur mit Bedauern sehen, daß

das Hirtenleben mit seinen Sitten, welche Faulheit und Landstreicherei

so sehr befördern, auf mehr als zwei Dritttheilen ihres Gebiets

herrscht. Der Theil der Küstenbevölkerung, der jährlich in die Llanos

abfließt, um sich in den hatos de ganado[^172] niederzulassen und die

Heerden zu hüten, macht einen Rückschritt in der Cultur. Wer möchte

bezweifeln, daß durch die Fortschritte des Ackerbaus, durch die Anlage

von Dörfern an allen Punkten, wo fließendes Wasser ist, sich die

sittlichen Zustände der Steppenbewohner wesentlich bessern müssen? Mit

dem Ackerbau müssen mildere Sitten, die Liebe zum festen Wohnsitz und

die häuslichen Tugenden ihren Einzug halten.

Nach dreitägigem Marsch kam uns allmählig die Bergkette von Cumana zu

Gesicht, die zwischen den Llanos, oder, wie man hier oft sagen hört,

»dem großen Meer von Grün«[^173] und der Küste des Meeres der Antillen

liegt. Ist der Bergantin über 800 Toisen hoch, so kann man ihn, auch nur

eine gewöhnliche Refraction von ¹⁄₁₄ des Bogens angenommen, auf 27

Seemeilen Entfernung sehen;[^174] aber die Luftbeschaffenheit entzog uns

lange den schönen Anblick dieser Bergwand. Sie erschien zuerst wie eine

Wolkenschicht, welche die Sterne in der Nähe des Pols beim Auf- und

Untergang bedeckte; allmählig schien diese Dunstmasse größer zu werden,

sich zu verdichten, sich bläulich zu färben, einen gezackten, festen

Umriß anzunehmen. Was der Seefahrer beobachtet, wenn er sich einem neuen

Lande nähert, das bemerkt der Reisende auch am Rande der Steppe. Der

Horizont fing an sich gegen Nord zu erweitern, und das Himmelsgewölbe

schien dort nicht mehr in gleicher Entfernung auf dem grasbewachsenen

Boden auszuruhen.

Einem Llanero oder Steppenbewohner ist nur wohl, wenn er, nach dem

naiven Volksausdruck, »überall um sich sehen kann.« Was uns als ein

bewachsenes, leicht gewelltes, kaum hie und da hügligtes Land erscheint,

ist für ihn ein schreckliches, von Bergen starrendes Land. Unser Urtheil

über die Unebenheit des Bodens und die Beschaffenheit seiner Oberfläche

ist ein durchaus relatives. Hat man mehrere Monate in den dichten

Wäldern am Orinoco zugebracht, hat man sich dort daran gewöhnt, daß man,

sobald man vom Strome abgeht, die Sterne nur in der Nähe des Zenith und

wie aus einem Brunnen heraus sehen kann, so hat eine Wanderung über die

Steppen etwas Angenehmes, Anziehendes. Die neuen Bilder, die man

aufnimmt, machen großen Eindruck; wie dem Llanero ist einem ganz wohl,

»daß man so gut um sich sehen kann.« Aber dieses Behagen (wir haben es

an uns selbst erfahren) ist nicht von langer Dauer. Allerdings hat der

Anblick eines unabsehbaren Horizonts etwas Ernstes, Großartiges. Dieses

Schauspiel erfüllt uns mit Bewunderung, ob wir nun auf dem Gipfel der

Anden und der Hochalpen uns befinden, oder mitten auf dem unermeßlichen

Ocean, oder auf den weiten Ebenen von Venezuela und Tucuman. Die

Unermeßlichkeit des Raumes (die Dichter aller Zungen haben solches

ausgesprochen) spiegelt sich in uns selbst wieder; sie verknüpft sich

mit Vorstellungen höherer Ordnung, sie weitet die Seele dessen aus, der

in der Stille einsamer Betrachtung seinen Genuß findet. Allerdings aber

hat der Anblick eines schrankenlosen Raumes an jedem Orte wieder einen

eigenen Charakter. Das Schauspiel, dessen man auf einem freistehenden

Berggipfel genießt, wechselt, je nachdem die Wolken, die auf der

Niederung lagern, sich in Schichten ausbreiten, sich zu Massen ballen,

oder den erstaunten Blick durch weite Ritzen auf die Wohnsitze des

Menschen, das bebaute Land, den ganzen grünen Boden des Luftoceans

niedertauchen lassen. Eine ungeheure Wasserfläche, belebt bis auf den

Grund von tausenderlei verschiedenen Wesen, nach Färbung und Anblick

wechselnd, beweglich an der Oberfläche, gleich dem Element, von dem sie

aufgerührt wird, hat auf langer Seereise großen Reiz für die

Einbildungskraft, aber die einen großen Theil des Jahrs hindurch

staubigte, aufgerissene Steppe stimmt trübe durch ihre ewige

Eintönigkeit. Ist man nach acht- oder zehntägigem Marsch gewöhnt an das

Spiel der Luftspiegelung und an das glänzende Grün der

Mauritiabüsche,[^175] die von Meile zu Meile zum Vorschein kommen, so

fühlt man das Bedürfniß mannigfaltigerer Eindrücke; man sehnt sich nach

dem Anblick der gewaltigen Bäume der Tropen, des wilden Sturzes der

Bergströme, der Gelände und Thalgründe, bebaut von der Hand des

Landmanns. Wenn unglücklicherweise das Phänomen der afrikanischen Wüsten

und der Llanos oder Savanen der neuen Welt (ein Phänomen, dessen Ursache

sich in dem Dunkel der frühesten Geschichte unseres Planeten verliert)

noch einen größeren Raum befaßte, so wäre die Natur um einen Theil der

herrlichen, dem heißen Erdstrich eigenthümlichen Producte ärmer.[^176]

Die nordischen Heiden, die Steppen an Wolga und Don sind kaum ärmer an

Pflanzen und Thierarten als unter dem herrlichsten Himmel der Welt, im

Erdstrich der Bananen und des Brodfruchtbaums, 28,000 Quadratmeilen

Savanen, die im Halbkreise von Nordost nach Südwest, von den Mündungen

des Orinoco bis zum Caqueta und Putumayo sich fortziehen. Der überall

sonst belebende Einfluß des tropischen Klima macht sich da nicht

fühlbar, wo ein mächtiger Verein von Grasarten fast jedes andere Gewächs

ausgeschlossen hat. Beim Anblick des Bodens, an Punkten, wo die

zerstreuten Palmen fehlen, hätten wir glauben können in der gemäßigten

Zone, ja noch viel weiter gegen Norden zu seyn; aber bei Einbruch der

Nacht mahnten uns die schönen Sternbilder am Südhimmel (der Centaur,

Canopus, und die zahllosen Nebelflecken, von denen das Schiff Argo

glänzt) daran, daß wir nur 8 Grade vom Aequator waren.

Eine Erscheinung, auf die bereits Deluc aufmerksam geworden und an der

sich in den letzten Jahren der Scharfsinn der Geologen geübt hat, machte

uns auf der Reise durch die Steppen viel zu schaffen. Ich meine nicht

die Urgebirgsblöcke, die man (wie am Jura) am Abhang der Kalkgebirge

findet, sondern die ungeheuern Granit- und Syenitblöcke, die, innerhalb

von der Natur scharf gezogener Grenzen, im nördlichen Holland und

Deutschland und in den baltischen Ländern zerstreut vorkommen. Es

scheint jetzt bewiesen, daß diese wie strahlenförmig vertheilten

Gesteine bei den alten Umwälzungen unseres Erdballs aus der

scandinavischen Halbinsel gegen Süd herabgekommen sind, und daß sie

nicht von den Granitketten des Harzes und in Sachsen stammen, denen sie

nahe kommen, ohne indessen ihren Fuß zu erreichen. Ich bin auf den

sandigten Ebenen der baltischen Länder geboren, und bis zu meinem

achtzehnten Jahre wußte ich, was eine Gebirgsart sey, nur von diesen

zerstreuten Blöcken her, und so mußte ich doppelt neugierig seyn, ob die

neue Welt eine ähnliche Erscheinung aufzuweisen habe. Und ich sah zu

meiner Ueberraschung auch nicht einen einzigen Block der Art in den

Llanos von Venezuela, obgleich diese unermeßlichen Ebenen gegen Süd

unmittelbar von einem ganz aus Granit gebauten Bergstock [Die Sierra

Parime] begrenzt werden, der in seinen gezackten, fast säulenförmigen

Gipfeln die Spuren der gewaltigsten Zerrüttung zeigt.[^177] Gegen Nord

sind die Llanos von der Granitkette der Silla bei Caracas und von

Portocabello durch eine Bergwand getrennt, die zwischen Villa de Cum und

Pavapara aus Schiefergebirg, zwischen dem Bergantin und Caripe aus

Kalkstein besteht. Das Nichtvorhandenseyn von Blöcken fiel mir ebenso an

den Ufern des Amazonenstromes auf. Schon La Condamine hatte versichert,

vom Pongo de Manseriche bis zum Engpasse der Pauxis sey auch nicht der

kleinste Stein zu finden. Das Becken des Rio Negro und des

Amazonenstromes ist aber auch nichts als ein Llano, eine Ebene wie die

in Venezuela und Buenos Ayres, und der Unterschied besteht allein in der

Art des Pflanzenwuchses. Die beiden Llanos am Nord- und am Südende von

Südamerika sind mit Gras bewachsen, es sind baumlose Grasfluren; das

dazwischenliegende Llano, das am Amazonenstrom, welches im Striche der

fast unaufhörlichen Aequatorialregen liegt, ist ein dichter Wald. Ich

erinnere mich nicht gehört zu haben, daß auf den Pampas von Buenos Ayres

oder auf den Savanen am Missouri[^178] und in Neumexico Granitblöcke

vorkommen. Die Erscheinung scheint in der neuen Welt überhaupt ganz zu

fehlen, und wahrscheinlich auch in der afrikanischen Sahara; denn die

Gesteinmassen, welche mitten in der Wüste zu Tage kommen und deren die

Reisenden häufig erwähnen, sind nicht mit bloßen zerstreuten

Bruchstücken zu verwechseln. Aus diesen Beobachtungen scheint

hervorzugehen, daß die scandinavischen Granitblöcke, welche die

sandigten Ebenen im Süden des baltischen Meeres, in Westphalen und

Holland bedecken, von einer besondern, von Norden her eingebrochenen

Wasserfluth, von einem rein örtlichen Vorgang herrühren. Das alte

Conglomerat (der rothe Sandstein), das nach meinen Beobachtungen zum

großen Theil die Llanos von Venezuela und das Becken des Amazonenstromes

bedeckt, schließt ohne Zweifel Trümmer der Urgebirgsbildungen ein, aus

denen die benachbarten Berge bestehen; aber die Umwälzungen, von denen

diese Gebirge so deutliche Spuren aufzuweisen haben, scheinen nicht von

den Umständen begleitet gewesen zu seyn, durch welche die Wegführung

dieser Blocke in weite Ferne begünstigt wurde. Diese geognostische

Erscheinung ist um so unerwarteter, da sonst nirgends in der Welt eine

Erdfläche vorkommt, die so eben wäre und sich so ohne alle Unterbrechung

bis zum steilen Abhang einer ganz aus Granit aufgebauten Cordillere

fortzöge. Bereits vor meinem Abgang von Europa war mir ausgefallen, daß

die Urgebirgsblöcke weder in der Lombardei vorkommen, noch auf der

großen bayerischen Ebene, die ein alter, 250 Toisen über dem

Meeresspiegel liegender Seeboden ist. Diese Ebene wird gegen Nord vom

Granit der Oberpfalz, gegen Süd vom Alpenkalk, dem

Uebergangsthonschiefer und Glimmerschiefer Tyrols begrenzt.

Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents. Band 4. · 第 24 / 29 段