Bei unserem Aufenthalt in den caraibischen Missionen überraschte es uns,

mit welcher Gewandtheit junge, achtzehn-, zwanzigjährige Indianer, wenn

sie zum Amte eines Alguatil oder Fiscal herangebildet sind, stundenlange

Anreden an die Gemeinde halten. Die Betonung, die ernste Haltung, die

Geberden, mit denen der Vortrag begleitet wird, Alles verräth ein

begabtes, einer hohen Culturentwicklung fähiges Volk. Ein Franciskaner,

der so viel caraibisch verstand, daß er zuweilen in dieser Sprache

predigen konnte, machte uns darauf aufmerksam, wie lang und gehäuft die

Sätze in den Reden der Indianer sind, und doch nie verworren und unklar

werden. Eigenthümliche Flexionen des Verbums bezeichnen zum voraus die

Beschaffenheit des regierten Worts, je nachdem es belebt ist oder

unbelebt, in der Einzahl oder in der Mehrzahl. Durch kleine angehängte

Formen (Suffixe) wird der Empfindung ein eigener Ausdruck gegeben, und

hier, wie in allen auf dem Wege ungehemmter Entwicklung entstandenen

Sprachen, entspringt die Klarheit aus dem ordnenden Instinct,[^158] der

auf den verschiedensten Stufen der Barbarei und der Cultur als das

eigentliche Wesen der menschlichen Geisteskraft erscheint. An Festtagen

versammelt sich nach der Messe die ganze Gemeinde vor der Kirche. Die

jungen Mädchen legen zu den Füßen des Missionärs Holzbündel, Mais,

Bananenbüschel und andere Lebensmittel nieder, deren er in seinem

Haushalt bedarf. Zugleich treten der Governador, der Fiscal und die

Gemeindebeamten, lauter Indianer, auf, ermahnen die Eingeborenen zum

Fleiß, theilen die Arbeiten, welche die Woche über vorzunehmen sind,

aus, geben den Trägen Verweise, und — es soll nicht verschwiegen werden

— prügeln die Unbotmäßigen unbarmherzig durch. Die Stockstreiche werden

so kaltblütig hingenommen als ausgetheilt. Diese Acte der vollziehenden

Justiz kommen dem Reisenden, der von Angostura an die Küste über die

Llanos geht, sehr gedehnt vor und allzu sehr gehäuft. Man sähe es

lieber, wenn der Priester nicht vom Altar weg körperliche Züchtigungen

verhängte, man wünschte, er möchte es nicht im priesterlichen Gewande

mit ansehen, wie Männer und Weiber abgestraft werden; aber dieser

Mißbrauch, oder, wenn man will, dieser Verstoß gegen den Anstand fließt

aus dem Grundsatz, auf dem das ganze seltsame Missionsregiment beruht.

Die willkürlichste bürgerliche Gewalt ist mit den Rechten, welche dem

Geistlichen der kleinen Gemeinde zustehen, völlig verschmolzen, und

obgleich die Caraiben so gut wie keine Canibalen sind, und so sehr man

wünschen mag, daß sie mit Milde und Vorsicht behandelt werden, so sieht

man doch ein, daß es zuweilen etwas kräftiger Mittel bedarf, um in einem

so jungen Gemeinwesen die Ruhe aufrecht zu erhalten.

Die Caraiben sind um so schwerer an feste Wohnsitze zu fesseln, da sie

seit Jahrhunderten auf den Flüssen Handel getrieben haben. Wir haben

dieses rührige Volk, ein Volk von Handelsleuten und von Kriegern, schon

oben kennen gelernt,[^159] wie es Sklavenhandel trieb und mit seinen

Waaren von den Küsten von holländisch Guyana bis in das Becken des

Amazonenstromes zog. Die wandernden Caraiben waren die Bukharen des

tropischen Amerika, und so hatte sie denn auch das tägliche Bedürfniß,

die Gegenstände ihres kleinen Handels zu berechnen und einander

Nachrichten mitzutheilen, dazu gebracht, die Handhabung der Quippos,

oder, wie man in den Missionen sagt, der cordoncillos con nudos, zu

verbessern und zu erweitern. Diese Quippos oder Schnüre kommen in

Canada, in Mexiko (wo Boturini welche bei den Tlascalteken bekam), in

Peru, auf den Niederungen von Guyana, in Centralasien, in China und in

Indien vor. Als Rosenkränze wurden sie in den Händen der abendländischen

Christen Werkzeuge der Andacht; als Suampan dienten sie zu den Griffen

der palpabeln oder Handarithmetik der Chinesen, Tartaren und

Russen.[^160] Die unabhängigen Caraiben, welche in dem noch so wenig

bekannten Lande zwischen den Quellen des Orinoco und den Flüssen

Essequebo, Carony und Parime (Rio Branco oder Rio de aguas blancas)

hausen, theilen sich in Stämme; ähnlich den Völkern am Missouri, in

Chili und im alten Germanien bilden sie eine Art politischer

Bundesgenossenschaft. Eine solche Verfassung sagt am besten der

Freiheitsliebe dieser kriegerischen Horden zu, die gesellschaftliche

Bande nur dann vortheilhaft finden, wenn es gemeinsame Vertheidigung

gilt. In ihrem Stolze sondern sich die Caraiben von allen andern Stämmen

ab, selbst von solchen, die der Sprache nach ihnen verwandt sind. Auf

dieser Absonderung bestehen sie auch in den Missionen. Diese sind selten

gediehen, wenn man den Versuch gemacht hat, Caraiben gemischten

Gemeinden einzuverleiben, das heißt solchen, wo jede Hütte von einer

Familie bewohnt ist, die wieder einem andern Volke angehört und eine

andere Mundart hat. Bei den unabhängigen Caraiben vererbt sich die

Häuptlingswürde vom Vater auf den Sohn, nicht durch die Schwesterkinder.

Letztere Erbfolge beruht auf einem grundsätzlichen Mißtrauen, dass eben

nicht für große Sittenreinheit spricht; dieselbe herrscht in Indien, bei

den Ashantees in Asrika, und bei mehreren wilden Horden in

Nordamerika.[^161] Bei den Caraiben müssen die jungen Häuptlinge, wie

die Jünglinge, die heirathen wollen, fasten und sich den seltsamsten

Büßungen unterziehen. Man purgirt sie mit der Frucht gewisser

Euphorbien, man läßt sie in Kasten schwitzen und gibt ihnen von den

Marirris oder Piaches bereitete Mittel ein, die in den Landstrichen

jenseits der Alleghanis Kriegstränke, Tränke zum Muthmachen

(war-phisicks) heißen. Die caraibischen Marirris sind die berühmtesten

von allen; sie sind Priester, Gaukler und Aerzte in Einer Person und

ihre Lehre, ihre Kunstgriffe und ihre Arzneien vererben sich. Letztere

werden unter Auflegen der Hände gereicht und mit verschiedenen

geheimnißvollen Geberden oder Handlungen, wie es scheint, von Uralters

her bekannte Manipulationen des thierischen Magnetismus. Ich hatte

Gelegenheit, mehrere Leute zu sprechen, welche die verbündeten Caraiben

genau hatten beobachten können, ich konnte aber nicht erfahren, ob die

Marirris eine Caste für sich bilden. In Nordamerika hat man gefunden,

daß bei den Shawanoes, die in mehrere Stämme zerfallen, die Priester,

die die Opfer vornehmen (wie bei den Hebräern), nur aus Einem Stamme,

dem der Mequachakes, seyn dürfen. Wie mir dünkt, muß Alles, was man noch

in Amerika über die Spuren einer alten Priestercaste ausfindig macht,

von bedeutendem Interesse seyn, wegen jener Priesterkönige in Peru, die

sich Söhne der Sonne nannten, und jener Sonnenkönige bei den Natchez,

bei denen man unwillkürlich an die Heliaden der ersten östlichen Colonie

von Rhodus denkt.[^162] Um Sitten und Gebräuche des caraibischen Volkes

vollkommen kennen zu lernen, müßte man die Missionen in den Llanos, die

am Carony und die Savanen südlich von den Gebirgen von Pacaraimo

zugleich besuchen. Je mehr man sie kennen lernt, versichern die

Franciskaner, desto mehr müssen die Vorurtheile schwinden, die man gegen

sie in Europa hat, wo sie für wilder, oder, um mich des naiven Ausdrucks

eines Herrn von Montmartin zu bedienen, für weit weniger liberal gelten,

als andere Völkerschaften in Guyana.[^163] Die Sprache der Caraiben auf

dem Festlande ist dieselbe von den Quellen des Rio Branco bis zu den

Steppen von Cumana. Ich war so glücklich, in Besitz einer Handschrift zu

gelangen, die einen Auszug des Paters Sebastian Garcia aus der

»Grammatica de la lengua Caribe del P. Fernando Ximenez« enthielt. Diese

werthvolle Handschrift wurde bei Vaters[^164] und meines Bruders,

Wilhelm von Humboldt, nach noch weit umfassenderem Plane angelegten

Untersuchungen über den Bau der amerikanischen Sprachen benützt.

Als wir von der Mission Cari aufbrechen wollten, geriethen wir in einen

Wortwechsel mit unsern indianischen Maulthiertreibern. Sie hatten, zu

unserer nicht geringen Verwunderung, ausfindig gemacht, daß wir Skelette

aus der Höhle von Ataruipe mit uns führten, und sie waren fest

überzeugt, daß das Lastthier, das »die Körper ihrer alten Verwandten«

trug, auf dem Wege zu Grunde gehen müsse. Alle unsere

Vorsichtsmaßregeln, um die Skelette zu verbergen, waren vergeblich;

nichts entgeht dem Scharfsinn und dem Geruch eines Caraiben, und es

brauchte das ganze Ansehen des Missionärs, um unser Gepäck in Gang zu

bringen. Ueber den Rio Cari mußten wir im Boote fahren, über den Rio de

agua clara waten, fast könnte ich sagen schwimmen. Wegen des Triebsands

am Boden ist letzterer Uebergang bei Hochwasser sehr beschwerlich. Man

wundert sich, daß in einem so ebenen Lande die Strömung so stark ist;

die Steppenflüsse drängen aber auch, um mich eines ganz richtigen

Ausdrucks des jüngeren Plinius zu bedienen, »nicht sowohl wegen des

Bodenfalls, als wegen ihrer Fülle und wie durch ihr eigenes Gewicht

vorwärts.«[^165] Wir hatten, ehe wir in die kleine Stadt Pao kamen, zwei

schlechte Nachtlager in Matagorda und los Niecietos. Ueberall dasselbe:

kleine Rohrhütten mit Leder gedeckt, berittene Leute mit Lanzen, die das

Vieh hüten, halb wilde Hornviehherden von auffallend gleicher Färbung,

die den Pferden und Maulthieren die Weide streitig machen. Keine Schafe,

keine Ziegen auf diesen unermeßlichen Steppen! Die Schafe pflanzen sich

in Amerika nur auf Plateaus, die über tausend Toisen hoch liegen, gut

fort; nur dort wird die Wolle lang und zuweilen sehr schön. Im glühend

heißen Klima der Niederungen, wo statt der Wölfe die Jaguars auftreten,

können sich diese kleinen wehrlosen und in ihren Bewegungen

schwerfälligen Wiederkäuer nicht in Masse halten.

Am 15. Juli langten wir in der Fundacion oder Villa del Pao an, die im

Jahr 1744 gegründet wurde und sehr vortheilhaft gelegen ist, um zwischen

Nueva Barcelona und Angostura als Stapelplatz zu dienen. Ihr

eigentlicher Name ist Conception del Pao; Alcedo, la Cruz Olmedilla und

viele andere Geographen gaben ihre Lage falsch an, weil sie den Ort

entweder mit San Juan Baptista del Pao in den Llanos von Caracas, oder

mit el Valle del Pao am Zarate verwechselten. Trotz des bedeckten

Himmels erhielt ich einige Höhen von α im Centauren, nach denen sich die

Breite des Orts bestimmen ließ. Dieselbe beträgt 8°37′57″. Aus

Sonnenhöhen ergab sich eine Länge von 67°8′12″, Angostura unter

66°15′21″ angenommen. Die astronomischen Bestimmungen in Calabozo[^166]

und in Conception del Pao sind nicht ohne Belang für die Geographie

dieser Landstriche, wo es inmitten der Grasfluren durchaus an festen

Punkten fehlt. In der Umgegend von Pao findet man einige Fruchtbäume,

eine seltene Erscheinung in den Steppen. Wir sahen sogar Cocosbäume, die

trotz der weiten Entfernung von der See ganz kräftig schienen. Ich lege

einiges Gewicht auf letztere Wahrnehmung, da man die Glaubwürdigkeit von

Reisenden, welche den Cocosbaum, eine Küstenpalme, in Tombuctu, mitten

in Afrika, angetroffen haben wollten, in Zweifel gezogen hat. Wir hatten

öfters Gelegenheit, Cocosbäume mitten im Baulande am Magdalenenstrom,

hundert Meilen von der Küste, zu sehen.

In fünf Tagen, die uns sehr lang vorkamen, gelangten wir von der Villa

del Pao in den Hafen von Nueva Barcelona. Je weiter wir kamen, desto

heiterer wurde der Himmel, desto staubigter der Boden, desto glühender

die Luft. Diese ungemein drückende Hitze rührt nicht von der

Lufttemperatur her, sondern vom feinen Sand, der in der Luft schwebt,

nach allen Seiten Wärme strahlt und dem Reisenden ins Gesicht schlägt,

wie an die Kugel des Thermometers. Indessen habe ich in Amerika den

hunderttheiligen Thermometer mitten im Sandwinde niemals über 45°8

steigen sehen. Capitän Lyon, den ich nach seiner Rückkehr von Mourzouk

zu sprechen das Vergnügen hatte, schien mir auch geneigt anzunehmen, daß

die Temperatur von 52 Grad, der man in Fezzan so oft ausgesetzt ist,

großentheils von den Quarzkörnern herrührt, die in der Luft suspendirt

sind. Zwischen Pao und dem im Jahr 1749 gegründeten, von 500 Caraiben

bewohnten Dorfe Santa Cruz de Cachipo[^167] kamen wir über den

westlichen Strich des kleinen Plateau, das unter dem Namen Mesa de Amana

bekannt ist. Dieses Plateau bildet die Wasserscheide zwischen dem

Orinoco, dem Guarapiche und dem Küstenland von Neu-Andalusien. Die

Erhöhung desselben ist so gering, daß es der Schiffbarmachung dieses

Strichs der Llanos wenig Hinderniß in den Weg legen wird. Indessen

konnte der Rio Mamo, der oberhalb des Einflusses des Carony in den

Orinoco fällt und den d’Anville (ich weiß nicht, nach wessen Angabe) auf

der ersten Ausgabe seiner großen Karte aus dem See von Valencia kommen

und die Sewässer des Guayre aufnehmen läßt, nie als natürlicher Canal

zwischen zwei Flußbecken dienen. Es besteht in der Steppe nirgends eine

Gabeltheilung der Art. Sehr viele Caraiben, welche jetzt in den

Missionen von Piritu leben, saßen früher nördlich und westlich vom

Plateau Amana zwischen Maturin, der Mündung des Rio Areo und dem

Guarapiche; die Einfälle Don Josephs Careño, eines der unternehmendsten

Statthalter der Provinz Cumana, gaben im Jahr 1720 Anlaß zu einer

allgemeinen Wanderung der unabhängigen Caraiben an den untern Orinoco.

Dieser ganze weit gedehnte Landstrich besteht, wie wir schon oben

bemerkt,[^168] aus secundären Gebirgsbildungen, die sich gegen Süden

unmittelbar an die Granitgebirge am Orinoco lehnen. Gegen Nordwest

trennt sie ein ziemlich schmaler Streif von Uebergangsgebirg von den aus

Urgebirg bestehenden Bergen auf dem Küstenland von Caracas. Dieses

gewaltige Auftreten von secundären Bildungen, die ohne Unterbrechung

einen Flächenraum von 7200 Quadratmeilen bedecken (wobei nur der gegen

Süd vom Rio Apure, gegen West von der Sierra Nevada de Merida und vom

Paramo de las Rosas begrenzte Theil der Llanos gerechnet ist), ist in

diesen Erdstrichen eine um so merkwürdigere Erscheinung, da in der

ganzen Sierra de la Parime, zwischen dem rechten Ufer des Orinoco und

dem Rio Negro, gerade wie in Scandinavien, die secundären Bildungen

auffallenderweise gänzlich fehlen. Der rothe Sandstein, der hie und da

Stricke fossilen Holzes (aus der Familie der Monocotyledonen) enthält,

kommt in den Steppen von Calabozo überall zu Tage. Weiter gegen Ost sind

Kalkstein und Gips demselben aufgelagert und machen ihn der geologischen

Forschung unzugänglich. Weiter gegen Norden, der Mission San Joses de

Curataquiche zu, fand Bonpland schöne gebänderte Stücke Jaspis oder

»egyptische Kiesel.« Wir sahen dieselben nicht in der Gebirgsart

eingeschlossen und wissen daher nicht, ob sie einem ganz neuen

Conglomerat angehören oder dem Kalkstein, den wir am Morro von Nueva

Barcelona angetroffen, und der kein Uebergangsgestein ist, obgleich er

Schichten von Kieselschiefer enthält.

Man kann die Steppen oder Grasfluren von Südamerika nicht durchziehen,

ohne in Gedanken bei der Aussicht zu verweilen, daß man sie eines Tags

zu dem benützen wird, zu dem sie sich besser eignen, als irgend ein

Landstrich des Erdballs, zur Messung der Grade eines Erdbogens in der

Richtung eines Meridians oder einer auf dem Meridian senkrechten Linie.

Diese Operation wäre für die genaue Kenntniß der Gestalt der Erde von

großer Wichtigkeit. Die Llanos von Venezuela liegen 13 Grade ostwärts

von den Punkten, wo einerseits die französischen Akademiker mittelst

Dreiecken, die sich auf die Gipfel der Cordilleren stützten,

andererseits Mason und Dixon, ohne trigonometrische Mittel (auf den

Ebenen von Pennsylvanien), ihre Messungen ausgeführt haben; sie liegen

fast unter demselben Parallel (und dieser Umstand ist von großem Belang)

wie die indische Hochebene zwischen Junne und Madura, wo Oberst Lambton

so ausgezeichnet operirte. So viele Bedenken auch noch hinsichtlich der

Genauigkeit der Instrumente, der Beobachtungsfehler und der Einflüsse

örtlicher Anziehungen bestehen mögen, beim jetzigen Zustand unserer

Kenntnisse ist nicht wohl in Abrede zu ziehen, daß die Erde

ungleichförmig abgeplattet ist. Ist einmal zwischen den freien

Regierungen von la Plata und Venezuela ein innigeres Verhältniß

hergestellt, so wird man sich ohne Zweifel diesen Vortheil und den

allgemeinen Frieden zu Nutze machen und nördlich und südlich vom

Aequator, in den Llanos und in den Pampas die Messungen vornehmen, die

wir hier in Vorschlag bringen. Die Llanos von Pao und Calabozo sind fast

unter demselben Meridian gelegen, wie die Pampas südlich von Cordova,

und der Breitenunterschied dieser Niederungen, die so vollkommen eben

sind, als hätte lange Wasser darauf gestanden, beträgt 45 Grad. Diese

geodätischen und astronomischen Operationen wären bei der Beschaffenheit

des Terrains auch gar nicht kostspielig. Schon La Condamine hat im Jahr

1734 dargethan, wie vortheilhafter und besonders weniger zeitraubend es

gewesen wäre, wenn man die Akademiker in die (vielleicht etwas zu stark

bewachsenen und sumpfigten) Ebenen im Süden von Cayenne, dem Einfluß des

Rio Xingu in den Amazonenstrom zu, geschickt hätte, statt sie auf den

Hochebenen von Quito mit Frost, Stürmen und vulkanischen Ausbrüchen

kämpfen zu lassen.

Die spanisch-amerikanischen Regierungen dürfen keineswegs meinen, daß

die in Rede stehenden, mit Pendelbeobachtungen verbundenen Messungen in

den Llanos nur ein rein wissenschaftliches Interesse hätten: dieselben

gäben zugleich die Hauptgrundlagen für Karten ab, ohne welche keine

regelmäßige Verwaltung in einem Lande bestehen kann. Bis jetzt mußte man

sich auf eine rein astronomische Aufnahme beschränken, und es ist dieß

das sicherste und rascheste Verfahren bei einer Oberfläche von sehr

großer Ausdehnung. Man suchte einige Punkte an den Küsten und im Innern

absolut zu bestimmen, das heißt nach Himmelserscheinungen oder Reihen

von Monddistanzen. Man stellte die Lage der bedeutendsten Orte nach den

drei Coordinaten der Breite, der Länge und der Höhe fest. Die

dazwischenliegenden Punkte wurden mit den Hauptpunkten auf

chronometrischem Wege verknüpft. Durch den sehr gleichförmigen Gang der

Chronometer in Canoes und durch die sonderbaren Krümmungen des Orinoco

wurde diese Anknüpfung erleichtert. Man brachte die Chronometer zum

Ausgangspunkte zurück, oder man beobachtete zweimal (im Hinweg und im

Herweg) an einem dazwischen liegenden Punkte, man knüpfte die Enden der

chronometrischen Linien[^169] an sehr weitaus einander liegende

Lokalitäten, deren Lage nach absoluten, d. h. rein astronomischen

Erscheinungen bestimmt ist, und so konnte man die Summe der etwa

begangenen Fehler schätzen. Auf diese Weise (und vor meiner Reise war im

Binnenlande die Länge keines Punktes bestimmt worden) habe ich Cumana,

Angostura, Esmeralda, San Carlos del Rio Negro, San Fernando de Apure,

Porto-Cabello und Caracas astronomisch verknüpft. Diese Beobachtungen

umfassen eine Bodenfläche von mehr als 10,000 Quadratmeilen. Das System

der Beobachtungspunkte auf dem Küstenland und die werthvollen Ergebnisse

der Aufnahme bei Fidalgos Seereise wurden mit dem System der

Beobachtungspunkte am Orinoco und Rio Negro durch zwei chronometrische

Linien in Verbindung gebracht, deren eine über die Llanos von Catabozo,

die andere über die Llanos von Pao läuft. Die Beobachtungen in der

Parime bilden einen Streifen, der eine ungeheure Landstrecke (73,000

Quadratmeilen), auf der bis jetzt nicht ein einziger Punkt astronomisch

bestimmt ist, in zwei Theile theilt. Durch diese verschiedenen Arbeiten,

die ich mit geringen Mitteln, aber nach einem allgemeinen Plane

unternommen, wurde, wie ich mir wohl schmeicheln darf, der erste

astronomische Grund zur Geographie dieser Länder gelegt; es ist aber

Zeit, dieselben vielfach wieder aufzunehmen, sie zu berichtigen,

besonders aber da, wo der Anbau des Landes es gestattet,

trigonometrische Messungen an ihre Stelle treten zu lassen. An beiden

Rändern der Llanos, die sich gleich einem Meerbusen vom Delta des

Orinoco bis zu den Schneegebirgen von Meridia ausdehnen, streichen im

Norden und im Süden zwei Granitketten parallel mit dem Aequator. Diese

früheren Küsten eines innern Seebeckens sind in den Steppen von weitem

sichtbar und können zur Aufstellung von Signalen dienen. Der Spitzberg

Guacharo, der Corollor und Turimiquiri, der Bergantin, die Morros San

Juan und San Sebastian, die Galera, welche die Llanos wie eine Felsmauer

begrenzt, der kleine Cerro de Flores, den ich in Calabozo, und zwar in

einem Moment gesehen habe, wo die Luftspiegelung beinahe Null war,

werden am Nordrande der Niederungen zum Dreiecknetz dienen. Diese

Berggipfel sind großentheils sowohl in den Llanos als im angebauten

Küstenlande sichtbar. Gegen Süden liegen die Granitketten am Orinoco

oder in der Parime etwas abwärts von den Rändern der Steppen und sind

für geodätische Operationen nicht ganz so günstig. Indessen werden die

Berge oberhalb Angostura und Muitaco, der Cerro del Tirano bei Caycara,

der Pan de Azucar und der Sacuima beim Einfluß des Apure in den Orinoco

gute Dienste leisten, namentlich wenn man die Winkel bei bedecktem

Himmel aufnimmt, damit nicht das Spiel der ungewöhnlichen Refractionen

über einem stark erhitzten Boden die Berggipfel, welche unter zu kleinen

Höhenwinkeln erscheinen, verzieht und verrückt. Pulversignale, deren

Widerschein am Himmel so weit hin sichtbar ist, werden sehr förderlich

seyn. Ich glaubte hier im Interesse der Sache angeben zu sollen, was

meine Ortskenntniß und das Studium der Geographie von Amerika mir an die

Hand gegeben. Ein ausgezeichneter Geometer, Lenz, der bei mannigfaltigen

Kenntnissen in allen Zweigen der Mathematik im Gebrauch astronomischer

Instrumente sehr geübt ist, beschäftigt sich gegenwärtig damit, die

Geographie dieser Länder weiter auszubilden und im Auftrag der Regierung

von Venezuela die Plane, die ich bereits im Jahr 1799 der Beachtung des

spanischen Ministeriums vergeblich empfohlen hatte, zum Theil

auszuführen.

Am 26. Juli brachten wir die Nacht im indianischen Dorfe Santa Cruz de

Cachipo zu. Diese Mission wurde im Jahr 1749 mit mehreren caraibischen

Familien gegründet, welche an den überschwemmten, ungesunden Ufern der

Lagunetas de Anache, gegenüber dem Einfluß des Rio Puruay in den

Orinoco, lebten. Wir wohnten beim Missionär[^170] und ersahen aus den

Kirchenbüchern, welch rasche Fortschritte der Wohlstand der Gemeinde

durch seinen Eifer und seine Einsicht gemacht hatte. Seit wir in die

Mitte der Steppen gelangt waren, hatte die Hitze so zugenommen, daß wir

gerne gar nicht mehr bei Tage gereist wären; wir waren aber unbewaffnet

und die Llanos waren damals von ganzen Räuberbanden unsicher gemacht,

die mit raffinirter Grausamkeit die Weißen, welche ihnen in die Hände

fielen, mordeten. Nichts kläglicher als die Rechtspflege in diesen

überseeischen Colonien! Ueberall fanden wir die Gefängnisse mit

Verbrechern gefüllt, deren Urtheil sieben, acht Jahre auf sich warten

läßt. Etwa ein Drittheil der Verhafteten entspringt, und die

menschenleeren, aber von Heerden wimmelnden Ebenen bieten ihnen Zuflucht

und Unterhalt. Sie treiben ihr Räubergewerbe zu Pferde in der Weise der

Beduinen. Die Ungesundheit der Gefängnisse überstiege alles Maaß, wenn

sie sich nicht von Zeit zu Zeit durch das Entspringen der Verhafteten

leerten. Es kommt auch nicht selten vor, daß Todesurtheile, wenn sie

endlich spät genug von der Audiencia zu Caracas gefällt sind, nicht

vollzogen werden können, weil es an einem Nachrichter fehlt. Nach einem

schon oben erwähnten barbarischen Brauch begnadigt man denjenigen der

Uebelthäter, der es auf sich nehmen will, die andern zu hängen. Unsere

Führer erzählten uns, kurz vor unserer Ankunft auf der Küste von Cumana

habe ein wegen seiner Rohheit berüchtigter Zambo sich entschlossen,

Henker zu werden und sich so der Strafe zu entziehen. Die Zurüstungen

zur Hinrichtung machten ihn aber in seinem Entschlusse wankend; er

entsetzte sich über sich selbst, er zog den Tod der Schande vor, die er

vollends auf sich häufte, wenn er sich das Leben rettete, und ließ sich

die Ketten, die man ihm abgenommen, wieder anlegen. Er saß nicht mehr

lange; die Niederträchtigkeit eines Mitschuldigen half ihm zum Vollzug

seiner Strafe. Ein solches Erwachen des Ehrgefühls in der Seele eines

Mörders ist eine psychologische Erscheinung, die zum Nachdenken

auffordert. Ein Mensch, der beim Berauben der Reisenden in der Steppe

schon so oft Blut vergessen hat, schaudert beim Gedanken, sich zum

Werkzeug der Gerechtigkeit hergeben, an andern eine Strafe vollziehen zu

sollen, die er, wie er vielleicht fühlt, selbst verdient hat.

Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents. Band 4. · 第 23 / 29 段